Ferdinand Wertheimer (1817-1883)

January 6, 2012

Ferdinand Wertheimer was a member of the Upper Austrian Landtag in Linz, he also was landlord in Ranshofen and honorary citizen of three places Ried, Ranshofen and Braunau in the Inn-Viertel (famous region south-east of the Inn river in Austria), since he connected the small towns as railroad pioneer to the modern world. The later mentioned place Braunau / Inn at the Austrian-German border actually was the birth place of Adolf Hitler, who in 1889 also was baptized in a church which then was in possession of the Jewish Wertheimer family. Ferdinand Wertheimer also initiated the railroad connection between Braunau and Munich, obviously used by the young Hitler.

Ferdinand (Joshua) Wertheimer was the grandson of Bernhard  Ulmann (Ber Ulmo) of Pfersee and an offspring of famous rabbi and court agent Samson Wertheimer and his son Wolf Shimon Wertheimer who as Ferdinand is buried at the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber. However he was raised by his stepmom Babette, the sister of Isidor Obermayer. Fedinand studied chemistry and was influenced by famous Prof. Liebig, he also was a succesful cattle breeder, beneficient to parentless children as well as a patron of arts, fire fighter, as town councilman and member of the local parliament he was a liberal politician as well as a traditional (Greeks put it “orthodox”) Jew … and many more. His grandson Egon Ranshofen-Wertheimer (a Roman Catholic) was part of the short-lived Bavarian Soviet Republic, but also worked for the Geneva based League of Nations and after the war for the United Nations in New York. As columnist he was a fierce opponent of the Nazi Regime in Germany, led by Hitler who has stolen his birth house in Ranshofen Braunau.

His memory however is almost entirely faded, so we put him as first part of a new series of articles on portraits of Augsburg Jews.

Der Pionier Ferdinand Wertheimer  (11 pages short biography in German)

Ferdinand Wertheimer ist am jüdischen Friedhof von Pfersee/Kriegshaber bestattet. Sein Grabmal, wie das seiner, oft fälschlich für seine leibliche Mutter gehaltenen Stiefmutter, wurde von den Nationalsozialisten gründlich zerstört, möglicherweise auf “höheren Befehl”. Ferdinand Joschua Wertheimer war nämlich nicht nur Gutsbesitzer in Ranshofen (seit dem “Anschluss” 1938 ein Teil von Braunau), sondern hatte als Eisenbahn-Pionier auch die Orte Ried und Braunau an die Moderne angeschlossen, wofür er nicht nur in Ried und Ranshofen, sondern auch in Braunau mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde.  Er besorgte auch die womöglich verhängnisvolle Bahnlinie Braunau-München, die der spätere Diktator bekanntlich benutzte.  Adolf Hitler wurde zusätzlich zu all diesem in der Kapelle katholisch getauft, die von Ferdinand Wertheimer mit dem ehemaligen, 1811 aufgehobenen Chorherrenstift erworben wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass Hitler nichts über den Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und Eigentümer seiner Taufkappelle gewusst haben sollte.

Ferdinand Wertheimer ist anders als sein katholischer Enkel Egon, nach dem in Braunau 2007 ein Preis benannt wurde, weitgehend vergessen, ganz zu Unrecht, weshalb wir ihn, der liberaler Politiker, Feuerwehrmann, orthodoxer Jude, Chemiker, Rinderzüchter, Journalist, Mäzen, Theaterintendant und manches andere war, zum ersten Teil einer neuen, in loser Folge erscheinenden Folge von Portraits  Augsburger, österreichisch- oder bayerisch-schwäbischer Juden der letzten tausend Jahre nehmen wollen.


Der FCB beim FCA

November 7, 2011

Mann könnte über das gesterige Fußball-Spiel schreiben ohne Rückblicke in “die Geschichte” zu unternehmen, aber da sich jüngst Seitentreffer wie ” FC Augsburg jüdisch? ” häufen, ist es naheliegend beim gesterigen Besuch des dann doch nicht übergroßen Nachbarn zurückzuschauen, zumal in diesem Jahr auch das ausgezeichnete Buch von Dietrich Schulze-Marmeling: “Der FC Bayern und seine Juden” erschienen ist. Dazu wollten wir schon lange mal was schreiben, aber da fast alle Rezensenten sich über das “lange Schweigen” des FC Bayern, etc., ausließen, mussten wir als eher gemächliche Schwaben auch nicht übergroßes Tempo vorlegen, obwohl es über die aus Region stammende Familie Landauer in Augsburg und Umgebung manches noch erzählen gäbe.

Wei auch immer: Als Hitler im Januar 1933 zur Herrschaft in Deutschland gelangte, hieß der Deutsche Fußballmeister FC Bayern München. Der zuvor von den weit überwiegenden Anhängern der „deutschen Turnerbewegung“ als „englische Fußlümmelei“ verachtete Fußball war längst auch in Deutschland zum Massensport geworden, zumindest was die Beachtung von durch Zuschauern überfüllten Stadien anbetraf. Da der FC Bayern mit dem Münchner Kurt Landauer (1884-1961) und dem Wiener Richard „Little Dombi“ Kohn (1888-1963) einen jüdischen Vereinspräsidenten und Meistertrainer aufweisen konnte, galt er bei den Nazis als verhasster „Judenverein“. Letzterer gewann in Holland noch mit Feyernoord Rotterdam Meisterschaften, während Landauer nach der Nazi-Herrschaft nochmals als Präsident des FC Bayern zurückkehrte. Die zunächst vielleicht noch spannende Frage, wie sich die Regierungsübernahme der Nazis auf den Münchner Meisterclub auswirken könnte, ist heute natürlich keine solche mehr. Alle diesbezüglichen Befürchtungen wurden mehrfach übertroffen, weshalb es banal wäre das allgemeine Geschehen auf das Unwohl und Wehe eines Fußballvereins zu reduzieren. Einen solchen Versuch unternahm aber auch nie jemand, wobei es lange unklar blieb, ob man lieber über die Juden oder über die Nazis schwieg. Doch bekanntlich steckt zumindest der sprichwörtliche Teufel im Detail. Angepasst an die stark verzögerte allgemeine gesellschaftliche Entwicklung begann deshalb erst im Zuge der letzten Jahre eine Art lokale Auseinandersetzung mit den „jüdischen Spuren“ im Alltagsleben.

Aber auch der FC Bayern hatte bis zum Gewinn seiner zweiten deutschen Fußballmeisterschaft im der Saison 1968/1969 einen sehr weiten Anlauf gebraucht, dem bis heute dann aber noch weitere zwanzig Titelgewinne folgen sollten. Dadurch wurde der Münchner Club in den letzten vierzig Jahren in ganz Deutschland sozusagen zum Inbegriff des Fußballsports und zum landes- wie europaweit ebenso beliebten wie aber auch verhassten Focus.

Die sog. „Bayern-Hasser“ freilich bedienen sich dabei jedoch gerne eigenartiger und stereotyper Klischees, die mitunter auch in weit früheren Jahrzehnten reichen könnten, während sich viele vor allem ländliche Bayern-Fans etwas schwer mit einer jüdischen Vergangenheit des Clubs tun. Allenfalls wenn auf die aktuell arabische Führung des Lokalrivalen TSV 1860 die Rede kommt, hält dies mancher etwas Angetrunkene entgegen.

Gestern Abend gastierte der FC Bayern zum ersten Mal in einem Spiel der 1. Bundesliga in Augsburg als Gegner des frisch aufgestiegenen FC Augsburg. Dabei blieb den Gastgebern das letztlich dann doch wohl verdiente Unentschieden leider versagt, aber es gibt ja noch ein Rückspiel und wohl keine andere Bundesliga-Mannschaft hat so oft und überzeugend auswärts in der Allianz-Arena gewinnen können, wie der FCA … ;-)

European Football (known as Soccer in the US) is the most-loved and popular sport in Europe and Germany. FC Bayern Munich is one of the “big five” clubs in Europe’s football history and with 22 national championships is by far the most successful football club in Germany, comparable especially to the early dominance of the New York Yankees in American Baseball. The first championship FC Bayern had won in 1932, half a year before Hitler and the Nazi rose to power in Germany and when the club was led by Jewish president Kurt Landauer and coach Richard Kohn. There were no marks for guessing that “Jews Club” FCB actually would not defend the championship. The Nazi favored “workers club” FC Schalke from Gelsenkirchen which between 1933 and 1944 won all titles of the regional “Gauliga Westfalen” and six German championships. Only in 1969 FC Bayern won its second national championship and since then almost every two years another one.

Yesterday evening the great FCB in the course of a regular Bundesliga match for the first time was guest in Augsburg, home of the FCA which plays its first season in Germanys top league.

 


Die “Weisen von Pfersee”: Isaak Seckel Etthausen und Simon Wolf Wertheimer

May 24, 2011

In der “Jewish Encyclopedia” heißt es 1905: “The Scholars of Pfersee חכמי פערשא are well known”.

Diese Aussage hat heute gewiss längst keinerlei Gültigkeit mehr. Ganz zu Unrecht, da hier vor Ort einige sehr bedeutende und weit über die Grenzen des österreichischen, später bayerischen Schwaben hinaus bekannte Gelehrte lebten und wirkten, die wesentlich zur Entwicklung des Judentums und der Kultur in Europa beitrugen und als frühere Förderer des Zionismus die Geschichte beeinflussten.

R. Isaak „Seckel“ b Menachem Etthausen (1685-1763) bewegte sich in den bedeutendsten Kreisen des damaligen europäischen Judentums. Er war der Schwiegersohn des Mainzer Rabbiners Issachar Eskeles, auch bekannt als Berusch (=Baruch) Ischschachar ben Gabriel (1692-1753) und Chawa Rivka (1691-1755), der Tochter des berühmten aus Worms stammenden Wiener Rabbiner und kaiserlichen Hoffaktoren Schimschon (Samson) Wertheimer (1658-1724). Deren Sohn und Etthausens Schwager war Bernhard Eskeles (1753-1839), der als Waise aufwuchs. Sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter noch bevor er zwei Jahre alt wurde. Bernhard Eskeles wurde gleichfalls als Bankier berühmt und erwarb mehrere Adelstitel wie Edler, Ritter und schließlich Freiherr. Anders als eine Vielzahl seiner Verwandten hatte er jedoch wenig Interesse am Judentum und so verwundert es nicht, dass seine Kinder zum Christentum konvertierten.  In den Jahren 1709-10 finden wir Isaak Etthausen als Rabbiner in Schnaittach bei Nürnberg, dann in Aschaffenburg und im unterfränkischen Marktbreit (Geburtsstadt des Entdeckers der Alzheimer Krankheit), rund 25 km südöstlich von Würzburg, wo ihm 1722 Pinchas Katzenellenbogen ins Amt des Rabbiners nachfolgt. Etthausen hingegen geht nach Mainz und wird nun als Schwiegersohn auch Assistent des Rabbiners Eskeles. Von 1723 bis 1729 übernimmt er dessen Position als Oberrabbiner von Mainz. Im Jahr darauf übersiedelt Etthausen mit seiner Familie ist österreichisch-schwäbische Pfersee, wo er die Nachfolge von Jehuda Löb ben Issachar Oppenheim, dem in Worms geborenen Neffen des Prager Oberrabbiners David Oppenheim antritt. Isaak Etthausen blieb 33 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahre 1763 Rabbiner vor Ort und wurde am Friedhof von Pfersee und Kriegshaber begraben.

Die Inschrift seines Grabsteins würdigt ihn als hochverehrten Raw Gaon Jitzchak bekannt als Sekel Ethausen, Vorsitzender des Gerichts der heiligen Gemeinde Pfersee und von ganz Medinat Schwaben der wahrhaftig auf die Wunder Gottes vertraute. Der Ruf seines guten Namens eilte ihm in allen Toren voraus wie gutes Öl und als Richter war er in seiner Weisheit mutig, um verbindlich Recht zu sprechen. Als Autor veröffentlichte er Fragen-und-Antworten „Verborgenes Licht“ (or ne’elam) und „Licht in Zion“ (or lo bezion). Gestorben und begraben wurde er in gutem Namen am 7. Elul des Jahres 5523, was Dienstag dem 16. August 1763 entspricht.

Die erwähnten Schriften wurden 1762 und 1765 von seinem Sohn Jehuda Loeb Etthausen in Karlsruhe gedruckt. „Or Neelam“ ist eine Sammlung von 58 Antworten („Responsen“) im Stile der klassischen „Frage und Antwort“ – Literatur (schu‘t: sche‘elot u tschewot) und „Or LeZion“ ein gewandter Beitrag zum Talmud Abschnitt Brachot. Beide Werke sind zum Glück erhalten geblieben und rechtfertigen das hohe Ansehen Sekel Etthausens.

