Die Augsburger Judenhaube

May 2, 2012

Wem heute der Begriff „Judenhaube“ begegnet, wird wohl sofort an eine Kippa oder Jarmulke denken, wie sie von jüdischen Männern getragen werden. Obwohl es sich weder um eine Vorschrift der Tora noch des Talmuds handelt, legen insbesondere auch liberale Juden auf das Aufsetzen einer Kippa bei entsprechenden Veranstaltungen großen Wert, womöglich weil es sich sowohl um ein einfach zu erledigende, wie zugleich auch als Markenzeichen wirkende Übung handelt. Entsprechend wird dann auch, wer als sog. „Nichtjude“ und Mann etwa eine Synagoge oder einen jüdischen Friedhof besucht, in der Regel dazu aufgefordert, eine Kopfbedeckung zu tragen, sei es eine Mütze, ein Hut oder eben eine solche Kippa, die ggf. dann auch aus Pappe sein darf.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ca/Kippot.jpg

Der Begriff der Judenhaube, der sich auch im zehnten Band des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm aus dem Jahre 1877 findet, bezeichnet jedoch nicht die Kopfbedeckung für Männer, sondern eine Trachtenhaube für Frauen, genauer gesagt:  „eine Frauenzimmerhaube der Augsburger Tracht“.

Im „Encyclopädischen Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe“ von August Daniel von Binzer aus dem Jahr 1828 ist die „Juden-Haube“ erklärt als “eine, reich mit Spitzen verzierte Haube, wie sie vorzüglich von Jüdinnen getragen wurde.“ Im neunten Band der 1795 in Berlin erschienenen „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“ von Friedrich Nicolai heißt es die Judenhaube sei von bunter Farbe und bedecke auch den Hinterkopf, habe sonst aber „die Form wie die schwäbischen Hauben in Augsburg“. Die mit ihr verwandte Bockelhaube, von manchen eher im Winter getragen, war demnach etwas kleiner als die Judenhaube und hatte einen kleineren Ausschnitt auf der Stirn als diese. Nichts desto trotz wurden beiden Hauben häufig verwechselt, was zumindest in früheren Zeiten wohl auch kein „Malheur“ war. In der Anmerkung heißt es dann, dass diese Art der Mode über Handelswege aus Spanien, Venedig und Genua in die schwäbischen Reichsstädte kamen. Demgegenüber merkte jedoch Paul von Stetten in seiner „Augsburger Kunstgeschichte“ an, dass diese Mode erst nach dem Dreißigjährigen Krieg aufgekommen sei. Im Deutschen Provinzialwörterbuch von Anton von Klein aus dem Jahr 1792 (Band 1, S. 55) wird auch die Bockelhaube als „eine Augsburgische Frauenzimmerhaube“ erklärt. Andererseits kann man auf älteren Augsburger Gemälden wie etwa den Monatsbildern aus dem frühen 16. Jahrhundert durchaus entsprechende Hauben sehen.

Gottlieb Siegmund Corvinus‘ „Nutzbares, galantes und curioses Frauenzimmer-Lexikon“ aus dem Jahr 1739 notiert: „Juden-Haube, heisset in Augsburg ein kleiner Überschlag über das Haupt und Nest, von vornher mit einem spitzigen Schnäpflein versehen; ist insgemein von Estoff oder Damast und mit Spitzen frisieret; so die Weibes-Bilder zur Sommerzeit im Hause tragen; das Nest daran wird insgemein mit einer Schleife oben und unten besetzt.“

Wie bereits im Mittelalter war die gute Kleidung einiger Juden christlichen Geistlichen ein Dorn im Auge. Im Augsburg der 1430er Jahre beklagen Kleriker sich darüber, dass die Juden, die direkt angrenzend an die alte Bischofsstadt ihr Viertel hatten, aufgrund ihrer Kleidung von der einfachen Bevölkerung so höflich und respektvoll gegrüßt werden als handele es sich bei ihnen um Priester oder andere Geistliche. Um dem Einhalt zu gebieten, verordneten die Räte der Stadt auf Druck des Bischofs  den Augsburger Juden am 23. September 1434 künftig, übergroße gelbe Ringe von einem Durchmesser von etwa 19 cm gut sichtbar auf ihrer Kleidung zu tragen. Auf diese Weise sollte künftig kein Zweifel mehr darüber bestehen, ob es ein ehrbarer christlicher Geistlicher oder eben ein Jude war, der gut gekleidet durch die Gassen der Stadt lief. Diese Art der negativen Diskriminierung (zu der der historische „Judenhut“ übrigens nicht gehörte, er signalisierte stattdessen bestimmende Vertreter der jüdischen Gemeinden) führte zur Ausgrenzung und raschen Aushöhlung der bis dahin rechtlichen Sonderstellung der Juden in der Reichsstadt, der sodann im Sommer 1438 bereits ein auf die Frist von zwei Jahren angesetzter Beschluss zur Ausweisung aus der Reichsstadt folgte.

Noch weit mehr als drei Jahrhunderte später konnte es aber vorkommen, dass Führer der Christen Anstoß an der guten Kleidung von Juden nehmen konnten. Eine Anordnung des Kurmainzer Bischofs aus dem Sommer 1773 die sich auf die Gegend um Mainz und Hofheim am Taunus (bei Darmstadt, Hessen) bezieht, beklagt eine „verderbliche Kleiderpracht“, die besonders unter den Mainzer Juden herrsche, die der Bischof offenbar aber auch als Ursache der Zerrüttung sah. Er unterstellte, dass teurere, aufwendige Kleidung an anderer Stelle Mangel bewirken müsse. Offenbar war er der Ansicht, dass die Bettelei eines armen Juden durch mehr Genügsamkeit im Auftreten eines anderen reichen Juden vermieden werden konnte. Dem Kurbischof kam es freilich nicht in den Sinn, seinen armen christlichen Untertanen mehr als Almosen zukommen zu lassen oder gar eigenen Prunk, etwa im Schloss Johannisburg, zu ihren Gunsten aufzugeben. Die Juden in seinem Herrschaftsgebiet sollten drei Monate Zeit haben, um die neuen Ordnungen umzusetzen und seine Beamten ihm hernach berichten, ob die Juden die Kleiderordnung befolgten.

Diese Ordnung nun sah vor, dass jüdische Männer, gleich ob verheiratet oder ledig oder Studenten, fortan keine mit Silber oder Gold bordierte Kleidung mehr tragen sollten, desweiteren keine kostbaren Westen, keine Knöpfe aus Silber oder Gold, keine mit Silber gesponnene, samtene oder seidene Kleider, keine seidene Fütterung oder Steinschnallen. Jüdischen Frauen hingegen sollte es verboten werden, künftig ihre Haare zu frisieren und aufzusetzen, ebenso wie das Tragen von aufgetürmten Hauben oder von Flügelhauben gleich ober mit oder ohne Spitzen. Ferner sollten sie keine neumodische Kleidung tragen, auch dann nicht, wenn diese billig sein sollte, keine Blumenknöpfe oder mehrfarbige Bänder und dergleichen. Dem hingegen sollten den Jüdinnen weiterhin erlaubt sein, einfache weißen Judenhauben zu tragen, um ihre Haare zu decken, jedoch sollten diese höchstens drei Reihen hoch sein, und die reichen Weiber vor den armen darin keinen Vorzug haben. Erlaubt waren auch sogenannte bayerische Judenhauben aus reichen Stoffen jedoch allenfalls mit höchstens zwei Finger breiten goldenen oder silbernen Spitzen oder Borden.  Andererseits sollte den kurmainzer Jüdinnen das Tragen jeglichen Schmucks und von Juwelen aller Art untersagt werden. Unter das Verbot fielen auch Imitate wertvoller Steine, Haarnadeln und dergleichen mehr. Lediglich Granate waren erlaubt, jedoch nur dann wenn deren Wert nicht 15 Gulden überstieg und natürlich nicht an Werktagen. Allen Anschein nach blieben die eigenartigen, willkürlich anmutenden Bestimmungen des Kirchenführers auf dem Papier stehen und wurden nicht umgesetzt.

Man könnte aber meinen, dass der Erzbischof andere Sorgen hätte haben können, als die Frage, wie viele Finger breit nun die die silberne Borde die Haube einer Jüdin in einer Kleinstadt wie Hofheim maximal sein sollte oder welchen Wert ein Granat auf ihrem Gewand haben mochte, ob die Fütterung einer Männerjacke nun aus Seide oder sonst einen Stoff war. Immerhin wurde wenige Wochen nach der Anordnung des Erzbischofs am 21. August 1773 der für Kurmainz bis dato maßgebliche Jesuitenorden verboten. Der Papst war nach langem Drängen der europäischen Großmächten dazu gezwungen worden, dem christlichen „Geheimorden“, dem alle möglichen Verschwörungen und Untaten angelastet wurden offiziell zu verbieten. Mag sein, dass antijüdische Bestimmungen die Allgemeinbevölkerung davon ablenken sollten.  Mit den schlichten weißen Hauben waren sicher Unterhauben gemeint, die man unterhalb der kostbaren eigentlichen Judenhauben trug, die hier aus Mainzer Sicht als „bayerisch“ galten.

Alle Quellen sind sich folglich darin einig, dass es sich bei der Judenhaube um eine Kopfbedeckung für Frauen handelt, die insbesondere in schwäbischen Reichsstädten getragen wurden und dabei ohne Zweifel als typisch für Augsburg galt und entsprechend als Synonym für die Augsburgerische Tracht aufgefasst wurde. Obwohl die Mode der Judenhaube allen Anschein nach auch von christlichen Frauen getragen wurde, handelt es sich dabei um eine Besonderheit, die, anders als die manchmal mi ihr gleichgesetzte Bockelhaube, heute fast vollständig in Vergessenheit geraten ist.

