Burgau revisited

April 19, 2012

Burgau und die nach ihm benannte Markgrafschaft im heutigen bayerischen Schwaben war von etwa von 1300 bis 1800 für ein halbes Jahrtausend österreichisches Gebiet. Wenngleich nicht immer ein zusammenhängendes Territorium und zeitweilig eher eine Art Fleckenteppich, war es doch ein politisch und kulturell zusammenhängendes und funktionierendes Teil der österreichischen Monarchie.

Der Name Burgau wird wohl treffend als Burg-Au gedeutet, denn um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Augsburg erstmals „Herren von Burgau“ erwähnt. Im Jahre 1212 werden deren Nachkommen zu Markgrafen ernannt und in der Folge orientierten sich die Burgauer wohl bereits an den Habsburgern, die bald versuchten die schwäbischen Gebiete für ihr Reich zu sichern.

Als 1324 zur erfolglosen Belagerung durch Soldaten des Wittelsbacher Kaisers Ludwig Bayer. 1418 verhinderten Augsburg und Ulm einen Verkauf der Gebiete an Bayern, da man in den Reichsstädten um die eigene Unabhängigkeit fürchtete und deshalb – später auch unter dem Einfluss der Fugger – eher den Vorderösterreichern zugeneigt war.

Mit dem 30jährigen Krieg endete die Herrschaft in Burgau, dessen letzter Markgraf Karl 1618 verstarb. Als Sohn Erzherzog Ferdinands von Österreich und der nicht standesgemäßen Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527-1580) war Karl nicht voll erbberechtigt. Der Markgraf und seine Frau waren bei ihren Untertanen nur mäßig beliebt, da sie ihre beargwöhnte Verbindung mit religiösem Eifer kompensieren wollten. 1516 führte dies zu einem Bierverbot in Burgau und im Jahr darauf zur Ausweisung der Juden (unter den auch Brauer waren). 1518 starb er sodann und wurde hernach in Günzburg bestattet, wo er ziemlich verschwenderisch mit seiner Frau gelebt hatte. Die Markgrafschaft wurde sodann von den Habsburgern in Tirol regiert und von ihnen in Günzburg ein Landvogt eingesetzt. Um 1805 gingen die Gebiete der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau an Bayern. Heute hat Burgau etwa 9000 Einwohner, wovon 7000 am Ort selbst leben, der natürlich über die mittelalterliche Stadt hinausreicht. Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungszahl rückläufig.

Altes Rathaus von Burgau

Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (1506-1585) verknüpft, der in Günzburg geboren wurde, in Burgau aufwuchs, dort Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses war und nach seinem Tod auch begraben wurde. Er war ein großer namhafter Gelehrter, kaiserlicher Hoffaktor, ein großer Mäzen und Autor gelehriger Bücher in taitscher Sprache. Sein Vorfahr Falk Lemlin (1390-1465) hatte 1438 Augsburg verlassen müssen und ging nach Ulm. Der Lehrer seiner Kindheit in Burgau war Rabbi Jona, der Sohn von Jakob ben Jehuda Weil, der letzte überregional bedeutsame Gelehrte  Augsburgs, der die Stadt 1438 als einer der ersten verließ und schließlich nach Erfurt ging. Auf seinen Schriften fussen die heutigen Verodnungen der Schechita.

 

Ausschnitt aus Simon Ulmo’s taitscher Erklärung hebräischer und aramäischer Redensarten aus Mischna und Talmud

 

Aus dem Jahr 1470 ist in einer Urkunde in Graz Salomon von Burgau mit weiteren Juden von Ulm wegen Geldleihen an einen christlichen Kleriker erwähnt, wobei es sich wohl um einen Verwandten Simons handelt. 1587 verfügt die Markgrafschaft, dass Juden den Christen rechtlich gleichgestellt seien. 1593 erhält Lemle von Burgau (ein Sohn von Simon) von Freiherr Ferdinand von Grafeneck das Schloss und Dorf Hasenweiler bei Ravensburg, da dieser eine Schuld über 3500 Gulden nicht bezahlen konnte. Es folgten jedoch über Jahre andauernde Rechtstreitigkeiten, ehe Dorf und Schloss für 16.000 Gulden an das Kloster Weingarten verkauft und Lemle ausbezahlt wurde.

Ende Dezember 1596 klagten christliche Bewohner in Burgau über die Burgauer Juden, da diese wegen ihrer Feiertage keine Rücksicht auf die christlichen Feiertage nehmen würden und zudem offenbar auch verlangten, dass ihre christlichen Bediensteten an diesen Tagen für sie arbeiteten. Dies wurde am Ort wohl als Verspottung der „wahren“ christlichen Religion durch die „verdammten“ Juden aufgefasst. Als Rabbiner in jener Zeit ist in den Raittungen (Rechnungen) von Burgau „Leo Jude, Lehrmeister“ notiert. Gemeint ist Jehuda Schmuel (1538-1604), Sohn des Simon Ulmo-Günzburg, der mit Frau und Sohn verschiedentlich genannt wird, 1599 etwa „Leo Jud, Lehrmaister und sein Sohn Itzig Jud der Jung Lehrmaister und Schulklopfer“. 1602 heißt es statt „Leo“ (sowohl Lew als auch Leo dienten häufiger als Umschreibungen des Namens Juda) nun „Leb, Itzig Jude, Lehrmaister und sein Mueter“. Itzig kennen wir aus hebräischen Quellen als Itzchak ben Jehuda Schmuel Ulmo (1570-1618) . Seine Frau wird in der Liste ab 1619 folgerichtig als „Itzig Jüdin, Lehrmaisters Witib“, also als Witwe des Lehrmeisters Isaak verzeichnet.

Im Jahr 1617 veranlassten Markgraf Karl und seine fromme Frau Philippine aus dem Haus der Augsburger Patrizier Welser, das im Jahr 1614 seinen „Falliment“ erklärte, d.h. pleite war , die „Ausschaffung“ der Juden aus Burgau. Ob es wirklich zum Weggang der Juden führte ist unklar. Möglicherweise verließen die Burgauer Juden, die gerade den frühen Tod ihres Rabbiners zu beklagen hatten, den Ort unterhalb der Burg tatsächlich kurzfristig, um vielleicht in Scheppach oder Günzburg Unterschlupf zu finden. Spätestens nach dem Tod des letzten Markgrafen kehrten sie jedoch wieder zurück, weshalb wir ab 1619 sodann auch die Witwe des Rabbiners als Steuerzahlerin finden. Von 1622 bis 1631 wirkte sodann David, der Sohn des Isaak als Rabbiner, dessen Bruder Abraham siedelte sich in Pfersee an. Eine Rechnung aus selber Zeit über verlangte Abgaben für Stadtwächter aber auch für Kriegskosten an die Burgauer Juden in Höhe von stattlichen 200 Gulden. 1611 belief sich die jährliche Höhe der jüdischen „Sitzgelder“ auf rund 185 Gulden. Die Wächter wurden offenbar auch zur Abwehr der Infektion benötigt, an der viele Einwohner erkrankt waren und starben. Die Pest wird häufig als Argument gebraucht, um die Ausweisung der Juden aus Burgau zu begründen, doch wurde diese bereits 1617 angeordnet und bleib offensichtlich folgenlos. Als 1631 aber bereits schwedische Truppen immer tiefer nach Deutschland vordringen klagen nun die Juden in Burgau in Augsburg gegen den Burgauer Stadtprediger Kaspar, da dieser einigen Aufruhr erhebt, vor der Synagoge und dem Lehrhaus randaliert und Verleumdungen verbreitet oder auswärtigen jüdischen Händlern nachgeht und gegen sie mitunter handgreiflich wird. Einen Juden aus Steppach, wo wie in Pfersee Söhne und Enkel der Ulmo vor Jahrzehnten ausgesiedelt waren, habe er so mit einem Stecken angegriffen, usw. Mit dem weiteren Vormarsch der Schweden hatten Burgau wie auch der Dorfprediger im Folgejahr jedoch ganz andere Sorgen. Auch die jüdische Geschichte in Burgau endet mit den weitgehenden Zerstörung des Ortes.

Doch aus dem Jahr 1653 ist in Burgau der Jude Josef notiert, der gegen Wilhelm Konrad Schenck von Stauffenberg klagt, da dieser offenbar seine Schulden nicht bezahlen konnte. Da er als Josef von Burgau bezeichnet wird, ist anzunehmen, dass er tatsächlich am Ort lebte. 1665 wird über die Wiederansiedlung von Juden in Burgau verhandelt. Die Rede ist „wie von alters her“ von acht oder neun Familien. Christliche Prediger vor Ort sind anderer Ansicht und sprechen davon, dass sie „solches Ungeziefer“ nicht wieder haben wollten. Offenbar wurde dem Begehren zumindest einiger Juden trotzdem nachgegeben, da sich im Dezember 1668 der aus Pfersee stammende Jude Hertzog  in Burgau meldet und darauf hinweist, dass vor dem großen Krieg (wohl 1631) sein Großvater die Judenschule „auf eigene Kosten und zur Ehre Gottes und ihm zu Nutze und Heil habe erbauen lassen“, weshalb er nun darum bat, dass man ihn nun doch bitte nicht abweisen möge deswegen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei jenem Hertzog (oder Hitzig) um Isaak, den Sohn des letzten Rabbiners David Ulmo handelte. Ob es ihm gelang das Gebäude in der heutigen Stadtstraße, dass den Krieg wohl wenigstens teilweise überstanden haben muss, wieder erlangte ist nicht bekannt, muss aber bezweifelt werden, da es in der Folgezeit nur noch spärliche einzelnen Nachrichten über Juden in Burgau gibt. Dabei handelt es sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lediglich um Bestimmungen für auswärtige jüdische Händler, die an jenen Tagen und Stunden am Markt sein dürfen.

Die vielleicht größte Anzahl von Burgau folgte dann aber wohl erst rund 275 Jahre nach dem Ersuchen von Isak Ulmo aus Steppach, als nämlich von 1944 bis 1945 für die Dauer etwa eines Jahres in Burgau ein Arbeitslager errichtet wurde, in welchem jüdische Zwangsarbeiter, die aus Osteuropa verschleppt wurden (während im Gegenzug schwäbische Juden nach Polen deportierte) für Messerschmidt im sog. „Kuno Werk“ im Scheppacher Forst Düsenjets montieren sollten. Insgesamt etwa 1100 Gefangene wurden dort unter schlechtesten Bedingungen zur Zwangsarbeit genötigt. Über die Anzahl der Toten gibt es keine Zahlen, jedoch wurde in einem Pressebericht anlässlich der Errichtung eines Gedenksteins vor einem Jahr, die Zahl von 18 namentlich bekannten Toten erwähnt. Diese sind in der Inschrift nicht aufgeführt, stattdessen ein deutsches Zitat aus dem Buch Hiob:

Wenn ich daran denke, erschrecke ich und mein Zittern ergreift meinen Leib

Und darunter: „Zum Gedenken an die Verfolgten der NS-Herrschaft. Ihr Leiden und Sterben sei uns Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Dieser Stein erinnert an diejenigen, die im Burgauer KZ-Außenlager gelitten haben.“

Dass es sich bei den Gefangenen um Juden handelte, war den Verfassern so wenig Notiz wert, wie auch sonst in Burgau eigentlich nichts mehr an die lange über zweihundertjährige jüdische Geschichte erinnert.

Am 23. April 1945 bombardierten US-Flieger siebzig startklare Messerschmitt Jets und das Werk entlang der heutigen Karlsbader Str. im Süden der Stadt. Im Norden hingegen befindet sich der jüdische Friedhof von Burgau, nördlich der Eichenstraße. Grabsteine sind keine mehr erhalten und der Platz selbst längst nicht mehr ummauert. Die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

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Burgau today is a small town with some 9000 inhabitants but it has a rich history with a number of quite interesting Jewish aspects. For the period of a half millennium Burgau was capital and eponymous for the Austrian forelands of Margravate Burgau which reached from Ulm to Augsburg.

Simon ben Elieser Ulmo Günzburg (1506-1585) one of the most important scholars of his times lived in Burgau where he was a rabbi and head of a prominent yeshiva. His Jewish-German collections of sayings of course were inspired by the language of the region. Until 1631 there was a Jewish community in Burgau, which also had an own cemetery. The year after the Thirty years War (1618-1648) afflicted the town and region. In the following decades and century there are only scarce notes on Jews in the town. About 1668 Isaac from Pfersee, offspring of the former Burgau builder of the new synagogue for a last time tried to return to the heritage, but obviously failed. Christian preachers had warned against “such vermins”.

275 years alter however, when Burgau had some 3000 inhabitants in the south of the town there was the Burgau satellite concentration camp “Kuno Werke” with some 1100 Jewish prisoners abducted in Hungary and Poland, who were forced to assemble Messerschmitt jet fighters. The number of victims is not known, but last April a monument with a quote from the Book of Job was erected in order to commemorate this part of the past. However nothing reminds of the history of the almost three centuries long Jewish community of Burgau. The old Jewish cemetery north of Burgau’s Eichenstr. has no markers left and no fence or wall. It just is an arable field, dugged up for generations.

