Ist Broder als Vorsitzender des Zentralrats der Juden geeignet?

October 23, 2009

Henryk M. Broder – Journalist und Verleger will Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschand werden. Das sorgt für Aufruhr und alle gackern und da es thematisch wie regional zu uns passt: ausnahmsweise auch wir.

Wer ist gerade im Vorstand der entsprechenden Gremien der Katholiken, Protestanten oder Muslime in Deutschland … oder erwägt eine Kandidatur ..? Weiß niemand, interessiert niemand.”

Datei:Broder Henryk M.-by Steschke.jpg

(http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Broder_Henryk_M.-by_Steschke.jpg)

 

Als Journalist hat Broder einen guten Blick auf das Mediengeschehen und versteht sich als Macher, als Meinungsmacher, gerade auch, weil er sich wiederholt darin gefällt, gegen den „mainstream“ zu argumentieren. Das freilich ist schnell passiert, wenn man überhaupt ein paar Argumente hat, muss also Broder nicht zwangsläufig persönlich angekreidet werden.

Schon die Ankündigung einer Kandidatur ist schlagzeilentauglich und sorgt für Artikel und Kommentare. „Nicht ganz koscher“ schreibt der „Tagesspiegel“, so als brauchte ein Kandidat einen Hechscher, so als machte im Vergleich auch ein Nachtspiegel Sinn. Die Süddeutsche bezeichnet ihn als „Pausenclown“, ohne zu sagen, worin gerade pausiert wird. Die „Märkische Allgemeine“ geht noch etwas weiter und konstatiert, dass Broder den Zentralrat der Juden lächerlich mache, sagt andererseits nun aber nicht, was am Zentralrat nun lächerlich geworden wäre?

Wenn Welt-Online aber etwa anmerkt, Broders Kandidatur sei entbehre nicht der „Ironie“, da dieser „bekennender Atheist“ sei, bleibt unklar, was für ein Bekenntnis ein Atheist letztlich ablegen würde (wo und vor wem?) … fest jedenfalls steht, dass hier nicht vom Amt eines Rabbiners die Rede war und dass der Zentralrat überhaupt keine religiöse Instanz ist noch entsprechende Bedeutung hat.

So wie der Zentralrat zu gerne von den Massenmedien in Deutschland benutzt und instrumentalisiert wird, so meint Broder die Regeln der journalistischen Kunst zu kennen und damit spielen zu können. Freilich ändert sich nicht nur die Perspektive, wenn man vom Subjekt zum Objekt, vom Jäger zum Gejagten, vom Journalisten zur Zielperson wird. Man denke an Michel Friedman, nicht nur weil dieser dem Zentralrat mal angehörte und sozusagen vor Broder schon mal Broder war. Sicher, Journalisten können politisch erfolgreich sein, aber ein Selbstläufer ist das nicht. Wo man früher selbst still in sich hinein gelacht hat, beim Beobachten, wird die eigene Stirnfalte nun exemplarisch, zum Politikum.

Wer Henryk Broder ein guter Vorsitzender des Zentralrats? Im Februar letzten Jahres geisterte noch die „Nachricht“ herum „Broder konvertiert zum Islam“ aus „Schmock der Woche“ wurde der Schock der Woche, zumindest im Wortspiel journalistischer Kollegen. Jünger als die 1932 geborene Münchnerin Charlotte Knobloch ist der aus Kattowitz stammende Broder, jedoch nicht deutlich jünger. Bei einer Wahl wäre auch Broder schon 64, ein Alter bei dem vor 40 Jahren The Beatles fragten, ob man dann gefüttert wird. Das Schlagwort „Generationswechsel“ fällt demnach wohl weg. Und was würde ein verlegener Abraham Melzer dazu sagen?

Mit dem persönlichen Aufstieg, dem sog. „Karriere-Highlight“ ist es ja oft so eine Sache, sind Peter-und Dilbert-Prinzipien auch auf Juden anwendbar. Es stellt sich dann auch die Frage, ob ein Zentralratsvorsitzender Broder nicht zu sehr damit beschäftigt wäre, ein „Tabu“ nach dem anderen aufzugreifen, virtuell zu „brechen“, vielleicht um einem intellektuelleren Publikum, dem gemeinen Spiegel-Leser zu gefallen. Das hätte sicher einen gewissen Charme, so wie früher etwa Pressekonferenzen mit Gerhard Schröder und/oder Joschka Fischer durchaus Unterhaltungswert haben. Die Frage ist, ob das der Wert ist, um den es den Juden in Deutschland geht. Die Gemeinden, im wesentlichen „sowjetiziert“, sind überaltert und haben ihr Zwischenhoch bereits hinter sich. Zunehmende Sozialaufgaben (Altenpflege), sanierungsbedürftige Gebäude, ungeschützte Friedhöfe, all dies verlangt nach anderen Antworten als Diskussionen darüber ob nun Hitlers „Mein Kampf“ (Stephan Kramer) oder die Holocaust-Lüge“ (Henryk Broder) legalisiert werden soll. Seine klaren Ansichten zum sog. „Nahostkonflikt“ (gibt es nur einen?) hingegen würden als „bloße Pflichtmeinungen“ des Zentralrats abgetan und an „objektiver“ Bedeutung verlieren.

Aber vielleicht ist vom „russischen“ Zwischenhoch in 20 – 30 Jahren ohnehin nichts mehr übrig und „das Judentum in Deutschland“ geht dann unter Klängen süßer Geigen seinen dereinst angedachten Weg ins Nichts. Warum soll dann ein Vorsitzender Broder nicht auch ein wenig auf seine Weise für Varieté und „Unterhaltung“ sorgen. 

Will there be (a)  much bro(a)der political debate? Schlimmer wird dadurch nichts … – oder doch?


Der jüdische Friedhof von Huerben – Krumbach

October 12, 2009
Tahara House of Huerben Cemetery

Tahara House of Huerben Cemetery

Das mittelschwäbische Hürben ist seit 1902 Teil von Krumbach. Erstmals im Jahr 1504 sollen vier jüdische Familien am Ort registriert worden sein, die wenig später Zuzug aus Donauwörth bekamen. Vor etwa zweihundert Jahren bildeten 450 Juden rund die Hälfte der Dorfbevölkerung und zugleich eine der größten jüdischen Gemeinden im heutigen Bayern, zudem das Gebiet der österreichischen Marktgrafschaft Burgau ab 1805 gehörte.

Monument Salomon Guggenheimer (1854 - 1924)

Monument Salomon Guggenheimer (1854 - 1924)

Der jüdische Friedhof der Gemeinde Hürben wurde erst 1628 schriftlich erwähnt. Obwohl allem Anschein nach die Mauer sehr unregelmäßig gebaut und ausgebessert wurde, wird in den verfügbaren Ortschroniken nichts darüber erwähnt, von wann die Ummauerung stammt, bzw. ob und wie oft der Friedhof erweitert wurde. Das Tahara-Haus stammt aus dem Jahr 1898. Über einen Vorgängerbau ist heute vor Ort nichts bekannt. Der Friedhof umfasst nach Luftaufnahmen von Google Earth grob bemessen etwa 60 auf 55 m und somit eine Fläche von ca. einem Drittel Hektar. Es sind noch etwa 300 Grabsteine vorhanden, die sich fast ausschließlich im nordwestlichen Teil befinden.

