Rabbi Josel von Rosheim und das Europa unserer Zeit

June 21, 2012

In Speyer wird im Alten Stadtsaal seit Anfang des Monats eine Ausstellung gezeigt, die den „Josel von Rosheim“ genannten jüdischen Gelehrten (R. Josef ben Gerschon) aus dem Elsass thematisiert, der wegen seiner Auftritte auf Reichstagen (so 1530 in Augsburg) auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung Berücksichtigung fand, wenngleich natürlich nur in Fußnoten. 

Der Titel der Ausstellung, die auch anderorts gezeigt werden soll lautet (etwas eigenartig):

“Josel von Rosheim (1478 bis 1554) zwischen dem Einzigartigen und Universellen. 

Ein engagierter Jude im Europa seiner Zeit und im Europa unserer Zeit”

Josel Rosheim Ausstellung

http://www.personengeschichte.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Josel-von-Rosheim.pdf

Im Text der Broschüre heißt es:


Josel ben Gerschon von Rosheim (1478-1554) ist eine herausragende jüdische Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts. Er unterhielt enge Verbindungen zu Kaiser Karl V., die er nutzte, um die Rechtsstellung und Sicherheit der Juden im „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ in einer Zeit des Umbruchs zu schützen. Die Reformation, die seit 1517 das Reich religiös spaltete, führte zu tiefgreifenden Veränderungen, die sich zum Teil in gewalttätigen Übergriffen äußerten. In dieser Zeit wurden jüdische Gemeinden des Reiches häufig in die Position eines Sündenbocks gedrängt.

Als SCHTADTLAN (Fürsprecher) erreichte Josel von Rosheim reichsweit anerkannte Position sowohl bei den jüdischen Gemeinden des Reiches als auch bei den christlichen Landesregierungen, durch die er längerfristig eine stabilere Rechtsstellung jüdischer Gemeinden unter christlichen Herren durchsetzen konnte. Mit persönlichem Engagement verhinderte Josel vielfach religiös und wirtschaftlich motivierte Austreibungsversuche lokaler Obrigkeiten.

Die Sonderausstellung „Josel von Rosheim (1478-1554) zwischen Einzigartigem und Universellen“ widmet sich Leben und Wirken dieses besonderen Menschen, der auch am damals in Speyer ansässigen Reichskammergericht für die Belange der jüdischen Gemeinde wirkte.

Es werden Rahmeninformationen zu den wichtigsten politischen Ereignissen des konfessionellen Zeitalters gegeben sowie die Person des Josels und sein Wirken vorgestellt. Sein politischer und geistiger Nachlass wird in die Umstände der Zeit eingebunden. In einem Ausblick werden Parallelen zu heute aufgeworfen, die zu eienr weiteren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen anregen.

Die Ausstellung wurde von einem Team aus französischen und deutschen Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Freddy Raphael (Straßburg) und Dr. Werner Transier (Historisches Museum der Pfalz) erarbeitet. In Frankreich wurde sie bereits in Rosheim gezeigt und ist ab Mai 2012 in Straßburg zu sehen; erste Station war vor kurzem Erfurt gewesen.

Der letzte Teil des Titels verdeutlicht bereits, dass die Veranstaltung eher zeitgenössischen Interessen dient, dem „Europa unserer Zeit“. Jenes Europa also, welches in politischen Gremien darüber beraten will, künftig „Produkte“ jüdischer „Siedler“ (in dieser Kombination erscheint das sonst ganz zu recht völlig harmlose, ja positiv besetzte Wort als ein Art Synonym zu Extremist, wenn nicht schlimmer …) zu boykottieren, oder wenigstens zu kennzeichnen, womöglich mit einem gelben Ring oder einen Stern? Was hat dies Josel von Rosheim zu tun? Biographisch nichts, und dann doch wieder. Wenn man sich Josel am Reichstag in Augsburg vorstellt, „zur Zeit der Reformation“ wie Christen das übertiteln, als Fürsprecher für die Juden und jüdischen Gemeinden, dann könnte man ihn sich auch vorstellen als Besucher im Europarlament, bei der EU-Ratskommission und er verteidigt die Standpunkte und Haltungen der „Siedler“, die zunächst mal nichts anderes tun, als friedlich im historischen jüdischen Stammland zu leben.“

