Der neue jüdische Erfurter Friedhof an der Seelenbinderstraße

June 7, 2012

Erster Teil

Der neue, 1871 erworbene und seit 1878 genutzte jüdische Friedhof von Erfurt befindet sich zwischen dem Thüringischen Ministerien für Kultus und Justiz und der „Thüringenhalle“, wo Konzerte und sportliche Veranstaltungen stattfinden. Erbaut wurde die Halle im Stil eines niederdeutschen Bauernhofs in der Zeit von 1939-1942 auf zuvor enteignetem und zerstörten Gelände des jüdischen Friedhofs. Auf einen Sportler geht auch der heutige Straßenname zurück, nämlich auf den Ringer Werner Seelenbinder (1904-1944), der zwischen 1933 und 1941 mehrfach deutscher Meister war und 1936 an den Olympischen Spielen in Berlin teil genommen hatte, wo er jedoch die Medaillenränge verpasst. 1942 wurde er jedoch ganz unsportlich als im Untergrund tätiger kommunistischer Widerstandskämpfer verhaftet und noch Ende Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet. In der DDR wurden nach ihm eine Reihe von Schulen, Straßen, Hallen und Plätze benannt.

Die heutige Fläche des145-160 m langen und 80-95 m breiten Friedhofs beträgt etwa 1.3 ha und erhebt sich von 229 auf 236/238 m. Die Anzahl der Grabsteine dürfte etwa 750 betragen. Auf der Rückseite des Geländes befindet sich das große Backstein Tahara-Haus, zu welchem der Zugang über die heutige Straße „An der Thüringenhalle“ erfolgt. Dahinter befindet sich eine Kleingartenanlage in deren Osten die abgelegenen, nach den mittelalterlichen und neuzeitlichen Erfurter Rabbinern Jakob Weil und Adolph Jaraczewsky benannte Straßen verlaufen.

Der neue, östliche Teil des Friedhofs wird von der gegenwärtigen jüdischen Landesgemeinde in Thüringen (Erfurt, Jena, Nordhausen) genutzt, der noch erhaltene westliche Teil enthält die älteren Grabstätten und die Tahara. An deren Front befinden sich zwei große Gedenktafeln mit Judenstern und Wehrmachtshelm zu Erinnerung an 31 Erfurter Juden die in den Jahren 1914 – 1918 „für das Vaterland starben“. Namentlich genannt sind folgende gefallene jüdische Wehrmachtssoldaten:

1: Max Bernstein, Julius Baumgardt, Max Bluth, Arthur Cohn, Paul Cohn, Fritz Elkan, Willy Falkenthin, Herbert Frank, Max Friedmann, Max Werner Grünebaum, Louis Grünthal, Siegfried Jacob, Ludwig Krimke, Kurt Loeb, Fritz Leschziner, Willi Moses;

2: Walter Meyer, Benjamin Meyer, Fritz Müller, Alfred Müller, David Pick, Willy Rothfels, Fritz Rudnicki, Fritz Sabor, Siegfried Schuster, Ludwig Schwarz, Paul Seligmann, Siegfried Ulanperl, Leopold Wachtel, Alfred Weinstein, Moritz Wolff;

Im Gedenkbuch des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten (siehe http://denkmalprojekt.org/) sind zu einer Reihe der genannten Männer weitere Daten vorhanden. So stammte etwa Siegfried Ulanperl aus Leipzig, wo er am 23.07.1897 geboren wurde. Er hatte demnach den Rang eines Gefreiten, gehörte der Maschinengewehrkompanie  „3. M. G. K. R. I. R. 71“ an und starb am 8. November 1918 in Gefangenschaft, nur drei Tage bevor der Waffenstillstand unterzeichnet wurde und der Krieg endete. Arthur Cohn wurde am 11. Mai 1880 in München geboren und starb am 1. November 1916. Gebürtige Erfurter waren u.a. Max Werner Grünenbaum (1898-1918), Fritz Leschziner (1897-1918) oder Fritz Rudnicki (1895-1915), während Fritz Elkan (1895-1916) beispielsweise aus Chemnitz stammte. Wie aus den Angaben zu ersehen ist, starb die Mehrzahl der jüdischen Soldaten in einem recht jungen Alter und mehrheitlich als einfache Gefreite. Den höchsten Rang hatte Leutnant Fritz Müller, der am 24. Dezember 1891 geboren wurde und am 29. August 1918 starb.

