Der alte jüdische Friedhof in Erfurt Cyriakstraße

May 23, 2012

Die Überreste des ersten nachmittelalterlichen, nunmehr alten jüdischen Friedhofs von Erfurt befinden sich am Platz vor dem 1874 abgerissenen Brühler Tor, dass nach der Erfurter Vorstadt Brühl benannt wurde. Gegenüber des gotischen Sibyllen-Türmchens zwischen den heutigen Häusern der Cyriakstraße 3 und 4 sind seit kurzem zwei Reihen von Grabsteinen aufgestellt, die von dem ursprünglich größerem Gelände des Friedhofs stammten. Entlang der Straße die zur gleichnamigen Cyriakburg führt, deren Name sich von dem griechischen, von Orthodoxen wie Katholiken gleichermaßen verehrten Heiligen Kyriakos ableitet , entstanden ab 1935 Siedlerhäuser. Die jüdische Gemeinde Erfurts wurde damals dazu gezwungen, den Friedhof an die Stadt Erfurt zu „verkaufen“.

Beim alten jüdischen Friedhof in Erfurt: Judas-Kuss hinter Gittern

Den Angaben des früheren Erfurter Rabbiners Jaraczewsky gemäß wurde der jüdische Friedhof im Jahr 1811, damals noch außerstädtisch angelegt. Da aber noch im Jahr 1816 die jüdische Gemeinschaft in Erfurt mit nur 15 Personen noch sehr klein war  – erst um 1820 wurde die Zahl von hundert erreicht – ist es plausibler der Angabe von Wilhelm Horn Glauben zu schenken,  der angibt, der Friedhof sei erst 1832 eingerichtet worden. Unstrittig hingegen ist, dass der Friedhof bereits 1877 belegt war und bei der Thüringer-Halle an der heutigen Werner-Seelenbinder-Straße der neue, heute wieder benutzte Friedhof eingerichtet wurde. Das besagte Türmchen, das neben einer Kreuzigungsszene auch einen sog. „Judas-Kuss“ darstellt, wurde kurz nach der Einrichtung des Friedhofs auf der gegenüberliegenden Straße etabliert. Entlang der heute nicht mehr existierenden Mauern des Friedhofs befanden sich früher über 70 hebräische Grabsteine und Fragmente des mittelalterlichen Judenkirchhofs in der Nähe des ehemaligen Moritz Tors. Von ihnen ist vor Ort nichts erhalten geblieben. Auch der bereits 1926 durch Erfurter Mitglieder des extremen „Wikingerbundes“ massiv angegriffene Friedhof wurde weitgehend zerstört. Von den über 130 Grabsteinen blieb nichts erhalten. Zwar erhielt die jüdische Nachkriegsgemeinde den Friedhof oder Reste des Geländes als Besitz zurück, jedoch wurde sie 1952 abermals, nun von der kommunistischen Regierung zum Verkauf gedrängt. Auf dem restlichen, zuvor noch nicht überbauten oder umgewidmeten Gelände wurden nun Garagen für die örtliche Staatsanwaltschaft ausgeführt. Ein Umstand, der etwaige Einwände wohl von vornherein ausschloss. Die Garagen wurden erst vor einigen Jahren abgerissen. Es folgte die Setzung eines Gedenksteins mit der Inschrift: „Der alte Friedhof der jüdischen Gemeinde Erfurt bestand an dieser Stelle bis 1952. Hier ruhen zahlreiche bedeutende Erfurter Juden. Wir erinnern: Freistaat Thüringen, Landeshauptstaat Erfurt, Jüdische Landesgemeinde Thüringen“.

(based on Google Earth)

Heute sind auf dem schmalen Restgelände neben dem erwähnten Gedenkstein noch etwa zwei Dutzend Grabsteine in zwei Reihen aufgestellt, die sich auf älteren Abbildungen offenbar auf dem neuen Friedhof befanden.  Auch ein zweiter, älterer Gedenkstein mit nur noch schwer zu lesenden Inschrift ist in der vorderen Reihe platziert: „Hier stehen die übriggebliebenen Grabsteine vom alten Friedhof in der Cyriakstrasse, der am 9. November, der Kristallnacht zerstört worden ist.“ Wohl richtig gedeutet liegt demnach die Vermutung nahe, dass mit der „Auflösung“ des Friedhofs im Jahr 1952, die verbliebenen Grabsteine von der Cyriakstraße auf den neuen Friedhof gelangten, wo sie – ohne Gräber – neu aufgestellt wurden. Offenbar um davon abzulenken, dass die endgültige Zerstörung des Friedhofs 1952 geschah, behauptet die Inschrift, der Friedhof sei am 9. November 1938 zerstört worden.

Wie auch immer ist nicht damit zu rechnen, dass die heute aufgestellten Grabsteine mit tatsächlichen Grabplätzen übereinstimmen, weshalb von einer verlautbarten „Rekonstruktion“ kaum die Rede sein kann.

Trotzdem wollen wir für einen ersten Eindruck ein paar der Inschriften wiedergeben:

הילדה פאגעל בכ’ה

בינימין זאב וואלף

נפט’ בשק ג תשרי שנת

תרכט תנצבה

Fanni Wolf

Grabstein des Mädchens Fanni „Fogel“, Tochter des verehrten Herrn Binjamin Seev Wolff, die am heiligen Schabbes dem dritten Tischri im Jahr 629 verstarb. Es war dies der Schabbat Schuwa am dritten Tag des neuen Jahres. Im christlichen Kalender entspricht das Datum Samstag, 10. September 1868.

Grabstein der Fanny Unger, geb. Salzmann aus Frankfurt Oder, Ehefrau des Professors Dr. Ephraim Unger, geboren am 14. November 1804, gestorben am 17. Februar 1832. Ephraim Unger (1789-1870), in Coswig geborener Sohn des ersten neuzeitlichen Bürger Erfurts Salomon David Unger und ersten Vorsitzenden der modernen jüdischen Gemeinde in Erfurt gründete 1820 in Erfurt zusammen mit seinem Bruder David, dem späteren Hofagenten eine mathematische Lehranstalt, aus der später die Realschule hervorging. Wie bereits sein Vater war auch Ephraim Salomon Vorstand der jüdischen Gemeinde von Erfurt. Als 1840 die Synagoge an der Gera von Rabbiner Dr. Ludwig Philipson eingeweiht wurde, war diese noch als privat auf die Namen der Ungers und des späteren Gemeindevorsitzenden Wilhelm Moos eingetragen, da die Gemeinde als solch noch keine “staatliche Anerkennung” hatte.

Weitere Information zu Prfo. Ephraim Salomon Unger nebst Portrait:

http://de.wikipedia.org/wiki/Ephraim_Salomon_Unger

Gedenkstein für Ludwig Unger, Sohn des Hofagenten D. (vermutlich David) Unger, gestorben am 1. April 1837 (= 25. Adar B 5597).

אשה חשובה וישרה אם נכונה

מ’ לינדל אשת כ’ה יהודא היילעמאן

נפט’ ביום א דרח טבת תרנח לפק

Denkmal für Luise „Lindl“, Ehefrau des verehrten Jehuda Heilemann, die bezeichnet wird als angesehene, teure Frau und treue Mutter. Sie starb am Neumond, dem ersten Tewet des Jahres 658, dem vorletzten Tag des Chanucka und im christlichen Kalender Sonntag, 26. Dezember 1897.

Pictures: Margit Hummel, Yehuda Shenef


Die “Alte Synagoge” von Erfurt

May 21, 2012

Als große Attraktion und Kernpunkt der Bewerbung Erfurts um eine Auszeichnung als „Weltkultur-Erbe“ der UNESCO präsentiert die Stadt seit einigen Jahren die sog. „Alte Synagoge“ als“ älteste erhaltene Synagoge Europas“, in welchem heute ein jüdisches Museum untergebracht ist. Dort sind die Exponate des sog. „Erfurter Judenschatz“ ausgestellt, die 1998 unweit in der Michalistr. 43 unterhalb einer Kellermauer gefunden wurde, sowie Faksimile mittelalterlicher hebräischer Bücher aus Erfurt, deren Originale sich in der Berliner Staatbibliothek befinden. Im Hof des Museums befinden sich unter Glas drei mittelalterliche Grabsteinfragmente. Mit inbegriffen sind zahlreiche touristische Angebote, etwa eine (sachlich und altersgerechte?) Führung für Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren mit dem vielsagenden Titel „Taharah – von kalten Füßen, nackten Frauen und Geistern“ (http://alte-synagoge.erfurt.de/jle/de/altesynagoge/service/).

Nach allgemeiner Auffassung soll das im Laufe von Jahrhunderten in mehreren Bauphasen immer wieder veränderte Gebäude auf eine auf das Jahr 1094 datierte Synagoge zurückgehen, wovon ein sieben Meter langes und bis zu ca. zwei Meter hohes Mauerstück noch erhalten sein soll. Zu den historischen Begebenheiten nimmt Adolph Jaraczewsky (1829-1911), von 1862 bis 1879 Rabbiner in Erfurt, in seiner 1868 veröffentlichten „Geschichte der Juden in Erfurt“ ausführlicher Bezug. Am 21. März 1349 kam es im Erfurt zum sog. „Judensturm“. Da es andernorts schon zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war, rechneten die Erfurter Juden mit einem Angriff und sollen sich massiv bewaffnet haben: „“Diesen Überfall fürchteten sie in der Zeit, da sie im Gotteshause versammelt waren … und dachten an Gegenwehr. Denn man fand in der Synagoge treffliche Rüstungen an Armbrüsten, Spießen und Pfeilen, so dass man nicht wenig überrascht war, in dem Gotteshaus auch ein Zeughaus zu entdecken.“ (Jaraczewsky, S. 26). In einem an selber Stelle zitierten christlichen Bericht des Petersklosters heißt es: „In Erfurt fiel die Bürgerschaft wie ein ergrimmter Tiger über seinen Raub her.  Hundert fielen in ihre Dolche, oder wurden unter ihrem Streithammer zerschmettert. Die Entkommenen retteten sich in ihre Häuser, verriegelten Tür und Fenster, besetzten alle Eingänge und machten sich zur Gegenwehr bereit. Die Wut stieg mit dem Widerstand. Man warf Feuerbrände, und hoch loderte die Flamme über den Opfern der Unschuld. Mehr als 5000, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier, auf eine, die Menschheit empörende Weise den Tod.“

