Die segnenden Hände des Priesters


Frage: Welche Bedeutung und Ursprung haben die beiden Hände auf vielen jüdischen Grabsteinen? Handelt es sich als „Heilende Hände“ um ein heidnisches Symbol?

Kohen symbol at Krunbach Huerben Jewish Cemetery

Die beiden gespreizten Hände (jede formt sich dabei dreiteilig und soll das hebräische Schriftzeichen Schin – sch darstellen, welches als Buchstabe den Gottesnamen Schadai abkürzt  – auch auf zahlreichen Mesusot zu finden, etc.) sind im Grunde genommen ein Familienwappen, sehr wahrscheinlich das älteste der Welt. Es kennzeichnet die Mitglieder der Kohen, also der Nachkommen Aharons, des Bruders von Moses aus dem biblischen Stamm Levi welche in den Heiligtümern Israels den Dienst leiteten. Die ältesten archäologischen Zeugnisse des Symbols auf Gräbern im antiken Israel werden in die Zeit des ersten Tempels datiert.

Das Symbol der Hände bezieht sich auf eine wesentliche Tätigkeit der Kohen, nach dem Ganzopfer auf den Stufen der Vorhalle des Heiligtums das Volk zu segnen:

 

 יברכך ה וישמרך 

יאר ה פניו אליך ויחנך  

      ישא ה פניו אליך וישם לך םולש     

(Numeri = 6.24-26  ספר במדבר)

 

Der Herr segne dich und verteidige dich, der Herr lasse seine Stirn strahlen über dir und begünstige dich, der Herr erhebe seine Stirn über dir und gebe dir Frieden.

The Lord bless and guard you, the Lord make his front illuminate upon you and be gracious to you, the Lord will lift up his front upon you and give you peace.

Kohen grave marker at the old Jewish Cemetery Munich:

Old Jewish Cemetery Munich

Der Segen der Kohen, auch geläufig als nesiat kafajim (die Hände erheben), wurde zwei bis vier Mal täglich im Heiligtum und schließlich auch noch abends beim Schließen der gesprochen. Dass dazu die Hände genommen wurden, ist in der Mischna bereits bezeugt. Diese hielt der Kohen im Heiligtum in Höhe des eigenen Kopfes, außerhalb des Heiligtums auf Schulterhöhe. Der einzige Tag im Jahr, an dem der Segen gesprochen wurde, ohne in Verbindung mit einem Opfer im Heiligtum zu stehen war Jom Kipur, der Tag der Versöhnung.  Dies wurde bereits zur Zeit des Heiligtums so gehandhabt. Sehr früh belegt ist mit Ismael ben Elischa die Praxis der Kohen belegt, vor dem Segen die Hände zu waschen (vgl. Baw. Sota 39a), während mit Jochanan ben Sackai bereits bezeugt ist, dass die Kohen ihre Schuhe ausziehen. Auch die Fingerspreizung geht zumindest auf diese Zeit zurück. R. Akiwa verbietet, das Ansehen der Kohen beim Sprechen des Segens, weshalb es früh üblich wurde, dass diese sich unter einem ausgebreiteten Tallit-Schal verbargen. Der Segen als solcher wird vom Vorbeter vorgesprochen und von dem oder den anwesenden Kohen wiederholt, was gemäß Sifre 39 eine verbindliche Pflicht darstellt. Im Heiligtum war der Brauch den Segen am Stück vorzusprechen und nachzusprechen, außerhalb in Synagogen wurde es üblich, ihn einzeln in drei Teilen vor- und nachzusprechen.  

Nach Zerstörung des Heiligtums wurde der Segen Bestandteil der Tfila, also des Gebetes in den lokalen Häusern der Versammlung (Knesset – griechisch:  Synagoge). Gesprochen wird der Segen nun nur noch in der Wiederholung der Tfila, des Hauptgebetes und zwar als Einschub zwischen der 18. und 19. Segnung.

