Von Monster – Geburten in Augsburg


Im Jahr 1531 eröfnete Kaiser Karl V am 20. Juni den Augsburger Reichstag und das Augsburger Bekenntnis vom 25. Juni gilt als Gründungsdatum der Luther-Kirche. Im selben Jahr noch starb in Augsburg der hier geborene Maler Hans Burgkmair („der Ältere“), der unter anderem auch Kaiser Friedrich III porträtieren durfte und Holzschnitte fertigte. Zu etwa der selben Zeit war in der Stadt auch der aus Prag stammende jüdische Drucker Chaim Schwarz (oder hebräisch: שחור) für einige Jahre mit seiner Familie in der Stadt, wo er eine Reihe hebräischer Bücher druckte und etwa für seinen Nachdruck der Pessach Haggada auch eigene Holzschnitte fertigte. Chaim lebte mit seiner Familie, Schwiegersohn und Helfern relativ nahe beim früheren jüdischen Viertel der Judengasse.

Im selben Jahr 1531 nun aber vermeldet ein Augsburger Zeitungsblatt die Geburt von Drillingen, womit nicht die Waffe gemeint war).

Anzeygung wunderbarlicher geschichten und geburt dises XXXI. Jars zu Augsburg geschehen“, titelt ein frühes, 1531 in Augsburg erschienenes Nachrichtenblatt und zeigt dazu – da es ja immerhin in der Zeitung stand – die Abbildung dreier neugeborener Augsburger Säuglinge. Da Maler und Illustratoren des frühen humanistischen Zeitalters von Kennern bis heute für ihre Kunstfertigkeit gerühmt werden, muss man die Darstellungen nicht per se für unrealistisch halten:

Neulich hat in Augsburg eine schwangere Frau Drillinge entbunden, genauer gesagt drei wunderbarliche, unnatürliche, ungewöhnliche und vormals unerhört und nie gesehene, vergleichsweise unförmig gestaltete Früchte aus ihrem Leib zur Welt gebracht hat.

Die erste Geburt war ein einzelner Menschenkopf ohne Leib, Hände, Füße, wie auf der Abbildung rechts zu sehen, jedoch von einer Art Haut umgeben. Die andere, zweite unnatürlich ungestaltet Geburt hatte eine (vielleicht auch für Augsburger Verhältnisse) außergewöhnlich wunderbare Figur: Kopf und Mund ähnelten dem eines Fisches, besonders einem Hecht, den man in Augsburg ja kannte. Die Gliedmaßen wie der Leib des Neugeborenen nun aber hatte die Form eines Frosches, während der Schwanz dem einer Eidechse glich. Der dritte Drilling, der aus dem Leib der Augsburgerin kam glich einem jungen Schwein, doch wie seine beiden Geschwister starb es gleich nach der Geburt.

Der Artikel endet mit den Worten: Was aber diese Monster und widernatürliche Früchte und Wunder bedeuten und anzeigen, das weiß allein Gott im Himmel, der alle Dinge durch seine göttliche Barmherzigkeit zum Besten wendet.

Es wäre natürlich höchst interessant zu wissen, was damalige Augsburger Ärzte zu der ungewöhnlichen Geburt sagten, ob sie in ihrer Praxis öfter mit solchen, vielleicht geringfügig weniger spektakulären Fällen zu tun hatten, oder ob die Häufung solcher Schwangerschaften zum Approbationsentzug oder zur Anlage einer musealen Sammlung führte. Die statistische Wahrscheinlichkeit einer Drillingsgeburt ist nach heutigen Stand der Dinge bei etwa 1 von 7000 Geburten und gilt meist als Folge einer Hormonbehandlung.

Man könnte nun darüber spekulieren, was die zeitgenössischen Augsburger stattdessen zu sich nahmen oder an den für das christliche Mittelalter angeblich typischen „Hexenwahn“ der (katholischen) Kirche denken. Der Artikel beschreibt das Geschehen freilich aber eher als eine Kuriosität denn als eine Teufelei. Unter dem verbreiteten Einfluss (oft protestantischer) Humanisten war die Darstellung fabulöser Mischwesen auch keineswegs ungewöhnlich in der Stadt.

Im später recht einflussreichen „Emblematum Liber“ des Mailänder Rechtsgelehrten Andrea Alciato (1492-1550), einem Freund von Conrad Peutinger (1465-1547),  im Februar 1531 von Heinrich Steyner erstmals in Augsburg gedruckt, wimmelt es gewissen maßen von  Darstellungen vor allem griechischer und römischer „Monster“, wie etwa die Darstellung einer aufrechtstehenden „Sphinx“:

Andrea Alciato - Emblematum Liber

Im erklärenden lateinischen Text dazu heißt es: „Quod monstrum id? sphinx est, cur candida virginis ora, Et volucrum pennas, crura leonis habet? Hanc faciem assumpsit rerum ignorantia, tanti scilicet est triplex causa et origo mali.“ (Was für ein Monster ist das? Die Sphinx. Warum hat es das strahlende Gesicht einer Jungfrau, Vogelflügel und Löwenbeine? Unwissenheit hat diese Form geschaffen, denn Ursache und Ursprung für dieses Übel sind dreifach.)