Sein Grabstein jedoch wurde in der Nazi-Zeit weitgehend zerstört. Nur der Sockel ist noch vorhanden. Zum Ausgleich (?) wurde das Photo von Theo Harburger aus dem Jahr 1927 in verschiedenen Fachpublikationen ein zweites Mal für den jüdischen Friedhof von Binswangen wiedergegeben. Dort freilich befand sich der Stein natürlich nie.

Der Bruder von Etthausens Schwiegermutter war Simon Wolf Wertheimer (1681-1763), ältester Sohn des Wiener Hoffaktoren Samson und selbst kaiserlicher Oberhoffaktor, der zumindest in den Jahren 1744 bis 1748, worüber über 90 erhaltene Originalbriefe und Abschriften berichten in Augsburg lebte und von dort eine ausführliche Korrespondenz nach Hamburg, Wien, Fürth, Prag, etc. unterhielt. Manchmal lautet seine Anrede Monsieur Wolff Wertheimer Agent de Chambre de la Majesté Impériale et Grand Facteur de la Majesté le Roy de Pologne Augsburg, also kaiserlicher Kammeragent Großfaktor des Königs von Polen. Letzteres war in jener Zeit August III, der sich weit mehr für Opernbesuche und Kunstsammlungen als für Politik interessierte. Wolf Wertheimer übersiedelte um 1750 nach München, wo er sich zuvor auch immer wieder am Hof der bayerischen Herzöge aufhielt und starb dort. Für einiges Aufsehen sorgte der aufwendige Leichenzug von München zum jüdischen Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber, dem sich zahlreiche Vertreter anderer Gemeinden anschlossen. Wie bereits sein Vater Schimschon (Samson) unterstützte auch Schimon (Simon) Wolf den Unterhalt und Aufbau jüdischer Gemeinden im Lande Israel (Safed, Jerusalem, Hebron). Einem Brief aus dem Jahre 1729 an einen seiner  Schwiegersöhne lässt sich etwa entnehmen, dass er etwa auch Beziehungen zum österreichischen Gesandten in Istanbul nutzte, um sich für die Juden in der damals osmanischen Provinz einzusetzen. So verwundert es auch nicht, dass sein Grabstein am Friedhof Pfersee/Kriegshaber  einen fast messianischen Ehrentitel „Nasi Jisrael“  trägt, was je nach Lesart als Prinz, Fürst oder König Israels umschrieben werden kann. Die Grabrede hielt Isaak Etthausens Nachfolger Benjamin Wolf Spiro Segal der einer prominenten böhmischen Rabbinerfamilie entstammte und selbst Richter in Prag war, ehe er Rabbiner in Oettingen und 1764 Rabbiner in Pfersee wurde und 1792 verstarb.

Wertheimers Grabmal aus rotem Kalkstein ist trotz der Zerstörung zahlreicher benachbarter Gedenksteine glücklicher Weise fast vollständig erhalten geblieben. Die Inschrift lautet:

פה נטמן הרר שמעון וואלף בן גאון נשיא ארץ ישראל מרהרר שמשון וערטהיים זצל מווינא נפטר במינכין מוצאו שק ונקבר ביום א כ טבת שנת ת”ו קוף כף היא לפק תהא נשמתו בצרורה בצרור החיים

 

Hier ist begraben der verehrte R. Schimon Wolf Sohn des Gaon und Fürsten des Landes Israel der hochverehrte R. Schimschon Wertheim aus Wien, gestorben in München am Ausgang des heiligen Schabbat und begraben am ersten Tag der Woche, am 20 Tewet des Jahres 5526. Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens.“

Das Datum ist etwas sonderbar notiert als שנת ת”ו also Jahr 406 (das wäre freilich 1645) gefolgt von den ausgeschrieben Buchstabennamen קוף כף für den Zahlenwert 120, was zusammen addiert also 526, bzw. 5526 ergibt. Das Datum der Beisetzung in Pfersee/Kriegshaber entspricht demnach dem Sonntag 13. Januar 1765, in München gestorben ist Schimon Wertheimer am Vorabend.  Der gewiss recht mühsame Transport des Leichnams von München wie auch die Beisetzung mussten also vor Anbruch der winterlichen Abenddämmerung abgeschlossen sein, die Mitte Januar bereits um etwa 17 Uhr beginnt.  

Einen eigenen jüdischen Friedhof hatte München in dieser Zeit noch nicht. Genau genommen noch nicht mal eine „richtige“ Gemeinde. Diese konstituierte sich dem Vernehmen nach erst im Januar 1815 in der Wohnung von Judit Wertheimer, der Witwe von Wolfs Sohn Abraham. Im Jahr darauf bekam die neue Gemeinde auch in München auch einen eigenen Friedhof, weshalb aufwendige Überführungen ins fast 70 km entfernte Kriegshaber nun nicht mehr erforderlich waren.

see: http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=247&letter=P&search=Pfersee

The Jewish cemetery of Pfersee and Kriegshaber is the burial place of numerous scholars and rabbis. Among them are prominent personalities like Isaac Sekel ben Menachem Etthausen (1685-1763), author of “Or Neelam” and “Or lo betzion” who had been Rabbi of Pfersee and Medinat Schwaben for 33 years and his ramified relative Shimon Wolf Wertheimer, court Jew of the emperor, the Bavarian dukes as well as of the King of Poland. Shimon or Simon Wolf Wertheimer who spent at least some years in Augsburg as we know from a number of 90 letters, is the son of the universally known Shimshon Wertheim better known as Samson Wertheimer who was a famous and pious scholar , Rabbi of Hungary and a very prominent imperial court Jew in Vienna himself. The fact that his firstborn and most influential son Simon spent a lot of time in Augsburg as well as in Pfersee and finally had been buried here however is hardly known.


Zur neueren Geschichte der Juden in Ingolstadt

May 1, 2011

In seiner „Geschichte der Juden von Ingolstadt 1300 -1900“ aus dem Jahr 1900 schreibt Arno Friedmann, dass mit dem Edikt vom 10. Juni 1813 habe eine neue Ära für die Juden in Bayern begonnen, da ihnen Gewissensfreiheit zugesichert und die Freiheit gewährt wurde, Häuser, Felder und andere Grundstücke zu erwerben.

Friedmann schreibt: „Nach dem Inkrafttreten dieser Verordnungen kamen auch nach Ingolstadt wieder Juden, um von hier aus Tags über Geschäfte zu betreiben; übernachten mussten sie in Nachbarorten, da ihnen dieses hier nicht erlaubt war.“ (S. 25)

Eine aus dem Jahre 1846 stammende Verordnung der Stadt Ingolstadt verfügt, dass jeder Jude sich beim  Stadtmagistrat anmelden und über den Zweck seines Aufenthaltes Auskunft geben müsse:

Der bei Friedmann wiedergegebene Wortlaut der Verfügung vom September 1846 ist anschaulich:

Da sich in hiesiger Stadt allenthalben die missfällig Wahrnehmung darbietet, dass sich fortwährend Juden dahier aufhalten, welche durch gesetzwidrige Zinsen-Abrechnung und wucherliche Händel die Einwohner in grosse Schuldenlast bringen, und durch allerlei Geschäfte das Publikum benachteiligen, so sieht man sich veranlasst, auf Grund der bestehend allerhöchsten Bestimmungen folgende Anordnungen in Vollzug zu setzen:

1. Jeder Jude hat sich nach seiner Ankunft in hiesiger Stadt jedesmal sogleich beim Stadtmagistrate mit Auszeichnung seiner Geschäfte, welche ihn hierher geführt haben, zu melden, und die Aufenthaltsbewilligung zu erholen.

2. Von der Polizeibehörde wird kein längerer Aufenthalt gestattet, als die Geschäfte es nothwendig machen.

3. Jeder ohne Polizeikarte sich hier aufhaltende Jude ist bei einer Strafe bis zu 10 Reichsthalern von seinem Hausherrn oder Gastwirt anzuzeigen.

4. Gleiche und noch empfindlichere Geldstrafe haben diejenigen Juden zu gewärtigen, welche diese Anordnungen unbeachtet lassen, oder die Obrigkeit durch die Angabe eines gar nicht existierenden Geschäfts zu täuschen suchen.

Ingolstadt, den 22. September 1846

Magistrat der Königlichen Stadt Ingolstadt

v. Grundner, rechtsk. Bürgermeister“

(Ingolstädter Wochenblatt, Jahrgang 1846, S. 343)

 

Der unterzeichnende Bürgermeister war Georg von Grundner (1813 – 1893) , der mit vollständigen Namen Georg Corbinian Christian Ritter und Edler von Grundner hieß. Der gebürtige Münchner war Jurist und von 1844 bis 1855 „rechtskundiger“ Bürgermeister von Ingolstadt und zugleich auch Kommandant des Landwehrbataillons. 1848/49 gehörte kurzfristig auch der Nationalversammlung in Frankfurt an und war hernach noch Richter am Landgericht in Ingolstadt, ehe er im Ruhestand nach München zurückkehrte.

Zumindest eine Anzahl von Personen, die sich im Sommer des Jahres in Ingolstadt aufgehalten haben, sind uns durch erhaltene Urkunden namentlich bekannt. Der aus dem fränkischen Bamberg stammende und ins damals noch dänische Altona ausgewanderte Porzellan-Maler Max Mordechai ben Abraham Steinhardt beabsichtigte dort die aus portugiesischer Familie stammende Amalia Tobias zu ehelichen. Die der Ehe vorausgehende Chalitza – Urkunde wurde jedoch überaschender Weise auf den 21. Aw 5606 (13. August 1846) in Ingolstadt ausgestellt und von den als Rabbinat-Richter  fungierenden Abraham Reitlinger aus Pappenheim und Simon Neumann aus Treuchtlingen unterschrieben wurden. In dieser Zeit gab es fraglos keine jüdische Gemeinde in Ingolstadt, der Magistratsurkunde gemäß offenbar aber zahlreiche in der Stadt anwesende Juden. Steinhardt hatte 10 Tage später in Altona geheiratet und eine (Rück)Reise über 700 km von Ingolstadt nach Hamburg war damals, als es noch fast nirgends Eisenbahnlinien gab, sicher beschwerlich. Auch von Treuchtlingen und Pappenheim, wo es damals Rabbiner und Gemeinden gab, waren es noch rund 60 Kilometer bis in die königlich bayerische Stadt. Der Treuchtlinger Rabbiner war Isaak ben Pinchas Skutsch (1800-1873), dessen Vorfahren Rabbiner in Kriegshaber waren. Der damalige Rabbiner Altonas freilich war Jakob Ettlinger (1798-1871), von dem es überraschend heißt, seine erste Position als Rabbiner habe er in Ingolstadt eingenommen und zwar bereits 1825. Davon weiß freilich weder Arno Friedmann noch sonst jemand etwas zu berichten und so bleibt es fraglich, ob es 75 Jahre vor Abfassung seiner Schrift zumindest kurzfristig einen Rabbiner in Ingolstadt gegeben hat. Innen- und Außenperspektiven müssen auch nicht immer deckungsgleich sein.

Eine allgemeine Freizügigkeit in der Ortswahl bestand in Bayern erst seit 1848. In den folgenden Jahrzehnten hätten trotzdem aber nur vereinzelte jüdische Familien in Ingolstadt gelebt:  „Erst am 1. September 1884 bildete sich ein Synagogenverein, dem 15. Mitglieder angehörten. Aus ihm entstand am 11. Oktober 1892 die heutige israelitische Kultusgemeinde.“ (S. 26/27) Friedmanns Angaben gemäß zählte die Gemeinde im Jahr 1900 neunzig Mitglieder, nämlich 38 Männer, 28 Frauen und 24 Kinder. Der damalige Betsaal bestand in der Milchstr. 8 und verfügte über 25 Sitzplätze für Männer und 15 für Frauen. Insgesamt 17 Schüler erhielten als Volks-, Real- und Sonntagsschüler. Der Friedhof wurde am 30. Dezember 1891 eingeweiht und befand sich der damaligen Beschreibung: „außerhalb der Hauptumfassung der Festung, westlich der Stadt, 2 km entfernt, hinter dem Kommunalfriedhof“. Heute, 111 Jahre später ist er dessen Bestandteil und von allen Seiten vom Westfriedhof umgeben.  Arno Friedmann selbst ist dort bestattet. Friedmann war als Lehrer der jüdischen Gemeinde Nachfolger von Leopold Regensburger, der von 1901 bis 1912 in Ingolstadt unterrichtete ehe er nach Kriegshaber ging und in der dortigen Gemeinde bis 1931 für die orthodoxe Gemeinde tätig war.

Die beiden Häuser Milchstr. 8 + 9 in Ingolstadt in welchen der Ingolstädter Bankier und Gemeindevorsitzenden Adolph Schülein 1876 in seinem Privathaus einen Betsaal einrichtete ehe im schräg gegenüber liegenden Haus in der selben Str. die bei Friedmann beschriebene Gebets- und Unterrichtsstätte des Synagogenvereins eingerichtet wurde.

Bald nach Erscheinen von Friedmanns Schrift bemühte sich die jüdische Gemeinde in Ingolstadt um einen neuen Betsaal. Da für einen eigenen Neubau Voraussetzungen und Mittel fehlten, gelang es schließlich ab 1907 das Haus in der Theresienstr. 23 als Synagoge zu nutzen. Das Gebäude selbst hatte eine nicht unbedeutende Vorgeschichte, diente es von 1782 bis 1785 doch als Tempel des umstrittenen Iluminaten-Orden. Dieser wurde am 1. Mai 1776 als Bund der Perfektibilisten (bzw. als „Bienen-Orden“)  unter dem Vorsitz von Adam Weishaupt (1748-1830) gegründet. Weishaupt war an der Universität Ingolstadt (der ältesten Bayerns) Professor für katholisches Kirchenrecht und für „praktische Philosophie“. Gerüchten gemäß, die im Halbschatten von Geheimorden bekanntlich besonders  gut gedeihen, soll Weishaupt selbst „jüdischer Abstammung“ gewesen sein und den Namen Weishaupt von Weiskopf (Name einer in Nordschwaben geläufigen Rabbiner-Familie) entlehnt haben – was keine sonderlich originelle Neuerung wäre. Zudem ist „Adam“ als Vorname für Juden recht untypisch. Gerschom Scholem und andere sehen Weishaupt eventuell im Umfeld der Frankisten. Diese waren Anhänger des Jakob Frank (eigentlich Jakob Leibowicz, 1726-1791), eines schwärmerischen Pseudo-Messias, der u.a. auch Jesus und Mohamed verehrte, sich dem Christentum annäherte und den Talmud verbannte. U.a. verbreitete er die Ansicht, der Talmud lehre die Pflicht für geheime Rituale Blut von Christen zu verwenden.

Weder positiv noch negativ deutet etwas auf eine jüdische Einflussname des Illuminaten Ordens hin zu dessen Mitglieder auch Knigge und Goethe gehört haben sollen – „jüdisch“ ist bei Verschwörungstheoretikern immer das Ungenannte, Unbekannte, weshalb nie Namen jüdischer Mitglieder genannt werden, falls es solche je gab. 1785 wurde der Orden (der den Prinzipien der „Freimaurer“ folgen soll) jedoch verboten und Adam Weishaupt floh nach Gotha, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb, während Werbung für den Orden in Bayern unter Todesstrafe gestellt wurde.

Was in den zwischenzeitlichen 120 Jahren mit dem Gebäude geschah, ist etwas unklar, im Jahr 1907 jedenfalls wurde die Synagoge dort eingeweiht. Sie hatte einer äußeren Erinnerungstafel gemäß bis 1938 Bestand. Bald nach der Nazi-Herrschaft wurde sie demnach sogar auch wiederherstellt und von 1946 an erneut benutzt, dann 1952 schließlich aus Mangel an Juden in Ingolstadt „aufgegeben“.

Der Ingolstädter Illuminaten-Orden ist auch Gegenstand der ziemlich versponnenen, in weiten Teilen eher satirischen als historischen Iluminatus-Trilogie des 2007 verstorbenen „Kult-Autoren“ Robert Anton Wilson, die einen enormen Einfluss auf die moderne Pop-Kultur nahm und eine Flut von weiteren Verschwörungstheorien als inzwischen einigermaßen etabliertes Unterhaltungsgenre nach sich zog. Am Ende der Roman-Handlung ist ein Massenmord bei einem Rockkonzert in Ingolstadt geplant. Dieses soll mit Hilfe von Nazis ausgeführt werden, die seit Kriegsende im Totenkopfsee schlummern. Einen solchen See gibt es in Ingolstadt nicht, aber es könnte eine Anspielung auf den künstlichen See beim ehemaligen Reichstagsgelände in Nürnberg sein, wo des Öfteren auch schon Rockkonzerte stattgefunden haben.

Nicht minder populär ist natürlich die Geschichte von „Frankenstein or The modern Prometheus“ von Mary Shelley (1797 – 1851). Die Tochter des englischen Anarchisten William Godwin siedelte einen Teil der Handlung des 1818 zunächst anonym erschienene Romans in Ingolstadt an. Dort besucht der Titelheld Dr. Victor Frankenstein, der einen neuen Menschen schafft , kommt bereits als 17jähriger nach Ingolstadt, um an der dortigen Universität Medizin zu studieren. Auch das insbesondere in der filmischen Verkörperung durch Boris Karloff  (eigentlich: William Pratt 1887-1969) seit 1931 in der Produktion von Carl Laemmle weltberühmte „Monster“ mit den charakteristischen Stirnnähten ist dem Roman gemäß in Ingolstadt erschaffen worden. Shelley war vermutlich niemals in Ingolstadt, jedoch besaß die Stadt wegen der Illumination wie auch wegen der medizinischen Sammlung der Universität (seit 1973 im „Deutschen Medizinhistorischen Museum“) einen offenbar bestimmenden Ruf. Demnächst etwa startet die Sonderausstellung „Vom Tatort ins Labor“, um über die Arbeit von Rechtsmedizinern aufzuklären.


Zur jüdischen Geschichte in Ingolstadt

April 22, 2011

Teil 1:

Die älteste erhaltene namentliche Erwähnung Ingolstadts wird in das Jahr 806 datiert, doch die eigentliche Stadtgeschichte begann erst mit den Wittelsbachern um die Mitte des 13. Jahrhunderts und der bald darauf beginnenden Befestigung der Stadt. Die ersten Notizen über Juden in Ingolstadt gehen auch auf die Zeit der Stadtgründung durch Herzog Ludwig II zurück. Gemäß den Angaben Arno Friedmanns, 1934 am jüdischen Friedhof in Ingolstadt bestattet, besagt eine Ingolstädter Urkunde des Jahres 1322, dass sich vier Vertreter der jüdischen Gemeinde in der Stadt dazu verpflichten, sich am Bau der Stadtmauer zu beteiligen. Namentlich genannt werden dabei aber fünf: „Gutman“ ,“ Jacob“, „Lamb“, „Göschel“ und „Genenl“. Der Name Göschel wird allgemein auf „Gothe“ zurückgeführt, was aber (auch) im (zeitlichen) Kontext wenig Sinn macht. Die nahverwandte Form Gössel, auch als jüdischer Personenname belegt, wird auf den geläufigeren Jossel bezogen, der wiederum auf den biblischen Josef (יוסף) zurückgeht. Lamb ist eine öfter anzutreffende Form von Lamm, später auch als Familienname belegt. „Genenl“ wäre bestenfalls als „Genendl“ (גענענדל, גנענדל) denkbar, aber wäre geläufiger als „Gnendl“ der Name einer Frau. Max Weinreich leitete den Namen vom bei Lexer gefundenen „genanne“ (ge-namme) ab, in der Bedeutung „Freundin“. Zugrundliegen könnte freilich auch hebräisch גנן (genan) für „Garten“, womit Gnendl in etwa „Gärtchen“ wäre, vielleicht in Anspielung auf „Eden“. Im heutigen Hebräisch sind die entsprechenden weiblichen Namensformen „Gana“ (גנה) und „Ganit“ (גנית) recht geläufig.

Wie auch immer, erinnert das Arrangement von 1322 an den Vertrag der Augsburger Juden mit den Räten der Stadt aus dem Jahre 1298. Auch hier traten eine Zahl von Juden für die gesamte Gemeinde auf und gaben eine entsprechende Verpflichtung ab, baulich tätig zu werden. Es ist denkbar, dass man in Ingolstadt der Augsburger Vorlage folgen wollte, da dort die Erfahrungen für alle Seiten positiv waren – die Stadtmauer wurde gebaut, das Stadtgebiet erweitert und die Juden hatten einen vor äußeren Angriffen geschützten Friedhof. In Augsburg erinnerten noch lange Zeit später noch Namen wie „Judenturm“ und „Judenwall“ an die bauliche Leistung im Rahmen der Stadterweiterung um 1300. Es ist folglich nicht zu viel spekuliert, wenn man davon ausgeht, dass auch in Ingolstadt „Judentörl“ und „Judenturm“ eine entsprechende enge Bewandtnis zum Bau haben dürften.

Etwa zur selben Zeit wurde auch geregelt, dass Juden in Ingolstadt auf ein Pfund Pfennige die Woche 2 Pfennige Wucher (also Zins) nehmen durften, von auswärtigen Schuldnern gar 3 Pfennige pro Pfund und Woche. Ein Pfund Pfennige oder Pfund entsprach einem Gulden (fl.) oder in anderen Gebieten auch der Mark und unterteilte sich bei zahlreichen regionalen Abweichungen in 20 Schilling oder 240 Pfennige (anderswo in entsprechend viele Heller). Zwei von 240 Pfennigen entsprechen dem 120. Teil in einer Woche (0.8 %), auf ein ganzes Jahr berechnet würde dies einem jährlichen Zinssatz von über 40 % (bzw. 65 % bei Auswärtigen) entsprechen.

Ein aktueller Bankkredit zudem neben Zinsen ggf. noch Nebenkosten wie Kreditversicherungen und Gebühren kommen können ist gewiss billiger zu haben, aber auch nicht der passende Vergleich zu einem mittelalterlichen Geldgeschäft, die – mangels etablierter Banken und ohne allgemein verbindliche Rechtsansprüche – zum einem in der Regel schnelle Termingeschäfte waren und zum anderen auf fremden Risikokapital beruhten. Es wurde in aller Regel nur kurzfristig geliehen und wer sich nun als Ingolstädter also 240 Pfennige für ein, zwei Wochen lieh (nicht selten mit einem Pfand als Sicherheit), gab dann fristgerecht eben 242 oder 244 zurück, usw. Der Leiher unternahm zwischenzeitlich auch Geschäfte und machte meist über den Ankauf und Verkauf von Waren ein Geschäft, dass er ohne das Risikokapital nicht tätigen konnte.

Der passende Vergleich wäre heute also ganz sicher nicht der Bankkredit, sondern (noch immer) die Pfandleihe.

Aktuelle Internetseiten deutscher Pfandhäuser geben datailliert Aufschluss über die anfallenden Gebühren. An Kosten für den Pfandkredit entstehen in der Regel 1 % der Summe pro Monat, sowie 2 % Unkostenvergütung pro Monat, macht zusammen also 3 % pro Monat auf die für das abgegebene Pfand ausgeliehene Summe . Wenn man dies aufs Jahr rechnet ergibt sich auch da 36 % Jahreszins. Da dies nur ein eher günstiges Beispiel ist und einige Anbieter weit höhere Gebühren (das Wort Zins wird – wie bei Banken – allgemein gerne vermieden) verlangen, gibt das Stadtamt Bremen beispielswiese eine Größenordnung von 25 – 100 % „auf das Jahr umgerechnet“ an. Nimmt man diese ganz aktuellen Pfandleihe-Beispiele aus Deutschland, stellt man fest, dass die mittelalterlichen jüdischen Pfandleiher, wie etwa jene aus Ingolstadt, auch heute noch eher am unterem Ende der Preisskala  liegen würden, obwohl die rechtliche Absicherung für den Geldleiher heute eine ungleich bessere wäre. Zusätzlich zum ursprünglichen Pfandgeschäft kann man heute bei Zahlungsschwierigkeiten aber auch noch Teilbeträge zurückzahlen und die Restsumme als neue Pfandleihe berechnen, wodurch die Kosten natürlich insgesamt steigen. Erfolgt in sechs Monaten keine Zahlung wird das Pfand versteigert. Das war – bei abweichenden Regelungen in den Stadtbüchern einzelner Städte – auch im Mittelalter wenig anders. Wer also die Idee verfechten will, dass die von jüdischen Pfand- und Geldleihern verlangten Zinsen zumindest nach heutigen Maßstäben tatsächlich “Wucher” wären, liegt falsch und sollte sich über die heute gängigen nichtjüdischen Gebühren zeitgenössischer Pfandleihen und über Wesen, Vor- und Nachteile des Pfandgeschäfts im allgemeinen informieren und dann weiterreden, falls es dann noch Bedarf gibt.

1348 kam es auch in Ingolstadt zu Angriffen auf die Juden, wozu Details sicher interessant wären, da vielerorts ja die Jahreszahl alleine zu genügen scheint, um „alles“ zu erklären. 1355 sind wieder Juden in Ingolstadt verzeichnet, doch bereits 1384 wurden sie aus der Stadt gewiesen. Eine im Stadtarchiv Ingolstadt erhaltene auf das Datum des 15. Juli 1397 datierte Pergament – Urkunde  (Urk A 238) berichtet über eine Schenkung Stefan Pfalzgraf und Herzog von Bayern (= Herzog Stefan III., 1337-1413, von 1392-1413 Herzog von Bayern-Ingolstadt, genannt „der Kneißl“, bzw. der „Prächtige“), Enkel Kaiser Ludwig des Bayern (1282-1347). Stefan schenkt dem Rat und den Bürgern von Ingolstadt die Judenschule, den Judenhof und „etliche andere Häuser“, die (1384 wohl) „freigeworden“ waren, und zwar zum Bau einer Kapelle. In dieser soll sodann eine von ihm finanzierte tägliche Messe (eine Art Bittgebet) abgehalten werden und der dafür vorgesehene Kaplan (eine Art Unter – Pfarrer) mit dem merkwürdigen Namen „Hans der Eseltreiber“ soll zusätzlich noch „steuerfrei“ das Haus gegeben werden, das zuvor der „Rigklinn“ gehört hatte.

