Nürnberger Prozesse – damals und heute


Herman Joseph Obermayer wurde am 19. September 1924 in Philadelphia/ Pa. als erstes Kind von Leon Jacob Obermayer (1886 – 1984)und Julia Lina Sinsheimer (1900 – 1996) geboren. Die Eltern seiner Mutter stammten beide aus Creglingen. Die Vorfahren seines Vaters hingegen stammten aus dem bayrisch-schwäbischen, vormals österreichisch-schwäbischen Kriegshaber.

In seinem 2005 erschienenen Buch „Soldiering for Freedom – a GI‘s Account of World War II“, fasste der Journalist und Verleger seine Erinnerungen als Soldat zusammen, basierend auf hunderten Briefen, die er während seiner Ausbildung und später u.a. als Sanitäter in Frankreich und Deutschland an die Familie in Philadelphia schrieb. Als Zeitzeuge erlebte Obermayer, dass die befreiten Franzosen keineswegs nur dankbar und freundlich auf die US-Soldaten regierten und wohnte als Besucher den Nürnberger Prozessen bei als die Zahl der 6 Millionen jüdischen Opfer in Anwesenheit einiger der deutschen Hauptkriegsverbrecher in der Verhandlung thematisiert wurde und schon tags darauf die Weltpresse beschäftigte. Obermayer schrieb sein Buch zu einer Zeit, als US-Truppen im Irak erneut für „Freiheit“ kämpften und manche Kommentare auf beiden Seiten des Atlantiks an Spannungen zwischen Amerikanern und Franzosen erinnerte.

Als „Obe“ im Januar 1945 Amerika verließ schrieb er seiner Familie noch humorig er fühle sich ein wenig wie Gulliver auf dem Weg nach Liliput, dass sich dann bald als „Camp Lucky Strike“ in der Normandie konkretisierte. Kurz nachdem er aus Frankfurt nach Nürnberg kam, berichtete er am 15. Dezember 1945 der Familie von seinen Eindrücken vom Nürnberger Prozess, offensichtlich bewusst von der historischen Tragweite des Erlebten:

Eines Tages, in Jahren, wenn ein Tischgenosse mich beim Essen mit einem Hör-mich-auf-zu-langweilen-Ausdruck ansieht, werde ich das Kaninchen aus meinem Hut holen und erzählen wie ich Goering, Hess und Jodl beobachtete sich zu winden und Gesichter zu ziehen während der Nürnberger Prozesse. Gestern Nachmittag verbrachte ich drei Stunden damit die Prozesse zu sehen und mitzuhören. „

Obermayer schildert die Umstände, etwa dass auf der Besucher-Galerie ein Kontingent der Sitze für Russen, eine andere für Franzosen, Amerikaner, Briten, reserviert und ohne vorgezeigte Platzkarte nicht zugänglich ist, dass man keinen Mantel tragen oder mitnehmen darf, da man befürchtet, jemand würde eine Granate schmuggeln, die er in den Saal, werfen könnte. Die Übersetzer, so wurde geklagt, waren etwas zu frei in der Wiedergabe juristischer Begriffe und vereinfachten wohl die Verständigung der mehrsprachigen Richter und Ankläger mit ihren oft wohl eher wortkargen und einsilbigen Angeklagten nicht immer.

Goering mag zwar ein Drogensüchtiger („dope find”)  sein, aber er macht definitiv nicht den Eindruck ein Narr zu sein. Den ganzen Nachmittag über hatte er einen dicken Stapel Papiere vor sich, mit dem er zu arbeiten schien. Ich hatte auf jeden Fall den Eindruck als würde er den anderen Angeklagten Anweisungen und Ratschläge geben. Einmal wurde ein „Streng geheimes“ Dokument verlesen, das Admiral Keitel und General Jodl unterschrieben hatten. Als ihre Namen erwähnt wurden, zeigte keiner von beiden eine Reaktion die darauf schließen ließ, dass sie es gehört hatten.“

