Burgau revisited

April 19, 2012

Burgau und die nach ihm benannte Markgrafschaft im heutigen bayerischen Schwaben war von etwa von 1300 bis 1800 für ein halbes Jahrtausend österreichisches Gebiet. Wenngleich nicht immer ein zusammenhängendes Territorium und zeitweilig eher eine Art Fleckenteppich, war es doch ein politisch und kulturell zusammenhängendes und funktionierendes Teil der österreichischen Monarchie.

Der Name Burgau wird wohl treffend als Burg-Au gedeutet, denn um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Augsburg erstmals „Herren von Burgau“ erwähnt. Im Jahre 1212 werden deren Nachkommen zu Markgrafen ernannt und in der Folge orientierten sich die Burgauer wohl bereits an den Habsburgern, die bald versuchten die schwäbischen Gebiete für ihr Reich zu sichern.

Als 1324 zur erfolglosen Belagerung durch Soldaten des Wittelsbacher Kaisers Ludwig Bayer. 1418 verhinderten Augsburg und Ulm einen Verkauf der Gebiete an Bayern, da man in den Reichsstädten um die eigene Unabhängigkeit fürchtete und deshalb – später auch unter dem Einfluss der Fugger – eher den Vorderösterreichern zugeneigt war.

Mit dem 30jährigen Krieg endete die Herrschaft in Burgau, dessen letzter Markgraf Karl 1618 verstarb. Als Sohn Erzherzog Ferdinands von Österreich und der nicht standesgemäßen Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527-1580) war Karl nicht voll erbberechtigt. Der Markgraf und seine Frau waren bei ihren Untertanen nur mäßig beliebt, da sie ihre beargwöhnte Verbindung mit religiösem Eifer kompensieren wollten. 1516 führte dies zu einem Bierverbot in Burgau und im Jahr darauf zur Ausweisung der Juden (unter den auch Brauer waren). 1518 starb er sodann und wurde hernach in Günzburg bestattet, wo er ziemlich verschwenderisch mit seiner Frau gelebt hatte. Die Markgrafschaft wurde sodann von den Habsburgern in Tirol regiert und von ihnen in Günzburg ein Landvogt eingesetzt. Um 1805 gingen die Gebiete der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau an Bayern. Heute hat Burgau etwa 9000 Einwohner, wovon 7000 am Ort selbst leben, der natürlich über die mittelalterliche Stadt hinausreicht. Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungszahl rückläufig.

Altes Rathaus von Burgau

Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (1506-1585) verknüpft, der in Günzburg geboren wurde, in Burgau aufwuchs, dort Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses war und nach seinem Tod auch begraben wurde. Er war ein großer namhafter Gelehrter, kaiserlicher Hoffaktor, ein großer Mäzen und Autor gelehriger Bücher in taitscher Sprache. Sein Vorfahr Falk Lemlin (1390-1465) hatte 1438 Augsburg verlassen müssen und ging nach Ulm. Der Lehrer seiner Kindheit in Burgau war Rabbi Jona, der Sohn von Jakob ben Jehuda Weil, der letzte überregional bedeutsame Gelehrte  Augsburgs, der die Stadt 1438 als einer der ersten verließ und schließlich nach Erfurt ging. Auf seinen Schriften fussen die heutigen Verodnungen der Schechita.

 

Ausschnitt aus Simon Ulmo’s taitscher Erklärung hebräischer und aramäischer Redensarten aus Mischna und Talmud

 

Aus dem Jahr 1470 ist in einer Urkunde in Graz Salomon von Burgau mit weiteren Juden von Ulm wegen Geldleihen an einen christlichen Kleriker erwähnt, wobei es sich wohl um einen Verwandten Simons handelt. 1587 verfügt die Markgrafschaft, dass Juden den Christen rechtlich gleichgestellt seien. 1593 erhält Lemle von Burgau (ein Sohn von Simon) von Freiherr Ferdinand von Grafeneck das Schloss und Dorf Hasenweiler bei Ravensburg, da dieser eine Schuld über 3500 Gulden nicht bezahlen konnte. Es folgten jedoch über Jahre andauernde Rechtstreitigkeiten, ehe Dorf und Schloss für 16.000 Gulden an das Kloster Weingarten verkauft und Lemle ausbezahlt wurde.

Ende Dezember 1596 klagten christliche Bewohner in Burgau über die Burgauer Juden, da diese wegen ihrer Feiertage keine Rücksicht auf die christlichen Feiertage nehmen würden und zudem offenbar auch verlangten, dass ihre christlichen Bediensteten an diesen Tagen für sie arbeiteten. Dies wurde am Ort wohl als Verspottung der „wahren“ christlichen Religion durch die „verdammten“ Juden aufgefasst. Als Rabbiner in jener Zeit ist in den Raittungen (Rechnungen) von Burgau „Leo Jude, Lehrmeister“ notiert. Gemeint ist Jehuda Schmuel (1538-1604), Sohn des Simon Ulmo-Günzburg, der mit Frau und Sohn verschiedentlich genannt wird, 1599 etwa „Leo Jud, Lehrmaister und sein Sohn Itzig Jud der Jung Lehrmaister und Schulklopfer“. 1602 heißt es statt „Leo“ (sowohl Lew als auch Leo dienten häufiger als Umschreibungen des Namens Juda) nun „Leb, Itzig Jude, Lehrmaister und sein Mueter“. Itzig kennen wir aus hebräischen Quellen als Itzchak ben Jehuda Schmuel Ulmo (1570-1618) . Seine Frau wird in der Liste ab 1619 folgerichtig als „Itzig Jüdin, Lehrmaisters Witib“, also als Witwe des Lehrmeisters Isaak verzeichnet.

Im Jahr 1617 veranlassten Markgraf Karl und seine fromme Frau Philippine aus dem Haus der Augsburger Patrizier Welser, das im Jahr 1614 seinen „Falliment“ erklärte, d.h. pleite war , die „Ausschaffung“ der Juden aus Burgau. Ob es wirklich zum Weggang der Juden führte ist unklar. Möglicherweise verließen die Burgauer Juden, die gerade den frühen Tod ihres Rabbiners zu beklagen hatten, den Ort unterhalb der Burg tatsächlich kurzfristig, um vielleicht in Scheppach oder Günzburg Unterschlupf zu finden. Spätestens nach dem Tod des letzten Markgrafen kehrten sie jedoch wieder zurück, weshalb wir ab 1619 sodann auch die Witwe des Rabbiners als Steuerzahlerin finden. Von 1622 bis 1631 wirkte sodann David, der Sohn des Isaak als Rabbiner, dessen Bruder Abraham siedelte sich in Pfersee an. Eine Rechnung aus selber Zeit über verlangte Abgaben für Stadtwächter aber auch für Kriegskosten an die Burgauer Juden in Höhe von stattlichen 200 Gulden. 1611 belief sich die jährliche Höhe der jüdischen „Sitzgelder“ auf rund 185 Gulden. Die Wächter wurden offenbar auch zur Abwehr der Infektion benötigt, an der viele Einwohner erkrankt waren und starben. Die Pest wird häufig als Argument gebraucht, um die Ausweisung der Juden aus Burgau zu begründen, doch wurde diese bereits 1617 angeordnet und bleib offensichtlich folgenlos. Als 1631 aber bereits schwedische Truppen immer tiefer nach Deutschland vordringen klagen nun die Juden in Burgau in Augsburg gegen den Burgauer Stadtprediger Kaspar, da dieser einigen Aufruhr erhebt, vor der Synagoge und dem Lehrhaus randaliert und Verleumdungen verbreitet oder auswärtigen jüdischen Händlern nachgeht und gegen sie mitunter handgreiflich wird. Einen Juden aus Steppach, wo wie in Pfersee Söhne und Enkel der Ulmo vor Jahrzehnten ausgesiedelt waren, habe er so mit einem Stecken angegriffen, usw. Mit dem weiteren Vormarsch der Schweden hatten Burgau wie auch der Dorfprediger im Folgejahr jedoch ganz andere Sorgen. Auch die jüdische Geschichte in Burgau endet mit den weitgehenden Zerstörung des Ortes.