The (hand)writing on the pavement cobble says that “Burgau is older than Munich“, whatever this information does amount to. Actually Burgau is first mentioned in an Augsburg deed in 1147, Munich in 1158 (“Augsburger Schied”)

כבש הזהב של בורגאו


Über die Juden im schwäbischen Schlipsheim

November 17, 2011

Schlipsheim liegt vier Kilometer westlich von Steppach und ist wie dieses seit rund 40 Jahren Teil des Städtchens Neusäß welches westlich von Augsburg ist. Mit rund 500 Einwohnern ist Schlipsheim der kleinste der nach Neusäß eingemeindeten Orte.

Postcard of Schlipsheim with an unknown tower or church (ca. 1910)

Out of Schlipsheim. Zwar wird die Geschichte des „Straßendorfes“ bis ins 10. Jahrhundert zurückdatiert, jedoch handelt es sich dabei nicht um Geschichte im Sinne erzählter Geschichten, sondern eher um Datierungen, auf die in zunächst recht großen Abständen weitere folgen. Die werden dann mit der Zeit kleiner, aber etwa achthundert Jahre nach den legendären Anfängen – im Jahr 1719 – (er)zählt der Hainhofener Pfarrer Mayr in Schlipsheim ganze elf Häuser. Seinem Bericht nach hatte der Ortsherr Josef von Rehlingen „die Juden“ in dem Ort aufgenommen. Sehr viele können dies jedoch nicht gewesen sein, obwohl bekannt ist, dass in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im benachbarten Steppach und Kriegshaber, zeitweilig wohl auch in Leitershofen Juden lebten, nicht zu vergessen in den näher bei Augsburg liegenden Dörfer Oberhausen und Pfersee jüdische Gemeinden vorhanden waren. In Steppach und Kriegshaber bildeten sich gar stattliche Zentren mit mehreren hundert Menschen heraus.

Immer beliebt sind auch Einträge aus Regierungsakten, die Aufschluss geben über Steuerleistungen, die Juden in einzelnen Dörfern leisten konnten, durften, wollten oder mussten, da sie ggf. zumindest etwas über die Wirtschaftskraft der Juden besagen können, wo es schon sonst an Erkenntnisse mangelt. Im letzten Quartal des Jahres 1754 zahlten im österreichischen Burgau die Juden von Kriegshaber 43 Gulden, Ichenhausen 36 Gulden, Buttenwiesen 25, Binswangen 15, Hürben 12, Pfersee 9, Steppach 8 und Schlipsheim 1 Gulden und 45 Kreuzer. Für einen Gulden konnte man 5 Mahlzeiten in einem Gasthof mit 10 Liter Bier erhalten. Da in dieser Zeit der Monatslohn eines Tagelöhners etwa bei 5 Gulden, der eines Buchhalters bei ungefähr 30 Gulden lag, kann man sich unschwer ausmalen, dass der Beitrag aus Schlipsheim nicht gerade üppig war.

In Philipp Röders 1792 erschienenem zweiten Band des „Geographisch Statistisch-Topographischem Lexikon von Schwaben“ heißt es zur Ortsbeschreibung von Schlipsheim: „Dorf und Schloss an der Schmutter im Burgau, gehört dem Kloster heil. Kreuz in Augsburg. Am Anfang dieses Jahrhunderts gehörte es den von Rehling, kam an die Bach und ist 1785 durch das Oberamt Günzburg an das Kloster heilig Kreuz in Augsburg um 21.000 Gulden (fl.) verkauft worden. Hier sind auch Juden, die eine Sinagoge haben.“

Erste ordentliche Statistiken aus dem Jahre 1809 zählen im „Lechkreis“ im Landgerichtsbezirk Göggingen 650 Juden, davon 104 in Schlipsheim, 82 in Pfersee, 169 in Steppach und 295 in Kriegshaber. Zwei Jahre später, 1811 zählt man in Schlipsheim nur noch 36 Juden, 103 in Pfersee, 181 in Steppach und in Kriegshaber 243. (Montgelas-Statistiken, 25 Bde.: Volkszahl in Bayern, 1809/10, 1811/12, Band 10)

1818 vermerkt Georg Heinrich Keyser in seiner Beschreibung „Augsburg in seiner ehemaligen und gegenwärtigen Lage“ (S. 123) ganz eigentümlich: „Schlipsheim, Ort, von Juden bewohnt, mit einem Schloss. Man findet hier einen Israelitischen Opticus, der gute Augengläser macht.“ Das genannte Schloss wurde bereits 1823 abgerissen, wie es hieß wegen Baufälligkeit. Als einziger Überrest gilt die Nikolaus-Kapelle an der heutigen Schlipsheimer Straße.

Depiction of the old Schlipsheim castle from a painting inside the St. Nikolaus chapel

Das Bayerische Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis erwähnt im Jahr 1828 den aus Schlipsheim stammenden israelitischen Schul-Expendanten (Anwärter) Aaron (Ascher) Fränkl der zum israelitischen Schuldienst in Altenstadt (Illereichen) befördert wurde. Im Jahr darauf meldet das Blatt seine Ausstellung, womit die Zurückstellung vom Militärdienst gemeint war, „mit einem außer seinem Schullehrers Gehalte dem selben ausgeworfenen Wehr-Bezugs von 60 Gulden (fl.) und 20 Gulden Mietzinsvergütung“. Aaron Ascher Fränkls verwitwete Mutter Sara wohnte in Schlipsheim in einem der neun Wohnungen im sogenannten „Judenhaus“. In Altenstadt heiratete er Viktoria, die Tochter des wenige Tage vor der Hochzeit im Januar 1829 verstorbenen Mosche Katz, der als Geldmakler in Rottweil bekannt war und seiner Tochter eine Mitgift von tausend Gulden ermöglichte. Seine Frau und Viktorias Mutter Sara hingegen stammt wie ihr Schwiegersohn Aaron Ascher aus Schlipsheim, wo sie als Tochter des Krämers Mayer Samuel geboren wurde. Ascher blieb bis zu seinem Tod 1851 Lehrer in Altenstadt.

Für das Jahr 1832 wird der Ort in Josef Eisenmanns bayerischem Lexikon mit 56 Häusern und 350 Einwohnern beschrieben. Erwähnt wird auch eine hölzerne Brücke über die Schmutter mit „50 Schuh Länge“, was in etwa der Breite des kleinen, sich bei Schlipsheim oft windenden (mäandernden) Flüsschen entsprechen könnte.

Aus dem August 1825 stammt eine Notiz von Karl F. Stuhlmüller (1787 – 1832), seines Zeichens „königlich baierisch Polizey Commissair, Vorstand des Zwangsarbeitshauses zu Plassenburg und Mitglied des Civilverdienst-Ordens der baierischen Krone“ der in seinen einschlägigen „Vollständigen Nachrichten über eine polizeyliche Untersuchung gegen jüdische durch ganz Deutschland und dessen Nachbarstaaten verbreitete Gaunerbanden“ und zahlreichen Punkten auch sogenannte Passvergehen erwähnt. Unter (vielem) anderen prangert der Kommissar die Unsitte an, dass Ortsvorsteher Juden, die vorgeben ihre Pässe verloren zu haben, gutgläubig Atteste ausstellten. Entsprechend handelte dann wohl auch Ortsvorsteher Schmidt zu Schlipsheim, der dem „Erzgauner Baruch Benjamin“ ein solches Attest ausstellte und damit offenbar die Weiterreise ermöglichte. Baruch Benjamin stammte der Beschreibung gemäß aus dem fränkischen Fürth, wo ihm wegen nicht genannter Delikte der Pass erst abgenommen wurde. Mit dem Attest nun konnte er in Hall am Neckar einen neuen Pass erhalten und ganz ungestört seine Gaunerstreiche unter der Maske eines ehrlichen Handelsmann fortsetzen. Damit dürfte jener Baruch Benjamin nun einer der wenigen gewesen sein, der Schlipsheim etwas Positives abgewinnen konnte, denn die allgemeine Beschreibung des Ortes muss wohl recht trostlos gewesen sein.

Depiction of a Kohen who instead of doing a Shechita obviously is trying to stab in the back of the animal, what of course reveals that the artist had not the faintest idea regarding the practise he wanted to illustrate …

Worin in jener Zeit der Reiz bestanden haben mag in Schlipsheim zu wohnen, erschloss sich sodann auch dem Verfasser des „Archiv für die Geschichte des Bistums Augsburg“ Anton Steichele nicht so recht. Im zweiten Band seines Werkes aus dem Jahr 1858 schreibt er: „Die Feld- und Wiesenflur des Dorfeserstere auf einem niederigen Hügelrücken westlich des Ortes, letztere an der Schmutter ausgebreitet, gehört nur Wenigen, nämlich zwei großen Bauern, dem Wirt und vier Sölden an. Die übrigen Bewohner leben nur von der Hand in den Mund als Taglöhner, Besenbinder, Hirten, etc. in der Nähe und Ferne Erwerb suchend. Darum (dafür) ist Schlipsheim auch weit bekannt, wenn auch ohne Ruhm.“ (Band 2, S. 359) Direkt schmeichelhaft für die Schlipsheimer war auch das nicht.

rear view of the former so called “Judenhaus” (Jews house) of Schlipsheim

Das sogenannte Schlipsheimer „Judenhaus“ nun befand sich am südlichen Ende des heutigen Ortes an der von Hainhofen führenden Schlipsheimer Straße, etwa 300 m von der Schmutter entfernt, von der die Hauptstraße von saftigen, mitunter sumpfigen Wiesen getrennt ist. Die Bewohner des בית היהודים besaßen keines der großen Grundstücke, hatten aber zu gleichen Anteilen gemeinsamen Nutzen an den Wiesen (2004, 55 ההיסטוריה הגרמנית-יהודית שירשנו, עמ הנרי וסרמן,). Heute ist das Haus dreigeteilt mit den Hausnummern 124-128. Der vordere Teil des Hauses wurde vor Jahren abgerissen und neu aufgebaut.

בית היהודים לשעבר בכפר שליפסהיים

Zeitweilig lebten bis zu 50 Personen im Haus, das wohl etwas übertrieben mitunter auch als „Synagoge“ bezeichnet wird. In den 1840er Jahren sind einige Namen der Bewohner des Hauses überliefert. Unter anderem lebten hier die Familien von Isaak Weil, Abraham Gruber, David Heinemann wie auch die bereits erwähnte Sara Fränkel. Da wie im obigen Beispiel zitiert, 1809 offizielle Statistiken über hundert Juden in Schlipsheim verzeichnen, ist es zweifelhaft, ob es am Ort wirklich nur dieses eine „Judenhaus“ gab, in welchem Juden am Ort lebten. Der frühere Flurname „Judendauch“ deutet recht sicher auf die Existenz einer Mikwe in Schlipsheim hin. 1852 ermittelt die “Unions-Volkszählung” im Dorf Schlipsheim, dass noch 40 Personen im “Judenhaus” wohnten, aber seinen Namen nach inzwischen treffender “Christenhaus” genannt worden wäre, da bereits 22 der 40 Bewohner Christen waren (siehe Stadtarchiv Neusäß).

Auch im benachbarten Ortsteil Hainhofen soll es in früheren Zeiten einen „Judenberg“ (Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, S. 277) gegeben haben und einen nordwestlich außerhalb des Ortes gelegenen „Judenweg“, der aber wohl nur eine unbewohnte umgangssprachlich so titulierte Wegstrecke war.

reflecting gallows at river Schmutter some 400 m from the former Hauptstr. in Schlipsheim

Über das Ende der jüdischen Gemeinschaft in Schlipsheim berichtet „Der Israelit“ in einer Meldung vom 20. November, in welchem die Frage aufgeworfen wird, was nachdem die „Synagoge“ der Gemeinde aufgehört hat zu existieren, nun mit dem Inventar des Betraums geschehen soll. Ein Herr K. hat die beiden noch vorhandenen Tora-Rollen nach München „zum Verkauf geschickt“. Eine (weitere) Rolle wurde offenbar von einem Betrüger ergaunert und in Augsburg an einen Händler verkauft, der die Rolle wiederum in Nürnberg weiterverkauften haben soll. Damit endet sodann die Geschichte der Juden in Schlipsheim, im früher gängigen Klischee (heutige Schlipsheimer sind ganz gewiss ehrbare Leute) fast schon wieder ortstypisch mit einer Gaunerei.

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Besten Dank für die Führung durch die kleine Kapelle St. Nikolaus von Tolentino und zahlreiche Erläuterungen an Fr. Bührle in Schlipsheim

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Als bekanntester Schlipsheimer gilt der 1819 dort geborene Maler und Kunsthändler David Heinemann, der seit 1872 in München lebte und zumindest ab 1884 eine angesehene Kunsthandlung (am Promenadenlatz, ab 1903 am Lehnbachplatz, bald mit Filialen in Frankfurt und Nizza) besaß, die zunächst von seinem Sohn Hermann (1857-1920) und schließlich die bis zur „Enteignung“ durch die Nazis im Jahre 1938 noch von seinem Enkel Theo weitergeführt wurde. Zwei seiner eigenen Werke, darunter sein Selbstportrait befinden sich im Münchner Stadtmuseum.  Die Online-Datenbank der „Galerie Heinemann“ erfasst heute weit über 40.000 bedeutende Gemälde aller Epochen (siehe: http://heinemann.gnm.de).