Burggrafenturm AugsburgBurggrafenturm (1507) in Augsburg

Da Rabbi Joselman als „Fürsprecher“ der Juden und jüdischen Gemeinden im „Reich“ und auf Reichstagen „auftrat“ ist er auch in der christlichen, „allgemeinen“ Geschichtsschreibung erfasst, jedoch selbstverständlich eher als Randfigur einer Epoche, die dort ansonsten als jene der „Reformation“ um Martin Luther verstanden wird. Mit dem Juden-Hass Luthers musste sich auch Rabbi Josef befassen. Seine Hass-Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ gewissermaßen den besonderen deutschen Judenhass begründete. Darin forderte er u.a. auf, Synagogen zu verbrennen, ihren Wohnbesitz und Broterwerb zu rauben, ihre Literatur zu vernichten, jüdischen Unterricht zu verbieten und die Juden zur Sklavenarbeit zu zwingen. In der Summe ist das schon recht nahe an dem dran, was man ab der „Kristallnacht“ mit dem Hitler-Regime verbindet – und natürlich haben sich „die Nazis“ auch auf den „Reformator“ berufen. Luther wie auch seine Anhänger versuchten explizit mit antijüdischer Manipulation zu „punkten“, sprich das einfache „deutsche Volk“ auf seine Seite zu ziehen. Die tatsächliche „Fremdherrschaft“ der Römer und ihrer Kirche wurde um eine fiktive Herrschaft der Juden erweitert, die gleichermaßen Ausbeuter gewesen sein sollen. 1525 konnte er die Führer des Bauernaufstands (מרד האיכרים) im Elsass (אלזס) dazu bewegen, den Aufrufen christlicher Hass-Prediger zu widerstehen und nicht die Juden als Adresse ihres berechtigten Zorns ins Visier zu nehmen. Er trat auf als Anwalt gegen Bücherverbrennungen, bei Anschuldigungen von Ritualmorden und ähnlichem … gefährlichen Unfug. Seinen persönlichen Mut stellte er 1520 auch durch eine Reise nach Spanien, von wo „die Juden“ ja erst wenige Jahrzehnte „vollständig“ vertrieben worden waren (sein sollten), um bei Karl vorzusprechen, der bald darauf in Aachen zum Kaiser gekrönt wurde. Rabbi Josef erreichte für die Juden ein Abkommen mit dem Kaiser, das 1530 in Augsburg erneuert wurde. Dort erreichte er auch, dass der getaufte Spätkaräer Antonius Margaritha, dessen „Der gantzer jüdischer Glaub“ das rabbinische Judentum in Verruf bringen wollte, gebannt wurde. In Augsburg musste Rabbi Josef sich und „die Juden“ auch vor dem abwegigen Vorwurf verteidigen, dass sie, „die Juden“ den Abfall der Luther-Anhänger vom „rechten christlichen Glauben“ bewirkt hätten. Das gelang zwar, doch zugleich ergibt sich daraus, dass die beiden rivalisierenden Gruppen (sagen wir: römische und deutsche Christen) durchaus bereit waren, „die Juden“ für ihre Zwecke bereitwillig zu opfern und als Feindbild den Konkurrenten unterzuschieben.  

Rabbi Josel Rosheim

Heute, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler ist das alles natürlich etwas anders und zeitgenössische Gelehrte sind sichtbar bemüht, auch jüdische Randfiguren ihrer Geschichte einzubinden oder wie immer man dies nennen will. Anyway, Josel von Rosheim und das zeitgenössische talmudische Judentum das er ausgesprochen mutig vertrat, von dem man außer Schlagworten weder was wissen, noch lernen will, sind kaum das wesentliche Interesse der Ausstellung, Vor- und Darstellung, sondern wie bereits der Schluss des Titels eingibt, das „Europa unserer Zeit“.

Warum? Die Wort Martin Walser aus dessen Kontext gerissen (Anmerkung: Und warum sollte es ihm besser gehen als Rabbi Josef ..?) kann man vermuten, es geht um „die Instrumentalisierung zu gegenwärtigen Zwecken“. Welche sind das nun aber im „Europa unserer Zeit“.