 Im Wortlaut: „Wir Stephan von Gottes Gnaden Pfalzgraf bey Rein und Herzog in Bairn … bekennen offennlich mit dem Brieff für Unns und Unnser Erben und Nachkommen, das Wir angesehen haben die die vergengklichen Zeit aller irdischen Ding und die beleiblichen und himlischen, das pillich ain ieglich Christenmensch auffs ewigs bedennckt in Entweichung des unbeleibenden. Wann Wir nu newlichen drey ewig Mess gestift haben aus Unnser Statt Stewr ze Ingolstat, die man bisher gehabt hatt in der Pfarkirchen doselben, und nu auch die Juden von derselben Unnser Stat entwichen sind, so haben Wir Gott ze Lob und und seienr lieben Muter und allen Hailigen zu Eer und auch durch vleißig Gebet Unnser lieben getrewen des Rats und der Burger gemainlich zu Ingolstat, und derselben Unnser Stat ze Wird und Eere, die egenannten Juden Schul und Juden Hof gegeben zu rechten Aigen ain Capellen daraus und darauff ze stiften und ze bawen, die Unnser egenannt lieb getrew der Ratt und die Burger gemainlich zu Ingolstat stiften und bawen sollen in Unnser Frawen Eer. Und darein haben Wir der egenannten dreier Mess aine, nemlich die Hanns der Eßeltreiber Unnser eltister Capplan jetzo hatt zu einem Anfang geschickt und und geordent, das die ewiglich darinn gehabt soll werden teglichen auff die Zeit und in der Mass als dann nach Rat erfunden würt, und demselben Capplan haben Wir zu ewiglich vermacht das haws, das da der Rigklinn gewest ist, mit seiner Zugehörung und stewrfrey für ein rechts aigen, unverzigen des Zinnss, der von daraus gat. Und also mainen und wollen Wir, das solch Unnser gab und ordnung ewiglich also bestee und beleib one meniglichs Irrung und minderung trewlich und on geverde. Urkund dies Brieffs der geben und mit Unnsernanhangenden Insigel besigelt ist zu München an Suntag nach Sant Margarethen Tag nach Christi Geburt 1397

(zitiert nach „Geschichte des uralten königlichen Maierhofes Ingolstat, izt der königlich bayerischen Hauptstadt Ingolstadt von ihrem ersten Ursprunge …“, (Mederer / Huebner) Ingolstadt 1807, S. 92-93)

Ob „Rigklinn” (Ricklin ?), die frühere Besitzerin eines Hauses im jüdischen Viertel von Ingolstadt selbst Jüdin war, wird zwar offenbar überall vorausgesetzt, bleibt aber unklar. Die Urkunde wird auf das Jahr 1397 datiert, während die Juden, die dem Wortlaut gemäß „entschwunden“ waren, dem Vernehmen nach bereits 1384 die Stadt verließen. Dies würde bedeuten, dass das Haus zum einem seit 13 Jahren leerstand und zum anderen, dass eine Jüdin über diese Zeit dem Herzog besser im Gedächtnis geblieben wäre als der vor Ort tätige Kaplan, der etwas eigenartig als „Hans der Eseltreiber“ umschrieben wird. Unklar scheint auch, warum nun, 13 Jahre nach dem „Entschwinden“ der Juden Anlass für das Schreiben gegeben war. 1405 so weiß man, kehrten Juden in die Stadt zurück. Beanspruchten sie damals den früheren jüdischen Besitz, den sie zurücklassen mussten? War es deshalb empfohlen eine rechtliche Urkunde vorweisen zu können oder wurde sie wegen einem anderen Anlass in diese Zeit zurückdatiert?

Unter den Lokalhistorikern scheint es umstritten zu sein, ob an diesem Platz überhaupt eine frühere Synagoge bestanden hat. Einem Zeitungsbericht der Neuburger Nachrichten vom 18. Sept. 2007 zufolge ergaben archäologische Grabungen am heutigen Viktualienmarkt „nicht die Spur einer Synagoge“ , während der Heimatkundler Theodor Straub sich ganz sicher ist, dass die „Schuttermuttergotteskapelle“ anstelle der früheren Synagoge war.

Wurde die „Judenschule“ zur Kapelle umfunktioniert oder wurde sie abgerissen und durch einen Neubau ersetzt? Ist die Schule mit dem jüdischen Bethaus, der Synagoge identisch oder gab es wie an vielen anderen Orten auch getrennte Räumlichkeiten, insbesondere dann wenn Rabbiner am Ort ein eigenes talmudisches Lehrhaus unterhielten, wie das längere Zeit im mittelalterlichen Augsburg der Fall war. Weder ein Abriss noch eine Konversion sind unzweifelhaft. Ebenso möglich ist, dass 1405 ein Gebäude als Synagoge genutzt wurde, dass auch vorher schon diesen Zweck erfüllte, letztlich ist das heute kaum zu entscheiden und genau genommen auch ohne ernsten Belang, da eine ehemalige Synagoge in jüdischer Sicht keine Relevanz zukommt. Es handelt sich nicht um einen magischen Ort, sondern um einen Ort des Gebets, der durch die Präsenz der Thora geheiligt wird. Relevanter wäre die Frage ob die Bezeichnung “Judenhof” auf einen mittelalterlichen jüdischen Friedhof anspielen könnte.

Am verdächtigten Ort wird heute jedenfalls Ingolstädter Bier ausgeschenkt, was angesichts der zahlreichen bierlosen aber –ernsten „Gedenkstätten“ eine willkommene und gelungene Abwechslung ist.

There still is a somewhat controversial debate over the question if the “Schuttermutter” church (Schutter is a Danube tributary) of after 1384 was established instead of a former synagogue, whether the synagogue was demolished before or simply was converted or if there was a synagogue at all. A deed from Munich dating 1397 indicates that the property of the “vanished” Jews – a Jewish school (Juden Schul), Jewish court (Juden Hof) and “several houses” was granted by the Herzog to the council and Burger of Ingolstadt. But is remains unclear where exactly the synagogue was located. But more relevant would be the question if “Judenhof” (Jews court, not necessarly in a legally meaning – Judenkirchhof for instance was a widely used term for medieval Jewish cemeteries). At Viktualienmarkt however there now are a number of kiosks which over food and beer, what at summerly wheather is recommended to all visitors.


Die Herkunft der mittelalterlichen Augsburger Juden

August 30, 2010

Über die Bedeutung der jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Augsburg geben nicht zuletzt auch die Orte ab, aus denen Juden in die Reichsstadt zogen. Auch die städtischen Steuerlisten ab dem 14. Jahrhundert geben darüber Zeugnis, dass nicht nur Juden aus den benachbarten Regionen, sondern auch aus fernerliegenden bekannten Zentren jüdischer Gelehrsamkeit nach Augsburg kamen, um mittels Heirat, als Rabbiner oder als Schüler Bestandteil der schwäbischen Gemeinde zu werden.

Im Einzugsgebiet werden dabei Orte genannt, die heute nicht unbedingt immer auf Anhieb mit mittelalterlichen jüdischen Gemeinden in Verbindung gebracht werden: Dinkelsbühl, Nördlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg, Harburg, Donauwörth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Höchstädt, Wertingen, Schrobenhausen, Aichach, Freising, München, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg und Mühldorf am Inn.

Aber auch aus Orten und Städten in größerer Entfernung kamen Juden nach Augsburg: Köln, Mainz, Worms, Speyer, Straßburg und das benachbarte elsässische Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zürich, Nürnberg und das kärntische Millstatt (Muelrestat) .

Freilich ist es nicht im sicher, einzelne Orte sicher zu identifizieren. Beispielsweise gibt es nicht weniger als drei schwäbische Orte mit dem Namen Biberach, einige Neuburgs und da die meisten Schreibweisen noch variabel waren könnte ein Rothenburg auch als Rottenburg gelesen werden und der Ort Werd, den wir nicht zu Unrecht wir als Werd an der Donau deuten, sprich als Donauwörth, könnte aber auch der heute noch so heißende kleine Ort Wörth sein, gleichfalls an der Donau, unweit von Regensburg, aber, da Angaben zum Fluss fehlen vielleicht auch Wörth an der Isar, Wörth am Rhein, Wörth am Main und warum nicht auch Wörth an der Sauer im Elsaß ..? Sicher behaupten lässt sich das ebenso wenig wie die Annahme alle genannten Juden -insofern keine Verwandtschaft plausibel ist – kämen aus einem einzigen Werd.

The origin of the medieval Jews of Augsburg

The significance of the Jewish community in medieval Augsburg, also is explained by the places from which Jews moved to the Imperial City. Also the municipal tax records from 14 Century on provide evidence that Jews not only from the neighboring regions but also from more distant known centers of Jewish scholarship moved to Augsburg to get member of the Swabian Jewish community by marriage as a rabbi or student.

In the catchment area of the Imperial City there are many places, which today are not necessarily always instantly connect to the medieval Jewish communitiest: Dinkelsbuehl, Noerdlingen, Oettingen, Pappenheim, Regensburg (Ratisbon), Harburg, Donauwoerth, Neuburg, Ingolstadt, Lauingen, Dillingen, Hoechstaedt, Wertingen, Schrobenhausen , Aichach, Freising, Munich, Friedberg, Zusmarshausen, Burgau, Ulm, Biberach, Mindelheim, Memmingen, Landsberg and Muehldorf am Inn.

However, even from in towns and cities further away Jews came to Augsburg: Cologne, Mainz (Mayence), Worms, Speyer, Strasbourg and the neighboring Alsatian Bischoffsheim, Rothenburg ob der Tauber, Zurich, Nuremberg and the Carinthian Millstatt (Muelrestat). Of course it is not always safe to identify individual toponyms. For example, there are no fewer than three Swabian places called Biberach, some Neuburgs (new castle) and since most writing still is variable Rothenburg eventually also could be read as Rottenburg and place Werd, which we identify not without reason as Werd at the Danube = Donauwoerth, actually also may be quite another Woerth on the Danube, near Regensburg, but perhaps also Worth on the Isar, Worth on the Rhine, Worth on the Main, and why not Worth on the Sauer in Alsace .. ? We do not know in all cases for sure and there also is no guaranty that all entries actually refer only to one single one of them.


Der jüdische Friedhof von Binswangen

July 15, 2010

Eine Beschreibung des alten jüdischen Friedhofs von Binswangen ist nicht ohne weitere und ausführliche Darstellung seiner Geschichte im zweiten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts möglich, da sein heutiger Zustand mit seinem ursprünglichen offenkundig nichts zu tun hat und die Mehrzahl der wenigen erhalten Grabsteine kaum zu den Bestatteten gehören, sondern willkürlich und nach eher unklaren Kriterien (wieder) aufgestellt wurden.

Nach allgemeiner Auffassung wurde der Friedhof im Jahre 1663 abseits des Ortes angelegt, bereits 1694 und nochmals 1730 und 1761 erweitert. Er befindet sich heute „Am Judenberg“  in einer Waldlichtung (beworben als Teil des „Naturparks Westliche Wälder“) nahe Wertingen (wo nach aktuellen Einschätzungen nie Juden gelebt haben sollen), umgeben von sportlichen Einrichtungen wie den Anlangen des Tennisclubs Wertingen. Im Jahre 1761 wurde der Friedhof auch von einer Steinmauer umgeben, um ihn vor offenbar häufigen Übergriffen zu schützen. Zu diesen kam es in der Folgezeit trotzdem in regelmäßigen Abständen, insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und erst recht kurz vor und während der Nazi-Herrschaft in Deutschland. Die heutigen Sportanlagen haben ihre Vorläufer so auch bereits in entsprechenden Einrichtungen der Hitler Jugend und anderen Nazi-Organisationen. Ende Mai 1927 besuchte Theo Harburger auf seinen Exkursionen in Bayern auch den Friedhof in Binswangen. Seine und andere Photographien aus dieser Zeit bezeugen eine relativ dichte Belegung des Friedhofs mit offenbar hunderten von Grabsteinen. Davon sollten aber nur sehr wenige die kommenden Jahrzehnte überdauern. Bereits 1924 berichtet die „Schwäbische Volkszeitung“ von einem Übergriff des Nazi-Nachwuchses, wobei 30 Grabsteine umgeworfen, zerbrochen und mit Nazi-Symbolen bepinselt worden sein sollen. Im Juli 1938 unter ganz anderen politischen und  juristischen Vorzeichen gab es einen weiteren Angriff mit 25 zerstörten Steinen. 1940 nun verwüstete die benachbarte Hitler Jugend den Friedhof fast vollständig. In der Folgezeit wurde die Steinmauer des Friedhofs abgetragen und eine Großteil der damals noch erhaltenen Grabsteine an einen Steinmetz verkauft, der diese abtransportieren ließ.