Beide Gedenktafeln sind am Rand jeweils mit einem hebräischen Text umschrieben, jedoch sind die unteren Teile davon verblasst und verschmutzt und fast kaum noch lesbar. Vielleicht ist das anstehende Hundertjährige zum Ersten Weltkrieg eine gute Gelegenheit, um dies auszubessern. Auf der ersten Tafel ist der aufsteigende Text nicht sinnvoll zu entziffern. Im dann folgenden besser lesbaren oberen Teil folgt ein Zitat aus Psalm 16.10: כי לא תעזב נפשי לשאול לא תתן חסידך לראות שחת – „… denn Du wirst meine Seele nicht dem Inferno preisgeben und deinem Chassid nicht Verderbnis sehen lassen“. Danach ist der Beginn des darauf folgenden Psalm-Verses 11 zu lesen. Da die Schrift jedoch wieder sehr undeutlich wird, kann nur vermutet werden, dass der Vers vollständig zitiert ist: תודיעני ארח חיים שבע שמחות את פניך נעמות בימינך נצח –  „Du zeigst mir den Pfad des Lebens (orech chaim) voller Freuden in deiner Gegenwart freudig auf ewig“.

 

Die etwas besser erhaltene Inschrift der zweiten Tafel ließ sich vollständig aufklären. Mit etwas Mühe zu erkennen ist das Zitat aus דברי הימים ב  (2. Chronik 15.7)ואתם חזקו ואל ירפו ידיכם כי יש שכר לפעלתכם׃ –  „Ihr, seid stark und schwächt nicht Eure Hände, denn es gibt Lohn für Euer Werk“, darauf folgt nahtlos aber viel besser erhalten ein weiteres Zitat, aus Psalm 23.4:  גם כי־אלך בגיא צלמות לא־אירא רע כי־אתה עמדי שבטך ומשענתך המה ינחמני – „auch wenn ich durchs dunkelste Tal gehe, fürchte ich keine Gefahr, denn Du stehst mir bei, Dein Stab und Dein Beistand trösten mich“. Der weitere absteigende, wieder weniger gut lesbare Text ist ein Zitat aus Jeschajahu 25.8:בלע המות לנצח ומחה אדני ה דמעה מעל כל־פנים וחרפת עמו יסיר מעל כל־הארץ  - „Er schluckt den Tod auf ewig HaSchem der Herr wird die Träne aus allen Gesichtern wischen und die Schändung seines Volkes beseitigen im ganzen Land“.

In der Nähe der Tahara befindet sich eine weitere Gedenktafel die an die wesentlich zahlreicheren ermordeten jüdischen Zivilisten aus Erfurt erinnern: „In stillem Gedenken an unsere ermordeten Brüder und Schwestern“. An den Ecken steht hebräisch „לא אמות“ (ich werde nicht sterben) und „כי אחיה“ (da ich leben werde), was sich aber womöglich bereits auf den dummer Weise in Mengen wuchernden Efeu bezieht. Über dem David-Stern des letzteren Spruch sind einige offenbar gewalttätige Beschädigungen zu sehen.

Auf dem Friedhof befanden sich auch jene Überreste des Friedhofs an der Cyriakstraße, die auf dem dortigen, eingerichteten Restgelände wieder aufgestellt wurden.

