Augsburger Allgemeine zur neuen Info-Tafel am jüdischen Friedhof Kriegshaber

September 23, 2011

In der heutigen Ausgabe der “Augsburger Allgemeinen” (Freitag, 23. September 2011, No. 220, S. 34) befindet sich ein bericht von Elisabeth Muche über die Enthüllung der Informationstafel am Eingang des jüdischen Friedhofs an der Hoover Str. 15.

The Article unfortunately does not mention all of the introduced personalities mentioned in the talks at the ceremony. “Schiman Wolf Wertheim” however actually is Schimon Wolf Wertheimer and of course there are no 500 years old grave markers (“500 Jahre alte Grabsteine”) at the grave yard as the report maintains. The cemetery according general understanding was established in 1626, as was pointed out. Furthermore there only are two known Binswanger graves at the cemetery, no more (“Auf mehreren Grabsteinen zu lesen ist auch der Name Binswanger.”), contrary to more than 40 tomb stones of the Ulmo family, several Wertheimer and many UntermayerObermayer, etc.

Karl, bzw. Carl von Obermayer, excellent protrayed by Sepp Merkl on Wednesday afternoon, however also was no American consul, but a German consul of the United States of the back then independent Kingdom of Bavaria in Augsburg with his office in his house today known as “Standesamt” in Augsburg.

The memorial plate proper, which wording was unknown to us prior to the unveiling during the ceremony states the cemetery “as of 2008 is maintained by the Jüdisch Historische Verein Augsburg“. In so far this is understood as the JHVA still is responsible for the present upkeep or for the state of the cemetery, the statement is not correct. As frequent readers of our weblog know, the JHVA started to work at the cemetery in fall 2007 and quit in 2008, when also the documentation (grave registers) of the cemetery took place, since there ‘ ve been far too many obstacles to continue. After 2008  on an occasional basis  the JHVA had guided tours or voluntary work groups only. Since May 2010 however the former Tahara and keepers house at the cemetery is hired to a new tenant. However, the JHVA always worked entirely voluntary and unpaid and is not maintaining the upkeep of the cemetery, what actually is the responsibility of the Jewish community of Augsburg.

Die am Kriegshaber jüdischen Friedhof installierte Informationstafel, deren Wortlaut uns vor der Enthüllung unbekannt war und damit erst nach Ende der Veranstaltung bekannt wurde, besagt der jüdische Friedhof Kriegshaber “wird seit 2008 vom Jüdisch Historischen Verein gepflegt.” Die Aussage impliziert, dass der JHVA auch gegenwärtig für die Pflege des Friedhofs verantwortlich sei, was nicht den Tatsachen entspricht. Der JHVA begann seine “ehrenamtliche” und unbezahlte Arbeit am Friedhof Kriegshaber im Herbst 2007 und schloss sie mit der Dokumentation der Grabplätze im Sommer 2008 ab, da zu viele Hindernisse einer sinnvollen Tätigkeit im Wege standen. Bis zum Jahre 2009 hatten wir noch einzelne Führungen oder Nachmittage mit zahlreichen freiwilligen Helfern am Friedhof. Im Mai 2010 wurde das ehemalige Tahara und Wächterhaus seitens der IKG Augsburg privat vermietet. Für die Pflege des Friedhofs war immer schon und ist so auch jetzt die IKG Schwaben-Augsburg zuständig und verantwortlich, nicht der JHVA, der über kein Gartenpersonal verfügt.


Enthüllung einer Informationstafel am Jüdischen Friedhof Kriegshaber

September 22, 2011

 

מידע הפאנל חדש קריגסהאבר בית העלמין היהודי

 

Am gestrigen Mittwoch nach 17 Uhr wurde am alten jüdischen Friedhof an der Hooverstr. 15 im Beisein zahlreicher Gäste, am Eingang eine Informationstafel enthüllt die das Jüdische „Museum gemeinsam mit dem Netzwerk Historische Synagogen-Orte in Schwaben erarbeitet hat“. Dazu sprachen Dr. Benigna Schönhagen vom Jüdischen Kultusmuseum Augsburg, Bürgermeister Peter Grab, Dr. Henry Brand von der IKG Schwaben-Augsburg und Prof. Rolf Kießling.

In vier kurzen Einzelportraits wurden sodann in zeitlicher Abfolge Personen vorgestellt, die mit dem Friedhof in Verbindung stehen und einen kurzen Überblick über die lange Geschichte seiner Belegung Aufschluss geben sollten: Schimon Wolf Wertheimer (Yehuda Shenef, JHVA), Carl von Obermayer (Franz Josef Merkl), Ludwig Einstein (Referentin des Jüdischen Museum Augsburg) und die frühere Wärter Familie Felber (Gernot Römer) die von 1927 bis 2005 den Friedhof betreut hatte. Im Anschluss konnten die etwa 50 Anwesenden den Friedhof besichtigen und sich eigene Eindrücke über den aktuellen Zustand verschaffen.

(c) pictures by jhva: Elena Asnis (people) and Yehuda Shenef (others)

Right in front of the old Jewish cemetery of Kriegshaber / Pfersee yestaerday afternoon was the unveiling of an information panel, elaborated and organized by the Jewish Cultural Museum of Augsburg and the “Netzwerk”. After several introductional speeches by head of the musem Dr. Benigna Schönhagen, mayor Peter Grab, Dr. Henry Brandt from the Jewish community in Augsburg and Prof. Kießling three short biographies on people buried at the cemetery and another one on the Felber family who was keeping the cemetery almost 80 years alowed some 50 visitors a brief glimpse into the history of the place, which however many attended personally after the speeches.


Das Augsburger Pulvergäßchen bleibt erhalten

August 29, 2011

Kurzbericht der “Augsburger Allgemeinen” zur Entscheidung des Augsburger Stadtrat, dass es auch künftig beim mittelalterlichen Straßennamen Pulvergäßchen bleiben soll, nebst Erklärung dazu, wie sich der entscheidende “Ferienausschuss” zusammensetzt. Unser Dank gilt dem Augsburger Stadrat und insbesondere den “Freien Wählern” für ihr Engagement.


Verschießt Augsburg sein Pulver ..?

August 15, 2011

Überraschend für uns beriefen sich vor kurzem die “Freien Wähler” aus Augsburg (denen durchaus unsere Anerkennung für ihre Wachsamkeit gilt) auf einen zwei Jahre alten, ansonsten nur in der englischen Fassung gelegentlich beachteten Bericht über die Zuordnung der städtischen Legende des Tipsiles als Erfinder des ersten waffenfähigen Schießpulvers in Augsburg. Freilich interessiert sich in Augsburg auch weiterhin niemand für David ben Josef Ha-Tiplisi (1279-1359), noch nicht mal so recht für die kleine Figur mit grünem Turban in der St. Anna – Kirche, die seltsam genug zur Legende passt …  

Anlass war/ist, die geplante Umbenennung des Pulvergäßchen zu Ehren einer anderen, offenbar wesentlich glaubhafteren Legende, nämlich der des seitens der katholischen Kirche 1737 heiliggesprochenen Franzosen Vincent de Paul (1581-1660), der heute als “Begründer” des freilich dann doch erst 1897 entstandenen Caritas angesehen wird. Die Heiligsprechung (oder: Kanonisation) basierte nach katholischem Recht , da es sich bei Paul nicht um einen Märtyrer handelte, auf einem nachgewiesenen “Wunder”, ein “Heilungswunder”, sprich auf mindestens einem angezeigten  ”Wunderheilung” das von klerikalen Prüfern in einem umständlichen Verfahren beglaubigt worden sein musste. Eine solche Wunderheilung muss eine medizinische durch Ärzte, Pflege, Ruhe, usw. ausschließen, sondern muss auf dem Gebet eines Kranken beruhen, der sich gedanklich an den Toten wendet und dessen Bitte um Heilung durch den angebeteten Toten vermittelt wird.  Untersucht wurde dazu auch sein zu diesem Zweck eigens zweimal exhumierter Leichnam, der danach (lange vor Lenin) und bis heute in Wachs gegossen in einem gläsernen Sarg in einer Kirche ausgestellt ist, während sein Herz abseits von seinem wachsenem Leichnam in der Zentrale des Vinzentinerinnen-Ordens in Paris getrennt aufbewahrt wird. Augsburg hat der französische Priester und Missionar nie betreten.

Nach dem Stadtrat in Augsburg befasste sich auch die Augsburger Allgemeine mit einem kurzen Artikel mit der Auseinandersetzung, stellt dabei freilich nicht etwa Legende gegen Legende, sondern den “Heiligen” gegen den “Juden”. Da dies in Augsburg keine synonymen Begriffe sind, darf man eine gewisse Voreingenommenheit unterstellen.

Die im Artikel auch wieder zitierte Einschätzung, das Pulvergäßchen habe eine “geringe historische Bedeutung” und die Pulvermühle dort nur von 1398 bis 1434 bestanden, basiert auf einer einzigen zudem ungenauen Quelle und wurde von zahlreichen anderen, auch städtischen Autoritäten widerlegt.

Der Augsburger Stadtarchivar Theodor Herberger, schreibt vor rund 150 Jahren in seinem Buch „Augsburg und seine frühere Industrie“,“…, daß kaum eine andere Stadt gerechtere Ansprüche auf die Fabrikation des Schießpulvers und das Gießen der ersten Kanonen machen konnte, als Augsburg“.