In Wilhelm Horns äußerst interessanten „Charakterisierung der Stadt Erfurt – ein medizinisch-statistischer Beitrag“ aus dem Jahr 1843 (S. 228) liest sich das dort freilich auf 1346 (!) datierte Geschehen kurz gefasst so: „Einige Junker trachteten nicht nur, die Juden zu erschlagen, sondern wollten auch bei einem solchen Tumult das Stadt-Regiment an sich ziehen. Sie vereinigten sich heimlich mit einigen übelgesinnten Ratsherren und irregeleiteten Gewerken. Als dies der Rat erfuhr, schickte er seine Diener den Juden zur Hilfe; allein der Auflauf war schon zu groß, als dass der Rat hätte gehört werden können. Gegentausend Juden wurden erschlagen, die übrigen aber, welche sich verloren glaubten, liefen in einige Häuser zusammen, zündeten sie an, und verbrannten sich mit Allem, was sie bei sich hatten. Es sollen damals 6000, nach Anderen sogar 9000 Juden in Erfurt gewesen sein, welche alle umkamen. Man fand in der Judenschule Rüstungen, Armbrüste, Spieße und Pfeile, deren Zweck man nicht einsah. Der Kurfürst Gerlach war über dieses Benehmen der Bürgerschaft höchlich erzürnt, die Stadt gab als Ursache der Verfolgung den Verdacht der Brunnenvergiftung an; da dieses jedoch keineswegs erwiesen war, und der wahre Grund vielmehr deutlich hervorleuchtete, so wurde die Stadt verurteilt, jährlich 100 Mark Silbers als Strafe zu geben; – eine Strafe die aber nicht lange gezahlt wurde.“

Jaraczewsky zweiter Nachfolger im Amt des Erfurter Rabbiners Theodor Kroner formulierte in seiner Festschrift zur Einweihung der neuen Erfurter Synagoge am 4. September 1884, sich weitgehend auf die Peterschronik stützend: „Mit Dolch und Streithammer tötete man dieselben, stürmte ihre Häuser und als sie sich in den selben zur Wehr setzten, zündete man die Häuser an. In Wirklichkeit wohl nur 100, der Sage nach 5000, nach Anderen 6000 oder gar 9000 Juden, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier auf eine die Menschheit empörende Art ihr Grab.

Die genannten möglichst hohen Zahlen tausender getöteter Juden in Erfurt sind sicher eine maßlose Übertreibung seitens der christlichen Chronisten (oder Wunschdenken), da die gesamte Einwohnerschaft Erfurts zur Mitte des 14. Jahrhunderts kaum über 10.000 Einwohner hinausgekommen sein wird. Vielleicht werden deshalb allgemein wohl auch die gleichwohl genannte Zahl der “hundert” zitiert. Doch bereits bei der Rückkehr der Juden im Jahr 1350/51 sind 33 Hausbesitzer verzeichnet. Jaraczewsky schätzt die Anzahl der Hausbesitzer auf ein Drittel und deshalb die Anzahl der Juden auf etwas über 500, was sicher eher konservative Werte sein dürften. Die Erfurter Juden waren vor dem „Sturm“ wohl in benachbarte Städte geflüchtet, etwa nach Arnstadt 15 km südlich von Erfurt, oder ins 20 km westlich gelegene Gotha oder ins gleichweit entfernte östliche Weimar.

Wie anderer zurückgelassener Besitz wurde die Synagoge in Abwesenheit beschlagnahmt und gelangte so in „Privatbesitz“. Dazu passt nun offenbar der durch dendro-chronologische Verfahren ermittelte Befund, der erhaltene Holzbalkenreste auf das Jahr 1351 datiert, welche nun aus der Zeit des Umbaus stammen sollen. Daraus folgte dann jedoch, dass die neuen Besitzer sich rasch um einen Umbau bemühten. Sollten tatsächlich Brände gelegt worden sein, müssten in einer eng bebauten mittelalterlichen Altstadt erhebliche Schäden angerichtet worden sein. Kaum vorstellbar, dass ggf. beschädigte oder gar ausgebrannte Häuser hernach einfach so „in Privatbesitz“ übergegangen sein konnten. Den nach Erfurt zurückkehrenden Juden soll 1357 auf städtische Kosten der Bau einer neuen Synagoge bewilligt worden sein, welche später in der handschriftlichen Chronik von Samuel Fritz abgebildet wurde. Die Überreste dieser neuen mittelalterlichen Synagoge wurden nach dem großen Brand von 1736 abgetragen.

Ob es sich wirklich um eine ganz neue Synagoge handelte oder ob der durch Feuer oder anderweitig Zerstörungen beeinträchtigte alte Bau erneuert wurde, ist etwas unklar. Einer Variante der Geschichte gemäß, wurde tatsächlich keine neue Synagoge gebaut, sondern bisherige wieder von den zurückgekehrten Juden genutzt. Demnach kamen im Jahr 1357 Abraham von Fulda, Cassel von Arnstadt, Adelkind von Dornburg mit Rabbi Feudlin und anderen nach Erfurt zurück und „mieteten vom Rat die Judenschule welche dieser in den Sturmjahren an sich gebracht hatte und die jetzt wüst lag, um etliche Mark.“ (Jaraczewsky, S. 33). Demnach wurde die Synagoge beim sog. „Judensturm“ wohl stärker beschädigt und lag noch acht Jahre später „wüst“. Dies widerspricht natürlich einer zwischenzeitlichen „privaten“ Nutzung und hinterfragt ein wenig auch die Datierung von Holzstücken auf den Winter 1350/51. Berichten gemäß wurde die „neue“ Synagoge 1479 zur Kirche geweiht, rund zwanzig Jahre nachdem 1458 die mittelalterliche Geschichte der Juden in Erfurt mit der Ausweisung endet. Das ehemalige Synagogengebäude soll 1736 beim Stadtbrand völlig ausgebrannt sein.

Es ist nun fraglich, ob jener Bau, der als „Alte Synagoge“ rekonstruiert oder gar nur konstruiert wurde tatsächlich auf eine mittelalterliche Synagoge zurückgeht.

Die „Entdeckung“ der Synagoge vor etwa zwanzig Jahren wurde als „Wunder“ aufgefasst, da man angeblich nicht ahnen konnte, um was für einen Bau es sich handelte.  Die Unklarheit darüber ist jedoch eigenartig da schon im Jahre 1862 der Erfurter Lokalhistoriker Bernhard Hartung im selben Gebäude „die alte Synagoge der ehemals berühmten Erfurter Judengemeinde“ vermutete und dies nicht geheim hielt. Ausführlicher noch setzte sich der Erfurter Jaraczewsky in seinem 1868 publizierten Buch zur Geschichte der Juden in Erfurt damit auseinander, wobei er verständlicher Weise bereits geläufige Auffassungen aufgriff:

Ihre Hauptsynagoge (denn eine zweite lag auf ihrem Friedhof), welche noch jetzt in ihren Umfassungsmauern vorhanden ist, scheint mit ihrer Fronte nicht an der Straße gelegen zu haben und bildet gegenwärtig das Hintergebäude eines öffentlichen Lokals (eines sog. Kaffeehauses) Hausnummer 2545. Es ist ein mächtiges, beinahe viereckiges, drei Stock hohes Gebäude, in dessen oberen Geschoss, an der Ost- und Westseite, sich größere Fenster im ältesten Spitzbogenstil, und neben diesen Fenstern am westlichen Giebel noch zwei runde Fenster befinden. Leider haben die mannigfachen Bauten, welche im Laufe von Jahrhunderten im Innern des Gebäudes vorgenommen wurden, dasselbe so verändert, dass sich nicht mehr erkennen lässt, welche Einteilung es damals gehabt haben mag, als es gottesdienstlichen Zwecken diente.“

Auch die modernen Interpreten des Baus kommen nicht umhin, einzugestehen: „Der Grundriss (der Synagoge) in Erfurt weicht jedoch in ungewöhnlicher Weise von den übrigen (zeitgenössischen) Synagogen ab“ und „Der Grund für diese Abweichung … ist bisher unklar“ (Alte Synagoge und Mikwe zu Erfurt, S. 38/39). Trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren deutet kaum etwas auf eine frühere Synagoge hin.

Der Grundriss des heutigen Baus hat eine Fläche von ca. 18 auf 12 m. Die Orientierung der Längsseite ist einigermaßen südöstlich, ist dabei jedoch anders als erforderlich und zu erwarten nicht nach Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Laibach, Brindisi in Süditalien, Ost-Libyen, schließlich Sudan und Kampala in Uganda. Auch wenn neuzeitliche Reformgemeinden es in der Regel bei einer vereinfachten Ost-Ausrichtung belassen, die der Talmud in Vermeidung einer vorstellbaren Sonnenanbetung untersagt, nahmen antike und mittelalterliche Juden die genaue Ausrichtung nach Jerusalem in aller Regel doch sehr genau. Dies gilt umso mehr, wenn Gelegenheit dazu bestand, einen Neubau vorzunehmen. Wie auch immer, wäre beim Erfurter Bau der Aron Kodesch an der schmalen etwa 12 m langen Südost-Mauer zu erwarten gewesen, jedoch deutet heute nichts auf eine entsprechende Nische hin. Die Hauptfassaden verlaufen entlang der ca. 18 m langen Seiten mit eigenartigen Fensteranordnungen auf mehreren Etagen, die zum einem erst  wieder freigelegt, ein möglichst hohes Alter anzeigen, andererseits aber kaum besagen können, dass die mittelalterliche Synagoge bereits entsprechend eingeteilt war und über vier (unterschiedlich belegte) Fenster-Etagen verfügt haben soll.

Die überlieferte Abbildung der alten Synagoge in Erfurt, die wahrscheinlich irrtümlich einem Neubau zugeschrieben wird, zeigt keine wesentlichen Übereinstimmungen mit dem heutigen Museumsbau. Auch das für das äußere Erscheinungsbild der freigelegten Südwest-Fassade charakteristische asymmetrische hölzerne Giebeldreieck der Synagoge ist keineswegs einmalig in Erfurt, sondern findet sich in Varianten im Bereich der Erfurter Altstadt, beispielsweise an der Barfüßer Kirche oder weit weniger hochragend an einem Haus in der Marstallstraße / Lange Brücke.

Die auf einer alten Karte zu sehende zugespitzte Form findet sich wieder auf der restaurierten Fassade der Synagoge:

Zusammengefasst deutet trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren nichts darauf hin, dass es sich bei der beworbenen „Alten Synagoge“ in Erfurt tatsächlich um den auf den Fundamenten einer mittelalterlichen Synagoge errichteten Nachfolgebau oder gar um die älteste erhaltene Synagoge, ob nun der Stadt, Deutschlands oder Europas handelt.