In einem handgeschriebenen Brief vom 29. Oktober 1948 teilt Anton Bunk auf Anfrage der wiedergegründeten Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg, die sich in der Vorwoche nach den Abläufen und dem Verbleib der Steine erkundigt, mit, dass „die Steine damals an den Steinmetzmeister Fuhrmann für RM 500.- (fünfhundert) verkauft wurden. Außer Fuhrmann hat niemand Steine erhalten. Nach der damaligen Abschätzung waren 75 – 80 % gänzlich demoliert, der Rest wurde von Fuhrmann abgefahren. Von diesen restlichen Steinen, die noch bei Fuhrmann lagern, sind durchwegs alle mehr oder minder beschädigt.“

Aus Bunks Mitteilung geht hervor, dass zum Zeitpunkt der Nachfrage aus Augsburg die „abgeräumten“ Steine immerhin dreieinhalb Jahre nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes noch immer beim Steinmetzmeister Fuhrmann befanden. Doch damit war die „Angelegenheit“ noch nicht ausgestanden. Gemäß dem Protokoll einer öffentlichen Sitzung der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Augsburg vom 30. Januar 1953 hatte sich bis dato an dieser Sachlage nichts verändert. Da zwischenzeitliche Bemühungen der Augsburger Gemeinde, die noch erhaltenen Steine wieder auf den Binswanger Friedhof zurückzubekommen erfolglos blieben, verstärkte IKG der damalige Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Hugo  Schwarz seine Bemühungen und erhielt für eine Klage vor der Wiedergutmachungskammer Beistand von der JRSO (Jewish Restitution Successor Organizsation), vertreten durch den Juristen Dr. Ernst Katzenstein (1897-1989), dem damaligen Director of Plans and Operation Board der JRSO, der als Zionist bereits von Hameln 1934 nach Israel ausgewandert war. Hugo Schwarz (1890-1973) hingegen war selbst aus Binswangen, war als Soldat im ersten Weltkrieg verwundet und für seine Tapferkeit mit dem Orden des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet worden. In Augsburg gehörte er der jüdischen Gemeindeleitung an und war als Überlebender des Konzentrationslagers Theresienstadt einer der wenigen überlebenden der Vorkriegsgemeinde und ab 1946 deren Vorsitzender.

Im Verfahren mit der Forderung nach „Rückerstattung“ traten nun die IKG Augsburg und die JRSO München als Kläger gegen den Binswanger Steinmetz Karl Fuhrmann und die Gemeinde Binswangen auf, vertreten durch Anton Bunk, dem Bürgermeister der Gemeinde.  Zur Aussage kam aber zunächst die seitens der Antragsgegner geladene,  nun in Kempten lebende Zeugin Elisabeth Arnold, im Protokoll 27 Jahre alt, demnach also 1926 geboren. Ihren Aussagen gemäß war sie von März 1942 bis April 1943 bei der Familie Fuhrmann in Binswangen als „Landdienstmädel“ tätig. Die Einrichtung eines sog. „Landjahr“ stammte noch aus der Weimarer Republik und galt als arbeitsmarktpolitisches „Angebot“ für arbeitslose Jugendliche, eine Institution, die von den Nazis weitergeführt und gemäß ihren spezifischen Idealen ausgebaut wurde. Die Einrichtung unterstand dem Reichsminister für Erziehung und Volksbildung und wurde so definiert: „Im Landjahr sollen sorgfältig ausgelesene Jungen und Mädel zu verantwortungsbewussten jungen Deutschen erzogen werden, die körperlich gestählt und charakterlich gefestigt von dem Willen erfüllt sind, im Beruf und an jeder Stelle einsatzbereit dem Volksganzen zu dienen.“ Für die 16jährige Else Arnold bedeutete dies gemäß ihrer Zeugenaussage, dass sie nicht nur in der Landwirtschaft und im Haushalt der Familie arbeitete, sondern an Samstagen Fuhrmann auch bei der Anfertigung von Grabsteinen half. Ihren Angaben gemäß, etwa zur Hälfte ihrer Dienstzeit, also wohl im Frühherbst 1942, holte „Herr Fuhrmann Grabsteine aus dem Judenfriedhof von Binswangen, der an der Strasse nach Wertingen liegt.“ Sie gibt an, des Öfteren bei solchen Transporten „dabei gewesen“ zu sein, konnte sich aber im Januar 1953 nicht mehr daran erinnern, wie viele Grabsteine es gewesen waren: „Sie lagen ziemlich zerstreut und beschädigt im Friedhof herum.“ Die Steine wurden zu Fuhrmanns Betrieb nach Binswangen gebracht und dort „auf Holz abgestellt“. Während ihrer Dienstzeit konnte sie nicht feststellen, dass diese Grabsteine für irgendeinen Zweck Verwendung fanden, da nur neue Grabsteine hergestellt worden seien. Zur Erinnerung der Entlastungszeugin gehört ein, wie sie sagt „scherzhaftes“ Gespräch zwischen dem Steinmetz Fuhrmann und einem (namentlich nicht genannten) Bauern am Judenfriedhof. Der Bauer habe dem Steinmetz zugerufen, „er würde die Steine doch wieder einmal hinauftransportieren.“ Sie selbst habe das nicht geglaubt und sich entsprechend geäußert. Freilich habe Fuhrmann selbst der Aussage des („prophetischen“) Bauern wohl zugestimmt.

Zunächst überrascht es, dass ein damals 16 oder 17 Jahre altes Landmädel seitens der Beklagten überhaupt und zudem als einzige Entlastungszeugin benannt wurde und niemand sonst aus Binswangen. Karl Fuhrmann, zum Zeitpunkt der Verhandlung 72 Jahre als, also um 1887 geboren, wird kaum alleine oder nur mit der Hilfe seines Landmädels zentnerschwere Grabsteine vom Friedhof auf dem Waldhügel in die Kleinstadt transportiert haben. Es ist kaum vorstellbar, dass der 1942 bereits etwa sechzig Jahre alte Steinmetz alle Arbeiten seines Gewerbes ohne Helfer erledigt haben soll. Vorstellbar wäre auch, dass ihm die anliegende Hitlerjugend beim Abtransport half. Erwähnt werden jedoch noch nicht einmal Zwangsarbeiter, die damals auch in dieser Gegend zum Einsatz kamen. In einem Artikel der Augsburger Allgemeinen vom 14. Juni 2009, verfasst von Brigitte Bunk , erinnert sich der frühere polnische Zwangsarbeiter Arkadiusz Filipczak an eingesetzte Gefangene in Wertingen. In Wertingen wohnte auch Else Arnold und zwar in einem Landdienstlager, da sie nur tagsüber bei Fuhrmann war und für ihn arbeitete. Dieses Lager muss sich nun aber in relativer Nähe zum jüdischen Friedhof befunden haben und da ihrer eigenen Wegbeschreibung gemäß der Friedhof auf dem Weg nach Wertigen lag, muss sie wenigstens zweimal täglich daran vorbeigelaufen sein. Seltsam mutet es auch an, dass ihrer gerichtlichen Aussage gemäß das Gespräch niemals darauf gekommen sein soll, für welchen Zweck die Grabsteine denn nun überhaupt angekauft worden sein sollen und warum sie sicherlich nicht ohne Mühen auf das Grundstück des Steinmetz gebracht wurden. Das Landmädel selbst habe sich darüber nie Gedanken gemacht, sondern vermutet, dass es damit zu habe, „weil eben das ehemalige Friedhofsgelände in Ordnung gebracht werden sollte.“ Abgesehen davon, dass auch ohne Grabsteine der Friedhof wegen der darauf befindlichen Gräber noch immer ein Friedhof wäre, konnte sich Else Arnold nun auch nicht an die eigentliche Anzahl der abtransportierten Grabsteine erinnern, jedoch sei ihr andererseits nie aufgefallen, „dass die Steine weniger geworden sind.“

Nach dem früheren Landmädel sagte nun Bürgermeister Anton Bunk aus, der angab, bereits in jener Zeit, also während der Nazi-Herrschaft und zum Zeitpunkt der Zerstörung und Schändung des jüdischen Friedhofs Bürgermeister gewesen zu sein (er war von 1937 bis 1945 und nochmals von 1951 bis 1961 im Amt): „Mir hat der Judenfriedhof, der  wiederholt Gegenstand von Zerstörungsaktionen des nebenan liegend HJ Sommer- und Herbstlagers gewesen ist, Kopfzerbrechen bereitet und ich habe schon vorher mit Herrn der Israelitischen Kultusgemeinde, insbesondere mit Herrn Friedmann gesprochen. Auch von diesem wurde geäußert, dass es wohl das beste sei, wenn der Friedhof geräumt würde.

Bürgermeister Bunk meint hier offenbar Ludwig Friedmann (1880-1943), einen Augsburger Wäschefabrikanten, der als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich kämpfte und stellvertretender Vorsitzender der israelitischen Vorkriegsgemeinde in Augsburg war. Bunks ansonsten unbestätigte Aussage gemäß war die Aufgabe des Friedhofs im Prinzip fast die Idee des Vorsitzenden aus Augsburg, dessen Gemeinde auch für die anderen jüdischen Gemeinden im bayerischen Schwaben zuständig war. Am 11. Januar 1943 sei entsprechend ein Vertrag beim Augsburger Notar Linder zustande gekommen, der dem Gericht freilich nicht vorgelegt werden konnte. Eine jüdische Gemeinde existierte in Augsburg auch bereits nicht mehr und die Mehrzahl der Juden waren bereits abtransportiert. Die wenigen noch verbliebenen Juden waren in sog. „Judenhäusern“ zwangseinquartiert und warteten auf ihre gleichfalls sichere Deportation. Ludwig Friedmann nun starb bereits am 7. März 1943 zusammen mit seiner Frau Selma und zwei weiteren Augsburger Ehepaaren durch Selbstmord. Ihre Leichname wurden trotzdem noch am neueren jüdischen Friedhof im Stadtteil Hochfeld beigesetzt.

Nun, es ist wohl vorstellbar, dass Ludwig Friedmann zu Beginn des Jahres 1943 jegliche Hoffnung auf eine Zukunft aufgegeben hatte und bereits an Suizid dachte, jedoch spricht dann noch weniger dafür, dass er mit einem notariellen Vertrag die Zerstörung jüdischen Erbes legitimieren wollte. Mangels Plausibilität ist es auch nicht möglich den Wahrheitsgehalt der Ausführung des Bürgermeisters zu bestätigen. Seiner Aussage gemäß war ihm bestmöglich bekannt, dass der Friedhof mehrfach angegriffen wurde von der benachbarten Hitlerjugend und er erwähnt nicht, dass er als Bürgermeister des Ortes irgendetwas unternommen hätte, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und weitere Übergriffe zu verhindern. Ganz im Gegenteil beseitigte er die letzte noch bestehende Hürde zum Schutz des 280 Jahre alten Gräberfeldes auf durchaus bemerkenswert geschäftstüchtige Art und Weise: „… die teilweise bereits beschädigte Mauer wurde in Lose aufgeteilt und unter den Gemeindebürgern von Binswangen versteigert. „

Die Versteigerung der 1761 errichteten Friedhofsmauer an die meistbietenden Bürger von Binswangen ist nun wirklich bemerkenswert. Die heutige Mauer ist in etwa ein Viereck, dass sich den Hügel hoch erstreckt und nach oben hin breiter wird. Insgesamt hat die (heutige) Mauer schätzungsweise eine Länge von etwa 200 m, wobei sie ca. 80 cm breit ist und um etwa 2 m das so eingegrenzte Gelände überragt. Das sollte man sich vergegenwärtigen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu erhalten, welche Masse an Material hier versteigert und hernach abtransportiert wurde.  Doch im Verfahren der Wiedergutmachungskammer des Augsburger Landgerichts war die Mauer nicht Gegenstand der Verhandlung und es sollten noch weitere zehn Jahre vergehen, ehe sie neu aufgeführt wurde. Wir können freilich nur vermuten, dass der heutige Bau tatsächlich den Verlauf der damals abgetragenen Mauer nachahmt. Belege dafür gibt es nicht und allzu wahrscheinlich ist dies im Anbetracht der Gesamtumstände auch nicht.