Der sich verstärkende Einfluss der “aufklärerisch” wirkenden Humanisten verstärkt diese synkretischen Kombi-Nationen in späterer Zeit noch, etwa in der Abbildung eines Herklus (de Vries um 1600) der seine Keule oder Fackel gegen eine mehrköpfige Hydra schwingt. 

In 1531 a Augsburg newspaper print reports a very unusual birth. A native woman of Augsburg  gave birth to quite different triplets. The firstborn actually only was head, wrapped in a bubble of skin without any trunk or limbs. The second freak hat the head and the mouth of a fish (precisely that of a pike, a fish until today is common in Augsburg rivers Lech and Wertach), the body of a frog and the tail of a lizard. The third birth reportedly was a young pig, as de-pig-ted in the article. All three “children” died shortly after birth, the report said.

One might assume that stories like that are somewhat typical for a kind of dark middle age with demons and devils, inquisition, torture, plagues and stakes. However the report does not mention any of it or rumors of bewitchment but regards the abnormal trinity birth as a kind of oddnes. Actually in this time in Augsburg quite similar depictions became increasingly popular by Humanist scholars and artists who protrayed Greek, Roman, Egyptian or other deities as wood cut, paintings or sculptures, or sometimes as the sphinx combined of different living creatures or seven-headed like the hydra and many other more. So the question is whether the idea Christian middle age was full of demons reconsidered rather is a Christian / Humanist conflict or lets say a controvery within Christianity. While the Humanists errected fountains, the pius Christians discovered host bread which bled.

3 Responses to Von Monster – Geburten in Augsburg

  1. joshua says:

    Well, actually this is not so surprising, since modern science and especially medicine, not only replaced Middle Ages demons but has far exceeded them in many ways, at least if you won’t ignore the dark sides of it as Mengele, Thalidomide, Seveso and Co. who still produce more “monsters” as medieval phantasy ever could.

  2. yehuda says:

    Nun, Du meinst den Umgang mit Behinderten und Behinderungen, wie sie Zaubermeister wie Mückter ggf. hervorbringen konnten, oder allgemein das Verbergen des Anstößigen bis hin zum Ganzkörper-Schleier als Ultima Ratio einer Hochkultur? Bei allen Missständen und beklagenswerten Zuständen im Umgang mit Handicaps denke ich schon, dass in der Gegenwart die Standards dessen was wir für verantwortungsvoll halten (definiert von ..?) höher sind als in früheren Epochen, in welchen Behinderte entweder gleich nach der Geburt beseitigt oder aber der (heute so beliebten) „Natur“ überlassen wurden – was, wenn nicht gerade eine Wölfin vorkam – aufs selbe hinauslief. Freilich hat sich aber auch die schiere Masse der Menschen von damals ca. eine auf heute ca. sieben Milliarden erhöht, wodurch so ziemlich alles Denkbare in totalen Zahlen häufiger vorkommt.

    Missbildungen, etwa in Form fehlender, überschüssiger oder in der Ausgestaltung abweichender oder zusammengewachsener Körperteile oder Zwillinge sind vielfach belegt, aber das ist nicht das, worüber der Artikel von 1531 berichtet. Es sind drei ganz andersgeartete Drillinge, die, abgesehen von der „Kopfgeburt“ offensichtlich gar keine menschlichen Wesen sind, aber von einer Augsburgerin geboren worden sein sollen. Der Fall kann auch nicht mit Chromosomenanomalien (etwa durch Mutagene, – welche sodann?) erklärt werden. Der nüchtern anmutende Bericht mit seiner detaillierten Beschreibung steht vielleicht aber auch für einen der gedanklichen Fallstricke des humanistischen Weltbildes:
    die Objektivität des Berichts als Definition der Wirklichkeit.
    Heute kennen wir das in der Form: stand doch in der Zeitung, kam im Fernsehen, hab ich im Internet gesehen – … und ist allein dadurch schon eine Art Fakt, wenngleich womöglich auch nur ein Artefakt.
    Und da nun stellt sich auch die Frage der genannten „Trinität“, die von den Machern womöglich vorausgesetzt wird – beim Publikum (der Begriff kommt bekanntlich von popolus).

  3. Margit says:

    Die wissenschaftliche Nüchternheit des Berichts erstaunt schon, stellt man in Rechnung, dass zu dieser Zeit schon viel Hexenwahn im Aufflammen war. Ansonsten gibt es auch heutzutage eine ganze Reihe von Missbildungen, die eine solche Assoziationskette stützen, z.B.:

    Solange Menschen mit Missbildungen ein verstecktes Leben führen müssen, neigt die vermeintlich normale Welt dazu, die monströsen Aspekte überzubetonen. Aber das ist nur eine Auswirkung der allgemein menschlichen Trias:” Dummheit (Unwissenheit ist die Mutter aller Ängste), Faulheit (sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen) und Stolz (der sich einbildet, dass die eigene Unversehrtheit auch noch eigenes Verdienst wäre) wachsen auf einem Holz”, wie der Volksmund sagt.

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