Doch aus dem Jahr 1653 ist in Burgau der Jude Josef notiert, der gegen Wilhelm Konrad Schenck von Stauffenberg klagt, da dieser offenbar seine Schulden nicht bezahlen konnte. Da er als Josef von Burgau bezeichnet wird, ist anzunehmen, dass er tatsächlich am Ort lebte. 1665 wird über die Wiederansiedlung von Juden in Burgau verhandelt. Die Rede ist „wie von alters her“ von acht oder neun Familien. Christliche Prediger vor Ort sind anderer Ansicht und sprechen davon, dass sie „solches Ungeziefer“ nicht wieder haben wollten. Offenbar wurde dem Begehren zumindest einiger Juden trotzdem nachgegeben, da sich im Dezember 1668 der aus Pfersee stammende Jude Hertzog  in Burgau meldet und darauf hinweist, dass vor dem großen Krieg (wohl 1631) sein Großvater die Judenschule „auf eigene Kosten und zur Ehre Gottes und ihm zu Nutze und Heil habe erbauen lassen“, weshalb er nun darum bat, dass man ihn nun doch bitte nicht abweisen möge deswegen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei jenem Hertzog (oder Hitzig) um Isaak, den Sohn des letzten Rabbiners David Ulmo handelte. Ob es ihm gelang das Gebäude in der heutigen Stadtstraße, dass den Krieg wohl wenigstens teilweise überstanden haben muss, wieder erlangte ist nicht bekannt, muss aber bezweifelt werden, da es in der Folgezeit nur noch spärliche einzelnen Nachrichten über Juden in Burgau gibt. Dabei handelt es sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lediglich um Bestimmungen für auswärtige jüdische Händler, die an jenen Tagen und Stunden am Markt sein dürfen.

Die vielleicht größte Anzahl von Burgau folgte dann aber wohl erst rund 275 Jahre nach dem Ersuchen von Isak Ulmo aus Steppach, als nämlich von 1944 bis 1945 für die Dauer etwa eines Jahres in Burgau ein Arbeitslager errichtet wurde, in welchem jüdische Zwangsarbeiter, die aus Osteuropa verschleppt wurden (während im Gegenzug schwäbische Juden nach Polen deportierte) für Messerschmidt im sog. „Kuno Werk“ im Scheppacher Forst Düsenjets montieren sollten. Insgesamt etwa 1100 Gefangene wurden dort unter schlechtesten Bedingungen zur Zwangsarbeit genötigt. Über die Anzahl der Toten gibt es keine Zahlen, jedoch wurde in einem Pressebericht anlässlich der Errichtung eines Gedenksteins vor einem Jahr, die Zahl von 18 namentlich bekannten Toten erwähnt. Diese sind in der Inschrift nicht aufgeführt, stattdessen ein deutsches Zitat aus dem Buch Hiob:

Wenn ich daran denke, erschrecke ich und mein Zittern ergreift meinen Leib

Und darunter: „Zum Gedenken an die Verfolgten der NS-Herrschaft. Ihr Leiden und Sterben sei uns Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Dieser Stein erinnert an diejenigen, die im Burgauer KZ-Außenlager gelitten haben.“

Dass es sich bei den Gefangenen um Juden handelte, war den Verfassern so wenig Notiz wert, wie auch sonst in Burgau eigentlich nichts mehr an die lange über zweihundertjährige jüdische Geschichte erinnert.

Am 23. April 1945 bombardierten US-Flieger siebzig startklare Messerschmitt Jets und das Werk entlang der heutigen Karlsbader Str. im Süden der Stadt. Im Norden hingegen befindet sich der jüdische Friedhof von Burgau, nördlich der Eichenstraße. Grabsteine sind keine mehr erhalten und der Platz selbst längst nicht mehr ummauert. Die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

* * *

Burgau today is a small town with some 9000 inhabitants but it has a rich history with a number of quite interesting Jewish aspects. For the period of a half millennium Burgau was capital and eponymous for the Austrian forelands of Margravate Burgau which reached from Ulm to Augsburg.

Simon ben Elieser Ulmo Günzburg (1506-1585) one of the most important scholars of his times lived in Burgau where he was a rabbi and head of a prominent yeshiva. His Jewish-German collections of sayings of course were inspired by the language of the region. Until 1631 there was a Jewish community in Burgau, which also had an own cemetery. The year after the Thirty years War (1618-1648) afflicted the town and region. In the following decades and century there are only scarce notes on Jews in the town. About 1668 Isaac from Pfersee, offspring of the former Burgau builder of the new synagogue for a last time tried to return to the heritage, but obviously failed. Christian preachers had warned against “such vermins”.

275 years alter however, when Burgau had some 3000 inhabitants in the south of the town there was the Burgau satellite concentration camp “Kuno Werke” with some 1100 Jewish prisoners abducted in Hungary and Poland, who were forced to assemble Messerschmitt jet fighters. The number of victims is not known, but last April a monument with a quote from the Book of Job was erected in order to commemorate this part of the past. However nothing reminds of the history of the almost three centuries long Jewish community of Burgau. The old Jewish cemetery north of Burgau’s Eichenstr. has no markers left and no fence or wall. It just is an arable field, dugged up for generations.

The (hand)writing on the pavement cobble says that “Burgau is older than Munich“, whatever this information does amount to. Actually Burgau is first mentioned in an Augsburg deed in 1147, Munich in 1158 (“Augsburger Schied”)

כבש הזהב של בורגאו


Isidor Obermayer 1783 – 1862

April 5, 2012

Vor genau 150 Jahren, wohl am 4. April 1862 starb in Augsburg der Vorsitzende der noch inoffiziellen jüdischen Gemeinde, der Eisenbahnpionier, Händler, Investor und Bankier Isidor Obermayer.

Isidor (Jitzchak bar Jakow) wurde als Sohn von Jakob Obermayer (1755-1828) aus Kriegshaber und Ida Oppenheimer (1765-1845) aus Pfersee geboren und wohnte mit seinen Eltern ab 1804 in Augsburg im dort erworbenen Haus am Obstmarkt, Ecke Hafnerberg. Sein Vater war Geschäftspartner der angesehenen Kaula – Familie aus Hechingen und Stuttgart, die auch in Kriegshaber, dann in Augsburg (und München) präsent waren und gehörte zu jenen jüdischen Bankiers, die sich in jener Zeit für ihre Familien ein bleibendes Wohnrecht in Augsburg erkaufen konnten. Im Jahre 1821 erwarb Isidor, damals bereits erfolgreich als Wechselhändler tätig, das Anwesen Heilig-Grabgasse, Ecke Maximilianstraße, welches den heutigen Augsburger als Standesamt bestens bekannt ist. 1822 wurde er zur Augsburger Börse zugelassen. Isidor Obermayer gilt als einflussreicher Mitbegründer der modernen königlich bayerischen Staatsbank, sowie der 1834 initiierten und im Oktober 1835 eröffneten Bayerischen Hypotheken und Wechselbank, die 1998 mit der Bayerischen Vereinsbank zur „Bayerischen Hypo- und Vereinsbank“ fusionierte und heute noch die fünftgrößte deutsche Bank ist. Als Eisenbahnpionier war Isidor Obermayer maßgeblich verantwortlich für den Ausbau der ersten bayerischen Überlandstrecke zwischen Augsburg und München, wofür er seitens der ausführenden „München-Augsburger Eisenbahn-Gesellschaft“ damit beauftragt wurde aus dem englischen Pionierland höchstpersönlich Schienen und die ersten Lokomotiven zu besorgen. Diese wurden bis 1840 wie vorstellbar ist, recht mühsam und langwierig per Schiff und über Land nach Augsburg, bzw. zu den jeweiligen Streckenabschnitten verbracht. Das damalige erste Augsburger Bahnhofsgebäude beim Roten Tor wird heute als Straßenbahndepot benutzt, ist aber das älteste noch existierende ehemalige Bahnhofsgebäude der Welt. 1846 wurde im Westen der Altstadt das heutige Bahnhofsgebäude errichtet, das eines der ältesten im Betrieb befindlichen ist.

