„ Es gibt keinen schöneren Flecken“


Artikel der “Augsburger Allgemeinen”, 1999:

 

„ Es gibt keinen schöneren Flecken“

 

Maria Felber betreut seit 50 Jahren des jüdischen Friedhof in Kriegshaber

 

Sie lebt an einen ungewöhnlichen Ort, kann sich aber nicht vorstellen, jemals mehr umzuziehen. „Ich werde hier gebraucht“, sagt Maria Felber. Seit 50 Jahren betreut sie den jüdischen Friedhof in Kriegshaber, Das Wärterhäuschen, in dem ihre vier Kinder groß wurden, stammt aus dem Jahr 1802.

 

„Gräber sind tabu“, war eine der ersten Lektionen, die die Felberschen Kinder mit auf den Weg bekommen haben. „Und die haben gehorcht“, erzählt Maria Felber mit einem Lächeln. Die gebürtige Pferseerin heiratete 1949 den Sohn des damaligen Friedhofswärters und zog auf das 100 x 150 Meter große Areal in Kriegshaber. Vier Kinder wurden in den nächsten Jahren geboren. Seit 1989 hat Sohn Hermann die Aufgaben seines verstorbenen Vaters übernommen und ist heute der offizielle Friedhofswärter an der Hooverstraße. Mit seiner Mutter gemeinsam lebt er in dem kleinen Steinhäuschen aus dem Jahr 1802 mitten auf dem Gottesacker.

„Ich war immer mehr Hausfrau und Mutter“, erzählt die heute 76jährige und lässt den Blick über das weite Grün schweifen. Die Gräber und die Geschichten der jüdischen Bürger in Kriegshaber haben sie nur am Rande interessiert. Doch an die vielen ausländischen Besucher, die besonders nach dem Krieg an der Pforte des Friedhofs läuteten, kann sie sich noch gut erinnern.

Seit den 50er Jahren ist der Friedhof aufgelassen, es finden keine Beerdigungen mehr statt. Die letzten Begräbnisse hat Maria Felber als junge Frau noch miterlebt. Sehr gut erinnert sie sich auch an die Erzählungen ihrer Schwiegermutter. „Damals wurde im unteren Teil des Hauses noch Totenwache gehalten, auch wurden die Toten im Haus für das Begräbnis vorbereitet.

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber ist lang und beginnt um das Jahr 1627 im Dreißigjährigen Krieg. Damals wurden die Juden aus Burgau ausgewiesen und deren Friedhof dort wegen Seuchengefahr geschlossen, sie kamen nach Kriegshaber. Mit der Zeit entwickelte sich die Stätte zu einem zentralen Friedhof für die umliegenden „Judendörfer“, wie die Nachbarorte Pfersee und Steppach damals genannt wurden. Will ihnen Augsburg das Territorialrecht verweigerte, mussten sie ihren Wohnsitz außerhalb suchen. Von hier konnten sie ihren Geschäften nachgehen. Bis 1816 wurden auch die Münchner Juden in Kriegshaber in Kriegshaber beigesetzt.

Heute sind viele Grabsteine verwittert, die Inschriften sind nicht mehr lesbar. Maria Felber führt durch die Reihe mit neueren Insignien. Dort stehen Namen wie Obermayer und Einstein. Carl von Obermayer (1811 – 1889) war Mitbegründer der Bayerischen Hypotheken und Wechselbank und Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde. Einsteins gibt es viele auf dem Gottesacker. Sie stammen alle aus einer reichen Viehhändler-Dynastie, die von Kriegshaber aus Handel bis an der Ammersee führte.

Am Eingang zum Friedhof prunkt ein steinernes Monument. Wie es entstanden ist, daran kann sich Maria Felber nicht erinnern. Ein Blick ins Geschichtsbuch hilft weiter. Amerikanische Soldaten errichteten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mahnmal aus umgestürzten und zerstörten Grabsteinen.

Der Friedhof lag nun mitten im Wohngebiet der Amerikaner. „Mit denen gab es nie Probleme“, erinnerst sich die 76jährige. Nach dem Abzug sind die sind die Häuser der Hooverstraße umgebaut, jetzt wohnen besonders kinderreiche Familien hier. „Die Kleinen trauen sich aber nicht an den Friedhof heran“ sagt Maria Felber. Aber sie wird aus der Entfernung beobachtet.

Einmal hat sich ein Bub aber doch ein Herz gefasst und gefragt, ob sie denn nicht Angst hätte und ob es da nicht spuken würde. „Nein“, hat Maria Felber gesagt, „es gibt keinen ruhigeren und schöneren Flecken“

One Response to „ Es gibt keinen schöneren Flecken“

  1. Vielen Dank für den Beitrag. Diese Themen über den Ammersee oder Starnberger See sind im Netz nicht besonders häufig zu finden. Werde in Zukunft öfter diesen Blog besuchen kommen und mich auf dem laufenden halten.

    Herzliche Grüße

    http://www.staland.de – das Nachrichtenportal über das Fünfseenland

    PS: Würde mich auch über einen Besuch ebenfalls sehr freuen unter Fünfseenland

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: