Eine unsterbliche Botschaft


 

 

 

Mietek Pemper

 

 

 

 

Man könnte Mietek Pemper für vieles bewundern, ist er doch keineswegs ein rüstiger Rentner, sondern ein ebenso viel beschäftigter Geschäftsmann wie umsichtiger Autofahrer und kann im Alter von 87 Jahren auf ein langes, erfülltes Leben zurückblicken. Nicht minder voll ist allerdings auch sein Terminkalender, der ihn nebenbei bei zahlreichen Reisen von der einen Ehrung zum nächsten Vortrag führt. Vor wenigen Tagen erst wurde er in der israelischen Botschaft in Berlin mit der Carnegie-Medaille als „Held der Zivilisation“ ausgezeichnet, zusammen mit Oskar Schindler, seinem bereits 1974 verstorbenen Lebensretter. Dass er mit ihm nun auf eine Stufe gestellt wird, behagt Mietek Pemper nicht so recht, müsse zwischen ihm und Schindler doch ein Abstand bleiben, wie er betont. Es ist keine vorgespielte Bescheidenheit, wie man sie bei Preisempfängern oft vernimmt, die ein Lob zurückweisen, um zweimal gelobt zu werden, sondern Ausdruck seines Charakters, maßgeblich verantwortlich für jene ergreifende, dramatische Geschichte, die sein Leben prägte und Stoff für Steven Spielbergs mit mehreren Oscars prämierten Film „Schindlers Liste“ bot, für den Mietek Pemper dem Erfolgsregisseur als maßgeblicher Beteiligter, als Augenzeuge und beratend zur Seite stand. 1200 Namen standen ursprünglich auf der nunmehr zu Weltruhm gelangten Liste, doch rechnet man deren Nachkommen mit ein, so sind es heute bereits mehr als 6000 Menschen die dem Retter Schindler ihr Leben verdanken und mit ihnen werden es mehr werden. Viele Gründe für Pemper, um sich für die Erinnerung an den Retter einzusetzen, zu dessen 100. Geburtstag 2008 eine Briefmarke erscheinen wird. Pemper selbst hatte sich dafür stark gemacht, zunächst beim Bürgermeister Augsburgs, wo er seit 1958 lebt. Dort wurde er in diesem Jahr mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt ausgezeichnet, eine Auszeichnung die ihm 2001 bereits die Universität Augsburg zuerkannte, weil er wie es in der Laudatio hieß „maßgeblich dazu beitrug, dass aus der Auslöschung der deutschjüdischen Gemeinschaft durch den nationalsozialistischen Rassenwahn die Hoffnung auf eine schließliche deutsch – jüdischen Versöhnung erwuchs“. Diese Hoffnung verkörpert Mietek Pemper in der Tat wie kaum ein anderer und so ist er unermüdlich in seinem Bemühen, als Zeitzeuge einer finsteren Epoche uns Ahnungslosen Rede und Antwort zu stehen, und Auskunft darüber zu geben, wie inmitten einer geistigen Hochkultur ein Absturz in die Barbarei möglich war und wie er Unerträgliches ertrug.  

 

Der 1920 in Krakau gebürtige Mieczysław Pemper wuchs in einem eher konservativen jüdischen Elterhaus auf. Zwar war seine Familie nicht orthodox ausgerichtet, jedoch spielten regelmäßige Synagogenbesuche, wie auch Kontroversen über den samstäglichen Schulbesuch eine Rolle. Wie vielen anderen entging auch den Pempers nicht die bedrohlichen Entwicklungen im damaligen Europa und im deutschen Nachbarland. Wenig Zeit verging jedoch zwischen seinem Abitur und der Aufnahme seines Studiums der Rechtswissenschaften und Wirtschaftslehre bis zum Einmarsch der deutschen Truppen in Polen, die den Zweiten Weltkrieg auslösten. Doch ein wieder aufflackernder Hass auf Juden war auch schon zuvor in Polen virulent und führte etwa dazu, dass noch 1938 an der Universität für jüdische Studenten separate Bänke eingerichtet wurden. Als dies zunächst von den Juden ignoriert wurde, wurden ihnen negative Zensuren für das Fehlverhalten erteilt, worauf sie den Unterricht stehend verfolgten. Mit dem deutschen Einmarsch in Polen wurden jedoch die polnischen Hochschulen für alle, auch für Nicht-Juden geschlossen.  