Auffällig am älteren Teil des Friedhofs sind eine Anzahl ungewöhnlich gestalteter Grabmale mit teils futuristischer, kubistischer Ausgestaltung, wie beispielsweise das 1925 durch den Erfurter Bildhauer Hans Walther (1888-1961) geschaffene Grabmal für das Ehepaar Max Windsheim (1868-1925) und Adele Windsheim, geb. Dessauer (1878-1938), das vom selben Künstler im Vorjahr (1924) geschaffene Ehrenmal für Julius Jaraczewsky (1870-1924), dem Sohn des früheren Erfurter Rabbiners und dessen Frau Jenny Jaraczewsky, geb. Cerf (1881-1924), die nur sechs Monate nach ihrem Mann starb. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist auch das aus drei Dreiecken zusammengesetzte Denkmal für Frieda Silberstein (1878-1931) , dessen Steinmetz unbekannt ist, ebenso wie das gleichfalls eigentümlich Grabmal des Ehepaars Gabriel Baumgardt (1856-1927) und Regina Baumgardt, geb. Harzfelder (1864-1933. Schließlich wäre da noch das eigenartig achteckige Grabmal von Benno Ullmann (1881-1929) und seiner Frau Bella (1877-1929).

The (meanwhile not so) new Jewish cemetery of Erfurt at Werner-Seelenbinder-Str. partly in 1942 was overbuilt by the Thüringer-Hall next to it. Today there are some 750 grave markers left and there also are memorial plates for 31 German Jewish from Erfurt soldiers of the First World War and for the victims of the Nazis.


Die Erfurter Synagoge

June 4, 2012

Von der 1884 eingeweihten Großen Synagoge (mit Orgel) am Kartäuserring blieben nach der Nazi-Herrschaft nur Trümmer übrig. 1947 erhielt die Nachkriegsgemeinde von der Stadt das Grundstück zurück. Nach einigem hin und her wurde 1952 an selber Stelle ein Neubau eingeweiht, welcher der einzige in der DDR bleiben sollte. Die Gemeinde umfasste jedoch nur wenige Mitglieder. Nach 1990 erlebte auch Erfurt einen Zuzug sog. Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion. Die heutige etwa 800 Personen (wovon die meisten in Erfurt leben, jedoch gibt es auch Filialen in Jena und Nordhausen) umfassende Gemeinde hat ihren Sitz an der nach Juri Gagarin umbenannten Straße umgeben von inzwischen etwas modernisierten Plattenbauten. Interessanter Weise kommt „Erfurt“ im Namen der Gemeinde nicht vor, die „Jüdische Landesgemeinde Thüringen“ heißt.

Seit Oktober 2010 verfügt die Gemeinde mit Konstantin Pal über einen jungen, aus Moskau stammenden, aber in Berlin aufgewachsenen liberalen Rabbiner, ausgebildet im Abraham-Geiger-Kolleg, dessen Leiter Walter Homolka vom Katholizismus zum liberalen Judentum konvertierte.

Auf der Hinterseite der Synagoge befindet sich wohl nicht ganz zufällig direkt über die Straße eine christliche Missionsstelle, die mit einer Blume am Kreuz in ihrem Schaukasten zitiert: „JESUS sagt: ich lebe und auch ihr sollt leben …“ Da dies faktisch (auch) an die jüdische Gemeinde vis-à-vis gerichtet ist, ist das sicher sehr tröstlich.

At the spot where from 1884 until 1938 was the Great Synagogue of Erfurt since 1952 is the New Synagoguel, the onyl one which was established under the communist rule in Eastern Germany (DDR). Today it is located between industrialized Plattenbau aparment blocks, refuse containers and a Chrsitain Gospel mission which addresses the opposite synagogue with a message from Jesus ” I am living and also you shall live”.

 

 

 


Die Weisen von Erfurt

May 24, 2012

Bernd the Bread, Germany’s authority in performing arts.

In spring he usually is dressed up as Afikoman, although  not exactly voluntary

* * *

Einst ersannen die Weisen von Erfurt

Mal eben die Wieder-Geburt

Der längst schon vergessenen Juden

Und aus allen Bretterbuden

Meldete man noch ne Jungfrau’n-Geburt

   * * *

In Erfurt feierte man den Geburtstag Israels nicht wie dort üblich nach dem jüdischen Kalender, sondern nach dem christlichen, demnach also am 14. Mai und somit mit der Maus ! שבחים על העכבר


Die Erfurter Judensau

May 18, 2012

Zu den herausragenden authentischen Zeugnissen über die mittelalterliche jüdische Gemeinde im thüringischen Erfurt gehört die offenbar nur wenig beachtete „Judensau“ im Erfurter Dom.