Trotz aller gesellschaftlichen und finanziellen Erfolge – wozu man auch die Verheiratung seiner Tochter Henriette mit dem Erben des mächtigen Kölner Bankhauses von Salomon Oppenheim rechnen kann – gelang es Isidor Obermayer nicht der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die nach dem Tod seines Vaters Jakob im Jahre 1828 rapide anwuchs, substantiell zu unterstützen, obwohl es ihm weder an Räumlichkeiten noch an finanziellen Mitteln und auch nicht an Einfluss mangelte. Zeitgenössische Klagen konstatieren, dass die durchaus vermögende Judenschaft in Augsburg keine eigentliche solche sei, da obgleich sie Millionäre und weitere fast ebenso potente Mitglieder habe, noch nicht mal eine kleine Synagoge zustande brachte, wie man sie in jedem Bauerndorf finden könne. Jakob Obermayer wurde von Samson Binswanger, gegen dessen Ansiedlungsrecht in Augsburg er jahrelang und schließlich erfolglos kämpfte, überredet, nun, wo sie dann doch Nachbarn am Obstmarkt geworden waren, eine Betstube für die Juden in Augsburg einzurichten. Es blieb jedoch bei diesem als Übergangslösung gedachten Einrichtung, die nach dem Tod von Jakob Obermayer und Samson Binswanger aufgegeben wurde. Von 1830 an bis zum Tod von Isidor Obermayer fanden die Gottesdienste der Augsburger Juden im Hinterzimmer einer Garküche (heute würde man sagen „Schnellimbiss“) abgehalten (natürlich mit entsprechenden Gerüchen und Geräuschen). Es gab in Augsburg keinen Rabbiner, keine Lehrer für den Unterricht der Kinder und folglich auch keine eigentliche Schule. Der Unterricht wurde von Lehrern aus Pfersee und Kriegshaber erteilt, die eigens dafür nach Augsburg kommen mussten. Entsprechend verhielt es sich mit dem Tauchbad, mit Heiraten, Beerdigungen, usw. Binnen sechs Jahrzehnten hatten die federführenden Obermayer in Augsburg nicht mal Ansätze einer für jede funktionierende jüdische Gemeinde grundlegende Infrastruktur zuwege gebracht. Erst mit Isidors Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) sollten einige dieser Missstände verschwinden, aber auch neue hinzukommen.

Ehemaliges Gartenhaus von Isidor Obermayer am Schwibbogenplatz in Augsburg, heute ein Jugendzentrum

 

Isidor Obermayer starb am Spätabend des 3. April 1862 in seinem Haus in der Maximilianstraße. Sein Tod ist fast untrennbar mit der damaligen Bühnengröße Tenor Theodor Wachtel verbunden.

Der „Schwäbische Kurier (Augsburger neueste Nachrichten)“ berichtete davon, zitierte dabei aber

Aus dem ‚Bayerischen Kurier‘: Der bekannte Tenorist Wachtel, welcher in Augsburg gastierte, war bei dem dortigen Consul Obermayer zu eienr Abendgesellschaft eingeladen. Alles war in der heitersten Stimmung und noch um halb 12 Uhr begeisterte er die Gesellschaft durch das Terzett aus Tell. Er sang eben die letzten Zeilen von dem schönen Liede Arnolds, womit dieser den Tod seines Vaters beklagte: ‚Er fiel, er starb der heiligen Sache, zu seiner Seite stand ihm nicht der Sohn‘ – als Diener in das Zimmer stürzten und Herrn Consul Obermayer zuriefen, er möge schnell in das Zimmer seines Vaters kommen. Der Sohn eilte hinab und fand den geliebten Vater, Herrn Bankier Obermayer vom Schlage gerührt, tot.“

Carl von Obermayer, mittlerweile Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg (das Konsularbüro befand sich im Haus) hatte den damals bekannten Tenor Theodor Wachtel (1823-1893), der wegen einiger Auftritte im Theater in der Stadt weilte und während dessen bei den Obermayers wohnte zu einer Geselligkeit eingeladen. Ob tatsächlich gerade jene Worte gesungen wurden, als die Dienerschaft den Konsul aufschreckte, ist nicht zu bestimmen. Der wahre Kern dürfte freilich in der Ausführung bestehen, dass der Vater starb, ohne dass der Sohn ihm beistand. Isidor Obermayer war bereits seit sechs Jahren Witwer und galt allgemein als kränkelnd. Der Winter 1861/ 1862 war ihm nicht gut bekommen. Nach Angaben des aus Pfersee stammenden Militärarztes David Ullman (1824-1910), dessen Praxis sich am Judenberg befand und der Obermayer behandelte sollte dieser in seinem angeschlagenen Zustand jegliche Anstrengung und Aufregung vermeiden. Bei der Abendgesellschaft an der neben Sängern und Schauspielern „über zwei Dutzend“ Leute aus der feineren Gesellschaft Augsburgs teilnahmen, soll es jedoch hoch hergegangen sein.

Theo Wachtel

Theodor Wachtel (1823-1893) wurde als Sohn eines Kutschers in Hamburg geboren und führte zunächst den Betrieb seines Vaters nach dessen Tod weiter, bis eines Tages, wohl bei einer Fahrt, seine Tenor-Stimme entdeckt wurde. Eine klassische Ausbildung als Sänger erhielt er nicht, doch schätzten Kritiker über Jahrzehnte hinweg seine wohl erhebliche Stimmgewalt, monierten mitunter aber seine wohl eher dürftigen schauspielerischen Qualitäten. Manche verspotteten ihn gar als „jaulenden Kutscher“. Aufgrund seines für den zumindest damaligen „Geschmack“ galt Wachtel jedoch auch als Frauenschwarm und hatte entsprechend viele Verehrerinnen. U.a. sang er bei der Premiere von Wagners „Thannhäuser“ den „Walther“. Zur Zeit seines Besuches im Palais der Obermayer in Augsburg (Carl hatte er in Wien kennen gelernt), sang er an der Wiener Hofoper, wo er bis 1865 blieb. Er trat sicher mehrmals an allen größeren und wichtigen Bühnen im deutschsprachigen Raum auf und war modern interpretiert eine Art „Popstar“ mit eigenen Autogramm-Karten, die man damals freilich noch „Visitenkartenportraits“ nannte. Mehrere Tourneen und Gastspiele führten ihn auch ins Ausland, etwa zu Beginn der 1860er Jahre mehrmals für mehrere Monate nach England, gelegentlich nach Paris oder in den 1870ern auch zweimal in die USA.

In der Woche nach Isidor Obermayers Tod trat Theo Wachtel dann, wie vorgesehen, im Augsburger Stadttheater auf. Das Theater befand sich damals noch am Lauterlech, brannte aber im März 1874 ab. Theaterliebhaber und Förderer, zu denen auch die Obermayers gehörten, unterstützten aber bereits vorher die Pläne zum Neubau eines repräsentativen Theaters, das nun gebaut und 1876 eingeweiht werden konnte. Wachtel bot verschiedene Kostproben, insbesondere aber den „Postillon von Lonjumeau“, eine komische Oper in ein drei Akten von Adolph Adam, die sich in bestimmten Kreisen großer Beliebtheit erfreuten, vergleichbar heutiger „Musicals“. Ein Logenplatz kostete damals stattliche zwei Gulden, im zweiten Rang immer noch ein Gulden und einen halben. Die billigeren Plätze wurden aber offenbar stärker von der jüngsten Preiserhöhung betroffen, als eben jene.