 

Nunmehr sollte Mietek Pemper, dessen Familie nun im Krakauer Ghetto Nachbarn der Familie Roman Polanskis waren, im Rahmen der Zwangsarbeitsverpflichtung im Büro der jüdischen Gemeinde arbeitete, zunächst vor allem davon profitieren, dass er eine deutschsprachige Großmutter in Breslau hatte und seine Sprachkenntnisse auch in der Schule in Intensivkursen weiter vertieft hatte und unter den deutschen Besatzern zum Übersetzer wurde. Der Umstand, dass er dabei die Sprache oftmals weit besser noch beherrschte und dass auch sein Polnisch anders als bei vielen polnischen Juden ohne jiddischen Akzent auskam, prädestinierte ihn wohl für seinen weiteren Weg, der ihn als Gefangenen bereits früher erkennen ließ, in welche Richtung sich alles entwickeln würde, als andere noch nicht einmal begriffen hatten, dass sie nunmehr Gefangene waren. Sein akademischer Sachverstand wie auch sein exzellentes Gedächtnis, dass ihn auch heute noch nicht ihn Stich gelassen hat und es ihm ermöglicht, im Gespräch wortgetreue Dialoge wiederzugeben, ermöglichte es ihm in einem Umfeld zu überleben, in dem ein einzelnes Menschenleben nichts mehr Wert war. Dies kristallisierte sich umso mehr heraus, als Pemper 1943 schließlich Sekretär von Amon Göth, dem zwölf Jahre älteren Leiter des KZ Plaszów bei Krakau wurde. Der Wiener Göth sammelte „Erfahrungen“ in Vernichtungslagern wie Belzec, Sobibor und Treblinka, ehe er Ende 1942 die Liquidierung des Ghettos von Krakow durchführte und im Februar 1943 die Kommandantur über das Lager Plaszòw übernahm. Seinen Spitznamen Schlächter von Plaszow bekam Göth, der ca. 1,92 Meter groß und 120 kg schwer war, für seine “Vorliebe”, morgens mit einem Präzessionsgewehr auf Häftlinge zu schießen oder sie von seinen beiden Hunden, Dogge “Rolf” und dem Schäfer “Alf” zerfleischen zu lassen. Wenigstens 500 Menschen brachte er eigenhändig um. Jedes Mal nachdem Göth einen Menschen ermordetet hatte, forderte er zusätzlich noch die Karteikarte des Ermordeten an, um schließlich auch dessen Verwandte töten zu lassen, da er keine „unzufriedenen Leute” in „seinem“ Lager haben wollte. Für den schmächtigen, wesentlichen kleineren Mietek Pemper war der tagtägliche Umgang mit Göth folglich ein Tanz auf dem Vulkan, denn jede Kleinigkeit oder Laune hätte für den „Sekretär“, Stenograph und Übersetzer jederzeit tödlich enden können – und nicht nur für ihn. Welche Selbstdisziplin und Konzentration es dabei erforderte von früh bis spät unter unmittelbarer Todesangst und beständiger Lebensgefahr in den Diensten eines gewissenlosen, kaltblütigen Mörders fehlerlos und sorgsam zu arbeiten, kann man kaum nachvollziehen, doch Mietek Pemper vollbrachte dieses „Kunststück“ und sammelte in seiner Tätigkeit, die ihn mit vielen geheimen Dokumenten in Kontakt brachte, wertvolle, lebensrettende Informationen und manches mal gelang es ihm sogar, den intellektuell weit unterlegenen Göth zu beeinflussen und so beispielsweise die in den meisten anderen Konzentrationslagern übliche Tätowierungen mit rein technischen Argumenten auszureden. „Göth lebt wie ein Pascha, während unsere Soldaten im Osten sterben“, zitiert Pemper dessen SS-Untergebene. Diese zeigten ihn schließlich auch wegen persönlicher Bereichung und Unterschlagung von „Reichseigentum“ an, wozu alles gerechnet wurde, was das Regime selbst Juden und anderen unter der Besatzung geraubt hatte. Göth wurde daraufhin am 13. September 1944 in Wien von der SS verhaftet, jedoch kam es bis zum Kriegsende nicht mehr zum Prozess. Als Pemper nun unter die Obhut des Industriellen Oskar Schindlers kam, war es als ob er nach einem Teufel einem Engel diente. Ein Engel im klassischen Sinne war Schindler freilich nicht. Der wie Göth 1908 geborene sudetendeutsche Fabrikantensohn war angeblich noch vor der deutschen Besetzung und Zerschlagung der Tschechoslowakei Agent für den Geheimdienst unter Wilhelm Canaris und wurde, enttarnt für den Verrat tschechischer Eisenbahngeheimnisse wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Lediglich der deutsche Einmarsch rettete ironischer Weise den späteren Lebensretter das Leben. Die Uniformen für den von den Nazis inszenierten Überfall Polens auf den deutschen Sender Gleiwitz, den das Nazi-Regime der Weltöffentlichkeit als Grund für den Angriff auf Polen anführte, hat nach den Ergebnissen des US-amerikanischen Holocaust-Forschers David Crowe niemand anderes als Oskar Schindler besorgt. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen begab sich Schindler sodann auch in der Absicht, geschäftlich davon profitieren zu können, nach Krakau und übernahm im Oktober 1939 eine Emailwarenfabrik, die zuvor einem Juden gehört hatte. Die kleine Fabrik in Zablowic nahe Krakau, die nunmehr Küchengeräte für die Wehrmacht herstellte, wuchs rasant und beschäftigte Ende 1942 bereits etwa 800 Gefangene – rund die Hälfte von ihnen stammte aus dem Krakauer Ghetto. Schindler, ein Lebemann und Glücksspieler, genoss das Leben in vollen Zügen, war dem Alkohol zugeneigt und hatte zahlreiche Affären, wobei Pempers Einschätzung gemäß die Initiative meist von den Frauen ausging. Was ihn nun aber von den zahlreichen anderen Kriegsgewinnlern unterschied, war vor allem die menschliche Behandlung seiner Arbeiter. Nach und nach wandelte sich seine ursprüngliche, schnöde Absicht, sich zu bereichern, zu dem ebenso bemerkenswerten wie gefährlichen Anliegen, so vielen Juden wie möglich das Leben zu retten. 