Dass es bis ins 15. Jahrhundert eine bedeutende mittelalterliche jüdische Gemeinde gab, steht außer Zweifel ebenso wie die Notwendigkeit diese im Kontext der Fakten zur Stadtgeschichte angemessen zu würdigen. Ohne Zweifel wäre es durchaus wünschenswert, könnte man möglichst viele originale Zeugnisse mittelalterlichen Judentums entdecken und bewahren.

Im Abstand von 660 Jahren ist es fragwürdig, ein ohne Zweifel mehrfach erheblich umgebautes Gebäude, das nur phasenweise originale Bausubstanz, dafür aber jede Menge Spuren seiner weiteren Geschichte enthält, „pars pro toto“ umzudeuten, als gelte es im Sinne von Aristoteles ein „Ergon“ zu finden, um auf „auf gut Glück“ an eine Ortsgeschichte zu erinnern, die nun aber am gezeigten Schauplatz in dieser Form sehr wahrscheinlich nie bestanden hat.

Auch wenn die Intention anhand der eigenen Stadtgeschichte mehr als nur Allgemeinplätze  des Judentums (das 1350 ein anderes ist als heute) zu vermitteln (wozu eine Edition „Erfurter“ hebräischer Schriften durchaus geeigneter wäre)„positiv“ zu werten ist, ist dies im Grunde doch bloße Science Fiction. Daran ändert weder die (mehrfach) ausgezeichnete Präsentation (etwa eine Auszeichnung für das einheitliche Design der Bücher und Prospekte zu den jüdischen Orten der Stadt oder ein „European Tourism Award“ der British Guild of Travel Writers, …), noch eine Bewerbung als „Weltkulturerbe“.

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Although the British Guild of Travel Writers in 2011 has awarded the Old Synagogue of Erfurt with its “European Tourism Award” it most likely rather refers to a successful tourism concept than to historical facts. The building is regarded and promoted as “oldest synagogue of Europe”, but of course was not used as synagogue during the last 663 years and is no synagogue today. Furthermore there hardly is anything what may indicate that it was an ancient synagogue at all. The orientation of an ancient synagogue in medieval times was toward Jerusalem. Only in more recent times, mistaken by a North African “Mizrakh”, a mere eastern orientation was regarded as sufficient, altough it made no sense in Central or Northern Europe. The building in Erfurt however only to some degree orientates towards south-eastern direction, but clearly not towards Jerusalem, but only towards Laibach, south Italian Brindisi or finally towards East Libya, Sudan and finally Kampala, capital of Uganda. Although the building unquestionable is pretty old it also was converted, rebuilt and reconstructed time and again, so that already in 1868 Mr. Adolph Jaraczewsky, rabbi of Erfurt from 1862 until 1879, said in his “History of the Jews in Erfurt”: “unfortunately the manifold constructions at the interior of the building in the course of centuries have varied so much so that it is not possible to see which sections it may had in the times it was used for (religious) services. Also the new promoters of the building as synagogue admit that the outline (of the building) in Erfurt differs exceptionally from all other known (contemporary) synagogue buildings and that the reason for this until now is still “unclear”. According to the law of parsimony one rather simple reason to answer the question maybe was that it never was a synagogue.

Local tradition examined more closely shows a number of contradictions. The popular version has it that in spring 1349 a mob attacked the Jews in Erfurt and killed all or at least most of them. With that the old synagogue ceased to be the center of Erfurt’s Jewry. When a couple of years later they returned to Erfurt the municipality financed a new synagogue for the Jews, while the old one passed into “private” ownership, whatever this could have meant in mid-fourteenth century. However, the newly built second synagogue was depicted in a handwritten chronicle and was used by the Jewish community of Erfurt until their expulsion from the city in 1458. Some twenty years later, the building was converted into a church. After the conflagration of 1736 the remnants of the church were pulled down, so that there is no leftover from the second synagogue.

Another version says that the Jews resisted the attackers so that they set the Jewish houses on fire. However in 1357 a number of Jewish leaders returned to Erfurt from neighboring towns like Arnstadt and rehired their former property within the city, thus also the old synagogue which laid waste for some years. The synagogue in this version was refurbished.

Since there is no reasonable indication for a synagogue in this building, it is entirely possible that the old synagogue of Erfurt damaged in 1349 and afterwards was used until 1458 and converted into a church in 1479 was a quite different building than the one which today is promoted as “oldest synagogue” of Europe. Since the building however wasn’t used as a synagogue for 660 years anyway it would not matter anyway, but if the intention is to provide some pieces of genuine history it of course is appropriate to go better without science fiction or wishful thinking.        

בארפורט יש בית הכנסת העתיק ביותר באירופה. זה מה שהם אומרים

אבל יש רק הוכחה קטנה והרבה וחשיבה חיובית

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A Erfurt, nella capitale est-tedesca della Turingia, si trova la più antica sinagoga europea. Questo è ciò che si dice. Anche se vi è solo una prova molto poco, hanno un sacco di pensiero positivo e concetti di marketing buoni. Forse sufficienti per guadagnare Patrimonio dell’umanità premio di UNESCO …


Impressionen Judengasse Rothenburg ob der Tauber

May 17, 2012

Die alte Rothenburger Judengasse hat in größerem Umfang ihre mittelalterliche Bausubstanz erhalten und zählt damit zu den wenigen Orten in Deutschland, die diesbezüglich mehr als Rekonstruktionen, Erinnerungstafeln oder bloße Namenschilder vorzuweisen haben. Hat man das Glück ein paar autofreie Passagen oder Momente zu erhaschen, kann man sich einigermaßen ein Bild über einen Teil des jüdischen Viertels in der Stadt machen.

The Judengasse (Jewish lane) in Rothenburg ob der Tauber, one of Europe’s most beautiful cities, has some twenty houses from the time, when Jews lived there until half a millennium earlier. So if you are lucky to see at least parts of it without cars, you might imagine how life then was like.

Hebrew German inscription, Hebräisch-deutsche Inschrift in Judengasse Rothenburg marks הרובע היהודי, das “Jüdische Wohnviertel”, (quartier juif, еврейский квартал, barrio judío) the Jewish quarter- ca. 1371 to 1520, altough Jews lived in Rothenburg much earlier as well as in other streets.


Die Augsburger Zirbelnuss

May 9, 2012

Das Wappen der Zirbelnuss findet sich in Augsburg an allen möglichen Plätzen, ob in „himmlischen“ Höhen an Rathaus und Perlach oder als Siegel zum Abgrund auf Kanaldeckeln. Man findet sie auf Briefköpfen der Stadtverwaltung ebenso wie auf dem Emblem des Bundesligisten FC Augsburg, als Plüsch-Figur aber ebenso wie als steinerne Plastiken aus Römerzeit und Renaissance.

Die Zirbelnuss stellt offensichtlich den Zapfen eines Nadelbaumes, wahrscheinlich aus der Gruppe der Kieferngewächse (Pinaceae) dar. Die Zapfen verschiedener Bäume wie Pinien, Kiefern oder auch Zedern sehen sich relativ ähnlich und unterscheiden sich für Laien im bloßen Augenschein allenfalls durch ihre maximale Größe und dadurch, dass sie hier und da mal länglicher, mal gedrungener ausfallen. Da es nun andererseits auch eine große Anzahl recht unterschiedlicher, in der Regel auch stilisierter Varianten des heraldischen Symbols gibt, ist es nicht objektiv zu bestimmen, um welchen Baum es sich genau handelt. Namentlich leitet sich die Zirbelnuss von der  verwandten Zirbelkiefer (Pinus cembra) ab, die in den Alpen beheimatet ist, über zwanzig Meter hoch wachsen kann, aber auch Arbe oder Schweizer Pinie (so im Englischen Swiss pine) genannt wird.

Der Name „Zirbel“ bedeutet kleine „Zirbe“ was vom mittelhochdeutschen „zirben“ stammt und „sich drehen“ oder „wirbeln“ heißt (vgl. „zwirbeln“ = kreisen, winden, drehen, wickeln, etc.) und ein anderes Wort für das heute verwendete Zapfen ist. Die Bezeichnung für einen bestimmten Baum stammt demnach aus einer späteren Zeit und hat nur die Bewandtnis, eine kleinere „Zirbel“ zu bezeichnen. Die Blütenzapfen der Zirbelkiefer werden bis zu neun Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit und sind damit etwas kleiner als jene der Pinie (Pinus pinea) die bis zu 15 cm lang und 10 cm dick werden. In der Regel sind die Kerne der verschiedenen Bäume essbar. Die Nüsse der Zirbelkiefer schmecken ein wenig wie Walnüsse.

Mit echter und einer Anzahl imposanter antiker Zirbelnüsse aus Stein im Römischen Museum Augsburg

Ein gleichfalls für die Zirbelnuss verwandte Begriff lautete „Pyr“, vor allem anzutreffen in der Wendung des „Stadtpyr“. Der Begriff πυρ („pür“ oder „pir“) stammt aus dem Griechischen wird wie in „Pyromanie“ meist als Feuer (welches eher φωτιά wäre) übersetzt, heißt eigentlich aber eher Fackel (πυρ, neugriechisch: πυρσός). Die Namensgebung für den „Stadtpyr“, wie er im Stadttor neben dem früheren Königshof, im ersten Stadtwappen zu sehen ist, ergibt sich wohl aus dem Gebrauch aufgesteckter Zapfen als Fackeln. Die Verwendung des Zapfens als Symbol für die Stadtselbst  ergab sich jedoch kaum aus der „Fackel“, sondern schlicht aus der Existenz römischer Darstellungen des Zapfens, die mitunter bis zu einem Meter hoch sein konnten. Diese fanden sich insbesondere auf mehr oder minder gut erhaltenen, größeren und kleineren Grabmalen. Der Grabschmuck geht zurück auf den von wohl orientalischen Römern nach Rätien gebrachten Kult der Kybele, die häufiger mit Pinien-Zapfen dargestellt wurde. Diese Zapfen stellten dabei den abgetrennten Phallus dar, durch welchen im Frühjahr der „Gott Attis“ neu erstand. In selber Weise versinnbildlicht der Zapfen auf dem Grabmal die Hoffnung auf eine Auferstehung des Verstorbenen. In der christlichen Tradition gibt es seit einigen Jahrhunderten den Brauch, Nadelbäume für das Weihnachtsfest aufzustellen und festlich zu schmücken.

Altes Stadtwappen vom alten Rathaus in Augsburg (ca. 1450), welches sich heute auf der Rückseite des neuen Rathauses befindet, der Darstellung der Monatsbilder gemäß jedoch ursprünglich in bunten Farben bemalt war.