In vielerlei Hinsicht interessant ist hierzu die Kritik der „Neuen Augsburger Zeitung“ vom 8. April 1862:

„Dienstag, 8. April. Zweites Gastspiel des Herrn Theodor Wachtel. Martha, Oper von Fiottow. Ein Unbekannter hat im Briefkasten eines hiesigen Lokalblatts demonstriert, dass die Besitzer der Logen ersten Ranges bei der gegenwärtigen Preiserhöhung eigentlich unverhältnismäßig billig weggekommen sind. Leider Gottes scheinen sie davon gar nicht mal profitieren zu wollen; denn für Herrn Wachtel gewiss eine seltene Erscheinung, gerade der erste Rang war nur schwach besetzt, wozu freilich einige in diesen Tagen neuerdings auftretende Todesfälle etwas beitragen mögen. Der Enthusiasmus für den trefflichen Sänger war aber deshalb nicht geringer, und weniger als dreimaliger Hervorruf nacheinander war gar nicht da. Herr Wachtel sang aber auch danach und besonders in den beiden Arien „Ach so fromm“ und „Mag der Himmel dir vergeben“, entwickelte der Gast seine ganze herrliche Stimmfülle glänzend. Das Ensemble der Oper war ungestört und die Träger der Hauptpartien, Fräulein Klettner, Fräulein Ultsch und Herr Feuerstake, sehr gut, obgleich es nur dem letzteren – der übrigens eine stete Neigung zum Karikieren hat – gelang nach dem Porterlied einen Applaus von dem Publikum zu erobern, das nur für die Töne eines Einzigen Ohren hatte, der eben Wachtel hieß.“

Der Kritik können wir die offenbar auch in Augsburg anzutreffende Bewunderung für Wachtel nachvollziehen. Die etwas makabere Begründung der leer gebliebenen Logen-Plätze mit Todesfällen bezieht sich zweifellos auf Isidor Obermayer. Dass die Abendgesellschaft des Konsuls Obermayer im Hause seines kranken Vaters, in der Etage über dessen Gemächern durch den mitternächtlichen Tod jäh abgebrochen wurde, war der feinen Gesellschaft in Augsburg nicht entgangen, befanden sich unter den Versammelten ja auch Bürgermeister Georg von Forndran und verschiedene andere Honoratioren. Zugegen war freilich auch das damals 24jährige in der Kritik als „gut“ gewürdigte Fräulein Rosalie Ultsch, die eine Liaison mit dem Konsul hatte und später seine Frau wurde. Isidor Obermayer hatte für die Beziehung seines Sohnes zur der aus Bad Kissingen und einfachen Verhältnissen stammenden Schauspielerin und Tänzerin, die er als mäßige Lola Montez – Kopie abtat keinerlei Sympathie. Immer wieder war es zwischen Carl und seinem Vater deswegen auch zu Streitereien gekommen.

Am 7. April veröffentlichte die Neue Augsburger Zeitung eine „Danksagung“ von Carl Obermayer und seinem Kölner Schwager Simon Oppenheim: „Wir fühlen uns gedrungen, für die vielen Beweise der Liebe und Anteilnahme, welche dem Andenken unsers teuren heimgegangenen Vaters und Schwiegervaters, besonders bei dem Begräbnis dargebracht wurden, unseren tiefgefühlten Dank auszusprechen und die Erinnerung daran, die nie erlöschen wird, soll uns aufrichten in unserm großen und gerechten Schmerz – Augsburg, 7. April 1862 – Carl Obermayer, Simon Oppenheim

In der Woche darauf meldete das selbe Blatt: „Herr Banquier Isidor Obermayer hat unter seinen frommen Vermächtnissen auch die „Anstalt für alte und kranke weibliche Dienstboten“ dahier mit einem Legate von 100 Gulden bedacht. Dem edlen Manne sei dafür der tiefsinnigste Dank gesagt – Augsburg, den 15. April 1862, das Comité der Versorgungsastalt alter und kranker weiblicher Dienstboten, Josef G. Dreer, Vorstand

Aus der öffentlichen Magistratssitzung wurde folgendes vermeldet: „Konsul Obermayer (Obermayr) zeigt an, dass sein verstorbener Vater Herr Isidor Obermayer ein Kapital von 500 Gulden legiert habe, aus dessen Zinsen jährlich eine israelitische und wenn eine solche nicht vorhanden ist, eine andere Familie unterstützt werden soll. Derselbe hat ferner dem Frauen-Verein für verehelichte Wöchnerinnen 200 Gulden und den Kinderbewahranstalten 200 Gulden vermacht, was dankbar akzeptiert wurde.“

Schließlich notierte die Neue Augsburger Zeitung auch das finanzielle Erbe, demnach hätte „der dieser Tage dahier Verstorbene Bankier Herr Isidor Obermayr ein Vermögen von mehreren Millionen hinterlassen“.

Grabplatte des Isidor Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber Pfersee. Das eigentliche Grabmonument im Obermayer Familienensemble wurde in der Nazizeit zerstört und nach dem Krieg in das Monument am Eingang des Friedhofs verbaut. Dank früherer Aufzeichnungen aus Pfersee ist jedoch der Begräbnisplatz bekannt.


A new tram stop at Koenigslatz Augsburg

March 14, 2012

Due to construction works at Koenigsplatz Augsburg, where is located the central bus and tram station, there now will be a new tram stop at the spot where until 150 years ago was the main city gate towards Austrian Swabian lands of margravate Burgau and the nearby Jewish settlements in Pfersee, Steppach, Schlipsheim, Kriegshaber and Fischach. The new stop just will be a temporarily one until the reconstruction of the “traffic center” will be accomplished in 2013.

עקב עבודות הבנייה בתחנת האוטובוס המרכזית אוגסבורג, שם עכשיו יהיה תחנת חשמלית חדשה, במקום שבו עד לפני 150 שנה היה שער העיר הראשי, המשמש את יהודים במאות הקודמות להיכנס לעיר מכיוון מערב


Augsburg am Königsplatz

March 13, 2012

Im Zuge der Fortsetzung der Umbauarbeiten am Augsburger Königsplatz, bzw. der Fugger- und Schaezler Str. in Augsburg entsteht aktuell gerade eine neue Straßenbahnhaltestelle just an der Stelle, an der sich früher die Anlage des Gögginger Tores befand, durch welches man damals die heutige Bahnhofstraße entlang auf den schnellsten Weg nach Pfersee gelangte (weshalb die Straße ja auch Pferseer Weg hieß). Pferseer Juden nutzten den Weg hin und her so stark, dass eine Betonierung auf dieser Strecke kaum erforderlich war. :-)

An das ehemalige Tor erinnert heute ansonsten nur noch die Gedenktafel an einem Seiteneingang des ehemaligen Kaufhaus Landauer.

neue Haltestelle vor dem alten Landauer Kaufhaus

Die neue Haltestelle beim alten Landauer Kaufhaus über den Resten des Gögginger Tors nach Pfersee.


Jewish Kriegshaber revisited

February 17, 2012

ביי זיין לעצט ביקור אין אַוגסבורג ד”ר ארתור אָבערמייר מבוסטון, ארצות הבריתר

האט באזוכט מיט אונדז די אַלט ייִדיש בית העלמין פון פּפערשע און קריגשהאַבער

און די הויז פון די אַלט קריגשהאַבער שול, וואָס איז איצט זייַענדיק יומרו למוזיאון

מיר האָבן געקענט צו רעדן מיט די אַרקאַטעקץ פון די בנין פראיעקטן

 


Augsburg Königsplatz

January 11, 2012

          Der Königsplatz in Augsburg ist etwa dort wo sich früher das westliche Haupttor der Stadt das Gögginger oder Gegginger Tor befand – das wegen dem geradeaus führenden Weg nach Pfersee (“Pferseer Weg” heute Bahnhofstr.) auch besser Pferseer Tor geheißen hätte. Das Tor wurde 1862 abgerissen und der geschaffene Platz zu Ehren von König Ludwig II im Juli 1869 dann eben Königsplatz genannt. Mehr als 12 Jahre nannten die Augsburg den Platz nach ihren damaligen Ehrenbürger Adolf Hitler, einem anderen Selbstmörder. Danach war es wieder der Königsplatz, aber der Bezug zu Ludwig ist Straßenbahnen und Bussen gewichen. Als Verkehrsknotenpunkt oder “Drehscheibe” wird der Platz nun umgebaut, wobei wesentliche Arbeiten 2012 stattfinden sollen. Ein Belastung für die “Bürger” die hauptsächlich als Autofahrer gedacht werden …


Ferdinand Wertheimer (1817-1883)

January 6, 2012

Ferdinand Wertheimer was a member of the Upper Austrian Landtag in Linz, he also was landlord in Ranshofen and honorary citizen of three places Ried, Ranshofen and Braunau in the Inn-Viertel (famous region south-east of the Inn river in Austria), since he connected the small towns as railroad pioneer to the modern world. The later mentioned place Braunau / Inn at the Austrian-German border actually was the birth place of Adolf Hitler, who in 1889 also was baptized in a church which then was in possession of the Jewish Wertheimer family. Ferdinand Wertheimer also initiated the railroad connection between Braunau and Munich, obviously used by the young Hitler.

Ferdinand (Joshua) Wertheimer was the grandson of Bernhard  Ulmann (Ber Ulmo) of Pfersee and an offspring of famous rabbi and court agent Samson Wertheimer and his son Wolf Shimon Wertheimer who as Ferdinand is buried at the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber. However he was raised by his stepmom Babette, the sister of Isidor Obermayer. Fedinand studied chemistry and was influenced by famous Prof. Liebig, he also was a succesful cattle breeder, beneficient to parentless children as well as a patron of arts, fire fighter, as town councilman and member of the local parliament he was a liberal politician as well as a traditional (Greeks put it “orthodox”) Jew … and many more. His grandson Egon Ranshofen-Wertheimer (a Roman Catholic) was part of the short-lived Bavarian Soviet Republic, but also worked for the Geneva based League of Nations and after the war for the United Nations in New York. As columnist he was a fierce opponent of the Nazi Regime in Germany, led by Hitler who has stolen his birth house in Ranshofen Braunau.

His memory however is almost entirely faded, so we put him as first part of a new series of articles on portraits of Augsburg Jews.

Der Pionier Ferdinand Wertheimer  (11 pages short biography in German)

Ferdinand Wertheimer ist am jüdischen Friedhof von Pfersee/Kriegshaber bestattet. Sein Grabmal, wie das seiner, oft fälschlich für seine leibliche Mutter gehaltenen Stiefmutter, wurde von den Nationalsozialisten gründlich zerstört, möglicherweise auf “höheren Befehl”. Ferdinand Joschua Wertheimer war nämlich nicht nur Gutsbesitzer in Ranshofen (seit dem “Anschluss” 1938 ein Teil von Braunau), sondern hatte als Eisenbahn-Pionier auch die Orte Ried und Braunau an die Moderne angeschlossen, wofür er nicht nur in Ried und Ranshofen, sondern auch in Braunau mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde.  Er besorgte auch die womöglich verhängnisvolle Bahnlinie Braunau-München, die der spätere Diktator bekanntlich benutzte.  Adolf Hitler wurde zusätzlich zu all diesem in der Kapelle katholisch getauft, die von Ferdinand Wertheimer mit dem ehemaligen, 1811 aufgehobenen Chorherrenstift erworben wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass Hitler nichts über den Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und Eigentümer seiner Taufkappelle gewusst haben sollte.

Ferdinand Wertheimer ist anders als sein katholischer Enkel Egon, nach dem in Braunau 2007 ein Preis benannt wurde, weitgehend vergessen, ganz zu Unrecht, weshalb wir ihn, der liberaler Politiker, Feuerwehrmann, orthodoxer Jude, Chemiker, Rinderzüchter, Journalist, Mäzen, Theaterintendant und manches andere war, zum ersten Teil einer neuen, in loser Folge erscheinenden Folge von Portraits  Augsburger, österreichisch- oder bayerisch-schwäbischer Juden der letzten tausend Jahre nehmen wollen.


Juden in Günzburg

December 18, 2011

Über die jüdische Geschichte Günzburgs ließe sich – und lässt sich – einiges erzählen, verknüpft sich mit dem Ortsnamen doch bereits eine in vielen Varianten bezeugter Bezug von Juden in aller Welt, deren Familiennamen Günzburg, Ginzburg, Ginsburg, Ginsberg, Gainsbourg oder wie sonst noch geschrieben werden.

Nach allgemeiner Auffassung steht die Ansiedlung der Juden in Günzburg mit der Vertreibung von Ulm aus dem Jahre 1499 (1503 sodann aus Laupheim) in Verbindung, was eine frühere Anwesenheit nicht zwangsläufig ausschließt.  

Der wohl bekannteste Günzburger wurde bald am Ort geboren: Schimon ben Elieser Ulmo-Günzburg (1506-1585), auch bekannt als Seligmann Ginzburg und als Stammvater der weltweit verstreuten Ulmo und Günzburg Familie (nicht alle Träger des Namens sind jedoch zwangsläufig Verwandte, während viele tatsächliche inzwischen andere Namen haben). Er wurde wohl in der Judengasse, der heutigen Münzgasse / Eisenhausgasse geboren und wuchs in Günzburg als nachkomme Augsburger und Ulmer Juden auf. Später erbaute er im benachbarten Burgau die Synagoge und stiftete der jüdischen Gemeinde einen Friedhof. Sein Reichtum war legendär und so dürfte er auch in Günzburg entsprechend wohltätig gewirkt haben, wie dies auch sonst von ihm bezeugt ist. Einige seiner Söhne und Töchter gingen nach Frankfurt am Main, andere jedoch nach Pfersee an der Wertach, wo sie bald zu den Führern der drei Fagasch-Gemeinden gehörten, womit sich der Kreis sodann auch wieder schließt.

Wo sich an der Judengasse in früheren Zeiten wohl die Synagoge befand steht heute ein Bankhaus und davor der „Schweinchen-Brunnen“ eine moderne Skulptur, die einen Schweinhirten und ein paar Schweine zeigt, die dort seit 1990 Halt machen, was niemanden stören muss, freilich aber auch nicht alle Aspekte der Ortsgeschichte angemessen reflektiert, oder vielleicht auch doch.

Ein dazu zitierter Vers jedenfalls sagt:

„Seit 1990 schon, ihr liabe Leit, am Wätteplatz dean Brunna geit, dau riesalat a Wasser na, send Suckla mi ma Händler dra, der lädt ui ei, dau zum verweila, dia stenkat nemme heit, dia Säula!”  Sie stinken nicht mehr die Schweinchen.

In Günzburg selbst erinnert heute nichts an ihn  und an die 1617 bereits wieder aufgelöste jüdische Gemeinde, dafür setzte die Stadt Josef Mengele, ihrem anderen „bekannten Sohn“ ein Denkmal, welches mittels einer Anzahl eigenartig schablonierter Augen-Masken seinen Opfern gedenken soll. Unmittelbar daneben befindet sich ein weit schlichteres zweites Denkmal, welches „den Opfern von Gewaltherrschaft, Flucht und Vertreibung“ gedenkt, freilich datiert auf die Jahre 1945-1946, was den größeren Teil der jüdischen, bereits ermordetet Opfer ausschließt.  Aber wahrscheinlich war das eine Denkmal in Verbindung mit dem anderen als Konzession möglich.

Eigenartiger Weise gibt es in Günzburg doch noch ein „jüdisches“ Denkmal, das Janusz Korczak (Henryk Goldszmit, 1878-1942) gewidmet ist, der als Leiter eines jüdischen Waisenhauses in Warschau ein Vorläufer liberaler Erziehungsmethoden war, aber von den Nazis mit seinen Kindern ermordet wurde. Mit Günzburg hat dies an sich nun gar nichts zu tun und die Tafel neben der Skulptur, die von dem israelischen Künstler Yitzak Belfer geschaffen wurde, nennt deshalb auch keine Namen ermordeter Kinder, deren man gedenken wollte, sondern jene von Sponsoren, die das Monument finanzierten, um in Günzburg einen Teil der Geschichte zu gedenken, der sich anderswo zugetragen hat. Sogar das Kernkraftwerk Gundremmingen zählt zu den edlen Spendern. Da  für diesen Zweck bloße Augen-Schablonen nicht reichten, konnte, man dies gewiss nur auf diese Weise ausführen.

 

Günzburg in the US is mostly known by countless Jews who bear the family name Ginzburg in one spelling or another. A Jewish presence in the small town at the Danube river which was a center of Austrian Swabian margravate until early 19th century is recorded about the time from 1500 when Jews were expelled from Ulm until the beginning of the Thirty years war. Shimon ben Elieser himself was born in Günzburg and was the head of the communities in the region. Three of his sons had moved to Pfersee at Wertach river, next to Augsburg were Shimon ben Elieser s ancestors once came from.  Today almost nothing reminds of the former Jewish community. At the spot of the supposed 16th century synagogue  today is a bank house with a modern swineherd fountain in front, so that there is no doubt about and likewise for the future.