Zwar werden europäische Politiker nicht müde, zu wiederholen, dass sie es als wichtiges Anliegen sehen, Antisemitismus zu bekämpfen und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dem auch wirklich so ist. Würde also jemand sich einen Anstecker an die Jacke hängen, auf welchem „Antisemit“ steht, würden Europäer – und in ganz besonderer Verantwortung natürlich gerade auch Deutsche – dem Betreffenden einen weiteren Button mit der Aufschrift „Verboten!“ dazu heften. Freilich nur, wenn der erste Aufruf auf Deutsch und nicht auf Arabisch, Persisch oder Türkisch notiert wurde. Auch sog. „Holocaust-Leugnung“ ist nur in deutscher Sprache strafbar. Der Kampf gegen „Antisemitismus“ geht nun aber immer häufiger einher mit einer Agitation gegen Israel. Beispielsweise versuchen politische Interessensgruppen derzeit einen Boykott von Waren jüdischer „Siedler“ zu bewerkstelligen. Demnach sollen Waren oder Früchte, die von Juden stammen die als „Siedler“ im biblischen Stammland Judäa (jehuda) wohnen speziell gekennzeichnet – oder am besten ganz boykottiert werden. Bislang werden sie wie andere Waren auch als israelische eingeführt. Nun also sollen sie gekennzeichnet werden. Vielleicht wie in der Zeit von Josel von Rosheim mit einem gelben Ring ..?

Das selbe alte Lied also? Kann sein. Wie schade, ja, jammerschade, dass Abraham Goldfarbs jiddisch-sprachige Operette „Rabbi Joselman“ (aus dem Jahr 1892)  nicht überlebt hat, sonst könnten wir die neuen Strophen wenigstens nach einer alten Melodie mitsingen. So aber gilt es im „Europa unserer Zeit“ immer aufzupassen, ob die vorne gezeigte „Judenfreundschaft“ nicht zwangsläufig eine hinterrücks verborgene Agitation gegen den „Judenstaat“ maskiert.

Sprach Joselvon Rosheim 1530 am Reichstag von Augsburg für die Interessen der Juden, deren Synagogen und Häuser und Broterwerb in Abrede gestellt werden sollten, so müsste er heute das Europa-Parlament oder die “edlen” EU-Kommisare aufsuchen, um sie davon abzuhalten, Dekrete gegen die Juden in Judeäa und Samaria zu beschließen, die deren friedliches Auskommen und Leben gefährden.

Die Frage aber ist, ob man im “Europa unserer Zeit” überhaupt lernfähig ist, fast 500 Jahre nach Luther und fast 70 Jahre nach Hitler. Oder ist es nicht doch so wie der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt es sagte: “Auschwitz würden die Deutschen als Fehler ganz gewiss nicht wiederholen, andere Fehler durchaus.”

Wiesel Haus AugsburgWiesel-Haus im Augsburger Dom-Viertel


Der neue jüdische Erfurter Friedhof an der Seelenbinderstraße

June 7, 2012

Erster Teil

Der neue, 1871 erworbene und seit 1878 genutzte jüdische Friedhof von Erfurt befindet sich zwischen dem Thüringischen Ministerien für Kultus und Justiz und der „Thüringenhalle“, wo Konzerte und sportliche Veranstaltungen stattfinden. Erbaut wurde die Halle im Stil eines niederdeutschen Bauernhofs in der Zeit von 1939-1942 auf zuvor enteignetem und zerstörten Gelände des jüdischen Friedhofs. Auf einen Sportler geht auch der heutige Straßenname zurück, nämlich auf den Ringer Werner Seelenbinder (1904-1944), der zwischen 1933 und 1941 mehrfach deutscher Meister war und 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teil genommen hatte, wo er jedoch die Medaillenränge verpasst. 1942 wurde er jedoch ganz unsportlich als im Untergrund tätiger kommunistischer Widerstandskämpfer verhaftet und noch Ende Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet. In der DDR wurden nach ihm eine Reihe von Schulen, Straßen, Hallen und Plätze benannt.

Die heutige Fläche des145-160 m langen und 80-95 m breiten Friedhofs beträgt etwa 1.3 ha und erhebt sich von 229 auf 236/238 m. Die Anzahl der Grabsteine dürfte etwa 750 betragen. Auf der Rückseite des Geländes befindet sich das große Backstein Tahara-Haus, zu welchem der Zugang über die heutige Straße „An der Thüringenhalle“ erfolgt. Dahinter befindet sich eine Kleingartenanlage in deren Osten die abgelegenen, nach den mittelalterlichen und neuzeitlichen Erfurter Rabbinern Jakob Weil und Adolph Jaraczewsky benannte Straßen verlaufen.