Bürgermeister Bunk erklärte zum weiteren Verlauf: „Schon einige Zeit vorher (wohl vor der Versteigerung der Friedhofsmauer) habe ich mit Herrn Fuhrmann gesprochen in dem Sinne, dass es soweit kommen wird, dass der Friedhof abgeräumt wird. Nach einigen Hin und Her erklärte sich Herr Fuhrmann bereit, die Steine zu nehmen um den Preis von RM 500.-. Über die weitere Verwendung der Steine hat sich Herr Fuhrmann nicht geäußert.“

Anders als der bestimmungsgemäße Ruhestand der Grabsteine auf dem Friedhof, bereitete dem Bürgermeister als Hausierer der Verkauf der Steine an einen Steinmetz offensichtlich auch kein „Kopfzerbrechen“. Auf Nachfrage des offenbar zweifelnden Hugo Schwarz beteuerte Bunk, dass er tatsächlich mit Herrn Friedmann gesprochen habe. Er bestätigte auch die Angabe, dass seines Wissens Steinmetz Fuhrmann keinen der jüdischen Grabsteine weiter verwendet habe. Vielmehr habe er die Steine bei Fuhrmann nach dem Krieg wiedergesehen, „als Herr Berthold Strauss von der Israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg wegen der Steine geschrieben hatte.“ Das war wie wir wissen am 21. Oktober 1948. Gegenüber Fuhrmann habe er seinerzeit einen Kaufpreis verlangt, weil er sich dachte, „es wird etwas dabei sein, was sich verwenden lässt. Allerdings hat Herr Fuhrmann, wie ich hörte, die Steine nicht verwendet.“ Darüber hinaus könne sich der Bürgermeister auch nicht daran erinnern, dass Fuhrmann ihm gesagt hätte, die Steine verwenden zu wollen.

Der Antrag von Dr. Katzenstein die beiden Zeugen zu vereidigen wurde „zurückgestellt“, ehe nun Karl Fuhrmann selbst zu Wort kommt. Das Protokoll beschreibt ihn so: Fuhrmann Karl, verheiratet, Steinmetzmeister in Binswangen, 72 Jahre alt, wohnhaft Haus Nr. 4647, Antragsgegner.

Zur Erinnerung: Der Antrag der Kläger bestand auf der Herausgabe der Grabsteine, die Fuhrmann der bisherigen Zeugenaussagen nach zwar kaufte, aber nie verwendete und auch niemals verwenden wollte.

Fuhrmann: „Ich habe, um es kurz zu sagen, mir beim Kauf der Grabsteine nichts gedacht. Ich war damals überzeugt, dass einmal Ordnung geschaffen werden muss auf dem Friedhof. Im übrigen habe ich aber, wie aus oben gesagten Verhalten hervorgeht, die Grabsteine vorläufig nicht in Angriff genommen. Ich habe ein sauberes Lager aus Holz für die Grabsteine gemacht und mir gedacht, es muss der Ausgang des Krieges abgewartet werden und dann kann man sehen, was mit den Grabsteinen geschieht.“

Ist es plausibel, dass ein Steinmetz der hauptberuflich damit beschäftigt ist, Grabsteine zu bearbeiten eine Anzahl von Grabsteinen von einem Friedhof ,dessen Mauer an die Bewohner seines Ortes versteigert wurde, kauft ohne sich dabei etwas zu „denken“? Demgegenüber meinte er, es müsse „Ordnung“ geschaffen werden, obwohl diese offensichtlich nur darin bestand neben der Mauer auch die Grabsteine abzuräumen.

Fuhrmann: „Ich erinnere mich, dass der damalige Bürgermeister Bunk von den Grabsteinen bereits auf dem Friedhof einen an eine Frau Struhl (Strahl?), deren Mann in der IG Farben Gersthofen beschäftigt war und dort tödlich verunglückt ist, versprochen hat. Ich habe damals erklärt, das ich nichts weiter tue an den Grabsteinen als beschriften, einen Christus fertigen und Einfassungen und Sockel fertigen. Desweiteren habe ich drei Grabsteine abschleifen lassen, diese sind jedoch, ohne dass sie weitere Verwendung gefunden hätten, mit weiteren Grabsteinen durch die Hitze beim Brand meines Anwesens am 25.04.1945 beim Einmarsch der amerikanischen Armee zersprungen.  Die Besten sind noch vorhanden. Ich habe sie eingegraben, (sie) können aber wieder ausgegraben werden. Ich nehme ohne weiteres auf meinen Eid, dass ich sonst keinen Grabstein irgendwie verwendet habe. Abgegeben habe ich höchstens Stücke von zerstörten Einfassungen und Grabsteinsockeln. Zerbrochene Grabsteine habe ich nicht abgegeben. Übrigens habe ich solche vom Friedhof auch nicht abgefahren, da diese von der Gemeinde zum Weggeben verwendet wurden.“

Um sich selbst zu entlasten, beschuldigte Fuhrmann nun die Binswanger Gemeinde. Bürgermeister Bunk soll einen Grabstein einer Witwe aus Gersthofen versprochen haben. Der Hinweis auf die Beziehung des Verstorbenen zur IG Farben hatte 1953 bereits eine gewisse zusätzliche Aussagekraft. Abgesehen davon, dass er Bunk damit sehr wohl finanzielle oder persönliche Interessen attestiert, stellt er desweiteren fest, dass bereits zerbrochene Grabsteine von der Binswanger Gemeinde weggeben – vielleicht auch versteigert -wurden. Dies deckt sich letztlich auch mit der Behauptung aus Bunks Brief von 1948 an Berthold Strauss von der jüdischen Gemeinde in Augsburg, wo er schrieb, dass  75 – 80 % der Steine „gänzlich demoliert“ gewesen seien und der Rest von Fuhrmann abgefahren wurde. Über die Verteilung des Großteils der beschädigten Grabsteine herrscht demnach völlig Unklarheit, da sich im Nachhinein niemand in Binswangen und Umgebung an irgendetwas erinnern wollte. Auf Nachfrage von Dr. Katzenstein gab der Steinmetz nun zu Protokoll, dass er etwa 40 – 50 Grabsteine vom Friedhof geholt habe: „Darunter werden 15 Mamorsteine gewesen sein, alles andere sind Kalk- und Kunststeine gewesen, von minderer Qualität.” Auf die weitere Frage Dr. Katzensteins, warum er als Steinmetz ohne geschäftlichen Nutzen haben zu wollen nun eigentlich 500 Reichsmark für die Grabsteine bezahlt habe, gab Fuhrmann zur Antwort: „Ich habe bezahlt was der Bürgermeister verlangt hat. Die Gemeinde musste ja den Friedhof auch bezahlen. Im übrigen dachte ich mir, erst muss der Krieg vorbei sein, dann kann man Entscheidungen treffen.“

Mit dem Hinweis, dass Dr. Katzenstein auch Fuhrmanns Vereidigung beantragte, endet das Protokoll über die Verhandlung. Welche Schlüsse kann man aus den protokollierten Aussagen ziehen?

Es scheint unwidersprochen, dass die benachbarte Hitler Jugend (sicher nicht ohne Beteiligung zahlreicher Erwachsener) den Friedhof mehrfach angegriffen und einen Großteil der in den 1920ern noch auf Photographien zu sehenden Grabsteine weitgehend zerschlagen haben. Sollten die Angaben stimmen, dürften die größten Zerstörungen 1938 und (oder bis) 1940 stattgefunden haben. Während der Bürgermeister von Binswangen die Mauer an seine Einwohner versteigerte, muss es ähnliche Arrangements bezüglich der Grabsteinfragmente gegeben haben. Sinn und Zweck der Aktion war offensichtlich mit den Juden von Binswangen auch die jahrhundertealte Erinnerung an deren hier bestattete Vorfahren gänzlich auszutilgen, sprich „Ordnung“ zu schaffen. Die noch (wieder)verwertbaren Steine, über deren Anzahl wir keine Gewissheit erlangen können, wurden an den örtlichen Steinmetz verkauft. Dieser hat einige davon bearbeitet und wird sicher mehr genutzt haben, als er später eingestehen wollte. Vielleicht lohnt es sich, auf erhaltene Grabsteine aus dieser Zeit in nichtjüdischen Friedhöfen einen Blick zu werfen. Die weiteren Angaben sind wie das Verhalten der Angeklagten widersprüchlich. Einerseits sollen die Steine nur gelagert worden sein, geradezu sorgsam auf Holz, andererseits wurden sie aber vergraben. Wo nun aber wie auch immer doch weitere Beschädigungen entstanden, so einzig durch das Wirken der Amerikaner. Einerseits wollte der Steinmetz die Steine gar nicht haben und kaufte sie wohl nur als Zukunftsoption für den Fall eines dann doch unerklärlicher Weise ausgebliebenen deutschen Endsiegs, andererseits wollte er sie auch 1953, acht Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Naziregimes noch nicht herausgeben, weshalb es ja nun überhaupt erst zum Prozess kam, fünf Jahre nach dem Anschreiben der schrecklich dezimierten jüdischen Nachkriegsgemeinde in Augsburg – als es in Binswangen keine jüdische Gemeinde mehr gab … und es gibt bis zum heutigen Tag keine.

Den Beschluss des Landgerichts verkündete der Einzelrichter LG Rat Dr. Wiesenthal sogleich am Freitag 30. Januar 1945. Und zwar kam ein „Vergleich“ zustande zwischen der Israelitischen Gemeinde in Augsburg, der JRSO, der Gemeinde Binswangen und dem Steinmetz Fuhrmann, welche fünf Punkte umfasste:

1. Der Antragsgegner Fuhrmann verpflichtet sich die bei ihm noch lagernden Grabsteine vom ehemaligen jüdischen Friedhof in Binswangen (etwa 45 Stück) an die Jewish Restitution Successor Organization Munich herauszugeben.

2. Die Gemeinde Binswangen verpflichtet sich, die nach Ziffer 1 vom Antragsgegner Fuhrmann herauszugebenden Grabsteine auf den Judenfriedhof von Binswangen zu transportieren. Diese Verpflichtung tritt ein, sobald der Friedhof wenigstens hinsichtlich seiner Umzäunung wieder hergestellt und die Gemeinde Binswangen um die Beförderung der Grabsteine angegangen wird. Vom Zeitpunkt dieser Anforderung an hat die Gemeinde Binswangen die Verpflichtung binnen 2 Monaten zu erfüllen.

3. Der Antragsgegner Fuhrmann verpflichtet sich, bei der Aufstellung der Grabsteine auf dem künftigen Friedhofsgelände zugegen zu sein, und falls dies gewünscht wird, den ursprünglichen Standort der einzelnen Steine, soweit ihm dies möglich ist, anzugeben.

4. Die Gerichtskosten werden von der Gemeinde Binswangen übernommen; die sonstigen Kosten trägt jeder teil selbst.

5. Dieser Vergleich wird nur wirksam, wenn bis spätestens 20.2.1953 die Gemeinde Binswangen den beglaubigten Auszug aus dem Protokollbuch des Gemeinderats beibringt mit folgendem Beschluss:

Zudem Vergleich, wie er auf Vorschlag des Gerichts am 30.1.1953 vor der Wiedergutmachungskammer des Landgerichts Augsburg in Sachen Israelitische Kultusgemeinde gegen Fuhrmann und Gemeinde Binswangen zustande gekommen ist, wird Zustimmung erteilt und gleichzeitig das Auftreten des ersten Bürgermeisters in diesem Termin nachträglich genehmigt.‘

Der Vergleich, offenbar Resultat einer nicht schriftlich überlieferten mündlichen Aussprache sieht als Grundlage eine Umzäunung des offenbar leeren Geländes, auf dem sich keine Grabsteine mehr befinden, vor.  Da auch die Mauer zehn Jahre zuvor versteiget wurde und die wie auch immer gearteten Überreste auf dem Areal sicherlich reichlich überwuchert worden sein durften, ist es zunächst unklar, welche Anhaltspunkte es nun eigentlich dafür gab, überhaupt die Abmessungen des Friedhofs und den Verlauf der früheren Mauern annähernd zu bestimmen. Schwierigkeiten hat der Beschluss aber auch bereits in der Definition des Verhandlungsobjekts. So ist in Punkt 1 die Rede vom „ehemaligen jüdischen Friedhof in Binswangen“, unter Punkt 2 heißt es, dass „der Friedhof wenigstens hinsichtlich seiner Umzäunung wieder hergestellt“ werden sollte, während unter Punkt 3 nun von der“ Aufstellung der Grabsteine auf dem künftigen Friedhofsgelände“ die Rede ist. Wenn nun im Jahre 1953 das Gericht wegen des Fehlens der Mauer und der Grabsteine von einem ehemaligen und einem künftigen Friedhofsgelände spricht, so bestätigt dies auch die Absicht jener, die zehn Jahre zuvor eben auch die Denkmale zur Erinnerung an die fast dreihundertjährige Geschichte des jüdischen Friedhofs in Binswangen mitsamt der schützenden Mauer beseitigen wollten und auch beseitigt hatten. Sie waren sich einig, dass man „Ordnung“ schaffen müsse und die Unordnung ging für sie nicht von den Nazis aus, die unweit des Friedhofs hausten. Nein, die Steine waren es, die störten und weg mussten, zumal sich damit offensichtlich auch Geld verdienen ließ.

