Jüdischer Friedhof Haunstetter Straße


Insgesamt haben wir nach aktuellem Stand (15. Juli 2007) 968 ausgewiesene Gräber (Grabstein oder zumindest noch Sockel ist erhalten) erfasst, wobei sich speziell im Eingangsbereich der Ostseite eine Reihe verwaister ehemaliger Gräber befinden, deren Steine offensichtlich zerstört wurden. Hierbei handelt es sich mutmaßlich vor allem um Kindergräber. Sie wurden nicht mitberechnet. 

 

Die Anlage misst in genauer Ost-West-Ausrichtung auf der südlichen Seite 218 m und auf der nördlichen 215 m. Die Ostseite misst 48m, das noch nicht belegte Westende mit Zugang zum „Alten Postweg“ 36 m. Der Friedhof ist durch einen durchgehenden Weg von Ost nach West in zwei Hälften unterteilt. In etwa der Mitte des Durchgangswegs befindet sich die Aussegnungshalle, im hinteren Teil am Westende ein großer siebenarmiger Leuchter aus Stein, der zugleich auch Wasserspender ist.  

 

An der Südseite, die jenseits der Mauer an die Berufsschule angrenzt, befinden sich an deren Wesende neuere Gräber jüdischer Frauen, meist russsicher Herkunft. Ihnen gegenüber finden sich Begräbnisstätten russischer männlicher Juden. Diese strikte Trennung wird freilich nur im neueren westlichen Teil des Friedhofs eingehalten, wenngleich auch nicht strikt. In den älteren Teilen finden sich Männer und Frauen gemischt, häufiger auch in gemeinsamen Gräbern von Ehepaaren, manches auch mit deren Kindern. 

 

Für die Aufschlüsselung der nicht immer parallel verlaufenden Reihen in der Süd- und Nordhälfte werten wir die Reihen einzeln als S = Süd und N = Nord. Die Südhälfte verfügt über 62 Grabsteinreihen, die Nordhälfte über 58 Reihen. Jede Reihe verfügt zwischen 2 und maximal 15 Grabsteine, im Durchschnitt also etwa 8. Zusätzlich befindet sich etwa in der Mitte an der südlichen Mauerseite ein Ehrenmahl der früheren Gemeinde für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Hier wird mit drei eingelassenen Tafeln insgesamt 24 Soldaten gedacht. Zu Füßen der Gedenktafeln befinden sich zusätzlich noch sechs kleine Grabsteine, für weitere gefalle, offenbar tatsächlich vor Ort bestattete Soldaten, deren Anzahl nicht ermitteln lassen, da größere Teile der Inschriften von Moos überwuchert und somit unleserlich sind. Im Südteil nun befinden sich insgesamt 504, im gegenüberliegenden Nordteil 464 Gräber. 

 

Stilistisch unterscheiden sich die Grabsteine sehr auffällig. Während im älteren Ostteil (meist um 1900 – 1920), vor allem teilweise erheblich verwitterte aber auch mutwillig zerstörte Kalksteine finden wird der moderne Westen (etwa ab 1990) von neuen hochglänzenden Marmor dominiert. Im Mittelteil findet man freilich den größeren Variantenreichtum, vor allem aus der Zeit zwischen 1910 – 1930, mit zahlreichen individuellen Monumenten, teilweise aus Marmor, die auch Gestalt von Obelisken annehmen können. Abgebrochene Säulen etwa symbolisieren, dass die Verstorbenen zu früh in einem noch recht jungen Alter aus dem Leben schieden. 

 

 Die Inschriften erfolgten fast überwiegend in deutscher Sprache, meist begleitet von gängigen hebräischen Kürzeln wie פנ für po nikbar (hier ist begraben) oder תנצבה für tehi nischmato zrura bizror hachajim was eine Wendung aus dem ersten Buch Samuel wiedergibt und in etwa bedeutet: „seine Seele sei umhüllt im Bund des Lebens“. Öfter sind Kannen auf Gräbern zu finden, was eine levitische Abkunft des Toten bezeugt, seltener hingegen finden sich segnende Hände als Hinweis auf einen Kohen.  

 

Bestattet ist hier auch eine Reihe prominenter Personen, wie etwa Dr. Richard Grünfeld (1863 – 1931), (Grab S 31.3) Rabbiner in Augsburg von 1910-1929 und sein Vorgänger (Grab S 27.1) Dr. Heinrich Gross (1835 – 1910), beide mit ihren Frauen, die berühmte Kaufmannsfamilie Landauer, diverse Bankiers und sogar ein US-amerikanischer Konsul aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen. 

 

Viele der älteren Grabsteine befinden sich freilich in einen kläglichen Zustand und bedürften dringend der Sanierung und Dokumentation, sollen sie auch weiterhin Zeugnis ablegen können über rund ein Jahrhundert jüdischen Lebens in Augsburg. Dies wird umso dringlicher, als der Friedhof in absehbarer Zeit seine Kapazitäten ausgeschöpft haben wird.

hochfeld-jewish-cemetery-augsburg hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-detail-2

hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-menora-memorial hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-detail

hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-children-grave-markers hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-dead-bird-figure hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-landauer-memorial hochfeld-jewish-cemetery-augsburg-grave-of-rabbi-richard-gruenfeld

9 Responses to Jüdischer Friedhof Haunstetter Straße

  1. […] Jüdischer Friedhof Haunstetter Straße July 2007 8 comments […]

  2. yehuda says:

    Hallo M.,

    prinzipiell kann “das” Google nur wiedergeben, was angeboten wird. Der jüdische Friedhof an der Haunstetter Str. im Augsburger Stadteil Hochfeld wurde 1944 bei US-amerikanischen Bombardements der benachbarten Messerschmidt-Werke von zumindest einer Fliegerbombe getroffen. Das bisherige Tahara-Haus wurde komplett weggesprengt, zahlreiche umliegende Grabsteine durch die Detonation umgestoßen. Die meisten von ihnen wurden dabei aber nur leicht beschädigt. Zeitgenössische Augnahmen zeigen auch, dass ein Teil der Mauer weggesprengt wurde.