Der neue, östliche Teil des Friedhofs wird von der gegenwärtigen jüdischen Landesgemeinde in Thüringen (Erfurt, Jena, Nordhausen) genutzt, der noch erhaltene westliche Teil enthält die älteren Grabstätten und die Tahara. An deren Front befinden sich zwei große Gedenktafeln mit Judenstern und Wehrmachtshelm zu Erinnerung an 31 Erfurter Juden die in den Jahren 1914 – 1918 „für das Vaterland starben“. Namentlich genannt sind folgende gefallene jüdische Wehrmachtssoldaten:

1: Max Bernstein, Julius Baumgardt, Max Bluth, Arthur Cohn, Paul Cohn, Fritz Elkan, Willy Falkenthin, Herbert Frank, Max Friedmann, Max Werner Grünebaum, Louis Grünthal, Siegfried Jacob, Ludwig Krimke, Kurt Loeb, Fritz Leschziner, Willi Moses;

2: Walter Meyer, Benjamin Meyer, Fritz Müller, Alfred Müller, David Pick, Willy Rothfels, Fritz Rudnicki, Fritz Sabor, Siegfried Schuster, Ludwig Schwarz, Paul Seligmann, Siegfried Ulanperl, Leopold Wachtel, Alfred Weinstein, Moritz Wolff;

Im Gedenkbuch des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten (siehe http://denkmalprojekt.org/) sind zu einer Reihe der genannten Männer weitere Daten vorhanden. So stammte etwa Siegfried Ulanperl aus Leipzig, wo er am 23.07.1897 geboren wurde. Er hatte demnach den Rang eines Gefreiten, gehörte der Maschinengewehrkompanie  „3. M. G. K. R. I. R. 71“ an und starb am 8. November 1918 in Gefangenschaft, nur drei Tage bevor der Waffenstillstand unterzeichnet wurde und der Krieg endete. Arthur Cohn wurde am 11. Mai 1880 in München geboren und starb am 1. November 1916. Gebürtige Erfurter waren u.a. Max Werner Grünenbaum (1898-1918), Fritz Leschziner (1897-1918) oder Fritz Rudnicki (1895-1915), während Fritz Elkan (1895-1916) beispielsweise aus Chemnitz stammte. Wie aus den Angaben zu ersehen ist, starb die Mehrzahl der jüdischen Soldaten in einem recht jungen Alter und mehrheitlich als einfache Gefreite. Den höchsten Rang hatte Leutnant Fritz Müller, der am 24. Dezember 1891 geboren wurde und am 29. August 1918 starb.

Beide Gedenktafeln sind am Rand jeweils mit einem hebräischen Text umschrieben, jedoch sind die unteren Teile davon verblasst und verschmutzt und fast kaum noch lesbar. Vielleicht ist das anstehende Hundertjährige zum Ersten Weltkrieg eine gute Gelegenheit, um dies auszubessern. Auf der ersten Tafel ist der aufsteigende Text nicht sinnvoll zu entziffern. Im dann folgenden besser lesbaren oberen Teil folgt ein Zitat aus Psalm 16.10: כי לא תעזב נפשי לשאול לא תתן חסידך לראות שחת – „… denn Du wirst meine Seele nicht dem Inferno preisgeben und deinem Chassid nicht Verderbnis sehen lassen“. Danach ist der Beginn des darauf folgenden Psalm-Verses 11 zu lesen. Da die Schrift jedoch wieder sehr undeutlich wird, kann nur vermutet werden, dass der Vers vollständig zitiert ist: תודיעני ארח חיים שבע שמחות את פניך נעמות בימינך נצח –  „Du zeigst mir den Pfad des Lebens (orech chaim) voller Freuden in deiner Gegenwart freudig auf ewig“.