Huerben grave marker detail with 9 branch Chanuckia

Huerben grave marker detail with 9 branch Chanuckia

Die südliche Hälfte mit den ältesten Gräbern ist leergeräumt und gemäß den Angaben von Herbert Auer mit den Trümmern der zerstörten Hürbener Synagoge aufgeschüttet worden. Somit sind auch die ältesten Grabsteine aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind sämtlich zerstört oder verschwunden. Freilich hat es den Anschein, als ob zumindest im Bereich der Westmauer Grabsteine aus der Erde herausschauen.

Memorial of Meir bar Jehuda Landauer

Memorial of Meir bar Jehuda Landauer

Am Hürbener Friedhof sind neben Ortsrabbinern auch zahlreiche Mitglieder der vorherrschenden Familien Guggenheimer und Landauer bestattet, aber auch die aus Pommern stammende Kantorentochter Hedwig Lachmann – Landauer, die u.a. als deutsche Übersetzerin von Oscar Wilde und Edgar Allen Poe Bekanntheit erlangte. Viele der vorhandenen Grabsteine sind von Schimmel befallen, manche der Inschriften sehr brüchig.

Memorial Hedwig Lachmann wife of Gustav Landauer

Memorial Hedwig Lachmann wife of Gustav Landauer


The Felber family at Kriegshaber Jewish Cemetery

July 27, 2009

The history of Kriegshaber – Pfersee Jewish Cemetery at the former Hummelstr. 80 (now Hooverstr. 15) in the 20th Century is closely related with the Swabian Felber family, who supervised the cemetery in three generations of Cemetery Keepers in the period 1927 to 2005.

the last keepers of the Jewish Cemetery so far

the last keepers of the Jewish Cemetery so far

The last known predecessor was Franz Reiter, who at least from 1916 until 1926 was keeper at the Jewish Cemetery.

He was followed by

Hermann Felber Senior from 1927 – 1956

Hermann Felber Junior from 1956 to 1980

and finally by Peter Felber from 1980 until 2005.

Since he left the cemetery for private reasons before, his mother Maria Felber, wife of Hermann Jun. actually was the last caretaker at the Jewish Cemetery, where she spent more than half of a century.


„ Es gibt keinen schöneren Flecken“

July 23, 2009

Artikel der “Augsburger Allgemeinen”, 1999:

 

„ Es gibt keinen schöneren Flecken“

 

Maria Felber betreut seit 50 Jahren des jüdischen Friedhof in Kriegshaber

 

Sie lebt an einen ungewöhnlichen Ort, kann sich aber nicht vorstellen, jemals mehr umzuziehen. „Ich werde hier gebraucht“, sagt Maria Felber. Seit 50 Jahren betreut sie den jüdischen Friedhof in Kriegshaber, Das Wärterhäuschen, in dem ihre vier Kinder groß wurden, stammt aus dem Jahr 1802.

 

„Gräber sind tabu“, war eine der ersten Lektionen, die die Felberschen Kinder mit auf den Weg bekommen haben. „Und die haben gehorcht“, erzählt Maria Felber mit einem Lächeln. Die gebürtige Pferseerin heiratete 1949 den Sohn des damaligen Friedhofswärters und zog auf das 100 x 150 Meter große Areal in Kriegshaber. Vier Kinder wurden in den nächsten Jahren geboren. Seit 1989 hat Sohn Hermann die Aufgaben seines verstorbenen Vaters übernommen und ist heute der offizielle Friedhofswärter an der Hooverstraße. Mit seiner Mutter gemeinsam lebt er in dem kleinen Steinhäuschen aus dem Jahr 1802 mitten auf dem Gottesacker.

„Ich war immer mehr Hausfrau und Mutter“, erzählt die heute 76jährige und lässt den Blick über das weite Grün schweifen. Die Gräber und die Geschichten der jüdischen Bürger in Kriegshaber haben sie nur am Rande interessiert. Doch an die vielen ausländischen Besucher, die besonders nach dem Krieg an der Pforte des Friedhofs läuteten, kann sie sich noch gut erinnern.

Seit den 50er Jahren ist der Friedhof aufgelassen, es finden keine Beerdigungen mehr statt. Die letzten Begräbnisse hat Maria Felber als junge Frau noch miterlebt. Sehr gut erinnert sie sich auch an die Erzählungen ihrer Schwiegermutter. „Damals wurde im unteren Teil des Hauses noch Totenwache gehalten, auch wurden die Toten im Haus für das Begräbnis vorbereitet.

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber ist lang und beginnt um das Jahr 1627 im Dreißigjährigen Krieg. Damals wurden die Juden aus Burgau ausgewiesen und deren Friedhof dort wegen Seuchengefahr geschlossen, sie kamen nach Kriegshaber. Mit der Zeit entwickelte sich die Stätte zu einem zentralen Friedhof für die umliegenden „Judendörfer“, wie die Nachbarorte Pfersee und Steppach damals genannt wurden. Will ihnen Augsburg das Territorialrecht verweigerte, mussten sie ihren Wohnsitz außerhalb suchen. Von hier konnten sie ihren Geschäften nachgehen. Bis 1816 wurden auch die Münchner Juden in Kriegshaber in Kriegshaber beigesetzt.

Heute sind viele Grabsteine verwittert, die Inschriften sind nicht mehr lesbar. Maria Felber führt durch die Reihe mit neueren Insignien. Dort stehen Namen wie Obermayer und Einstein. Carl von Obermayer (1811 – 1889) war Mitbegründer der Bayerischen Hypotheken und Wechselbank und Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde. Einsteins gibt es viele auf dem Gottesacker. Sie stammen alle aus einer reichen Viehhändler-Dynastie, die von Kriegshaber aus Handel bis an der Ammersee führte.

Am Eingang zum Friedhof prunkt ein steinernes Monument. Wie es entstanden ist, daran kann sich Maria Felber nicht erinnern. Ein Blick ins Geschichtsbuch hilft weiter. Amerikanische Soldaten errichteten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mahnmal aus umgestürzten und zerstörten Grabsteinen.

Der Friedhof lag nun mitten im Wohngebiet der Amerikaner. „Mit denen gab es nie Probleme“, erinnerst sich die 76jährige. Nach dem Abzug sind die sind die Häuser der Hooverstraße umgebaut, jetzt wohnen besonders kinderreiche Familien hier. „Die Kleinen trauen sich aber nicht an den Friedhof heran“ sagt Maria Felber. Aber sie wird aus der Entfernung beobachtet.

Einmal hat sich ein Bub aber doch ein Herz gefasst und gefragt, ob sie denn nicht Angst hätte und ob es da nicht spuken würde. „Nein“, hat Maria Felber gesagt, „es gibt keinen ruhigeren und schöneren Flecken“


Drei Generationen der schwäbischen Felber – Familie als Pfleger des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber

July 21, 2009

 

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs Kriegshaber-Pfersee an der ehemaligen Hummelstr. 80 ist im 20. Jahrhundert aufs Engste mit der Familie Felber verbunden, die mit drei Friedhofswärtern zwischen 1927 und 2005 den Friedhof betreute.

