„Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich“


In Anspielung auf die Debatte um die umstrittene Piusbruderschaft und den international kritisierten Holocaust-Leugner, Bischof Richard Williamson betonte der Augsburger Bischof Mixa in einer öffentlichen Rede beim „politischen Aschermittwoch“ im schwäbischen Dinkelsbühl, dass es „den Holocaust in diesem Umfang mit sechs Millionen Getöteten sicher gegeben“ habe. Er fügte jedoch hinzu, dass „diese Zahl durch Abtreibungen bereits überschritten“ sei. Nun herrscht allenthalben Empörung darüber, dass der Augsburger Bischof trotz Bekräftigung der Opferzahl den Holocaust relativiert habe, während von seinem Amt entsprechende Vorwürfe als „bösartig“ zurückgewiesen werden.

Leugnung und Relativierung des Holocausts findet bei Revisionisten und Minderbegabten in der Regel über die „unfassbare“ Zahl der auf- oder abgerundeten „sechs Millionen“ ermordeter Juden im Nazi-Reich statt. Der umstrittene englische Bischof tat dies aber auf eben diese Weise und bezweifelte diese Zahl und wollte allenfalls zwei- oder dreihunderttausend ermordeter Juden einräumen. Sein Augsburger Kollege tut dies ausdrücklich nicht. Stattdessen merkt er an, dass die Zahl der Abtreibungen die Zahl der Holocaust-Opfer „bereits“ übertrifft. Das kann sachlich stimmen oder auch nicht, aber es wirft die Frage auf, was diese Verknüpfung nun eigentlich besagen soll. Die Zahl von sechs Millionen Toten ist auf vielerlei Weise übertroffen worden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa schätzt, dass jährlich etwa eine Million Menschen Suizid begehen. Wenn das stimmt, wären das über sechzig Millionen Selbstmörder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Können wir daraus einen relevanten Vergleich zur Zahl der Holocaust-Opfer konstruieren oder zur Zahl der Abtreibungen? Oder wie wäre es mit der Zahl der Verkehrstoten, die alleine in den Mitgliedsstaaten der EU jährlich bei rund 50.000 liegen soll? Welchen sachlichen Zusammenhang gibt es also zwischen Holocaust und Abtreibung? Vermutlich keinen, außer man wollte sagen, dass jene die vor der Barbarei des Hitler-Regimes abgetrieben wurden, dem Holocaust entgingen. Vielleicht wollte der Bischof ausdrücken, dass er die Anzahl der Abtreibungen für skandalös hält und mit der Feststellung, dass sie bereits höher als die Zahl der Holocaust-Opfer sei, vergleichsweise zu wenig Beachtung findet. Auch das mag sein. Die Frage wäre dann freilich, warum er die Abtreibungen nun ausgerechnet den jüdischen Nazi-Opfern entgegen hält. Die Zahl der sechs Millionen bezieht sich ausschließlich auf sie, aber kamen nicht auch zahlreiche nichtjüdische Menschen ebenfalls in den KZs oder bei Erschießungen, usw. um? Warum sollen nun ausgerechnet die jüdischen Nazi-Opfer der Maßstab sein? Das leuchtet nicht ein. Ist ihm, dem deutschen Bischof die Zahl nichtjüdischer Nazi-Opfer etwa unbekannt? Oder gibt es unter der Hand in solchen Aussagen nicht doch eine Art Kalkül wie manche argwöhnen? Als zu Jahresbeginn jüdische Soldaten gegen den Beschuss Israels durch die Hamas militärisch vorgingen, tönte es aus dem Vatikan, die Lage im Gaza-Streifen gleiche einem Konzentrationslager. Dabei hätten die katholischen Geistlichen, wie wir nun zumindest ahnen, auch andere Vergleiche ziehen können, etwa indem sie feststellen, was denn tausend getötete Palästinenser im Vergleich zu sechs Millionen getöteter Juden ausmachten und warum es ein solches internationales Geschrei darum gibt. Ein solcher Vergleich wäre gewiss nicht passender oder geschmackvoller und (fast) jeder würde sich fragen, was die Palästinenser denn nun mit den Nazi-Opfern zu tun hätten. Das anti-semitische Programm der Hamas außen vor lassend fragen wir uns so aber stattdessen, was Abtreibungen damit zu tun haben sollen und stellen fest, dass dumme Vergleiche dieser Art scheinbar gesetzmäßig immer zuungunsten der Juden ausgehen “müssen”.

 

Der liberale Rabbiner der Augsburger jüdischen Gemeinde äußerte jüngst die Ansicht, dass es „der natürliche Lauf der Dinge“ sei, dass Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen „bestenfalls nur hundert Jahre“ überdauerten. Es obliege deshalb den Verwandten und Nachkommen, für die bleibende Erinnerung und das Gedenken zu schaffen. Für die jüdische Gemeinden selbst hingegen bestehe „keine Verpflichtung für den Erhalt dieser Gräber zu sorgen“, so Dr. Brandt, ausgenommen seien vielleicht Denkmale “berühmter Rabbiner” oder anderer prominenter Personen.

In Zeiten wirtschaftlicher Engpässe ist dies gewiss ein nachvollziehbarer Gedanke, zumal im hiesigen christlichen Umfeld Grabplätze in der Regel nur für die Dauer von etwa zehn Jahren „gepachtet“ werden. Kommt danach kein Angehöriger mehr dafür auf, wird der Platz für den „Nachmieter“ freigemacht. Eine zumindest für das traditionelle Judentum unausführbare Idee, gilt ein Grabplatz doch als ewiger Besitz des Verstorbenen und die Erinnerung an ihn als religiöses Gebot.

Münzt man die obige Aussage nun aber auf dem Holocaust, so reduziert sich auch die Zahl der Holocaust-Opfer, derer man gedenkt nach etwa hundert Jahren, also zur Jahrhundertmitte, freilich auch auf einige tausend Rabbiner und sonstiger Prominenter …

Man merkt, dass es sich nicht wirklich lohnt, solche “Gedanken” weiterzuspinnen, ganz gleich ob sie nun von Bischöfen, Rabbinern oder weniger berühmter Leute stammen, denn natürlich war es nie so gemeint, wie man es zu Ende denkt und jede andere Auffassung wäre im Nachhinein gewiss „bösartig“ oder doch zumindest abwegig und aus dem „Zusammenhang“ gerissen.

So ist es nun auch etwas verwunderlich, dass der Augsburger Bischof ob seiner gewiss etwas seltsamen Äußerung ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, obgleich es als sicher gelten kann, dass er mit Holocaust-Leugnung oder –relativierung gewiss nichts am Hut hat, während in Deutschland andererseits zahlreiche Islamisten oder wie jüngst auf der Münchner Sicherheitskonferenz der im Westen noch als „gemäßigt“ geltende Iranische Parlamentspräsident Ali Larijani in aller Öffentlichkeit den Holocaust bestreiten können – ohne Entschuldigung oder gar Konsequenzen. Sein Regierungschef wird zudem als „Ehrengast“ der Anti-Rassismus-Konferenz der Vereinten Nationen eingeladen, obwohl er keinen Hehl daraus macht, den Holocaust öffentlich zu leugnen.

Gegen den britischen Bischof strebt die deutsche Justizministerin hingegen einen Haftbefehl an.

Aber da sind wir vielleicht schon wieder bei einem unpassenden Vergleich.

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