Seine heutigen Amtsnachfolger im Augsburger Stadtarchiv sind nun wahrscheinlich aufgefordert, Herberger und allen anderen früheren Autoren ihren “Irrtum” nachzuweisen, zugunsten eines auswärtigen Heiligen, dem ein bereits zugestandener Straßenname angeblich nicht genügen soll. Freilich wurden gemäß der Stadtbücher in den 1370er Jahren mehrfach Kosten für Büchsen, Schießpulver, Mörser und gegossene Kugeln mit Salpeter und Schwefel verrechnet, was alles keinen rechten Sinn ergibt, wenn erst 1398 eine Mühle entstanden sein soll. Zahlreiche andere Autoren gehen davon aus, dass in Augsburg schon um 1340 eine Pulvermühle bestanden haben soll, jene eben, die die Legende dem Tipsiles zuschreibt, der zu dieser Zeit in Augsburg gelebt haben soll.  

Im Volksmund zeugt die Redensart, „das Schießpulver nicht erfunden haben“ von mangelndem Scharfsinn, weitere Sprichwörter besagen, dass jemand sein „Pulver bereits verschossen“ hat oder „keinen Schuss Pulver wert“ sei. Alles deutet auf praktische Intelligenz, die man hat oder nicht. Diskussionen die sich kaum lohnen, wenn manche heute die Realität etwa danach beurteilen, was bereits bei wikipedia eingetragen ist oder nicht begreifen können, dass es abseits von Zusammenfassungen geläufiger Taschenbücher, Geschichte im Detail doch anders gestaltet geben kann.

Das zeigt sich praktisch auch an anderer Stelle, etwa beim Judenberg, der von intelligenten Leuten in dieser Stadt als „zu hässlich“ angesehen wird und nun zum „Kunstberg“ werden soll, wohl weil auch heute noch das Wort „Kunst“ in den Ohren mancher einen viel besseren Klang hat als das Unwort der Jahre 1933-45 … „Juden“.  Dass Mietek Pemper seligen Angedenkens dort über ein halbes Jahrhundert lebte und sich trotz der finsteren Vergangenheit auch wegen mancher einzigartiger Highlights in der mittelalterlichen Augsburger jüdischen Geschichte , die er gut kannte und schätzte, wohl fühlte, kommt Leuten, die hoffen nur etwas vom eingebildeten Hollywood-Glamour abzukriegen oder christliche Kränze auf sein Grab werfen nicht in den Sinn kommen will.

Artikel der “Augsburger Allgemeinen” Mittwoch, 10. August 2011, S. 38 zum Pulvergäßchen

The city council of Augsburg – in a non-public session – recently had to decide to rename the small Pulvergassel in Augsburg after Vincent de Paul, a legendary French saint whose corpse is exhibited in a glas case in a Paris church while his (physical) heart is in another. Since the current name refers to a medieval powder mill and thus probably also to the legend of “Tipsiles” as first time inventor of weapon grade gun powder (as mentioned also in the Jewish Encyclopedia) there now is a controversy in the council as well as in local papers and polemical commentaries in blogs and discussion groups, whether old reports who held Augsburg in 1340 for the oldest gunpowder fabrication locality in Germany or even Europe are true or if these just are fairy tales invented by Jewish “pseudo-historians” as already anti-Semite Adolf  Stoecker pointed out a hundred years ago. However, obviously of course a faith healing Catholic saint fits much better in Augsburg’s “advertising strategy” to promote as “City of Peace” , but does it mean that all reminiscences or remnants which may conjure up wartime memories miraculously will vanish as the bunny in the top hat ..? In our opinion it does not matter what name the small back alley has. In case of war Augsburg will not be bombed because there was a gunpowder mill in early 14th century and in cases of any epidemic Vincent de Paul also will not work any wonder. History is history and dealing with (own local) history is history as well.

Augsburg in fact was regarded as first or among the first major places of fabrication of weapon grade gun powder as umpteen older books maintain. The fact that local legends refer the invention to a Jew is somewhat unusual and a sophisticated population would be proud of it to have other than Holocaust related stories in their history, but obviously there still is a far bigger lust and hunger for miracles and wonders, … so if one street name for Vincent de Paul is not enough, so give him five.

The local newspaper already opposes “the saint” and “the Jew”, so you all may guess what the decision (wanted) will be, knowing that both terms also in current German – for what reasons ever – still are anything but equivalent.   ;-)  

בסמטה קטנה בהתייחסו אגדה מימי הביניים של ממציא יהודי של אבק שריפה אוגסבורג, עכשיו יהיה שמם לאחר כומר קתולי מצרפת


Vor 20 Jahren: Überfall auf jüdischen Friedhof in Augsburg – Hochfeld, Haunstetter Str.

May 4, 2011

Jüdischer Friedhof: 26 Gräber geschändet“

“Polizei nimmt sechs Jugendliche fest – Bestürzung bei der Israelitischen Kultusgemeinde”

Augsburger Allgemeine” report from early September 1991 report on the “desecration” of at least 26 grave markers at Hochfeld Jewish Cemetery at Haunstetter Str. in Augsburg, which according to the description took place  in the night from 25th to 26th of August (i.e. 16th of Elul) and once again 29th of August. Six German then adolescents age 15 ot 17 entered the cemetery in their first nightand damaged several grave markers along the northern part of the cemetery. Three days later three of them returned to the cemetery for a second chance to damage Jewish memorials. According to the accoutns this time they devoted their time and effort to the rather small children grave marker at the south site of the main entry at Haunstetter Str. Although the then juvenile grave desecrators obviously had to cope with some physical effort to climb over a seven feet high wall or to capsize grave markers of granite weighing 25o kg (550 lb) or more, they were excused by the local police. Their speaker explained the group of intruders had to much alcohol and in no way any political or even racist motifs. Senator Julius Spokojny (1923 – 1996) the then head of the Jewish community of Augsburg doubted the result of the investigation and asked for more severe punishments. 

Actually the position of the approach of the Augsburg police office Pfrogner was a little odd at least. As the article says the police identified the deliquents two days after their second intrusion into the cemetery what is five days after their first one. How the police investigators were able to approve that the grave desecrators actually were “under the influence of alcohol” two and five days later ..?  The wall of the cemetery is considerably high and everything but easy to climb over.  This of course needed coordination and organized acting. Three days later three of the inital group of six returned to continue the destruction.

Augsburger Allgemeine vom 6. September 1991:

Bestürzung bei der der Israelitischen Kultusgemeinde: Nur wenige Tage vor dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana wurden in dem Friedhof an der Haunstetter Straße insgesamt 26 Gräber geschändet. Die Täter sind laut Polizei sechs Jugendliche. „Die Beschädigungen und Verwüstungen“, so die Polizei „haben keinen politischen Hintergrund“. Julius Spokojny, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde bezweifelt das.

 

Ein Besucher entdeckte die Grabschändungen am Dienstag: Grabsteine waren zerbrochen, aus ihren Verankerungen getreten oder vom Sockel gerissen worden, Verzierungen waren abgeschlagen worden. Kaputte Bierflaschen, leere Plastiktüten und Konservendosen lagen herum.

Die Verwüstungen deren Spuren zum Teil schon wieder beseitigt sind, ziehen sich an der Nordseite durch die ganze Länge des Friedhofs. Ein besonders beklemmendes Bild bietet sich dem Besucher gleich links hinter dem Haupteingang an der Haunstetter Straße: Dort wurden mehrere kleine Steine von Kindergräbern umgetreten.

Die Ermittlungen der Kripo führten nach zwei Tagen zum Erfolg. Nach Angaben der Polizei kletterten sechs Jugendlich im Alter von 15 bis 17 Jahren „nach Genuß von reichlich Alkohol“ in der Nacht zum Montag vergangener Woche in den Friedhof ein und warfen dort willkürlich Grabsteine von Gräbern um. Zwei Tage später seien nochmals drei der Burschen über die Mauer eingestiegen. Ein 17jähriger habe dabei teils mit der Hand, teils mit dem Fuß nochmals sechs Grabsteine umgestoßen.

Wie Polizeidirektor Karl Pfrogner gestern gegenüber der AZ sagte, kamen die jungen Burschen aus der Schrebergartenanlage, die im Norden an den Friedhof grenzt. Zum Motiv heißt es im Bericht der Polizei: „Jugendliche Unvernunft und Übermut, verbunden mit dem übermäßigen Genuß von Alkohol, führten zu unüberlegten und verwerflichen Handlungen.“ Die Täter seien alle geständig, „bereuen zutiefst ihr Verhalten“ und wollen den entstandenen Schaden, soweit es ihnen möglich sei, selbst wieder in Ordnung bringen.

Die jungen Leute müssen mit einer Strafanzeige wegen Störung der Totenruhe, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch rechnen. Ihre Eltern sollen Schadensersatz leisten. Pfrogner betonte auf Anfrage: „Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt oder Hinweis auf einen politischen oder gar rassistischen Hintergrund.“

Senator Julius Spokojny zweifelt an dieser Aussage. Die Jugendlichen hätten gewußt, daß es der jüdische Friedhof sei. „Wer weiß was dahinter steckt“, sagte er gestern. Die Version der Polizei sei ihm „zu glatt“, die Behandlung der Täter „zu lasch“. In keinem Staat würden so viele Friedhöfe geschändet wie in der Bundesrepublik. „Man sollte keine milden Strafen walten lassen und solchen Schandtaten Einhalt gebieten“ forderte Spokojny. Die Mitglieder der Kultusgemeinde sind bestürzt. (- Uli Bachmeier)

- die nördliche Außenmauer des jüdischen Friedhofs an der Haunstetter Str. mit erwachsenen Personen -

Es ist offensichtlich, dass die Polizei den Vorfall vor knapp 20 Jahren nicht sonderlich ernst nahm. Die keineswegs niedrige Mauer des Friedhofs zwischen Haunstetter Str und alten Postweg, zwischen den besagten Schrebergärten und der Berufsschule ist nicht ohne weiteres zu überwinden und schon gar nicht, wenn man stark alkoholisiert sein will. Merkwürdig ist, dass die ermittelnde Polizei den “geständigen Tätern” attestiert, betrunken gewesen zu sein, obwohl sie die Delinquenten erst zwei, bzw, fünf Tage nach dem ersten und zweiten Eindringen in den Friedhof ermitteln konnte. Gab es damals rückwirkende Alkoholtests, die Bierkonsum nach fünf Tagen nachweisen konnten? 26 mitunter sehr schwere Granitsteine aus ihren Fundamentenund Sockeln auszuhebeln erforderte zweifellos eine gewaltige Anstrengung und war nicht nebenbei, versehentlich umhertorkelnd umzustoßen wie die berühmte Porzellanvase in Slapstick-Filmen. Es bedurfte roher Gewalt und krimineller Energie und der Gruppendynamik. Die im Artikel erwähnten Bierflaschen nebst anderen Mühl, müssen übringes in keinen unmittelbaren Zusammenhang zur Tat stehen. Das Bier kann auch nach dem Umwerfen der Steine getrunken worden sein. Straßenbahnhaltestellen auf beiden Seiten, Passanten wie auch die anliegende Berufsschule sorgen für eine gewisse Refrequentierung und somit auch für den einen oder anderen Müll, der eingeworfen wird. Das ist im ganzen Stadtgebiet zu beobachten. Die Beschwichtigung durch Sprecher der Polizei war absurd, was im Umkehrschluss nicht bedeuten muss, “drakonische Strafen” fordern zu müssen. Es ist jedoch klar ersichtlich, dass die Grabschänder es gezielt auf den jüdischen Friedhof abgesehen hatten, da sie einzweites mal zu ihm zurückkehrten und wären sie nicht ermittelt worden womöglich noch öfter. Ihr Eindringen erforderte einen erheblichen körperlichen Aufwand, ebenso wie ihr Zerstörungsweg. Mit einem Streich dummer und alkoholisierter Jungendlicher hatte dies nichts zu tun. Dumm ist es eher die offensichtliche Absicht zu verschweigen und zu bagatelisieren.


Von Monster – Geburten in Augsburg

February 2, 2011

Im Jahr 1531 eröfnete Kaiser Karl V am 20. Juni den Augsburger Reichstag und das Augsburger Bekenntnis vom 25. Juni gilt als Gründungsdatum der Luther-Kirche. Im selben Jahr noch starb in Augsburg der hier geborene Maler Hans Burgkmair („der Ältere“), der unter anderem auch Kaiser Friedrich III porträtieren durfte und Holzschnitte fertigte. Zu etwa der selben Zeit war in der Stadt auch der aus Prag stammende jüdische Drucker Chaim Schwarz (oder hebräisch: שחור) für einige Jahre mit seiner Familie in der Stadt, wo er eine Reihe hebräischer Bücher druckte und etwa für seinen Nachdruck der Pessach Haggada auch eigene Holzschnitte fertigte. Chaim lebte mit seiner Familie, Schwiegersohn und Helfern relativ nahe beim früheren jüdischen Viertel der Judengasse.

Im selben Jahr 1531 nun aber vermeldet ein Augsburger Zeitungsblatt die Geburt von Drillingen, womit nicht die Waffe gemeint war).

Anzeygung wunderbarlicher geschichten und geburt dises XXXI. Jars zu Augsburg geschehen“, titelt ein frühes, 1531 in Augsburg erschienenes Nachrichtenblatt und zeigt dazu – da es ja immerhin in der Zeitung stand – die Abbildung dreier neugeborener Augsburger Säuglinge. Da Maler und Illustratoren des frühen humanistischen Zeitalters von Kennern bis heute für ihre Kunstfertigkeit gerühmt werden, muss man die Darstellungen nicht per se für unrealistisch halten:

Neulich hat in Augsburg eine schwangere Frau Drillinge entbunden, genauer gesagt drei wunderbarliche, unnatürliche, ungewöhnliche und vormals unerhört und nie gesehene, vergleichsweise unförmig gestaltete Früchte aus ihrem Leib zur Welt gebracht hat.

Die erste Geburt war ein einzelner Menschenkopf ohne Leib, Hände, Füße, wie auf der Abbildung rechts zu sehen, jedoch von einer Art Haut umgeben. Die andere, zweite unnatürlich ungestaltet Geburt hatte eine (vielleicht auch für Augsburger Verhältnisse) außergewöhnlich wunderbare Figur: Kopf und Mund ähnelten dem eines Fisches, besonders einem Hecht, den man in Augsburg ja kannte. Die Gliedmaßen wie der Leib des Neugeborenen nun aber hatte die Form eines Frosches, während der Schwanz dem einer Eidechse glich. Der dritte Drilling, der aus dem Leib der Augsburgerin kam glich einem jungen Schwein, doch wie seine beiden Geschwister starb es gleich nach der Geburt.

Der Artikel endet mit den Worten: Was aber diese Monster und widernatürliche Früchte und Wunder bedeuten und anzeigen, das weiß allein Gott im Himmel, der alle Dinge durch seine göttliche Barmherzigkeit zum Besten wendet.

Es wäre natürlich höchst interessant zu wissen, was damalige Augsburger Ärzte zu der ungewöhnlichen Geburt sagten, ob sie in ihrer Praxis öfter mit solchen, vielleicht geringfügig weniger spektakulären Fällen zu tun hatten, oder ob die Häufung solcher Schwangerschaften zum Approbationsentzug oder zur Anlage einer musealen Sammlung führte. Die statistische Wahrscheinlichkeit einer Drillingsgeburt ist nach heutigen Stand der Dinge bei etwa 1 von 7000 Geburten und gilt meist als Folge einer Hormonbehandlung.

Man könnte nun darüber spekulieren, was die zeitgenössischen Augsburger stattdessen zu sich nahmen oder an den für das christliche Mittelalter angeblich typischen „Hexenwahn“ der (katholischen) Kirche denken. Der Artikel beschreibt das Geschehen freilich aber eher als eine Kuriosität denn als eine Teufelei. Unter dem verbreiteten Einfluss (oft protestantischer) Humanisten war die Darstellung fabulöser Mischwesen auch keineswegs ungewöhnlich in der Stadt.

Im später recht einflussreichen „Emblematum Liber“ des Mailänder Rechtsgelehrten Andrea Alciato (1492-1550), einem Freund von Conrad Peutinger (1465-1547),  im Februar 1531 von Heinrich Steyner erstmals in Augsburg gedruckt, wimmelt es gewissen maßen von  Darstellungen vor allem griechischer und römischer „Monster“, wie etwa die Darstellung einer aufrechtstehenden „Sphinx“:

Andrea Alciato - Emblematum Liber

Im erklärenden lateinischen Text dazu heißt es: „Quod monstrum id? sphinx est, cur candida virginis ora, Et volucrum pennas, crura leonis habet? Hanc faciem assumpsit rerum ignorantia, tanti scilicet est triplex causa et origo mali.“ (Was für ein Monster ist das? Die Sphinx. Warum hat es das strahlende Gesicht einer Jungfrau, Vogelflügel und Löwenbeine? Unwissenheit hat diese Form geschaffen, denn Ursache und Ursprung für dieses Übel sind dreifach.)

Der sich verstärkende Einfluss der “aufklärerisch” wirkenden Humanisten verstärkt diese synkretischen Kombi-Nationen in späterer Zeit noch, etwa in der Abbildung eines Herklus (de Vries um 1600) der seine Keule oder Fackel gegen eine mehrköpfige Hydra schwingt. 

In 1531 a Augsburg newspaper print reports a very unusual birth. A native woman of Augsburg  gave birth to quite different triplets. The firstborn actually only was head, wrapped in a bubble of skin without any trunk or limbs. The second freak hat the head and the mouth of a fish (precisely that of a pike, a fish until today is common in Augsburg rivers Lech and Wertach), the body of a frog and the tail of a lizard. The third birth reportedly was a young pig, as de-pig-ted in the article. All three “children” died shortly after birth, the report said.