Darstellung der in Augsburg geborenen Agnes Bernauer (1410-35), der ersten Frau des bayerischen Herzog Albrecht III, die auf betreiben ihres Schwiegervaters in der Donau ertränkt worden sein soll. Das Bild ist nicht zeitgenössisch, sondern stammt erst aus dem 18. Jahrhundert, als die „Judenhaube“ längst auch lexikalisch erfasst war und populär genug, um dem unbekannten Maler zu ermöglichen mit ihr „die Bernauerin“, bzw. vielleicht auch ihre Augsburger Herkunft zu typisieren. Die Vorlage dafür war eine eher schmucklose Darstellung aus dem 16. Jahrhundert mit längeren Haaren und ohne Kopfbedeckung.

Ein Gemälde des früh verstorbenen jüdischen Malers Mauricy Mosche Gottlieb (מאוריצי גוטליב, 1856-1879) aus dem Jahre 1877 zeigt eine alte betenden Jüdin mit einer golden bestickten Judenhaube.

Isidor Kaufmann (1853-1921) – Jüdische Braut (Detail)

Angeblich auf Katharina von Aragon (1485-1536) soll der Name „Spanierarbeit“ zurückgehen, mit welcher im 19. Jahrhundert bevorzugt die besonders aufwendige Form der ornamentalen Gold- und Silberstickerei bezeichnet, wie sie in dieser Zeit vor allem von Juden in der Gegend um das heutige ukrainische, zwischen Brody und Lemberg gelegene Sasiv bekannt war. Katharina war die erste Ehefrau von Englands König Heinrich VIII., deren Kinderlosigkeit folgenschwerer Anstoß gab zur Gründung und Abspaltung der Anglikanischen Kirche vom Papsttum. Es ist gut möglich, dass mit ihr, bzw. ihrem Modegeschmack die spanische Goldstickerei ins vergleichsweise kalte und regnerische England kam.

Angesichts der Bedeutung des jüdischen Einflusses auf die Stickerei, die offenkundig auch zur Benennung der Augsburger Judenhaube führte, ist es aber plausibler anzunehmen, dass die Technik, wie auch Weiterverbreitung der Mode eher auf die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden Ende des 15. Jahrhunderts zurückgeht, die sich im Hebräischen bis heute als Sefardim, wörtlich „Spanier“ bezeichnen.

Neben den Hauben für Frauen und Männer wurden – und werden – vor allem Halsbänder (atara), Gebetsschale (talit), Toravorhänge (parochim) oder Mäntel oft sehr aufwendig bestickt. Die verarbeiteten Gold- oder Silberfäden setzten dabei eher wirtschaftliche als handwerkliche Grenzen. Probleme die es heute – wo maschinell gefertigte Imitate in der Regel ausreichen – nicht zu geben scheint.

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Several entries in German dictionary. such as the famous as fundamental volumnious Grimm as well as numerous glossary or works on German cultural history, specialist books on garbs, etc. from 18th to 19th century mention a head covering called “Judenhaube”, which is explained as “hairdress typical for women in Augsburg” (sometimes also other Swabian towns are mentioned). However the term “Judenhaube” (Jews bonnet), which many today may misinterpret as Jewish kippah (so called: scul cap, or: yarmulka), in countless variantions worn by Jewish males, in all cases without doubt were regarded as hairdress for women, worn by Jewish and non-Jewish women as well.

In the same way the relation to Augsburg and Swabia is obvious, so that in the Grimm Disctionary on German Language the explanation for the term “Judenhaube” is quite simple ”a gentlewoman’s bonnet of Augsburg traditional costumes“. The bonnets usually were manufatured with elaborate and costly silver or gold thread embroidery or lace, also known as “spanier arbeit” (Spanish work), probably because Jews from the Iberian Peninsula brought the technique as well as the fashion to continental Europe. In succession of the Augsburg Judenhaube in many regions in Southern Germany a quite similar so called “Bockelhaube” (back bonnet), which is known from about 1750 is widely popular in rural costumes. In previous times however due to the similarity both bonnets often were mixed up, insofar the alternative term was not introduced to cut out the older one which referrers to Jews. After the 19th century the term Judenhaube no longer was used. Today it is almost forgotten.

Almost … :-)


Burgau revisited

April 19, 2012

Burgau und die nach ihm benannte Markgrafschaft im heutigen bayerischen Schwaben war von etwa von 1300 bis 1800 für ein halbes Jahrtausend österreichisches Gebiet. Wenngleich nicht immer ein zusammenhängendes Territorium und zeitweilig eher eine Art Fleckenteppich, war es doch ein politisch und kulturell zusammenhängendes und funktionierendes Teil der österreichischen Monarchie.

Der Name Burgau wird wohl treffend als Burg-Au gedeutet, denn um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Augsburg erstmals „Herren von Burgau“ erwähnt. Im Jahre 1212 werden deren Nachkommen zu Markgrafen ernannt und in der Folge orientierten sich die Burgauer wohl bereits an den Habsburgern, die bald versuchten die schwäbischen Gebiete für ihr Reich zu sichern.

Als 1324 zur erfolglosen Belagerung durch Soldaten des Wittelsbacher Kaisers Ludwig Bayer. 1418 verhinderten Augsburg und Ulm einen Verkauf der Gebiete an Bayern, da man in den Reichsstädten um die eigene Unabhängigkeit fürchtete und deshalb – später auch unter dem Einfluss der Fugger – eher den Vorderösterreichern zugeneigt war.

Mit dem 30jährigen Krieg endete die Herrschaft in Burgau, dessen letzter Markgraf Karl 1618 verstarb. Als Sohn Erzherzog Ferdinands von Österreich und der nicht standesgemäßen Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527-1580) war Karl nicht voll erbberechtigt. Der Markgraf und seine Frau waren bei ihren Untertanen nur mäßig beliebt, da sie ihre beargwöhnte Verbindung mit religiösem Eifer kompensieren wollten. 1516 führte dies zu einem Bierverbot in Burgau und im Jahr darauf zur Ausweisung der Juden (unter den auch Brauer waren). 1518 starb er sodann und wurde hernach in Günzburg bestattet, wo er ziemlich verschwenderisch mit seiner Frau gelebt hatte. Die Markgrafschaft wurde sodann von den Habsburgern in Tirol regiert und von ihnen in Günzburg ein Landvogt eingesetzt. Um 1805 gingen die Gebiete der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau an Bayern. Heute hat Burgau etwa 9000 Einwohner, wovon 7000 am Ort selbst leben, der natürlich über die mittelalterliche Stadt hinausreicht. Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungszahl rückläufig.

Altes Rathaus von Burgau

Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (1506-1585) verknüpft, der in Günzburg geboren wurde, in Burgau aufwuchs, dort Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses war und nach seinem Tod auch begraben wurde. Er war ein großer namhafter Gelehrter, kaiserlicher Hoffaktor, ein großer Mäzen und Autor gelehriger Bücher in taitscher Sprache. Sein Vorfahr Falk Lemlin (1390-1465) hatte 1438 Augsburg verlassen müssen und ging nach Ulm. Der Lehrer seiner Kindheit in Burgau war Rabbi Jona, der Sohn von Jakob ben Jehuda Weil, der letzte überregional bedeutsame Gelehrte  Augsburgs, der die Stadt 1438 als einer der ersten verließ und schließlich nach Erfurt ging. Auf seinen Schriften fussen die heutigen Verodnungen der Schechita.

 

Ausschnitt aus Simon Ulmo’s taitscher Erklärung hebräischer und aramäischer Redensarten aus Mischna und Talmud

 

Aus dem Jahr 1470 ist in einer Urkunde in Graz Salomon von Burgau mit weiteren Juden von Ulm wegen Geldleihen an einen christlichen Kleriker erwähnt, wobei es sich wohl um einen Verwandten Simons handelt. 1587 verfügt die Markgrafschaft, dass Juden den Christen rechtlich gleichgestellt seien. 1593 erhält Lemle von Burgau (ein Sohn von Simon) von Freiherr Ferdinand von Grafeneck das Schloss und Dorf Hasenweiler bei Ravensburg, da dieser eine Schuld über 3500 Gulden nicht bezahlen konnte. Es folgten jedoch über Jahre andauernde Rechtstreitigkeiten, ehe Dorf und Schloss für 16.000 Gulden an das Kloster Weingarten verkauft und Lemle ausbezahlt wurde.

Ende Dezember 1596 klagten christliche Bewohner in Burgau über die Burgauer Juden, da diese wegen ihrer Feiertage keine Rücksicht auf die christlichen Feiertage nehmen würden und zudem offenbar auch verlangten, dass ihre christlichen Bediensteten an diesen Tagen für sie arbeiteten. Dies wurde am Ort wohl als Verspottung der „wahren“ christlichen Religion durch die „verdammten“ Juden aufgefasst. Als Rabbiner in jener Zeit ist in den Raittungen (Rechnungen) von Burgau „Leo Jude, Lehrmeister“ notiert. Gemeint ist Jehuda Schmuel (1538-1604), Sohn des Simon Ulmo-Günzburg, der mit Frau und Sohn verschiedentlich genannt wird, 1599 etwa „Leo Jud, Lehrmaister und sein Sohn Itzig Jud der Jung Lehrmaister und Schulklopfer“. 1602 heißt es statt „Leo“ (sowohl Lew als auch Leo dienten häufiger als Umschreibungen des Namens Juda) nun „Leb, Itzig Jude, Lehrmaister und sein Mueter“. Itzig kennen wir aus hebräischen Quellen als Itzchak ben Jehuda Schmuel Ulmo (1570-1618) . Seine Frau wird in der Liste ab 1619 folgerichtig als „Itzig Jüdin, Lehrmaisters Witib“, also als Witwe des Lehrmeisters Isaak verzeichnet.