So die Aussagen stimmen, wurde der Großteil der Grabsteine noch am Friedhof zerschlagen, und wie Fuhrmann sagt, an die Gemeinde vergeben, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Versteigerung der Friedhofsmauer. Wie muss man sich nun aber praktisch vorstellen? Tauchen später nach und nach Reste von Grabsteinen in Binswanger Wohnhäusern, Mauern und Gärten auf, so wie man heute in Abständen Reste mittelalterlicher jüdischer Grabsteine bei Bauarbeiten finden kann (wie etwa in Augsburg, Mainz, Worms), ist es im einem oder anderen Fall vielleicht sogar bekannt und gilt als Familiengeheimnis oder eine Attraktion, die man nur guten Freunden zeigt?

grave marker of Berta Hautsmann 1850 - 1927 

Der heutige Umfang des Friedhofs dürfte „etwas kleiner“ sein als der ursprüngliche Zustand, was sich schon aus der Gesamtzahl der zu vermutenden Gräber einer jüdischen Gemeinde ergibt, in der 1811 bereits 327 Personen in 70 Haushaltungen gelebt haben sollen. Im Jahr 1845 lebten 415 Juden am Ort – rund 40 % der gesamten Bevölkerung.

Neben der Eingangsmauer lagern noch wenige Reste von Grabsteinsockeln, eines Grabsteins sowie das kleine verrostete Gitter einer Grabeinfassung. Letzteres deutet an, dass es weitere Gitter gab, die gleichfalls geraubt wurden. Die Aufstellung der Steine erfolgte nach eigentümlichen Kriterien. Zum einen stehen sie in keiner konkreten Ausrichtung, wo auf einem jüdischen Friedhof zumindest in Richtung Osten (eigentlich: Jerusalem) üblich ist.

Im unteren Teil beim Eingang befinden sich vor allen die schwarzen Marmorsteine die es dem Steinmetz Fuhrmann wohl besonders angetan hatten. Da wäre etwa der Stein von Chava Tochter von Abraham Levi die in gutem Namen am 22. Ijar 5669 verstarb (das entspricht wohl dem 13. Mai 1909). Dann wäre da der Grabstein des Naftali ben Schimon Steinharter, der sein ganzes Leben lang auf dem Weg Gottes ging und am Schabbes-Abend am 26. Des ersten Adar im Jahre 5651 verstarb. Sehr aufschlussreich ist der kleine deutschsprachige Sockel mit der Inschrift:  „Hirsch Steinharter geb 13. Juli 1812, gest. 6. März 1891“ – darunter steht noch zu die Angabe des Steinmetz zu lesen: Fuhrmann       Binswangen

Da man kaum davon ausgehen kann, dass Karl Fuhrmann den Grabstein für Steinharter im Alter von zehn Jahren gefertigt hat, besteht allenfalls die Möglichkeit, dass Fuhrmanns Vater bereits Steinmetz war oder aber, dass Fuhrmann diese Widmung in der Nachkriegszeit hinzufügte. Ein weiterer Grabstein ist der von Faile Tochter des Jehuda und Frau des Herrn Mosche Leiter, gestorben am 11. Tamus 5672 (= 26. Juni 1912) und begraben am Folgetag. Eine nur in der Inschrift am Sockel Josef Neuburger gewidmete Marmorsäule, welcher vor dem Grabmal von Simon Heinsfurther aufgestellt wurde, ist blankpoliert und ohne Inschrift. Ob der Gedenkstein auch zuvor bereits Josef Neuburger gehörte, darüber kann nur spekuliert werden, jedoch deutet der Sockel auf eine Nachbearbeitung hin. Die Inschrift vom Grabstein Simon Heinsfurther weist diesen als Parnas der Gemeinde Binswangen aus, der immer den Frieden liebte und nach Frieden strebte, im guten Namen verstarb am 6. Tewet  und in großer Ehre begraben wurde im Jahre 5655 (= 1895). Unweit davon ist der Gedenkstein für Nathan Baldauf (Natan Zwi bar Elieser) aus dem Jahr 5660. Auch Baldauf war Parnas der heiligen Gemeinde von Binswangen. Der untere deutschsprachige vielfach abgekürzte Teil der Inschrift weist ihn aus als Nathan Baldauf, Kaufmann, langjähriger Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde und Bevollmächtigter der politischen Gemeinde Binswangen, geb. 2. Juli 1847, gest. 9 August 1900. Man kann ganz sicher davon ausgehen, dass diese relativ kleine Gruppe schwarzer Marmorsteine die von der Datierung schon zum jüngeren Teil des Friedhofs gehören und damals einigermaßen in Mode waren sicher um einiges zahlreicher waren. Die Art ihrer heutigen Aufstellung will offenbar auch diese Lücken kaschieren. Insgesamt sind die Steine so aufgestellt, dass sie über die Lücken ein wenig hinwegtäuschen. Hätte man die vorhandenen Steine dicht aneinandergereiht, würde eher auffallen, wie wenige es eigentlich nur sind. Dabei finden sich noch Familiennamen wie Lammfromm, Luchs, Landauer, Miller, Metzger, Schwarz, Feigenbaum, Neuburger, …

Von hier an erhebt sich das Friedhofsgelände nun einen mitunter recht steilen Abhang hinauf, wobei hier und da auch Stufen von Steintreppen zu sehen sind. Eine Stufengruppe verweist so auch etwa auf Höhe der Mitte des Friedhofs auf die eigentümlichste Anordnung von Grabsteinen, die wir in Bayerisch-Schwaben auf einem jüdischen Friedhof gefunden haben. Acht ältere, meist gerundete Grabsteine (Kalkstein)  bilden einen Kreis und erinnern damit als Steinkreis von Binswangen oder als eine Art schwäbischer Stonehenge en miniature an die pseudo-germanische Ideologie der früheren Friedhofsschänder, die auf diese Weise vielleicht ja auch demonstrierten, dass sie an der Wiederaufstellung durch die politische Gemeinde Binswangen Anteil und Einfluss hatten.

the Swabian Stoneshenge of Binswangen

Von den älteren Grabsteinen aus dem früheren 19. Jahrhundert ist nur wenig, aus der Anfangszeit des Friedhofs im 17. Jahrhundert hingegen ist nichts erhalten. Ein stark verwitterter Kalkstein, der Isaak ben Efraim Neuburger gewidmet wurde datiert auf das Jahr 5647 (1887).

Der jüdische Friedhof von Binswangen erinnert in seinen wenigen erhaltenen Grabsteinen an die frühere jüdische Gemeinde, deren erste Spuren in die Zeit um 1450 zurückreichen (… könnten – das freilich ist wie immer umstritten und ausnahmsweise glaubt man auch mal nicht dem Pfarrer) . Die aufgestellten Steine (so kein Glückstreffer gelungen wäre) markieren nicht die eigentlichen Gräber. Da heutzutage Gräber und Grabsteine immer häufiger verwechselt werden, ist aber auch das bereits nennenswert. Hier jedoch unterschieden sich zusätzlich Standort von Grab und Grabstein und das macht es einem schwer, wenn man sich als Nachkomme auf die Suche macht nach Angehörigen, deren Grabsteine nicht mehr existieren oder unleserlich geworden sind oder so doch vorhanden mit größter Wahrscheinlichkeit nach Gusto und Laune in der Nachkriegszeit so oder so aufgestellt wurden. Gemäß der Einschätzung des prägenden Steinmetzes Karl Fuhrmann waren ja nur Marmorsteine von Wert, der Rest von „minderer Qualität“. Abgesehen davon nun umfassen Verlauf, Größe und Ausmaß des heutigen Friedhofsgeländes wohl nur einen Teil des früheren Umfangs. Irgendwo müssten auch die Gräber der ab 1663 in den ersten beiden Jahrhunderten hier bestatteten Toten sein, da die Halacha es ausschließt, einen Grabplatz mehrfach zu belegen. Während also wie in der Hitlerjugend – Zeit auf „verlassenen“ Gräbern möglicherweise Sport- und Freizeitangebote vollstreckt werden, erklärt die Geschichte, dass während der Kriegszeit die Binswanger einen heimischen Nebenkriegsschauplatz schufen, den engagierten Kampf gegen einen alten jüdischen Friedhof nämlich. Die Friedhofsmauer wie der Großteil der jüdischen Grabsteine wurden an die Binswanger Bevölkerung verteilt und versteigert, womit letztlich der gesamte Ort eine Art Friedhof ist. Sozusagen ein Mahnmal für die misslungene Endlösung der Judenfrage in Binswangen, das in dieser Weise in eigentümlichen Kontrast steht zur kunstvoll ausgestalteten Renovierung der früheren Binswanger Synagoge, die wie ihr Gegenstück in Ichenhausen hauptsächlich für Konzerte und dergleichen genutzt wird. Damit ist gesichert, dass Judentum in Binswangen vor allem eines bleibt: Vergangenheit.

The Jewish Cemetery of Binswangen / Wertingen was established in 1663 and was expanded as required several times. Today most likely only a smaller part of the former cemetery is marked by a stone wall, which was rebuilt only in 1963. Some twenty years before it was destroyed and sold at an auction to the non Jewish people of Binswangen. Also the grave markers, most of them however had been destroyed 2 years earlier by the neighboring Hitler Youth and their leaders, were removed and were sold to the local stonemason Karl Fuhrmann from Binswangen. Fuhrmann likely used the stones for his business but denied after the war of course everything. Although he claimed that he never had any personal interest for the stones (most of them were of minor quality as he complained at the court years later), on the other hand he refused to return the remaining stones to the JRSO and the Jewish Community of Augsburg, responsible for the many open questions.  The Wiedergutmachung chamber of the Augsburg regional court in 1953 reached a settlement which obligated the stonemason to return some 45 stones which he still had in his possession. The settlement required that at first a kind of fence has to been built in order to mark the territoriy of the cemetery.


Verlorene Orientierung

February 19, 2010

synagogue of kriegshaber - detail

The Thora – Ark of the former Synagogue of Kriegshaber, Ulmerstr. 228, which is (same as in Augsburg or Munich and other than the former synagogue of Pfersee) oriented strictly to the East (Vienna, Budapest or Teheran) and not towards Jerusalem. Obviously a typical “lost in translation” – mistake on the basis of  Mizrach orientation plates used by Sephardi Jews in Northern Africa to indicate the praying direction towards Jerusalem in the household. In Middle Europe of course this custom is senseless and stupid, since Jerusalem now isn’t in the exact East, but rather sourtheastern direction. From South Bavaria, for instance Augsbur or Munich towards East you will pray to Teheran or Kabul.

torah ark synagogue of Kriegshaber

Der Thoraschrein – Erker auf der Ostseite der bis 1942 von der jüdischen Gemeinde in Kriegshaber benutzten ehemaligen Synagoge in der Ulmerstr. 228 -

Ausgerichtet ist er strikt nach Osten, und damit nicht Richtung Jerusalem, wie es sein sollte, sondern Richtung Wien, Baku oder Kabul. Dieser Fehler ist in vielen moderneren Synagogenbauten zu beobachten, so auch in der Augsburger Synagoge in der Halderstr. von Landauer und Lömpel aus dem Jahr 1917.

Die Erklärung für diese verloren gegangene und in der Aktalität auch nicht wiedergefundene Orientierung ist der, in sefardischen Familien Nordafrikas gebräuchliche “misrach”, ein oft kalligraphisch und mit Ornamenten geschmückter Zettel mit dem Wort “misrach” für Osten, der an der Zimmerwand im Heim die Gebetsrichtung nach Jerusalem anzeigte. Aus der Perspektive von Nordafrika ist das verständlich und sinnvoll, da Jerusalem tatsächlich im Osten liegt. In Mittel- oder Nordeuropa führte der Misrach jedoch in die Irre, da Jerusalem nun je nach dem deutlich mehr süd-östlich als strikt im Osten liegt.

Erstaunlicherweise kannten die meisten Erbauer mittelterlicher Synagogen in Europa dieses Orientierungsproblem nicht. Die Synagogen in Worms oder Augsburg waren wie später auch noch die  Synagoge von Pfersee in der Region exakt auf Jerusalem ausgerichtet. In Kriegshaber aber klappte das schon nicht mehr – und ob der in den 1840ern geplante Neubau auf der anderen Straßenseite dies anders gehandhabt hätte, ist fragleich. Die geplante orientalische Fassade allein, wäre kein ausreichendes Indiz, wie der Blick in die Region belegt. Aber auch in Augsburg, wo man ein freies Baugelände zur Planung und Ausführung hatte, klappte es nicht, ebensowenig wie zuletzt beim Bau der neuen Synagoge “Ohel Jakow”  in München am Jakopsplatz wo es noch nicht mal die Notwendigkeit gab, die Außenfassade an eine Straßenführung anzupassen und somit jede Ausrichtung freistand. Aber die synagogale Architektur der europäischen Neuzeit hat oft anderes im Sinn, als zumindest den grundlegenden Erfordernissen zu entsprechen. Selten haben in der Neuzeit deutsch-jüdische Bauherren etwa bei ungünstigen Grundstückslage ihren Synagogenbau so konzipiert, dass er trotzdem dem Erfordernis der passenden Ausrichtung entsprach, etwa das bemerjenswerte Beispiel von Leipzig.