Der früheste Beleg für die Verwendung des Zapfens wenigstens als Teil des Stadtwappens datieren wie die Belege für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Augsburg in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. In älteren deutschen Überlieferungen aus dieser Zeit ist dabei gelegentlich von „statber“ oder „-bir“ die Rede, was zu der Vermutung geführt hat, dass es sich um eine Beerenfrucht handeln soll. Der von den Römern bereits stilisierte Tannenzapfen wurde deshalb von manchen Zeitgenossen gar als „augster“ bezeichnete „Weinbeere“, bzw. umgekehrte Weinrebe aufgefasst. Tatsächliche handelt es sich aber wohl nur um eine ggf. falsch gedeutete Lautmalerei, die von der bereits genannten griechischen „Pyr“ herrührt.

Ab dem 16. Jahrhundert deutete man das regional durch Römerfunde öfter anzutreffende Zeichen dann doch wieder als Zapfen und über die in den Alpen heimische Zirbelkiefer wurde der orientalische Zedern- oder Tannenzapfen sodann zur Zirbel oder Zirbelnuss. In der Darstellung der humanistischen Augsburger schmückte sich hingegen aber auch die von ihnen als vorrömisch, besser gesagt aber wohl nur vor-christliche „Stadtgöttin Cisa“ auf der Spitze des erst 1615 fertigstellten Perlachturm mit einer Zirbelnuss in der Hand. Anders formuliert handelt es sich lediglich um eine Darstellung der Kybele, die zwar gewiss keine „keltische“ oder heimische, sondern eine aus dem Orient importierte „Göttin“ ist, die aber durchaus in vorchristlicher Zeit in der Ursiedlung verehrt worden sein kann. Die alten Römer stammten eher selten tatsächlich aus der gleichnamigen Stadt und waren eben auch keine Katholiken, sondern brachten ihre orientalischen Götter mit.

Wie dem auch sei, die Zirbelnuss ist heute wie gesagt in allerlei Varianten überall in Augsburg anzutreffen, weshalb sie manches Mal auch übersehen wird. Wie viele Organisationen und Vereine benutzte auch die jüdische Vorkriegsgemeinde die Zirbelnuss, eingefasst in der Mitte des sechszackigen David- oder Judensterns, dies tut auch der JHVA. Sehr bemerkenswert ist auch der Umstand, dass auch im fernen Prag das Grab des berühmten Rabbi Löw, dem die Legende die Kreation eines Golem zuschreibt, von einer Zirbelnuss bekrönt wird.

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The coat of arms of the City of Augsburg depicts the cone of a pine, called „Zirbelnuss“ (to be pronounced something like tzeer-bel-nooooos), which you may find every in Augsburg, on the roof of public buildings, as emblem on letters by the municipality, as club emblem of Bundesliga football team FC Augsburg, as well as on sewer covers or many house facades. Also the prewar Jewish community used the symbol, which was brought by ancient Romans to their city and then was attributed to the Cybele cult. However the nuts of the tree are as tasty as walnuts.

Zirbelnuss as Jewel, by courtesy of Goldschmied Werner, Maximilianstr. 40, Augsburg

סמל העיר אוגסבורג הוא סוג של אורן הצנובר

סמל כמעט בכל מקום בעיר, והוא גם סמל של מועדון הכדורגל אוגסבורג


Impressions of Augsburg

April 22, 2012

Some impressions from Augsburg


Burgau revisited

April 19, 2012

Burgau und die nach ihm benannte Markgrafschaft im heutigen bayerischen Schwaben war von etwa von 1300 bis 1800 für ein halbes Jahrtausend österreichisches Gebiet. Wenngleich nicht immer ein zusammenhängendes Territorium und zeitweilig eher eine Art Fleckenteppich, war es doch ein politisch und kulturell zusammenhängendes und funktionierendes Teil der österreichischen Monarchie.

Der Name Burgau wird wohl treffend als Burg-Au gedeutet, denn um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Augsburg erstmals „Herren von Burgau“ erwähnt. Im Jahre 1212 werden deren Nachkommen zu Markgrafen ernannt und in der Folge orientierten sich die Burgauer wohl bereits an den Habsburgern, die bald versuchten die schwäbischen Gebiete für ihr Reich zu sichern.

Als 1324 zur erfolglosen Belagerung durch Soldaten des Wittelsbacher Kaisers Ludwig Bayer. 1418 verhinderten Augsburg und Ulm einen Verkauf der Gebiete an Bayern, da man in den Reichsstädten um die eigene Unabhängigkeit fürchtete und deshalb – später auch unter dem Einfluss der Fugger – eher den Vorderösterreichern zugeneigt war.

Mit dem 30jährigen Krieg endete die Herrschaft in Burgau, dessen letzter Markgraf Karl 1618 verstarb. Als Sohn Erzherzog Ferdinands von Österreich und der nicht standesgemäßen Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527-1580) war Karl nicht voll erbberechtigt. Der Markgraf und seine Frau waren bei ihren Untertanen nur mäßig beliebt, da sie ihre beargwöhnte Verbindung mit religiösem Eifer kompensieren wollten. 1516 führte dies zu einem Bierverbot in Burgau und im Jahr darauf zur Ausweisung der Juden (unter den auch Brauer waren). 1518 starb er sodann und wurde hernach in Günzburg bestattet, wo er ziemlich verschwenderisch mit seiner Frau gelebt hatte. Die Markgrafschaft wurde sodann von den Habsburgern in Tirol regiert und von ihnen in Günzburg ein Landvogt eingesetzt. Um 1805 gingen die Gebiete der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau an Bayern. Heute hat Burgau etwa 9000 Einwohner, wovon 7000 am Ort selbst leben, der natürlich über die mittelalterliche Stadt hinausreicht. Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungszahl rückläufig.

Altes Rathaus von Burgau

Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (1506-1585) verknüpft, der in Günzburg geboren wurde, in Burgau aufwuchs, dort Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses war und nach seinem Tod auch begraben wurde. Er war ein großer namhafter Gelehrter, kaiserlicher Hoffaktor, ein großer Mäzen und Autor gelehriger Bücher in taitscher Sprache. Sein Vorfahr Falk Lemlin (1390-1465) hatte 1438 Augsburg verlassen müssen und ging nach Ulm. Der Lehrer seiner Kindheit in Burgau war Rabbi Jona, der Sohn von Jakob ben Jehuda Weil, der letzte überregional bedeutsame Gelehrte  Augsburgs, der die Stadt 1438 als einer der ersten verließ und schließlich nach Erfurt ging. Auf seinen Schriften fussen die heutigen Verodnungen der Schechita.

 

Ausschnitt aus Simon Ulmo’s taitscher Erklärung hebräischer und aramäischer Redensarten aus Mischna und Talmud

 

Aus dem Jahr 1470 ist in einer Urkunde in Graz Salomon von Burgau mit weiteren Juden von Ulm wegen Geldleihen an einen christlichen Kleriker erwähnt, wobei es sich wohl um einen Verwandten Simons handelt. 1587 verfügt die Markgrafschaft, dass Juden den Christen rechtlich gleichgestellt seien. 1593 erhält Lemle von Burgau (ein Sohn von Simon) von Freiherr Ferdinand von Grafeneck das Schloss und Dorf Hasenweiler bei Ravensburg, da dieser eine Schuld über 3500 Gulden nicht bezahlen konnte. Es folgten jedoch über Jahre andauernde Rechtstreitigkeiten, ehe Dorf und Schloss für 16.000 Gulden an das Kloster Weingarten verkauft und Lemle ausbezahlt wurde.

Ende Dezember 1596 klagten christliche Bewohner in Burgau über die Burgauer Juden, da diese wegen ihrer Feiertage keine Rücksicht auf die christlichen Feiertage nehmen würden und zudem offenbar auch verlangten, dass ihre christlichen Bediensteten an diesen Tagen für sie arbeiteten. Dies wurde am Ort wohl als Verspottung der „wahren“ christlichen Religion durch die „verdammten“ Juden aufgefasst. Als Rabbiner in jener Zeit ist in den Raittungen (Rechnungen) von Burgau „Leo Jude, Lehrmeister“ notiert. Gemeint ist Jehuda Schmuel (1538-1604), Sohn des Simon Ulmo-Günzburg, der mit Frau und Sohn verschiedentlich genannt wird, 1599 etwa „Leo Jud, Lehrmaister und sein Sohn Itzig Jud der Jung Lehrmaister und Schulklopfer“. 1602 heißt es statt „Leo“ (sowohl Lew als auch Leo dienten häufiger als Umschreibungen des Namens Juda) nun „Leb, Itzig Jude, Lehrmaister und sein Mueter“. Itzig kennen wir aus hebräischen Quellen als Itzchak ben Jehuda Schmuel Ulmo (1570-1618) . Seine Frau wird in der Liste ab 1619 folgerichtig als „Itzig Jüdin, Lehrmaisters Witib“, also als Witwe des Lehrmeisters Isaak verzeichnet.

Im Jahr 1617 veranlassten Markgraf Karl und seine fromme Frau Philippine aus dem Haus der Augsburger Patrizier Welser, das im Jahr 1614 seinen „Falliment“ erklärte, d.h. pleite war , die „Ausschaffung“ der Juden aus Burgau. Ob es wirklich zum Weggang der Juden führte ist unklar. Möglicherweise verließen die Burgauer Juden, die gerade den frühen Tod ihres Rabbiners zu beklagen hatten, den Ort unterhalb der Burg tatsächlich kurzfristig, um vielleicht in Scheppach oder Günzburg Unterschlupf zu finden. Spätestens nach dem Tod des letzten Markgrafen kehrten sie jedoch wieder zurück, weshalb wir ab 1619 sodann auch die Witwe des Rabbiners als Steuerzahlerin finden. Von 1622 bis 1631 wirkte sodann David, der Sohn des Isaak als Rabbiner, dessen Bruder Abraham siedelte sich in Pfersee an. Eine Rechnung aus selber Zeit über verlangte Abgaben für Stadtwächter aber auch für Kriegskosten an die Burgauer Juden in Höhe von stattlichen 200 Gulden. 1611 belief sich die jährliche Höhe der jüdischen „Sitzgelder“ auf rund 185 Gulden. Die Wächter wurden offenbar auch zur Abwehr der Infektion benötigt, an der viele Einwohner erkrankt waren und starben. Die Pest wird häufig als Argument gebraucht, um die Ausweisung der Juden aus Burgau zu begründen, doch wurde diese bereits 1617 angeordnet und bleib offensichtlich folgenlos. Als 1631 aber bereits schwedische Truppen immer tiefer nach Deutschland vordringen klagen nun die Juden in Burgau in Augsburg gegen den Burgauer Stadtprediger Kaspar, da dieser einigen Aufruhr erhebt, vor der Synagoge und dem Lehrhaus randaliert und Verleumdungen verbreitet oder auswärtigen jüdischen Händlern nachgeht und gegen sie mitunter handgreiflich wird. Einen Juden aus Steppach, wo wie in Pfersee Söhne und Enkel der Ulmo vor Jahrzehnten ausgesiedelt waren, habe er so mit einem Stecken angegriffen, usw. Mit dem weiteren Vormarsch der Schweden hatten Burgau wie auch der Dorfprediger im Folgejahr jedoch ganz andere Sorgen. Auch die jüdische Geschichte in Burgau endet mit den weitgehenden Zerstörung des Ortes.