Sogenannte „Judensäue“ sind eine hauptsächlich deutsche Eigenart (Beitrag zum Exemplar in Regensburg: http://jhva.wordpress.com/2011/09/06/die-judensau-in-regensburg ) . Sie stellen meist am sog. Judenhut zu erkennende Juden dar, die auf einem weiblich Schwein sitzen oder von unten an dessen Zitzen schlecken und dergleichen. Allgemein wird vermutet, dass die Darstellung von Juden mit Schweinen eine Art Schande für Juden sei, da das Schwein gemäß den Bestimmungen der Tora „besonders unrein“ sei. Zwar ist es zutreffend, dass Schweinefleisch nach den Geboten vom Sinai nicht für den Verzehr geeignet und im Judentum verboten sind, jedoch trifft dies in der genau selben Weise auch auf Delfine, Pferde, Adler, Löwen, Hunde, Elefanten, Insekten, Katzen oder Pandabären zu, die ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Es gibt nichts, was ein Schwein „unreiner“ machen könnte als ein Krokodil, einen Wellensittich oder Kamele. Es gibt hier keinen Superlativ und nicht koscher ist nicht koscher.

Die Fixierung auf das Schwein ist nichts was im Judentum besondere Relevanz hätte, sondern ist vielmehr der eigenartigen Ambivalenz des Schweins im Christentum zu sehen. Während Jesus im Evangelium noch Dämonen in Schweine zaubert und diese sodann in einen Abgrund stürzen lässt, ist auch dem frommsten Christen das Essen von Schweinen selbstverständlich erlaubt. Sehr ausgeprägt ist dies gerade in Deutschland, wo ungezählte kulinarische „Spezialitäten“ zubereitet werden, wie Bratwürste, Schinken, Schnitzel, Schweinshaxen, Saumagen, und vieles andere mehr, was in vielen Regionen geradezu identitätsstiftend zur „echten Tradition“ dazu gehören soll. Offenbar recht leckere „Schweinereien“ sind demgemäß gerade in Deutschland fast sprichwörtlich in aller Munde. Auch, weil andererseits das wohl ganz gerne genossene Schwein auch wieder ein Schimpfwort ist: du Schwein, du Sau, du Dreckschwein, du Ferkel, usw. wecken in christlich-deutschen Ohren Assoziationen, die es so kaum in anderen Sprachen gibt. Im Gegensatz dazu wäre es eher eigenartig ein hebräisches חזיר als Schimpfwort zu gebrauchen, zumal die Wortwurzel „zurückkehren“ (חזר) bedeutet, was wenigstens linguistisch das Schwein zu einem „Rückkehrer“ macht. Andererseits ist im Deutschen das Schwein Ausdruck in ungezählten Wortkombinationen, die sich auch in der stets wandelnden Jugendsprache halten, wie beispielsweise „saugeil“, „saubillig“, „schweineteuer“, „sauertopf“, oder „saublöd“ … die je nach Kontext mal eher positiv, mal eher gegenteilig verstanden werden. Einen solchen Stellenwert hat „das Schwein“ nur in der deutschen Sprache.