Günzburg also was hometown of the infamous Josef Mengele (1911-1979). Close to the former Jewish alley there now is a memorial with a number of stereotyped eyes which is to remind of the victims of the of the white coat murderer.  Another memorial reminds of Janucz Korczak from Warsaw who never has been to Günzburg of course. A plate also does not list the name of the murdered children, but the donators who of course in no way could have remained in the background.     

 


Über Juden im schwäbischen Leipheim

December 11, 2011

Die Anfänge der Besiedelung Leipheims gehen der Legende nach ins 6. Jahrhundert zurück, werden aber erst etwas konkreter, als im späten 11. Jahrhundert, um einen Beobachtungsturm auf dem Berg Conus eine „veste Ritterburg“ erbaut wurde, über die jedoch nicht viel bekannt ist. Im letzten Viertel des 13. Jahrhundert ist ein Heinrich Güssen als Lehnsmann des Augsburger Bischofs Hartmann und Herr der Güssenburg zu Leipheim nachweisbar, dessen Söhne Diepold und Gerwich im Gefolge burgauischen Markgrafen auftreten. Der Stammsitz der Güssen war in Hermaringen (dem Geburtsort von Georg Elser, der 1939 in München den Nazi-Führer Hitler mittels eines Bombenanschlags töten wollte) bei Heidenheim.

Am Fuße der Burg entstand während der Herrschaft der Familie der Güssen eine kleine Ansiedlung. 1326 verlieh Kaiser Ludwig der Bayer den Brüdern Diepold und Gerwich das Recht die ortsansässigen Juden zu besteuern, was der Erteilung des Marktrechts für ihr Dorf entspricht. Die Entstehung des damals gewiss sehr kleinen Ortes ist demzufolge unmittelbar mit der Präsenz von Juden verknüpft, die nun als Steuerzahler zum weiteren Aufstieg des Ortes beitragen. Schon im Jahr darauf genehmigt der Kaiser den Leipheimern das Recht einen Wochenmarkt abzuhalten und die Freiheiten der Stadt Ulm, wozu auch „Stock und Galgen“, also eine eigene Gerichtsbarkeit gehören. Leipheim wuchs weiter und erhielt bereits 1330 das Stadtrecht verliehen und wurde mit Toren und Mauern befestigt, deren etwa ein Kilometer langer Verlauf heute noch zum größeren Teil erhalten ist. Im Jahr 1374 jedoch trennten sich die Erben der Güssen von ihrem Besitz und verkauften die Burg zusammen mit der Stadt an den Grafen Eberhard von Württemberg (1315-1392). 1449 wurde Leipheim von Augsburger Truppen belagert und eingenommen. 1453 gelangte der Ort in Besitz der Reichsstadt Ulm und als dort im Jahre 1499 die jüdische Gemeinde endete, dauerte es nur weitere vier Jahre, bis 1503 auch die beinahe zweieinhalb Jahrhunderte währende Geschichte der Juden in Leipheim zu Ende ging. Wie die Ulmer Juden zog es auch die Leipheimer ins nur weniger Kilometer östlich gelegene Günzburg, zu welchem es bereits enge Beziehungen und familiäre Bindungen gab. Leipheim hingegen stagnierte in seiner weiteren Entwicklungen. Nur etwa zwanzig Jahre erlangte der „Leipheimer Haufen“ traurige Berühmtheit, als Kramer gemäß, im Bauernkrieg etwa „6000 aufrührerische Bauern umkamen; jedes Haus in den hierauf geplünderten beiden Städten Leipheim und Günzburg, in welchen sich die rebellischen Bauern verteidigt hatten, musste 6 Gulden Kriegs-Kontribution entrichten, die Rädelsführer wurden aber geköpft oder gehangen. Seit 1974 nennt sich in der Stadt eigenartiger weise ein Faschingsverein „Leipheimer Haufen“, was kaum einem Andenken der damals europaweiten und vor den Toren des Ortes recht dramatischen Geschehen gerecht wird, aber das muss man wahrscheinlich nicht so ernst nehmen. Das heutige Leipheimer Schloss geht auf die Zeit um 1560 zurück, jedoch wurde es wie die Stadt 1634 im Zuge des Krieges niedergebrannt. 1725 notiert ein örtlicher Pfarrer, dass 1500 Menschen am Ort leben. Daran hat sich weiter nichts geändert, als im Jahre 1841 Georg Friedrich Kramer im „Statistischen Handbuch für den Regierungsbezirk von Schwaben und Neuburg“ (s. 88 f.) notiert, dass Leipheim 256 Häuser, 400 Familien und zusammen 1522 Einwohner hat. 1853 wurde Leipheim an das Eisenbahnnetz der Linie Augsburg-Ulm angeschlossen, doch von diesem Fortschritt hat der Ort aber offenbar nicht profitiert. Hermann Julius Meyer notiert für das Jahr 1859 in seinem „Neuem Conversations-Lexikon für alle Stände“ nur noch 1450 Einwohner.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs entstand bei Leipheim ein Lager für jüdische Überlebende der  Nazi-Verfolgung, im Zynismus – Jargon „Displaced Persons“ genannt. Es bestand bis 1950 und umfasste zeitweilig etwa 3000 Insassen. In der Stadt selbst wurden zeitgleich etwa tausend deutsche Flüchtlinge aus dem Osten aufgenommen und integriert. Heute leben etwa 6000 Menschen in der erweiterten Stadt.

(3 star family coat of arms of Pfersee Ulmo at Pfersee/Kriegshaber Jewish cemetery)

Am bemerkenswertesten für die jüdische Geschichte in der Region an Leipheim ist zweifelsfrei der Umstand, dass das Familienwappen der Güssen mit drei sechszackigen David-Sternen in einem Schrägbalken sich als Stadtwappen erhalten hat. Das selbe Emblem ist bekanntlich auch das Familienwappen der jüdischen Ulmo-Günzburg – Familie geworden, welches insbesondere durch die durch die Mitglieder der Pferseer Ulmo Berühmtheit erlangte. Am gemeinsamen Friedhof der jüdischen Gemeinden von Pfersee, Kriegshaber und Steppach waren vor dem Nazi-Regime noch mehr als 50 Grabsteine mit dem bekannten Familienwappens vorhanden.

(Wappen von Leipheim mit bereits etwas versetzten sechszackigen David-Sternen; Leipheim coat of arms)

Die heutigen Leipheimer scheinen mit ihrem alten Stadtwappen neuerdings Probleme zu haben und bemühen sich darum, mittels eines schwarzen Ausrufezeichens in einem rotem Kreis als neuem Emblem ein neues, anderes Image zu geben. Jedoch ist die eigenartig phantasielose Kreation wohl aus gutem Grund noch nicht auf den Ortseinfahrten zu sehen, wäre sie doch relativ leicht mit bekannteren Verkehrsschildern zu verwechseln. Etwa mit dem Schild für Gefahren, welches gleichfalls ein schwarzes Ausrufezeichen zeigt, aber von einem rot umrandeten Dreieck umgeben ist. Da Schilder mit einem rotem Kreisrand allgemein hingegen nicht Gefahren, sondern Verbote anzeigen, kann man sich die wahrscheinliche Bedeutung des neuen Leipheimer Emblems irgendwo im Bereich zwischen „Gefahrenwarnung“ und „Verbot“ vorstellen, was vielleicht auch den baufälligen Zustand zahlreicher Häuser im alten Ortskern erklären könnte.

The history of the Jews in Leipheim goes back to the early beginnings of the village which developed around the year 1300 at the foot of the Conus hill, where was a small knight’s castle. Under the rule of the Guessen family, whose coats of arms has three six-pointed stars in a slope, Leipheim in 1326 by Emperor Ludwig the Bavarian was granted to collect the taxes by the Jews in the village, a right which actually came up to have own market rights. In 1330 the emperor vested town privileges to Guessen owned Leipheim. Further development of Leipheim stagnated when in 1503 the Jews were expelled from there. As many Jews from Ulm, expelled from there a couple of years ago, many moved to Günzburg, which is just about three miles east of Leipheim. Ulm, Leipheim and Günzburg combines the roots of the famous and widespread Ulmo-Günzburg family (Ulman, Ulma, Ulmo, Gunz, Ginsburg, Gainsbourg, etc.), while the small town today is known by US cyclist Lei Leipheimer (bronze medal winner at Beijing 2008 Olympic Games).