Der Architekt Daniel Libeskind, der demnächst in Augsburg geehrt werden soll, wird auch mit dem Neubau einer weiteren Synagoge in München in Verbindung gebracht, die der neu gegründeten “liberalen” Gemeinde gehören soll. Immerhin haben sie – vor Planungs- und Baubeginn – die noch theoretische Chance, ihr Vorhaben passender auszurichten.

 towards Kabul instead of Jerusalem Orientation of Synagogue Augsburg (on the basis of Google Earth)

misrach Hürben

Scherenschnitt – Misrach aus der rekonstuierten Sucka des Heimatmuseums in Hürben / Krumbach.

אם־אשכחך ירושלם תשכח ימיני׃

“The more you know who you are, and what you want, the less you let things upset you.” (Bob Harris/ Bill Murray: Lost in Translation”)

praying towards Kabul

Ausrichtung der neuen Synagoge am Sankt Jakobs – Platz in München nach –> Baku und Kabul


Rememberring Terror in Munich

February 14, 2010

Two years before the Palestinian terrorists murdered 11 Israeli athletes and coaches at the Olympic Summer Games in Munich a series of anti-Jewish assaults took place. Seven elderly people at the Jewish retirement home in Munich were killed by (still unknown) arsonists in February 1970, only 3 days after an attack of Arab terrorists at Munich Airport who wanted to take Israeli passengers as hostages. One Israeli was killed, many other people were injured. Only some days later two planes destined for Tel Aviv exploded by delayed action bombs. One Swissair plane exploded and all 47 people died at the following crash. In the evening Palestinian terrorists proudly admitted responsibility in Jordan TV.  Today, 40 years later, those events are almost forgotten. We want however to commemorate the hateful crimes and keep up the memory of the murdered

Regina Becher  (רבקה בכר)

Max Blum (מאיר בלום)

Siegfried Offenbacher (ישראל אופנבכר)

Leopold Gimpl (אריה ליב גימפל)

David Jakobowitz (דוד יעקובוביץ)

Rosa Drucker (רוזא דרוקר)

Georg Pfau (א. ג. פפאו)

Bereits zu Beginn des Jahres 1970, zwei Jahre vor der Gefangennahme und Ermordung israelischer Sportler bei den olympischen Sommerspielen in München, gerieten jüdische Einrichtungen und „Ziele“ in München  und Deutschland ins Visier arabischer Terroristen. Am 10. Februar 1970 attackierten drei bewaffnete Palästinenser am Münchner Flughafen Riem einen Flughafen-Bus und den Wartebereich der israelischen Fluglinie EL AL. Beim Versuch die Boeing 707 in ihre Gewalt zu bringen und die israelischen Passagiere als Geiseln zu nehmen wird ein Israeli getötet, neun weitere Personen werden verletzt.  

Nur drei Tage später am Abend des 13. Februar 1970 sterben bei einem Brand im Altenheim des jüdischen Gemeindezentrums in der Münchner Reichenbachstraße sieben ältere Heimbewohner, während in der im selben Gebäudekomplex befindlichen Synagoge das Abendgebet gesprochen wird. Die Polizei ging von Brandstiftung aus. Obwohl die Behörden eine Belohnung von 50.000 D-Mark aussetzten, wurden die Täter bis heute nicht ermittelt, jedoch stehen jüdische Einrichtungen (nicht nur) in München seitdem unter Polizeischutz. 

Eine Woche später, am 21. Februar 1970 verüben arabische Terroristen erneut Terroranschläge auf jüdische „Ziele“. Mittels Zeitzündern kommt es an Bord zweier Maschinen zu Explosionen. Ein österreichisches Flugzeug unterwegs von Frankfurt am Main, das Post nach Tel Aviv bringen soll, kann glücklicherweise sicher nach Frankfurt zurückkehren, obwohl eine Bombe 20 Minuten nach dem Abheben ein großes Loch in den Rumpf sprengte.  Anders ergeht es dem Swissair Flug 330, als zehn Minuten nach dem Start am internationalen Flughafen Kloten bei Zürich im Gepäckraum eine Zeitzünder-Bombe explodiert. Die Maschine stützt nach vergeblichen Landemanövern bei Würenlingen im schweizerischen Aargau ab. Alle 47 Insassen der Maschine kommen ums Leben, darunter auch der isr Noch am selben Abend bekennen sich die marxistische PLO-Untergruppe PFLP von George Habash (1926-2008) zu beiden Anschlägen. In der Folge verschärfen europäische Flughäfen ihre zuvor kaum vorhandenen Sicherheitskontrollen.

Im Juni 1970 wurde die Synagoge im Gemeindezentrum der Münchner Reichenbachstraße, wo ein viertel Jahr zuvor sieben Menschen bei einem unaufgeklärten Brandanschlag starben, überfallen. Dabei werden mehrere Einrichtungsgegenstände beschädigt und eine Thorarolle geschändet. Der Vorsitzende Hans Lamm bezeichnet den Überfall als erneuten Akt des Antisemitismus.

Die Terrorserie stand anscheinend im Zusammenhang mit dem Besuch von Abba Eban (1915-2002), der am 22. Februar 1970 als erster israelischer Außenmister (1966-1974) Deutschland besuchte.

Aus heutiger (?) Sicht mutet es seltsam an, dass zwei Jahre vor dem Olympia-Massaker in München es in München und Deutschland in München bereits Anschläge gegen jüdische Einrichtungen gab, dies aber offensichtlich keine Berücksichtigung für die Planung der Olympischen Spiele fand. 

 

Meriden Journal – June 15, 1970:

Unidentified persons early today vandalized a synagogue here in the same building where a fire set by an arsonist killed seven persons last February. Munich police said several objects inside the synagogue were yanked from their proper places and thrown to the floor. One roll of the Torah, the Hebrew scripture, was torn from a case and unrolled on the floor and a cloth was ripped from the altar, police added. They said it appeared nothing had been stolen and most of the objects were not seriously damaged. Hans Lamm, president of the Israeli Culture Center in which the synagogue is located, called the incident “a new anti-Jewish act of vandalism”.

Rabbi Isaak Gruenwald called on Munich’s Jewish citizens to fast on Thursday to express “common sorrow and indignation” at the vandalism. Seven elderly persons died in February when a fire swept through an older persons home located in the center. The arsonist still is being sought.”

היה טרור נגד יהודים במינכן לפני שנתיים את המשחקים האולימפיים של 1972. ב פבואר 1970 שבעה קשישים נהרגו באש הצתה בבית האבות של המרכז היהודי במינכן. ימים קודם לכן הטרור הפלסטיני תקפו הדלפק של ישראלים באל. בנסיון לקחת נוסעים ישראלים כבני ערובה, אחד נהרג ורבים נפצעו. אחרי זה היו שני פיצוצים על מטוסים לתל אביב … עוד תקיפה בבית הכנסת … שכחתי כמובן על ידי הרשויות וכוחות הביטחון כאשר בקיץ של 1972 המשחקים האולימפיים התחיל


The wooden grave marker of Mordechai the Kadosh from Kriegshaber Jewish Cemetery

January 13, 2010

Some meters east of the former keepers house at the Jewish Cemetery of Kriegshaber Pfersee (today in the north-western part of Augsburg) there was a somewhat rare wooden grave marker. According to the Hebrew inscription, photographed and noticed by Theodor Harburger in 1927, it belonged to the “kadosh” (lit. “saint”, means: “martyr”) Mordechai ben Mordechai from Kassel, died on 19th/20th of November 1805. His memorial plate which is somewhat rotten by condensation and illegible now (since 2000 ?) is part of the Judaica-Exhibition at the “Jewish Cultural Museum” which since 1985 is hosted in the west wing of the Augsburg synagogue, while the actual cemetery plot fell into oblivion.

However the Harburger photograph allowed to relocate the exact spot and thus we retraced in fall 2007 under the sward the bordering where the grave marker bordered by a rack with glass plates. The  completely overgrown casing we had discovered only in fall 2009 at the north-eastern cemetery wall. So the exact cemetery plot was known, the measurements (95 cm to 32.5 cm to 3 cm as recorded by Theo Harburger) from 1927 as well as the inscription of the wooden monument, which translated in English reads:  “Here is buried the Saint Mister Mordechai son of Mister Mordechai of blessed memory from Kassel, on day 3, the 27th of Marcheshvan 566 according to the minor era (which omits the thousands of the date).”

Mordechais death is at a time when the Free Imperial City of Augsburg lost her sovereignty and gets a part of Bavaria. On 9th of October 1805 French troops occupied the neutral City and the day after Napoleon himself came for a two-day visit before he advanced toward Munich (where he arrived on October 16th). After the (fourth) Peace of Pressburg, the territories of the ceasing Upper-Austrian Margravate of Burgau as well as the Free Imperial City of Augsburg were ceded to Bavaria, the allies of the French.  At the end of December 1805 French troops left the territory and Bavarian troops promoted and took control. So for Augsburg and the rural communities in her west it was a decisive period in history with far-reaching consequences and a period of transition as well.

Local Jewish court factors and military suppliers like Kaula, Obermayer, Mendle and others needed to reorient to the new circumstances, as well as the Christian ruling class of the once proud and powerful Imperial city.  

Mordechai presumably was not from the city of Cassel (since 1926 written as Kassel with K) as the inscription of his grave marker suggests, but rather a member of the renowned and widely ramified Cassel-family, aka as Goldschmidt-Cassel or Buchsbaum, which had many family relations to Swabian Jews at Pfersee, Kriegshaber, Augsburg and Munich. Already in 1560 Nathan of Oberhausen on the Wertach (river), which now also is a part of Augsburg, left his home village Oberhausen and moved to Frankfurt on the Main, where he married  Brendl the daughter of a Jew who lived in the Buchsbaum (lit. boxtree) house of the Frankfurt Ghetto. Nathan who adopted the name and called himself Nathan Buchsbaum was a partner of Simon Ginzburg the patriarch of the Ginzburg-Ulmo family who later dominated Pfersee and Kriegshaber, and is an ancestor of succeeding members of the Buchsbaum-, Goldschmidt-. Goldschmidt-Cassel and Cassel-families. Nathan died 1575 as a wealthy man.  

Mordechais presence in the region however obviously wasn’t  entirely coincidental but rather is to be seen in the context of a ramified family network. As a likely member of a Cologne based family of financiers Mordechai Cassel conceivably was occupied with military supply as well.  In this context the reference “saint” perhaps may be somewhat euphemistic, but of course there are many circumstances imaginable in what way he died. According to the inscription “kadosh” we only may conclude that it was a violent death in a way that motivated the mourners to call him a “martyr”.  

The current and familiar understanding of wooden memorial plates as indication for poverty disregards that plates of oak wood are not cheaper than sandstone grave markers. Actually wooden plates may be more expensive and in addition also more durable than sandstone, which often crumbles after two or three decades. The assumption that wooden plates are only used out of shortage of money is based on an error in reasoning. Since wooden grave markers are very rare, it also implies that most Jews are “rich”, what of course is an often borrowed cliché. The reasons why there actually are only few wooden memorial plates at Jewish cemeteries of course are quite different. One reason is that wood other than stone is burnable. Wooden memorials also have no footing underground and therefore they are less  stable and last but not least wooden grave marker are way lighter than sandstone plates which at a height of one meter may weigh 250 kg or more. So wooden plates of course are an easy prey for thieves. It is commonly known that many Jewish grave stones had been stolen and were misused as construction material, but to burn wood needs no construction site but only a cold winter. The usage of the plates as firewood reduces them to ashes and leaves no marks.

Since the rotten and illegible wooden plate of Mordechai is a mere exhibition piece of the “Kultusmuseum”, there also is no mark left to remember the deceased who still is buried at the cemetery. Actually the Halacha forbids the removal of grave markers from a graveyard, since the function of a memorial plate obviously is to commemorate the death as well as to mark the actual burial place.  But since the original piece is rotten we seek to renew the memory of the “saint” Mordechai who died more than two hundred years ago with a new plate. We may comply all requirements since we know the exact position of the burial place, the exact measures of the original grave marker as well as the exact wording of each line of the inscription. The material costs are manageable if the willingness of the relevant is given to restore the honor of Mordechai the kadosh.


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