Bis dato war es nicht zu ermitteln, warum der bisherige Pfleger, Franz Reiter, der zumindest in der Zeit von 1916 (das Jahr der Eingemeindung Kriegshabers nach Augsburg) bis 1926 das Amt innehatte, aufgab, unklar ist ebenso unter welchen genauen Umständen die Felber-Familie den Posten annahm. Bekannt ist , dass Hermann Felber Sen. (1894 – 1956) im Februar 1927 die „Dynastie“ begründete. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit besuchte Theo Harburger im Auftrag des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden In Bayern mehrfach den Friedhof. Seine wenigen Bilder, die sich leider mehr einzelnen Grabsteinen widmen, geben dennoch einen guten Eindruck vom gepflegten, beinahe baumlosen Zustand des Geländes zu dieser Zeit. Viel mehr Details ergeben sich aber aus den zahlreichen erhaltenen Aufnahmen aus den Familienalben der Felbers.

Keeper of the Jewish Cemetery from 1927 - 1956

Keeper of the Jewish Cemetery from 1927 - 1956

Die Felbers lebten auch während der Nazizeit am Friedhof, über welche in der Familie später nur wenig gesprochen wurde. Feststellbar ist aber, dass die frühere Inschrift am Wächterhaus, die Theo Harburger 1927 notiert hatte, sich von der heutigen unterscheidet. Es ist zu vermuten, dass das Original zerstört oder zumindest weitgehend beschädigt und in der Nachkriegszeit erneuert oder ersetzt wurde. Das hebräische Zitat aus dem Talmud wurde dabei durch eines aus dem Buch Daniel ersetzt. Die Zerstörung der Tafel kann möglicherweise im April 1942 zustande gekommen sein, als der 1921 geborene Sohn Hermann Felber Jun. (1921 – 1980) bereits zum Kriegseinsatz eingezogen war. Einem Bericht seiner Mutter Therese Felber (1896 -1985) der Ehefrau von Hermann Felber Sen., gegenüber einer städtischen Kommission in der Nachkriegszeit gemäß, drangen am 19. April 1942 deutsche Soldaten aus den in der Nachbarschaft entstandenen Kasernen in den Friedhof ein und zerschlugen zahlreiche Grabsteine und warfen eine Reihe anderer um. Vielleicht am selben Tag, vielleicht bei einer anderen Gelegenheit erstellte Hermann Felber Sen. eine Grabliste für den sog. neueren Teil des Friedhof im nordwestlichen Teil des Geländes, insofern diese entzifferbare Inschriften in lateinischen Buchstaben aufwiesen. Später hat sein Sohn, Hermann Felber Jun. diese Listen  vervollständigt. Das Dokument jedenfalls, das sich durch eine Reihe von Abschrift- oder Lesefehlern von den Registern der Jüdischen Gemeinde unterscheidet, landete unter der Signatur RSA J 1758 im Berliner Reichssippenamt, in dem alle gestohlenen Unterlagen aus den jüdischen Gemeinden in Deutschland und den okkupierten Gebieten nach rassenideologischen Gesichtspunkten systematisch ausgewertet werden sollten.

Hermann Felber Jun. geriet 1942 in Kriegsgefangenschaft, wo er in Kanada und Wales interniert wurde. Seine dort erworbenen Englisch-Kenntnisse sollten ihm später hilfreich sein im Kontakt mit den Nachkommen von Juden die auf „seinem“ Friedhof bestattet waren und aus Israel, den USA oder aus anderen Ländern anreisten. Im Sommer 1946 wurde von Mitgliedern der Augsburger Steinmetz- und Bildhauer-Innung aus den „überall“ herumliegenden Grabsteinen ein erstaunlich passgenaues und ohne Überreste auskommendes Mahnmal geschaffen. Das sogenannte Denkmal wird in einer Art urban legend immer wieder irrtümlicherweise US-Soldaten zugeschrieben, die es gefertigt haben sollen, um damit an die „Opfer des Holocausts“ zu gedenken.  Doch abgesehen davon, dass es kommagenaue Abrechnungsbelege für die Tätigkeit der hiesigen Steinmetze gibt, sind Soldaten selten begabte Steinmetze und es fehlt an einer Inschrift, die diese Deutung zuließe. Schließlich war der Begriff des „Holocausts“ im Sommer 1946 nun auch nicht geläufig. 

im Hintergrund ist ein Teil des Kugelfangs zu sehen
im Hintergrund ist ein Teil des Kugelfangs zu sehen

 

In der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1951 wurden am Friedhof (durchaus im Wortsinn) noch eine Reihe von Personen bestattet, in der Mehrzahl handelte es sich bei ihnen offenbar um sog. „Displaced Persons“, also um Flüchtlinge und ehemalige KZ-Häftlinge die in Osteuropa „in Obhut gebracht“ wurden. Aus erhaltenen Originalunterlagen ergibt sich, dass weitere eine Reihe von Beisetzungen stattfanden, ohne dass den Verstorbenen Grabsteine gesetzt wurden. Da alle Bestattungen auf Weisungen der Augsburger Gemeinde, die sich ebenfalls im wesentlichen aus DPs zusammensetzte, zustande kamen, kann nur gemutmaßt werden darüber, dass es der Gemeinde zumindest an Mitteln und den Verstorbenen an Nachkommen mangelte, um ein würdiges Begräbnis oder Gedenken zu gewährleisten. Aber auch die 1961 in Wiedergeltingen exhumierte, und offensichtlich in Kriegshaber beigesetzte, Sophie Sonntag blieb ohne ein Gedenkmal. So weit es sich sagen lässt, war dies das letzte jüdische Begräbnis und allem Anschein nach auch das einzige, das zur Zeit des zweiten Hermanns erfolgte.

1948 wurde Hermann Jun. aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und 1949 heiratete er seine aus Pfersee stammende Verlobte Maria Hörtrich, mit der er drei Töchter und einen Sohn hatte. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1956 übernahm er die Friedhofsaufsicht unter einem neuen, zeitgemäßen Vertrag, der ihn unter anderem verpflichtete für „peinliche Ordnung“ zu sorgen und bei allen Begräbnissen hilfreich zu sein, ihn aber auch berechtigte z.B. Hühner zu halten und ein Gartenbeet anzulegen. Wie bereits zuvor wurde von der Familie nur das obere Stockwerk des Hauses bewohnt. Die gesamte untere Etage diente nach wie vor als Tahara-Haus. In einem Raum war der Leichenwagen untergebracht, ein anderer diente der Leichenwäsche und zwei weitere Zimmer fungierten schließlich als Aufbahrungsraum für die Verstorbenen, bzw. als Gebets- und Andachtsraum.

Während der Amtszeit Hermann Felber Jun. wurde der Friedhof in Kriegshaber nicht mehr regulär benutzt und galt fortan als „aufgelassener“ Begräbnisplatz. Er wurde nur sporadisch von einigen Angehörigen und Mitgliedern der Augsburger jüdischen Gemeinde oder des Landesverbandes Israelitischer Kultusgemeinden besucht. Dessen ungeachtet waren Haus und Garten in der nun in nach dem ehemaligen, deutsch-stämmigen US-Präsidenten Herbert Hoover umbenannten Straße alles andere als ein toter Ort, so entwickelte die vielköpfige Felber-Familie einen lebendigen Kontrast, umgeben  den Wohnanlagen („housing area“) der Centerville-Siedlung.