One might assume that stories like that are somewhat typical for a kind of dark middle age with demons and devils, inquisition, torture, plagues and stakes. However the report does not mention any of it or rumors of bewitchment but regards the abnormal trinity birth as a kind of oddnes. Actually in this time in Augsburg quite similar depictions became increasingly popular by Humanist scholars and artists who protrayed Greek, Roman, Egyptian or other deities as wood cut, paintings or sculptures, or sometimes as the sphinx combined of different living creatures or seven-headed like the hydra and many other more. So the question is whether the idea Christian middle age was full of demons reconsidered rather is a Christian / Humanist conflict or lets say a controvery within Christianity. While the Humanists errected fountains, the pius Christians discovered host bread which bled.


German Jewish History Award in Berlin verliehen

January 24, 2011

Die Obermayer Foundation mit Sitz in West Newton, Ma. zusammen mit dem Abgeordnetenhaus in Berlin verleiht bereits im elften Jahr im Plenarsaal den „German Jewish History Award“ (der  auf gut Deutsch vielleicht auch “Deutsch-Jüdischer Geschichtspreis” lauten könnte), an eine Anzahl zuvor meist von verstreuten Nachkommen ehemaliger jüdischer Gemeinden in aller Welt empfohlener „nichtjüdischer“ Deutscher auszeichnet, die sich aus freien Stücken, also ohne beruflich entsprechend tätig zu sein, für die Dokumentation und/oder Erhalt früherer jüdischer Einrichtungen in Deutschland ehrenamtlich und tatkräftig einsetzen. Die Verleihung findet statt unter der Teilnahme von Arthur Obermayer und dem langjährigen Parlamentspräsidenten Walter Momper, der zur geschichtsträchtigen Zeit der “Mauerfalls” Regierender Bürgermeister der zunächst noch geteilten Stadt war.

Zu den zahlreichen bemerkenswerten Preisträgern der vergangenen Jahre gehörten Persönlichkeiten wie Joachim Hahn, Gisela Blume, Rolf Hofmann, Hans-Diter Arntz und im letzten Jahr Angelika Brosig die in Schopfloch erstaunliches leistet. In diesem Jahr wurden u.a. Barbara Staudinger und Heinz Högerle (Horb), Michael Heitz (Eppingen) und Peter Körner aus Aschaffenburg ausgezeichnet.

http://www.obermayer.us/award/

Der 1931 in Philadelphia geborene Gründer und Vorsitzende der Obermayer – Stiftung Dr. Arthur S. Obermayer, jüngerer Bruder des Journalisten und Autoren Herman J. Obermayer (1924) , und im Jahre 2007 selbst mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, ist väterlicherseits ein Nachkomme von Juden aus Augsburg, Kriegshaber und Pfersee mit reichlichen familiären Verbindungen in der gesamten Region von Bayerisch-Schwaben und darüber hinaus.

For the 11th time today in Berlin the German Jewish History Award is given to a number of gentile Germans who as individuals  “have made outstanding voluntary contributions toward preserving and recording the Jewish history, heritage, culture and/or remnants of local German communities“. The founders of the Obermayer Foundation who award the annual prizes however are grandsons of Hermann Obermayer (1829 Kriegshaber – 1897 Philadelphia) who descended from Jews in Kriegshaber, Pfersee, Augsburg and the whole region of former Austrian Swabia, which since 1805 is Bavarian.


Die Ausnahme bestätigt die Regel

December 29, 2010

One of the most surprising questions among commentators of international political affairs is the one whether it is “possible“ to criticize Israel. The answer is much simpler as the question: of course it is and in fact there is hardly any country in the world what got more of criticism from international institutions as well as from the media worldwide  in the course  of the last decades. The negative attention Israel gets around the globe is disproportional by far, while other conflicts and crisis’s in the world with far more victims are underrepresented in the news as well as in UN bodies. Since many of the statements are biased against Israel the next question is: are all critics of Israel anti-Semites? Well, actually, what if ..? Would your coffee taste different?

To understand Anti-Semitism is easy if you realize that it only needs to follow few basic rules: the first is, not to like Jews, the second is to come up with special criteria which may be ridiculous or awkward if applied in other contexts. The third rule is too similar to the first one, to mention it, but implies that regarding Anti-Semitism only Jews are biased. As all governments in the world also the one Israel deserves and needs criticism as national and international feedback, but in order to be productive complaints and objections need to be rational, fair and coherent, applying the same universally valid principles, without recourse to traditional anti-Semitism with a new livery as so called anti-Zionism more than often does.

 

Um den Hass auf Juden zu verstehen genügen im Prinzip wenige Grundregeln. Er richtet sich gegen Juden, er schafft immer neue, oft lächerliche Sonderregeln, die so nur zur negativen Beurteilung von Juden gelten und ansonsten nicht zum Einsatz kommen. Dieser rote Faden schlängelt sich durch die Jahrhunderte und verdichtet in immer neuen Varianten tradierter Klischees zu scheinbar neuen Einsichten. Alte Argumentationsmuster, die sich zur Bekämpfung des „Ewig Jüdischen“ als untauglich erwiesen haben, werden dabei bereitwillig als Fehler eingestanden und durch „zeitgemäße“, „moderne“, sprich „wissenschaftliche“ ersetzt. Die Distanzierung von den alten Beweismitteln schafft dabei eine vorgeblich erfrischende, von Ballast befreite Pseudo-Objektivität und neuen Elan, ist methodisch aber nur eine Wiederholung oder christliche gesprochen: alter Wein in neuen Schläuchen

Das bekannteste Beispiel dafür ist der Begriff des Antisemitismus – den Antisemiten heute in aller Regel bereits als Last empfinden und als „Totschlagargument“ oder „Keule“ in Abrede stellen, wissend, dass er viel zu populär und einschlägig negativ besetzt ist, um sich gegen ihn noch behaupten zu können. Er basiert jedoch selbst schon auf der willkürlichen linguistischen Einteilung der Sprachen in sog. Familien, etwa slawische, germanische, semitische, usw. Unter letzterem versteht man beispielsweise  Arabisch, Hebräisch, Phönizisch, Aramäisch, aber auch das äthiopische Amharisch. Diese allgemein anerkannte Definition ist jedoch recht spekulativ und leugnet die immense Verwandtschaft und gegenseitige Beeinflussung etwa der hebräischen (=semitisch) und griechischen (= indogermanisch) Sprachen. Nicht nur sind die frühen Buchstabenschriften beider Sprachen nahezu identisch (wo dies nicht geleugnet werden kann, spricht die objektive Wissenschaft dann freilich vorsichtshalber nicht von Hebräisch, sondern von „Phönizisch“) , auch die Namen der Buchstaben stimmen weitgehend überein (Alef = Alpha; Bet = Beta, Gimmel = Gamma, Dalet = Delta, …). Natürlich gibt es eine recht hohe Menge an  gemeinsamen Vokabular, doch es ist vom Standpunkt der Sprachwissenschaft im 19. Jhd. plausibler eine enge Verwandtschaft zwischen Griechisch und Indisch zu (er)finden, während die Sprachen der beiden Mittelmeeranrainer gänzlich unterschiedlich zu bleiben.

Folgerichtig ist auch schon der vorgeblich „neutrale“ Begriff des „Semitischen“ bereits willkürlich, und ein Beleg die bereitwillige Anwendung der „antijüdischen Sonderregel“, basiert er doch auf der legendären biblischen Randfigur des „Sem“ (Schem), einem Sohn Noachs. Im Gegenzug leitet sich die Definition der germanischen Sprachen nach dem eher fiktiven Sammelnamen der Germanen benannt werden (was die Römer erfanden; wobei Plutarch sie etwa noch mit den keltischen Kimbern verwechselte …) und nicht etwa nach der gleichfalls biblischen Randfigur des Aschkenas, im Mittelalter immerhin noch einigermaßen gängigen Bezeichnung für “Deutsche”, insbesondere bei Juden, die selbst aber übrigens „Taitsch“ redeten, etwas heute objektiv als „Jiddisch“ bezeichnet wird…

Bereits im preußischen Staatslexikon von 1865 ist das Adjektiv „antisemitisch“ eingeengt auf „gegen das typisch Jüdische gerichtet“.  In den 1870er Jahren machte der deutsche Journalist Wilhelm Marr den „linguistischen“ Begriff populär und wandte ihn in verschiedenen Schriften immer wieder und gegen „die Juden“ und keineswegs gegen die Sprecher (anderer) „semitischer“ Sprachen. Das muss man anmerken, da manch vermeindlich “kluger Kopf” sich an seinen Fingern abzählt, Araber können gar keine Antisemiten sein, da sie selbst Semiten wären … Richtig, Al Capone konnte keine Mafioso sein, da er ja selbst Italiener war. Jetzt ist auch das geklärt.

Nachdem Juden nach der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts längst keine einheitlichen Positionen mehr vertraten (falls sie das vorher jemals taten), suchten Gegner der ohnehin nur sehr zögerlich von statten gehenden  „Emanzipation“ nach neuen Kriterien, um die tradierte Abneigung aufrechtzuerhalten. Wie viele andere lehnte Marr deshalb auch die religiös motivierte Ablehnung der Juden als nicht zeitgenössisch ab. Was auch wollte man den Juden im Zeitalter der Industrialisierung und rasanten Verstädterung auch vorwerfen, etwa dass sie sich beschneiden ließen anstatt an eine jungfräuliche Geburt zu glauben? Juden lebten in keinem wie auch immer definierten Ghetto mehr, sondern waren Fabrikarbeiter, Lehrer, Bauern, Soldaten, Journalisten, Kaufleute, Arbeitslose, Geschäftsinhaber, Kriegsinvaliden, Opernbesucher oder Sportler wie Christen auch. Insbesondere in Deutschland hatten sich zahlreiche Juden, insofern sie nicht gleich zum Christentum konvertierten als „Liberale“ weitgehend angepasst. Hatte Heinrich Heine die Konversion zum Christentum, scherzhaft oder nicht, noch als „entre billet zur europäischen Kultur“ bezeichnet, so waren nach ihm der Grad der Anpassung an christliche Gebräuche geradezu der Maßstab für ein reformiertes oder liberales Judentum, meist protestantischer Ausprägung. Zum Ausdruck kam dies insbesondere durch Kirchenorgeln und Chöre in der Synagoge, aber auch durch Rabbiner, die nicht nur die Gewänder christlicher Geistlicher nachahmten, sondern wie diese auch entsprechende deutsche Predigten in den Blickpunkt der Gottesdienste stellten. Wo also zahlreiche Juden sich bereitwillig den christlichen Gepflogenheiten anpassten, manchmal auch anbiederten, mussten auch ihre Gegner Schritt halten und sich neue Strategien ausdenken, um Assimilationen und Konversionen als nichtig und unwirksam zu definieren.

Folglich mussten bestimmte, unveränderliche Eigenschaften der Juden, die auf den tradierten Klischees des christlichen Mittelalters und des in Bezug auf Juden wenig bis gar nicht aufgeklärten Humanismus basierten, neu arrangiert werden. Der religiös-kulturell motivierte Hass auf Juden wich so zunehmend einem „modernen“, mit der „Abstammung“ der Juden begründeten „Antisemitismus“. Ob der Jude nun ein Kaufhaus besaß oder Tagelöhner bei einem Bauern oder in einer Fabrik war, als Opernsängerin oder Reserveoffizier, als Kommunist, Fußballer, Bierbrauer oder Talmudschüler „in Erscheinung trat“, traditioneller, „liberaler“ oder getaufter Jude war, spielte von nun an keine Rolle mehr, da er allein durch seine Abstammung über Eigenheiten verfügte, die er weder durch Orts- noch Berufs- oder Religionswechsel einbüßen konnte, stammten sie aus der biologistischen Sicht der politischen Naturalisten doch ggf. von anderen Affen ab als sie selbst.

Ein Karl Marx, dessen ursprünglich jüdische Eltern noch vor seiner Geburt zum Christentum übertraten, “konnte” so natürlich „Jude“ bleiben, während sein Kollege Engels, ähnlich wie Lenin oder Stalin natürlich nicht in selber Weise als „Christ“ betrachtet wurde, sondern nur als Kommunist. Ebenso sieht man auch in Hitler heute keinen Christen, obwohl er von christlichen Eltern abstammend, getauft und christlich erzogen wurde und niemals aus der katholischen Kirche austrat und sich das Programm der NSDAP ausdrücklich auf das “positive” Christentum beruft. Stattdessen versuchen Verschwörungstheoretiker Hitler einen etwaigen jüdischen Vorfahren anzudichten, vielleicht, weil damit „alles“ erklärt werden könnte?  Auch ein Pol Pot wird nicht als buddhistischer Mönch gesehen, der er war und wie viele Apologeten versuchten uns in den letzten Jahren zu erklären, dass Osama Bin Laden, kein richtiger Muslim ist ..?  Dies verdeutlicht einmal mehr die Besonderheit des Hasses auf Juden, die Regel nämlich, dass für die (negative) Beurteilung der Juden immer Sonderregeln ersonnen werden, die ansonsten – wohl ganz zu Recht – nicht zur Anwendung kommen.

Dieser Mechanismus prägte bereits das mittelalterliche Feindbild und betrifft die „judentypische“ Eigenschaft der Gier und des Wuchers. Das Klischee, das auch angeblich wohlmeinende Autoren immer wieder bemühen, argumentiert mit dem kirchlichen Zinsverbot einerseits und dem Ausschluss von Juden aus ehrbaren Berufen des Handwerks andererseits. In der Summe ließ dies Juden sodann gar keine andere Wahl, als unter hohen Risiken Kredite gegen hohe Zinsen zu verleihen. Mit dieser „verständnisvollen“ Rechtfertigung wird jedoch nur das Klischee zementiert und neuerlich auf ein scheinbar stabiles Fundament gestellt. Einer unvoreingenommenen Prüfung hält dies freilich nicht stand. Zum einem ist aus mittelalterlichen Dokumenten nicht zu entnehmen, dass Juden keine Handwerker waren und sein konnten. Sie gerbten Leder, buken Brot, brauten Bier, waren Lehrer, Schreiber, Köche, Schmiede, Soldaten, Mathematiker, Metzger, usw. In Augsburg beispielsweise bauten die Juden um das Jahr 1300 sogar einen 400 m langen Abschnitt der sieben Meter hohen Stadtmauer. Wie alle anderen Verbote seit Menschheitsgedenken, wurde wenig überraschend auch das Zinsverbot der Kirchen immer wieder gebrochen und wo es seitens der Kirche und weltlichen Herrscher ausdrücklich so gewollt war, sogar institutionell umgangen.  Man vereinbarte sodann eben keine Zinsen sondern Wechsel mit entsprechenden Gebühren. Ähnlich praktiziert es heute noch der Islam. Man nimmt einen Kredit über 1.000 Euro auf, bekommt aber nur 900 Euro ausbezahlt und zahlt den Rest in Raten zurück – … und welch Wunder: man zahlt keine Zinsen.  In mittelalterlichen Steuerlisten sind kaum mehr als 5 % der genannten jüdischen Steuerzahler im sog.  „Geldhandel“ tätig, wobei die meisten wiederum nur kleine kurzfristige Pfandgeschäfte mit Nachbarn aushandelten. Zur Stigmatisierung der Juden reichte das freilich aus – bis heute, gelten „Geschäftstüchtigkeit“ und eine bestimmte Form von „Gerissenheit“ doch immer noch als „typisch jüdisch“. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Bettler oder Fabrikanten handelt, da der scheinbare Erkenntnisgewinn durch das vorangestellte Attribut „jüdisch“ erzielt wird und ein „jüdischer Fabrikant“ ebenso wie ein „jüdischer Bettler“ im Rahmen der Sonderbeurteilung, ganz eigene Assoziationen weckt, die andernfalls nicht zwangsläufig vorhanden sind.

Der Hass auf Juden geht sogar so weit zu erdichten, dass es ihn immer und überall gab. Auch das ist natürlich Unsinn.  Es gibt keinen weltweiten Hass auf Juden und keinen der bei allen Völkern existiert, selbst die abermals entschuldigend gedachte Nachkriegsmetapher eines „Antisemitismus ohne Juden“, den Wohlmeinende anführen, um zu erklären, dass Juden nicht am Antisemitismus Schuld seien, untermauert das Vorurteil, dass es zu beseitigen sucht. Tatsächlich wirkt auch hier wieder der Mechanismus der bedingten Sonderregel. Wollte man wirklich einen Antisemitismus ohne Juden lokalisieren, so müsste man diesen am besten in Gegenden finden, in denen es keine Juden gab, etwa unter den Massai, in Japan, in China, Indien oder bei den Eskimos – aber dort wird man ihn vergeblich suchen. Zugleich wird mit der postulierten Verfolgung der Juden zu allen Zeiten natürlich auch die wirkliche Geschichte des jüdischen Volkes geleugnet, aus Unkenntnis oder aus Berechnung sei dahingestellt. Dies hängt natürlich auch mit dem christlichen Wunschbild zusammen, dass auf die Ablehnung des Jesus durch die Juden eine „ewige Strafe“ erfolgte, die Juden in aller Welt zu armseligen Untertanen degradieren sollte. Im mittelalterlichen Spanien, aber auch im Deutschen Reich besaßen Juden jedoch weitgehende Autonomie, wie sie sonst nur den Kirchen zugebilligt wurde.  Als sog. „Kammerknechte“ unterstanden Juden nur bei Kapitalverbrechen der direkten Gerichtsbarkeit des Kaisers und seiner Vögte, was zur Folge hatte, dass sie die meisten anderen Rechtsstreitigkeiten autonom regeln konnten, während Auseinandersetzungen mit Christen im Beisein des kaiserlichen Vogtes im Gericht der Synagoge verhandelt wurden. Das soll nicht heißen, dass Juden in Mittelalter nicht Verfolgungen und Ausschreitungen ausgesetzt waren, doch verglichen mit der Stellung der meisten Christen, die das Pech hatten weder den Patriziern noch dem Klerus anzugehören, besaßen sie doch eine herausgehobene und relativ sichere Rechtsposition.  Dass es vor Mohamed aber jüdische Könige wie Dhu Nawaz in Saudi Arabien gab, oder das zum Judentum konvertierte Königreich der Chasaren im Kaukasus gab, ganz zu schweigen von zahlreichen autonomen jüdischen Fürstentümern in Babylonien, die fast acht hundert Jahre existierten, muss man für wie vieles andere für die These des „ewig verfolgten Opfers“ … opfern. Und auch dann, wenn eine historische Person, wie der persische König zur Zeit von Ester sich gegenüber den Juden ausgesprochen positiv verhielt, verfremdete eine judenfeindliche Überlieferung auch diesen zum Zerrbild und so mutierte um 1600 mit dem „Volksbuch vom Ewigen Juden“ König Ahasver selbstredend zum zeitlos umherirrenden jüdischen Ungeist, zum „Wandering Jew“, der mal als verräterischer Judas oder auch noch im von Wes Craven präsentierten Gruselfilm als „Dracula 2000“ in Erscheinung tritt.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das Stilmittel der negativen Umdeutung auch vor dem millionenfachen Massenmord der Nazis nicht Halt machte. Der rassische Antisemitismus hatte nach Auschwitz natürlich ausgedient, zum einem wegen der Scham über den Gigantismus des Verbrechens an den europäischen Juden, zum anderen weil auf wissenschaftlicher Basis nicht belegt werden konnte, dass sich das Blut eines Christen der zum Judentum konvertierte, tatsächlich verwandelte. Die Scham (oder war es bloßes Schweigen?) hielt einige Jahre an, bis diverse Prozesse gegen Nazi-Verbrecher und „Entschädigungszahlungen“ auf jeweils eigene Weisen die „jüdische Frage“ erneut ins Bewusstsein brachten. Schnell waren nun wieder Stimmen zu hören, die den Juden unterstellten, die „üblichen Geschäfte“ zu machen, ja sogar noch vom Tod enteigneter und ermordeter Verwandter profitieren zu wollen. Revisionisten versuchen seitdem die Zahl der Holocaust-Opfer systematisch herunter zurechnen, andere die Verbrechen der Nazis mit angeblichen des israelischen Militärs zu relativieren. Und so erfährt die altbekannte Methode auch in den jüngsten Jahren neue Facetten. Die neue Gewandung nennt sich deshalb auch „Anti-Zionismus“ und so wie Marr einst bestritt, dass sein rassischer Antisemitismus religiöse Muster beinhalte, so wehren sich heutige „Israel-Kritiker“ gegen den Vorwurf „antisemitische Klischees“ zu bedienen.

Zionismus als solcher bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das Recht der Juden auf einen eigenen Staat. Die Eigenstaatlichkeit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker sind an sich nichts, was sonst einer weiteren Diskussion bedürfte. Anders verhält es sich natürlich,  wenn es sich dabei um Juden handelt. Dann nämlich wird folgerichtig natürlich wieder eine „Sonderregel“ ersonnen, die im Zionismus bloßen „Rassismus“ sieht (so urteilte die UN 1975), den es zu bekämpfen und zu beseitigen gilt und so wird dem Judenstaat als „Jude unter den Staaten“ als einzigem Land der Welt mühelos das Existenzrecht abgesprochen.

Klassischer Antisemitismus ist das natürlich nicht, denn man billigt den (überlebenden?) Juden durchaus zu, in einem gemeinsamen arabisch-jüdischen Staat als tolerierte Minderheit zu existieren. Möglicherweise als sog Dhimmis unter dem Schutz der Scharia, was ja auch im spanischen Mittelalter gut geklappt haben soll, zumindest behaupten das auffällig viele Bücher seit der „Ölkrise“ in den frühen 1970er Jahren. Während linke und rechte Extremisten Israel einen „Holocaust an den Palästinensern“ vorwerfen, sehen auch die Wohlmeinenden die Anhänger der Hamas als „Opfer der Opfer“ und versuchen stattdessen die „Hardliner“ unter den Israelis auf „Friedenskurs“ zu bringen. Diese Friedensdefinition verlangt freilich, dass Israel einseitige Nachteile in Kauf nehmen soll, um zu erreichen, was Israels Gegner weder mit militärischen noch terroristischen Mitteln durchsetzen konnten. Leute denen es völlig egal ist, ob im Sudan arabische Muslime pro Tag tausend schwarze Muslime aus rassistischen Gründen töten, schreien empört auf, wenn Israel einen Terroristen der Hamas tötet und ziehen Vergleiche zu den Verbrechen der Nationalsozialisten. Das tun auch manche Araber gerne, die sich freilich nicht ganz einig sind, ob sie Hitler für die Ermordung von Millionen jüdischer Zivilisten danken oder den Davidstern mit dem Hakenkreuz gleichsetzen sollen. Nach dem Leitfaden der antijüdischen Sonderregel setzt man vielleicht auch besser vorsichtshalber auf beide Varianten. Das ist nicht weiter schlimm, schließlich hatten die Nazis ja auch den Juden zeitgleich vorgeworfen, Drahtzieher des Kommunismus wie des Kapitalismus zu sein.

Wegen der Nazis gilt Antisemitismus aber noch immer vor allem als eine Besonderheit der extremen politischen Rechten, gerade auch weil liberale oder linke Parteien und Gruppen dies gerne zum Instrument im Kampf gegen Rechte benutzen. Auf Antisemitismus beruhender Populismus kann sich aber bei Bedarf überall finden, wo es zweckdienlich erscheint, man denke an die FDP mit Möllemann. Linke und christliche Pazifisten finden nichts dabei, gegen „Israels Verbrechen“ zu demonstrieren und dabei Seite an Seite mit Vertretern der Hamas und Fatah in Deutschland zu marschieren.  Sie finden auch leicht den einen oder anderen Israeli oder Juden als Kronzeugen für ihre Position. Aber verglichen mit der paramilitärischen und logistischen Kooperation der linksextremen RAF mit arabischen Terrorgruppen etwa beim Olympia – Massaker an israelischen Sportlern 1972 in München, ist dies harmlose, weil folgenlose Folklore, die eher der Wahrung eigener Traditionen dient und erkennbar ohne Einfluss auf die äußere Realität bleibt.

Aber auch dies ist kein Makel einer einzelnen politischen Richtung. Als deutsche katholische Bischöfe vor einem Jahr in den „Nahen Osten“ reisten, kamen sie mit dem merkwürdigen Vergleich zurück, der Gaza-Streifen gleiche dem Warschauer Ghetto. In diesem kämpften im Frühjahr 1943 „totgeweihte“ Juden noch nicht mal mehr um ihre Freiheit, sondern um die Art ihres Todes. 30 % der städtischen Bevölkerung wurden auf 2 % der Fläche zusammengedrängt und systematisch ausgehungert und dezimiert. Im Gaza-Streifen jedoch feuerte die Hamas einen scheinbar unbegrenzten Vorrat an Raketen und Mörsern auf jüdische Wohngebiete in Israel ab. Es ist klar, dass die Gleichsetzung des einem mit dem anderen einer gewissen Übung bedarf – allgemein „Kritik üben“ genannt. Und in der Tat, gibt es auch hier offenbar ein Argumentationsmuster: Vergleiche zur Nazizeit sind nur dann gängig und gebilligt, wenn sie zu Ungunsten der Juden ausfallen. Der Augsburger Bischof Mixa etwa bemerkte vor einem Jahr bei einer Rede zum „politischen Aschermittwoch“ die Zahl der „sechs Millionen Opfer des Holocausts“ sei „durch die Zahl der Abtreibungen inzwischen längst übertroffen“ worden.

Leugnung und Relativierung des Holocausts findet bei Revisionisten über die „unfassbare“ Zahl der auf- oder abgerundeten „sechs Millionen“ ermordeter Juden im Nazi-Reich statt. Ein umstrittener englischer Bischof tat dies auf eben diese Weise und wollte allenfalls zwei- oder dreihunderttausend ermordeter Juden „einräumen“. Sein Augsburger Kollege tut dies ausdrücklich nicht. Er anerkennt das Verbrechen, aber er merkt, dass die Zahl der Abtreibungen die der Holocaust-Opfer „bereits“ übertrifft. Das kann stimmen oder nicht, aber was sollte diese Verknüpfung nun eigentlich besagen?

 Die Zahl von sechs Millionen Toten ist vielfach übertroffen worden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich ca. eine Million Menschen Suizid begehen. Wenn das stimmt, wären das über sechzig Millionen Selbstmörder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Können wir daraus einen relevanten Vergleich zur Zahl der Holocaust-Opfer konstruieren oder zur Zahl der Abtreibungen? Oder wie wäre es mit der Zahl der Verkehrstoten, die alleine in den Mitgliedsstaaten der EU jährlich bei rund 50.000 liegen soll? Welchen sachlichen Zusammenhang gibt es also zwischen Holocaust und Abtreibung? Vermutlich keinen, außer man wollte sagen, dass jene die vor der Barbarei des Hitler-Regimes abgetrieben wurden, dem Holocaust entgingen. Vielleicht wollte der Bischof ausdrücken, dass er die Anzahl der Abtreibungen für skandalös hält und mit der Feststellung, dass sie bereits höher als die Zahl der Holocaust-Opfer sei, vergleichsweise zu wenig Beachtung findet. Auch das mag sein.  

Die Frage wäre dann freilich, warum er die Abtreibungen nun ausgerechnet den jüdischen Nazi-Opfern entgegen hält? Die Zahl der sechs Millionen bezieht sich ausschließlich auf sie. Aber kamen nicht auch zahlreiche weitere Menschen in den KZs oder bei Erschießungen, usw. um und nicht nur Juden? Warum sind nur die jüdischen Nazi-Opfer der Maßstab? Das leuchtet nicht ein. Ist ihm, dem deutschen Bischof die Zahl nichtjüdischer Nazi-Opfer etwa unbekannt?

Als die Bischöfe im Gaza-Streifen waren, kam ihnen nicht in den Sinn festzustellen, warum denn wegen ein paarhundert getöteter Palästinenser international so viel Aufhebens gemacht werde. Im Vergleich zu den Millionen Opfern des Holocausts sei dies schließlich fast gar nichts. Zugegeben ein solcher Vergleich wäre nicht geschmackvoller und auch nicht angemessener und fast jeder würde sich zu recht fragen, was die Palästinenser mit Auschwitz zu tun hätten? So aber fragen wir uns, was Abtreibungen damit zu tun haben und warum Vergleiche dieser Art scheinbar immer zu Ungunsten der Juden ausgehen „müssen“? Würde sonst niemand die etwaige „Pointe“ verstehen? Nicht minder unverständlich ist freilich der Umstand, dass dem englischen Bischof, der den Holocaust relativierte, ein deutscher Haftbefehl drohte, während der iranische Parlamentspräsident, der ihn komplett bestreitet, auf der Münchner „Sicherheitskonferenz“ seine Ansichten dazu frei äußern konnte, ohne belangt zu werden, womit wir schon wieder eine weitere Sonderregel aufgespürt hätten. 

Ein Detail der Regel ist so auch, dass die bloße (Schatten-)Existenz eines gewiss noch immer vorhandenen rechtsextremen Antisemitismus in der Gesellschaft eine Art Deckmantel für einen ansonsten nicht minder virulenten allgemeinen ist. Da gibt es Einzelne und Gruppen, die heute einen jüdischen Friedhof, morgen eine Synagoge oder ein Museum besuchen, dann zum Klezmer-Konzert gehen, um in der Woche darauf gegen den „Israelischen Völkermord an den Palästinensern“ zu demonstrieren. Der Besuch im jüdischen Museum oder der Kauf einer Klezmer-CD ist Beweis genug, dass man kein Antisemit ist und schon ist man in der glücklichen Position „unter Freunden“ Kritik üben zu dürfen. Dass man mit dem Kauf eines Döners in selber Weise zugleich aber auch die Hamas ebenso emotional „kritisieren“ könnte, kommt nicht in den Sinn, zu Recht, weil der türkische Döner-Schneider mit dieser sehr wahrscheinlich auch gar nichts zu tun hat. 

Die übergroße Mehrheit der Juden in Deutschland stammt aus der ehemaligen Sowjetunion und kennt „das Judentum“ fast nur aus einer merkwürdig anmutenden säkularen, christlich-kommunistischen Perspektive. Sie stellen zum Jahresende einen Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer und bestreiten vehement, dass dies etwas mit dem Christentum zu tun haben könnte und behaupten stattdessen, es sei schlicht ein „alter russischer Brauch“, den früher „alle“ befolgt hätten. Abseits davon ist „jüdisches Leben“ in Deutschland im wesentlichen auf museale Aspekte reduziert. Es gibt klassische Konzerte in ehemaligen Synagogen, ansonsten unbenutzte „Ritualgegenstände“ in Vitrinen und natürlich traurige Gedenkfeiern mit Kranzniederlegungen und dergleichen. Thora, Talmud und die eineinhalb Jahrtausende lange Geschichte des Judentums hingegen sind im Bereich von fast „mystisch“ anmutenden Geheimwissenschaften und werden wenn überhaupt auf dem Niveau von einführenden Taschenbüchern oberflächlich abgehandelt. Dementsprechend verfallen auch die Grabsteine „ewiger Ruhestätten“ auf jüdischen Friedhöfe, insofern sie in der Nazi-Zeit nicht schon zerschlagen und entwendet wurden. Analog zum christlichen Brauch reserviert man das inzwischen offenbar als ermüdend empfundene Gedenken an die Verstorbenen, das auf dem Gebot Vater und Mutter zu ehren basiert, für einige wenige „herausragende“ Personen, etwa, Bankiers oder  Rabbiner. Warum sollte man auch einem Bettler oder einem Kind gedenken? Genealogische Beziehungen, die insbesondere für Nachkommen deutscher Juden in aller Welt durchaus von Interesse sind, werden hingegen mit erstaunlicher Eifersucht unter meist akademischen Verschluss gehalten und bruchstückhaft in teureren oder der Allgemeinheit schwer zugänglichen Publikationen vermarktet. Dabei basieren sehr viele dieser Informationen auf Registern, die Nazi-Ideologen in den 1930er Jahren den jüdischen Gemeinden geraubt hatten. In den Reichssippenämtern, die alle Standesämter ersetzen sollten, wollte man so Aufschluss darüber erhalten, wer eventuell doch jüdische Großeltern haben mochte oder wer im Umkehrschluss mit dem „Ariernachweis“ studieren oder Beamter werde durfte. Wer dies für ein Randthema des Nationalsozialismus hält, hat diesen nicht wirklich verstanden. Noch im Frühjahr 1945 nämlich, als das Nazi-Reich schon zu großen Teil verwüstet und besetzt war, fotografierten die damit beauftragten Experten im thüringischen Schloss Rathsfeld noch eifrig tagein, tagaus ein Standesregister nach dem anderen. Später wurden diese Filme teilweise an Bundesländer und Institutionen gewinnbringend verkauft und da die meisten Originale vernichtet wurden sind sie heute oft Grundlage einer staatlich gesponserten akademischen Forschung. Da viele Mitarbeiter der Reichssippenämter in der Nachkriegszeit auch schnell wieder zu gewöhnlichen Standesbeamten oder Professoren wurden, gibt es in vielen Fällen auch eine in der Regel wenig reflektierte Kontinuität. Gäbe es nicht das Problem, dass die meisten der heutigen Experten kein Hebräisch können, müsste man annehmen, dass die Nachkommen derer, die einst das Judentum ausrotten wollten, in die Rolle der Bewahrer geschlüpft sind.

Hannah Arendt hatte völlig zurecht darauf hingewiesen, dass Antisemitismus per se internationalistisch und im Prinzip antinational sei. Dies haben zuletzt auch die Auseinandersetzungen um die sog. „Hilfsflotte“ für Gaza untermauert. Bekannte schwedische Krimiautoren wie Henning Mankell reiten sich da zusammen mit Hamas-Führern, Pax Christi Aktivisten, Abgeordneten der deutschen Linkspartei und bewaffneten Aktivisten der islamistischen türkischen IHH, während die Nachrichtenagentur Reuters zugestehen musste, Bilder manipuliert zu haben, um die Kämpfer des vermeintlichen türkischen Hilfsschiffs „Mavi Marmara“ unbewaffnet erscheinen zu lassen. Der Druck der Medien und der Politik in Europa war ebenso rasch wie einhellig und einseitig. Selbst der deutsche Entwicklungshilfeminister schien in das Fahrwasser seines früheren Parteikollegen Möllemann zu geraten und drohte Israel finster und zweideutig, dass es nun gar „fünf vor zwölf“ sei, weil er anders als von ihm verstanden, nicht zu Propagandazwecke in den von der Hamas beherrschten Gaza-Streifen reisen durfte.

Doch bereits im Mai unterzeichnete die neue US-Regierung in New York eine Resolution zum Atomwaffensperrvertrag, die namentlich die (inoffizielle) Atombewaffnung Israels in Frage stellt, jedoch den Iran unerwähnt lässt, obwohl es diesbezüglich eine Reihe von Deklarationen des UN Sicherheitsrates und anderer internationaler Gremien gibt.  Andernfalls hätten der Iran und zahlreiche arabische Staaten die Konferenz boykottieren wollen. Der Preis den Obama für die Teilnahme bereit war zu zahlen, war die gemeinschaftliche Verurteilung Israels. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, der sich fast ausschließlich nur mit Israel und seiner Verurteilung befasst und vielleicht sogar zu diesem Zweck gegründet wurde. Tatsächlich kann dies aber auch daran liegen, dass auf dem restlichen Globus die Menschenrechte tatsächlich geachtet werden und es keine Probleme gibt, die es lohnen würde international zu thematisieren. Die von Obama verkündete „Annäherung an die islamische Welt“ zeigt Wirkung. Dies geht soweit, dass die US Regierung künftig Begriffe wie „Islamismus“ vermeiden will, um die Muslime der Welt nicht „pauschal“ zu beleidigen, während im Gegenzug suggeriert wird, dass Anti-Zionismus nicht antisemitisch sei, sondern … ähm, nun ja, sich ja vielleicht nur ganz zufällig gegen Juden richte. Kann ja mal passieren, oder? Während der Judenstaat also zunehmend als “Sicherheitsrisiko” empfunden wird – zwei Drittel in Deutschland nannten in einer Umfrage  Israel “die größte Bedrohung des Weltfriedens” – zünden muslimische Einwanderer in Deutschland Synagogen an oder bewerfen jüdische Tänzer, wie letztens bei einem Stadtteilfest in Hannover mit Steinen und rufen „Juden raus!“, ohne dass sich die deutsche Öffentlichkeit ob solcher “Bagatellen” groß dafür interessiert.  Die ist damit beschäftigt auf der Straße zu tanzen und Fußballer national zu instrumentalisieren, während Umfragen in Israel während der Fußball-WM ergaben, dass das deutsche Team bei den Israelis am meisten Sympathien hatte, dicht gefolgt von den Holländern.

Zugegeben, das Judentum in Deutschland, das in der Nachkriegszeit personell und institutionell sozusagen ausgeblutet war, kann man als „faktisch tot“ betrachten, daran ändern auch erst spät in den letzten Jahren und Jahrzehnten aufgezogene Museen und restaurierte ehemalige Synagogen wenig. Diese dienen auch nicht den zugewanderten Juden, sondern dem guten Gewissen der akademischen “Elite”, die dort bei entsprechender Neigung in der ehemaligen Synagoge ein vorweihnachtliches Adventssingen genießen kann. Die Reste an Akten und Relikten werden gehütet, als wären es heilige Grale. Die akademische Inbesitznahme der jüdischen Überreste, gerne „Spuren“ genannt, scheint unter dem Gebot des von Christen beanspruchten Gebots „liebe deine Feinde“ damit sozusagen fast um „Endsieg“ ausgebaut worden zu sein, während die akut wachsende Bedrohung jüdischer Gemeinden wegen der Angst „ausländerfeindlich“ zu erscheinen, ignoriert wird.

Wo es nun aber kein Judentum mehr gibt, ist es auch nicht verwunderlich, dass Antisemitismus sich heute fast ausschließlich nur noch über den „Umweg Israel“ definieren kann. Und so bleibt es nicht aus, dass wann immer es im „Nahen Osten“ zu militärischen Konflikten kommt – und das kann im Prinzip von heute auf morgen so sein  – mit Anschlägen auf Synagogen, Friedhöfe und andere jüdische Einrichtungen zu rechnen ist – nur dass die ermittelten Täter in aller Regel keine deutschen Neonazis, sondern meist Muslime sind. Andererseits gibt es auch einige wenige Linke, die ganz entschieden für Israel sind und auch so auftreten, doch sie nennt man innerhalb der „Szene“ warum auch immer „Antideutsche“. Auch das sind Besonderheiten, die für ein halb museales, halb „russisches“ Judentum in Deutschland wenig Gutes versprechen.

(Mai und Juni 2010, erschienen im „Euro Journal  pro management“  4 / 2010 (Dezember)

Method of Antisemitism, how it works: The Exception proves the Rule


Das Kinderdenkmal am jüdischen Friedhof Augsburg Hochfeld an der Haunstetter Str.

December 12, 2010

Nach langer und ausführlicher Planung konnte im herbstlichen Spätsommer und im winterlichen Spätherbst am jüdischen Friedhof Hochfeld zwischen Haunstetter Straße und Altem südlich der Augsburger Altstadt ein Monument für die am Friedhof bestatteten Kinder aufgestellt und eingeweiht werden, deren Grabsteine in der Zeit der Naziherrschaft und danach zerstört wurden.

Das schlichte Denkmal ist etwa 2 Meter 20 hoch und 1 Meter 20 breit und wurde entlang des Fußwegs aufgestellt. 14 schwarze Tafeln (20 x 30 cm) beinhalten in weißer Schrift 82 Namen jüdischer Kinder und ihre Todesdaten, die 2007 bei Recherchen zur Dokumentation des Friedhofs in Archiven und privaten Unterlagen ermittelt werden konnten. Eine fünfzehnte Tafel (40 x 30 cm), in der Mitte oben, enthält unterhalb eines weißen Davidsterns eine hebräische Widmungsinschrift

אל־דמעתי אל־תחרש

Was zwar mit „schweig nicht zu meinen Tränen“ etwa sinngemäß richtig übersetzt wird, in Klammern aber als Zitat, aus Psalm 56.9 ausgewiesen ist, was falsch ist. Tatsächlich stammt das Zitat aus Psalm 39.13 תהילים und lautet vollständig:

שמעה־תפלתי יי ושועתי האזינה אל־דמעתי אל־תחרש כי גר אנכי עמך תושב ככל־אבותי

(„Höre mein Gebet, HaSchem, erhöre meinen Hilferuf, betäube* nicht meine Tränen, denn ein Gast bin ich bei dir verweilend wie all meine Väter“ das Verb חרש bedeutet taub sein, verstummen, beruhigen, … zunächst aber eingravieren, schnitzen, schreiben, vom wohl ursprünglicheren pflügen, beackern.)

darunter ist noch zu lesen:

„Hier ruhen 82 Kinder in unmarkierten Gräbern. Gott kennt ihren Platz; Sie ruhen sanft im Lichte seiner Herrlichkeit.“

Und schließlich die allgeläufige Formel  תנצבה - ihre Seelen seien eingebunden im Bund des Lebens.

Im Sinne eines anderen Tehilim-Verses („כרחם אב על־בנים רחם יי על־יראיו׃“) bedanken wir uns bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, dem Vorstand und Dr. Henry Brandt – insbesondere bei Herrn Leonid Zamskoy, dem bis dato zuständigen Betreuer des Friedhofs – für die Konzeption, Organisation und Verwirklichung des schlichten und würdevollen Monuments, welches den Kindern der jüdischen Vorkriegsgemeinde „Denkmal und Name“ (yad vashem) zurückgibt und ihnen eine möglichst bleibende Erinnerung in künftigen Generationen ermöglicht.   

 

A new memorial at the Jewish Cemetery of Augsburg – Hochfeld (between Haunstetter Str. and Alter Posterweg),erected end of October and inaugurated early December 2010, commemorates Jewish children from Augsburgs pre-war Jewish community whose grave marker had been destroyed during the Nazi era and the following decades of neglect. The monument is 2.5 yard high and four feet wide and has the names and  dates of death of 82 Jewish children on 14 plates. An additional plate in the top of the middle has a quotation from the Biblical book of Psalms on it, what usually is translated as “do not be silent at my tears”. Although the inscription says it is a quote of Ps. 56.9, however it actually is Psalm 39.13  

Many thanks to the Jewish community of Augsburg, especially Mr. Leonid Zamskoy for the realization of the meaningful and exemplary project. 

большое спасибо


“Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben”

November 12, 2010

Pressemitteilung Bezirk Schwaben vom 04.11.2010:

 

22. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben

Zahlreiche Vereine, Organisationen und Institutionen in Schwaben, Bayern und der Bundesrepublik befassen sich mit jüdischer Geschichte und Kultur. Deren Selbstverständnis, Interessen, Ziele und Bedeutung für die Erinnerungskultur thematisiert die 22. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben. Sie findet am Freitag, 26. November, und Samstag, 27. November, unter Federführung der Bezirksheimatpflege und der Schwabenakademie Irsee in Kloster Irsee (Landkreis Ostallgäu) statt.

 

 

Irsee. Yehuda Schenef und Margit Hummel betrachten dabei den Jüdisch Historischen Verein Augsburg, Dr. Benigna Schönhagen beschreibt das Selbstverständnis des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg. In einem Podiumsgespräch diskutiert Bezirksheimatpfleger und Tagungsleiter Dr. Peter Fassl mit Dr. Hanno Loewy (Hohenems) und Bernhard Purin (München) zum Thema „Jüdische Museen: Woher und wohin?“. Weitere Beiträge beleuchten die jüdische Abteilung im Stadtmuseum Memmingen sowie das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm. Am Freitag, 26. November, führt Jutta Fleckenstein in das Ausstellungskonzept „Zuwanderung von Juden aus Osteuropa“ ein, am Abend findet zum gleichen Thema eine Lesung mit Lena Gorelik statt. Sibylle Tiedemann stellt am Samstag, 27. November, das Filmprojekt „Briefe aus Chicago“ und die Ausstellung „Bilder aus dem Exil“ vor. Das Projekt war bereits in Deutschland, Polen, Tschechien und den USA erfolgreich, Sibylle Tiedemann erhält dafür im Januar 2011 den German Jewish History Award im Berliner Abgeordnetenhaus.

Seit 1989 bilden die Irseer Tagungen zur jüdischen Geschichte einen festen Bestandteil der Geschichtsforschung und Kulturarbeit in Schwaben. Dabei werden neue landes- und kulturgeschichtliche, denkmalpflegerische, literarische und kirchengeschichtliche Forschungen und Projekte vorgestellt und aktuelle Entwicklungen diskutiert. Die Tagungen verstehen sich als ein offenes Gesprächsforum, das sich über die Fachwissenschaften hinaus an alle Interessierten aus den Bereichen Bildung, Heimat- und Kulturpflege wendet.

Anmeldungen nimmt die Schwabenakademie Irsee unter Telefon (0 83 41) 9 06 – 6 61 oder -6 62 sowie unter E-Mail buero@schwabenakademie.de entgegen. Im Internet unter www.schwabenakademie.de gibt es weitere Informationen zur Tagung.

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The JHVA is invited to join the annual conference in Irsee on History and Culture of the Jews in Swabia, hosted by the District of Schwaben in Bavarian Swabia, 26th and 27th of November. Unfortunately most parts of the two day meeting on the question of the “self-conception” of Museums, Organisations or Associations who “deal” with Judaism with many talks will take place at Shabbes, so that we will be able to attend only few of them.


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