 

Die etwas besser erhaltene Inschrift der zweiten Tafel ließ sich vollständig aufklären. Mit etwas Mühe zu erkennen ist das Zitat aus דברי הימים ב  (2. Chronik 15.7)ואתם חזקו ואל ירפו ידיכם כי יש שכר לפעלתכם׃ –  „Ihr, seid stark und schwächt nicht Eure Hände, denn es gibt Lohn für Euer Werk“, darauf folgt nahtlos aber viel besser erhalten ein weiteres Zitat, aus Psalm 23.4:  גם כי־אלך בגיא צלמות לא־אירא רע כי־אתה עמדי שבטך ומשענתך המה ינחמני – „auch wenn ich durchs dunkelste Tal gehe, fürchte ich keine Gefahr, denn Du stehst mir bei, Dein Stab und Dein Beistand trösten mich“. Der weitere absteigende, wieder weniger gut lesbare Text ist ein Zitat aus Jeschajahu 25.8:בלע המות לנצח ומחה אדני ה דמעה מעל כל־פנים וחרפת עמו יסיר מעל כל־הארץ  – „Er schluckt den Tod auf ewig HaSchem der Herr wird die Träne aus allen Gesichtern wischen und die Schändung seines Volkes beseitigen im ganzen Land“.

In der Nähe der Tahara befindet sich eine weitere Gedenktafel die an die wesentlich zahlreicheren ermordeten jüdischen Zivilisten aus Erfurt erinnern: „In stillem Gedenken an unsere ermordeten Brüder und Schwestern“. An den Ecken steht hebräisch „לא אמות“ (ich werde nicht sterben) und „כי אחיה“ (da ich leben werde), was sich aber womöglich bereits auf den dummer Weise in Mengen wuchernden Efeu bezieht. Über dem David-Stern des letzteren Spruch sind einige offenbar gewalttätige Beschädigungen zu sehen.

Auf dem Friedhof befanden sich auch jene Überreste des Friedhofs an der Cyriakstraße, die auf dem dortigen, eingerichteten Restgelände wieder aufgestellt wurden.

Auffällig am älteren Teil des Friedhofs sind eine Anzahl ungewöhnlich gestalteter Grabmale mit teils futuristischer, kubistischer Ausgestaltung, wie beispielsweise das 1925 durch den Erfurter Bildhauer Hans Walther (1888-1961) geschaffene Grabmal für das Ehepaar Max Windsheim (1868-1925) und Adele Windsheim, geb. Dessauer (1878-1938), das vom selben Künstler im Vorjahr (1924) geschaffene Ehrenmal für Julius Jaraczewsky (1870-1924), dem Sohn des früheren Erfurter Rabbiners und dessen Frau Jenny Jaraczewsky, geb. Cerf (1881-1924), die nur sechs Monate nach ihrem Mann starb. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist auch das aus drei Dreiecken zusammengesetzte Denkmal für Frieda Silberstein (1878-1931) , dessen Steinmetz unbekannt ist, ebenso wie das gleichfalls eigentümlich Grabmal des Ehepaars Gabriel Baumgardt (1856-1927) und Regina Baumgardt, geb. Harzfelder (1864-1933. Schließlich wäre da noch das eigenartig achteckige Grabmal von Benno Ullmann (1881-1929) und seiner Frau Bella (1877-1929).

The (meanwhile not so) new Jewish cemetery of Erfurt at Werner-Seelenbinder-Str. partly in 1942 was overbuilt by the Thüringer-Hall next to it. Today there are some 750 grave markers left and there also are memorial plates for 31 German Jewish from Erfurt soldiers of the First World War and for the victims of the Nazis.


Die Erfurter Synagoge

June 4, 2012

Von der 1884 eingeweihten Großen Synagoge (mit Orgel) am Kartäuserring blieben nach der Nazi-Herrschaft nur Trümmer übrig. 1947 erhielt die Nachkriegsgemeinde von der Stadt das Grundstück zurück. Nach einigem hin und her wurde 1952 an selber Stelle ein Neubau eingeweiht, welcher der einzige in der DDR bleiben sollte. Die Gemeinde umfasste jedoch nur wenige Mitglieder. Nach 1990 erlebte auch Erfurt einen Zuzug sog. Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion. Die heutige etwa 800 Personen (wovon die meisten in Erfurt leben, jedoch gibt es auch Filialen in Jena und Nordhausen) umfassende Gemeinde hat ihren Sitz an der nach Juri Gagarin umbenannten Straße umgeben von inzwischen etwas modernisierten Plattenbauten. Interessanter Weise kommt „Erfurt“ im Namen der Gemeinde nicht vor, die „Jüdische Landesgemeinde Thüringen“ heißt.