Augsburger Allgemeine Artikel 1980

 (Artikel der Augsburger Allgemeinen zu Hermann Felber Jun. von 1980)

 

Nach dem unerwarteten Tod Hermann Felber Jun. im Jahre 1980 stellte sich wiederum die Frage nach einem neuen Friedhofspfleger. Der einzige Sohn Hermann und Marias war bereit die Pflege zu übernehmen, jedoch wohnte er außerhalb des Friedhofs und war schon verheiratet.  Im Obergeschoss des Hauses lebten aber bereits seine Großmutter und Mutter, die Witwen von Hermann Sen. und Hermann Jun. , während andererseits die gesamte untere Etage frei stand, obwohl sie seit nunmehr drei Jahrzehnten nicht mehr für Trauer- und Beerdigungszwecke benutzt wurde. Mit dem damaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Senator Julius Spokojny konnte sich Peter Felber jedoch darauf verständigen, die fast leer stehenden Räume für private Wohnzwecke umzugestalten, was Peter Felber als nun dritter Friedhofswärter aus der gleichen Familie in Eigenleistung unternahm. Das Platzproblem war somit gelöst. Da für die jetzt ausgelagerten Gartengeräte nun andere Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden mussten, erbaute Peter Felber nach Absprache mit der Gemeindeleitung zwei Hütten die dicht an das Haus grenzten, sich jedoch mit belegten Gräbern „überschnitten“. Eine dritte, wesentlich ältere, aber kleinere Hütte, die zunächst als eine Art Gartenlaube diente, wurde bereits von Peter Felbers  Großvater Hermann Jun. ca. 1950 errichtet. Wie sich aber erst im Jahre 2007 herausstellte, geschah dies auf einem Mosaik alter Grabsteine und Fragmente.

 Maria Felber Artikel 1999 (2)

Maria Felber: "There is no better place" Maria Felber: “There is no better place”

 

 

 

Aus privaten Gründen zog Peter Felber, dessen Vertag ihn verpflichtete an Beerdigungen im weiterhin genutzten jüdischen Friedhof im Augsburger Stadtteil Hochfeld mitzuwirken, im Jahre 1992 wieder aus dem Haus an der Hooverstr. 15, weshalb bis zu ihrem Tod Maria Felber die Aufsicht des Friedhofs übernahm, selbstverständlich unter Mithilfe ihrer vier Kindern und acht Enkeln. Maria Felber war somit die bislang letzte und neben ihrer Schwiegermutter Therese wohl auch längste Bewohnerin des Friedhofshauses. Als Witwe des vorletzten und Mutter des letzten Pflegers verbrachte die aus Pfersee stammende, gelernte Weberin, annähernd ihr gesamtes Erwachsenenleben auf dem jüdischen Friedhof und war über Jahrzehnte hinweg Ansprechpartnerin für Besucher und Neugierige aus aller Welt.

(- Andrea, Yehuda)

Rabbiner von Augsburg: der Maharil

July 14, 2009

Rabbi Jakob ben Mosche Ha-Levi wurde 1365 geboren und war in Mainz Schüler seines Vaters Rabbi Mosche Molin, der in zumindest in der Zeit zwischen 1364 und 1368 Rabbiner in Augsburg war und dort in den städtischen Steuerlisten als “Meister Molin” verzeichnet ist. Es ist deshalb plausibel anzunehmen, dass sein Sohn nicht wie allgemein vermutet in Mainz, sondern in Augsburg geboren wurde. Rabbi Jakob lernte auch bei Rabbi Schalom ben Jitzchak in Wien Neustadt und war selbst in den Jahren 1412-1414 wie bereits sein Vater als Rabbiner in Augsburg, wo er als “Rabbi Jakob” verzeichnet ist.

Bekannt ist er unter dem Akronym maharil, was abgekürzt steht für “morenu haraw raw jakow levi” (unser Lehrer der verehrte Rabbiner Jakob Levi”) und für sein Hauptwerk “Sefer Minhagim” (Buch der Bräuche), das gelegentlich nach ihm auch “Sefer ha Maharil” genannt wurde, welches eine wesentliche und oft zitierte Grundlage für den Kommentar “HaMapa” von Mosche Isserles zum “Schulchan Aruch” des Josef Caro bildete. Der Maharil gilt als einer der herausragendsten jüdischen Gelehrten des ausgehenden Mittelalters und wurde auch als Chazan (Vorsänger) berühmt. Eine Anzahl heute noch gebräuchlicher Melodien aus dem Gottesdienst geht auf ihn zurück. Allgemein volkstümlich geworden ist sein Beharren, die bestehenden Ordnungen in Mainz unverändert zu lassen: “Mainz bleibt Mainz“.

Der bedeutendste der zahlreichen Schüler des Maharil war Rabbi Jakob ben Jehuda Weil (MaHaRiW), der ihm nachfolgte und Augsburgs letzter bedeutender Rabbiner war.

Rabbi Mosche ben Jakow Ha-Levi Molin, der MaHaRIL

Rabbi Mosche ben Jakow Ha-Levi Molin, der MaHaRIL

 

Rabbi Moshe ben Jacob Ha-Levi was born in 1365, and was a student of his father Rabbi Moshe Molin in Mainz (Mayence), who at least between 1364 to 1368 was rabbi in Augsburg where he is listed in the municipal tax book as a “Meister Molin”. It therefore is plausible to assume that his son was not born in Mainz, as commonly assumed, but rather in Augsburg. Rabbi Jacob also learned with Rabbi Shalom ben Yitzchak in Vienna Neustadt. In the years 1412-1414 as his father he was Rabbi of Augsburg, where he is noticed as “Rabbi Jacob” in the tax payer list.  
He is known by the acronym MaHaRIL, which is abbreviated for “raw morenu haraw Yakov levi” (our dear teacher Rabbi Jacob Levi) and his main work “Sefer Minhagim” (Book of Customs), which is occasionally referred to him as “Sefer ha Maharil”, which is an essential and often-cited basis for the comment “HaMapa” by Moshe Isserles to the “Shulchan Aruch” of Joseph Caro. The Maharil is regarded as one of the greatest Jewish scholars of the late Middle Ages and also was considered as a famous Chazan (precentor). A number of still common melodies go back to him.

                                                                                    
The most important of the many disciples of the Maharil was Rabbi Jacob ben Yehuda Weil (MaHaRiW), who himself follow him to be the last significant rabbi of Augsburg.


Tipsiles the Jew as inventor of gunpowder in mediaeval Augsburg

July 9, 2009

This Shabbes marks the 650th death-day of Karaite Jew David-ben-Josef ha-Tiplisi (1279 – 1359)- aka “Tipsiles” or “Typsiles” – who at the request of the municipal leaders in the first quarter of the 14th century (another source states the year 1353, what is less likely ) legendarily invented in Augsburg  gun-powder and early cannon.

Of course there are quite a lot of different stories relating the invention to “Greek fire”, “the” Chinese, to Alchemists as Roger Bacons and the like, but the Augsburg legend obviously is the only one which directly affects the invention of the gun-powder on a weapon grade level, what isn’t the case with any others.

15th century illustration (now at Vienna Hofmuseum)

15th century illustration (now at Vienna Hofmuseum)

 

As a Karaite Jew from “the Eastern World” David lived apart from the Jewish quarters of the mediaeval Imperial City of Augsburg and his practice to wear a green turban on his head made a great stir. The urban legend reports that Tipsiles (who also is supposed to be the first maker of paper and the city’s pharmacist) was amply rewarded with a piece of ground in the northeastern part of the then expanding city suburb of “Jakobervorstadt” . The street name “Pulvergaesschen” (lit. powder alley) is said to go back to it. Maybe the reference of a David mentioned in a deed of 1323 (David received the sum of 120 Augsburg Pfennigs and another 76 the following year) confirms the presence of Tipsiles, but of course David would not be entirely sufficient to serve as a proof.