Im Jahr 1617 veranlassten Markgraf Karl und seine fromme Frau Philippine aus dem Haus der Augsburger Patrizier Welser, das im Jahr 1614 seinen „Falliment“ erklärte, d.h. pleite war , die „Ausschaffung“ der Juden aus Burgau. Ob es wirklich zum Weggang der Juden führte ist unklar. Möglicherweise verließen die Burgauer Juden, die gerade den frühen Tod ihres Rabbiners zu beklagen hatten, den Ort unterhalb der Burg tatsächlich kurzfristig, um vielleicht in Scheppach oder Günzburg Unterschlupf zu finden. Spätestens nach dem Tod des letzten Markgrafen kehrten sie jedoch wieder zurück, weshalb wir ab 1619 sodann auch die Witwe des Rabbiners als Steuerzahlerin finden. Von 1622 bis 1631 wirkte sodann David, der Sohn des Isaak als Rabbiner, dessen Bruder Abraham siedelte sich in Pfersee an. Eine Rechnung aus selber Zeit über verlangte Abgaben für Stadtwächter aber auch für Kriegskosten an die Burgauer Juden in Höhe von stattlichen 200 Gulden. 1611 belief sich die jährliche Höhe der jüdischen „Sitzgelder“ auf rund 185 Gulden. Die Wächter wurden offenbar auch zur Abwehr der Infektion benötigt, an der viele Einwohner erkrankt waren und starben. Die Pest wird häufig als Argument gebraucht, um die Ausweisung der Juden aus Burgau zu begründen, doch wurde diese bereits 1617 angeordnet und bleib offensichtlich folgenlos. Als 1631 aber bereits schwedische Truppen immer tiefer nach Deutschland vordringen klagen nun die Juden in Burgau in Augsburg gegen den Burgauer Stadtprediger Kaspar, da dieser einigen Aufruhr erhebt, vor der Synagoge und dem Lehrhaus randaliert und Verleumdungen verbreitet oder auswärtigen jüdischen Händlern nachgeht und gegen sie mitunter handgreiflich wird. Einen Juden aus Steppach, wo wie in Pfersee Söhne und Enkel der Ulmo vor Jahrzehnten ausgesiedelt waren, habe er so mit einem Stecken angegriffen, usw. Mit dem weiteren Vormarsch der Schweden hatten Burgau wie auch der Dorfprediger im Folgejahr jedoch ganz andere Sorgen. Auch die jüdische Geschichte in Burgau endet mit den weitgehenden Zerstörung des Ortes.

Doch aus dem Jahr 1653 ist in Burgau der Jude Josef notiert, der gegen Wilhelm Konrad Schenck von Stauffenberg klagt, da dieser offenbar seine Schulden nicht bezahlen konnte. Da er als Josef von Burgau bezeichnet wird, ist anzunehmen, dass er tatsächlich am Ort lebte. 1665 wird über die Wiederansiedlung von Juden in Burgau verhandelt. Die Rede ist „wie von alters her“ von acht oder neun Familien. Christliche Prediger vor Ort sind anderer Ansicht und sprechen davon, dass sie „solches Ungeziefer“ nicht wieder haben wollten. Offenbar wurde dem Begehren zumindest einiger Juden trotzdem nachgegeben, da sich im Dezember 1668 der aus Pfersee stammende Jude Hertzog  in Burgau meldet und darauf hinweist, dass vor dem großen Krieg (wohl 1631) sein Großvater die Judenschule „auf eigene Kosten und zur Ehre Gottes und ihm zu Nutze und Heil habe erbauen lassen“, weshalb er nun darum bat, dass man ihn nun doch bitte nicht abweisen möge deswegen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei jenem Hertzog (oder Hitzig) um Isaak, den Sohn des letzten Rabbiners David Ulmo handelte. Ob es ihm gelang das Gebäude in der heutigen Stadtstraße, dass den Krieg wohl wenigstens teilweise überstanden haben muss, wieder erlangte ist nicht bekannt, muss aber bezweifelt werden, da es in der Folgezeit nur noch spärliche einzelnen Nachrichten über Juden in Burgau gibt. Dabei handelt es sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lediglich um Bestimmungen für auswärtige jüdische Händler, die an jenen Tagen und Stunden am Markt sein dürfen.

Die vielleicht größte Anzahl von Burgau folgte dann aber wohl erst rund 275 Jahre nach dem Ersuchen von Isak Ulmo aus Steppach, als nämlich von 1944 bis 1945 für die Dauer etwa eines Jahres in Burgau ein Arbeitslager errichtet wurde, in welchem jüdische Zwangsarbeiter, die aus Osteuropa verschleppt wurden (während im Gegenzug schwäbische Juden nach Polen deportierte) für Messerschmidt im sog. „Kuno Werk“ im Scheppacher Forst Düsenjets montieren sollten. Insgesamt etwa 1100 Gefangene wurden dort unter schlechtesten Bedingungen zur Zwangsarbeit genötigt. Über die Anzahl der Toten gibt es keine Zahlen, jedoch wurde in einem Pressebericht anlässlich der Errichtung eines Gedenksteins vor einem Jahr, die Zahl von 18 namentlich bekannten Toten erwähnt. Diese sind in der Inschrift nicht aufgeführt, stattdessen ein deutsches Zitat aus dem Buch Hiob:

Wenn ich daran denke, erschrecke ich und mein Zittern ergreift meinen Leib

Und darunter: „Zum Gedenken an die Verfolgten der NS-Herrschaft. Ihr Leiden und Sterben sei uns Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Dieser Stein erinnert an diejenigen, die im Burgauer KZ-Außenlager gelitten haben.“

Dass es sich bei den Gefangenen um Juden handelte, war den Verfassern so wenig Notiz wert, wie auch sonst in Burgau eigentlich nichts mehr an die lange über zweihundertjährige jüdische Geschichte erinnert.

Am 23. April 1945 bombardierten US-Flieger siebzig startklare Messerschmitt Jets und das Werk entlang der heutigen Karlsbader Str. im Süden der Stadt. Im Norden hingegen befindet sich der jüdische Friedhof von Burgau, nördlich der Eichenstraße. Grabsteine sind keine mehr erhalten und der Platz selbst längst nicht mehr ummauert. Die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

* * *

Burgau today is a small town with some 9000 inhabitants but it has a rich history with a number of quite interesting Jewish aspects. For the period of a half millennium Burgau was capital and eponymous for the Austrian forelands of Margravate Burgau which reached from Ulm to Augsburg.

Simon ben Elieser Ulmo Günzburg (1506-1585) one of the most important scholars of his times lived in Burgau where he was a rabbi and head of a prominent yeshiva. His Jewish-German collections of sayings of course were inspired by the language of the region. Until 1631 there was a Jewish community in Burgau, which also had an own cemetery. The year after the Thirty years War (1618-1648) afflicted the town and region. In the following decades and century there are only scarce notes on Jews in the town. About 1668 Isaac from Pfersee, offspring of the former Burgau builder of the new synagogue for a last time tried to return to the heritage, but obviously failed. Christian preachers had warned against “such vermins”.

275 years alter however, when Burgau had some 3000 inhabitants in the south of the town there was the Burgau satellite concentration camp “Kuno Werke” with some 1100 Jewish prisoners abducted in Hungary and Poland, who were forced to assemble Messerschmitt jet fighters. The number of victims is not known, but last April a monument with a quote from the Book of Job was erected in order to commemorate this part of the past. However nothing reminds of the history of the almost three centuries long Jewish community of Burgau. The old Jewish cemetery north of Burgau’s Eichenstr. has no markers left and no fence or wall. It just is an arable field, dugged up for generations.

The (hand)writing on the pavement cobble says that “Burgau is older than Munich“, whatever this information does amount to. Actually Burgau is first mentioned in an Augsburg deed in 1147, Munich in 1158 (“Augsburger Schied”)

כבש הזהב של בורגאו


Ferdinand Wertheimer (1817-1883)

January 6, 2012

Ferdinand Wertheimer was a member of the Upper Austrian Landtag in Linz, he also was landlord in Ranshofen and honorary citizen of three places Ried, Ranshofen and Braunau in the Inn-Viertel (famous region south-east of the Inn river in Austria), since he connected the small towns as railroad pioneer to the modern world. The later mentioned place Braunau / Inn at the Austrian-German border actually was the birth place of Adolf Hitler, who in 1889 also was baptized in a church which then was in possession of the Jewish Wertheimer family. Ferdinand Wertheimer also initiated the railroad connection between Braunau and Munich, obviously used by the young Hitler.

Ferdinand (Joshua) Wertheimer was the grandson of Bernhard  Ulmann (Ber Ulmo) of Pfersee and an offspring of famous rabbi and court agent Samson Wertheimer and his son Wolf Shimon Wertheimer who as Ferdinand is buried at the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber. However he was raised by his stepmom Babette, the sister of Isidor Obermayer. Fedinand studied chemistry and was influenced by famous Prof. Liebig, he also was a succesful cattle breeder, beneficient to parentless children as well as a patron of arts, fire fighter, as town councilman and member of the local parliament he was a liberal politician as well as a traditional (Greeks put it “orthodox”) Jew … and many more. His grandson Egon Ranshofen-Wertheimer (a Roman Catholic) was part of the short-lived Bavarian Soviet Republic, but also worked for the Geneva based League of Nations and after the war for the United Nations in New York. As columnist he was a fierce opponent of the Nazi Regime in Germany, led by Hitler who has stolen his birth house in Ranshofen Braunau.

His memory however is almost entirely faded, so we put him as first part of a new series of articles on portraits of Augsburg Jews.

