Eindrücke aus Irsee (Ostallgäu)


Der 750 m hoch gelegene Markt Irsee ist ein kleiner Ort im Ostallgäu unweit von Kaufbeuren und mit rund 1400 Einwohnern Bestandteil der Verwaltungsgemeinschaft Pforzen. Auf dem im späten 12. Jahrhundert von Markgraf Heinrich Ursin – Ronsberg bebauten Irseer Burgberg befindet sich die mehrfach umgebaute Klosteranlage, die bis 1803 den Habsburgern unterstand. Etwa ein halbes Jahrhundert später wurde im säkularisierten Kloster eine Irrenanstalt untergebracht, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen des sog. „Euthanasie“-Programms weitergeführt wurde. Zwar wurde die Mehrzahl der auf 2000 Menschen geschätzte Zahl der Ermordeten nicht im Haus getötet, wohl aber vom Fachpersonal und der Anstaltsleitung entsprechend „begutachtet“ und „aussortiert“.

Eine gewisse Anzahl von Personen ist freilich auch im Haus ermordet worden, etwa durch eine konsequente, konzeptionelle Unterernährung, die sog. „E-Kost“, aber auch durch gezielte, tödliche Giftspritzen. Ein inzwischen weiter bekannt gewordener Fall ist der des am 1. November 1929 in Augsburg geborenen Jungen Ernst Lossa der als Halbwaise am 9. August 1944, im Alter von 14 Jahren von den Anstaltsärzten kaltblütig ermordet wurde. Im Augsburger Stadteil Pfersee erinnert heute im Bereich der ehemaligen Sheridan-Kaserne die nach ihm benannte Ernst-Lossa-Str.

Weitere Infos zu Ernst Lossa: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Lossa

Eine rekonstruierte Biographie: http://www.robertdomes.com/nebel-im-august/making-of/

Auf der Rückseite des weißgetünchten, sichtlich aufwendig renovierten Klosters, heute ein Konferenzhotel, das auch der „Schwabenakademie“ als „Tagungs- und Bildungszentrum Kloster Irsee“ dient, erinnert eine Skulptur an diese mit dem „Euthanasie“ (griechisch für „guter Tod“) verharmloste Verbrechen. Eine ratlos wirkende, fast achselzuckende Figur auf einer Kugel, direkt neben den nicht markierten Gräbern einiger Ermordeter scheint zu fragen: „was soll man dazu noch sagen“.

Widmungstext: “Den stummen Opfern politischer Gewaltherrschaft zum Gedenken” (“in commemoration of the silent victims of political tyranny”)

Die recht große Klosterkirche beinhaltet eine unvermutet kunstvoll gestaltete und geschmückte Kanzel aus dem Jahr 1725 in Form eines Schiffes, welche zumindest thematisch an die Bima der אכרידה‎ Synagoge im jüdischen Viertel Balat in Istanbul erinnert, insofern man diese kennt, natürlich. Die Kirche passt sich dem weißgetünchten Barockeindruck des Tagungshotels an.

Etwas gruselig und bizarr wirken jedoch die Seitenaltäre für die beiden sog. „Katakomben-Heiligen“ Candidus und Faustus, deren Skelette Ende des 17. Jahrhunderts aus Rom beschafft wurden, um sie in der Kirche auszustellen.  Dazu wurden von dem als „vornehm“ beschriebenen Grabplatz S. Cyriacae eigens Leichname längst verstorbener Römer ausgegraben und ins Ostallgäu gebracht, wo es seit Jahrzehnten bereits keine Reliquien mehr gab. Wer die Ausgegrabenen nun eigentlich waren, ist völlig unbekant. Auf dem Grabstein des Faustus etwa war keine Jahreszahl genannt, jedoch soll neben der Abbildung eines Palmenzweigs gestanden haben „S. Fausti Mart“, nunmehr gedeutet als heiliger Märtyrer Faustus … Wie auch immer schreibt der Leichenbeschaffer, dass es „große Mühen erfordert“ einen solchen „Particular-Coerper“ zu bekommen, da man solche „Heiligen“ – man stelle sich vor – nur „ungern wegführen lasse“.

the two Roman corpses from Italy exhibited in a showcase each as martyrer and saint: Faustus and Canditus

Die Leichen der in Rom ausgebuddelten Unbekannten sind in der Kirche nun stehend und mit Glas, Silber und Gold bestickten Gewändern in Schaufenstern auf- und ausgestellte Figuren. Die so recht bizarr wirkenden Skelete sind mit Drähten verstärkt, um stabil in den Vitrinen zu stehen, die ihrerseits wiederum an den Wänden von Altären angebracht sind.  Der in Irsee verstorbene deutsche Komponist Meinrad Spieß (1683 – 1761), der bereits im Alter von 11 Jahren in die Abtei Irsee kam widmete den ausgestellten Leichen sogar eigene musikalische Werke.

Die im ehemaligen benediktinischen Reichsstift umgebrachten Kinder wie etwa Ernst Lossa bilden einen eigentümlichen Kontrast zu den in weiter Ferne ausgebuddelten römischen Toten, deren mit Schwertern gerüsteten Leichen in Schaukästen ausgestellt in der weißgetünchten Kirche als Heilige verehrt und angebetet werden.

 Vor diesem augenfälligen geschichtlichen Hintergrund war die Aufgabe, die Schilderung eines lebendigen Judentums und auch seines Umgangs mit Vergangenheit und mit Verstorbenen zu vermitteln, freilich nicht leichter, zumal im Rahmen einer Konferenz über die eher museale Beschäftigung mit dem Judentum („Kultur und Geschichte“) im bayerischen Schwaben, deren Fokus nach wie vor noch eher auf dem „Holocaust“ liegt.

Irsee in the Bavarian Swabian Allgäu region in the southwestern part of Bavaria is a small village of some 1400 inhabitants, some 50 km north of world famous Neuschwanstein castle (Fuessen / Schwangau). Irsee, part of Pforzen near Kaufbeuren, is dominated by the former monastery and its twin tower church. In 1850 the cloister was converted to an asylum for mental ill people, but in the time of the Nazi-rule some 2000 patients, among them also children were murdered here and in referred camps. In Augsburg – Pfersee a street has been named after Ernst Lossa (1929-1944) who was murdered in the house by lethal injection since the Doctors were convinced that the 14 year ol boy lead a “worthless life” (“unwertes Leben”). Today the former cloister hosts an elaborately restored conference hotel and training center ,is home to the Schwabenakademie and has a variety of conferences and festivals throughout the year. The abbey church has a worth seeing ship shaped pulpit, while both side aisles of the baroque church have display windows with real corpses excavated some 330 years ago at an old Roman cemetery. The skeletons of the two unknown Romans were regarded as martyrs and therefore decorated with clothes covered with silver and gold. In the rear of the cloister and church there is a park with a memorial for the murdered victims of the so called “mercy killing” (the Greek term “euthanasia” = lit. “good death”)  with a shrugging rather helpless appearing figure balancing on a ball.

At the “Festsaal” of the cloister there now was the 22nd “Conference on History and Culture of Jews in Bavarian Swabia”, we were invited to.  

(Pictures (c) by Yehuda Shenef)

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