Illustration from the "Book of Fireworks", Augsburg 1529

Illustration from the "Book of Fireworks", Augsburg 1529

Another likely relic however might be a small figurine fixed at a wall in St. Anna Chapel (built in 1321), which depicts the head of a red bearded  man wearing a green or greenish blue turban. The small sculpture only in late 19th century was found at construction works under the flooring of the Chapel of the Hirn family which is the oldest part of the Church. Since there are no other known stories of people wearing greenish turban in mediaeval Augsburg, there probably unavoidable is a connection to the “Legend of Tipsiles the Jew who invented Gun-powder” (even if it was the other way around).

maybe it is Tipsiles maybe it's not

maybe it is Tipsiles maybe it's not


Wie der Jude Tipsiles in Augsburg das Schießpulver erfand

July 8, 2009

Nur wenige technische Neuerungen haben die Welt so nachhaltig geprägt und verändert wie die Erfindung und Anwendung des Schießpulvers (längst nicht nur für militärische Zwecke). Kein Wunder also, dass sehr viele diese Entdeckung für sich beanspruchen wollen. Unter den zahlreichen Überlieferungen führt eine Spur auch ins mittelalterliche Augsburg und dies durchaus mit einer gewissen Plausibilität.

 

Die frühesten Vermutungen  gehen auf China zurück. Die freilich meist wenig spezifizierten Andeutungen auf eine „chinesische Erfindung“ entpuppen sich bei näherer Betrachtung in der Regel als wenig überzeugend. Zwar werden bereits für das Jahr 1044 ominöse Brandsätze erwähnt, doch ist dabei nicht nur die Datierung fraglich, da das als Quelle angeführte Werk namens „Wu Ching Tzung Tao“ in seiner frühesten Kopie erst in der Ming-Zeit um 1550 überliefert ist, als in Europa sozusagen längst aus allen Rohren geschossen wurde. Eine nachträglich Rückdatierung ist nicht ausgeschlossen und auch nicht unwahrscheinlich. Im Text selbst ist nun das sicher nicht grundlos als anrüchig empfundene Kampfmittel mit dem vielsagenden Namen „fên phao kuan fa“ erwähnt, was als „Fäkalien-Schleuderbombe“ übersetzt wird. Zur Herstellung nimmt man der Beschreibung gemäß reichlich getrocknete und fein gemahlene menschliche Fäkalien, etwas Öl des Tigli-Baums, eine Brise Arsensulfid und dergleichen mehr. Wie auch immer, ist es unstrittig, dass es in China auf dieser Basis zu keiner waffenfähigen Entwicklung gekommen ist .

Neben „den Chinesen“ wurde oft der Freiburger Franziskaner Bertholdus Niger als Entdecker genannt, der je nach Quelle 1353 oder 1359 das explosive Pulver gemischt haben soll. Mehr noch soll sogar sein ins deutsche übersetzte Name Schwartz namensgebend für das Schwarzpulver gewesen sein. Das freilich ist historisch nicht aufrechtzuerhalten, da bereits 1326, also rund drei Jahrzehnte zuvor, der Einsatz waffenfähigen Schießpulvers in Europa zweifelsfrei belegt ist. Zudem stammt die Bezeichnung Schwarzpulver erst aus dem 19. Jahrhundert und diente zur Unterscheidung des dunklen Pulvers zur Abgrenzung eines neu entwickelten weißen auf der Basis von Cellulosenitrat. Gleichwohl die Freiburger ihrem legendären Mönch sogar ein Denkmal setzten, scheidet er als Entdecker des „Donnerpulvers“ selbstverständlich aus.

Als zweifellos ernsthafterer Anwärter lässt sich jedoch Nigers franziskanischer Kollege Roger Bacon (1214 – 1292) erwägen. Der aus dem englischen Ilchester bei Somerset stammende „Universalgelehrte“ ist als origineller Denker überliefert, seiner Zeit in manchem augenscheinlich weit voraus. Er erkannt u.a. die Gesetze der Reflexion und der Strahlenbrechung und hatte, für einen Menschen des 13. Jahrhunderts sicher ungewöhnlich, auch zumindest vage Vorstellungen von Unterseeboten, Flugmaschinen, komplizierte Hebevorrichtungen und durch Radantrieb funktionierende Wagen und Schiffe. So man ihm all dies oder Teile davon nicht posthum angedichtet hat, ist es verständlich, dass er später im Ruf stand eine Art “Seher” gewesen zu sein. 

Um 1250 erwähnte Bacon demnach in seinem Traktat „De secretis operibus artis et naturae“ die Herstellung eines Pulvers aus Kaliumnitrat, Holzkohle, Schwefel und Salpeter, was in der Zusammensetzung als ältester literarischer Nachweis des Schwarzpulvers gilt. Bei aller Fortschrittlichkeit in seinem Denken war Bacon trotzdem jedoch ein Kind seiner Zeit und im Glauben an Magie und Geister verhaftet. So versuchte er als Alchemist ernsthaft Gold herzustellen, um mittels der hermetischen Kunst dem Königshof die nötigen Geldmittel zu beschaffen, was auch heute ein Ausweg aus finanziellen Krisen wäre. Offenbar blieb es aber nicht nur damit beim theoretischen Ansatz, denn noch 1267 schrieb Bacon in einem Brief an den Bischof von Paris über die Herstellung es oben beschriebenen Pulvers und beklagte, dass er kein optimales Mischungsverhältnis finden konnte. Heutige Historiker hingegen kämpfen mit der Deutung komplexer Anagramme und Bacons kryptischen Formelsprache, von denen spätere wie zeitgenössische Okkultisten behaupten, dass sie nur “Eingeweihten” zugänglich seien. Bezeichnend ist wie auch immer jedoch das Fehlen jeglicher Berichte über die Entwicklung eigentlicher Schusswaffen im örtlichen wie zeitlichen Umfeld zu Roger Bacon.

Die ersten Feuerwaffen dürften relativ primitive Konstruktionen gewesen sein. Einfache Rohre und vasen- bzw. büchsenförmige kurze Geschütze in Mörserform jeweils mit verstärkter Pulverkammer, in das ein Zündloch gebohrt oder beim Guß bereits vorgesehen war, erschöpften anfangs die Variationsbreite. Die Zündung erfolgte mit dem Glüheisen. Die ersten Büchsen waren relativ kurz, und lange, schlanke Rohre (Schlangen, Basilisken) wurden erst im 15. Jahrhundert üblich.“ 

(- Karl Georg Zinn – Kanonen und Pest – über die Ursprünge der Neuzeit im 14. Und 15. Jahrhundert, Opladen 1989, Anm. 252)

 

An diese vermutlich authentischen Grundlagen knüpft eine weniger bekannte Augsburger Legende an, die freilich eine Reihe von bemerkenswerten Umständen beinhaltet und letztlich sogar auf eine konkrete Person zurückgeführt werden kann.