Interessant, weil auch zweifellos mehr als 65 Jahre später immer noch diskutabel ist durchaus auch „Obe“ Obermayers Fazit seines Besuches bei den „Nuremberg Trials“:

Die Prozesse waren zweifellos dramatisch und interessant, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass sie gerecht sind. Wenn man sagt, es kümmert einen nicht, was mit den Männern auf der Anklagebank passiert – ob sie leben oder sterben – und wenn das einzige Wichtige ist, dass sie für die Nachwelt angeklagt werden, macht es mir Angst. Persönlichkeitsrechte scheinen in Nürnberg so unbedeutend zu sein wie in der Armee. Wenn Anwälte und Gelehrte und Denker bereit sind Menschenleben für internationale Moral und internationales Recht oder für die Nachwelt zu opfern, wird es sehr gefährlich.“

(Herman J. Obermayer – Soldiering for Freedom, p. 246 et seq.)

(The original docks from the famous Nuremberg Trials now are shown in the exhibiion of the new museum, while in the court room 600 rioting visitors of contemporary Neo-Nazi trials rip the benches from the floor. )

Es ist nicht einfach, darauf etwas zu entgegnen, da die meisten von uns heute inzwischen Bestandteile der Nachwelt sind, für die ggf. diese Prozesse veranstaltet wurden, wenn man die Kritik des zeitgenössischen Besuchers annimmt. Neben zahlreichen, meist neu zusammengestellten filmischen Dokumentationen, die entweder „den“ Prozess, einzelne berühmt – berüchtigte Angeklagte, aber auch Richter und Ankläger thematisieren sind auch filmische Adaptionen prägend wie etwa Stanley Kramer‘s  „Judgment at Nuremberg“ (deutsch: „Urteil von Nürnberg“ mit „Stars“ wie Spencer Tracey, Burt Lancaster, Richard Widmark, Marlene Dietrich, Judy Garland, Montgomery Clift, dem jungen William Shatner und was weiß ich mit wem noch alles) in Erinnerung geblieben. Trotzdem wird sich kaum jemand daran erinnern, dass der Film nicht „den“ Nürnberger Prozess thematisiert. Stattdessen versucht freilich auch der Film von 1961 – der einen der vielen weiteren Nachfolgeprozesse, nämlich gegen Nazi-Juristen im Jahre 1948 zum Gegenstand hat – durchaus im Empfinden von Herman Obermayers Unbehagen mehr ein Urteil über die Prozesse als über die Angeklagten zu vermitteln und „moralische“ Fragen zu beantworten.

Der Ort des Geschehens, Raum 600 im Schwurgericht des Nürnberger Justizpalasts an der Fürther und Bärenschanzstr. wurde in der Nachkriegszeit ganz gewöhnlich als Gerichtssaal weiterverwendet. Erst vor einem Vierteljahr, am 21. November 2010 wurde im Ostbau des Justizgebäudes das „Memorium Nürnberger Prozesse“ eröffnet, während der Saal selbst auch heute noch „ein Ort der Rechtsprechung“ bleibt und deshalb, wie wir bei unserem Besuch am Nachmittag des 17. Februar feststellen mussten, ggf.  unzugänglich bleibt, wenn gerade ein Prozess stattfindet, was auswärtige Besucher nicht wissen können und auch nicht auf der Webseite vermerkt wird http://www.memorium-nuernberg.de/ vermerkt wird. 