In recent times Leipheim tries to replace its venerable 3 star emblem by an awkward and trite symbol which depicts a red circled black exclamation mark. It reminds of the German traffic sign for danger spots (which has a black exclamation mark in a red edged triangle, while red circled signs in Germany in general are prohibition signs). So in order not to confuse visitors it is recommendable not to mount it at the towns gateways.

לייפהיים היא עיירה קטנה ליד גינזבורג, לא רחוק מאולם בדרום גרמניה. ההיסטוריה של לייפהיים מחובר להתיישבות יהודים. את 1326 לשנה הבעלים של לייפהיים הורשו לגבות מסים מן היהודים בכפר קטן שלהם. בשנה שלאחר מכן היה להם את הזכות להיות בעל שוק משלו ב 1330 לייפהיים הפך את זכויותיהם של עיר

 עד 1503 חיו יהודים לייפהיים ומשם הוא עבר גינזבורג השכנות
 לייפהיים יש שלושה מגינים דוד * * * סמל של  – משפחת אולמא גינזבורג

 

 

 


Reiseberichte über die jüdischen Gemeinden von Augsburg, Kriegshaber, Steppach und Pfersee in der Mitte des 19. Jahrhunderts

November 15, 2011

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Um die Mitte der 1840er Jahre erschienen in der jüdischen Wochenzeitung „Der Israelit im neunzehnten Jahrhundert – eine Wochenschrift für die Kenntnis und Reform des israelitischen Lebens“ in loser Folge „Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers“ . Der anonyme Autor der Berichte, freilich mit offenkundigen Beziehungen zum Judentum der schwäbischen Landgemeinden, nutzt ganz natürlich das damals im Aufbau befindliche Eisenbahnnetz in Bayern und liefert demgemäß sogleich auch wohl einen der ersten Überland-Reisebeschreibungen mit der damals weltverändernden Technik. Seine Exkursionen führen in das seit rund vier Jahrzehnten bestehende Gebiet von Bayrisch-Schwaben und somit auch nach Augsburg und seine benachbarten, später eingemeindeten zuvor österreichischen westlichen Vororte. Damals, also im Sommer 1847 hatte Augsburg etwa 38.000 Einwohner, wovon nur etwa 100 Juden waren. Einen eigenständigen Synagogenbau gab es zu dieser Zeit noch nicht. Erst im Jahre 1861 wurde die jüdische Gemeinde als Israelitische Kultusgemeinde formell durch das Königreich Bayern anerkannt und der Sitz des Distriktrabbinats von Kriegshaber nach Augsburg verlegt. Der Reisebericht kann auch als eine Bestandsaufnahme angesehen werden, wie sich seit der dauerhaften Wiederansiedlung von Juden in der ehemaligen Reichsstadt jüdisches Leben in der Region entwickelt hat oder auch nicht:

Wir erzählen nichts von unserer Fahrt auf der Eisenbahn, denn die Judenfrage wird in Deutschland nicht mit Dampf betrieben und wir dürfen daher diese heterogene Dinge hier nicht in Verbindung bringen.

Wir versetzen dich (gemeint ist der Leser) aber sogleich noch schneller als die Eisenbahn nach Augsburg. Den dortigen jüdischen Zuständen tut aber einige Dampfkraft dringend Not. Auf der ganzen Reise und nirgends fand ich sie so im Argen liegend. Du findest hier keine israelitische Schule, keine öffentliche Anstalt für den Religionsunterricht der jüdische Kinder und man darf sagen fast keine Synagoge. Denn als das Haus, in welchem sich das enge Betstüblein befand, zum Verkaufe kam, gab man sich der Hoffnung hin, die aus 12 Gliedern bestehende sehr reiche Gemeinde – sie zählt einen Millionär und mehrere, die Hunderttausende besitzen zu den ihren – werde das Haus erwerben. Aber nein! Es ging in den Besitz eines Christen über und die Augsburger Judenschaft ist mit ihrer Andacht zur Miete zu einem Garkücher geflüchtet.. Von der Stube, der Speisestube, gelangt man in ein beschränktes Kämmerchen, groß genug für die Stände und um sich allenfalls noch zum Nachbarn zur lauten Besprechung von Börsenangelegenheiten bewegen zu können. Eine finstere Klause neben an, die bei hellem Tage beleuchtet werden muss, dient dem schönen Geschlecht zum Ort des öffentlichen Gebets. Muss der Speisewirt eines schönen Tages diese gemietete Wohnung räumen, so sehen wir nicht, was die Andächtigen (? – so im Originaltext) anfangen werden. Doch der Rabbiner, den wir bald näher kennen lernen werden, führte ja beim Auszug aus der alten Synagoge den Spruch an:

 בכל מקום אשר אזכיר את שמי

Das erst genannte enge Betstüblein befand sich im eigentlich recht geräumigen Wohnhaus am Obstmarkt, das Jakob Obermayer (1755-1828) bei seinem Umzug nach Augsburg erworben hatte, das aber von seinem Sohn Isidor nach dem Tod seiner Mutter Ida im Februar 1845 verkauft wurde. Isidor Obermayer (1783-1862) war auch der angesprochene Millionär in der jüdischen Gemeinde, der inzwischen jedoch im stattlichen Wohnhaus an der Maximilianstraße, dem heutigen Augsburger Standesamt wohnte. Obwohl das prächtige Patrizierhaus ungleich mehr Platz bot, war dort die Einrichtung einer neuen Betstube für Isidor Obermayer offenbar kein Thema. Doch kam ja wie oben gesagt jeder Ort der Wahl in Betracht.

In der nächsten Ausgabe fuhr der Bericht des reisenden Schullehrers fort:

Das hiesige Gymnasium und die polytechnische Schule werden von mehreren israelitischen Jünglingen besucht. Sie erhalten auf höhere Anordnung Religionsunterricht in wöchentlich zwei Stunden von Seiten des Rabbiners, müssen aber die Kosten hierfür (60 Gulden jährlich) selbst bestreiten. Unsere Regierung ist oft zärtlich für den israelitischen Religionsunterricht besorgt; es darf ihr aber nichts kosten. –

Der zuständige Rabbiner hat aber seinen Sitz in dem eine Stunde entfernt liegenden Dorfe Kriegshaber, welches 60 Gemeindeglieder (= Familien), mit einer Religionsschule von nur 30 Kindern besucht, besitzt, die in einem kürzlich erst neu und zweckmäßig hergerichteten Lokale von dem Religionslehrer Herrn Bachmann angemessenen Unterricht in täglich vier Stunden erhalten. Dieses Lokal wurde לתלמוד תורה verstiftet und konnte also nicht zweckmäßiger verwendet werden. Sehr befremdete es mich, in einem anständigen Wirtshaus eine echt jüdelnde Unterhaltung mit anhören zu müssen. Lärmend und schreiend saßen modern gekleidete Leute bedeckten Hauptes um einen Tisch herum und stritten sich um eine יגדל Melodie, ob sie am י’ט oder י’ט gesungen werde. Endlich wurde der kompetenteste Richter, der Vorsänger, aus dem Garten zur Entscheidung herein geholt. In diesem Kreise fiel mir ein junger Mann von seinem Benehmen. Ich erfuhr, dass es der Kaufmann Jakob Feucht war, in dessen schönem Hause der Prinz Luitpold mit Gemahlin bei der letzten Revue sich einlogiert und seinem Wirte mit Zusendung seines und seiner hohen Gemahlin Bildnis in köstlichem Rahmen nebst Handschreiben beehrt hatte. Ich ließ mir später das schöne Haus nebst den Bildnissen zeigen. Man trifft überhaupt hier und in anderen schwäbischen Dörfern herrliche Häuser von Juden erbaut und bewohnt. Aber die hiesigen Juden machen es nicht wie die Herren Augsburger; sie wollen nicht in Häusern von Zedern wohnen, während die Lade Gottes hinter Teppichen ruht.