David Heinemann (http://heinemann.gnm.de)

 


Reiseberichte über die jüdischen Gemeinden von Augsburg, Kriegshaber, Steppach und Pfersee in der Mitte des 19. Jahrhunderts

November 15, 2011

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Um die Mitte der 1840er Jahre erschienen in der jüdischen Wochenzeitung „Der Israelit im neunzehnten Jahrhundert – eine Wochenschrift für die Kenntnis und Reform des israelitischen Lebens“ in loser Folge „Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers“ . Der anonyme Autor der Berichte, freilich mit offenkundigen Beziehungen zum Judentum der schwäbischen Landgemeinden, nutzt ganz natürlich das damals im Aufbau befindliche Eisenbahnnetz in Bayern und liefert demgemäß sogleich auch wohl einen der ersten Überland-Reisebeschreibungen mit der damals weltverändernden Technik. Seine Exkursionen führen in das seit rund vier Jahrzehnten bestehende Gebiet von Bayrisch-Schwaben und somit auch nach Augsburg und seine benachbarten, später eingemeindeten zuvor österreichischen westlichen Vororte. Damals, also im Sommer 1847 hatte Augsburg etwa 38.000 Einwohner, wovon nur etwa 100 Juden waren. Einen eigenständigen Synagogenbau gab es zu dieser Zeit noch nicht. Erst im Jahre 1861 wurde die jüdische Gemeinde als Israelitische Kultusgemeinde formell durch das Königreich Bayern anerkannt und der Sitz des Distriktrabbinats von Kriegshaber nach Augsburg verlegt. Der Reisebericht kann auch als eine Bestandsaufnahme angesehen werden, wie sich seit der dauerhaften Wiederansiedlung von Juden in der ehemaligen Reichsstadt jüdisches Leben in der Region entwickelt hat oder auch nicht:

Wir erzählen nichts von unserer Fahrt auf der Eisenbahn, denn die Judenfrage wird in Deutschland nicht mit Dampf betrieben und wir dürfen daher diese heterogene Dinge hier nicht in Verbindung bringen.

Wir versetzen dich (gemeint ist der Leser) aber sogleich noch schneller als die Eisenbahn nach Augsburg. Den dortigen jüdischen Zuständen tut aber einige Dampfkraft dringend Not. Auf der ganzen Reise und nirgends fand ich sie so im Argen liegend. Du findest hier keine israelitische Schule, keine öffentliche Anstalt für den Religionsunterricht der jüdische Kinder und man darf sagen fast keine Synagoge. Denn als das Haus, in welchem sich das enge Betstüblein befand, zum Verkaufe kam, gab man sich der Hoffnung hin, die aus 12 Gliedern bestehende sehr reiche Gemeinde – sie zählt einen Millionär und mehrere, die Hunderttausende besitzen zu den ihren – werde das Haus erwerben. Aber nein! Es ging in den Besitz eines Christen über und die Augsburger Judenschaft ist mit ihrer Andacht zur Miete zu einem Garkücher geflüchtet.. Von der Stube, der Speisestube, gelangt man in ein beschränktes Kämmerchen, groß genug für die Stände und um sich allenfalls noch zum Nachbarn zur lauten Besprechung von Börsenangelegenheiten bewegen zu können. Eine finstere Klause neben an, die bei hellem Tage beleuchtet werden muss, dient dem schönen Geschlecht zum Ort des öffentlichen Gebets. Muss der Speisewirt eines schönen Tages diese gemietete Wohnung räumen, so sehen wir nicht, was die Andächtigen (? – so im Originaltext) anfangen werden. Doch der Rabbiner, den wir bald näher kennen lernen werden, führte ja beim Auszug aus der alten Synagoge den Spruch an:

 בכל מקום אשר אזכיר את שמי

Das erst genannte enge Betstüblein befand sich im eigentlich recht geräumigen Wohnhaus am Obstmarkt, das Jakob Obermayer (1755-1828) bei seinem Umzug nach Augsburg erworben hatte, das aber von seinem Sohn Isidor nach dem Tod seiner Mutter Ida im Februar 1845 verkauft wurde. Isidor Obermayer (1783-1862) war auch der angesprochene Millionär in der jüdischen Gemeinde, der inzwischen jedoch im stattlichen Wohnhaus an der Maximilianstraße, dem heutigen Augsburger Standesamt wohnte. Obwohl das prächtige Patrizierhaus ungleich mehr Platz bot, war dort die Einrichtung einer neuen Betstube für Isidor Obermayer offenbar kein Thema. Doch kam ja wie oben gesagt jeder Ort der Wahl in Betracht.

In der nächsten Ausgabe fuhr der Bericht des reisenden Schullehrers fort:

Das hiesige Gymnasium und die polytechnische Schule werden von mehreren israelitischen Jünglingen besucht. Sie erhalten auf höhere Anordnung Religionsunterricht in wöchentlich zwei Stunden von Seiten des Rabbiners, müssen aber die Kosten hierfür (60 Gulden jährlich) selbst bestreiten. Unsere Regierung ist oft zärtlich für den israelitischen Religionsunterricht besorgt; es darf ihr aber nichts kosten. –

Der zuständige Rabbiner hat aber seinen Sitz in dem eine Stunde entfernt liegenden Dorfe Kriegshaber, welches 60 Gemeindeglieder (= Familien), mit einer Religionsschule von nur 30 Kindern besucht, besitzt, die in einem kürzlich erst neu und zweckmäßig hergerichteten Lokale von dem Religionslehrer Herrn Bachmann angemessenen Unterricht in täglich vier Stunden erhalten. Dieses Lokal wurde לתלמוד תורה verstiftet und konnte also nicht zweckmäßiger verwendet werden. Sehr befremdete es mich, in einem anständigen Wirtshaus eine echt jüdelnde Unterhaltung mit anhören zu müssen. Lärmend und schreiend saßen modern gekleidete Leute bedeckten Hauptes um einen Tisch herum und stritten sich um eine יגדל Melodie, ob sie am י’ט oder י’ט gesungen werde. Endlich wurde der kompetenteste Richter, der Vorsänger, aus dem Garten zur Entscheidung herein geholt. In diesem Kreise fiel mir ein junger Mann von seinem Benehmen. Ich erfuhr, dass es der Kaufmann Jakob Feucht war, in dessen schönem Hause der Prinz Luitpold mit Gemahlin bei der letzten Revue sich einlogiert und seinem Wirte mit Zusendung seines und seiner hohen Gemahlin Bildnis in köstlichem Rahmen nebst Handschreiben beehrt hatte. Ich ließ mir später das schöne Haus nebst den Bildnissen zeigen. Man trifft überhaupt hier und in anderen schwäbischen Dörfern herrliche Häuser von Juden erbaut und bewohnt. Aber die hiesigen Juden machen es nicht wie die Herren Augsburger; sie wollen nicht in Häusern von Zedern wohnen, während die Lade Gottes hinter Teppichen ruht.

Obgleich sich hier eine ziemlich schöne Synagoge befindet, die erst noch nicht lange durch Subsellien verschönert worden ist, so wollen sie gleichwohl eine neue großartige Synagoge an die Straße hin bauen und soll bereits hierzu ein durch freiwillige Gaben aufgebrachter Fond von 10.000 Gulden vorhanden sein. – Es besteht hier ein Verein, der für jüdische Handwerkslehrlinge das Lehrgeld bezahlt und seit der langen Zeit seines Bestehens schon viel geleistet hat. – Herr Rabbiner Guggenheimer, in den fünfziger Jahren stehend, genießt allgemein Achtung. Er ist einer der ersten geprüften und deutschsprechenden Rabbiner gewesen, der auch viel über sich sprechen lassen musste. Seine Predigten, die er frei und unabhängig von Konzept etwas zu rasch vorträgt, sind gehaltreich. Die in der schwäbischen Synagogenordnung angeordnete Confirmation hat er schon einigemal feierlich abgehalten. Die anderen Rabbiner dieses Kreises ignorieren diese Bestimmung gänzlich. Eben zu der Zeit meiner Anwesenheit hatte sich ein kleiner Federkrieg gegen ihn erhoben. Ein schöngeistiger Commis glaubte ihm eine öffentliche Rüge erteilen zu müssen, weil er bei einem vorkommenden Todesfall unaufgefordert keine Grabrede gehalten hatte. Herr Guggenheimer replizierte angemessen und mit Würde. Eine Duplik strich die Augsburger Zensur und man wollte sie durch die Münchner bringen. Ob es gelang, hat für uns alle kein Interesse.“

Rabbiner Aaron Guggenheimer (1793-1872) erteilte demgemäß in Kriegshaber täglich vier Stunden Religionsunterricht, im „eine Stunde entfernten“ Augsburg hingegen, wo es keinen eigenen jüdischen Lehrer gab, lediglich zwei Stunden pro Woche. Der jüdische Religionsunterricht in jener Zeit setzte sich zusammen aus dem Erlernen der hebräischen Quadrat- und Kursivschriften, dem Übersetzen von Gebeten und biblischen Texten und dem Singen von Liedern. Hinzu kam biblische und jüdische Geschichte und die Vermittlung geographischer Kenntnisse des Landes Israel. Die älteren Jahrgänge lernten zusätzlich Raschi-Kommentare und Einführungen in die Mischna, etc. Man kann sich jedoch leicht vorstellen, wie weit man dabei mit der ungleichen Anzahl an Wochenstunden vorankam. Immerhin befähigte ihre Bildung aber Kriegshaber Juden zu einem eigenartigen Wirtshausstreit über die Frage, welche Melodie eines Gebetes man an Jom Kipur oder an anderen Feiertagen sang. Anders sah der reisende Schullehrer die Verhältnisse in Augsburg, wo reiche Juden zwar in edlen Häusern wohnten, die Tora aber sozusagen versteckten. Rabbiner Guggenheimer, der zu den gemäßigten Reformern gehörte, entsprach offensichtlich dem Geschmack des Blattes, das bekanntlich Reformen befürwortete. Guggenheimer‘s Konfirmationen, die analog zum Christentum, nicht individuelle Bar Mitzwa – Feiern waren, sondern für einen Jahrgang gesammelt an Schawuot stattfanden, wurden dem Vernehmen nach von den anderen Rabbinern des Distrikts trotz staatlicher Weisung ignoriert. Man sieht hier das Spannungsfeldzwischen Tradition und Reform auf der einen Seite und am Negativbeispiel von Augsburg die mitunter völlige Vernachlässigung andererseits. Die damals geplante neue Synagoge, deren Fassade orientalisch anmutende Elemente aufweisen sollte, kam über das Entwurfsstadium nicht hinaus und wurde nicht gebaut. Stattdessen wurde die alte, heute baufällige Synagoge an der Ulmer Straße nochmals renoviert.

In dem nahen Steppach wohnen 40 Judenfamilien, welche eine alte verfallene dickbauchige Synagoge und eine von 16 Schülern besuchte Religionsschule haben. Doch haben alle Religionslehrer dieses Kreises wenigstens 200 Gulden Gehalt, während die Mittelfranken in der Regel nur 150 Gulden beziehen. Was Umsicht und Beharrlichkeit in jenem Gebiet vermögen, das beweist wieder der hiesige Religionslehrer Herr Laudenbacher, mein teuerer Freund und früherer Seminargenosse. Seit 10 Jahren arbeitet er an der Zustandebringung einer vereinigten Schule, wiederholte misslungene Schritte bei der Gemeinde, den Schulbehörden, der Kreisregierung schreckten ihn nicht ab, immer wieder neue Versuche zu machen. Die Gemeinde hat sich endlich in ihrer großen Mehrheit dafür erklärt.“

Zuletzt besuchte der reisende Schullehrer nun auch noch Pfersee:

Pfersee heißt ein Dorf in der Nähe, in welchem 22 jüdische Familien wohnen, deren Religionsschule 24 Schüler dermalen besuchen. Schreckt einen nur die kerkerähnliche Vorhalle der Synagoge nicht ab, diese selbst ist für die kleine Gemeinde nicht übel eingerichtet. Der Lehrer Herr Crailsheimer ist auch Vorsänger und betreibt einen kleinen Bücherhandel nebenbei. Mitten im Dorfe befindet sich eine Tafel mit einem Gebet zur Bekehrung der Juden. Den dortigen Christen wäre eine Bekehrung zu dem uns allen gleich heiligen Gebot der Nächstenliebe nicht überflüssig, dann würden judenfeindliche Gesinnungen nicht oft in unchristlichen Ausbrüchen sich zeigen! – Ich besuchte hier einen Vetter, der 40 Morgen Grundstück besitzt und den ich ackernd mit drei Pferden traf. So soll es sein!“

Den Wortlaut der Pferseer Tafel ist uns an anderer Stelle überliefert. Nahe der Synagoge bei einem kleinen Bauernhäuschen war ein Marienbild mit einem von Strahlen umgebenen Stern und einem fünfzeiligen Reim angebracht:

Hilf, o heller Morgenstern!

Dass die Juden sich bekehr’n

Irrtum lassen, endlich fassen,

Dass Ein Gott, Personen Drey

Christus der Messias sey!

(„Der Bayerische Volksfreund – ein Unterhaltungsblatt für alle Stände“, Band 4, München 1827, S. 349).

 Die Tafel wurde wohl ca. 1825 aufgestellt und blieb bis ca. 1850 bestehen. Der Bezug auf den Stern war sicherlich auch als Anspielung auf die früher Pfersee dominierende Familie der Ulmo zu verstehen, deren bekanntes Familienwappen drei Sterne aufwies. Zu dieser Zeit hatte die heilige jüdische Gemeinde von Pfersee jedoch bereits ihre herausragende Stellung eingebüßt. Eine Meldung der Regensburger Zeitung aus dem November 1835 berichtete sodann auch davon, dass “böse Geister” für häusliche Probleme ganz anderer Art bei den einst stolzen Juden von Pfersee sorgten: „Aus glaubwürdiger Quelle erfährt man, dass man den Brandstifter, welcher schon einigemal bei einem Israeliten in Pfersee Feuer legte, ausgemittelt habe. Es war die eigene Magd desselben; man fand Kohlen, in Lumpen von ihr eingewickelt, und dadurch verdächtigt gestand sie auch also bald die Tat, mit dem Vermerken, ein böser Geist habe sie zu dem abscheulichen Vorhaben verleitet. Sie sitzt in der Fronfeste beim königlichen Landgericht Göggingen.“

* * *

In 1847 a Jewish travelling Jewish school teacher visited the Jewish community of Augsburg as well as the neighboring rural communities in Kriegshaber, Steppach and Pfersee as one of the first railroad travelers of his time. Although Augsburg had a rich Jewish community with a millionaire and many other wealthy members, some four decades after the permission of an anew permanent residence of Jews in Augsburg actually had no synagogue but a small prayer room in the backyard of a cook-shop. In the neighboring פג”ש communities Jews farmed their land, squabbled about melodies of prayers in the pub next to the synagogue and Jewish children had four hours daily Jewish lessons – while in Augsburg their fellow believers only had two a week – hold by the rabbi of Kriegshaber.


Geleitzettel für Juden in Augsburg des 16. Jahrhunderts

July 1, 2011

אין די אַוגסבורג שטאָט אַרקייווז זענען געפונען דאקומענטן וואָס זענען גערופענע יידען באַגלייטן בלעטער   

אידן פון אנדערע ערטער אין סעטשזעהנדער מאה האָבן געהאט אַזאַ גיליונות צו האָבן פֿאַר אַ זיכער צייַט פון וווינאָרט אין אַוגסבורג. מיר קענען אויך זאָגן עס האָבן געווען כרטיסים פֿאַר וואָס די יידען האָבן באַצאָלט אַ סאַך געלט.
אין אַוגסבורג, זיי זאלן דערנאך מאַכן עסקים אָדער באַזוכן עמעצער אָדער נאָר קוק אין די שטאָט. געפונען האָבן שוין די זעטאַל גברת אננא טלוסטי וואָס איז געקומען פון אַמעריקע. זי האט געפונען דעם בלאַטער אין די אַקטען פאָן אַלט שטאָט כאָטש זיי אויך האָבן זייער אייגן ייִדיש-טעקעס. אָבער עס קיינמאָל איז געווען אַ ייִדיש פירער פון אַוגסבורג. עס איז געפונען 474 רשימה פון דער צייַט 1577-1592. בלויז 182 האָבן אַ מאיפה געקומען די יהודים. אין די צייַט עס זענען געווען פילע ייִדיש קהילות לעמאָשל בפּפּערשע גרישאַבער אדער שטעפּפּאך… בלויז אַ ביסל גיין צו אַוגסבורג, דערפער וואָס זענען דערמאנט רובֿ אָפט

Prof. Dr. Marion Aptroot from University of Duesseldorf, one of the contibuter of the “colloquium” on Yiddish at Augsburg Synagogue on July 1, 2011

די פּראַפעסערז וואָס האָבן געזאָגט וואָס זיי קענען פון דעם ענין האָבן גערעכנט 97 סופרים. נאָר נייַן האָבן מער ווי 10 דאקומענטן געסטשריבען- איינער האט אפילו 80

-source:  http://www.idw-online.de/pages/de/image?id=145561&display_lang=de_DE

די רעדנער האָבן נאָך דערקלערט וואָס זיי פאַרשטיין פון ייִדיש שפּראַך, איינער האט אפילו געוואלט צו לעזען קטעים מתוך אַלט ייִדיש ביכער כמו למשל שמחת הנפש וואָס האט געווארן מאוד מצחיק.

אַזוי עס איז געווען פיל שמחה פֿאַר אַלע….

For further details see “Pressemitteilung” : http://www.idw-online.de/pages/de/news429995

Photos: Margit


Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – die mittelalterliche Ausweisung der Juden aus Augsburg

May 2, 2011

Eine der interessanten, eigenartigen, aber auch weitgehend unbeantworteten Fragen der jüdischen Geschichte Augsburgs ist die wohin die Juden der Reichstadt nach der Ausweisung im Jahre 1440 gezogen waren.

 Der frühere Rabbiner der neuzeitlichen Augsburger Gemeinde Richard Grünfeld schreibt in seinem oft zitierten „Gang durch die Geschichte der Juden in Augsburg“: „Die meisten der im Jahre 1438 aus ihrer Heimat vertriebenen Juden siedelten sich in der Umgebung Augsburgs an und bildeten in Steppach, Kriegshaber, Pfersee (seit 1569), Oberhausen (seit 1555), später auch in Göggingen und Lechhausen, selbständige Gemeinden.“

Hans K. Hirsch hingegen schreibt in seinem Artikel „Juden in Augsburg“ im Augsburger Stadtlexikon http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=154 : „Die Ausgewiesenen wanderten in andere Städte in Schwaben, Franken und am Mittelrhein ab und zogen nach Polen und Oberitalien, den Zielgebieten jüdischer Emigration im Laufe des späten 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts. Gegen eine Niederlassung in den nahe Augsburg gelegenen Orten Pfersee, Kriegshaber, Steppach und Fischach sprechen die eindeutigen Formulierungen des Vertreibungsbeschlusses.“Etwas später räumt er jedoch ein: „Zu dem vor allem vom Klerus geforderten vollkommenen Ausschluß kam es in der Folgezeit allerdings nicht. Vereinzelt hielten sich Händler und Hausierer in der Stadt auf, doch eine jüdische Gemeinde durfte und konnte sich bis zum 19. Jahrhundert nicht entwickeln.“

Dem Vernehmen nach scheint es klar, dass es in der Zeit zwischen 1440 und 1800 durchaus Juden in Augsburg gab. Dabei handelte es sich aber her um „zufällig“ oder zumindest kurzfristige Aufenthalte. Beispiele dafür sind etwa der jüdische Drucker Chaim Schwarz, der über Jahre hinweg hebräische Bücher in Augsburg druckte oder aber Händler, die nur tagsüber in die Stadt durften und einen städtischen Begleiter haben mussten. Ausnahmen davon bedurften dann schon eines Krieges in welchem Juden in Augsburg geduldet wurden. Das klingt alles in allem vernachlässigbar, weil nur unzusammenhängend und zu kurzfristig, um eine zumindest ansonsten durchgängige Abstinenz von Juden in Augsburg zu bestreiten.

Ganz so sporadisch waren die Aufenthalte von Juden in Augsburg freilich nicht, wie sich aus den Schilderungen des Paul von Stetten (1731 – 1808) ergibt. Stetten war von 1792 bis 1806, als die Reichstadt dem neuen Königreich Bayern einverleibt wurde, der letzte Stadtpfleger Augsburgs und angesehener Verfasser zahlreicher Werke zur Augsburger Familien- und Stadtgeschichte. Im Jahre 1803 nahm er mit seiner eigens zu diesem Zweck verfassten Schrift „Geschichte der Juden in der Reichstadt Augsburg“ zur damaligen Streitfrage Stellung, ob Juden in der Stadt ein festen Wohnsitz einnehmen durften.

Stetten befürwortet die (erneute) Aufnahme und führt seine Leser, deren „Vorurteile“ er aufheben will, zunächst die lange jüdische Geschichte in der Stadt vor Augen, ehe er im zweiten und dritten Teil seiner 77 Seiten umfassenden Abhandlung den eigentlichen Streitgegenstand und das Für und Wider behandelt. Seine „Vorrede“ schließt er französisch:

 « Les vérités se propagent lentement, mais il vient un tems, ou les préjugés sont forces de céder. «  (Wahrheiten verbreiten sich langsam, aber es kommt eine Zeit, in welcher Vorurteile gezwungen sind, zu kapitulieren)

Im Jahre 1438 erfolgte nach langen mühevollen Bestrebungen christlicher Prediger der Beschluss des Rates der Reichstadt Augsburg, die seit Jahrhunderten ansässigen Juden der Stadt zu verweisen. Verhältnismäßig gesittet wurden ihnen eine Frist von zwei Jahren eingeräumt, ihren Hausbesitz zu veräußern und sich nach neuen Wohnorten umzusehen. Da es wohl nicht möglich war, einen Ort zu finden, der die zuletzt etwa 250 Personen umfassende jüdische Gemeinde insgesamt aufzunehmen, wurden gewiss Familien und Freunde auseinandergerissen. Wer entsprechende verwandtschaftliche Beziehungen besaß siedelte in Ulm, Lauingen, Nördlingen, Donauwörth, während andere versuchten in benachbarten Orten unterzukommen. Viele Spuren verlieren sich, da eine Reihe von Dörfern nur einzelne Familien aufnahmen und darüber offenbar keine Urkunden angelegt wurden oder solche nicht erhalten blieben. Andererseits lassen etwa Überführungen von jüdischen Leichnamen aus einer Reihe von Orten aus dem Umkreis erkennen, dass zumindest sie und ihre Angehörigen dort gelebt haben musste. In den meisten Orten sind Juden erst dann „nachweisbar“, wenn sie die Erlaubnis zum Neubau einer Synagoge erhielten, ohne zu berücksichtigen, dass dem in der Regel jedoch die Nutzung des einen oder anderen Gebetsraumes in privaten Häusern vorausging. So erklärt sich, dass zwischen dem Zeitpunkt der festgesetzten Ausweisung im Jahre 1440 bis zu den ersten nachweisbaren Synagogen in Pfersee oder Kriegshaber mehr als hundert Jahre vergingen.

Ob andererseits nun die Weisung zur Ausweisung so unbeirrt umgesetzt wurde, wie landläufig vorausgesetzt, ist durchaus zu bezweifeln. Als Beleg dafür reicht, dass 1438 Juden in den Steuerlisten verzeichnet waren und in den Folgejahren nicht mehr. Trotzdem sprechen dagegen aber bereits sehr früh zwei Kindergrabsteine die im Innenhof des Peutinger Hauses am Augsburger Dom eingemauert sind. Ihrer hebräischen Inschriften gemäß stammen sie aus den Jahren 1445 und 1446, als es schon keine Juden mehr in Augsburg gegeben haben soll. Wer nun aber sollte in einer Stadt, in der er sich nicht aufhalten durfte nun aber seine Angehörigen bestatten, obwohl er offenkundig damit rechnen musste, die Gräber möglicherweise nicht mehr sehen zu dürfen und ohne eine Garantie zu haben, ob sie Bestand haben mochten. Etwa zehn Jahre später, um 1455 wurden (weit) späteren Angaben gemäß die Grabsteine des Friedhofs jedoch entwendet und für bauliche Zwecke innerhalb der Stadt missbraucht. Dazu passen Berichte von etwaigen Funden bei Bauarbeiten in späteren Jahrhunderten, zuletzt im Jahre 2000 beim sog. „Heilig Geist Spital“ (seit 1948 Sitz der berühmten „Augsburger Puppenkiste“) . Andererseits wurden aber auch noch im 19. Jahrhundert Grabsteine auf dem offenbar doch nicht vollständig abgeräumten Gelände des ehemaligen Friedhofs gefunden, auf dem sich heute das Augsburger „Bürgerbüro“ befindet.

Paul von Stetten gemäß sahen die Augsburger Stadtherren schon recht bald nach 1438/40, dass sie die Juden nicht dauerhaft aus der Stadt halten konnten (oder aus finanziellen Gründen wollten) und fanden eine Regelung , auf die sie in der Folgezeit immer wieder zurückgriffen. Diese Regel sah vor, handelnde Juden tagsüber in Begleitung eines (gebührenpflichtigen) Stadtdieners den Zutritt zu gewähren. Bereits aus dem Jahr 1452 stammt eine Anweisung des Augsburger Bischofs (Peter von Schaumberg, im Amt von 1424 bis 1469), dass Juden „einen runden Lappen von gelben Tuch auf der Brust tragen“ sollten. Eine entsprechende Weisung hatte der Rat der Stadt jedoch bereits 1434 für die damals noch ortsansässigen Juden verfügt.  

Warum die folgende Notiz erst aus dem Jahre 1544 stammt ist unklar, freilich ist unstrittig, dass der jüdische Drucker Chaim Schwarz im Jahrzehnt zuvor mit seiner Familie und Schwiegersöhnen in der Stadt lebte und eine Reihe von Buchwerken druckte. Berichten nach wohnte er in einem Haus beim Gögginger Tor, beim heutigen Königsplatz. Das westliche Haupttor galt in der Folgezeit ohnehin als das einzige, durch welche Juden Eintritt in die Stadt gewehrt wurde. Ob dies, wie heute noch angenommen wirklich eine zusätzlich Schikane war, ist freilich zu bezweifeln, wenn man berücksichtigt, dass die heute vom Königsplatz nach Westen, Richtung Hauptbahnhof, führende Straße bis ins 19. Jahrhundert den Beinamen „Pferseer Weg“ hatte, aus dem Grund weil es der kürzeste Weg nach Pfersee war. Dort befand sich zumindest ab dem 17. Jahrhundert das Zentrum der jüdischen Ansiedlung im Westen der Reichstadt.

Am 14. Juni 1544, so berichtet Stetten, wurde Juden der Eingang in die Stadt verwehrt , außer wenn sie einen Gerichtstermin wahrnehmen mussten. Aus der selben Zeit wissen wir, dass Rabbi Josef von Rosheim, selbst Nachkomme Augsburger Juden, in der Stadt weilte. Im Jahr darauf soll auch der Drucker Chaim Schwarz die Stadt verlassen haben. Bereits im Folgejahr 1546 freilich wurde die vorherige Beschränkung wieder modifiziert und der Zutritt erlaubt, wenn die „Handlung“ des Juden „von Nutzen für die Stadt und die Bürgerschaft“ sein sollte. Für diese Vermutung müssen wohl Gründe vorgelegen haben, da andernfalls die Aufweichung des Verbots keine Sinn ergeben würde.

Stetten führt aus, welche Gründe für dieses Wechselspiel vorlagen. Die Juden nämlich waren in die „nächsten Dörfer“ gezogen und wurden dort von ihren neuen Herren unterstützt. Diese nächsten Dörfer waren österreichisch und gehörten zur Marktgrafschaft Burgau. 1574 wurden die in Oberhausen an der Wertach ansässigen Juden vom Augsburger Bischof Johann Eglof von Knörigen des Ortes verwiesen. Der Bischof, der in Ingolstadt studiert hatte und vor allem als Gegner der christlichen Reformation und wegen seiner zunächst milden Position im innerkirchlichen Zinsstreit aber auch wegen eines leiblichen Sohnes in Erinnerung blieb, verstarb jedoch bereits im Folgejahr im jungen Alter von 38 Jahren einer „schleichenden Krankheit“. Die Oberhausener Juden zogen offenbar weiter ins nur ein Kilometer benachbarte Kriegshaber, wo 1565 erstmals ein Haus in jüdischem Besitz nachgewiesen wird. Zumindest ab dem Jahr 1626 ist auf der „Unebene“, einem Gebiet zwischen Pfersee und Kriegshaber der heute noch bestehende jüdische Friedhof (sozusagen im doppelten Wortsinn) belegt.

In den Jahren des Dreißigjährigen Krieges durften Juden wieder in Augsburg leben, doch wurde dies nicht kritiklos hingenommen. Im März 1636 bereits wurde ein erneuter Ausweisungsbeschluss erlassen, offenbar aber nicht umgesetzt, denn im Dezember 1642 wurde der Aufenthalt bestätigt. Drei Jahre später wurden die Juden in Augsburg am 24. Oktober 1645 mit der erneuten Ausweisung bedroht, wenn sie sich nicht bereit erklären sollten, der Kriegskasse der Stadt 5000 Gulden einen zinsfreien Kredit zu gewähren. Der Bitte kamen sie offenbar nach und so wurden sie erst nach dem Westfälischen Frieden im Jahre 1649 erneut der Stadt verwiesen. Ob diese Ausweisung tatsächlich stattfand ist unklar, im Jahre 1680 jedenfalls steht erneut die Ausweisung der Juden aus ihren „Gewölben“ (womit zumindest Ladengeschäfte gemeint sind) zur Debatte mit der Auflage, ihnen wie in früheren Zeiten den Zutritt zur Stadt wieder tagsüber nur gegen Gebühren und in Begleitung eines Stadtdieners zu gewähren.

Zwanzig Jahre später, im Jahr 1700 ging man jedoch wieder zu einem rigorosen Verbot über  und verwehrte den Juden jeglichen Aufenthalt in der Stadt. Genauer gesagt fasten die Augsburger Räte einen entsprechenden Beschluss. Dieser wurde freilich ebenfalls nicht umgesetzt, da die Augsburger Juden sich erfolgreich beim österreichischen Marktgrafen in Burgau beschwerten und dieser zu ihren Gunsten intervenierte. Als es 1704 nun tatsächlich zur erneuten Ausweisung der Juden aus Augsburg kam, „wohnten 62 Judenfamilien hier“, wie Stetten schreibt (S. 23). Bei einer vorsichtigen Schätzung von wenigstens sechs Personen pro Familie können wir davon ausgehen, dass in jener Zeit wohl etwa 300 bis 400 Juden in der Reichstadt lebten. Eine Anzahl die mit den mittelalterlichen Schätzungen der jüdischen Bevölkerung mithält. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 25.000 entsprach dies einem jüdischen Anteil von etwa 1.5 %. Bei einer über Jahre hinweg vorhandenen jüdischen Bevölkerung in dieser Größenordnung kann man sicher ausschließen, dass sie zufällig oder mal eben zustande kam. Denkbar wäre, dass eine früher bis ins 20. Jahrhundert bei St. Stephan verbürgte Straßenbezeichnung „Beim Judenbrunnen“  (siehe: http://www.kulturhauptstadt.augsburg.de/index.php?id=17259) damit in Beziehung stehen könnte.

Von 1704 bis 1718 galt sodann offenbar wieder die Regel, dass die Juden der schwäbisch-österreichischen Nachbarschaft nur tagsüber die Stadt betreten durften. Erneut sammelten sich christliche Prediger des Augsburger Doms und warfen den Juden vor  zu betrügen. Jesus zu lästern, Wucher zu treiben und Kinder zu verführen, während sich Schmiede beschwerten, jüdische Händler würden versuchen ihnen minderwertiges Silber zu verkaufen. Die Folge war am 22. November 1718 ein neuerliches Verbot die Stadt zu betreten. Doch aus dieses hatte keinen Bestand und wurde schon im Januar 1719 auf österreichischen Druck wieder aufgehoben.  Den nächsten Versuch den Juden den Zugang zur Stadt zu verbieten erfolgte im Jahr 1722 als Augsburger Stadtsoldaten auch versuchten den Bau eines Friedhofshauses am jüdischen Friedhof in der Unebene bei Pfersee / Kriegshaber zu verhindern. Zwar konnten sie den Rohbau und auch eine Reihe Grabsteine zerstören, doch rückte bald österreichisches  Militär aus Burgau an und drohte der Reichstadt mit militärischen Maßnahmen und empfindlichen Geldbußen. Die Augsburger zogen sich zurück und das heute noch bestehende Friedhofshaus wurde am Friedhof gebaut. Die Intention Juden den Aufenthalt in Augsburg zu verbieten wurde freilich erst 1732 wieder realisiert, jedoch abermals bald wieder rückgängig gemacht.

1738 fand sich sodann das Arrangement den ohnehin nicht verhinderbaren Zugang zur Stadt mittels Einlassgebühren, Zoll- und Brückengelder zu versilbern. In den Kriegsjahren von 1741 bis 1745 durften Juden freilich wieder fest in der Stadt wohnen, unter der Auflage, dass dies nicht in der Nachbarschaft von Kirchen wäre und die Augsburger Juden an Sonn- und christlichen Feiertagen die öffentliche Ordnung nicht störten. Stetten hält für das Jahr 1742 wieder die stattliche Anzahl von 36 jüdischen Familien fest. Dies entspricht wahrscheinlich einer Zahl von ungefähr 200 Menschen. Der Beschwerde der Priorin des christlichen Katharina-Klosters nach zu urteilen mieteten die jüdischen Familien offenbar Häuser in der Stadt. Die Kirchenfrau nämlich beschwerte sich darüber, dass der benachbarte jüdische Mieter in der Lage sei, von seinem Haus in die Kirche zu sehen, woraufhin der Mietvertrag annulliert wurde. Am 26. Oktober 1745 erfolgte ein neuerlicher Ausweisungsbeschluss, aber auch dieser scheint nicht oder nur unzureichend umgesetzt worden zu sein. Im Jahre 1751 verständigte sich der Rat der Stadt mit den Juden der schwäbischen Gemeinden Pfersee, Kriegshaber und Steppach zu einem „Accord“, der vorsah, dass die Juden dieser Orte gegen eine jährliche Pauschale von 1.100 Gulden freien Zutritt zur Stadt erhielten. Eine Übereinkunft von der Paul von Stetten im September 1803 sagt, dass es „bis heute“ gelte.

In den Jahren bis dahin folgt noch einiges weitere Hin-und-her, worüber Paul von Stetten sich dann auch bereits lustig macht. Im Oktober 1787 und im Juli 1791 erwirkten Augsburger Krämer weitere, freilich wieder nur kurzfristige Restriktionen gegen die Juden vor Ort, ehe in den Jahren der „französischen Kriege“ 1796 und 1800 Juden wieder in der Stadt wohnten. Zuletzt war der Streitgegenstand vor allem die Frage, ob die offenbar immer schon auch in den restriktiven Zeiten eingerichtete jüdische „Garküche“ zur dem religiösen Gesetz der Juden entsprechenden Verpflegung der tagsüber zugelassenen Juden bestehen bleiben dürfe. Für das Jahr 1657 beispielsweise ist in den Amtmannbüchern der Verstorbene Henle Ulman verzeichnet, für dessen Überführung zum Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber Wegegeld zu zahlen war. Henles Beiname lautete der bei Louis Lamm zitierten Liste gemäß „Khueherzen Sohn“. Der Begriff verweist freilich nicht auf das Herz einer Kuh, sondern meint einen Kücher oder Küchert, ein aus der Mode gekommenes Wort für Garkoch. Der status quo bei der Abfassung von Stetten‘s Schrift war, dass lediglich der Frau und der Magd des Garkochs zugestanden wurde über Nacht in der Stadt zu bleiben, er selbst jedoch abends in der Dunkelheit nach Hause gehen musste, anscheinend ins 3 Kilometer entfernte Kriegshaber. Stetten bemerkt dazu: „Da man den Juden den Aufenthalt während des Tags gestattet, oder gestatten muß, so ist gewiss Hauptsache mit Nebensache verwechselt, wenn man es von Bedeutung hält, daß sie des nachts nicht hier seyn dürfen.“ (S. 37)

Wie dem nun auch immer sei, ergibt es sich aus wechselvollen Abfolge von mal tolerierten, dann wieder beanstandeten, zeitweilig beschränkten, kurzfristig gänzlich untersagten, dann aber doch wieder zustande kommenden Aufenthalten von zeitweilig jahrelangen mitunter bis zu 30 oder gar über sechzig (und vielleicht ja auch mehr) jüdischen Familien in Augsburg eines ganz zweifelsfrei. Mit der Ausnahme weniger Jahre kann in der Zeit von 1440 bis 1800 von einem „judenfreien“ Augsburg keine Rede sein. Auch in dieser Zeit war die Anwesenheit von Juden in der Reichstadt keineswegs eine seltene Besonderheit, sondern der Regelfall am Rande der Alltäglichkeit. Das war es auch, was Paul von Stetten im September 1803 seinen Lesern mit seiner Schrift eindringlich verdeutlichen wollte, als es darum ging, das Ersuchen der Bankiers Westheimer, Ulman und Obermayer wie auch den entschiedenen Widerstand der Augsburger Kaufleute dazu zu beurteilen.

Stetten führt später eher pragmatisch dazu aus: „Hat man die gänzliche Abhaltung der Juden nicht schon seit mehr als 3 Jahrhunderten gewollt? Die Geschichte zeigt, wie vergebens alle Bemühungen waren. Man hat zehnmal ihre gänzliche Ausweisung statuiert, mit dem besten Willen aber sich niemals manutenieren können . Was in den vorigen Jahrhunderten gegen die Juden mit Effekt nicht hat zu Stand gebracht werden können, wird dies jetzt besser gelingen? Jetzt, wo die meisten Städte Deutschlands Juden in ihren Mauern beherbergen? Bey der jetzigen allgemein gewordenen Toleranz und herrschenden Aufklärung, die keinen Menschen der Religion wegen hintansetzen oder gar zu verfolgen erlaubt? Jetzt, wo selbst das Thema, wie das Schicksal der Juden zu verbessern sey, ganz neuerlich an den deutschen Reichstag gebracht worden ist? Wo in mehreren Ländern die Juden als förmliche Bürger aufgenommen werden?“ (S. 48) 

Widmungstafel an Stelle des früheren Wohnhauses von Paul von Stetten am Obstmarkt in Augsburg, Heute befindet sich dort das “Hotel Augusta” http://www.hotelaugusta.de/ - Von seinem Haus aus musste Stetten bald nur noch über die Straße zum zum Wohnhaus von Jakob Obermayer am Obstmarkt zu gelangen, an dessen Stelle sich heute eine Filiale der Sparda-Bank befindet. 

There is a widespread view that after the expulsion of the Jews from Augsburg in the years 1438/40 there has followed a long period of more than 360 years of sequestration before Jews again were allowed to live in Augsburg. At best, it is said, there possibly had been rather a few exceptions.

In 1803, when three Jewish banking families applied for permanent residence in Augsburg, Paul von Stetten, then City Keeper demonstrated in his “History of the Jews in the Imperial City of Augsburg” that nothing of the sort was true. There was not one expulsion, there were ten and none of them was of any success. Furthermore at times there lived over thirty or even more than sixty Jewish families in the city. It therefore would be somewhat unreasonable to want keep Jews in modern times out of Augsburg.


US Botschafter Peter Rosenblatt auf den Spuren seiner schwäbischer Vorfahren

June 6, 2010

Der frühere US-Botschafter und außenpolitische Berater von US Präsident Barack Obama Peter Rosenblatt aus Washington D.C. besuchte uns kürzlich mit seiner Frau Naomi Harris Rosenblatt in Augsburg und begab sich mit uns auf die Spurensuche nach der langen Geschichte seiner Vorfahren in Bayerisch-Schwaben. Sein mütterlicher Urgroßvater Isidor Untermayer (1811-1860) wanderte 1841 nach Lynchburg, Virginia aus, wo er dem Ruf seines mütterlichen Cousins Salomon Guggenheimer aus Hürben (Krumbach) folgte. Isidors Mutter Jette Guggenheimer (1771-1839) stammte gleichfalls aus Hürben, war aber zu ihrem Mann den Metzgermeister Isaak Mayer Untermayer (1761-1838) nach Kriegshaber gezogen, wo sie unweit der Synagoge ein Haus mit Ladengeschäft besaßen. In Virginia änderte der junge Immigrant die Schreibweise seines Namens in Isadore Untermyer und heirate die gleichfalls aus Hürben stammende Therese Landauer (1827-1895). Nachdem Isadore für die Südstaaten am Amerikanischen Bürgerkrieg teilnahm und früh verstarb zog die Witwe mit den Kindern nach New York City, wo die Guggenheimer und Untermyer als Anwälte zu Ruhm und Ansehen kamen. Samuel Untermyer (1858-1940), in Virginia geborener Sohn von Isidor und Jette war einer der Mitbegründer der US Notenbank Federal Reserve und einflussreicher Berater verschiedener US Präsidenten, engagierter Zionist und entschiedener Gegner der Nazis in Deutschland. Peter Rosenblatt nun ist der Enkel von Samuel Untermyers Schwester Addie, welche den späteren US Diplomaten Laurence Steinhart ehelichte, der u.a. US Botschafter in der Sowjetunion zur Zeit des Hitler-Stalin-Paktes und in der Tschechoslowakei während der Benesch-Dekrete war.

In Kriegshaber sind von den Grabsteinen der Untermayer-Familie nur wenige Bruchstücke erhalten geblieben. Interessanterweise sind es aber gerade Überreste der Grabplatte seiner mütterlichen Urgroßeltern die die Zerstörungen der letzten 170 Jahre überdauerten, während die meisten anderen Untermayer-Grabplatten zerstört wurden.  Sie befindet sich eingemauert im Monument neben dem Eingang des Friedhofs, welches der verbreiteten Legende gemäß nach dem Krieg von amerikanischen Soldaten aus herumliegenden Grabsteinen zusammengebastelt worden sein soll, als Mahnmal für die Toten des Holocausts. Tatsächlich waren es jedoch deutsche Steinmetze der schwäbischen Bildhauer- und Steinmetzinnung, die erstaunlich passgenau und ohne Reste das Monument zusammensetzten. Sechzig Jahre später ist zumindest diese eine Inschrift noch sichtbar und zu rekonstruieren – es ist zu vermuten, dass die Inschriften der anderen Steine mit der Schriftseite in das Dokument eingefügt wurden. Überraschend ist, warum die vorhandene Inschrift in den Jahrzehnten vor der Dokumentation des JHVA niemanden aufgefallen war, obwohl davon ausgegangen werden muss, dass der Erhaltungszustand der Inschrift 1945 sicher besser gewesen sein muss als nun 2010. Glücklicherweise ist nun aber nicht nur die Grabplatte teilweise erhalten, sondern auch der Grabplatz von Peter Rosenblatts schwäbischen Urgroßeltern bekannt, weshalb der Botschafter verständlicher Weise anregte, dass beides zusammengefügt werden sollte, um eine Erinnerung an seine Vorfahren am Platz ihres Begräbnisses zu ermöglichen.

Wir konnten den Rosenblatts zahlreiche weitere Verwandte am Friedhof aufzeigen, wie etwa die Kahns aus Steppach. Bei den Kriegshaber Untermayer wie bei den noch zahlreicher vertretenen Obermayer aus Kriegshaber handelt es sich um Seitenzweige der alteingesessenen Ulmo-Familie aus Pfersee, deren charakteristische Gräber einen größeren Anteil des ältesten Teils des  Friedhofs belegen. Folglich vergrößert sich entsprechend auch die Anzahl der direkten Vorfahren des Botschafters auf dem Gräberfeld an Hooverstraße. Nicht anders verhielt es freilich beim Besuch in Hürben. Wie unser Führer Herr Herbert Auer erläuterte, sind die Familien Guggenheimer und Landauer – Töchter beider verheirateten sich mit Kriegshaber Untermayers – auf dem dortigen Friedhof dominierend, weshalb auch hier die über Generationen reichende Verwandtschaft umfangreich und beeindruckend ist. In Kriegshaber und Huerben besuchten wir noch die ehemaligen Wohnviertel und Häuser der Guggenheimer, Landauer und Untermayer, sowie die jeweiligen Überreste der früheren Synagogen. Peter und Naomi Rosenblatt zeigten sich sehr beeindruckt und fasziniert von der Vielzahl der Informationen, aber auch von der oft schlichten Schönheit der Landschaft und der in Hürben in gelungener Weise restaurierten ehemaligen Wohnhäuser.

photos (c) by jhva (Margit Hummel, Yehuda Shenef)


Jüdischer Friedhof Kriegshaber: Mit den Gefühlen zwischen den Stühlen …

April 27, 2010

Wir sitzen mit unseren Gefühlen meistens zwischen zwei Stühlen,“ besagt eine sich reimende Spruchweisheit von Kurt Tucholsky. Daran zu denken war naheliegend beim letzten Besuch am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee, da sich tatsächlich zwei Stühle im südöstlichen Teil des Areals befanden. Aus irgend einem nicht nachvollziehbaren Grund war jemand der Ansicht, dass die Stühle am Friedhof besser aufgehoben seien als am bisherigen Aufbewahrungsort. Da der Sessel zumindest doch ein beachtliches Gewicht hat, sind Kinder (die von Erwachsenen gerne pauschal wie beschwichtigend für jeden Unfug verdächtigt werden) als Urheber zweifellos auszuschließen. Besieht man zudem die Fülle an wahllos herumliegenden leeren Bier- und Schnapsflaschen auf dem Gelände, so kann man nur vermuten, dass eher etwas ältere Personen hier in der Abenddämmerung oder auch später im frühlingshaften „Garten“ sitzen und mit Blick auf die bröckelnden Grabmonumente „Platz nehmen“ und sich vielleicht nach einem Frisbee-Spiel ein gemütliches (?) Besäufnis gönnen. Vielleicht drückt dies als zivilisatorische Leistung auch irgendetwas aus. Wer es weiß, darf es uns gerne mitteilen. Wir rätseln.

Im Hintergrund sind die Grabsteine des Steppacher Großhändlers Abraham Kahn (1791-1867), des Augsburger Bankiers Johann Jakob Obermayer (1792-1885) und des Kriegshaber Religionslehrers Isaak Bachmann (gest. 1864) zu sehen. Zu beachten ist auch der Griff einer Krücke auf dem Drehstuhl.

Müll am Jüdischen Friedhof frisbee disc and beer bottle on an overthrown tombstone

Two chairs were found at the southeastern corner of the Jewish Cemetery of Kriegshaber / Pfersee this time, obviously disposed. Proverbially one may be caught between two stools, if it is somewhat difficult to chose between two alternatives. Since everywhere also were empty and broken bottles of beer and schnapps it also is possible that some weird people after frisbee just had been boozing all night. We do neither know nor understand.

Do you ..? Don’t hesitate to tell us.

שני כיסאות בבית הקברות היהודי הישן בין המון אשפה באוגסבורג

( על־מה אנחנו ישבים ?… (ירמיה 8


Der jüdische Friedhof im schwäbischen Fischach

January 28, 2010

Die Marktgemeinde Fischach mit ca. 4.600 Einwohnern liegt etwa 23 km westlich von Augsburg zu deren Landkreis sie auch gehört. Die Anwesenheit von Juden in Fischach ist zumindest seit 1573 bezeugt. Bis 1803 war auch Fischach österreichisch in der Marktgrafschaft Burgau und wurde sodann bayerisch. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war die Hälfte der etwa 400 Personen im Dorf Juden. Im Jahr 1900 lebten noch 210 Juden in Fischach und machten mehr als ein Viertel der Bevölkerung aus.

Jewish cemetery Fischach map

Johann  Lambert Kolleffel notierte 1750, der Ort verfüge über großen und guten Feldbau. Die in seinem Plan eingezeichneten sechs Häuser im jüdischen Besitz sollen von 32 Haushaltungen bewohnt  gewesen sein und liegen allesamt in der Straße die auch heute noch den Namen „Am Judenhof“ trägt. Im Haus 4 war wie eine Widmungstafel besagt von 1739 bis 1938 die Synagoge. Äußerlich deutet wenig auf die frühere Vorgeschichte des Gebäudes, lediglich an der Ostseite des Hauses sind noch Konturen synagogaler Fenster eingelassen. Heute befindet sich im Haus eine Zahnarztpraxis, die sicher nicht bei allen positivere Assoziationen wecken wird. Wie auch immer gilt diese Synagoge als erste und einzige in Fischach. Das jedoch ist wenig plausibel, da für das Jahr 1698 bereits die Bestattung eines „Rabbiners aus Fischach“ am Friedhof von Kriegshaber Pfersee amtlich vermerkt ist. Sich vorzustellen, dass Fischach in dieser Zeit zwar einen Rabbiner aber keine Gebetsräume hatte ist abwegig. Im leer stehenden Nebenhaus 6 befand sich das Gemeindehaus und die jüdische Schule des Ortes – dort so erzählte Frau Kaes habe ihr (christlicher) Großvater noch etwas Hebräisch-Unterricht genossen, um die jüdischen Mitschüler zu verstehen. Fraglich ist wo genau sich die erforderliche Mikwe der Gemeinde befand. Jedoch befinden sich Neufnach und Schmutter, die in Fischach ineinander münden in unmittelbarer Nähe zum Fischacher Siedlungskerns um Synagoge und Kirche.

Sichtbarste Spur  der jüdischen Präsenz in Fischach ist der jüdische Friedhof im Süden des historischen Ortskerns. Dem Vernehmen nach wurde er erst 1774 angelegt. Zumindest in der Zeit von 1670 („ein Kind von Fischach“) bis 1706 wurden immer wieder verstorbene Juden aus Fischach, aber wie 1690 auch Siegertshofen (heute ein Teil Fischachs) zur Bestattung nach Pfersee/Kriegshaber gebracht. 1696 waren dies neben dem namentlich nicht genannten „Rabbiner von Fischach“ auch zwei gleichfalls anonyme Kinder. Im Jahr darauf werden insgesamt 9 Todesfälle bei David Ulmo in Pfersee zur Bestattung angemeldet und taxiert. In diesem Jahr verteilen sie sich ohne „Mengenangabe“ auf die Herkunftsorte Pfersee, Kriegshaber, Steppach und Fischach. Eher selten ist es, dass die Notizen der burgauischen Vogtbeamten auch Namen festhalten, etwa 1675 „Samson aus Fischach“ oder 1698 „Hayumb, Judenkind aus Fischach“ (= Hayum bzw. Chaim). Die vorhandenen Aufzeichnungen der christlichen Schreiber sind in dieser Zeit wie so oft nur bruchstückhaft und fehlerhaft. Anders als die feststehenden hebräischen Schreibweisen der Personennamen sind die in lateinischen Buchstaben umlautenden „deutschen“ Schreibweisen nur nach Gehör und subjektiver Vorstellung wiedergeben, was zur Folge hat, dass sich die Schreibweise eines Namens bereits in der Folgezeile wieder geändert haben kann. Zuordnungen der Einträge zu anderen Quellen sind deshalb schwierig, oft aber einziger Anhaltspunkt.

Tahara und Gedenkstein am jüdischen Friedhof Fischach

Der jüdische Friedhof ist von einer unversehrten Steinmauer umgeben und in einem vergleichsweise guten Bewahrungszustand. In der hölzernen Tahara gleich neben dem Eingangstor soll auch ein Leichenwagen erhalten sein.

Sichtbar jedoch ist ein Gedenkstein mit gleich zwei Inschriften (schwäbische Sparsamkeit?). Die eine Seite trägt die Inschrift:

„DEN OPFERN DER RASSENVERFOLGUNG GEWEIHT

1933 1945

DEN TOTEN ZUM GEDENKEN, DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG“

Auf der Rückseite desselben Steins steht nun aber zum Gedenken an die jüdischen Soldaten des ersten Weltkriegs:

„ZUM GEDENKEN UNSERER GEFALLENEN

1914 – 1918

BENNO KLOPFER

HERMANN LEVI

ISDOR ERLANGER

SAMUEL MENDLE

ALBERT MAIER

EDMUND HIRSCHMANN

HUGO MENDLE“

 Grabreihe am jüdischen Friedhof Fischach 

Insgesamt sind etwa  400 Grabsteine vorhanden. Das letzte Begräbnis fand noch 1942 statt.  Zwar sind viele der älteren Inschrift inzwischen abgeblättert und nur noch teilweise zu lesen, während einige der etwas neueren Grabsteine von Schimmel befallen sind, doch finden sich nur wenig herumliegende Äste, wie auch Bäume im allgemeinen die Standsicherheit der Gräber nicht gefährden. Dies lässt auf eine kontinuierliche Pflege über einen längeren Zeitraum schließen, was in der Region keineswegs Standard ist.

jüdischer Friedhof Fischach

Am bemerkenswertesten am Friedhof sind sicherlich die hölzernen Grabmale des Ehepaars Abraham Levi (gest. 1815) und seiner Frau Brendel (gest. 1833), die anders als das Grabmal von Mordechai Cassel in Kriegshaber nicht nur relativ gut erhalten sondern auch an den bestimmungsgemäßen Grabplätzen geblieben sind. Durch eine intelligente Ummantelung sind sie von den gröbsten Witterungseinflüssen geschützt, haben keinen schädlichen Bodenkontakt und haben zugleich Frischluft, die die Feuchtigkeit trocknen kann.  In Folge dessen sind die Inschriften auch heute noch gut lesbar, ganz im Gegensatz zu vielen teilweise jüngeren längst abgebröckelten Sandsteinen.

 Holzgrabmale am Friedhof Fischach

Berühmter noch als die beiden Holzgrabmale von Fischach ist natürlich die gleichfalls hölzerne Sucka (Laubhütte) aus Fischach, die 1934 im Haus der Fischacher Familie Deller wieder entdeckt und noch Ende der 1930er Jahre nach Israel gebracht werden konnte. Seit 1965 ist die Deller-Laubhütte Bestandteil der Dauerausstellung zum Judentum im Jerusalemer Israel-Museum (in welcher auch der kunstvolle parochet aus Kriegshaber gezeigt wird) , bzw. dessen Vorläufer dem Bezalel Museum. Die Suckah stammt aus den 1850er Jahren und ist handbemalt. Ihr Initiator ist Jakob Deller, der in Fischach ein Zigarren- Wein- und Spirituosen-Handlung betrieb, nachdem ihm 1832 eine anfangs bewilligte Lizenz zum Kaffeee- und Bierausschank 1832 widerrufen wurde. Als Jude sei er dafür angeblich „nicht geeignet“ gewesen. Die Laubhütte wurde von seinem Enkel Albert(o) Deller aus Quito (Ecuador) dem Museum vermacht und ist deshalb ein vielbeachteter Zeuge für das schwäbische Judentum. Gegenwärtig wird die Sucka in der Bretagne restauriert und dann im Laufe 2010 wieder in Jerusalem ausgestellt zu werden.

Deller Grabstein Fischach

(Grabstein des Abraham ben Naftali ha-Levi “Albert” Deller, 1860 – 1935 am jüdischen Friedhof Fischach)

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Kaes in Fischach die uns trotz eisiger Kälte (von ca. – 10 ° Celsius) eine kurze Besichtigung des jüdischen Friedhofs ermöglichte und uns hilfreiche Hinweise für die folgende Ortsbesichtigung und Spurensuche gab.

The Jewish Cemetery of Fischach near Augsburg


Das Kriegshaber Holzgrabmal des Mordechai Cassel

January 14, 2010

Etwa acht Meter östlich vom alten Friedhofswärterhaus am jüdischen Friedhof Kriegshaber befindet sich ein Grabplatz, der bis in die 1990er Jahre mit einem hölzernen Grabmal versehen war. Dieses wurde im Frühsommer des Jahres 1927 von Theo Harburger fotografiert und aufgezeichnet. Die hölzerne Platte wurde mit einer Art Vitrine umgeben, um die Tafel vor der Witterung zu schützen. Gemäß einer Bemerkung in seinem unveröffentlicht gebliebenen Abhandlung über die „Geschichte der Juden in Kriegshaber“ (sein Nachlass befindet sich im Augsburger Stadtarchiv) aus dem Jahre 1934, soll dies auf Veranlassung des Heimatforschers Luis Dürrwanger (1878-1959) geschehen sein. Da das Schriftstück jedoch auch in der Nachkriegszeit noch mehrmals überarbeitet wurde, muss sich die Information nicht zwangsläufig auf die Jahreszahl 1935 beziehen. Erinnerungen aus den Reihen der früheren Friedhofswärter-Familie Felber jedenfalls verbürgen, dass die Grabplatte zumindest seit den frühen 1950er Jahren mit dem Gehäuse umgeben war. Im Laufe der Zeit brach dessen Glas jedoch an zahlreichen Stellen und die Umrandung begann zu rosten, so dass sich der Effekt ins Gegenteil kehrte und durch Kondenswasser und Rost der Verfall der Holzplatte erheblich beschleunigte. Frau Agnes Maria Schilling veranlasste deshalb, dass das verfallende Denkmal im Haus der Friedhofswärter untergestellt wurde, danach gelangte es ins 1985 entstandene „Jüdische Kultusmuseum Augsburg Schwaben“ im Gebäude der Augsburger Synagoge, Halderstr. 6-8. Dort ist die mittlerweile völlig unleserliche Holzplatte ein vielbeachtetes Ausstellungsstück der Judaica-Exhibition. Der Sockel des Grabplatzes hingegen wuchs in den Folgejahren zu und war deshalb nicht mehr exakt zu lokalisieren. Auch der einstige Glasmetallrahmen ging verloren und so schien die letzte Erinnerung an den Verstorbenen getilgt.

Die beiden Holzgrabplatten am jüdischen Friedhof in Fischach von Josef Moses ben Abraham haLevi (5574/1815), und seiner Frau Brendl (5593/1833) festgehalten von Theo Harburger am 10.02.1927 (CAHJP P160/49), die mittlerweile auch „umglast“ wurden.

Gemäß seinen Aufzeichnung hatte Theo Harburger das hölzerne Grabmal am 12. Mai 1927 fotografiert. Zu dieser Zeit war der neue Friedhofspfleger Hermann Felber Sen. (1894-1956) gerade seit drei Monaten am Kriegshaber Friedhof. Harburger machte insgesamt nur 15 Aufnahmen vom Friedhof, wovon drei Gesamteindrücke und die anderen einzelne Grabdenkmäler porträtieren. Dass er das Holgrabmal in seiner enge Auswahl aufnahm ist nicht weiter verwunderlich, galten solche als sehr rar. Neben zwei weiteren Exemplaren in Fischach gilt die Kriegshaber Holzplatte in der Region auch als einziges erhaltenes hölzernes Grabmal. Harburger zufolge war die Eichenholzplatte 95 cm hoch und 32.5 cm breit. Die Dicke betrug 3 cm. Gewidmet wurde das Denkmal dem Mordechai Sohn des Mordechai aus Kassel, der am 27. Cheschwan 5566 verstarb (nach christlichem Kalender am 19. oder 20. November des Jahres 1805).

 

Harburgers Fotografie (CAHJP P160/125) zeigt die Holzplatte an ihrem früheren Stellplatz, weshalb im Oktober 2007 der Grabplatz wieder aufgefunden werden konnte. Unter einer Grasnarbe konnte so auch die etwas schräg stehende Nachkriegseinfassung auf welcher das Gehäuse montiert wurde, aufgefunden werden. Das Gehäuse selbst wurde erst im Herbst 2009 bei Gartenarbeiten entlang der nordöstlichen Mauer unter üppigen Wildwuchs wieder entdeckt. Der charakteristische Baum an der nordöstlichen Ecke des Hauses, bereits 1927 zu sehen,  ist inzwischen zur stattlichen Größe herangewachsen.

Das Bild von Theo Harburger zeigt eine damals noch einwandfrei lesbare Inschrift, was erstaunlich ist, wenn die Holzplatte zu dieser Zeit bereits 120 Jahre alt sein soll. Entsprechend einfach ist es deshalb natürlich auch die dort abgebildete Inschrift zu lesen und wiederzugeben:

Übersetzt heißt sie: „Hier ist begraben der Heilige, Herr Mordechai Sohn des Herrn Mordechai seligen Angedenkens aus Kassel am Tag 3, 27 Marcheschwan 566 nach kleiner Zählung.“

Das erfordert eine Reihe von Erklärungen und wie so oft, führt dies zu einem Bündel weiterer Fragen. Die Bezeichnung  הקדוש (ha‘kadosch), wörtlich „der Heilige“ bezieht sich in der Regel auf eine Person, die starb um den Namen Gottes zu heiligen: קדוש השם (kidusch ha‘schem). Sinngemäß leitet sich dies vom Gebot der Thora ab, den Namen Gottes zu heiligen (3. Moses 22:32) und im daraus abgeleiteten Umkehrschluss, Gottes Name nicht zu entweihen (chillul ha’schem). Der Überlieferung gemäß gibt es drei Gebote, bei denen die eigene Lebensrettung nicht vorrangig ist:

Götzendienst, verbotene sexuelle Akte (etwa Inzest oder Ehebruch), Mord

In der sefardischen Tradition des Judentums bezeichnet man die Juden Portugals und Spaniens, die den Tod der Zwangstaufe vorzogen als „Heilige“. Analog dazu bezeichnet man heute auch die Opfer des Holocausts als „kedoschim“, ganz unabhängig davon, dass sich ihnen in der Regel die Frage nach einer Konversion, etc. gar nicht stellte. Begrifflich entspricht dies in etwa dem christlichen Terminus eines Märtyrers. Wie nun auch immer, legt die Bezeichnung des Bestatteten als „Heiligen“ nahe, dass er gewaltsam ums Leben kam. Der zeitgeschichtliche Kontext des Sterbedatums gibt für solche Deutungen jede Menge an Möglichkeiten.

Im Würzburger Abkommen vom September 1805 hatten Frankreich und Bayern im Vorfeld verabredet, dass das bayerische Herzogtum bei einem Sieg der Verbündeten, Augsburg und die vorderösterreichische Marktgrafschaft Burgau zugeschlagen bekäme. Erst am 9. Oktober 1805 wurde die Freie Reichsstadt Augsburg trotz mehrfach erklärter Souveränität und Neutralität von anrückenden französischen Soldaten besetzt. Am Folgetag ritt der französische Feldherr und Kaiser Napoleon Bonaparte Höchstselbst durch das Wertachbrucker Tor in die Stadt und verweilte dort, vom Augsburger Bischof und von den Stadtherren empfangen zwei Tage und Nächte im Hotel Drei Mohren in der Maximilian Straße. Berühmt ist die Überlieferung, dass Napoleon den um ihre Souveränität bangenden Stadtherren beim Anblick des schlechten Straßenpflasters gesagt haben soll, die Stadt bedürfe eines Fürsten. Der an Weihnachten geschlossene Frieden von Pressburg regelte die Augsburger Frage endgültig im bayerischen Sinne. Bis zu dieser Zeit war die Stadt und Umgebung von französischen Truppen besetzt, ehe nun bayerische nachrückten. Wenige Tage später, am 1. Januar 1806 wurde Bayern sogleich auch Königreich und der bisherige Kurfürst König.

Der Todeszeitpunkt Mordechais am 19./20. November fällt demnach in eine geschichtsträchtige Zäsur, zugleich aber auch ungewisse Übergangszeit, in der das Gebiet der bisherigen Freien Reichsstadt und seiner westlichen burgauischen Vororte von französischem Militär besetzt war. Interessant in diesem Zusammenhang dürfte sein, dass die in Kriegshaber und hernach in Augsburg ansässige Familie des Veit Kaula und sein Partner Jakob Obermayer Heereslieferanten (unter anderem für Säbel und Gewehre) waren, pikanterweise sowohl für die österreichische wie auch bayerische Seite. Jakob Obermayer wohnte seit 1803 in Augsburg. Mit ihm hatten auch die in München ansässigen Lieferanten Westheimer und Straßburger sowie der Pferseer Gemeindevorsitzende Henle Ephraim Ulman (seit längerer Zeit bereits auch ein Finanzier des Augsburger Bischofs) gegen die Gewährung hoher Darlehen, die Augsburgs Unabhängigkeit gewährleisten sollten, das Wohnrecht in der Stadt erhalten.

Als zusätzlicher Faktor kommt demnach, was die jüdischen Gemeinden von Kriegshaber, Steppach und Pfersee wie auch die wenigen aus diesen Gemeinden stammenden Juden in Augsburg betrifft , eine mehr oder minder vielschichtige Interessenslage hinzu, die ein Licht auf die Todesumstände des Mordechai werfen könnten. Eine jüdische Besonderheit ist das freilich nicht. Kaum war bekannt geworden, dass die Franzosen sich Augsburg näherten, hing der christliche Finanzrat der Reichsstadt Johann von Schaezler ganz unverhohlen aus dem Palais seines Schwiegervaters Liebert in der Maximilianstraße in lateinischer Sprache einen weithin sichtbaren und vor allem opportunistischen Willkommensgruß an den nahenden Herren: „pacem qui dedit, patrem nobis dedit“. Dass er zumindest am Vortag als Mitglied der Stadtregierung noch alle Bemühungen der Bewahrung der städtischen Neutralität und Souveränität widmete, war offenbar sehr rasch vergessen und längst kein Thema mehr, als im Februar 1806 unter der Führung von Schaezler eine Delegation Augsburger Bankiers und Kaufleute nach München reiste, um dem frisch gekrönten ersten bayerischen König die Referenz zu erweisen.

Die Inschrift der Grabplatte erschwert aber zunächst die Identifizierung des „Heiligen“. Die Namensangabe des Toten lautet:  ל“ז -  מרדכי בן מרדכי .  Dem zweiten, väterlichen Mordechai folgt in der Inschrift das Kürzel ל“ ז, welches ein seliges Gedenken ausdrückt. Da die Grabplatte an sich schon dem Zweck des Gedenkens an einen Toten erfüllt, bezieht sich eine solche zusätzliche Erwähnung in aller Regel auf den Umstand, dass der Vater des Verstorbenen bereits vorher verstorben ist. Die Namensgebung an sich ist ungewöhnlich, da es bei aschkenasischen Juden völlig ungebräuchlich ist, dass der Sohn direkt nach dem Vater benannt ist. Allenfalls ein Enkel erhält den Namen des Großvaters, nicht jedoch der Sohn. Anders verhält es sich jedoch bei sephardischen Juden, bei denen die Sitte, dem Sohn den Namen des Vaters  zu geben, vielfach belegt ist. Sollte der Name auf der Grabplatte also nicht auf falschen Informationen beruhen – wir wissen nicht, wie bekannt der Verstorbene in Augsburg, Pfersee oder Kriegshaber war – so müssten wir den Toten als einen sephardischen Juden auffassen. Als solcher wäre er zweifellos höchst ungewöhnlich. Noch erstaunlicher in dieser Weise ist freilich der Zusatz מקסל, den Theo Harburger in seiner handschriftlichen Notiz von 1927 mit einem א versehen als מקאסל berichtigen wollte, um die gängige hebräische Schreibweise des Ortsnamens Kassel (die offiziell gültige deutsche Schreibweise war bis 1926 eigentlich Cassel) wiederzugeben. Der Eintrag in der Inschrift ist aber auch so durch das Präfix מ (von, aus) als „aus Kassel“ zu lesen und zu verstehen. Ein sephardischer Jude aus Kassel ist nun freilich ein Anachronismus, da es dort ebenso wenig eine sephardische Judengemeinde gab wie in Kriegshaber oder Augsburg. Zwar sind Juden in Kassel erstmals im 13. Jahrhundert belegt, um 1720 lebten nur drei jüdische Familien, 1798 bereits 53 in der Stadt, doch von Sepharden fehlt jede Spur. Bis 1772 befand sich das Kasseler Rabbinat (der Landgrafschaft Hessen) im Exil im benachbarten Witzenhausen, da die in Kassel dominierende jüdische Familie Goldschmidt keine (jüdische) Konkurrenz am Ort duldete und entsprechende Regelungen mit ihren fürstlichen Herren traf. Zwar finden sich am Friedhof von Witzenhausen auch ältere Grabsteine und einige gehören einem Mordechai oder dem Sohn eines Mordechais, aber keine der erhaltenen Inschriften deutet auf einen Sepharden. Das ist auch in Kassel und in der sonstigen Umgebung nicht anders. Die Kasseler Familie Goldschmidt hat jedoch in Frankfurt am Main einen Seitenzweig der Goldschmidt-Kassel heißt und eine zeitweilige Präsenz in Kassel namentlich überliefert. Dies eröffnet die nicht auszuschließende Möglichkeit, das in der Inschrift vorhandene קסל trotz des Präfixes nicht als Orts- sondern als Familienname zu verstehen. Die Frankfurter Familie Kassel, wegen ihres Hauses „am Buchsbaum“ auch entsprechend namentlich vertreten, war eine bekannte, einflussreiche Familie von Hoffaktoren aus deren Mitte später das Bankhaus Goldschmidt gegründet wurde. Der Sohn des Bankgründers Chaim von Goldschmidt-Kassel heiratete 1878 Minka, die Tochter des letzten Frankfurter Rothschilds. In Frankfurt ansässig waren jedoch auch Mitglieder der Wertheimer Familie, seit 1769 etwa Zacharias Wertheimer. Sein Onkel Wolf Simon Wertheimer lebte als Hoffaktor in München, wurde aber nach seinem Tod 1765 am jüdischen Friedhof in Pfersee-Kriegshaber begraben, da München erst 1816 einen eigenen Friedhof bekommen sollte. Eine ganze Reihe von Nachkommen Wolf Wertheimers haben sich mit anderen Familien in Pfersee und Kriegshaber, aber auch in München verbunden, etwa mit Ulmanns oder Obermayers. Josef Hirsch (auf Gereuth,1805-1885) etwa heiratete Karoline Wertheimer (1800-1888), die Tochter von Zacharias Wolf Wertheimer (1782-1844). Ihr gemeinsamer Sohn Moritz (Mordechai), bekannt geworden als Maurice de Hirsch (1831-1896) war mit Clara Bischofsheim (1838-1899) verheiratet. Clara wiederum war die Tochter Jonathan Rafael Bischofsheim und Henriette Goldschmidt-Cassel. Zusammen mit Louis Goldschmidt Cassel gründete Jonathan Bischofsheim 1829 das Bankhaus Bischoffsheim-Goldschmidt. Jonathans Vater Rafael dagegen war nun verheiratet mit Helen Cassel. Der Sohn ihres Bruders Jacob Cassel war Ernst Cassel (1852-1921), der im Alter von 17 Jahren nach England auswanderte und zunächst in einer Filiale der Goldschmidt-Bank seiner Verwandten arbeitete, ehe er selbst als Unternehmer erfolgreich wurde, maßgeblich am Ausbau des Eisenbahnnetzes in Amerika und Mexiko beteiligt war und schließlich als Sir Ernest Cassel geadelt wurde. Zuletzt galt er als Förderer des späteren Premierministers Winston Churchill. Der Vater von Jacob und Helen Cassel wiederum war Moses Cassel (1756-1825), der zusammen mit seinem Bruder Baruch ein Geldgeschäft in Köln betrieb. Dieser hatte nun einen 1774/5 geborenen Sohn namens Moritz Mordechai, über den weiter nichts bekannt war. Da Moritz nun aber eine häufige Umschreibung des hebräischen Namens Mordechai ist, könnte es sich hier um den am Kriegshaber Friedhof bestatten Toten handeln. Moritz Mordechai wäre demgemäß eine vorstellbare Erklärung für die Inschrift „Mordechai ben Mordechai“ und würde wie der Zusatz „aus Cassel“ auf einem Missverständnis beruhen. Möglicherweise ist die Platte 1806 aber zeitlich auch um das Purim-Fest  formuliert worden …

Die eigentliche Identität des Toten wäre demzufolge also die des „Mordechai ben Baruch Cassel, 1775-1805“. Durch die zahlreich vorhandenen familiären Verbindungen der Cassel und Goldschmidt-Cassel zu Familien in Kriegshaber, Pfersee und München, wäre es auch verständlich, warum unser Mordechai sich überhaupt in der Region aufhielt, da ansonsten nichts dafür spricht, dass er in München oder an einem der Orte der nach über 500 Jahren nun erlöschenden Marktgrafschaft Burgau selbst ansässig war. Wir wissen auch nichts von einer Ehe, die wir in seinem Alter aber vermuten können. Die familiäre Bindung an schwäbische und in München tätige (meist ohnehin aus Pfersee und Kriegshaber stammende) Hoffaktoren und Heereslieferanten hingegen macht es einigermaßen plausibel, dass er sich auch im Zusammenhang mit entsprechenden Geschäften befasste und wahrscheinlich in irgendeiner Weise und Abfolge im Gefolge der französischen Truppenkontingente reiste. Dies gibt freilich noch keinen Aufschluss über die Art seines Todes und verrät auch nicht seinen Sterbeort. Da München bis 1816 über keinen eigenen Friedhof verfügte, kann er durchaus auch dort oder in der Nähe ums Leben gekommen sein. 1812 noch wurde auch Abraham Uhlfelder, als Nachfolger von Wolf Wertheimers Sohn Abraham einer der ersten Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von München, der dort seit den 1770er Jahren lebte und gleichsam als Heereslieferant tätig war, in Kriegshaber begraben worden. Seine späteren Nachkommen begründeten später in München das Kaufhaus Uhlfelder im Rosental. Als letzten Münchner Juden bestattete man am Kriegshaber Friedhof am 11. September 1815 noch dicht neben Uhlfelder den Gelehrten Loeb Sohn des Meir Gumperts. Der Kreis schließt sich aber, wenn man berücksichtigt, dass der Frankfurter Hauptzweig der Familie Golschmidt-Cassel im Haus Buchsbaum wohnte und deshalb in manchen ihren Zweigen auch den Namen Buchsbaum trug, so wie sich die Familie die in Frankfurt im Haus zum Roten Schild Rotschild nannte. Im Jahre 1560 nämlich wanderte Nathan von Oberhausen an der Wertach nach Frankfurt, heiratete dort Brendle, die Tochter des Buchsbaum-Juden, der für Schimon Ginzburg, dem Stammvater der Ulmo-Günzburg – Sippe arbeitete. Nathan von Oberhausen nannte sich fortan Nathan Buchsbaum und hinterließ bei seinem Tod 1575 ein staatliches Testament mit umfangreichem Inventar (siehe Frankfurter Zeitung vom 13.08.1929). So wir die Cassel-Familie unter seinen Nachfahren finden, was durchaus der Fall sein dürfte, so schließt sich mit dem Abkömmling Mordechai vielleicht ein Kreis, der mit Nathan von Oberhausen begann.  

Sollten wir den am Friedhof in Kriegshaber Pfersee bestatteten Mordechai identifiziert haben, so kam er im Alter von ca. 30 Jahren in einer Weise ums Leben, die seine Bestatter dazu veranlasste, ihn als „Heiligen“ zu würdigen. Das mag im zeitlichen Kontext und in der Verbindung mit einer wahrscheinlichen Tätigkeit als Heereslieferant im Umfeld der französischen Besatzung der Markgrafschaft Burgau, Augsburg und Münchens etwas euphemistisch erscheinen, aber die genauen Umstände, wie auch der Ort seines Todes bleiben auch so im Dunkeln. Offensichtlich aber ist die Vermutung, dass ein Holzgrabmal deshalb gewählt wurde, weil der Verstorbene oder die jüdische Gemeinde arm gewesen sei, angesichts des alles andere als unbemittelten Familienhintergrundes und der zahlreichen lokalen Verbindungen, doch eine seltsame Vorstellung. Das im „Jüdischen Kultusmuseum“ ausgestellte, unleserliche Grabmal wurde 1927 von Theo Harburger in einem sehr gut erhaltenen Zustand fotografiert. Sollte es sich aber tatsächlich, was ohne exakte wissenschaftliche Altersbestimmung nicht sicher gesagt werden kann, um eine Platte aus dem Jahr 1806 handeln, wäre sie zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 121 Jahre alt gewesen.

Anders als die alte, unleserliche Holztafel befindet sich das Grab des Verstorbenen noch immer am Friedhof. Die Position des Grabes ist genau bekannt. Auch die Maße der alten Grabplatte sind bekannt und ebenso die Inschrift, die Harburger 1927 fotografierte. Preise für eine neue Grabtafel halten sich in Grenzen. Materialkosten (hinzu kämen Inschrift, Einfassung, …) für massives Eichenholz belaufen sich aktuellen Internetangeboten aus der Region bei einer Plattenstärke 30 mm in der Größenordnung von 60 € pro m² (gebraucht würden 3 m²). Die Preise für Sandstein sind etwas billiger. Wie das Preisniveau vor 200 Jahren war, ist weit schwieriger zu ermitteln. Aber die Anschauung, dass Holzgrabmäler ein Zeichen von Armut gewesen seien, liefert im Umkehrschluss, dass fast alle erhaltenen Grabmäler auf jüdischen Friedhöfen hierzulande nicht aus Holz, sondern aus Stein sind, dem nicht ganz unbekannten Klischee Vorschub, dass Juden eben reich sind. Reich genug, um nicht arm zu sein. Tatsächlich unterscheiden sich die Preise wohl nicht.

Die Tatsache, dass es kaum Holzgräber gibt, muss nicht mal an einer mangelhaften Witterungsresistenz liegen – bröckeln Sandsteine doch oft auch bereits nach ein paar Jahrzehnten Pflegelosigkeit dahin –Holzgrabmale haben gegenüber steinernen ganz andere Nachteile, die ihre Existenz gefährden. Zum einem können sie anders als Steine verfeuert werden, zum anderen sind sie weit weniger standfest als Steinplatten, die bei einer Höhe von einem Meter schon mal 250 Kilo oder mehr wiegen können und folglich auch leichtens von Dieben zu transportieren. Zwar ist es geläufig, dass Grabsteine immer wieder mal als Baumaterial missbraucht wurden, aber die Verfeuerung erfordert keine Bauvorhaben, sondern lediglich einen kalten Winter und hinterlässt für den Dieb günstiger weise auch keine Spuren. In dieser Weise ist, klar, dass man in der Regel Steine bevorzugte, nicht aus finanziellen Motiven, sondern aus Gründen der Standortsicherheit.

Ein Sprichwort sagt: „Verrottetes Holz kann man nicht schnitzen“, ein anderer Ausdruck jedoch betont positiv, dass etwas oder jemand „aus dem selben Holz geschnitzt“ ist. Als JHVA setzen wir uns deshalb dafür ein, dass die Erinnerung an die Toten bewahrt bleibt und Erinnerungstafeln existierenden Gräbern nicht ersatzlos Trophäe von Museen werden.


Isaak Welsch aus Steppach

December 31, 2009

gravemarker of Isaac “Eisik” Welsh from Steppach at Munich Jewish Cemetery

Das Grab von Isaak Welsch aus der heiligen Gemeinde Steppach bei Augsburg am alten jüdsichen Friedhof in München.


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