* * *

Die „Judensau von Erfurt“ befindet sich am Chorgestühl im Marien-Dom (beatae mariae virginis). Anders als die meisten Judensäue ist die Erfurter keine Steinskulptur. Es handelt sich vielmehr um ein geschnitztes Flachrelief aus Eichenholz, das etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammen soll. Dargestellt ist ein Jude, der auf einer Sau reitet, wobei sein Fuß in einem Steigbügel steckt. Wie anderswo, sind auch hier die Proportionen der insgesamt äußerst aufwendigen und detailreichen Darstellungen völlig unrealistisch, da der Jude kaum größer ist als das Schwein, das in Natura kaum mehr als 80 cm Schulterhöhe erreicht. Das Schwein ist durch die Zitzen eindeutig als weibliches Tier, als Sau erkenntlich. Dem jüdischen „Schweinsteiger“ oder „-reiter“ gegenübergestellt ist nun ein Ritter, der mit einem Pferd auf den Juden zureitet und in einer Hand eine Lanze hält, wie man sie von Rittern kennt, während er in der anderen Hand ein Schild hält, auf welchem ein Fisch abgebildet ist. Im Schweinereiter trägt der Pferdereiter keine Kopfbedeckung, auch keinen für einen Ritter sodann typischen Helm. Beide Reiter sind von einem Weinstock umgeben, wobei der Jude sich mit einer Hand an einem gebogenen Strang festhält, an welchem einige Reben und Blätter hängen. Vielleicht wird dieser dem  Pferdereiter entgegen schnalzen, so der Jude loslässt.

Über den beiden Reitern befinden sich eingekreist zwei musizierende geflügelte Personen („Engel“). Der eine spielt eine Art Geige, der andere offenbar eine Art Harfe. Unterhalb der Reiter befinden sich zwei tierische Figuren: offensichtlich jagt der Hund unter dem Pferd den Hasen unterhalb des Schweines. Letzteres ist eine im mittelalterlichen Judentum durchaus geläufige Darstellung aus zahlreichen illustrierten Pessach-Erzählungen, wobei der verfolgte Hase die Juden darstellt. Insbesondere in der späteren Augsburger Druck-Variante ist das „“Jag den Has‘“-Motiv von besonderer Bedeutung.  Die Tatsache aber, dass Hasen genauso wenig koscher sind wie Schweine und gleichfalls nicht gegessen werden dürfen hat jüdische Maler nicht davon abgehalten Hasen als ein Symbol für das Judentum darzustellen, so wie bereits in der Antike Löwen immer wieder das jüdische Volk darstellen.

Es wird angenommen, dass die Darstellung in einem Zusammenhang stehen könnte mit dem „Pogrom“ an den Erfurter Juden im Jahre 1349, bei dem die jüdische Bevölkerung getötet und vertrieben worden sein soll. Die Darstellung ist von handwerklich herausragender Qualität und man möchte kaum glauben, dass sie bereits über sechseinhalb Jahrhunderte alt sein soll. Jedoch ist es ungleich schwieriger dieses eigenartige Detail im Rahmen einer Serie zahlreicher weiterer bildlicher Motive angemessen zu deuten. So kontrastiert die Disproportionalität der Figuren eigenwillig mit der sehr genauen Darstellung ihrer Details. Während also das Pferd und das Schwein, auf dem die beiden Reiter sitzen, in ganz grotesker Weise etwa gleich groß sind, hatte der Künstler andererseits dann doch Faltenwürfe der Gewänder, Gesichtszüge, Ausstülpungen von Weinblättern, usw. recht genau herausgearbeitet.

Schnitzerei am Chorgestühl im Erfurter Dom: die Darstellung der Judensau befindet sich zwischen den roten Markierungen unten

Die Szene stellt einen mit einer Lanze bewaffneten Reiter auf einem Pferd dar, der einen Mann mit Judenhut, der auf einem Schwein sitzt angreift. Der nach damaligen Maßstäben bestens ausgebildete Elitesoldat attackiert demnach einen unbewaffneten Zivilisten, was nun sicher keine Großtat ist. Eigenartig ist demnach die Geisteshaltung der Christen, die eine solche, recht feige Schandtat ganz offensichtlich heroisieren will. Andererseits mildert die Tatsache, dass der bewaffnete Angreifer auf einem Pferdchen sitzt, das gerade mal so groß ist wie ein weibliches Schwein, die Szenerie gewiss ins Lächerliche, woran auch die musizierenden Engel über ihnen nichts mehr ändern können. Man ahnt fast, dass sie leicht variiert ein Kinderlied anstimmen mochten: „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Galopp! Über Stock und über Schweine …“

Erfurt “Braugold” Maibock at Biergarten next to the Cathedral (Domplatz), worth a try other than the normal beer

Among the outstanding authentic testimonies about a medieval Jewish community in Erfurt, is the so called “Judensau” (Jews sow) depiction at the choir stalls of Erfurt Cathedral, which however apparently gets only very little attention in the capital of Thuringia which otherwise for a number of years in noticeable extents tries to rediscover its mediaeval Jewish past.


Der jüdische Friedhof des Klosters St. Ottilien (Eresing) bei Landsberg

March 23, 2012

Der jüdische Friedhof des Klosters St. Ottilien (Eresing) bei Landsberg
- hebräische Grabsteine auf einem oberbayrischen Klosterfriedhof

pdf:  Der jüdische Friedhof des Klosters St Ottilien 2

Documentation of the Jewish cemetery at St. Ottilien near Landsberg, Hebrew grave markers at a Bavarian cloister cemetery


Der mittelalterliche Augsburger Judenkirchhof

October 27, 2011

אם בארזים נפלה שלהבת

The Augsburg Judenkirchhof

(pdf / English)

see also: http://www.alemannia-judaica.de/augsburg_friedhof.htm 

Beschreibung des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in Augsburg, seiner fassbaren Geschichte, übriggebliebenen Grabsteine und Fragmente in der Stadt mit hebräischen Inschriften, Übersetzung und kritischer Betrachtung … berücksichtigt zudem die antike und mittelalterliche Stadtentwicklung, Karten, wie auch die lateinischen Schrift “Monumenta Antiqua Judaica, Augustæ Videl. Reperta & enerrata cum Mantissa” des christlichen Gelehrten Matthias Beck (1686) der mit dem Pferseer Rabbiner Jehuda Loeb Ulmo damals noch acht teilweise erhaltene Inschriften übersetzte, von denen sich heute nur noch drei und zwar im Innenhof des ehemaligen Peutinger Hauses gegenüber dem Augsburger Dom befinden. Daneben werden die “neueren” Funde, die Beck offenbar nicht geläufig waren vorgestellt, einer befindet sich im “Jüdischen Kulturmuseum” in Augsburg, der andere im Lapidarium des Maximilianmuseums und ein dritter stand bis zum Angriff US-amerikanischer Fliegerbomben im Februar 1944 am jüdischen Friedhof Hochfeld zwischem Alten Postweg und Haunstetter Str.  … (pdf / English)

augsburg synagogue with Jewish seal and city emblem

Eine Replik des Siegels der jüdischen Gemeinde in Augsburg mit der städtischen “Zirbelnuss” über dem mittleren Eingangstor der Synagoge in der Halderstraße. Dies sollte offenbar an das damals einvernehmliche Verhältnis zwischen der städtischen und jüdischen Gemeinde erinnern, in welcher beide Seiten für die gemeinsame Sicherheit und Zukunft wirkten. Freilich nimmt es auch Bezug auf  den “Mauer-Brief” vom August 1298, welcher das einzige bekannte Dokument ist, an dem in Augsburg Siegel der jüdischen und städtischen Gemeinden befestigt worden sein sollen – das sich auch auf den Friedhof bezieht.

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Über die Juden im mittelalterlichen Regensburg

September 2, 2011

Das Regensburger Stadtwappen zeigt zwei gekreuzte Schlüssel, die der Tradition gemäß den Stadtheiligen “Petrus” symbolisieren sollen.

Das Siegel der mittelalterlichen Gemeinde in Regenburg, es hat einen sechszackigen Stern mit einem Halbmond mit einer selbstbezechnenden Inschrift ( חותם קהל ריגנשפורק – chotam kahal regenschpurk). Demhingegen zeigt ein Ring aus den Ausgrabungen vom Neupfarrplatz die Mondsichel mit einem siebenzackigen Stern. Die Flagge der Türkei beispielsweise vereinigt den Mond mit einem fünfzackigen Stern. Eine Zacke mehr oder weniger scheint also mal weniger mal mehr aussagekräftig zu sein. ;-)

Steht das Emblem als Siegelzeichen der jüdischen Gemeinde von Regensburg so nun fest, so überrascht es freilich auch, selbiges  in der “offiziellen” sechs-zackigen Variante und mit der Mondsichel an der Decke eines Seitengangs der ehemaligen Minoritenkirche in Regensburg wiederzufinden, Die Kirche ist heute wiederum Bestandteil des Historischen Museums der Stadt und soll (in welchen Teilen?) auf das 13. Jahrhundert zurückgehen …:

* * *

Regensburg hat eine alte, überregional bedeutsame jüdische Geschichte, am bekanntesten verbunden mit Gelehrten wie Yehuda b Schmuel Kalonimos (gest. 1217), dessen, freilich andernorts verfasstes, Ehrenlied bis heute in aller Welt am Schabbes gesungen wird.

Die älteste bekannte Nachricht über Juden in Regensburg datiert den Kauf eines Grundstücks aus dem Besitz des Klosters St. Emeran durch einen Juden namens Schmuel. Im Jahr 1020 ergibt sich aus der Urkunde über die Schenkung eines Christen an das selbe Kloster die Nähe zu „den Wohnhäusern der Juden“. Daraus ergibt sich nicht zwangsläufig auch eine unmittelbare Nähe zu St. Emeran im Süden der Altstadt, schließt eine solche freilich auch nicht zwingend aus. Ein Reisebericht aus der Mitte des 11. Jahrhunderts erwähnt erstmals eine Synagoge. Unklar ist hingegen in welchem Umfang die jüdischen Regensburger im Jahre 1096 von den marodierenden Kreuzrittern in Mitleidenschaft gezogen wurden, jedoch verfügt im Jahr darauf der spätere Kaiser Heinrich IV., dass die in Regensburg zwangsgetauften Juden zum Judentum zurückkehren dürften.  Fraglich ist  auch, ob die Synagoge der Zwangschristen nun als solche bestehen bleiben oder im Jahr darauf ohne weiteres wieder zur Synagoge rückgewandelt werden konnte. Heute jedenfalls gilt als Ort der jüdischen Ansiedlung im mittelalterlichen Regensburg der Bereich um den Neupfarrplatz zwischen Tändlergasse  und Residenzstrasse (früher Judengasse), bzw. Kramgasse und Gesandtenstraße. Hier wurden 1995 auch Fundamente freigelegt, die zur früheren Synagoge gehört haben sollen. Die mittelalterliche jüdische Gemeinde in Regensburg hatte schlussendlich bis zum Februar 1519 Bestand, als die Ausweisung binnen weniger Tage erfolgte. Für viele der Regensburger Juden war die lokale Neuorientierung freilich nicht zu schwierig, da sie ins gerade mal 700 m entfernte Stadtamhof auf der Donau – Wöhrd (sprich „Insel“) umzogen und hernach über die Brücke hernach als Händler wieder in die frühere Heimat, die in Sichtweite geblieben war, Einlass fanden. Zumindest an die Fundamante der Synagoge erinnert heute eine 2005 fertiggestellte weiße Steinskulptur des israelischen Künstlers Dani Karavan, während unterhalb des Platzes die „Document“ genannte Ausstellung Teile der ausgegrabenen Reste des ehemals mit vielen Häusern bebauten Platzes „archäologisch“ präsentiert.  

   Mittelalterlicher Grabstein an der Fassade der Staatlichen Realschule “Am Judenstein”, namensgebens auch für die Straße. Der Stein befand sich ursprünglich im Garten des Regensburger Kupferstechers und Ratsmitglied Albrecht Altdorfer, auf den auch Darstellungen der 1519 zerstörten Synagoge zurückgehen. An Stelle der heutigen Schule befand sich das Geburtshaus Altdorfers, das 1909 abgerissen wurde.

