1298: Augsburgs Juden bauen einen Teil der Stadtmauer


Am 23. August des Jahres 1298 verpflichteten sich die Repräsentanten der Augsburger Judengemeinde im Namen aller Juden der Stadt einen Teil der Augsburger Stadtmauer aus eigenen Mitteln und aus eigener Arbeit zu errichten. Dies sollte binnen vier Jahren unter der Aufsicht und nach den Angaben der Stadtpfleger geschehen. In der Verpflichtung miteingeschlossen waren auch Juden, die zwischenzeitlich die Stadt verließen (und zuvor einen finanziellen Beitrag zu leisten hatten), als auch jene, die hinzuzogen. Falls der Bau nicht fachgerecht ausgeführt oder fristgerecht fertig gestellt wurde, waren die Stadtherren der Verpflichtung gemäß ermächtigt auf das Vermögen der Augsburger Juden zurückzugreifen. Der Urkunde angeheftet wurde das Augsburger Stadtsiegel und das Siegel der Jüdischen Gemeinde Augsburgs (chotam kahal ogspurk). Das Dokument wie das Siegel sind im Original erhalten und befinden sich im Augsburger Stadtarchiv am Stadtmarkt, wenige Fußminuten vom Baugelände.

Der zu bewältigende Bauabschnitt reichte der mittelhochdeutschen Urkunde gemäß

„ain mauer machen wellen vor unser chirchhof hindan fuer der stat maur zem heiligen chriuece untz an den graben, in vier iaren“

.

  Klinkermauer im Seldplan von 1521

(c) Städtische Kunstsammlung Augsburg

 

Als „Kirchhof“ oder andernorts „Judenkirchhof“ wurde der Friedhof der jüdischen Gemeinde bezeichnet. Zwar ist das Dokument der älteste erhaltene schriftliche Beleg für seine Existenz, dennoch kann man voraussetzen, dass er  schon früher bestanden hat. Möglicherweise aber nur für kurze Zeit, da das Areal nördlich und westlich der alten Augsburger Bischofsstadt erst in jenen Jahren in das Augsburger Stadtgebiet integriert wurde. In diesem Zusammenhang ist auch der Bau der Stadtmauer zu sehen. Dieser reichte nun vom „Judenkirchhof“ bis zum Kloster von Heilig Kreuz. Das entspricht der in späteren Augsburger Stadtkarten, die es erst seit dem frühen 16. Jahrhundert gibt, der „Klenker-„ oder „Klinkermauer“. Die Strecke der Mauer misst je nachdem wie man den Text deutet, 350 bis etwa 490 m. Allem Anschein nach wurde der Bau zur Zufriedenheit aller bereits im Jahre 1301, also einem Jahr vor Ablauf der gesetzten Frist im neuen Nordwesten der Stadt vollendet.

 

 

 

 

 

In diesen Tagen wurden bei Bauarbeiten am „Klinkertorplatz“ und entlang der Straße „An der Blauen Kappe“ in den 1870er Jahren überbaute Reste der Klinkermauer freigelegt. Für unsere Dokumentation der jüdischen Geschichte Augsburgs ist dies natürlich ein einigermaßen günstiger Glücksfall, da es uns so möglich war, den genauen Verlauf der Mauer an diesem Abschnitt zu vermessen und nachzuvollziehen. Da die Reste die zum Vorschein kamen freilich nur die Spitze eines einst bis zu sieben Meter in die Tiefe reichenden Bauwerks waren, hätten wir uns gerne eine weiter reichende auch in archäologischer Hinsicht fundierte Grabung ersehnt. Freilich sind die heutigen Interessen andere und so wurde ein Teil der Mauer, offenbar für eine Rohrverlegung, durchbrochen und die Ausgrabung relativ schnell wieder zugeschüttet. Wir haben die Bauphase trotzdem sehr ausführlich aus allen Winkeln photographisch und filmisch dokumentiert und werden die daraus gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen unserer Dokumentation veröffentlichen.

2 Responses to 1298: Augsburgs Juden bauen einen Teil der Stadtmauer

  1. Im Zusammenhang mit den Bauarbeiten am Klinkertorplatz
    interessiert mich, wie intensiv und gewissenhaft dort die STadtarchäologie tätig war.

    V. Schafitel

    • yehuda says:

      Unseren Beobachtungen nach handelte es sich wohl sprichwörtlich um Dienst nach Vorschrift. Ein Teil der freigelegten Mauer wurde auf Höhe der Tankstelle für ein Leitungsrohr durchbrochen. Tiefere Grabungen auf dem historisch sehr interessanten Altstadtgelände gab es nicht.

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