Mittelalterlicher Rabbiner-Grabstein im Keller des Augsburger Maximilianmuseums


Leichen im Keller hat das städtische Maximilianmuseum in Augsburg zwar (hoffentlich) nicht, aber so doch wenigstens Grabsteine, darunter auch alte jüdische solche. Auf diesen Umstand machte vor einigen Wochen Dr. Christoph Emmendörfer unser Vereinsmitglied Agnes Maria Schilling aufmerksam, als diese ihn nach einem von uns gesuchten mittelalterlichen Grabstein der Kalonymos-Familie fragte, der noch 1927 von Theo Harburger in Augsburg fotografiert wurde, „nun“ aber spurlos verschwunden  und unauffindbar ist. Dr. Emmendörfer fiel dazu ein, dass sich im „Lapidarium“ (= Steinsammlung von „lapis“ = Stein) des Museums noch Reste hebräischer Steine und Inschriften befänden, die dort zwar seit Jahrzehnten lagerten, die aber „niemand“ entziffern könnte. Des Lesens kundig machten wir uns natürlich sofort auf den zunächst telefonischen, dann schriftlichen Weg, ehe Dr. Emmendörfer letzte Woche, genauer gesagt am 29. Juli, uns freundlicherweise einen Teil seiner Mittagspause opferte, um mit uns in den Keller des Museums stieg. Nicht zum Lachen, sondern zum Lesen.  

 Max Lapidarium Augsburg

Max Lapidarium Augsburg 

Das Lapidarium fanden wir vor als eine reichlich düstere Ansammlung von Steinresten, Tafeln, Büsten, Bruchstücken von Säulen denkbarer und undenkbarer Größen vor. Eine erkennbare Ordnung gibt es dem Anschein nach nicht, soll aber wie der Leiter des Museums beteuerte unbedingt entstehen. Das ejdoch sei wie immer abhängig davon, ob dafür Mittel aufgebracht werden können. Ein in Augsburg für augenscheinlich schwieriges Unterfangen, insofern es sich nicht einfach vermarkten lässt. Ein Steinsammlung mit meist unklaren und unvollständigen Bruch- und Fundstücken, erschließt sich jedoch nicht sofort, manches Detail vielleicht erst nach Jahren, andere nie.

Vielleicht schon im Jahre 2009 könnte es aber bereits eine Ausstellung mit wertvollen Stücken der „Sammlung“ geben. Das wäre sehr wünschenswert, wobei uns vom JHVA natürlich nicht ganz wohl dabei ist, wenn jüdische Grabsteine, losgelöst von den Menschen an die sie erinnern, als bloß museale Vitrinenfüller fungieren, der frühere Grabplatz, der “Judenkirchhof” am „Judenwall“ (Blaue Kappe) aber nach wie vor ohne jegliche Erinnerungstafel seitens der Stadt Augsburg auskommen muss.

Aus möglicherweise mehreren hebräischen Inschriften ergab sich nun im Dämmerlicht der Steinsammlung doch ein ganz konkreter Fund, angelehnt an einer Kellerwand. Diesem konnten wir uns etwa auf sechs Meter Entfernung nähern, da vor ihm allerlei Bruchstücke und Reste anderer Art auf dem Boden verteilt herumlagen. Trotz des großen Abstands und schlechten Licht gelang es aber mittels dem Zoom (ein herzlicher Dank an den Erfinder desselbigen an dieser Stelle) der Videokamera den auf dem Kopf stehenden Rest des Grabsteins abzufilmen und ein paar Fotos zu machen. Was aus der Distanz bereits vor Ort lesbar war, bestätigte sich dann zu Hause am PC nach der Nachbearbeitung mittels Photosoftware. In der Tat handelte es sich um einen mittelalterlichen Grabstein aus der berühmten Kalonymos-Familie, jedoch nicht um den von uns gesuchten, den Harburger vor 81 Jahren fotografiert hatte, sondern um einen anderen, zuvor unbekannten. Die nicht ganz sicher zu lesende Datierung deutet auf den Beginn des 15. Jahrhunderts, was eine konkrete Zuordnung zur Person des Verstorbenen möglich macht.

Rabbi Awraham bar pinchas grave marker upside down at wall

 

Über die Identität des „Grabsteininhabers“ hingegen besteht kein Zweifel und so können wir froh sein, den Stein, der einst an R. Awraham bar Pinchas K erinnern sollte, im düsteren und staubigen Keller eines Augsburger Museums wiederentdeckt zu haben. Bei besseren Lichtverhältnissen und/oder größerer Nähe zum Stein, lässt sich dieses „kleine Resträtsel“ sicher in absehbarer Zeit lösen. Da sich der Rabbi jedoch in mittelalterlichen Steuerlisten findet, wäre das konkrete Datum auf dem Grabstein eine Bestätigung anderweitig bereits bekannter Daten zu Reb Abraham.

 

Rabbi Awraham bar Pinchas K stone detail

dr-emmendoerfer-margit-hummel-jhva

Dafür gilt unser besonderer Dank unserer lieben Amei wie vor allem auch ganz besonders Herrn Dr. Emmendörfer, dem wir bereits am Folgetag eine Abschrift und Übersetzung zukommen lassen konnten.

Wir wünschen Herrn Dr. Emmendörfer weiterhin alles Gute bei seinen lobenswerten Bemühungen einige Versäumnisse vergangener Jahrzehnte aufzuarbeiten.

 

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