Im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, so berichtet die Erzählung, habe ein fremdartiger Neubürger durch seine äußere Erscheinung für einiges Aufsehen in Augsburg gesorgt, wo er nahe bei St. Ulrich in der heutigen Maximilianstraße wohnte. Der bärtige Mann trug auf seinem Kopf einen grünen Turban und da dies – heute wie damals – in Augsburg kein geläufiger Anblick war, machten sich die Leute zahlreiche Gedanken darüber, wer dieser Mann war und wo er wohl herstammen mochte. Zusammen mit seinem dunkel gekleideten und zudem noch finster dreinblickenden Diener hatte er die Angewohnheit nachts auf dem Dach seines Hauses herumzuspazieren und den Himmel zu beobachten oder Blitze zu fabrizieren. Die Gerüchte über den vermeintlichen Zauber drangen schließlich auch zum Rat der Stadt, der sich freilich mit anderen Problemen befassen musste, wurde Augsburg doch von äußeren Feinden bedroht. Die pragmatischen Schwaben gaben deshalb wenig auf das Geschwätz der Leute und „so gab’s etliche Köpfe unter denen vom Rat, die vermeinten, man könne ja den gelehrten Fremden in seinem Dachstüblein einmal befragen, ob der nicht Hilfe in solcher Not wüßt‘.“ 

Bei ihrem Besuch in der Dachstube des Mannes entdeckten die Räte sodann zahllose Bücher, Schriftrollen und eine Unmenge an Flaschen und Behälter jeder Art. Auf die Frage, ob er dazu in der Lage sei, den Augsburgern eine Waffe zu schaffen, mit welcher man dem „grimmen, neidischen Feind“ beikommen könne, bot der eigentümliche Mann mit dem grünen Turban ihnen eine sofortige Demonstration. Er mischte in einen Mörser verschiedene Pulver zusammen, legte einen Stein darauf und trat damit ans Fenster. Dort entzündete er das Pulver und sofort gab es „einen Blitz und einen Schlag als ob das Wildfeuer vom Himmel herunterfahre“.  Die Ratsherren erschraken selbstverständlich und wollten fast die Flucht ergreifen, doch als der Rauch verflogen war, beobachteten sie, dass draußen eine blecherne Wetterfahne ein großes Loch aufwies: „Das tat die Gewalt des Steines, den das seltsame Pulver mit Blitz und Donner aus dem gelben Mörser geschleudert hatte.

Wieder pragmatisch verstanden die beeindruckten Stadtherren, dass was sie erschrak auch andere erschrecken konnte und so baten sie den Meister, so bald es ihm möglich wäre zum Rathaus der Stadt zu kommen, um weitere Demonstrationen seiner fürchterlichen Kunst zu geben. Dort vollzog er mit seinem Diener weitere Experimente und der Rat ließ nach den Angaben des Fremden Rohre gießen, aus denen sodann „der Blitzstrahl und der runde Stein fuhren mit einer Gewalt als der wildeste Feuerstrahl vom Wetterhimmel.“

Da der Fremde die Stadt mit seiner Waffe aus der feindlichen Bedrängnis rettete, blieb die Belohnung nicht aus und so schenkte man ihm ein Grundstück in der damals noch kaum besiedelten nördlichen Jakober Vorstadt, woran die heute noch erhaltene Straßenbezeichnung Pulvergäßchen erinnern solle. Das besagte Grundstück dürfte demnach etwa dem Areal des ehemaligen Hauptkrankenhauses  entsprechen. Der Legende gemäß handelte es sich bei dem rätselhaften Fremden mit dem grünen Turban um einen Juden namens Tipsiles. Dieser sei mit seinem Diener Ismael auf der Flucht vor „den wilden Horden des Sultans“ nach Augsburg gelangt.

 

Man muss sich nicht in Lokalpatriotismus üben, wenn man feststellt, dass man der „Legende von Tipsiles, dem Juden der in Augsburg das Schießpulver erfand“ eine gewisse Plausibilität nicht absprechen kann. Die Datierung der Erzählung in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts ist zeitnah zum tatsächlich überlieferten historischen Geschehen.  Der Einsatz von sog. Bombarden – primitive Vorläufer späterer Kanonen, die aus röhrenförmig geschmiedeten Stahlplatten bestanden, die mit Metallreifen verstärkt wurden – ist bereits um das Jahr 1340 bezeugt. Doch bereits aus dem Jahr 1326 stammen die ersten bildlichen Darstellungen von Feuerwaffen, die zwei Jahre zuvor, also 1324 in den Kämpfen um die Stadt Metz zum Einsatz gekommen sind. Der englische Kleriker Walter de Milimete aus der Grafschaft Cornwall, bildete dabei in einer Illustration seiner heute in Oxford aufbewahrten Handschrift mit dem Titel „De Officilis Regum“ (Die Pflichten des Königs), die er für Edward III. verfasste, ein kanonenartiges Geschütz ab, das Metallpfeile per Pulverkraft verschießt. Die nach dem Illustrator „Milimete-Geschütz“ genannte Waffe gleicht dabei – analog zur Augsburger Tipsiles-Legende – mehr einer knapp einen Meter langen, liegenden Vase als einer Kanone späterer Art. Die Lade- und Zündtechnik wirkte aber bereits wie bei sämtlichen verbesserten Modellen bis ins 18. Jahrhundert. Man leerte das waffenfähige Pulver in eine hinten verschlossene Rinne und setzte ein passendes Geschoss auf die Ladung. Die Zündung erfolgte nämlich auch hier schon durch einen (meist) seitlichen Luntenstock, und nicht wie manche Autoren annahmen durch ein glühendes Loseisen.

 

illustration of an early cannon, year 1326

illustration of an early cannon, year 1326

 

Es ist bekannt, dass Augsburg in jener Zeit an der Seite Kaiser Ludwig des Bayern stand, der sich wiederholt bei Augsburger Juden verschuldete und dafür einmal sogar seine Stadt München als Pfand einsetzte. Belegt ist zudem, dass Augsburg dem, 1324 von Papst Johannes XXII gebannten, keineswegs unumstrittenen Kaiser wiederholt bei militärischen Auseinandersetzungen zur Seite stand und Soldaten zu seinen Heeren beisteuerte. Zeitweilig geschah dies auch im Bündnis mit den Engländern, weshalb der Augsburger Bischof sogar auch am Hofe des englischen Königs empfangen und mit reichlichen Geschenken belohnt wurde. Vielleicht war dieser als Waffenhändler auf Reisen. Eine wie auch immer geartete Augsburger Beteiligung an den Auseinandersetzung im Krieg von Metz ist folglich durchaus denkbar.

Plausibel erscheint nun auch die exotisch wirkende Herkunft und das Erscheinungsbild des Tipsiles im Kontext des Geschehenes der Augsburger Überlieferung. In einer Zeit in welcher es insbesondere  auch in Süddeutschland wegen Ritualmord- und Hostienschändungsanklagen schlimmste Verfolgungen ganzer jüdischer Gemeinden gab, ist es kaum denkbar, dass eine Tradition einen noch dazu fremdländischen Juden ersinnt, um die Erfindung eines bald weltbekannten Pulvers für die Geschichte der Stadt zu reklamieren.

