Vom Judenhut im Augsburger Mittelalter


Augsburger Prophetenfenster Daniel, angebl. 11. o. 12. Jhd.

Augsburger Prophetenfenster Daniel, angebl. 11. o. 12. Jhd.

Auf päpstliche Anregung machten sich im Jahre 1215 einige europäische Herrscher daran, nichtchristliche Minderheiten an ihrer Kleidung zu kennzeichnen. Zuerst umgesetzt wurde dies in Frankreich mittels eines kleinen gelben Rades (rouelle). Es handelt sich hier jedoch nur um eine nachahmende Reaktion auf eine Gepflogenheit der muslimischen Welt, die sog. Dhimmis verpflichtete, Markierungen an ihren Gewändern zu tragen, die es gewöhnlichen Muslimen erlaubte sie als Angehörige einer benachteiligten, aber eben doch geduldeten Minderheit zu erkennen. Als solche galten Christen, dunkelhäutige Muslime und logischerweise auch Juden. Sie mussten auf ihren Gewändern gelbe Flecken tragen. Der französische König Philip le Bel gab auch das Vorbild dafür, dass der Verkauf und die Verpachtung der Abzeichen zu einem einträglichen Geschäft wurden, wo immer die Regelung zum Tragen (sic!) kam. Analog zum islamischen Vorbild mussten unter christlicher Herrschaft nun Juden, und Muslime diese Abzeichen tragen.  Jedoch war diese keineswegs überall so und auch gab es eine hohe Anzahl von Varianten und somit keine wirkliche Norm. 1361 etwa wurde eine rot-weiße Farbe des Rädchens in Frankreich festgelegt. In England trugen Juden mancherorts auf Wunsch der Herrscher zwei aufgenähte Lappen in der Form von Tafeln auf der Brust, welche die Gesetzestafeln vom Sinai darstellen sollten, in deutschen Landen wechselte sich der „Judenfleck“ mit dem Rädchen und dem sodann wieder typischen gelben Spitzhut ab – polnische Juden hingegen waren hier und da verpflichtet einen grünen Judenhut zu tragen, usw. Man kann sich vorstellen, dass ein jüdischer Händler ggf. mehrere Exemplare für unterschiedliche Herrschaftsgebiete und Ansprüche mit sich führte, analog zu heutigen Maut-Plaketten.

reverting to ancestral traits

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Die allgemeine Verpflichtung ein Abzeichen zu tragen, ergibt sich in Augsburg erst relativ spät, nämlich im September 1434. Vorgeschrieben wurde nun ein großer gelber Ring im Durchmesser von etwa dem Drittel einer Elle, also fast 20 cm, was sodann gewiss nicht zu übersehen war. Innerhalb des Rings war ein sog. Judenhut dargestellt. Die Redensart vom „Hut in den Ring werfen“, sinnbildlich für eigene Ansprüche anmelden, wird aber wohl kaum von da herrühren. Auch das englische Hattrick, ursprünglich aus dem Cricket stammend hat leider nichts damit zu tun, wenngleich der Hut eine ursprünglich auszeichnende Bedeutung hatte. Die diskriminierende, negative ist womöglich eine Übertreibung, wenn nicht gar Erfindung der Moderne.

 

Der Judenhut als solcher hatte zunächst keine diskriminierende Bewandtnis, sondern war unabhängig in Gebrauch als Kennzeichen einer führenden Instanz, wie etwa dem Rabbiner oder Vorsitzenden einer jüdischen Gemeinde, wie verschiedene Anordnungen aber auch zeitgenössische Abbildungen darlegen. Man könnte dies vergleichen mit der ebenfalls herausragenden Kopfbedeckung eines christlichen Bischofs – und entsprechend wurden in deutschen Texten des Mittelalters Rabbiner häufiger auch „Judenbischof“ genannt. Im Augsburger Stadtrecht findet sich keine andere Verpflichtung zum Tragen eines solchen Hutes, als für den Verkäufer der jüdischen Fleischbank, um diesen eben als Vertreter der Gemeinde herauszuheben. Trotz der eindeutigen Funktion des Hutes als Kennzeichen der amtlichen Befugnis existierte freilich nebenbei der symbolische Gebrauch bei Nichtjuden als Kennzeichen für Juden. Beispiele dafür sind Illustrationen, von denen es gerade auch in Augsburg sehr prominente Darstellungen gibt, etwa in der Hirnschen Kapelle oder ungleich bekannter noch die sog. Prophetenfenster des Augsburger Doms, welche vier Propheten der jüdischen Bibel: Moses, Jona, Daniel und Hosea neben David König Israels darstellen. Ungewöhnlicher weise werden die Fenster in das 12., von manchen meist lokalen Historikern gar in das 11. Jahrhundert datiert.

teaching the lore all the more

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Aus der allgemeinen Verpflichtung zur Kennzeichnung eine Kopfbedeckung zu tragen – eine Sitte die der Augsburger Rabbiner Maharam strickt ablehnte – entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert der inzwischen weltweit übliche Brauch eine Kippa oder Jarmulke zu tragen, oder einen Hut, speziell im 19. Jhd. auch Zylinder (wohl weil weit origineller als Kegel ..?) oder moderner nun auch wieder Baseball Caps, die anders als manche vermuten keiner biblischen Vorschrift entsprechen und auch auch kein talmudisches Gebot erfüllen, aber vielleicht gerade deshalb in eigentümlicherweise beachtet – mancherorts fordert man nun sogar Nichtjuden dazu auf – womit sich der (historische) Kreis ja nun auch fast wieder schließt.

Die mittelalterliche Hut-Mode freilich ist seitdem unbeachtet geblieben, was ein klein wenig schade ist.

now headcoverings are compulsory for all

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5 Responses to Vom Judenhut im Augsburger Mittelalter

  1. D Georges Yoram Federmann says:

    Notre Mer

    Notre Mer qui es si bleue

    Que ton Nom soit partagé

    Que ton horizon nous fasse renaître

    Que ta volonté et ta miséricorde nous acceptent

    Offre-nous aujourd’hui notre Triton de ce jour

    Comme une trompette de la renommée

    Et non plus comme un cercueil

    Pardonne-nous nos défaites et nos deuils

    Comme nous pardonnerons à nos bourreaux

    Et ne nous soumets pas aux quotas

    Mais délivre l’ Europe de ses peurs et de ses carcans

    Georges Yoram Federmann
    Strasbourg
    20 mai 2015

  2. […] Vom Judenhut im Augsburger Mittelalter August 2009 2 comments 3 […]

  3. yehuda says:

    Well, actually …

  4. Joshua says:

    So this Daniel is from Poland ..? 😉

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