Der vergessene jüdische Anteil an der Weber- und Textilgeschichte in Augsburg


Das Bayerische „Textil- und IndustrieMuseum“ (tim) in Augsburg (Kammgarnspinnerei, Provinostr. 46, 86143 Augsburg) sollte schon mehrfach öffnen. Zuletzt ist die Eröffnung im Sommer 2009 mit einer eigens herausgegebenen Broschüre* beworben worden, die allerdings auch Einblicke in die Architektur, Konzeption und Inhalte der Ausstellung ermöglicht.

textilmuseum augsburg eröffnung 2009

Mensch, Maschine, Mode

              … Masche ?

Einmal mehr ist uns dabei aufgefallen, dass man in Augsburg offenbar einen gewissen Bogen um jüdische Anteile an der allgemeinen Stadtgeschichte strickt. In diesem Fall ist es die Textilgeschichte. Nicht nur, dass die Präsentation der Fugger, die ihren ersten Stützpunkt im noch von Juden bewohnten mittelalterlichen Augsburg direkt am Judenberg hatten, in aller Regel „judenfrei“ geschieht, auch die industrielle Geschichte der Textilstadt Augsburg ist inzwischen verdrängt worden.  Daran scheint nun offenbar noch nicht einmal das Textilmuseum in Augsburg etwas ändern zu wollen, wenn man die Broschüre dafür zum Maßstab nimmt. Firmen wie die des aus Hürben stammenden M.S. Landauer (nach Arisierung und Krieg, später: Elbeo)  in Oberhausen, Kahn und Arnold am Sparrenlech, die Pferseer Buntweberei Raff und Söhne (ihr Markenname „Aura“ setzte sich aus Raff und Augsburg zusammen), Isak Bernheim, usw. tauchen noch nicht mal zwischen den Zeilen auf. Es ist so als hätte es sie nie gegeben. Das erstaunt, wo sonst immer gebetsmühlenartig die mantrische Formel „gegen das Vergessen“ rezitiert wird. Aber die scheint nur einen bestimmten Zeithorizont und Blickwinkel zu betreffen und Scheu vor Alltag und Arbeit zu haben.

Das Museum soll nun jüngsten Berichten im Januar 2010 öffnen oder vielleicht doch erst im Frühjahr?

Vielleicht klappt es den Machern ja bis dahin den keineswegs dunklen Beitrag der schwäbischen Juden zur Augsburger Textilgeschichte den man nicht verheimlichen muss, doch zumindest zu erwähnen.

Dajajenu. Das allein würde uns ja schon genügen.

* Das Bayerische Textil- und IndustrieMuseum (tim) in Augsburg (Broschüre)

Herausgegeben von Richard Loibl und Natascha Zödi,

2008, Wißner-Verlag, Augsburg, 48 S.

The Bavarian Museum for textile industries (“tim”) scheduled to open in Augsburg a number of times has issued a brochure to introduce the architecture and design of the building and to explain the exhibition, contents and history. So far there is nothing that will indicate that anything at the museum will at least give a hint that in Augsburg where a number of renowned Jewish companies with hundreds of employees such as the textile factory of Moses Samuel Landauer in Oberhausen what later became part of Augsburg. Also Jews from Pfersee like Isaak Bernheim, Albert and David Raff, Aaron Kahn, … are not even mentioned. Since the Museum still is not open there still is a chance to develop the presentation and close the gap. But hardly anyone will care.

 

One Response to Der vergessene jüdische Anteil an der Weber- und Textilgeschichte in Augsburg

  1. newsreader says:

    “Beschämende Lücke”

    Aus der gesterigen Ausgabe der “Augsburger Allgemeinen”

    08.02.2010 05:15 Uhr

    http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Lokales/Augsburg-Stadt/Lokalnews/Artikel,-Es-bleibt-_arid,2065557_regid,2_puid,2_pageid,4490.html

    Das vor Kurzem eröffnete Textilmuseum tim ist eine Bereicherung Augsburgs. Es erinnert daran, dass diese Stadt einmal ein Zentrum der deutschen Textilindustrie gewesen ist. Auf einem Feld freilich haben die Macher eine beschämende Lücke hinterlassen: Sie haben jene Textilbetriebe, die bis ins Dritte Reich jüdischen Augsburgern gehörten, unzureichend berücksichtigt. Deren Unternehmen waren keine kleinen, unbedeutenden „Klitschen“, für die in einer großen Ausstellung kein Platz sein kann. In der Weberei am Sparrenlech von Kahn & Arnold standen mehr als 1000 Webstühle, 940 Frauen und Männer fanden dort Arbeit und Brot; bei M. S. Landauer war die Zahl der Webstühle kaum geringer. Schon 1858 (!) richtete dieses Unternehmen einen Krankenunterstützungsverein für seine Arbeiterinnen und Arbeiter ein!

    Und die Weberei Raff & Söhne in Pfersee setzte ihren Markennamen Aura aus Augsburg und Raff zusammen.

    … am Weltruf Augsburgs als Textilstadt hatten die zahlreichen jüdischen Fabrikanten gehörenden Betriebe bis ins Dritte Reich erheblichen Anteil. All das macht das Textilmuseum nicht deutlich.

    Kaum ist das tim eröffnet und kaum sind die Lobeshymnen verklungen, gilt es also schon eine beklagenswerte Lücke zu schließen. Vielleicht kann den Machern das Augsburger Jüdische Museum unter die Arme greifen.

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