Seit Oktober 2010 verfügt die Gemeinde mit Konstantin Pal über einen jungen, aus Moskau stammenden, aber in Berlin aufgewachsenen liberalen Rabbiner, ausgebildet im Abraham-Geiger-Kolleg, dessen Leiter Walter Homolka vom Katholizismus zum liberalen Judentum konvertierte.

Auf der Hinterseite der Synagoge befindet sich wohl nicht ganz zufällig direkt über die Straße eine christliche Missionsstelle, die mit einer Blume am Kreuz in ihrem Schaukasten zitiert: „JESUS sagt: ich lebe und auch ihr sollt leben …“ Da dies faktisch (auch) an die jüdische Gemeinde vis-à-vis gerichtet ist, ist das sicher sehr tröstlich.

At the spot where from 1884 until 1938 was the Great Synagogue of Erfurt since 1952 is the New Synagoguel, the onyl one which was established under the communist rule in Eastern Germany (DDR). Today it is located between industrialized Plattenbau aparment blocks, refuse containers and a Chrsitain Gospel mission which addresses the opposite synagogue with a message from Jesus ” I am living and also you shall live”.

 

 

 


Die Weisen von Erfurt

May 24, 2012

Bernd the Bread, Germany’s authority in performing arts.

In spring he usually is dressed up as Afikoman, although  not exactly voluntary

* * *

Einst ersannen die Weisen von Erfurt

Mal eben die Wieder-Geburt

Der längst schon vergessenen Juden

Und aus allen Bretterbuden

Meldete man noch ne Jungfrau’n-Geburt

   * * *

In Erfurt feierte man den Geburtstag Israels nicht wie dort üblich nach dem jüdischen Kalender, sondern nach dem christlichen, demnach also am 14. Mai und somit mit der Maus ! שבחים על העכבר


Die Erfurter Judensau

May 18, 2012

Zu den herausragenden authentischen Zeugnissen über die mittelalterliche jüdische Gemeinde im thüringischen Erfurt gehört die offenbar nur wenig beachtete „Judensau“ im Erfurter Dom.

Sogenannte „Judensäue“ sind eine hauptsächlich deutsche Eigenart (Beitrag zum Exemplar in Regensburg: http://jhva.wordpress.com/2011/09/06/die-judensau-in-regensburg ) . Sie stellen meist am sog. Judenhut zu erkennende Juden dar, die auf einem weiblich Schwein sitzen oder von unten an dessen Zitzen schlecken und dergleichen. Allgemein wird vermutet, dass die Darstellung von Juden mit Schweinen eine Art Schande für Juden sei, da das Schwein gemäß den Bestimmungen der Tora „besonders unrein“ sei. Zwar ist es zutreffend, dass Schweinefleisch nach den Geboten vom Sinai nicht für den Verzehr geeignet und im Judentum verboten sind, jedoch trifft dies in der genau selben Weise auch auf Delfine, Pferde, Adler, Löwen, Hunde, Elefanten, Insekten, Katzen oder Pandabären zu, die ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Es gibt nichts, was ein Schwein „unreiner“ machen könnte als ein Krokodil, einen Wellensittich oder Kamele. Es gibt hier keinen Superlativ und nicht koscher ist nicht koscher.

Die Fixierung auf das Schwein ist nichts was im Judentum besondere Relevanz hätte, sondern ist vielmehr der eigenartigen Ambivalenz des Schweins im Christentum zu sehen. Während Jesus im Evangelium noch Dämonen in Schweine zaubert und diese sodann in einen Abgrund stürzen lässt, ist auch dem frommsten Christen das Essen von Schweinen selbstverständlich erlaubt. Sehr ausgeprägt ist dies gerade in Deutschland, wo ungezählte kulinarische „Spezialitäten“ zubereitet werden, wie Bratwürste, Schinken, Schnitzel, Schweinshaxen, Saumagen, und vieles andere mehr, was in vielen Regionen geradezu identitätsstiftend zur „echten Tradition“ dazu gehören soll. Offenbar recht leckere „Schweinereien“ sind demgemäß gerade in Deutschland fast sprichwörtlich in aller Munde. Auch, weil andererseits das wohl ganz gerne genossene Schwein auch wieder ein Schimpfwort ist: du Schwein, du Sau, du Dreckschwein, du Ferkel, usw. wecken in christlich-deutschen Ohren Assoziationen, die es so kaum in anderen Sprachen gibt. Im Gegensatz dazu wäre es eher eigenartig ein hebräisches חזיר als Schimpfwort zu gebrauchen, zumal die Wortwurzel „zurückkehren“ (חזר) bedeutet, was wenigstens linguistisch das Schwein zu einem „Rückkehrer“ macht. Andererseits ist im Deutschen das Schwein Ausdruck in ungezählten Wortkombinationen, die sich auch in der stets wandelnden Jugendsprache halten, wie beispielsweise „saugeil“, „saubillig“, „schweineteuer“, „sauertopf“, oder „saublöd“ … die je nach Kontext mal eher positiv, mal eher gegenteilig verstanden werden. Einen solchen Stellenwert hat „das Schwein“ nur in der deutschen Sprache.