 

Im März 1943 wurde das Krakauer Ghetto geräumt und die verbliebenen Juden in das Arbeitslager Plaszow gebracht. Er überzeugte seinen Saufkumpan Göth, ihm die Einrichtung eines privaten Unterlagers für seine jüdischen Arbeiter bei seiner Fabrik zu erlauben, wo er ihnen auf dem Schwarzmarkt erworbene Lebensmittel zu den Ernährungsrationen bot. Als es nach der deutschen Niederlage bei Stalingrad zu einem Wechsel in der Politik der Nationalsozialisten kam, war dabei die Einstufung seiner Fabrik als „kriegswichtige Produktion“ ausschlaggebend, die ihm von der deutschen Militärverwaltung des besetzten Polens eingeräumt worden war. Dabei profitierte Schindler auch maßgeblich von Pempers reichhaltigem Insiderwissen. Aufstellungen über alle technischen Anlagen wurden vorgenommen und aufgelistet, für welche Fabrikation sie eingesetzt und welche als „kriegswichtig“ gelten konnte. Schindler trickste nun, fälschte Papiere und gab sogar Kinder oder Akademiker als qualifizierte Metallarbeiter aus, was ihn oftmals unter den Verdacht brachte, seine jüdischen Häftlinge zu begünstigen und in Konflikt mit der Gestapo brachte. Mit dem immer weiterreichenden Vorstoß der Roten Armee und der damit einhergehenden „Liquidierung“ zahlreicher Lager wurde die ohnehin unfassbare Situation immer bedrohlicher, da nunmehr der Weg vieler direkt in die industrielle Vernichtung Auschwitz’ führte. Schindler und seinen Helfern gelang es aber nach und nach immer noch mehr Juden auf seine Liste zu bekommen und sie oft unter dramatischsten Umständen zu retten – unter anderem gelang es, in Auschwitz die Freilassung von Frauen auszuhandeln, indem der Gestapo 7 Mark pro Tag und Kopf versprochen wurden, der einzige dokumentierte Fall, in der eine größere Gruppe das Vernichtungslager verlassen konnte, solange es in Betrieb war. Bis zuletzt rechtfertigten Schindler und seine Frau Emilie die Wichtigkeit ihrer Juden und des Betriebs für den deutschen „Endsieg“, an dem zu Beginn des Jahres 1945 allenfalls noch Wahnsinnige glauben konnten.  

 

Während Schindler in den letzten Kriegstagen sich nach Deutschland durchschlug, kehrte Mietek Pemper nun nach Krakau zurück, wo er davon erfuhr, dass auch seine Mutter unter glücklichen und ungewöhnlichen Umständen überlebte, als nämlich SS-Führer Heinrich Himmler, ohne Wissen Hitlers seinen persönlichen Masseur, den in Estland geborenen Felix Kersten, der häufig nach Schweden reiste, beauftragte, dort Kontakte zu einem Vertreter des Jüdischen Weltkongresses anzubahnen. Als Gegenleistung für die Freilassung jüdischer KZ-Häftlinge sollte der Kongress die US-Regierung dazu bewegen, Deutschland ihrerseits gewisse Konzessionen zu machen, die den ersten Schritt zu einem erhofften Waffenstillstand an der Westfront darstellen sollten, überzeugt, dass Briten und Amerikaner eine sowjetische Vorherrschaft in Europa nicht hinnehmen und früher oder später eine Übereinkunft mit Deutschland suchen würden, um den weiteren Vormarsch der Roten Armee in Europa zu stoppen. Im Februar 1945 traf sich Kersten in Stockholm mit einem hochrangigen Delegierten des Jüdischen Weltkongresses, Hillel Storch, der ihm zu Händen Himmlers eine Liste mit Forderungen übergab. Dazu gehörte als wichtigster Punkt die Freilassung zumindest eines Teils der noch in KZs inhaftierten Juden.

 