Doch aus dem Jahr 1653 ist in Burgau der Jude Josef notiert, der gegen Wilhelm Konrad Schenck von Stauffenberg klagt, da dieser offenbar seine Schulden nicht bezahlen konnte. Da er als Josef von Burgau bezeichnet wird, ist anzunehmen, dass er tatsächlich am Ort lebte. 1665 wird über die Wiederansiedlung von Juden in Burgau verhandelt. Die Rede ist „wie von alters her“ von acht oder neun Familien. Christliche Prediger vor Ort sind anderer Ansicht und sprechen davon, dass sie „solches Ungeziefer“ nicht wieder haben wollten. Offenbar wurde dem Begehren zumindest einiger Juden trotzdem nachgegeben, da sich im Dezember 1668 der aus Pfersee stammende Jude Hertzog  in Burgau meldet und darauf hinweist, dass vor dem großen Krieg (wohl 1631) sein Großvater die Judenschule „auf eigene Kosten und zur Ehre Gottes und ihm zu Nutze und Heil habe erbauen lassen“, weshalb er nun darum bat, dass man ihn nun doch bitte nicht abweisen möge deswegen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei jenem Hertzog (oder Hitzig) um Isaak, den Sohn des letzten Rabbiners David Ulmo handelte. Ob es ihm gelang das Gebäude in der heutigen Stadtstraße, dass den Krieg wohl wenigstens teilweise überstanden haben muss, wieder erlangte ist nicht bekannt, muss aber bezweifelt werden, da es in der Folgezeit nur noch spärliche einzelnen Nachrichten über Juden in Burgau gibt. Dabei handelt es sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lediglich um Bestimmungen für auswärtige jüdische Händler, die an jenen Tagen und Stunden am Markt sein dürfen.

Die vielleicht größte Anzahl von Burgau folgte dann aber wohl erst rund 275 Jahre nach dem Ersuchen von Isak Ulmo aus Steppach, als nämlich von 1944 bis 1945 für die Dauer etwa eines Jahres in Burgau ein Arbeitslager errichtet wurde, in welchem jüdische Zwangsarbeiter, die aus Osteuropa verschleppt wurden (während im Gegenzug schwäbische Juden nach Polen deportierte) für Messerschmidt im sog. „Kuno Werk“ im Scheppacher Forst Düsenjets montieren sollten. Insgesamt etwa 1100 Gefangene wurden dort unter schlechtesten Bedingungen zur Zwangsarbeit genötigt. Über die Anzahl der Toten gibt es keine Zahlen, jedoch wurde in einem Pressebericht anlässlich der Errichtung eines Gedenksteins vor einem Jahr, die Zahl von 18 namentlich bekannten Toten erwähnt. Diese sind in der Inschrift nicht aufgeführt, stattdessen ein deutsches Zitat aus dem Buch Hiob:

Wenn ich daran denke, erschrecke ich und mein Zittern ergreift meinen Leib

Und darunter: „Zum Gedenken an die Verfolgten der NS-Herrschaft. Ihr Leiden und Sterben sei uns Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Dieser Stein erinnert an diejenigen, die im Burgauer KZ-Außenlager gelitten haben.“

Dass es sich bei den Gefangenen um Juden handelte, war den Verfassern so wenig Notiz wert, wie auch sonst in Burgau eigentlich nichts mehr an die lange über zweihundertjährige jüdische Geschichte erinnert.

Am 23. April 1945 bombardierten US-Flieger siebzig startklare Messerschmitt Jets und das Werk entlang der heutigen Karlsbader Str. im Süden der Stadt. Im Norden hingegen befindet sich der jüdische Friedhof von Burgau, nördlich der Eichenstraße. Grabsteine sind keine mehr erhalten und der Platz selbst längst nicht mehr ummauert. Die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

* * *

Burgau today is a small town with some 9000 inhabitants but it has a rich history with a number of quite interesting Jewish aspects. For the period of a half millennium Burgau was capital and eponymous for the Austrian forelands of Margravate Burgau which reached from Ulm to Augsburg.

Simon ben Elieser Ulmo Günzburg (1506-1585) one of the most important scholars of his times lived in Burgau where he was a rabbi and head of a prominent yeshiva. His Jewish-German collections of sayings of course were inspired by the language of the region. Until 1631 there was a Jewish community in Burgau, which also had an own cemetery. The year after the Thirty years War (1618-1648) afflicted the town and region. In the following decades and century there are only scarce notes on Jews in the town. About 1668 Isaac from Pfersee, offspring of the former Burgau builder of the new synagogue for a last time tried to return to the heritage, but obviously failed. Christian preachers had warned against “such vermins”.

275 years alter however, when Burgau had some 3000 inhabitants in the south of the town there was the Burgau satellite concentration camp “Kuno Werke” with some 1100 Jewish prisoners abducted in Hungary and Poland, who were forced to assemble Messerschmitt jet fighters. The number of victims is not known, but last April a monument with a quote from the Book of Job was erected in order to commemorate this part of the past. However nothing reminds of the history of the almost three centuries long Jewish community of Burgau. The old Jewish cemetery north of Burgau’s Eichenstr. has no markers left and no fence or wall. It just is an arable field, dugged up for generations.

The (hand)writing on the pavement cobble says that “Burgau is older than Munich“, whatever this information does amount to. Actually Burgau is first mentioned in an Augsburg deed in 1147, Munich in 1158 (“Augsburger Schied”)

כבש הזהב של בורגאו


Im schwäbischen Haunsheim

April 18, 2012

Haunsheim castle entrance

Das schwäbische Haunsheim bei Gundelfingen mit seinem Ortsteil Unterbechingen umfasst zusammen etwa 1500 Einwohner und liegt etwa auf halber Strecke zwischen Dillingen und Giengen an der Brenz und knapp vier Kilometer nordwestlich von Lauingen an der Donau, dessen jüdische Geschichte aus dem 14. Jahrhundert sich vielfach mit Augsburg verbindet. So stammte der „Hochmeister“ Rabbi Jehuda, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts auch in Augsburger Steuerlisten verzeichnet ist aus Lauingen. Seine Tochter heirate in Augsburg Moses den Sohn des Augsburger Gemeindevorsitzenden Jehuda Kalonymos Kohen (1273-1366). Ihr Enkel Awraham (1326-1406), Sohn ihres Sohnes Pinchas war gleichfalls Rabbiner in Augsburg und ist in den Steuerlisten sparsam als „Abraham der Hochmaister“ notiert. Sein Grabstein hat die Zeiten und somit auch die Zerstörung des Augsburger „Judenkirchhofs“ einigermaßen gut überstanden und befindet sich im Lapidarium des Augsburger Maximilianmuseums.

In frühen Urkunden des 13. Jahrhunderts hieß Haunsheim zunächst Sailheim, dann Saunsheim, schließlich Sauesheim. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts zählte auch ein Zweig der Güßen zu den Ortsherren. Ob es wie in Lauingen im nahegelegen Haunsheim und in Bechingen ebenfalls Juden gab, ist wie die Frühgeschichte des Ortes nur sehr lückenhaft überliefert. In der 1978 verfassten zwei-seitigen Religionsgeschichte des kleinen Ortes ist für das Jahr 1600 ein Jude namens Seligman im Zusammenhang mit dem Verkauf der Ortschaft an den aus Brixen stammenden Zacharias Geizkofler (1560-1617) erwähnt. Seligman erstattet darüber dem Wittelsbacher Herzog Ludwig-Philipp von Pfalz-Neuburg (1547-1614) offenbar Bericht. Der wörtliche „Geiz“ bezieht sich, wie auch das Familienwappen belegt, zumindest nicht direkt auf Habgier, sondern auf die „Geiß“, die Ziege oder (heraldisch) den Ziegenbock, während ein „Kofler“ ursprünglich ein Keufler, Käufler, sprich ein Kaufmann, bzw. Händler war.

Geizkofler of Haunsheim “goat of arms” :-)

Damals konnten Ziegenhändler es demnach wohl zu einigem Wohlstand bringen, denn die neuen Ortsherren erbauten in den Folgejahren ein elegantes Schloss, das heute neogotisch mit Resten von Graben und Ummauerung noch besteht. Zacharias Geizkofler, der überwiegend in Augsburg lebte und mit der von dort stammenden Patriziertochter Maria von Rehlingen verheiratet war, war die letzten zwanzig Jahre seines Lebens „Reichspfennigmeister“, also in etwa Steuereintreiber der Kaiser oder Finanzminister. Bekannt wurde er u.a. für die Erhebung der „Türkensteuer“, die aber nicht Türken zu zahlen hatten, sondern all jene die sich von ihnen bedroht fühlten und das war damals offenbar die Allgemeinheit im Reich. Die Einnahmen der Steuer dienten deshalb dem Zweck, Kriege gegen die Türken zu finanzieren, und so womöglich auch Haunsheim vor dem Schicksal Konstantinopels zu bewahren. Da es sich um eine Kopfsteuer handelte geben heute die alten Steuerlisten, so noch erhalten, zumindest doch ansatzweise Auskunft über die Anzahl der Bewohner einzelner Orte.

האונזהיים טירה

Es ist anzunehmen, dass im Umfeld der Burg sicher auch jüdische Bewohner oder Händler zugegen waren. Sehr häufig benötigten Burg- und Schlossherren jüdisches knowhow, Kontakte und Handelsbeziehungen zur Errichtung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaftssitze in nicht minderem Maße als gewöhnliche Dienerschaft und Bauern zur Versorgung.  Um 1650 wird jedoch unter dem nun dominanten Einfluss der Protestanten dort ein Handelsverbot für Juden erlassen, was aber zumindest einen vorherigen solchen Handel voraussetzt. In der weiteren Entwicklung stagniert der Ort nun. 1704 hatte John Churchill von Marlborough im Haunsheimer Schloss sein Quatier.

1806 gelangt „Hausa“ wie die schwäbische Aussprache des Ortes lautet, an Bayern. 1823 wird der Besitz durch die Augsburger Bankierfamilie Süßkind erworben. Johann Gottlieb Süßkind (1767-1849) stammte aus Württemberg und arbeitete in Augsburg zunächst für das Bankhaus Halder (nach ihm ist die Halderstraße benannt, die parallel zur Bahnhofsstraße Königsplatz und Bahnhof verbindet und in welcher sich die 1917 fertig gestellte Augsburger Synagoge befindet). Durch Wertpapierspekulation während der Napoleonischen Kriege erlangte der evangelische Christ enormen Reichtum. Süßkind war ein Freund des Augsburger Bankiers von Schaezler und war auch mit der Enkelin des Freiherrn von Liebert verheiratet, dem Erbauer des Schaezler-Palais. Neben vielem anderen Besitz erwarb Süßkind das Haunsheimer Schloss.

1845 wird Haunsheim als ein evangelisches Pfarrdorf beschrieben, von dessen Schloss am Hügel man eine schöne Aussicht habe, letzteres ist zweifelsfrei auch heute noch so. Gezählt wurden damals 103 Haupt- und 54 Nebengebäude, sowie 612 Einwohner. Die Vorfahren der heutigen Besitzer der Familie Hauch erwarben das Schloss in den 1860er Jahren. Um 1900 lebten rund tausend Menschen in Haunsheim. Mit der Eingemeindung von Unterbechingen, schwankt die Einwohnerzahl zwischen 1500-1600. Im Schlossgarten werden heute gelegentlich Jazz Konzerte veranstaltet.

former school building at Schulsstraße in Haunsheim

Haunsheim a small village somewhat halfway between Stuttgart and Munich, is dominated by its neo-Gothic castle where in summer time are some Jazz concerts. The village first was mentioned in deeds from late 13th century, when the name referred to sows. In the year 1600 however Zacharias Geizkofler (lit. a goat dealer), who was married to a Augsburg patrician daughter acquired the place and built the castle which is inhabited until today.

Little is known about Jews in Haunsheim, which is only 3 miles from Lauingen at the Danube where were several Jewish communities as well as synagogues. Rabbi Yehuda from Lauingen in 1355 is recorded as rabbi of Augsburg. His great grandson Abraham bar Pinchas also was rabbi in Augsburg until 1407. Since in 1650 a ban for Jewish traders in Haunsheim was issued it is obvious that before there must have been Jews there. Since legal prohibitions, especially local ones, in previous times were as ineffective as they are today (ever heard that somewhere on earth any law against tax dodging or illegal parking actually has settled a problem once and for all?), most likely also there were Jews afterwards. However, the castle of Haunsheim without doubt is worth visiting.

At the Christian cemetery of Haunsheim all newer graves have identical markers

mehr / further information (in German): http://www.bndlg.de/schloss-haunsheim/


Was there a bomb attack at the Augsburg’s central bus station ..?

April 10, 2012

Just beforehand: there was none

… but it would not have looked much different if there actually was one.

Sighs of relief in Augsburg, because fortunately the devastation in the center between old city and railroad station, only a minute away from the synagogue, was not caused by Al Qaida or other terrorist but by order of the municipality. So of course no one is shocked or unhinged, but businesslike tranquilized as if the destruction was daily routine and not worth mentioning.

Of course it is noteworthy and of course it is kind of routine: The central bus and tram station at Königsplatz in Augsburg currently is being completely rebuilt. This means that the entire bus and tram stop station with all its infrastructure such as shops or cafeteria, ticket office, etc. now will be demolished.

It is somewhat bizarre to look behind the tarps which cover severely damaged halfway destroyed buildings in the center of Augsburg used to the people in Augsburg for decades on a daily basis. Since the old 1970’s central station actually was no architectural masterpiece (neither is the projected one, which just is, let’s say “contemporary”) no one seriously will raise monument protection issues or other sentiments.

However, it involves a number of other questions. How citizens deal with the destruction of familiar infrastructure of their city behind tarp barriers? What effect has a development which breaks up previous daily routine and leaves countless dimming memories ..?

But maybe in times and terms of standardized street cafés and uniform commercial chains in pedestrian zones, shopping malls and centers, etc. structural peculiarities of a city indeed already have lost their local and historical intrinsic value.

City planner, policy-makers and other experts of course have quite different values: average values, to be exact. Need based per capita indicators, traffic flow calculations and the like customized for ideal standard citizens who have one bubby, one testicle and one point two children. 56 % of them support any measure as it was reported.

Auch wenn es so aussehen mag, Al Kaida hat am Augsburger Königsplatz keinen Anschlag verübt. Sämtliche Zerstörung am bisherigen Haltestellendreieck geschahen auf Anordnung der Stadt Augsburg. Im Rahmen des Umbaus wird derzeit – lediglich unterbrochen von den christlichen Osterfeiertagen – die bisherige Konstruktion abgerissen, um Platz für eine modernere und zweckmäßigere zu schaffen. Alles geschieht mehr oder abgedeckt durch Planen, jedoch kann man den Fortschritt im Abriss auch mittels einer eigens eingerichteten Webcam verfolgen, die vom Sparkassengebäude aus die Arbeiten verfolgt und dem Vernahmen nach einigen Zuspruch findet.

http://www.projekt-augsburg-city.de/seiten/webcam-koenigsplatz/


Der Grabstein der Ester in Neuburg an der Donau

April 6, 2012

Eine Besonderheit in Neuburg ist ein 1955 bei Bauarbeiten im ehemaligen Seminargebäude bei der ‚Harmonie‘ gefundener hebräischer Grabstein, der nach Angaben des Führers der „Prähistorischen Staatssammlung“ im Vorgeschichtemuseum Neuburg an der Donau von Petra Haller aus dem Jahre 1993 (S. 48) „als Treppenstufe eines Kellers des ehemaligen Pfarrhofes der Neuburger Hofkirche” gedient haben soll. Es wird angenommen, dass der Grabstein von einer kleinen jüdischen Begräbnisstätte stammt. Für die Existenz eines jüdischen Friedhofes ist ein einziger Grabstein, der noch dazu in einer Kellertreppe aufgefunden wurde nun gewiss kein ausreichender Beleg.

Der Grabstein befindet sich heute im Schlossmuseum, umgeben von prähistorischen Funden. Der Stein selbst ist nicht vollständig erhalten. Er ist gegenständlich vermessen etwa 80 cm hoch, bis zu 45 cm breit und etwa 20 cm tief und aus Kalk. Die am Grabstein lesbare Inschrift שנת אחת (Jahr eins) datiert ihn wohl auf das Jahr 5001, was dem christlichen Jahr 1241 entspricht. 4001 entspräche dem Jahr 241 und 6001 wäre erst 2241. Das genauere Datum ist ערב שבת יג סיון. Da auf den 13. Sivan 5001 tatsächlich ein Schabbes folgte, ist die Angabe als solche korrekt. Als genaues christliches Datum ergibt dies Freitag den 24. Mai 1241, wegen der Anspielung auf den bevorstehenden Schabbes dürfen wir als Todeszeitpunkt wohl den (späteren) Nachmittag vermuten. Gewidmet war der Grabstein מרת אסתר der Frau Ester. Die Anrede lässt üblicherweise auf eine verheiratete Frau schließen, weshalb die im folgenden Zeilenanfang fehlende, aber im auslautenden Buchstaben noch angedeutete Kürzel als Frau von zu lesen wäre. Demnach wäre sie die Frau des אברהם Abraham. Im Museums-Führer wird der Name Abraham als Hinweise darauf gedeutet, dass es sich bei Ester um eine Tochter Abrahams handelt und zudem in dem Sinne, dass sie zum Judentum konvertierte.

Mit dem Übertritt ins Judentum erlöschen gemäß der halachischen Auffassung, die für Konvertiten ja gelten muss, alle vorherigen Bindungen, auch die an die eigenen, nichtjüdischen Eltern. Um diese Lücke auszugleichen ist es durchaus so, dass viele Konvertiten den Namen Abrahams einsetzen, um selbst als Sohn oder Tochter Abrahams bezeichnet zu werden, nehmen wir beispielsweise „Jakob ben Abraham“. Nun ist es aber keineswegs so, dass jeder der als „ „bar / ben Abraham“ bezeichnet wird, selbst ein Konvertit sein muss. In den allermeisten Fällen ist dies nicht so. Das liegt daran, dass Abraham als Name wegen des Vater aus der Tora sich bei Juden in allen Jahrhunderten hoher Beliebtheit erfreute. Viele Konvertiten nehmen aber auch selbst den Namen Abraham für sich selbst an. Zum anderen gibt es eine zweite größere Gruppe von Konvertiten, die anstelle von Abraham „David“ verwenden und sich also als „Sohn Davids“ nennen. Da David ein nicht minder geläufiger jüdischer Vorname ist, ergibt sich daraus auch hier keine Möglichkeit daran, einen Konvertiten zu erkennen. Frauen die konvertieren wählen häufig Namen der biblischen Mütter, wie Lea, Rachel, Rebekka (Rivka), Sara, etc. Eine Konvertitin würde wahrscheinlicher „Ester bat Sara“ als „bar Abraham“ heißen, da sich die konvertierende Frau an den biblischen Müttern orientieren würde und nicht an den Vätern. Lange Rede –  kurzer Sinn, bereits die dem Namen vorangestellte Anrede als מרת (marat) macht deutlich, dass es sich bei Ester um eine wohl verheiratete Frau handelt.

Zwar wissen wir nun, dass es sich um den Grabstein der Frau Ester, der Ehefrau des Abraham, handelt, die am 13. Sivan 5001, bzw. am späten Nachmittag des 24. Mai 1241 gestorben ist, doch damit hat es sich bereits auch wieder. Wir wissen nicht woher sie stammte und können aus zwei bloßen Namen keine weiteren Zusammenhänge ableiten.

Den in Neuburg vermuteten jüdischen Friedhof gab es sehr wahrscheinlich nicht. Die Anlage eines Friedhofs erfordert, wie wir aus zahlreichen bekannten Beispielen mit bekannten oder gar erhaltenen jüdischen Grabplätzen wissen, eine durchaus längerfristige und konstante jüdische Präsenz an einem Ort und zudem auch eine etwas größere jüdische Gemeinschaft. In aller Regel bekamen die Juden dafür weder bereitwillige Unterstützung noch etwas geschenkt. Oft wurden die Plätze nach längeren Verhandlungen zu recht üppigen Preisen gekauft, ohne hernach von Wegzoll und sonstigen Abgaben befreit zu sein. Da es für eine dauerhafte und umfangreichere jüdische Gemeinschaft in Neuburg an der Donau für die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts keinerlei Anzeichen, zumal erst einige Jahre nach 1241 die Wittelsbacher damit begonnen haben sollen die kleine Stadtburg auszubauen. Seine Blütezeit erreichte Neuburg jedoch erst im Laufe des 16. Jahrhunderts mit der Gründung des Fürstentums Pfalz-Neuburg und des Ausbau des bislang bescheiden Ortes zu üppigen Residenzstadt. Zwar werden gerade Kirchenbauten oft und gerne in weit, weit entfernte Zeiten zurück datiert, doch stammen auch sie im wesentlichen doch aus jenen guten Tagen, in welchen fromme Fürsten Kirchen und Altäre stifteten, auch um eigenen Verfehlungen Abbitte zu leisten.