* * *

Die „Judensau von Erfurt“ befindet sich am Chorgestühl im Marien-Dom (beatae mariae virginis). Anders als die meisten Judensäue ist die Erfurter keine Steinskulptur. Es handelt sich vielmehr um ein geschnitztes Flachrelief aus Eichenholz, das etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammen soll. Dargestellt ist ein Jude, der auf einer Sau reitet, wobei sein Fuß in einem Steigbügel steckt. Wie anderswo, sind auch hier die Proportionen der insgesamt äußerst aufwendigen und detailreichen Darstellungen völlig unrealistisch, da der Jude kaum größer ist als das Schwein, das in Natura kaum mehr als 80 cm Schulterhöhe erreicht. Das Schwein ist durch die Zitzen eindeutig als weibliches Tier, als Sau erkenntlich. Dem jüdischen „Schweinsteiger“ oder „-reiter“ gegenübergestellt ist nun ein Ritter, der mit einem Pferd auf den Juden zureitet und in einer Hand eine Lanze hält, wie man sie von Rittern kennt, während er in der anderen Hand ein Schild hält, auf welchem ein Fisch abgebildet ist. Im Schweinereiter trägt der Pferdereiter keine Kopfbedeckung, auch keinen für einen Ritter sodann typischen Helm. Beide Reiter sind von einem Weinstock umgeben, wobei der Jude sich mit einer Hand an einem gebogenen Strang festhält, an welchem einige Reben und Blätter hängen. Vielleicht wird dieser dem  Pferdereiter entgegen schnalzen, so der Jude loslässt.

Über den beiden Reitern befinden sich eingekreist zwei musizierende geflügelte Personen („Engel“). Der eine spielt eine Art Geige, der andere offenbar eine Art Harfe. Unterhalb der Reiter befinden sich zwei tierische Figuren: offensichtlich jagt der Hund unter dem Pferd den Hasen unterhalb des Schweines. Letzteres ist eine im mittelalterlichen Judentum durchaus geläufige Darstellung aus zahlreichen illustrierten Pessach-Erzählungen, wobei der verfolgte Hase die Juden darstellt. Insbesondere in der späteren Augsburger Druck-Variante ist das „“Jag den Has‘“-Motiv von besonderer Bedeutung.  Die Tatsache aber, dass Hasen genauso wenig koscher sind wie Schweine und gleichfalls nicht gegessen werden dürfen hat jüdische Maler nicht davon abgehalten Hasen als ein Symbol für das Judentum darzustellen, so wie bereits in der Antike Löwen immer wieder das jüdische Volk darstellen.

Es wird angenommen, dass die Darstellung in einem Zusammenhang stehen könnte mit dem „Pogrom“ an den Erfurter Juden im Jahre 1349, bei dem die jüdische Bevölkerung getötet und vertrieben worden sein soll. Die Darstellung ist von handwerklich herausragender Qualität und man möchte kaum glauben, dass sie bereits über sechseinhalb Jahrhunderte alt sein soll. Jedoch ist es ungleich schwieriger dieses eigenartige Detail im Rahmen einer Serie zahlreicher weiterer bildlicher Motive angemessen zu deuten. So kontrastiert die Disproportionalität der Figuren eigenwillig mit der sehr genauen Darstellung ihrer Details. Während also das Pferd und das Schwein, auf dem die beiden Reiter sitzen, in ganz grotesker Weise etwa gleich groß sind, hatte der Künstler andererseits dann doch Faltenwürfe der Gewänder, Gesichtszüge, Ausstülpungen von Weinblättern, usw. recht genau herausgearbeitet.