 
In der Nachkriegszeit vollendete Pemper sodann sein Studium in Krakau als Magister in Ökonomie und war zuvor noch ab dem Sommer 1945 Dolmetscher und Zeuge bei den Kriegsverbrecher-Prozessen in Polen, u.a. auch als Hauptzeuge im Prozess gegen Amon Göth, der nun wegen seiner Verantwortung für die Ermordung von mehr als 8.000 Menschen allein im Lager Plaszow, weiterer 2.000 Menschen bei der Liquidierung des Ghettos in Krakau-Podgórze am 13. und 14. März 1943 sowie bei Hunderten von Morden bei der Auflösung der Ghettos in Szebnie und Tarnów angeklagt wurde. Die Amerikaner hatten Göth an die Polen ausgeliefert, weil sie befanden, dass sich sein „Wirken“ fast ausschließlich auf das polnische Territorium beschränkte. Beim Verlesen der Zeugenliste in der Anklageschrift hatte er nach dem Zeugnis des Chefanklägers Dr. Jan Sehn wörtlich ausgerufen: „Was? So viele Juden? Und uns hat man immer gesagt, da wird kein Schwanz übrig bleiben“. Göth gab an „nur Befehle“ befolgt zu haben, doch Pemper sagte als zwölfter Prozesszeuge aus, dass Göth ganz offensichtlich auch ohne Befehl Menschen getötet hat, auch weil es schlicht unmöglich war, dass er sich für jeden einzelnen Fall der Tötung die Genehmigung seiner vorgesetzten Behörde hätte holen können. Göth, dessen Verteidigung damit in sich zusammen brach, wurde vom Gericht in Krakau zum Tode verurteilt und gehängt. Die Nachricht von seinem Todesurteil wurde in der ganzen Stadt plakatiert und auch seitens der polnischen Bevölkerung mit großer Beachtung aufgenommen.  
 Mietek Pemper blieb bis zum Tod seiner kranken Mutter, die er pflegte, in Polen und übersiedelte hernach 1958 nach Deutschland, wohin er seinem Bruder folgte. Während dieser jedoch nach Hamburg verzog, blieb Pemper letztlich dann doch in Augsburg, wo er am Fuße des Judenbergs unweit des früheren mittelalterlichen jüdischen Viertels bis heute in seinem Büro als Unternehmensberater und Immobilenhändler tätig ist. Auch mit Oskar Schindler hatte er wieder zu tun. Schindler, von dem Pemper sagt „er war ein außergewöhnlicher Mensch aber nur für außergewöhnliche Zeiten“, lebte zunächst fünf Jahre in Regensburg, ehe er sich in Argentinien erfolglos als Tierzüchter und Fellhändler versuchte und schließlich nach seiner Rückkehr 1961 bis zu seinem Tod in Frankfurt am Main und abwechselnd in Jerusalem wohnte. Pemper bemühte sich damals auch darum, seinem Beschützer und Retter, der in den letzten Kriegsjahren sein gesamtes finanzielles Vermögen aufbrauchte, um seine Arbeiter vor dem sicheren Tod in Sicherheit zu bringen, finanzielle Entschädigung für seinen Fabrikbesitz zu erzielen. Doch in der frühen Nachkriegszeit konnte man manches Mal den Eindruck gewinnen, als wäre dies leichter gewesen, wenn man nicht 1000 Juden gerettet, sondern getötet hätte. Über die heute so berühmte Geschichte sprach Pemper in den ersten Jahrzehnten kaum und schon gar nicht öffentlich. Auch als er im April 1993 auf Einladung von Spielberg bei den Dreharbeiten in Krakau war, fragte er sich, wie der Film besonders in Deutschland wohl ankommen würde und rechnete damit, dass er ebenso ignoriert würde wie das Buch des Australiers Thomas Keneally, auf dem Spielbergs Film basiert. Hier irrte sich Pemper, der im Film mit seinem Freund Itzak Stern zu einer Person vereint wurde, nur einmal kurz wird beim Verlesen einiger Namen der Liste zur Einblendung einzelner Darsteller auch kurz der Name Mietek Pemper erwähnt. Damit beginnt natürlich auch die Frage nach der Authentizität des Films und den Schwierigkeiten komplexe Sachverhalte unter oft völlig chaotischen mitunter aber auch absurd pedantischen Bedingungen zu vermitteln. Schon um die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht zu überfordern war es nach Spielbergs Auffassung erforderlich sich auf wenige Protagonisten zu konzentrieren. Aus Gründen der Dramaturgie hatte er auch die Entstehung der Liste stark vereinfacht dargestellt. Im Film diktiert sie Schindler sie einfach. Aber 1000 Namen mit Geburtsdatum, Beruf usw. auswendig aufzusagen, wäre nicht möglich gewesen. Tatsächlich wurde daran jedoch in der Lagerkommandantur viele Tage lang bearbeitet. Andererseits aber sparte der Film natürlich auch reale Szenen aus, wie etwa die Zerfleischung von Menschen durch Hunde, die einem breiten Publikum nicht zu vermitteln wären. Pemper selbst wurde auch von einem dieser Hunde am Ellenbogen gebissen und er zeigt während des Gesprächs seine noch heute sichtbare Wunde. Damals musste er weiter in Göths Schreibstube arbeiten. Film und Wirklichkeit haben also durchaus eine unterschiedliche Färbung, doch wer außer den Zeitzeugen weiß es noch? Anders als rein dokumentarischen Werken, gelang es Spielbergs Film aber eben auch ein Publikum von inzwischen 200 Millionen Menschen zu erreichen und eine Breitenwirkung zu erzielen, die sonst nicht möglich wäre. 

 

 

