Das rätselhafte Gräberfeld an der Grottenau


 

Archäologische Grabungen am Augsburger Ernst-Reuter-Platz, wo ab Herbst dieses Jahres der Spatenstich für die neue Augsburger Stadtbücherei geplant ist, legten kürzlich ein altes Gräberfeld frei. Die nach Osten ausgerichteten Gebeine ohne jegliche Grabbeigaben werfen Fragen auf, um welche Gräber es sich handelt und wann sie angelegt wurden. 

ernst-reuter-platz-augsburg-graberfeld.jpg

 

Spekuliert wird, ob die sechs bislang gefundenen Gräber (zunächst waren drei entdeckt worden), die anstelle eines hier vermuteten antiken römischen Kastells unter der Aufsicht des Grabungsleiters Stephan Kaltwasser vom Freien Institut für angewandte Kulturwissenschaft (FIAK) zu Tage traten, aus römischer, spätrömischer oder gar mittelalterlicher Zeit stammen. Der Augsburger Stadtarchäologe Dr. Sebastian Gairhos mutmaßt gemäß einem Artikel der Augsburger Allgemeinen, die Funde könnten aus dem 4. oder 5. Jahrhundert stammen, stellt aber auch fest, dass sich am heutigen Ernst-Reuter-Platz „im Mittelalter“ Gärten der nahe liegenden Patrizierhäuser befanden. Da freilich nicht davon ausgegangen werden kann, dass deren Bewohner ihre Toten im Garten begruben, deute vieles aber auf Römer hin. Das Fehlen von Grabbeigaben erklärt sich Gaierhos damit, dass hier vielleicht Christen oder sehr arme Leute begraben wurden. Unter zeitlichem Druck, so heißt, stünden die Archäologen nicht, da bis zum Baubeginn der geplanten Stadtbücherei zwischen Grottenau und Stadtmarkt der „archäologische Krimi“ in Ruhe untersucht werden könne. 

Man fragt sich freilich, was es nun eigentlich sein mag, was auf Römer deuten soll, da bekanntlich Römer ihre Toten nicht in der Erde bestatteten, sondern verbrannten. Auch ist unklar, warum Gräber ohne christliche Grabbeigaben ein Beleg für christliche Gräber sein müssen, wo sonst solche eben gerade erst durch ihre Grabbeigaben als solche identifiziert werden können. Auch die Ausrichtung der Gräber nach Osten, die für christliche Gräber bis heute nicht signifikant ist, deutet möglicherweise in eine ganz andere Richtung.  

Von den Grabfunden zur heutigen Karlstrasse, der alten Judengasse an der Ecke Kesselmarkt sind es entlang der Ludwigstraße und der Kleinen Grottenau gerade einmal 170 m. Sollte die heutige Ludwigstrasse, die nur durch ihre heutige Namensgebung von der Karlstraße, aber in keiner Weise räumlich von ihr getrennt ist, sondern diese fortsetzt, auch in früherer Zeit zu hochmittelalterlichen Judengasse gehört haben, was keineswegs  verneint werden kann, wären es jedoch nur bloße 60 m. Denkt man sich zudem noch die heutigen Bauten an der Südseite der Ludwigstraße weg, die es nötig machen, über die Kleine Grottenau zum Grabplatz zu gelangen, wäre die Strecke nochmals ganz bedeutend kürzer und betrüge nur mehr wenige Meter. Wäre hier tatsächlich ein jüdischer Friedhof gewesen, wäre er in direkter Nachbarschaft zu Judengasse gewesen und hätte unmittelbar an sie angegrenzt.  

Gab es hier also einen alten jüdischen Friedhof in der Augsburger Innenstadt? Das wesentlichste Argument dagegen dürfte sein, dass sich unweit des Judenviertels im Nordwesten der Altstadt doch ein historisch belegter Friedhof befand, der in alten Dokumenten und Karten als „Judenkirchhof“ bezeichnet ist. In einer erhaltenen Urkunde aus dem Jahre 1298 verpflichteten sich die Augsburger Juden gegenüber den oberen der Reichsstadt sogar dazu auf eigene Kosten und unter dem Pfand all ihres Vermögens, eine Mauer zu errichten, um die Stadt und den Friedhof zu sichern. Noch bis ins 19. Jahrhundert hieß die Ummauerung in Augsburger Stadtkarten demgemäß auch Judenwall und die dort später errichtete militärische Befestigung Judenbastei. All dies ist bekannt und ausreichend dokumentiert. Jedoch geht aus keinem Dokument auch hervor, dass der durch die Mauer im Jahre 1298 gesicherte Friedhof bereits belegt war. So gibt es auch keinen Beweis dafür, dass mit der Mauer auch der Friedhof selbst erst angelegt wurde. Verbürgt aber ist, dass es zumindest seit 1210 eine jüdische Gemeinde in der Stadt gab, mit Synagoge, Tanzhaus und eigenem Ritualbad. Gleichfalls sicher ist, dass Augsburg im 13. Jahrhundert sich territorial ausdehnte, auch gerade nördlich der alten Bischofsstadt. Es ist demnach durchaus plausibel anzunehmen, dass der Judenkirchhof Teil dieser Erweiterungen war, die sich östlich davon bis zum Fischertor an der heutigen Frauentorstraße erstreckten, die zunächst Windgasse hieß. Wenn nun aber der jüdische Friedhof am Judenwall erst in dieser Zeit entstanden ist, dürften sich dort keine Gräber aus dem 13. Jahrhundert dort befinden. Solche sind in der tat auch nicht nachweisbar. Dann freilich stellt sich die Frage, wo die seit mindestens neun Jahrzehnten existierende jüdische Gemeinschaft zuvor ihre Toten bestattet haben könnte. Dass dies ganz in der Nähe der Judensiedlung an der historischen Judengasse geschehen sein soll, ist alles andere als abwegig. Die spätere, im oben zitierten Zeitungsartikel erwähnte Nutzung des Geländes als Gärten von Patrizierhäusern ist ohnehin erst für das frühe 16. Jahrhundert belegt, als es längst keine jüdische Gemeinde mehr in der Stadt gab. Diese verließ Augsburg in den Jahren 1438 bis 1440. Jahre danach beschlagnahmte die Reichsstadt die Grabsteine des Judenkirchhofs und verbaute sie im ersten steinernen Rathaus der Stadt und an anderen Stellen.  

  

(yehu, 25.06.2006) 

Quellen:

 Augsburger Allgemeine,  13.04.2006, 

 Augsburger Extra – Wochenzeitung für Augsburg, 19.04.2006 

  

zuerst veröffentlicht :

Juni 27, 2006 at 9:41 vormittags  http://tinyurl.com/27eemk

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