    Schwerwiegender als diese verhältnismäßig geringen Schäden ist freilich, dass in den benachbarten KZ-Lagern sehr viele (auch jüdische) Zwangsarbeiter bei der Bombardierung ums Leben kamen.

    Die Einschüsse speziell im “vorderen” (also an der Haunstetter Str. gelegenen) Teil des Friehofs stammen Augenzeugenbrichten gemäß von “Schießübungen” von Wehrmachtssoldaten, ca. aus der Zeit um 1942.

  3. M. says:

    Hallo,

    ich hätte da mal eine historische Frage. Wie kam es denn dazu, dass während des 2. Weltkrieges der Friedhof erhalten blieb? Oder ist er wieder aufgebaut worden? Warum haben mehrere ältere Grabsteine schussähnliche Schäden? Diese Frage interessiert mich schon länger und leider gibt das Google nicht so viel her….
    Freue mich auf Ihre Antwort,

    MfG M.

  4. yehuda says:

    Ein Besuch der beiden Friedhöfe ist aus gegensätzlichen Gründen – der eine wird aktuell noch genutzt, der andere seit langem nicht mehr – prinzipiell nicht möglich. Allerdings besteht bei begründetem Interesse die Möglichkeit bei der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg für die Friedhöfe an der Haunstetter Straße und in Kriegshaber einen Termin oder Führungen zu vereinbaren: http://www.ikg-augsburg.com

    Für den Krieghaber Friedhof können Sie sich bei einem gleichfalls begründetem (etwa familiären, genalogischen, etc.) Anliegen auch an uns wenden:

    info@medinat-schwaben.org

  5. Manfred Ullrich says:

    Kann man denn den ehemaligen Friedhof in Kriegshaber bzw. den jetzigen in der Haunstetter Strasse besichtigen?.
    Wenn ja, wissen sie die Besuchszeiten?

    Beste Grüße
    Manfred Ullrich

  6. yehuda says:

    Liebe Frau Bölinger,

    ich war zwar zugegeben noch nie in Aachen, aber ich versuche trotzdem nach Möglichkeit Ihre etwas überraschende Anfrage zu beantworten, soweit mir dies aus der Distanz möglich ist. So wie ich es einschätze, dürfte es sich bei dem Friedhof bei der Peliserkerstr. in Aachen um den städtischen Ostfriedhof handeln, der gemäß Google-Earth doch recht stattliche Ausmaße annimmt und jüngst wohl auch wegen Beschädigungen durch den Sturm „Emma“ bei Ihnen in den lokalen Schlagzeilen war. Alles deutet darauf hin, dass dieser Friedhof christlich und sicher zu keinem Zeitpunkt jüdisch war, außer es wurden vereinzelt auch Juden dort bestattet. Das weiß ich natürlich nicht, halte es aber für weniger wahrscheinlich, da es meiner Recherche nach in Aachen zumindest zwei jüdische Friedhöfe gibt. Der eine befindet sich an der Lütticher Straße und wurde offenbar von 1829 bis zum Jahr 2000 belegt. Der neue jüdische Friedhof wurde wohl erst am 20.11.2007 „Auf der Hüls“ angelegt und befindet sich dem Anschein nach neben einem anderen bereits existierenden Friedhof, der wie ich vermute christlich ist. Ein weiterer jüdischer Friedhof unter der Adresse „Am Bayerhaus“ gehört heute zur Stadt Aachen, Ortsteil Eilendorf und befindet sich wohl an der Straße von Eilendorf nach Stolberg, … was Sie aber alles wahrscheinlich örtlich besser werden einschätzen und lokalisieren können. Ich hoffe, Ihnen damit ein wenig weitergeholfen zu haben. Für weitere lokale Fragen wenden Sie sich vielleicht aber auch an die Stadtverwaltung in Aachen oder ggf. an die Jüdische Gemeinde vor Ort, die Ihnen sicher gerne weiterhelfen.

    Beste Grüße

  7. p.boelinger says:

    Sehr geehrte damen und Herren, es taucht die frage auf,ob in früherer zeit am heutigen gelände der hugo-junkers realschule in aachen, peliserkerstr ein jüdischer friedhof gelegen haben soll. ist das fantasie oder eine historische wahrheit? können sie uns darüber etwas sagen? Es wäre für den unterricht in deutsch bzw geschichte interessant. mit freundlichen grüßen Petra bölinger

  8. yehuda says:

    Selbstverständlich gibt es noch weit mehr, als das hier in einer kurzer Zusammenfassung vorgerstellte Material. Aktuell sind wir damit befasst, alle Gräber und Daten zu erfassen und auszuwerten, was partiell bereits erfolgt ist. Gibt es etwas was Sie speziell interessieren würde?

  9. Dieter Peters says:

    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Gibt es noch mehr? Viele Grüße Dieter Peters, Aachen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: