Die Innenausstattung der Augsburger Synagoge


Anlässlich des 25. Jahrestages der Wiedereinweihung der „Großen Synagoge“ am 1. September 1985 wollen wir uns in der nächsten Zeit in mehreren Beiträgen ein wenig mit der Geschichte und der Ausgestaltung des Gebäudes beschäftigen.

arba kanfos

 Teil 1

Die 1917 fertig gestellte Synagoge an der Halderstraße orientiert sich mit ihrer charakteristischen  Pendentif-Kuppel offensichtlich an der ehemaligen Kirche und späteren Moschee Hagia Sophia in Istanbul – heute (ebenfalls) ein Museum, welche erstmals diesen Baustil verwendete. Durch die Kuppel ist die Synagoge im Wortsinn nun der eigentliche Augsburger “Dom” (die Dom genannte Marienkirche in Augsburg besitzt keine Kuppel) geworden, was den Erbauern natürlich auch bewusst war, wenigstens gab es im „orthodox“ gebliebenen Kriegshaber entsprechend spöttische Bemerkungen über den „neuen Augsburger Dom der Reformer“. Die unterstützenden „Zwickel“ in der Konstruktion sind wie in Instanbul und in anderen Fällen kunstvoll ausgeschmückt. Die Augsburger Synagoge nimmt hier eine Art Mittelposition zwischen der rein kalligraphischen Ausschmückung der Muslime und der figürlichen Darstellungen der Christen ein – freilich noch ohne eine entsprechende Position des „reformerischen“ Judentums wiederzugeben, das noch keine eigene Richtung gefunden hatte. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Einflüsse, was nicht überrascht, sahen sich die verantwortlichen Bauherren Emil Gutmann, Max Günzburger und Max Schloss vom Vorstand der jüdischen Gemeinde doch an mehreren Orten (damals) neuere Synagogen an, um sich gemeinsam mit den Architekten Landauer und Lömpel für den vorgesehenen Bau in Augsburg „inspirieren“ zu lassen, wobei zugleich auch erhebliche lokale Einflüsse (etwa der in Augsburg unvermeidliche Elias Holl, insbesondere aber auch die eminente frühere Pferseer Synagoge offensichtlich sind). Richard Grünfeld, Ende Mai gewählt, aber erst ab Herbst 1910 Rabbiner in Augsburg als Nachfolge des im Januar verstorbenen Heinrich Gross, dessen Ansehen er niemals erreichen sollte, nennt in seiner „Festschrift“ zur Einweihung von 1917 als besuchte Orte Bamberg, Frankfurt a.M., Offenbach, Köln, Düsseldorf und Straßburg. Entsprechende stilistische Anleihen sind in einzelnen Details auch unschwer zu erkennen, wie beispielsweise der Treppenaufgang zur Bima in der 1898 fertiggestellten Synagoge von Straßburg zeigt. Die Kuppelfenster hingegen dürften aber wohl von der damaligen Synagoge in Darmstadt angeregt worden sein, die Grünfeld nicht erwähnt. Da die Baugeschichte, Biographien, wie auch Pläne usw. gut dokumentiert sind, reicht es auf die entsprechenden Quellen zu verweisen, wie etwa:

Sabine Klotz: Fritz Landauer (1883–1968). Leben und Werk eines jüdischen Architekten. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2001

Eine Besonderheit der Augsburger Synagoge ist die sonst eher untypische Verwendung von Bildern, figürlichen Darstellungen, Ornamenten, Abbildungen, Illustrationen, Dekorationen, Zierwerken, Figuren, „programmatischen“ exemplarischen Motivtafeln, oder wie auch immer man die stilistisch recht unterschiedlichen künstlerischen Elemente nun auch immer fachgerecht bezeichnen möchte. Die „moderne“ Anwendung solcher bildlichen Darstellungen sind offenkundig beeinflusst worden durch Entwicklungen in der gestalterischen Kunst als solchen, durch aktuelle zionistische Künstler in Israel , die erheblichen Bedarf hatten neue Symbole zu schaffen und der Geschichte des jüdischen Volkes neue Gestalt zu geben in Gegenwart und Kunst. Prägend waren aber auch Darstellungen in zeitgenössische Synagogenbauten wie etwa in Posen (1907) und Essen (1913). Dieser „Bilderschmuck“ bleibt in Augsburg mit Ausnahme des schon wieder eher sparsamen, zudem abgedunkelten „David-Brunnens“ im Foyer und den beiden Greifen im großen Saal freilich auch eher schematisch.

Abseits der jüdischen Tradition wird in diesem Kontext oft die Frage nach der „Reform“ und dem „Tabubruch“ gestellt. Insbesondere bei nichtjüdischen Betrachtern herrscht hier eine gewisse Konfusion über die Korrelation von Reform und Moderne, die als Kausalität missverstanden und der (sog. orthodoxen) Tradition quasi als eine Art „Heilmittel“ entgegengesetzt wird. Jedoch ist die religiöse Reformbewegung im Judentum weder Vorläufer, noch Folge einer technischen Entwicklung der Moderne, sondern eine verspätete Anpassung an christliche und humanistische Vorbilder.  Die Annahme, dass die Tora bildliche Darstellungen verbietet, ist der geläufigen deutschen Übersetzung „du sollst dir kein Bild machen“ geschuldet, die das hebräische Wort פסל (fessel) als „Bild“ wiedergibt. Das freilich ist nicht so ganz korrekt , da es sich bei fessel nicht um ein Bild im Sinne einer Zeichnung handelt, sondern um eine plastische Darstellung, es sich also eher um eine Statue, Skulptur, Monument handelt. Etwas was Menschen, die gerade aus dem pharaonischen Ägypten kamen, das von hieroglyphischen Bildsymbolen übersät war, sicher zu unterscheiden wussten.  Wo die Verwendung von Skulpturen also das Gebot der Tora offen bricht, ist die Verwendung von (zweidimensionalen) Bildsymbolen nicht in gleicherweise verboten, wohl aber für die Anforderung der Gebotserfüllung unerheblich und wie das überlieferte Judentum sagt, letztlich hinderlich.

Welchen Zweck hat es letztlich auch, wenn der Besucher der Synagoge kein Beter mehr ist, da er im Sidur nicht lesen kann, sich dafür aber Bilder von Zelten, Löwen, Kamelen oder geflügelten Fabeltieren ansieht ..? Es wäre schon erstaunlich, wenn man in einer solchen Entwicklung eine Art „kulturellen Fortschritt“ erkennen wollte. Den Planern der Augsburger Synagoge lässt sich diese vorerst letzte „Konsequenz“, der aktuelle status quo, freilich nicht anlasten. Natürlich ist es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nun auch keineswegs ein Ausdruck einer Art Moderne, wenn man dazu übergehen will, eine Synagoge mit Bildschmuck oder gar Plastiken auszustatten, wurde in jener Zeit doch Photographie für den normalen Bürger erschwinglich und Dank stets verbesserter Technik auch für den eigenen Hausgebrauch oder für Reisen und Ausflüge praktikabel. Aus dem Jahre 1912 stammt so auch eine Reisephotographie eines aus Kriegshaber stammenden Juden, der im Lande Israel war und dabei selbstgemachte Lichtbilder mitbrachte. Aber natürlich gab es auch bereits Foto-Postkarten, Bildbände, Posterdruck und dergleichen mehr, die die Realität der heiligen Orte auch „Orthodoxen“ zugänglich machten und authentischer vermittelten. In welche Weise könnten also schematisch formulierte künstlerische Darstellungen in irgendeiner Weise „modern“ wirken oder einen Zugewinn gleich welcher Art ausdrücken? Weder bautechnisch noch was die Innenausstattung betrifft war der Stil der Augsburger Synagoge auf der Höhe der Zeit, sondern ganz abseits der in aller Welt populären modernen Maxime „form follows function“ (Sullivan 1896).

Die Vorstände der Augsburger Israelitischen Gemeinde waren sicher vom „Zeitgeist“ geprägt, der zahlreiche, widersprüchliche, aber auch rückwärtsgewandte Vorstellungen transportierte, wie ein Bus, der zwar viele Menschen in dieselbe Richtung fährt , wobei diese aber an verschiedenen Stationen aussteigen und ggf. völlig andere Absichten verfolgen. Vielleicht sind es diese „verwirrenden“, widerstrebenden Einflüsse, vielleicht auch eine Portion „schwäbischer“ Eigenständigkeit, die dafür sorgten, dass sich die Bauherren für einen eigentümlichen Baustil-Mix entschieden, anstelle einer weiteren „Kirchenkopie“, wie ihn zahlreiche andere Synagogen dieser Zeit in Deutschland verkörperten. Daran ändert auch die überflüssige „Kirchenorgel“ der Augsburger Synagoge nichts. Auch sie übertritt kein religiöses Verbot, sondern eher eine kulturelle Schranke, da eine solche Orgel für das jüdische Gebet nicht erforderlich ist. Da jeder weiß, dass es bislang ohne ging, ist es schwer, einen „Zugewinn“  zu erkennen. Da die neue Synagoge bereits mit einem damals schon nicht mehr ganz so revolutionären Telefonanschluss ausgestattet wurde, während die Radio-Technologie seit Jahren rasante Entwicklungen machte, fällt es auch schwer, in einer Orgel einen Ausdruck von Moderne zu sehen.  Auch hier handelte es sich eher um ein Merkmal der Anpassung an die bürgerliche Kirchen- und Theaterkultur. Und entsprechend gingen mit Orgeln auch Veränderungen im Gottesdienst einher, für die es keine religiöse Grundlagen oder Bedarf gab. Der Gottesdienst als solcher musste gewissermaßen unterbrochen werden, damit die Orgel, ob allein oder begleitet von einem Chor nun überhaupt zum Einsatz kommen konnte. In dieser “Pause” nun standen oder saßen die Mitglieder der Gemeinde als Konzertbesucher und zunehmend gelangweilt im Restraum. Zugewinn?

The interior of the Augsburg synagogue.

Although the synagogue of Augsburg was built by a reform or “liberal” congregation neither architecture, style nor the interior decoration does express any kind of modernity. In the age of photography, cinema, telephone and radio, unexplained schematical depictions at a great height or the sound of an organ are anything but modern, they just express a much too late and of course unnecesary assimilation to the Christian-Humanist societal ideal which already was rapdily in decline. So, many of the depictions in the synagogue use Hebrew inscriptions which the members of the community already in the 1930s could not longer read – not to mention todays mainly “Russian” community or the quite more numerous visitors of the “main attraction” of the “Jewish” Museum.

One Response to Die Innenausstattung der Augsburger Synagoge

  1. Leuchtdiode Geschichte…

    […]Die Innenausstattung der Augsburger Synagoge « Jüdisch Historischer Verein Augsburg[…]…

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