Anders als bei „den Chinesen“, Berthodus Niger aber auch Roger Bacon steht die Erfindung des Schießpulvers hier im unmittelbaren Zusammenhang mit dem praktischen Einsatz als Waffe, deren Erwähnungen sich „nach Metz“ in ganz Europa häufen. Schon 1327 ordnen die Räte der Stadt Florenz die Herstellung von Kanonen und Metallkugeln (pilas seu pallectas ferreas et canones de metallo) an. Um 1330 kommen als vasi e scioppi bezeichnete Geschütze bei der Belagerung italienischer Städte zum Einsatz. 1339 verwendeten Franzosen bei Perigord und Cambrai gegen Edward III von ihnen als pot-de-fer bezeichnete Kanonen – weshalb es verständlich ist, dass er sich diese von Walter Milimete beschreiben ließ. In Italien sind in dieser Zeit bereits Vorläufer von Handfeuerwaffen illustriert.

Das Schwarzpulver war nun der erste Explosivstoff, der als Treibladung für Schusswaffen verwendet wurde. Es wurde erst relativ spät im ausgehenden 18. Jahrhundert durch effektivere Mischungen verdrängt. Nur im Schießsport, bei Feuerwerken oder bei historischen Festen wird Schwarzpulver heute noch benützt.

Wer war jener Tipsiles, der auch in der Jewish Encyclopedia kurz Erwähnung findet und der nach einer weiteren Augsburger Überlieferung nicht nur das Schießpulver, oder genauer gesagt die Kanone erfand, sondern auch der erste Papiermacher der Stadt und zudem offenbar auch Apotheker war?

Der eigentümliche Name hat einen gräzisierenden Klang freilich ohne griechisch zu sein, vielmehr handelt es sich dabei um eine Korruption von Tiplisi, der sich ursprünglich auf die heutige georgische Hauptstadt Tiflis (neu- georgisch: Tblisi) im Kaukasus bezieht.  

Im 9. Jahrhundert hatte Musa al Safrani (aus der persischen Ortschaft Safran stammend), dessen Name hebräisch Amran Ha-Parsi (der Perser) lautete in Bagdad eine karaitische Sekte begründet. Die Karaiten, die in ihrer Blütezeit im 11./ 12. Jahrhundert etwa ein Drittel der Juden ausmachten (der Historiker Salo Wittmayer Baron (1895-1989) schätzt sogar runde 40 %), hielten den Talmud, all seine Überlieferungen und Bestimmungen für völlig unverbindliche Meinungen und waren deshalb mit der Mehrheit der Juden, die sich an den rabbinischen Lehren orientierte in teilweise heftige Kontroversen verstrickt.  Karaiten oder Karäer wurden wegen ihrer Ablehnung des Talmuds auch nicht von Christen bedrängt, da ihre bloße Bibeltreue nach christlicher Auffassung nicht den Lehren des Evangeliums im Wege standen. Diese „Toleranz“ gegenüber Karaiten hielt bis ins 20. Jahrhundert an, weshalb die wenigen Hundert von ihnen auch von den Nationalsozialisten nicht verfolgt wurden. Andererseits waren auch die Karaiten untereinander zerstritten und splitterten sich in mehrere rivalisierende Gruppen auf. Da ihnen das schriftlich fixierte Gerüst des Talmuds fehlte, bildeten sich zahlreiche Karaiten-Schulen mit abweichenden Interpretationen des biblischen Textes. Musa Al-Safrani etwa vertrat eine Reihe von Ansichten, die zwar Anklang bei seinen Schülern hatten, das Establishment der Karaiten in Bagdad aber gegen ihn aufbrachten. Als sie ihn öffentlich verfluchten und schließlich beseitigen wollten, floh er und landete nach einiger Wanderschaft im Kaukasus. Dort hatte er unter chasarischen Konvertiten weit mehr Erfolg und ließ sich dauerhaft in Tiflis nieder. Sein dort erworbener Beiname Abu Imran ha-Tiplisi ging schließlich auf seine Anhänger über, die „die Tifliser“ genannt wurden und nun wiederum in Ägypten ebenso vertreten waren wie im byzantinischen Reich oder im israelischen Haifa. Sie brachten eine Reihe von beachtlichen Gelehrten hervor, die neben religiösen auch medizinische, astronomische und dazu grammatikalische Werke verfassten.

Aus der karaitischen Schule der Tiplisim, deren Merkmal das Tragen grüner Kopfbedeckungen war, nun stammte auch der 1279 in Haifa geborene, aber in Ägypten aufgewachsene Daud Jusuf Al-Tiplisi (hebräisch: David ben Josef), der zeitweilig am Hof des Sultans Nasir Muhamad (1285 – 1340) diente, aber um das Jahr 1309 herum das Land verließ, nachdem der junge Herrscher zeitweilig gestürzt wurde. Er ging nun zurück in seine Geburtsstadt Haifa und von dort wiederum nach Konstantinopel wo er einer der Lehrer des in Kairo geborenen Aharon ben Elia (1300 – 1369) wurde, einem der bedeutendsten Gelehrten des karaitischen Judentums. In Konstantinopel verfasste David ha-Tiplisi eine Reihe von Schriften, wovon jene mit dem Namen „Chochma nistara“ (verborgene Weisheit) in Auszügen erhalten geblieben ist. Aus den Responsen seines Schülers Bachja ben Salomon (1294 – 1355) nun wissen wir, dass David – aus einem uns unbekannten Grund – Konstantinopel verlassen hatte und in das Gebiet von „ostera uswabin“ übersiedelte, was sich unschwer als Österreich und Schwaben deuten lässt. Als zeitliche Angabe ergibt sich aus dem weiteren Zusammenhang, dass dies sieben Jahre vor der Eroberung der ca. 90 km südlich von Konstantinopel gelegenen Stadt Bursa geschah, demnach also wohl im Jahre 1319.

 

David ben Josef Ha-Tiplisi (1279 - 1359)

David ben Josef Ha-Tiplisi (1279 - 1359)

(painting by Chana Tausendfels, 2005)

Zwar findet sich für das Jahr 1324 in den Augsburger Annalen ein David verzeichnet, jedoch können wir nicht sagen, ob sich dieser Eintrag auf David ben Josef bezieht. Auch der in der Tipsiles-Legende erwähnte Name seines Dieners Ismael findet sich in den Augsburger Steuerbüchern, freilich mit enormen zeitlichen Abstand im Jahre 1383, jedoch in der Schreibweise Yshmahel. Relevant für die Geschichte des Tipsiles in Augsburg nun aber auch die Notiz, dass er weit abseits der städtischen Judenviertel des Königshofs und des Rathauses wohnte, nämlich in der später so genannten Maximilianstraße. Schon die klare räumliche Trennung von der Judengemeinde legt nahe, dass er allgemein einen Sonderstatus innehatte. Der Umstand, dass David ben Josef ein Karaite war, also das talmudische Judentum ablehnte, könnte diese Absonderung von der restlichen Gemeinde erklären. Ungeklärt ist nun jedoch der eigentliche Grund wie die Dauer seines Aufenthaltes, wovon auch sein Schüler nichts zu berichten weiß. Aus einer anderen Quelle findet sich spät eine Spur, die besagt, dass der nun wieder Daud Jusuf Al-Tiplisi genannte Gelehrte am 20. Tamus des Jahres 5119 ( = 1259) in Akko starb.  Augsburg hatte er, wenn nicht bereits zuvor, wohl während des Massakers im November 1348 verlassen. Damit blieb ihm auch erspart, dass nach der Ausweisung der Augsburger Juden über deren Friedhof das städtische Waffenarsenal errichtet wurde.