Der Pionier Ferdinand Wertheimer  (11 pages short biography in German)

Ferdinand Wertheimer ist am jüdischen Friedhof von Pfersee/Kriegshaber bestattet. Sein Grabmal, wie das seiner, oft fälschlich für seine leibliche Mutter gehaltenen Stiefmutter, wurde von den Nationalsozialisten gründlich zerstört, möglicherweise auf “höheren Befehl”. Ferdinand Joschua Wertheimer war nämlich nicht nur Gutsbesitzer in Ranshofen (seit dem “Anschluss” 1938 ein Teil von Braunau), sondern hatte als Eisenbahn-Pionier auch die Orte Ried und Braunau an die Moderne angeschlossen, wofür er nicht nur in Ried und Ranshofen, sondern auch in Braunau mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde.  Er besorgte auch die womöglich verhängnisvolle Bahnlinie Braunau-München, die der spätere Diktator bekanntlich benutzte.  Adolf Hitler wurde zusätzlich zu all diesem in der Kapelle katholisch getauft, die von Ferdinand Wertheimer mit dem ehemaligen, 1811 aufgehobenen Chorherrenstift erworben wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass Hitler nichts über den Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und Eigentümer seiner Taufkappelle gewusst haben sollte.

Ferdinand Wertheimer ist anders als sein katholischer Enkel Egon, nach dem in Braunau 2007 ein Preis benannt wurde, weitgehend vergessen, ganz zu Unrecht, weshalb wir ihn, der liberaler Politiker, Feuerwehrmann, orthodoxer Jude, Chemiker, Rinderzüchter, Journalist, Mäzen, Theaterintendant und manches andere war, zum ersten Teil einer neuen, in loser Folge erscheinenden Folge von Portraits  Augsburger, österreichisch- oder bayerisch-schwäbischer Juden der letzten tausend Jahre nehmen wollen.


Die “Tauche” von Kriegshaber

December 21, 2011

Gegenwärtig wird die ehemalige Synagoge von Kriegshaber nach jahrzehntelanger Vernachlässigung saniert, um künftig (2013?) einer Filiale des „Jüdischen Kultusmuseums“ in Augsburg Platz zu bieten.

Um 1570 wird erstmals eine Synagoge in Kriegshaber erwähnt. Die heutige, wohl an selber Stelle gebaute, Synagoge wird auf die Zeit um 1680 datiert und wurde in den 1840er Jahren anstelle eines nicht zustande gekommenen Neubaus, der mit orientalisierenden Fassaden geplant war, dann 1862 und zuletzt um 1910 renoviert. Bis 1940 wurde sie von der (sog. „orthodoxen“) jüdischen Gemeinde genutzt.

Weniger bekannt ist offenbar der Umstand, dass sich auf der Rückseite des Gebäudes die nicht minder alte Mikwe von Kriegshaber befand, die bereits für das Jahr 1700 urkundlich belegt ist, da der damalige Besitzer des Baus dafür einen Gulden jährlich an Bodenzins für den Vogt entrichten sollte (siehe: Sabine Ullmann – Nachbarschaft und Konkurrenz, 1999, S. 160, u.a.).

Im Katasterregister von Kriegshaber des Jahres 1840 beginnt die einstige Kriegshaber Hauptstraße im Westen und ist in Richtung Augsburg durchgehend nummeriert. Die Synagoge hatte deshalb die Hausnummer 3, die Häuser daneben die Nummer 2, und 4. Heute heißt die Hauptstraße längst Ulmer Straße und die Synagoge hat, von Augsburg aus gezählt die Nummer 228. Das frühere Haus 4 der Hauptstraße ist zum heutigen Haus 226 der Ulmer Straße geworden, welches damals im Besitz des Pferdehändlers Emanuel Dick dem Sohn des Josef Dick war. Im Kataster (StAA RA Augsburg-Stadt, Nr. 48) nun ist sozusagen dazwischen als Hausnummer 3 ½  ein weiteres Gebäude angegeben, welches als „Tauche“ der Judengemeinde genannt wird.

Der Begriff „Tauche“ oder „Dauche“ ist nun selbstredend und mit dem überlieferten Zusatz als „Judentauche“ oder „Judendauche“ überall geläufig zur Bezeichnung eines Tauchbades. In den letzten Jahren ist die hebräische Bezeichnung „Mikwe“ vertraut geworden und rivalisiert nur noch gelegentlich mit dem vorher benutzten, jedoch recht eigenartigen, befremdlichen Begriff (jüdisches) „Ritualbad“. In früheren Zeiten jedoch war die geläufige Bezeichnung des halachisch vorgeschriebenen Tauchbades, dass zur Grundausstattung einer jeden intakten jüdischen Gemeinschaft zählt, meist schlicht Dauche oder Tauche genannt. An vielen Orten hat sich im Volksmund die Bezeichnung Judendauche oder Judentauche auch noch gehalten.

Dass es sich nun bei der im Kataster genannten Tauche um die Mikwe der jüdischen Gemeinde von Kriegshaber gehandelt hat, dürfte gänzlich unstrittig sein. Umso verwunderlicher ist es, dass sie ganz offensichtlich nicht Bestandteil der mit Mitteln der Städtebauförderung des Bundes und der Länder, des Bayerisches Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, des Bezirks Schwaben, und der Bayerischen Landesstiftung von der Stadt Augsburg und dem Hochbauamt Augsburg gegenwärtig ausgeführten, zuvor jahre- wenn nicht jahrzehntelang geplanten und von den zuständigen Denkmalschutzbehörden aus Augsburg und München beratenen Sanierung der Synagoge ist. Dabei müsste man vermuten, dass bei historischen Sanierungen zumindest auch ein Blick in alte, frei zugängliche Unterlagen, wie eben in einen Katasterplan eine Grundlage sein sollte.

Zur Tauche gelangte man früher über den Treppenaufgang, der sowohl zum Eingang der Synagoge als auch zur darunter befindlichen Wohnung führte. Ging man von dort aus ein paar Schritte weiter östlich gelangte man zu einem engen Durchgang, der von einem Gitter verschlossen war, vorbei am außen hängenden Erker des Tora-Schreins. Es ist klar, dass dieser Durchgang keinen anderen praktischen Zweck hatte, als auf diese Weise, ohne die Synagoge betreten zu müssen, zunächst zur Tauche zu gelangen.

Dies war offenbar übersehen worden, und so wurden die zuvor noch vorhandenen Reste der früheren Baustruktur achtlos beseitigt. Da wir uns nun aber bereits seit vielen Jahren auch mit der Hausgeschichte der früheren Judengemeinde in Kriegshaber intensiv beschäftigt hatten, sind glücklicherweise noch Photographien der nun abgerissenen Gebäudeteile erhalten.

 

Die darauf angesprochenen Bauarbeiter wussten von nichts und hielten die beseitigten Reste für einen alten Abstellraum, an dessen Platz sich nun freilich Schutt und Geröll der umfangreichen Bauarbeiten auftürmt. Da eine etablierte, wohl schon vor mehr als dreihundert Jahren bis ca. 1940 gebrauchte Tauche an dieser Stelle, auf der Rückseite der Synagoge, unweit vom christlichen Friedhof Kriegshaber, zumindest auch wegen der dafür erforderlichen Wasserversorgung, ortsgeschichtlich auch allgemein von Interesse sein dürfte, bleibt nur die vielleicht vage Hoffnung, dass es irgendwann mal auch Grabungen nach den vermutlich kellertiefen Überresten der Mikwe geben kann und wird.

For some time the restoration and conversion of the former synagogue of the Jewish community of Kriegshaber, which used the building until 1940 is underway. About 2013 there will be a branch of the “Jews Museum” in Augsburg. Unfortunately the activity in the backyard of the synagogue led to the destruction of the last visible remnants of the former Mikveh of the Jewish community, which is first reported in 1700 when a Jew named Victor  had to pay an annual tax of 1 guilder for it. It also is mentioned in early 19th century land register maps. Since Kriegshaber was incorporated to Augsburg only in 1916, back then the village was independent. Today’s Ulmer Str. then was the Hauptstr. (main street) – also the house numbers were different from today. The synagogue for instance then was Hauptstr. 3, today the building is Ulmer Str. 228. However the mikveh now in the official register maps is noted as Hauptstr. 3 ½ and is called “Tauche”, what lit. means to dive or to immerse and in South Germany and Austria was the common name for a mikveh. The existence of the mikveh obviously was unknown to the “experts”, monument consovatoers, local historians as well as to the municipal building owners and apparently was no part of the remedial design – what is the only somewhat rational explanation for this kind of “unnecessary roughness”. On the other hand one would assume that planning of government-funded restoration works at sites of historical value, involve also a detailed previous study of historical records and documents, which are freely accessible. However, since now there is no chance to dip, there will will be a time to dig, some day.

Former Jewish houses in Hauptstr. (now Ulmer Str.) in Krieshaber


תמונות של בית הכנסת לשעבר קריגסהבר

November 20, 2011

 


 הוקם על 1680, שוחזר בשנת 1862, שימש עד 1941

 שימוש לרעה על ידי הנאצים, לאחר מלחמת העולם השנייה שימשה הכנסייה הנוצרית וכן מחסן

 ההזנחה הארוכה גרמה נזקים קשים

 עכשיו, עבודות בנייה לשיקום המבנה נמצאים בעיצומם

בעתיד בבניין יהיה עוד הממלכתי מוזיאון היהודי

 

Currently the building of the former Synagogue of Kriegshaber (Augsburg) is restored. After decades of neglect there now is the aim to establish another stately “Jewish Museum”. 

Die Restaurierungsarbeiten in der ehemaligen Synagoge von Kriegshaber sind nun voll im Gange, werden aber wohl noch über ein Jahr andauern. Am Ende soll im dann sanierten Gebäude eine Filiale (bzw. “dépandance”) des staatlichen “Jüdischen” Museums untergebracht werden.


Über die Juden im schwäbischen Schlipsheim

November 17, 2011

Schlipsheim liegt vier Kilometer westlich von Steppach und ist wie dieses seit rund 40 Jahren Teil des Städtchens Neusäß welches westlich von Augsburg ist. Mit rund 500 Einwohnern ist Schlipsheim der kleinste der nach Neusäß eingemeindeten Orte.

Postcard of Schlipsheim with an unknown tower or church (ca. 1910)

Out of Schlipsheim. Zwar wird die Geschichte des „Straßendorfes“ bis ins 10. Jahrhundert zurückdatiert, jedoch handelt es sich dabei nicht um Geschichte im Sinne erzählter Geschichten, sondern eher um Datierungen, auf die in zunächst recht großen Abständen weitere folgen. Die werden dann mit der Zeit kleiner, aber etwa achthundert Jahre nach den legendären Anfängen – im Jahr 1719 – (er)zählt der Hainhofener Pfarrer Mayr in Schlipsheim ganze elf Häuser. Seinem Bericht nach hatte der Ortsherr Josef von Rehlingen „die Juden“ in dem Ort aufgenommen. Sehr viele können dies jedoch nicht gewesen sein, obwohl bekannt ist, dass in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im benachbarten Steppach und Kriegshaber, zeitweilig wohl auch in Leitershofen Juden lebten, nicht zu vergessen in den näher bei Augsburg liegenden Dörfer Oberhausen und Pfersee jüdische Gemeinden vorhanden waren. In Steppach und Kriegshaber bildeten sich gar stattliche Zentren mit mehreren hundert Menschen heraus.

Immer beliebt sind auch Einträge aus Regierungsakten, die Aufschluss geben über Steuerleistungen, die Juden in einzelnen Dörfern leisten konnten, durften, wollten oder mussten, da sie ggf. zumindest etwas über die Wirtschaftskraft der Juden besagen können, wo es schon sonst an Erkenntnisse mangelt. Im letzten Quartal des Jahres 1754 zahlten im österreichischen Burgau die Juden von Kriegshaber 43 Gulden, Ichenhausen 36 Gulden, Buttenwiesen 25, Binswangen 15, Hürben 12, Pfersee 9, Steppach 8 und Schlipsheim 1 Gulden und 45 Kreuzer. Für einen Gulden konnte man 5 Mahlzeiten in einem Gasthof mit 10 Liter Bier erhalten. Da in dieser Zeit der Monatslohn eines Tagelöhners etwa bei 5 Gulden, der eines Buchhalters bei ungefähr 30 Gulden lag, kann man sich unschwer ausmalen, dass der Beitrag aus Schlipsheim nicht gerade üppig war.

In Philipp Röders 1792 erschienenem zweiten Band des „Geographisch Statistisch-Topographischem Lexikon von Schwaben“ heißt es zur Ortsbeschreibung von Schlipsheim: „Dorf und Schloss an der Schmutter im Burgau, gehört dem Kloster heil. Kreuz in Augsburg. Am Anfang dieses Jahrhunderts gehörte es den von Rehling, kam an die Bach und ist 1785 durch das Oberamt Günzburg an das Kloster heilig Kreuz in Augsburg um 21.000 Gulden (fl.) verkauft worden. Hier sind auch Juden, die eine Sinagoge haben.“

Erste ordentliche Statistiken aus dem Jahre 1809 zählen im „Lechkreis“ im Landgerichtsbezirk Göggingen 650 Juden, davon 104 in Schlipsheim, 82 in Pfersee, 169 in Steppach und 295 in Kriegshaber. Zwei Jahre später, 1811 zählt man in Schlipsheim nur noch 36 Juden, 103 in Pfersee, 181 in Steppach und in Kriegshaber 243. (Montgelas-Statistiken, 25 Bde.: Volkszahl in Bayern, 1809/10, 1811/12, Band 10)

1818 vermerkt Georg Heinrich Keyser in seiner Beschreibung „Augsburg in seiner ehemaligen und gegenwärtigen Lage“ (S. 123) ganz eigentümlich: „Schlipsheim, Ort, von Juden bewohnt, mit einem Schloss. Man findet hier einen Israelitischen Opticus, der gute Augengläser macht.“ Das genannte Schloss wurde bereits 1823 abgerissen, wie es hieß wegen Baufälligkeit. Als einziger Überrest gilt die Nikolaus-Kapelle an der heutigen Schlipsheimer Straße.

Depiction of the old Schlipsheim castle from a painting inside the St. Nikolaus chapel

Das Bayerische Intelligenz-Blatt für den Ober-Donau-Kreis erwähnt im Jahr 1828 den aus Schlipsheim stammenden israelitischen Schul-Expendanten (Anwärter) Aaron (Ascher) Fränkl der zum israelitischen Schuldienst in Altenstadt (Illereichen) befördert wurde. Im Jahr darauf meldet das Blatt seine Ausstellung, womit die Zurückstellung vom Militärdienst gemeint war, „mit einem außer seinem Schullehrers Gehalte dem selben ausgeworfenen Wehr-Bezugs von 60 Gulden (fl.) und 20 Gulden Mietzinsvergütung“. Aaron Ascher Fränkls verwitwete Mutter Sara wohnte in Schlipsheim in einem der neun Wohnungen im sogenannten „Judenhaus“. In Altenstadt heiratete er Viktoria, die Tochter des wenige Tage vor der Hochzeit im Januar 1829 verstorbenen Mosche Katz, der als Geldmakler in Rottweil bekannt war und seiner Tochter eine Mitgift von tausend Gulden ermöglichte. Seine Frau und Viktorias Mutter Sara hingegen stammt wie ihr Schwiegersohn Aaron Ascher aus Schlipsheim, wo sie als Tochter des Krämers Mayer Samuel geboren wurde. Ascher blieb bis zu seinem Tod 1851 Lehrer in Altenstadt.

Für das Jahr 1832 wird der Ort in Josef Eisenmanns bayerischem Lexikon mit 56 Häusern und 350 Einwohnern beschrieben. Erwähnt wird auch eine hölzerne Brücke über die Schmutter mit „50 Schuh Länge“, was in etwa der Breite des kleinen, sich bei Schlipsheim oft windenden (mäandernden) Flüsschen entsprechen könnte.

Aus dem August 1825 stammt eine Notiz von Karl F. Stuhlmüller (1787 – 1832), seines Zeichens „königlich baierisch Polizey Commissair, Vorstand des Zwangsarbeitshauses zu Plassenburg und Mitglied des Civilverdienst-Ordens der baierischen Krone“ der in seinen einschlägigen „Vollständigen Nachrichten über eine polizeyliche Untersuchung gegen jüdische durch ganz Deutschland und dessen Nachbarstaaten verbreitete Gaunerbanden“ und zahlreichen Punkten auch sogenannte Passvergehen erwähnt. Unter (vielem) anderen prangert der Kommissar die Unsitte an, dass Ortsvorsteher Juden, die vorgeben ihre Pässe verloren zu haben, gutgläubig Atteste ausstellten. Entsprechend handelte dann wohl auch Ortsvorsteher Schmidt zu Schlipsheim, der dem „Erzgauner Baruch Benjamin“ ein solches Attest ausstellte und damit offenbar die Weiterreise ermöglichte. Baruch Benjamin stammte der Beschreibung gemäß aus dem fränkischen Fürth, wo ihm wegen nicht genannter Delikte der Pass erst abgenommen wurde. Mit dem Attest nun konnte er in Hall am Neckar einen neuen Pass erhalten und ganz ungestört seine Gaunerstreiche unter der Maske eines ehrlichen Handelsmann fortsetzen. Damit dürfte jener Baruch Benjamin nun einer der wenigen gewesen sein, der Schlipsheim etwas Positives abgewinnen konnte, denn die allgemeine Beschreibung des Ortes muss wohl recht trostlos gewesen sein.

Depiction of a Kohen who instead of doing a Shechita obviously is trying to stab in the back of the animal, what of course reveals that the artist had not the faintest idea regarding the practise he wanted to illustrate …

Worin in jener Zeit der Reiz bestanden haben mag in Schlipsheim zu wohnen, erschloss sich sodann auch dem Verfasser des „Archiv für die Geschichte des Bistums Augsburg“ Anton Steichele nicht so recht. Im zweiten Band seines Werkes aus dem Jahr 1858 schreibt er: „Die Feld- und Wiesenflur des Dorfeserstere auf einem niederigen Hügelrücken westlich des Ortes, letztere an der Schmutter ausgebreitet, gehört nur Wenigen, nämlich zwei großen Bauern, dem Wirt und vier Sölden an. Die übrigen Bewohner leben nur von der Hand in den Mund als Taglöhner, Besenbinder, Hirten, etc. in der Nähe und Ferne Erwerb suchend. Darum (dafür) ist Schlipsheim auch weit bekannt, wenn auch ohne Ruhm.“ (Band 2, S. 359) Direkt schmeichelhaft für die Schlipsheimer war auch das nicht.

rear view of the former so called “Judenhaus” (Jews house) of Schlipsheim

Das sogenannte Schlipsheimer „Judenhaus“ nun befand sich am südlichen Ende des heutigen Ortes an der von Hainhofen führenden Schlipsheimer Straße, etwa 300 m von der Schmutter entfernt, von der die Hauptstraße von saftigen, mitunter sumpfigen Wiesen getrennt ist. Die Bewohner des בית היהודים besaßen keines der großen Grundstücke, hatten aber zu gleichen Anteilen gemeinsamen Nutzen an den Wiesen (2004, 55 ההיסטוריה הגרמנית-יהודית שירשנו, עמ הנרי וסרמן,). Heute ist das Haus dreigeteilt mit den Hausnummern 124-128. Der vordere Teil des Hauses wurde vor Jahren abgerissen und neu aufgebaut.

בית היהודים לשעבר בכפר שליפסהיים

Zeitweilig lebten bis zu 50 Personen im Haus, das wohl etwas übertrieben mitunter auch als „Synagoge“ bezeichnet wird. In den 1840er Jahren sind einige Namen der Bewohner des Hauses überliefert. Unter anderem lebten hier die Familien von Isaak Weil, Abraham Gruber, David Heinemann wie auch die bereits erwähnte Sara Fränkel. Da wie im obigen Beispiel zitiert, 1809 offizielle Statistiken über hundert Juden in Schlipsheim verzeichnen, ist es zweifelhaft, ob es am Ort wirklich nur dieses eine „Judenhaus“ gab, in welchem Juden am Ort lebten. Der frühere Flurname „Judendauch“ deutet recht sicher auf die Existenz einer Mikwe in Schlipsheim hin. 1852 ermittelt die “Unions-Volkszählung” im Dorf Schlipsheim, dass noch 40 Personen im “Judenhaus” wohnten, aber seinen Namen nach inzwischen treffender “Christenhaus” genannt worden wäre, da bereits 22 der 40 Bewohner Christen waren (siehe Stadtarchiv Neusäß).