In ganz anderer Weise freilich präsentiert Regensburg die Überreste des 1210 begründeten, im Bereich des heutigen Ernst-Reuter-Platz zwischen Bahnhof und Galgenberg gelegenen früheren jüdischen Friedhofs, dessen Grabsteine auf die stattliche Zahl von 4000 und mehr geschätzt werden. Einzelne von ihnen finden sich überall in der Altstadt verteilt, mit der Schriftseite nach vorne eingemauert in den Innenhöfen oder Seiteneingängen alter Häuser, aber auch inerhalb von Häusern, wie heute etwa in einem Musikgeschäft zu sehen oder aber, was nicht minder bemerkenswert ist, im Kreuzgang des riesigen Regensburger Doms. Eine Systematik ist dabei nicht zu erkennen, da manche der Steine offensichtlich auch nicht eingemauert sondern mitunter an die Wände viel später entstandener Gebäude „montiert“ wurden. Eine populäre Ansicht besagt, der Zweck der Ausstellung der Steine sei auf diese Weise den „Triumph“ über die vertriebenen Juden zu signalisieren (wozu freilich nur eine Begleitinschriftetwas besagt), insgesamt freilich zweifelhaft ist, da auf diese Weise die verteufelten Juden, die wie oben erwähnt in nicht geriger Zahl doch in der direkten Nachbarschaft am anderen Donau-Ufer wohnen blieben, offensichtlich noch präsenter im Stadtbild wären als zuvor. In einer, basierend auf Vorstellungen wirksamer Geheimzeichen, von „Zauberei“ und Aberglauben geprägten Bevölkerung kann dies kaum zur Beruhigung oder gar zum Hochgefühl der derselben beigetragen haben. Denkbar wäre in diesem Kontext freilich auch, dass die Anzahl von Steinen vielleicht aber auch gerade deshalb als eine Art magischer Schutz vor himmlischer Vergeltung eingefügt wurden. Ein anderer Aspekt wäre der rein praktisch Nutzung der Steine als Baumaterial. Abgesehen davon, dass tausende (unterschiedlich große und gestaltete) Grabsteine sich nicht einfach zu Bauten zusammenfügen lassen, spricht dagegen jedoch einiges in der überlieferten  Ortsgeschichte. Zum einem wurde die Synagoge der Regensburger Juden nicht konvertiert, sondern dem Vernehmen nach völlig zerstört und wie eine Tafel an der heutigen Neupfarrkirche besagt, an ihrer Stelle eine neue Kirche errichtet – freilich aus Holz. Andererseits wurden am heutigen Neupfarrplatz auch zumindest die überirdischen Teile der Häuser des jüdischen Viertels abgetragen, was an für sich keinen Sinn macht, wenn man einen zusätzlichen Bedarf an Wohnraum und oder Baumaterial voraussetzen will. Freilich dürften von den Häusern dann genug verwertbare Ziegel für andere Gebäude übrig geblieben sein, die für übliche Ziegelbauten gewiss leichter und stabiler zu verbauen waren als Grabsteine. Dies alles steht mehr oder minder wohl im Kontext der (zunächst hölzernen) Wallfahrtskirche, die nun doch nicht auf den Fundamenten der zerstörten Synagoge steht, 1542 aber zur evangelischen Stadtkirche wird, deren heutige Form und Ausmaß freilich aber erst wieder aus dem Jahr 1860 stammt.  

Eine Reihe der Grabsteine des jüdischen Friedhofs sollen der Überlieferung gemäß aber auch in anderer Orte gelangt sein, etwa nach Kelheim, Regensdorf, usw. Wie auch immer sind rund sechzig der Grabsteine in der einen oder anderen weise, hier oder dort erhalten oder zumindest in ihren früher erhaltenen Inschriften überliefert. Immerhin sieben, überwiegend erstaunlich gut erhaltene Grabsteine aus dem datierbaren Zeitraum von 1252 bis 1505 befinden sich neben anderen Funden im Regensburger Stadtmuseum.

famous German folksong on Regensburg (Ratisbon).

Regensburger Zoigl (Bierzeiger) Bier am Domplatz

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