Hebräischer Grabstein nach 1521 eingemauert im Innenhof eines Hauses in der Altstadt von Regensburg

Anhand des Beispiels u.a. von Regensburg oder Augsburg ist bekannt, dass in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Grabsteine von bestehenden jüdischen Friedhöfen in den Städten als Baumaterial Verwendung fanden, aber auch als „Schmuck“ in die Fassaden der Häuser „gebildeter“ Humanisten und dergleichen Verwendung fanden. Ab und an gelangten manche dieser Steine auch in weiter entfernte Dörfer oder Städte, weshalb es nun nahe liegt, dass der hebräische Grabstein in Neuburg an der Donau aus einer solchen „Transaktion“ vermutlich im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts dorthin gelangt sein mochte. Dazu passt, dass der Neuburger Pfalzgraf Ottheinrich, der in Jerusalemer Grabeskirche zum Ritter geschlagen wurde, bereits als sechzehnjähriger am Reichstag in Augsburg teilnahm und in Neuburg eine große Bautätigkeit entfaltete. Pfalzgraf Ottheinrich war nicht nur außerordentlich dickleibig und verschwenderisch, sondern auch so hoch verschuldet, dass sich 1544 sechshundert Gläubiger bei ihm versammelten, um eine Million Gulden einzutreiben.

Als Herkunftsorte am ehesten in Betracht kommen mittelalterliche jüdische Friedhöfe in der Umgebung von Neuburg, die als solche bekannt sind und für die auch Grabsteine aus der Zeit um 1240 nachgewiesen sind. Zum einem ist dies auf damaligen Wegen etwa 50 km  südlich von Neuburg gelegen die Reichsstadt Augsburg, zum anderen wäre das etwa 90 km nordöstlich Regensburg oder Nürnberg in der selben Distanz im Norden. Es ist demnach recht wahrscheinlich, dass der Grabstein der Ester aus einem der Orte nach Neuburg gelangte, dort im Keller der Kirche verbaut wurde und erst 1955 wieder bei Arbeiten entdeckt wurde.

Hebräischer Grabstein von Rabbi Baruch aus Augsburg, um 1520 eingemauert im Innenhof des Peutinger-Hauses in Augsburg beim Dom. Der Grabstein wird allgemein auf das Jahr 1240 datiert.

 

In 1955 in Neuburg at the Danube river a Hebrew grave marker was discovered at construction work. The grave marker was used as building material of the basement steps of a church. The not complete inscription of the limestone says it is the memorial of Mrs. Ester the wife of Abraham who died on Erew shabbat 13th of Sivan in the year 1, which means 5001 and according to the Christian calendar is late Friday afternoon, 24th of may in 1241.

The head stone now is exhibited in the town museum at Neuburg castle as part of the “Prehistoric State Collection”. It is assumed that the stone originally is from a smaller Jewish cemetery in Neuburg. However, there is no evidence for the existence of a Jewish community in early 13th century Neuburg. The oldest records date a century later and of course are very sporadic. Nothing indicates that there ever was a community in Neuburg which was big and long lasting enough to have the means to establish (i.e. to afford) an own cemetery.

In the first decades of the 16the century in towns as Regensburg, Augsburg or Nuremberg, which are the closest towns next to Neuburg who in fact had own medieval Jewish cemeteries, many grave markers were mis-used as building material or decoration in different buildings. It also is known that from those towns a number of Hebrew toms stones also were sold or given away in other towns or villages.

So most likely the memorial stone of Ester in Neuburg belongs to a women who in May 1241, which is 771 from today, died either in Augsburg (30 miles), Regensburg or Nuremberg (55 miles each).


Über die jüdische Geschichte von Wertingen

April 4, 2012

Obwohl mittelalterliche Urkunden eine größere Anzahl von Juden aus Wertingen kennen, bringt kaum jemand den Ort in der Nachbarschaft von Binswangen und Buttenwiesen mit Juden in Verbindung.

Wertingen ist eine kleine Stadt in bayerisch-schwäbischen Landkreis Dillingen, etwa zwischen dem Dreieck Augsburg, Donauwörth und Dillingen gelegen. Nach einem guten Dutzend Eingemeindungen in den 1970er Jahren umfasst der Ort heute etwas weniger als 9000 Einwohner.

Erstmals datiert wird Wertingen in einer Urkunde auf das Jahr 1122, dem Geburtsjahr Kaiser Friedrich Barbarossa, der die kleine Siedlung später auch erworben hat (wohl um 1162). 1268 wird Wertingen nach der Enthauptung des letzten schwäbischen Herzog in Neapel mit Hohenreichen bayrisch, aber aus Geldnot immer wieder mal als Lehen vergeben. 1348 erwirbt Johann Langenmantel (1310-1367), dem auch der benachbarte Ort Binswangen gehörte, wegen seiner Akquisition hernach auch „von Wertingen“ genannt, für 4450 Gulden den Ort mit seinem kleinen Burgschloss. Hundert Jahre nach seinem Tod veräußern die Nachkommen der Langenmantel ihren inzwischen stark ausgebauten Besitz an die Herrschaft von Pappenheim, da sie zu viele Erben haben und eine Aufteilung nur mittels Geld machbar erscheint. Die Pappenheimer erweiterten den Bau. Von ihnen stammt der Schlossanbau um1500 .

Bis etwa 1700 bleiben die Pappenheimer Besitzer des Lehens Wertingen, ehe es für einige Jahre bis 1714 an das böhmische Grafenhaus Lobkowitz gelangte, denen schließlich bis 1768 das Haus Grünberg folgte. Hernach wurde Wertingen nicht mehr als Lehen vergeben sondern einem Pfleggericht unterstellt.

 Im Jahr 1805 siegte die sechste französische Armee bei Wertingen über österreichische Truppen der Division Auffenberg, was als Auftakt zur Schlacht von Ulm verstanden wird und den Sieg der Franzosen einläutete. Demzufolge ist der Name „Wertingen“ auch am Arc de Triomphe in Paris aufgeführt.

Rund hundert Jahre später, 1905 wurde die inzwischen wieder stillgelegte Bahnlinie Wertingen – Mertingen errichtet und 1912 erhielt Wertingen Stromanschluss, was sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt.

In der Nazizeit trumpfte das kleine Wertingen groß auf. Bei der letzten Reichstagswahl am 5. März 1933 votierten weit überdurchschnittliche 59 % der Wähler des Landkreises Wertingen für die NSDAP, die im Gesamtergebnis nur 43 % erhielt. 32 % stimmten für die Bayerische Volkspartei (BVP), weitere 3 % für die Deutsche Bauernpartei (DBP) und ganze 1.8 % für die SPD. DNVP und KPD erreichten ca. 1 %.

Ein Widerstandnest gegen die Nazis war Wertingen ganz offensichtlich nicht. Dafür wurde es in der Nähe des Judenbergs zwischen Binswangen und Wertingen mit dem Bau zahlreicher Sport- und Freizeitanlagen für die Hitler-Jugend belohnt, die ihre trotzdem überschüssigen Kräfte und Übermut unter fachlicher Anleitung in der fast vollständigen Demolierung des alten jüdischen Friedhofs von Binswangen austobte.

siehe Dokumentation des Friedhofs:

http://jhva.wordpress.com/2010/07/15/der-judische-friedhof-von-binswangen/  (über die Zerstörung des Friedhofs und der Umgang in der Nachkriegszeit)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20308/Binswangen%20Cemetery%20Register.pdf   (Beschreibung der erhaltenen Grabmale)

Der kürzeste Weg zwischen Binswangen und Buttenwiesen, zwei Dörfer mit sehr hoher jüdischer Bevölkerung, führte durch Wertingen. Entsprechend „präsent“ im Sinne von benachbart oder umgeben scheint Jüdisches auch in Wertingen zu sein. Wenn man etwa davon liest, dass sich der Nachwuchs einer Wertinger Partei oder eine Schulklasse mit der „jüdischen Geschichte“ vor Ort befasst, so ist schnell von einem Besuch der ehemaligen Synagoge in Binswangen, des jüdischen Friedhofs dort oder in Buttenwiesen die Rede. Dass Wertingen aber noch vor seinen beiden Nachbarn selbst eine sehr alte jüdische Geschichte hat, scheint mit der Zeit fast vollständig vergessen oder verdrängt worden zu sein.

In seiner 1803 in Landshut erschienenen „Geschichte und Statistik der bayerischen Herrschaft Wertingen“ die dem Untertitel gemäß „ein Beitrag zum bayerischen Staatsrecht“ sein sollte, schilderte der damalige Rechtslizentiat Joseph Mindler seinen Heimatort. Dessen Einwohnerschaft taxierte er just zur Napoleonischen Zeit, zusammen mit den drei unteren Vordörfern der üblichen Schätzung nach (nämlich „von fünf Personen pro Haus“) auf 1300 Einwohner, was bedeutet, dass er 260 Häuser zählte. In seiner Ortsbeschreibung erwähnt er fünf Brauer, die braunes und weißes Bier sieden, vier Metzger, fünf Bäcker, sieben Krämer, zwei Mahlmühlen, die Schleifmühle und eine Holzsäge. Noch zwei der drei Tortürme (die heute alle fehlen) waren damals noch bewohnt. Zur Zeit des Fürsten Lobkowitz hatte dieser am Ort auch das herrschaftliche Brauhaus im Besitz und den Zapfenwirt und das Hirschwirtshaus betreiben lassen. Es ist sicher nicht aus der Luft gegriffen, dabei an das ebenso würzige wie süffige „urböhmische Schwarzbier“ der heutigen tschechischen Brauerei Baron Lobkowitz zu denken, das weit über seine Herkunft hinaus Anerkennung findet.