Auch im benachbarten Ortsteil Hainhofen soll es in früheren Zeiten einen „Judenberg“ (Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, S. 277) gegeben haben und einen nordwestlich außerhalb des Ortes gelegenen „Judenweg“, der aber wohl nur eine unbewohnte umgangssprachlich so titulierte Wegstrecke war.

reflecting gallows at river Schmutter some 400 m from the former Hauptstr. in Schlipsheim

Über das Ende der jüdischen Gemeinschaft in Schlipsheim berichtet „Der Israelit“ in einer Meldung vom 20. November, in welchem die Frage aufgeworfen wird, was nachdem die „Synagoge“ der Gemeinde aufgehört hat zu existieren, nun mit dem Inventar des Betraums geschehen soll. Ein Herr K. hat die beiden noch vorhandenen Tora-Rollen nach München „zum Verkauf geschickt“. Eine (weitere) Rolle wurde offenbar von einem Betrüger ergaunert und in Augsburg an einen Händler verkauft, der die Rolle wiederum in Nürnberg weiterverkauften haben soll. Damit endet sodann die Geschichte der Juden in Schlipsheim, im früher gängigen Klischee (heutige Schlipsheimer sind ganz gewiss ehrbare Leute) fast schon wieder ortstypisch mit einer Gaunerei.

* * *

Besten Dank für die Führung durch die kleine Kapelle St. Nikolaus von Tolentino und zahlreiche Erläuterungen an Fr. Bührle in Schlipsheim

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Als bekanntester Schlipsheimer gilt der 1819 dort geborene Maler und Kunsthändler David Heinemann, der seit 1872 in München lebte und zumindest ab 1884 eine angesehene Kunsthandlung (am Promenadenlatz, ab 1903 am Lehnbachplatz, bald mit Filialen in Frankfurt und Nizza) besaß, die zunächst von seinem Sohn Hermann (1857-1920) und schließlich die bis zur „Enteignung“ durch die Nazis im Jahre 1938 noch von seinem Enkel Theo weitergeführt wurde. Zwei seiner eigenen Werke, darunter sein Selbstportrait befinden sich im Münchner Stadtmuseum.  Die Online-Datenbank der „Galerie Heinemann“ erfasst heute weit über 40.000 bedeutende Gemälde aller Epochen (siehe: http://heinemann.gnm.de).

David Heinemann (http://heinemann.gnm.de)

 


Der mittelalterliche Augsburger Judenkirchhof

October 27, 2011

אם בארזים נפלה שלהבת

The Augsburg Judenkirchhof

(pdf / English)

see also: http://www.alemannia-judaica.de/augsburg_friedhof.htm 

Beschreibung des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in Augsburg, seiner fassbaren Geschichte, übriggebliebenen Grabsteine und Fragmente in der Stadt mit hebräischen Inschriften, Übersetzung und kritischer Betrachtung … berücksichtigt zudem die antike und mittelalterliche Stadtentwicklung, Karten, wie auch die lateinischen Schrift “Monumenta Antiqua Judaica, Augustæ Videl. Reperta & enerrata cum Mantissa“ des christlichen Gelehrten Matthias Beck (1686) der mit dem Pferseer Rabbiner Jehuda Loeb Ulmo damals noch acht teilweise erhaltene Inschriften übersetzte, von denen sich heute nur noch drei und zwar im Innenhof des ehemaligen Peutinger Hauses gegenüber dem Augsburger Dom befinden. Daneben werden die “neueren” Funde, die Beck offenbar nicht geläufig waren vorgestellt, einer befindet sich im “Jüdischen Kulturmuseum” in Augsburg, der andere im Lapidarium des Maximilianmuseums und ein dritter stand bis zum Angriff US-amerikanischer Fliegerbomben im Februar 1944 am jüdischen Friedhof Hochfeld zwischem Alten Postweg und Haunstetter Str.  … (pdf / English)

augsburg synagogue with Jewish seal and city emblem

Eine Replik des Siegels der jüdischen Gemeinde in Augsburg mit der städtischen “Zirbelnuss” über dem mittleren Eingangstor der Synagoge in der Halderstraße. Dies sollte offenbar an das damals einvernehmliche Verhältnis zwischen der städtischen und jüdischen Gemeinde erinnern, in welcher beide Seiten für die gemeinsame Sicherheit und Zukunft wirkten. Freilich nimmt es auch Bezug auf  den “Mauer-Brief” vom August 1298, welcher das einzige bekannte Dokument ist, an dem in Augsburg Siegel der jüdischen und städtischen Gemeinden befestigt worden sein sollen – das sich auch auf den Friedhof bezieht.

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Feel free to comment :-)


eine mittelalterliche Synagoge in Augsburg

September 13, 2011

Die Erwähnung eines Juden namens Josef aus Augsburg in einer in das Jahr 1212 datierten Würzburger Urkunde gilt allgemein als ältester Beleg für eine jüdische Präsenz in Augsburg. Für das Jahr 1259 ist ein „Judenhaus“ (domus judeorum), 1276 eine Synagoge namentlich genannt. 1290 sind das „Judenbad“ und das „Tanzhaus“ genannt und 1298 findet erstmals der Judenkirchhof genannte Friedhof im Nordwesten der Altstadt Erwähnung. In der Regel ist jedoch relativ unklar, wo die einzelnen Gebäude sich befunden haben, zumal hebräische Quellen ortskundiger Autoren nicht zu Rate gezogen werden.

 Gemäß einer Schilderung aus dem Jahre 1840 ergibt sich freilich eine weit ältere mittelalterliche jüdische Gemeinde, deren Präsenz in der Judengasse, südlich der Bischofsstadt, demnach zumindest in den Beginn des 10. Jahrhunderts zurückreicht. Es ist die Zeit des berühmten Augsburger Bischofs Ulrich (ahd. Vodalrich), der der allgemeinen Auffassung gemäß von 923 bis 973, ein rundes halbes Jahrhundert also Stadtherr des freilich noch sehr kleinen Augsburg war und als Erbauer der ersten Augsburger Stadtmauer gilt, die sich als besserer Schutz vor Angriffen erwies als die bisherigen Palisaden aus Holz. Nicht nur lokale Berühmtheit erlangte die legendäre Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955. Ulrich, der wegen eines wundersam umdisponierten Freitagabendmahl häufig mit einem Fisch dargestellt wird, gilt in der katholischen Tradition als erster Heiliggesprochener.

Der Bericht aus dem „Amtlichen Anzeiger und Intelligenzblatt der königlich Bayerischen Kreishauptstadt Augsburg“ vom Samstag, 11. Juli 1840 (S. 796 f.), widmet sich der offenbar recht abwechslungsreichen Geschichte eines Hauses in der Karlstraße. Das Intelligenzblatt bezieht sich auf das Haus mit der Litera-Nummer D 77, dessen Lage aufgrund entsprechender Pläne zweifelsfrei ermittelt werden kann. Es handelt sich um das zweite Gebäude auf der von West nach Ost führenden Karlstraße, die bis 1825 den Namen Judengasse trug und heute demgemäß wohl etwa mit der Hausnummer 12 (ggf. teilweise auch No. 10), dessen Gebäude freilich ein Nachkriegsbau ist und mit dem geschilderten zuletzt nach einem Besitzer „Memminger Haus“ genannten Vorgänger nichts mehr zu tun hat.

„Historische Nachricht

von einigen alten Denkmälern

in dem Memminger’schen Hause Lit. D Nro. 77“

 

In diesem Hause sind zur ebener Erde, linker Hand noch heut zu Tage dergleichen Denkmäler des Altertums sichtbar, selbe sind auf folgende Weise entstanden: Im Anfang des 10. Jahrhunderts errichteten die Juden allda eine Synagoge, deren Wände sie nach ihrer religiösen Sitte mit verschiedenen Charakteren und Schriften ausschmückten.

Ruhig hielten die hier geduldeten Israeliten ihren Gottesdienst allda über 150 Jahre, als der Herzog Welf im Jahre 1084 durch Verräterei in die Stadt drang und gräusliche Verwüstungen allenthalben veranlasste, wobei unter den zerstörten Häusern auch die Synagoge verwüstet und geplündert wurde. – Die Juden überließen hierauf das Haus samt ihren entweihten Tempel seinem weiteren Schicksal.

Bischof Hartmann räumte das verlassene Haus im Jahre 1270 den Tempelherren, die er in die Stadt brachte, ein; welche letztere es sogleich zu ihrem Gottesdienste herrichten ließen, ohne jedoch die in der Synagoge befindlichen Denkmäler zu entfernen. Nachdem aber gedachte Tempelherren aus Deutschland, und also auch hier aus der Stadt verjagt worden sind, so ist ihr Eigentum im Jahre 1312 von Bischof Friedrich zu einer Kapelle gemacht – und die selbe dem heiligen Laurentius geweiht worden. Auch damals ehrte man das Altertum, und erhielt sie unversehrt. Wie nun im Jahre 1548, daselbst der Gottesdienst aufhörte, und das Benefizium in die Domkirche übertragen worden ist, so wurde das Haus samt der Kapelle 1549 an Herrn Hans Heintzel und seine Ehefrau Katharina Welser, einer hiesigen Geschlechterfamilie verkauft, von welchem es mit dem Hinterhaus auf dem Obstmarkt an ihren Sohn Johann Baptist Haintzel und seiner Ehefrau Veronika Imhof im Jahre 1574 erblich zufiel, von diesem kam es an des letzteren Sohn Sohn Johann Matthias Haintzel 1624. Von diesem im Jahre 1651 auf seine Schwestern Veronika und Regina, nach denselben kam dieses Haus noch in mehrere Hände, während welches 25 Jahre lang (1652-1677) sogar auch ein Weinhaus war, bis es im Jahre 1678 an Esaias Preu, Stubenwirth kam, welcher gedachtes Haus zu einem Fideikommiß machte. Im Jahre 1821 erkaufte Johann Nikolaus Memminger dieses Preu’sche Stiftungshaus, und ließ es in seiner damaligen Gestalt von Grund auf neu erbauen, ohne dass das Altertümlich zu ebner Erde auf irgendeine Weise vernichtet worden wäre. Diese Antiquitäten sind noch täglich zu sehen, welche nun ein Alter von 900 Jahren zählen.