Mietek Pemper, der Mann der in seinem langen Leben vielen Mächtigen und Ohnmächtigen, machtbesessenen und – missbrauchenden Menschen begegnet und trotzdem vor allem er selbst geblieben ist, ist es heute vor allem ein Anliegen, dass man versteht, wie diese Ereignisse damals möglich waren und so nutzt neben seinem Buch das er geschrieben hat, bei häufig strapazierten Stimmbändern seine Kraft, um in Vorträgen zu erzählen von seiner Geschichte, von Schindler und von jener Zeit, die für uns jungen Generationen oft in Metaphern und Begriffen hängen bleibt. Zwar ist er unverheiratet und kinderlos geblieben, doch vielleicht kann man in einem bestimmten Sinne die Nachkommen der „Schindler-Juden“ auch als seine Kinder ansehen, jedoch ist Pemper wie auch immer keineswegs ein Opfer oder Gefangener seiner Erinnerungen, sondern ist trotz seines fast biblischen Alters geistig vital, vielseitig interessiert und belesen und man kann sich kaum ein Thema denken, bei dem er nicht informiert mitreden und etwas Kluges mit feinsinnigem Humor anzumerken versteht, häufig natürlich in Form von Geschichten und Anekdoten, die er im Laufe seines Lebens aufgesogen hat. Das kann sich auf Napoleon beziehen oder auf Goethe, etymologische Erklärungen über den slawischen Ursprung des Namens Porsche oder aber Betrachtungen über das mittelalterliche Augsburg, immer wieder auch lateinische Zitate, die er noch aus seiner Schulzeit kennt oder aus Werken der Weltliteratur, die er im Original gelesen hat … und wenn sein Gedächtnis ihn ausnahmsweise doch einmal etwas im Stich lässt, so steht auf, geht zu einem Bücherregal und weiß zumindest ganz genau, wo er nachschlagen muss. So ist er natürlich auch informiert über die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und macht sich auch manche Sorge über die Zukunft der jüdischen gemeinden in Deutschland. Er weiß von der Bedrohung die mitunter auch von radikalen Islamisten für Juden ausgehen, bringt seine Sorgen dazu aber nicht ohne Gegenbeispiel zum Ausdruck. Als er kürzlich in München einen Vortrag vor Schülern hielt, stand am Ende eine Gruppe geschlossen auf und ging Richtung Ausgang. Dort standen sie dann eine Weile abseits und warteten, sprachen mit dem Lehrer. Dieser kam später zu Mietek Pemper, der das Verhalten zunächst nicht einschätzen konnte, und erzählte ihm, dass diese Schüler Muslime waren und ihn baten, Pemper für seinen Vortrag zu danken. Deutschen Schülern schärft Pemper immer wieder ein, dass das Nazi-Regime nicht nur jüdische Menschenleben kostete und stellt immer wieder fest, dass nur wenige von ihnen auch nur ahnen, dass auch Millionen Deutsche im Krieg ums Leben kamen, sondern oft nur Erfolgsgeschichten über Blitzkriege verinnerlicht haben. Diese Unbedarftheit beunruhigt ihn. Der Historiker Ian Kershaw sagte eins, dass der Weg nach Auschwitz mit Gleichgültigkeit gepflastert war („… was paved with indifference“). Die Antwort des kleinen, bescheidenen Mannes darauf besteht darin zu reden und zu vermitteln, auch wenn es erkennbar ist, dass sein Kraftaufwand dafür enorm ist. Doch scheinbar genügen ihm kleine Momente der inneren Ruhe, um aus der Erschöpfung mit einer lustigen Anekdote oder einem Witz das Gespräch immer wieder aufzunehmen. Einzig die Frage danach wie sehr Spielbergs Film sein Leben verändert hat, veranlasst ihn zu einem längeren Schweigen. Eine dumme Frage vielleicht, aber er kontert sie nach einigem Überlegen … natürlich mit einem Witz.  

 

          Yehuda Schenef und Jan Stern

(Juli 2007)

 

(als Artikel erschienen im “eurojournal pro mangement” 02/2007)

2 Responses to Eine unsterbliche Botschaft

  1. Svenja Prautsch says:

    Ich bin Schülerin der 11. Klasse am Lerchenberggymnasium Altenburg (Thüringen). Da wir in Kürze beginnen, unsere Seminarfacharbeit zum Thema “Oskar Schindler – vom NSDAP-Mitglied zum Held einer Generation unter besonderer Beatrchtung der Bewggründe für seine Taten sowie die Bedeutung seiner Person in der Gegenwart” zu schreiben beginnen, wollte ich im Namen meiner Mitstreiterinnen fragen, ob eine Kontaktaufnahme zu Mietek Pemper möglich wäre? Es wäre sehr hilfreich für uns, da wir in unsere Arbeit auch eine Analyse seiner sowie Schindlers Person einbinden wollen.

    Mit freundlichen Grüßen, Svenja Prautsch

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