Mindler, dessen gleichnamiger 1808 geborener Sohn meldete sich 1833 als Jurastudent in München freiwillig zum Militärdienst und gelangte so in das Schutzkorps des griechischen Königs, dem damals gerade 17jährigen Sohn des bayerischen Königs. Er wurde rasch zum Leutnant der griechischen Armee befördert, wechselte hernach aber in den Staatsdienst, wo er zuletzt Kanzleidirektor im griechischen Kriegsministerium war. 1843 musste er im Zuge von politischen Unruhen gegen die Allmacht des bayrisch-griechischen Königs das Land verlassen, kam aber später zurück und entwickelte schließlich eine neugriechische Variante der Stenographie.  Er erlangte eine entsprechende Professur in Athen und nach dem Tod seines Königs im Jahre 1862 wurde Joseph Mindler (Ιωσήφ Μίνδλερ) Leiter des stenographischen Büros im griechischen Parlament. Dort befindet sich heute noch eine Büste zu seiner Würdigung. In Zeiten mancher Verwerfungen zwischen Griechen und Deutschen ist es durchaus interessant gemeinsame Elemente der Geschichte zu beachten, wie sie der in Wertingen geborene und in Athen 1868 verstorbene Mindler verkörpern.

Sein Vater hatte in der Ortsgeschichte von Wertingen des Jahres 1803 auch Juden erwähnt:

Es gibt im Verhältnisse von Wertingen sehr viele Handelsleute darin; zwei Drittel des Handels haben die benachbarten Juden in den Händen: diese dürfen öffentlich in Wertingen verkaufen, und kaufen, was sie wollen; sie handeln mit allen erdenklichen Sachen, selbst mit den Bürgern ungescheut, und wissen sich gut den Geist und Geschmack ihrer Nachbarn zu Nutzen zu machen; indessen jedem andern Christenmenschen das sogenannte Hausieren bei Konfiskation verboten ist.“ (S. 55)

Aus dem Jahre 1597 stammte ein Dekret, dass Juden den Handel in Wertingen verbieten sollte, aber wie so oft war Papier geduldig und Anordnungen dieser Art weltfremd. Die benachbarten Juden stammen – nach Mindlers Einschätzung eine halbe Stunde Fußweg entfernt – aus Binswangen im Westen, aber auch aus dem nördlich gelegenen Buttenwiesen. Der Notiz nach stand ihnen Wertingen, wo sie zwei Drittel der Geschäfte abwickeln, unbeschränkt offen. Es ist denkbar, dass von den sieben oben genannten Krämergeschäften auch einige in jüdischem Besitz oder so doch wenigstens angemietet waren. Wie auch immer gelang es den jüdischen Händlern offensichtlich, die Wünsche ihrer christlichen Kunden in Wertingen zu befriedigen. Interessant ist die nachfolgende Geschichte eines „welschen“ Unternehmer, der vor Ort expandiert:

Seit kurzem handelt in Wertingen ein Handelsmann mit Namen Zenet, ein Wälscher, mit glücklichem Erfolg neben anderem mit Tabak; davon legte er die kleine Fabrike an, wozu ihm die vor mehreren Jahren schon verkaufte Gerichtschreiberei gute Dienste leistet, und beschäftigt damit mehrere Menschen. Die Produkte werden ihm roh von dem eine Stunde entlegenen Orte Dirrheim beigeschafft, wo der Tabak in großer Menge und in guter Qualität gebaut wird. Er handelt damit viel in das Tirol, nach und nach scheint er sich mit seiner Handlung immer mehr zu verbreiten, welches schon geschehen sein würde, wenn nicht der vergangene französische Krieg manches stockend gemacht hätte. Zu Manufakturen scheint die Gegend, oder die Leute nicht aufgelegt zu sein.“

Das genannten Dirrheim ist heute als Oberthürheim, bzw. Unterthürheim, mundartlich aber noch als “Dirre” bekannt. In Wertingen findet sich prominent das Zenetti-Haus, benannt nach dem 1785 geborenen Johann Baptist Zenetti, dem Sohn des aus Italien stammenden Tabakfabrikanten, der zeitweilig bayerischer Innenminister und auch Mitglied der Paulskirchenversammlung im Jahre 1849 war. Sein Sohn Arnold Zenetti (1824-1891) war einige Jahre lang Stadtbaumeister von München und Architekt zahlreicher meist prächtiger Bauten, u.a. des “Hotel Imperial” in Wien.

Noch weiter zurück reichen freilich Belege aus Augsburger Steuerbüchern die zwischen 1377 und 1426 nicht weniger als neun jüdische Steuerzahler als aus Wertingen stammend aufführt: Isaak, Seligman und der junge Seligman aus Wertingen, die Frau des Isak Groß, Falk, Mossun, Jaklin und Jöhlin, sowie Frau Isak und Lazarus aus Wertingen.

Als Steuerzahler notiert wurden freilich nur jene Juden, die in Augsburger entweder Hausbesitzer oder Geschäftsinhaber waren. In der Regel kamen auf jeden von ihnen je nach dem etwa sieben bis zehn zusätzliche Angehörige, wie die Ehefrau, die Kinder, Schwager, Enkel, Bedienstete. Die Anzahl der Juden die in der genannten Zeit von Wertingen nach Augsburg kamen, machte insgesamt dann doch eine beträchtliche Gruppe aus.

(Detail of a painting in a Wertingen Church which showas the skyline of old Augsburg with a burning village in front which probably is Lechhausen)

Wie wir wissen wurde Wertingen 1348 von Johann Langenmantel erworben und ausgebaut. Im selben Jahr wurde gemäß der Notiz im Nürnberger Memorbuch auch die – freilich nicht näher erläuterte – jüdische Gemeinde von Wertingen von den antijüdischen Ausschreitungen im Zuge der Pest-Hysterie jener Zeit erfasst. In den bei weitem meisten Fällen sind die Erwähnungen von jüdischen Gemeinden die wegen angeblicher Brunnenvergiftung und dergleichen Opfer christlicher Fanatiker und Hassprediger wurden, bloße solche, ohne konkrete Nennung von Namen oder sonstigen Daten und deshalb durchaus mit eher legendären Charakter. Andererseits wäre die Notiz doch ein Hinweis auf eine zumindest in weit früherer Zeit bereits vermutete Gemeinde in Wertingen vor 1348.

Es ist gut möglich, dass der Augsburger Geschäftsmann, dessen Familie mit Weinhandel und Geldgeschäften zu den finanzkräftigen Patriziern ihrer Zeit gehörte, wegen entsprechender Ab- und Aussichten auch Juden von Augsburg abwarben, die in späteren Jahrzehnten wieder als Juden von Wertingen nach Augsburg zurückkamen. In weit stärkerem Maße als im eher klischeehaften Geldgeschäft, waren Juden im mittelalterlichen Weinhandel in Europa involviert. Dieser war zwar kein jüdisches Monopol, so aber doch eine große Domäne.

Die zahlreiche Anwesenheit Wertinger Juden in Augsburg binnen fünf Jahrzehnten ist zweifellos sehr auffällig und hat zweifellos mit der alles in allem recht guten Beziehung der Juden und der Langenmantel zu tun. Als letztere 1468 Wertingen aufgeben, existiert die jüdische Gemeinde in Augsburg bereits nicht mehr. Ihre letzten Spuren sind zwei Grabsteine die auf das Jahr 1455 datiert werden müssen. Wenig später sind erste Nachrichten von Juden in Binswangen erhalten. Ab Ende des 15. Jahrhunderts sind rasch anwachsende jüdische Gemeinden in Buttenwiesen und Binswangen bezeugt und das Verbot aus dem Jahr 1597 für Juden in Wertingen zu handeln macht ja auch nur Sinn wenn es vorher möglich war. Wenigstens für die Zeit von 1348 bis in die frühe Neuzeit können wir von einer fast ständigen jüdischen Gegenwart in Wertingen schließen.

Erst 1942 wurden einige Dutzend Juden aus Binswangen und Buttenwiesen mit der Lokalbahn von Wertingen aus auf dem Weg gebracht, der sie ins KZ Piaski bei Lublin ins besetzte Polen brachte. Dies ist nach sechshundert Jahren der vorläufige Schlusspunkt der jüdischen Geschichte in Wertingen und seinen Nachbarorten. Heute siebzig Jahre danach ist zwar überall von „Normalität“ die Rede, jedoch scheint diese nicht den Gedanken einer neuerlichen jüdischen Gemeinde in einem dieser Orte zu beinhalten. Man gibt sich mit auf Staatskosten hergerichteten ehemaligen Synagogen zufrieden, mit Adventskonzerten und ab und zu auch mal eine Gruppe Deutscher die jüdische Hochzeitsmusik aus dem Balkan des vorletzten Jahrhunderts imitieren.

Wertinger Darstellung des Minnesängers Ulrich von Thürheim (ca 1200-1250) , der als (Mit)-Autor der Tristan-Sage und des Rennewart gilt.

siehe: http://archive.org/details/ulrichvontrhei00camp


About Jews in Bavarian Wertingen

Although medieval documents know a larger number of Jews from Wertingen, hardly anyone links the place in the neighborhood of Binswangen and Buttenwiesen with Jews.

Also after a number of incorporations in the 1970s Wertingen still is a rather small town in the Bavarian-Swabian district of Dillingen with less than 9,000 inhabitants.

The Castle of Wertingen after 1348 was built by Johann Langenmantel (lit. “long coat”) from the famous patrician family of Augsburg, who were known for their usually very good relations with the Jews of Augsburg and Swabia. Wertingen for some 120 years remained in the family possession of the Langenmatel. During the time span from 1377 to 1430, in Augsburg tax lists no fewer than nine Jewish taxpayers with the toponym affix “of Wertingen” can be found, which were home and / or business owner and citizen and lived with their families and their servants in the imperial city.  

Although 1597 was pronounced a ban for Jews to trade in Wertingen, this probably had no particular or lasting effect. Binswangen in the west and Buttenwiesen in north of Wertingen were a half or resp. an hour walk from Wertingen. Both villages had a significant Jewish settlements, which at times was the majority of all inhabitants and therefore often were considered as “Judendorf” (Jewish village) and the shortest way to connect Binswangen and Buttenwiesen was Wertingen. So it’s no surprise that Joseph Mindler a Wertingen born lawyer and father of his same named son who later was Greek Parliament stenographer in Athens in 1803 stated in his  Topography of Wertingen that Jews in Wertingen can operate free trade in any way they like and that two-thirds of all trade in the town was Jewish to the satisfaction of their local customers.

Only in 1942, seventy years from now, some forty Jews from the neighborhood were sent via train from Wertingen railroad station on their way to Piaski concentration camp near Lublin in German occupied Poland. Almost all of them perished. In Binswangen the former synagogue in 1996 was redecorated in order to use the building as communal event location, for instance for lectures, classical musical, advent choral or so called Klezmer concerts, etc.

By all accounts there however are obviously no intentions to try for a resettlement of a new Jewish community there.


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