Neben der Zuschreibung der Namensgebung für das Pulvergäßchen erinnert an Tipsiles in Augsburg womöglich noch eine kleine Figur, die sich in der Kirche St. Anna befindet. Sie stellt den Kopf eines rothaarigen Mannes dar, der einen grün oder grünbläulichen Turban trägt. Die Figur als solche ist für eine christliche Kirche in Schwaben sicherlich eher atypisch. Sie wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts bei Restaurierungsarbeiten in der auf das 14. Jahrhundert zurückgehenden Hirn‘schen Kapelle im Fußboden gefunden und ohne besonderen Bezug für ein Schmuckstück gehalten. Als solches hängt es in der Kirche nun an einer Seitenwand.

 

Das überlieferte Todesdatum des David ben Josef jährt sich am kommenden Schabbat zum 650. Mal, weshalb der jhva an dieser Stelle an den mutmaßlichen Erfinder des waffenfähigen Schießpulvers, bzw. der modernen Schusswaffen erinnern will.


Rabbiner von Augsburg: der MaHaRaM

June 24, 2009

Der MaHaRaM (Morenou HaRav Meïr) Meir bar Baruch (- ר מאיר בר ברוך  -) wurde 1215 als Sohn von Rabbi Baruch in Worms geboren und studierte in Wien, Augsburg, Würzburg und hernach u.a. bei Rabbi Jechiel ben Josef in Paris. Dort wurde er Zeuge von Angriffen gegen Juden und Verbrennungen des Talmuds, doch es gelang ihm im Jahr 1242 zu entkommen und ein kostbares Exemplar des Buches aus Paris zu retten.

Meir erwarb sich schnell einen bedeutenden Ruf als Tosafist und gelehrsamer Rabbiner der bedeutendsten deutschen Gemeinden seiner Zeit, darunter Nürnberg, Würzburg, Worms, Mainz und Augsburg. In die allgemeine Geschichte eingegangen ist er freilich als Rabbi Meir von Rothenburg.

Im Jahre 1283 reagierte Rabbi Meir auf die drückende Besteuerung und sich wiederholende Anschuldigungen über sog. Schändungen von Hostien (lat. „Schlachtopfer“) mit einem Appell an alle Juden des Landes, ins Land Israel auszuwandern – mehr als sechshundert Jahre vor Theodor Herzl. Mit seiner Familie und zahlreichen Anhang machte er sich auf den Weg, wurde aber verraten und am 4. Tammus 5047 (= 1286) gekidnapped – das Datum jährt sich übermorgen zum 723. mal. Die Steuereinnahmen der Juden wollten sich die Herrscher nicht entgehen lassen. Für die Freilassung des Rabbiners versuchten Bischöfe und Kaiser die (bei einer jährlichen Kopfsteuer von einem Gulden) damals unfassliche Summe von 30.000 Gulden zu erpressen, doch Rabbi Meir weigerte sich dies zu akzeptieren, um keinen Präzedenzfall zu schaffen und verbot seiner Familie und Anhängern, Geld für diesen Zweck zu sammeln. So kam es, dass er in der Festung Ensisheim Jahre bis zu seinem Tod im Frühjahr 1293 als Gefangener verblieb. Dies trug ihn u.a. auch den Ehrentitel des Meor hage’ula – Licht des Exils – ein, neben Raschi und Rabbenu Gerschon der einzige Rabbiner, der so bezeichnet wurde. Erst Jahre nach seinem Tod durfte sein Leichnam auf dem Friedhof seiner Geburtsstatt Worms bestattet werden. Dort ist sein Grab heute noch Anziehungspunkt zahlreicher Pilger aus aller Welt, während Rothenburg vor allem touristisch für ihn wirbt.

Dass der MaHaRaM aber sowohl als Lernender wie auch als bedeutsamer Lehrender in Augsburg weilte, ist in Augsburg selbst seit Jahrhunderten kein Thema gewesen, …

Kein Platz, keine Tafel erinnert an ihn …

 

מהר"ם - Meir bar Baruch - Rabbi of Augsburg

מהר"ם - Meir bar Baruch - Rabbi of Augsburg

Meir bar Baruch, the Maharam, Augsburg’s major Rabbi his expertises still  are of high relevance to advanced students of Talmud-Torah and mediaeval history as well.


Wie alt ist Augsburg?

June 12, 2009

 In der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung der Stadt, wurde Augsburg 15 v.a.Z. gegründet. Im Jahr 1985 feierte man folgerichtig auch das 2000jährige Stadtjubiläum und man bewirbt diesen Umstand auch heute noch für den Tourismus.

Gäste früherer Jahrhunderte bekamen offenbar aber noch ganz andere Daten genannt, wenn sie Tore der Reichsstadt betraten und einige Tage vor Ort verweilten. Eine offenbar gängige Auffassung war demnach, dass der Gründer der Stadt ein Sohn Japhets gewesen sein soll, also ein Enkel Noachs. Und wer weiß, vielleicht strandete die berühmte Arche ja auch in der Nähe der Lechstadt?

Noah gilt nach der biblischen Überlieferung als Begründer des Weinbaus und anscheinend erklärten Augsburger auf diese Weise die Weintraube, die lange Zeit als ihr Stadtsymbol galt, ehe man sie zum Pinienzapfen, der Zirbelnuss umdeutete.

In dem Sammelband „Reiseberichte und Selbstzeugnisse aus Bayerisch-Schwaben“ (Augsburg 2003) finden sich einige Anhaltspunkte dafür, was über die Ursprünge Augsburgs im 16. und 17 Jahrhundert angenommen und Besuchern erzählt wurde:

Der adelige Protestant Barthold von Gadenstedt notiert im Oktober 1587: „Augsburg … soll ihren Anfang haben von den uralten Schwaben, welche man meint den Anfang zu haben von Japhet faber erstlich … vor zeiten ist sie zisaria genennet worden wegen einer Göttin Kisa, die da verehrt wurde. Etliche wollen, diese stadt sei von Troja und der Kinder Israel Auszug aus Ägypten und vor Rom 550 Jahr gestanden. Andere setzen ihren Anfang 1129 vor Christi gebhurrt. Claudius Drusus hatt diese Stadt erneuert und erweitert und ist dieselbe dem keiser zu ehren Augusta genannt worden.“ (Reiseberichte, S. 92)

Fynes Moryson, ein 1566 geborener englischer Jurist schrieb im April 1592: „Man sagt, (Augsburg) sei schon 600 Jahre bevor Rom gebaut wurde, vom Sohne des Japhet gegründet. Vor alters beging man da ein jährliches Ceresfest, und am gleichen Tag findet nun ein Jahrmarkt statt, und um der Fruchtbarkeit des Bodens willen gibt die Stadt den Armen eine Garbe Korn.“ (Reiseberichte, S. 100)

http://www.archive.org/stream/fynesmorysons04moryuoft/fynesmorysons04moryuoft_djvu.txt

got caught in Augsburg

got caught in Augsburg

 

 

How old is Augsburg?

According to common believe Augsburg in 1985 was exactly 2000 years old, but visitors in the 16th and 17th centuries, such as English jurist Fynes Moryson, were told that Augsburg actually was founded by a son of Japhet who in turn was the son of Noah, the biblical hero. So maybe Noah’s Ark stranded near Augsburg … :-) )