Während wir die Ausstellung sehen konnten, war der Prozess-Saal abgesperrt, mehr noch, wie das Gebäude selbst von einem erstaunlich großen Polizeiaufgebot umstellt, so als hätte man doch noch einen der damals entkommenen „Hauptkriegsverbrecher“ erwischt und vor Gericht gestellt. Wie sich erst später herausstellte, gab es aber einen ganz anderen, für die Geschichte des Hauses sicherlich auch denkwürdigen Prozess. Angeklagt war ein 24jähriger Rechtsradikaler, der beschuldigt wurde im letzten Jahr einem damals 17jährigen in der Nürnberger U-Bahn lebensgefährlich verletzt zu haben. Wie das „Frankenfernsehen“ vermeldete:

Am Donnerstag waren rechte und linke Zuhörer aufeinander losgegangen … Zum Auftakt des U-Bahn-Schläger-Prozesses war es zu Tumulten gekommen. Zwei Zuhörerbänke waren aus ihrer Verankerung gerissen, eine Tür beschädigt worden. Die dem linken Spektrum zugerechneten Zuhörer hatten dagegen protestiert, dass der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer Plätze für zu spät aus der Mittagspause kommende Vertreter der rechten Szene freihalten wollte.“

 

Zu den Tumulten muss es gleich nach unserem Besuch des Museum gekommen sein. Da wir den nur 350 m entfernten jüdischen Friedhof in der Bärenschanzstr. noch besuchen wollten und danach noch weitere Termine hatten, mussten wir uns mit der bloßen Ausstellung zufrieden geben und hinnehmen, dass von dort aus auch kein Blick in den Sitzungssaal möglich war.

Es ist natürlich generell fragwürdig, warum jetzt zumindest, wo man eine Gedenkstätte eingerichtet hat und diese national und international bewirbt – wie hätten wir auch sonst davon erfahren … – den Room 600 weiterhin für Prozesse verwendet. Für Besucher von außerhalb ist das, wie gesagt,  nicht planbar. Zum anderen muss man in diesem speziellen Fall frage, ob es angemessen ist, einen solchen Fall – schwere Köperverletzung mit einem mutmaßlich rechtsextremen Hintergrund – ausgerechnet in diesem Saal zu verhandeln, der den Angeklagten wie auch das Verfahren ggf. über alle Maßen überhöht. Dass bei Prozessen dieser Art einschlägige Anhänger linker und rechter Gruppen aufeinander treffen können, muss den Nürnberger Richtern nicht klar gewesen sein, sondern überraschender Weise erst im Nachhinein. Der Prozess soll deshalb nach offenbar völlig überraschenden Ausschreitungen in einem kleineren Saal verlagert werden: «Damit lässt sich die Lage besser unter Kontrolle bringen», fügte der Sprecher hinzu. «Es geht darum, dass man bei Tumulten Störer gesondert rausbringen kann». Dies sei wegen der dicht stehenden Bänke im Saal 600 schwierig.

http://www.frankenfernsehen.tv/default.aspx?ID=458&showNews=931499

Einem Bericht des „Frankenreports“ (Abendzeitung) vom Vortag 16. Februar, initiieren lokale Landtagsabgeordnete just jenen „Raum 600“ als Weltkulturerbe der UNESCO schützen zu lassen. Die Bewerbungsfrist für dieses Jahr endet am 1. März. Wenn man die Bedeutung der Nürnberger Prozesse für die internationale Rechtsprechung der Folgejahrzehnte berücksichtigt, ist ein solches Ansinnen keineswegs unbegründet. Anderseits sollte man in Nürnberg freilich, den Saal entsprechend in einer Weise präsentieren können, die sicher und für auswärtige oder gar ausländische Besucher berechenbar, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kasperl- und Krokodil-Fangruppen ausschließen – was derzeit offensichtlich nicht der Fall ist. Auch wer sich denkt, dass ein übergroßes Polizeiaufgebot im Schätzverhältnis von 20 Uniformierten auf einen Museumsbesucher auf letztere beruhigend wirken könnte, mag falsch liegen und vielleicht vergessen haben, weshalb die berühmten Angeklagten hier vor Gericht standen.   