Weitere Quellen für diese Angaben nennt das „Intelligenzblatt“ freilich nicht, jedoch können wir einem Amtsblatt vor 170 Jahren zumindest in Bezug auf die präsente Ortsgeschichte eine gewisse Seriosität unterstellen, da man damals nicht leichtfertig etwas für die nächste Ausgabe schnelllebiger Publikationen verfasste oder den Stand der Erkenntnis fast ausschließlich an wikipedia – Artikeln maß. Wie dem auch sei, sollte es mit der Mitteilung eine Berechtigung haben, wird im Jahre 1840 das besagte Haus „D 77“ als frühere, bereits zu Beginn des 10. Jahrhunderts, aus heutiger Sicht, also vor etwa 1100 Jahren erbaute Synagoge bezeichnet, die bis zum Überfall im Jahre 1084 für rund 150 Jahre als solche benutzt wurde und hernach vom Tempelorden, bis zu dessen Liquidierung im Jahre 1312 benutzt wurde. Danach folgte eine dem Laurentius (einem in die Mitte des dritten Jahrhunderts datierten legendären christlichen Heiligen, der als Märtyrer für den christlichen Glauben gestorben sein soll und in der katholischen Mythologie als Schutzheiliger der Bibliothekare, Bäcker  und Bierbrauer gilt) gewidmete Kapelle. Im 17. Jahrhundert befand sich im Haus eine Weinstube, ehe der Stubenwirt Jesaja Preu es zu einem Stiftungsbesitz (Fideikommiss) machte. 1821 wurde es von Nikolaus Memminger grundlegend erneuert und im Bericht des Jahres 1840 schließlich wird festgestellt, dass offenbar aus der weit früher herrührenden Verwendung als Synagoge noch ausreichende Spuren vorhanden blieben, wie Schriften an den Wänden. Eine bildliche Beschreibung davon ist der „Historischen Nachricht“ leider nicht beigefügt. Da trotz Hinweisen und wenigen Funden aus der römischen Antike die Anfänge der jüdischen Präsenz in Augsburg unklar sind und eher nördlich der Bischofsstadt zu vermuten sind, wäre der Bericht zum Haus D 77 in der früheren Judengasse  auch nicht der Beleg für die erste Synagoge in der Stadt, wohl aber eine weiter zurückreichende als die  fälschlich im Bereich am Obstmarkt vermutete. Im Lapidarium des Maximilianmuseums lagern einige Relikte und Fragmente, die in entsprechenden Bauten integriert sein konnten.

A report in a official Augsburg gazette from July 1840 identifies the “Memminger Haus” (old litera number “D 77″) as old synagogue of Augsburg, established in early 10th century and used for some 150 years until the city was attacked in 1084. The Jews of Augsburg decided to build another but however adjacent synagogue and the old one was used by the Knights Templar (order of the temple) until 1312 when the church exterminated the order and liquidated their property. Afterwards the bulding was used as church for Saint Lawrence, but in later times it also was a wine tavern. In 1821 the building was completely overhauled, but the medieval structure indicating the former synagogue as the report says remained. However in February 1944 almost the entire neighborhood was levelled by aircraft bombs, thus all structure here is postwar as you may see on the picture. However the lapidarium of the city museum has a number of stony remnants and fragments which by style may originate from a medieval synagogue as they  compare to a number of quite similar findings of known medieval synagogues in Germany and Europe.


Augsburg: Fluchtpunkt Judenberg

September 9, 2011

 

 

 Eine weitere Augsburger Stadtlegende aus dem ausgehenden 14. Jahrhundert schildert den Judenberg als Fluchtpunkt des Raubritters Onsorg aus Wellenburg. Er rettete sich vor den Stadtsoldaten in die Stube des Augsburger Rabbiners Josef ben Aharon יוסף בן אהרון (in der Geschichte „Ben Aron“ genannt, wovon letzteres keineswegs unpassend hebräisch ארון jedoch „Kasten“ oder „Schrank“ heißen würde. Die Indendität des Rabbis ist geklärt, soll in diesem Rahmen aber weiter nicht thematisiert werden). Jahrzehnte vorher, 1348, so die Geschichte soll der (spätere) Rabbi umgekehrt Hilfe und Zuflucht durch den (späteren) Raubritter gefunden haben. Vielleicht tatsächlich auf der Wellenburg, ggf. aber auch in Pfersee. Wir bitten Augenzeugen, uns Auskünfte zu den näheren Abläufen zu berichten. Der Kreuzturm existiert heute nicht mehr, jedoch befindet sich an der Außenmauer des Gartens des Meuting-Hauses eine Hinweis-Tafel, die auf das Turm-Gefängnis verweist und einen anderen prominenten Insassen verweist. Was aus dem Onsorg-Sohn wurde, ist (uns) nicht bekannt.

Im 14. Jahrhundert war’s, da der mächtige Raubritter Hartmann Onsorg von Wellenburg mit seinen Söhnen Jos (Jobst) und Stephan mit der Stadt Augsburg Krieg führte. Er zerstörte die Gartengüter reicher Augsburger, trieb das Vieh von der Weide, senge und brannte nach Herzenslust und brandschatzte die Warensendungen der Großkaufleute. Solch ein Warenzug musste deshalb eine starke militärische Bedeckung mit sich führen, dass er oftmals mehr einem Kriegszug glich als einem friedlichem Kaufmannsgefährt. Das ganze Kaufmannsgut, das im Sommer Anno 1395 auf die Messe nach Nördlingen zog, wurde von dem jungen Jobst Onsorg geraubt, und dies knapp vor dem Wertachbruckertore. Doch bekanntlich geht der Krug ja solange zum Brunnen bis er bricht.

Jungherr Jos kam nicht bis an die Wertach, da holten ihn fünfzig Augsburger Reisige ein, nahmen ihm das Geraubte ab und den jungen Herrn Onsorg gleich mit sich in die Stadt, wo ihm im hohen Heiligkreuzturm ein kleines Kämmerlein bereitet war. Dazu ließ der Rat ihm die Mitteilung zukommen, es müsse am dritten Tag seiner „Fangnuß“ (Haft) sein Haupt vom Halse.

Als diese Dinge der Vater, der alte Onsorg, draußen auf seinem Raubnest zu Wellenburg erfuhr, wurde ihm gar sonderlich um sein raubritterliches Herz. Er machte sich auf den Weg nach der Stadt nach Augsburg. Als Ritter durfte er nicht kommen, denn sonst konnte er die Gastfreundschaft der Augsburger mit seinem Sohne teilen. Da verkleidete sich Herr Hartmann Onsorg als Bauer, nahm der Vorsicht halber im Säckel Gold mit und zog in die Reichstadt, sein Jöslein zu suchen und zu befreien. Aber diesmal ließ die Wunderkraft des edlen, gestohlenen Metalls den Sünder im Stich. Die Augsburger Stadtknechte erkannten trotz der Mummerei den Fuchs und waren ihm auf den Fersen.

Familienwappen (coat of arms) der Onsorg, die früher AUNsorg lauteten und deshalb als erste ein A als Wappen in der Stadt führten.

Herr Hartmann tat sich im Gewirr von Gassen und Gäßchen schwer und geriet bei seiner Flucht unten am Judenberg in ein altes Haus, rannte Treppen und Gänge auf und nieder und kam plötzlich in ein hell erleuchtetes Zimmer, darin ein alter, ehrwürdiger Mann mit langem, wallenden Bart an der Bahre einer Leiche saß. Es war der ehrwürdige Rabbi Ben Aron, dessen treues Weib Rebecca nach 47jähriger glücklicher Ehe nachts zuvor gestorben war. Rabbi Aron und Herr Hartmann kannten sich, doch war das letzte Zusammentreffen nicht recht angenehm; denn eigentlich hatte auch der Rabbi mit dem Raubritter zu sprechen. Aber der Rabbi erkannte die ungemütliche Lage des Onsorg, der den Greis flehentlich bat, ihm beizustehen und ihn zu verbergen. Rabbi Aron sich menschenfreundlich des Verfolgten an, indem er ihn befahl, sich unter die Totenbahre zu legen.

Nicht lange währte es , so kamen Häscher, den alten Orsorg zu suchen, allein vergebens. Fast erschrocken vor der ehrwürdigen Gestalt des Greises an der Totenbahre wagten sie es nicht, weiter vorzudringen, sondern verließen eiligst die Stube, vermeinend in das Haus eines Zauberers geraten zu sein. Der alte Raubritter wusste nicht, wohin ihn die Not gejagt. Der Rabbi setzte sich ruhig und alte Gebete sprechend. Menschenliebe und Dankbarkeit waren es, die das Haupt der Augsburger Juden veranlassten, den Raubritter, den Sohnesliebe in die feindliche Stadt trieb, auf solche Weise zu schirmen. Denn ehedem, als der Rabbi vor 40 Jahren sein Weib heimführte, herrschte die böse Zeit der Judenverfolgung. Da war es Hartmann Onsorg als Junker, der dem jungen Judenpaare die Türen des finsteren Kerkers öffnete, dass es frei ward und nicht wie unzählige Glaubensgenossen auf die blutige Folter gespannt wurde. Heute wusste dem Ritter das der Judengreis zum Dank.