Während der Segen im östlichen Mittelmeerraum täglich gesprochen wurde (gegenwärtig ist dies auch Praxis in entsprechenden Gemeinden in Israel), wurde es in Europa üblich, ihn nur noch an hohen Feiertagen (jom tov) und am Schabbat zu sprechen, im mittelalterlichen Spanien nur noch an Festtagen, schließlich auch dort nur noch zum Musaf, also dem Zusatzgebet, ehe R. Jakow Molin um 1400 (der auch Rabbiner in Augsburg war), verfügte, dass der Segen auch zu שחרית, also morgens gesprochen werden soll.

Seit dem Maharam ist es üblich, dass der Vorbeter einen Teil des einleitenden Gebets leise spricht, während die Kohen sodann laut vorfahren, während in sefardischen Gemeinden alles laut gesprochen wird.

Die reformistischen Gemeinden in Europa schafften das Sprechen des Priestersegens in ihren Gottesdiensten ab und übertragen diese Aufgabe dem Vorbeter. Seitens der überlieferten Gemeinden stieß dies auf schärfste Ablehnung unter dem Hinweis darauf, dass die Anmaßung priesterlicher Befugnisse in Bibel und Talmud todeswürdige Verbrechen darstellten. So oder so werden mit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts in reformistischen Gemeinden nun auch die früher häufigen Kohen-Grabsteine mit den berühmten Händen immer seltener, ehe sie ganz verschwinden.

Der Priestersegen wird auch bei Christen im christlichen Gottesdienst gesprochen, während sich die Geste des Duchan der gespreizten Finger in der Science Fiction Serie Star Trek findet.

5 Responses to Die segnenden Hände des Priesters

  1. […] Und ein Link zu einem anderen WordPress Blog… […]

  2. Martin says:

    Hier erklärt Leonard Nimoy es in einem Video:

  3. yehuda says:

    Stimmt, und ohne Deinen Hinweis darauf wäre ich auch in hundert Jahren nicht drauf gestoßen, da ich mir offenbar nur Folgen angesehen habe, in denen das nicht vorkam, und somit war das für mich soz. folgenlos. Ist Dir bekannt, ob Mr. Nimoy selbst vielleicht auch Kohen ist oder was ihn veranlasste dazu?

    • ssssnake says:

      Aber klar doch. Sinngemäß nach der Biographie “Ich bin Spock” von Leonard Nimoy. Bitteschön:

      “Dif-tor heh smusma!” sagt Mr. Spock in Vulkansprache, “live long and prosper!” Dabei hebt er die rechte Hand und spreizt sie zwischen Mittel- und Ringfinger. Die Geste ist orthodoxen Juden bestens bekannt. Sie ist – mit beiden Händen und gestreckten Armen ausgeführt – der Aaronitische Segen (hebräisch birkat kohanim), der älteste überlieferte Segenspruch der Bibel, benannt nach Moses Bruder Aaron. Das Zeichen selbst repräsentiert den hebräischen Buchstaben Shin (שׂ) und steht für Shaddai, den Allmächtigen. Die Gemeinde darf bei der Segnung nicht auf die Kohanim schauen, bedeutet doch das Zeichen ursprünglich Gottes Fähigkeit, durch die Ritzen der Wände zu sehen. Just daran hielt sich der junge Leonard Nimoy nicht, als er mit seinem orthodoxen Großvater die Synagoge besuchte. Er lugte während des Kohanim-Segens unter dem Gebetsmantel des Großvaters hervor und war tief beeindruckt von der Magie und Theatralik der Zeremonie. In Erinnerung an diesen magischen Moment erhob der Star-Trek-Mime, während der Dreharbeiten zur Episode “Amok Time”, auf der Suche nach einer vulkanischen Geste seine Hand zum ersten Mal zum Vulkaniergruss.

  4. ssssnake says:

    Das mit dem Vulkaniergruss hab ich Dir erzählt!😉

    Leonard Nimoy erfand den vulkanischen Gruß für die TOS-Episode Weltraumfieber. Er ist an einen jüdischen Segen (Birkat Kohanim) angelehnt, bei dem ein Rabbi diese Handhaltung mit beiden Händen einnimmt, während sich ihm die Gemeinde mit dem Rücken zuwendet. Die Geste symbolisiert den hebräischen Buchstaben Shin, welcher der erste des Wortes Shaddai (Allmächtig) ist.

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