http://www.memorium-nuremberg.de/exhibition/visitor-information.html 

Nuremberg Trials now and then

Herman J. Obermayer as Jewish – American GI with grandparents from Kriegshaber Augsburg actually witnessed the Nuremberg Trial session in December 1945 when the number of six million Jewish victims the first time was publicly confirmed as it his account in the book “Soldiering for Freedom” (2005). Since end of last November, 65 years after the beginning of the Trials there now is a museum, while courtroom 600 still is used for contempuary trials. When we visited the “Memorium” last Thursday there actually was a trial against a 24 year old Neo-Nazi who seriously hurt a then 17 year youngster in the Nuremberg subway. Supporting youth groups of German leftists and right wingers caused riot in the courtroom which normally is to be part of the exhibition but blocked for paying visitors when there is a trial and teared out benches …

Local politicians however try to promote “Room 600” as World Ciltural Heritage Site, what of course will be rather worthless as long visitors from outward or abroad who can not know whether there are court hearings or riots and frays which involve the great grandchildren of the Nazi once put on trial at this very spot. 

Nürnberg Prozess Museum - Model und versteckte Wirklichkeit

(Historical 1945 pictures by Herman J. Obermayer, all others by Margit Hummel (guard) and Yehuda Shenef, 2011)

http://books.google.de/books?id=_UfHJ1LfRRIC&printsec=frontcover&dq=obermayer+soldiering&source=bl&ots=v3ib7wiSNA&sig=aZ7CGtNv8Q43p5QnwtHFvNOzsCE&hl=de&ei=JqViTcSUI4LDswaQrLW1CA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=2&ved=0CCAQ6AEwAQ#v=onepage&q&f=false

4 Responses to Nürnberger Prozesse – damals und heute

  1. Andrea says:

    Ist das eine Buchbesprechung? Ansonsten eine gute Beschreibung der Umstände und dort geschehenen “Ereignisse” 🙂

    • yehuda says:

      Es ist ein Teilbericht von unserem Tagesausflug nach Nämberch, will aber auch die Augenzeugenberichte von Herman Obermayer vom Dezember 1945 aus seinem (noch immer nicht auf Deutsch übersetzten) Buch reflektieren, was ja auch “irgendwie” ganz spannend ist, wenn man sich vorstellt, dass er mit diesen Leuten im selben Raum saß … “Obe” war später ja noch bei anderen Prozessen als Besucher, die auch geschichtsträchtig waren: etwa bei der “Impeachment”-Verhandlung gegen Bill Clinton oder beim Entschied des Obersten Gerichts der USA über den Ausgang der umstrittenen Wahl in Florida im Jahr 2000, bei welcher sodann George W. Bush gegenüber Albert Gore zum Sieger erklärt wurde.

      Natürlich war das hier aber auch eine gute Gelegenheit mal wieder eine literarische Passage zu zitieren, in welchem ein Kaninchen vorkommt …

  2. Jason W. Parker says:

    I visited the exhibition last December. It was very impressive. You such a good photographer. I think Mr. Obermayer from the quoted book had way to much pity on the Nazis. If he really was present during the public announcement of the “six million” so his report does not mention anything about it.

    • yehuda says:

      Well, especially in shorter reports it sometimes is easier to focus on what you see (here: the defendents) than on what you hear (“the number”). Not to forget: probably none of the visitors were tourists. I also don’t think that Herman Obermayer pitied the Nazi in the docks of the court.

      As a grandson of Jewish immigrants from Germany he had been fully aware what possibly could happen to him and his family in another context. His uncle Rudolf Sinsheimer (1873-1955) for instance who visited the Obermayers in 1937 in Philadelphia and appeared at Herman Josephs Bar Mitzvah. But uncle Rudolf returned to Germany, because as a German veteran of the first World War and recepient of a First Class Iron Cross military decoration given for personal bravery, he somewhat felt safe and secure, although in Creglingen accured on of the first violent attacks against Jews in Germany shortly after the Nazi were at the helm (see our Creglingen reports from last August). Only in 1939 Rudolf Sinsheimer finally came back to the US and safed his hide. As some others he had a lot to tell about Nazi Germany … so there sure was no reason to pity the accused war criminals.

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