Obgleich sich hier eine ziemlich schöne Synagoge befindet, die erst noch nicht lange durch Subsellien verschönert worden ist, so wollen sie gleichwohl eine neue großartige Synagoge an die Straße hin bauen und soll bereits hierzu ein durch freiwillige Gaben aufgebrachter Fond von 10.000 Gulden vorhanden sein. – Es besteht hier ein Verein, der für jüdische Handwerkslehrlinge das Lehrgeld bezahlt und seit der langen Zeit seines Bestehens schon viel geleistet hat. – Herr Rabbiner Guggenheimer, in den fünfziger Jahren stehend, genießt allgemein Achtung. Er ist einer der ersten geprüften und deutschsprechenden Rabbiner gewesen, der auch viel über sich sprechen lassen musste. Seine Predigten, die er frei und unabhängig von Konzept etwas zu rasch vorträgt, sind gehaltreich. Die in der schwäbischen Synagogenordnung angeordnete Confirmation hat er schon einigemal feierlich abgehalten. Die anderen Rabbiner dieses Kreises ignorieren diese Bestimmung gänzlich. Eben zu der Zeit meiner Anwesenheit hatte sich ein kleiner Federkrieg gegen ihn erhoben. Ein schöngeistiger Commis glaubte ihm eine öffentliche Rüge erteilen zu müssen, weil er bei einem vorkommenden Todesfall unaufgefordert keine Grabrede gehalten hatte. Herr Guggenheimer replizierte angemessen und mit Würde. Eine Duplik strich die Augsburger Zensur und man wollte sie durch die Münchner bringen. Ob es gelang, hat für uns alle kein Interesse.“

Rabbiner Aaron Guggenheimer (1793-1872) erteilte demgemäß in Kriegshaber täglich vier Stunden Religionsunterricht, im „eine Stunde entfernten“ Augsburg hingegen, wo es keinen eigenen jüdischen Lehrer gab, lediglich zwei Stunden pro Woche. Der jüdische Religionsunterricht in jener Zeit setzte sich zusammen aus dem Erlernen der hebräischen Quadrat- und Kursivschriften, dem Übersetzen von Gebeten und biblischen Texten und dem Singen von Liedern. Hinzu kam biblische und jüdische Geschichte und die Vermittlung geographischer Kenntnisse des Landes Israel. Die älteren Jahrgänge lernten zusätzlich Raschi-Kommentare und Einführungen in die Mischna, etc. Man kann sich jedoch leicht vorstellen, wie weit man dabei mit der ungleichen Anzahl an Wochenstunden vorankam. Immerhin befähigte ihre Bildung aber Kriegshaber Juden zu einem eigenartigen Wirtshausstreit über die Frage, welche Melodie eines Gebetes man an Jom Kipur oder an anderen Feiertagen sang. Anders sah der reisende Schullehrer die Verhältnisse in Augsburg, wo reiche Juden zwar in edlen Häusern wohnten, die Tora aber sozusagen versteckten. Rabbiner Guggenheimer, der zu den gemäßigten Reformern gehörte, entsprach offensichtlich dem Geschmack des Blattes, das bekanntlich Reformen befürwortete. Guggenheimer‘s Konfirmationen, die analog zum Christentum, nicht individuelle Bar Mitzwa – Feiern waren, sondern für einen Jahrgang gesammelt an Schawuot stattfanden, wurden dem Vernehmen nach von den anderen Rabbinern des Distrikts trotz staatlicher Weisung ignoriert. Man sieht hier das Spannungsfeldzwischen Tradition und Reform auf der einen Seite und am Negativbeispiel von Augsburg die mitunter völlige Vernachlässigung andererseits. Die damals geplante neue Synagoge, deren Fassade orientalisch anmutende Elemente aufweisen sollte, kam über das Entwurfsstadium nicht hinaus und wurde nicht gebaut. Stattdessen wurde die alte, heute baufällige Synagoge an der Ulmer Straße nochmals renoviert.

In dem nahen Steppach wohnen 40 Judenfamilien, welche eine alte verfallene dickbauchige Synagoge und eine von 16 Schülern besuchte Religionsschule haben. Doch haben alle Religionslehrer dieses Kreises wenigstens 200 Gulden Gehalt, während die Mittelfranken in der Regel nur 150 Gulden beziehen. Was Umsicht und Beharrlichkeit in jenem Gebiet vermögen, das beweist wieder der hiesige Religionslehrer Herr Laudenbacher, mein teuerer Freund und früherer Seminargenosse. Seit 10 Jahren arbeitet er an der Zustandebringung einer vereinigten Schule, wiederholte misslungene Schritte bei der Gemeinde, den Schulbehörden, der Kreisregierung schreckten ihn nicht ab, immer wieder neue Versuche zu machen. Die Gemeinde hat sich endlich in ihrer großen Mehrheit dafür erklärt.“

Zuletzt besuchte der reisende Schullehrer nun auch noch Pfersee:

Pfersee heißt ein Dorf in der Nähe, in welchem 22 jüdische Familien wohnen, deren Religionsschule 24 Schüler dermalen besuchen. Schreckt einen nur die kerkerähnliche Vorhalle der Synagoge nicht ab, diese selbst ist für die kleine Gemeinde nicht übel eingerichtet. Der Lehrer Herr Crailsheimer ist auch Vorsänger und betreibt einen kleinen Bücherhandel nebenbei. Mitten im Dorfe befindet sich eine Tafel mit einem Gebet zur Bekehrung der Juden. Den dortigen Christen wäre eine Bekehrung zu dem uns allen gleich heiligen Gebot der Nächstenliebe nicht überflüssig, dann würden judenfeindliche Gesinnungen nicht oft in unchristlichen Ausbrüchen sich zeigen! – Ich besuchte hier einen Vetter, der 40 Morgen Grundstück besitzt und den ich ackernd mit drei Pferden traf. So soll es sein!“

Den Wortlaut der Pferseer Tafel ist uns an anderer Stelle überliefert. Nahe der Synagoge bei einem kleinen Bauernhäuschen war ein Marienbild mit einem von Strahlen umgebenen Stern und einem fünfzeiligen Reim angebracht:

Hilf, o heller Morgenstern!

Dass die Juden sich bekehr’n

Irrtum lassen, endlich fassen,

Dass Ein Gott, Personen Drey

Christus der Messias sey!

(„Der Bayerische Volksfreund – ein Unterhaltungsblatt für alle Stände“, Band 4, München 1827, S. 349).

 Die Tafel wurde wohl ca. 1825 aufgestellt und blieb bis ca. 1850 bestehen. Der Bezug auf den Stern war sicherlich auch als Anspielung auf die früher Pfersee dominierende Familie der Ulmo zu verstehen, deren bekanntes Familienwappen drei Sterne aufwies. Zu dieser Zeit hatte die heilige jüdische Gemeinde von Pfersee jedoch bereits ihre herausragende Stellung eingebüßt. Eine Meldung der Regensburger Zeitung aus dem November 1835 berichtete sodann auch davon, dass “böse Geister” für häusliche Probleme ganz anderer Art bei den einst stolzen Juden von Pfersee sorgten: „Aus glaubwürdiger Quelle erfährt man, dass man den Brandstifter, welcher schon einigemal bei einem Israeliten in Pfersee Feuer legte, ausgemittelt habe. Es war die eigene Magd desselben; man fand Kohlen, in Lumpen von ihr eingewickelt, und dadurch verdächtigt gestand sie auch also bald die Tat, mit dem Vermerken, ein böser Geist habe sie zu dem abscheulichen Vorhaben verleitet. Sie sitzt in der Fronfeste beim königlichen Landgericht Göggingen.“

* * *

In 1847 a Jewish travelling Jewish school teacher visited the Jewish community of Augsburg as well as the neighboring rural communities in Kriegshaber, Steppach and Pfersee as one of the first railroad travelers of his time. Although Augsburg had a rich Jewish community with a millionaire and many other wealthy members, some four decades after the permission of an anew permanent residence of Jews in Augsburg actually had no synagogue but a small prayer room in the backyard of a cook-shop. In the neighboring פג”ש communities Jews farmed their land, squabbled about melodies of prayers in the pub next to the synagogue and Jewish children had four hours daily Jewish lessons – while in Augsburg their fellow believers only had two a week – hold by the rabbi of Kriegshaber.


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