Schnitzerei am Chorgestühl im Erfurter Dom: die Darstellung der Judensau befindet sich zwischen den roten Markierungen unten

Die Szene stellt einen mit einer Lanze bewaffneten Reiter auf einem Pferd dar, der einen Mann mit Judenhut, der auf einem Schwein sitzt angreift. Der nach damaligen Maßstäben bestens ausgebildete Elitesoldat attackiert demnach einen unbewaffneten Zivilisten, was nun sicher keine Großtat ist. Eigenartig ist demnach die Geisteshaltung der Christen, die eine solche, recht feige Schandtat ganz offensichtlich heroisieren will. Andererseits mildert die Tatsache, dass der bewaffnete Angreifer auf einem Pferdchen sitzt, das gerade mal so groß ist wie ein weibliches Schwein, die Szenerie gewiss ins Lächerliche, woran auch die musizierenden Engel über ihnen nichts mehr ändern können. Man ahnt fast, dass sie leicht variiert ein Kinderlied anstimmen mochten: „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Galopp! Über Stock und über Schweine …“

Erfurt “Braugold” Maibock at Biergarten next to the Cathedral (Domplatz), worth a try other than the normal beer

Among the outstanding authentic testimonies about a medieval Jewish community in Erfurt, is the so called “Judensau” (Jews sow) depiction at the choir stalls of Erfurt Cathedral, which however apparently gets only very little attention in the capital of Thuringia which otherwise for a number of years in noticeable extents tries to rediscover its mediaeval Jewish past.


Der jüdische Friedhof des Klosters St. Ottilien (Eresing) bei Landsberg

March 23, 2012

Der jüdische Friedhof des Klosters St. Ottilien (Eresing) bei Landsberg
– hebräische Grabsteine auf einem oberbayrischen Klosterfriedhof

pdf:  Der jüdische Friedhof des Klosters St Ottilien 2

Documentation of the Jewish cemetery at St. Ottilien near Landsberg, Hebrew grave markers at a Bavarian cloister cemetery


Der mittelalterliche Augsburger Judenkirchhof

October 27, 2011

אם בארזים נפלה שלהבת

The Augsburg Judenkirchhof

(pdf / English)

see also: http://www.alemannia-judaica.de/augsburg_friedhof.htm 

Beschreibung des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in Augsburg, seiner fassbaren Geschichte, übriggebliebenen Grabsteine und Fragmente in der Stadt mit hebräischen Inschriften, Übersetzung und kritischer Betrachtung … berücksichtigt zudem die antike und mittelalterliche Stadtentwicklung, Karten, wie auch die lateinischen Schrift “Monumenta Antiqua Judaica, Augustæ Videl. Reperta & enerrata cum Mantissa” des christlichen Gelehrten Matthias Beck (1686) der mit dem Pferseer Rabbiner Jehuda Loeb Ulmo damals noch acht teilweise erhaltene Inschriften übersetzte, von denen sich heute nur noch drei und zwar im Innenhof des ehemaligen Peutinger Hauses gegenüber dem Augsburger Dom befinden. Daneben werden die “neueren” Funde, die Beck offenbar nicht geläufig waren vorgestellt, einer befindet sich im “Jüdischen Kulturmuseum” in Augsburg, der andere im Lapidarium des Maximilianmuseums und ein dritter stand bis zum Angriff US-amerikanischer Fliegerbomben im Februar 1944 am jüdischen Friedhof Hochfeld zwischem Alten Postweg und Haunstetter Str.  … (pdf / English)

augsburg synagogue with Jewish seal and city emblem

Eine Replik des Siegels der jüdischen Gemeinde in Augsburg mit der städtischen “Zirbelnuss” über dem mittleren Eingangstor der Synagoge in der Halderstraße. Dies sollte offenbar an das damals einvernehmliche Verhältnis zwischen der städtischen und jüdischen Gemeinde erinnern, in welcher beide Seiten für die gemeinsame Sicherheit und Zukunft wirkten. Freilich nimmt es auch Bezug auf  den “Mauer-Brief” vom August 1298, welcher das einzige bekannte Dokument ist, an dem in Augsburg Siegel der jüdischen und städtischen Gemeinden befestigt worden sein sollen – das sich auch auf den Friedhof bezieht.

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