Als lange schon das Gepolter der Stadtschergen auf den engen, wackeligen Stiegen verklungen war, lüftete der Rabbi das Bahrtuch, damit er den Flüchtigen schützend zugedeckt und sprach feierlich:

„Herr Ritter, erhebt euch! Einstens vor Gottes Thron finden wir alle Vergeltung, mehr für die Taten als für blinden Glaubenseifer!“

August Vetter, Alt – Augsburg, B. 1, S. 161 f., Augsburg 1921/28

 

 

 

An urban legend tells the story of robber baron Hartmunt Onsorg (Aunsorg) of Wellenburg (since 1595 the castle is property of the Fugger offspring until today), ca. 5 miles southwest of medieval Augsburg, who in 1395 tried to break his son Jos from jail in Augsburg. Although he disguised as peasant he was recognized and on the run through the old city of Augsburg. As last resort he managed to get upstairs in the house of Rabbi Yosef ben Aharon of Augsburg who in his attic at the Judenberg (which also had been the name of a medieval tax district in the imperial city) mourned and bewailed his wife, who had died after 47 years of marriage the day before. The rabbi knew the robber baron from a previous less joyful encounter – among the traders raided by Onsorg and his sons of course were a number of Jews – but gave him shelter. So the fugitive hided away under the bier of the rabbis wife. When the city soldiers entered the parlor of the rabbi they were somewhat afraid by the scenery and the look of the old venerable and solemn man and assumed him to be a kind of sorcerer or wizard, but however were not interested in searching his rooms. The connection between the two men however g had been deeper. When in late fall of 1348 the Jews of Augsburg were attacked by “noble” villains then squire Hartmunt Onsorg had helped Yosef ben Aharon, the later rabbi of Augsburg and his young fiancée. Thus there has come a full circle. According to the legend as told by local historian August Vetter in 1928, the rabbis words were: “One day before God we will be judged for our deeds not for religious zeal!”  

 

In the months of Elul, just some weeks away from the judgment of the New Year and the approval of Yom Kipur the story of Rabbi Yosef ben Aharon and the robber baron calls up our attention to the fact that secular laws may change in the course of half a century, but the obligation towards our fellow human beings will endure. So if there is an opportunity to help, just do it. Sometimes later, your, your children or grandchildren will benefit from it – when you need it.    

  Today there are no robber barons in Augsburg – and no pious rabbis either – but if you want to stay and rest at “Kichererbse” (chickpea) snack bar at least you will get some פלפל Falafel.

 


Die Augsburger Legende des Tipsiles

August 30, 2011

 

“Alt – Augsburg” (Titel)

 

Über die epochale wie weitreichende Erfindung des Schießpulvers haben sich schon viele Gemüter ihren Kopf zerbrochen, Stadtschreiber, Gelehrte, Waffenkundler, Hobbyhistoriker und viele andere, zuletzt auch wieder Augsburger Stadträte mit deren weit zurückliegenden Amtsvorgängern die Legende des Tipsiles vor fast sieben Jahrhunderten ihren Anfang nahm. Im ersten Band seiner „Kunst-, Gewerb- und Handwerksgeschichte der Reichs-Stadt Augsburg“ von 1779 notiert Paul von Stetten (der Jüngere) über die Erfindung der Feuerwerkskunst: „Das merkwürdigste aber ist, was Clemens Jäger und andere Chronikschreiber (dazu) angeben, nämlich dass durch einen hiesigen Juden, mit Namen Tibsiles, im Jahre 1353, das Pulver erfunden worden seye: doch will ich diese Nachricht auf ihren Werth und Unwerth beruhen lassen, da es ganz unbekannt ist, wo sie dieselbe mögen hergenommen haben.“ Mit dieser Anmerkung und dem Verweis auf die Chronik des Clemens Jaeger beließ es Paul von Stetten. Vielleicht etwas zu Unrecht, gilt Clemens Jaeger (ca. 1500 – 1561) in zahlreichen anderen Fällen städtischer Geschichtsschreibung als äußerst verlässlicher Gewährsmann und Quelle. Berühmte Beispiele dafür sind etwa seine Weberchronik, aber auch seine Konsulats-, und jüngst auch beachtete Vogt- und Ehrenbücher. Jaeger war wie seine nach Augsburg zugewanderte Familie vom eigentlichen Beruf Schuster und wurde 1527 Meister seines Fachs und gehörte später als einer der „Zwölfer“ der Schuster dem Stadtrat an und wurde hernach als Ratsherr, gefördert von Johann Jakob Fugger (1516 – 1575), von der Stadt mit der Neuordnung des  „verwahrlosten“ (Augsburger Allgemeine vom 14. April 2011) Stadtarchivs betraut. Seine Arbeiten prägten die Augsburger Geschichtsschreibung bis ins 18. Jahrhundert, sind aber an manchen Stellen, mangels überlieferter Quellen, heute mitunter auch umstritten. Das ist nicht weiter verwunderlich, da Jaeger als Humanist wie andere Autoren seiner (wie genau genommen jeder) Zeitepoche selbstverständlich auch politische Absichten verfolgte. So hatten einige Chronisten beispielsweise die Absicht, die Gründung der Stadt in Zeit Trojas zurückzuverlegen; etwas was bei damaligen Humanisten allgemein angenommen und behauptet wurde – freilich auch im Kampf mit der katholischen Kirche, die wiederum auch ihre Probleme hatte mit Herkules- oder Merkur gewidmeten Brunnen. Da dies Jaegers Verdienste um die Augsburger Zunft- und Ehrenbücher keineswegs schmälert, bleibt wie so oft im Einzelfall nur übrig die jeweilige Plausibilität als Maßstab. In Bezug auf Tipsiles als Erfinder des Schießpulvers bedeutet dies auch nichts anderes als festzustellen, dass die Nachricht darüber seit mehr als viereinhalb Jahrhunderten in Augsburger Stadtchroniken enthalten ist, darunter auch in älteren anonymen anderen. Als Zeitpunkt des Geschehens nennt Clemens Jaeger das Jahr 1353, was wahrscheinlich auf einem Lesefehler beruht, und wohl 1323 meint, da andererseits auch gesagt wird, der Jude mit dem grünen Turban sei bei den Ausschreitungen gegen die Juden ums Leben gekommen. Damit gemeint kann offensichtlich nur der Angriff auf die jüdische Gemeinde im „Pestjahr“ 1348  gemeint sein. Freilich kann er andererseits wohl auch nicht fünf Jahre vor seiner Erfindung getötet worden sein.

Der aus Oettingen stammende Antiquar, Journalist und „Lokalhistoriker“ August Vetter (1862-1923), dem in Pfersee bekanntlich eine Straße gewidmet ist,  hatte in seinem Feuilleton „Unter dem Strich“, das jahrelang in der „Neuen Augsburger Zeitung“ erschien, eine große Anzahl bekannter und unbekannter Geschichten aus Augsburgs langer Geschichte (nach)erzählt, darunter befindet sich auch seine Fassung der Tipsiles-Geschichte, die er freilich (korrekt) in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts datiert:     

  

Will man aus der Augsburger Kriegsgeschichte etwas niederschreiben, so darf man eigentlich gar nimmer aufhören. Denn Krieg und abermals Krieg erfüllt, wie wir wissen, die lange, ruhmreiche Vergangenheit. Dass da wohl etwas geleistet wurde, ist begreiflich, und dass die allzeit wackeren und wehrhaften Augsburger sich wohl zu rüsten verstanden, ist bekannt. Das bestätigte jede Zeile in ihrem umfangreichen Geschichtsbüchern. Waffen- und Helmschmiede gabs die besten im weiten Deutschen Reiche; vor bald einem Jahrtausend wurde eine damals mächtige Stadtumwallung durch den großen Bischof St. Ulrich befohlen und angelegt. Aus welchem Grunde dies geschah, ist hinlänglich bekannt.

Es war auch so im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts. Da ging auf einmal das Gerede, dass droben um St. Ulrich rum einer in einem Dachstüblein hause, der mehr könne, denn Brot essen. Mein Gott, allhier zu Augsburg wohnten gar viele Fremde. Da konnte man nicht jedem so in die Suppenschüssel schauen. Die Leute waren an das Geschäften gewöhnt; wenn einer nur brav seine Abgaben entrichtete, so durfte er so im allgemeinen machen, was er wollte. Man war da nicht so ängstlich. Aber wie gesagt, von dem Fremden da droben gingen allerlei Gerüchte um. Von St. Ulrich runter liefen sie in das „Jörgemer-Gäßle“, und in der jungen Vorstadt um St. Jakob wusste man sich allabendlich auf den schmierigen Bierbänken schaurige Dinge zu erzählen. Nur ein Glück wars, dass es zur damaligen Zeit noch keine Kaffeeschwestern gab, sonst wäre das Unheil gar fertig gewesen.

Es reichte sowieso schon. Also, was man so hörte, war ganz eigener Art. Der geheimnisvolle Mann droben hinter St. Ulrich, der sei weit hergekommen, aus dem Morgenland; es müss‘ aber kein Christ sein, – ein Heide oder ein Jude oder ein Mohammedaner. Wie gesagt, sonst halt nichts „Richtiges“. Einen langen Bart trag‘ er, und um den Kopf hab er ein dickes grünes Tuch gewickelt, auch bei der größten Hitze. Und so sitze er vor einem feurigen Ofen Tag und Nacht. Nicht einmal schlafen tät er. Und wenn er sich hinlegt, schlaft er auf dicken Rollen und Büchern von Pergament. Darauf stünd allerhand gar verwunderliches Zeug, was nicht einmal die hochgelehrten Herren vom Reichsstift drüben zu lesen vermöchten.

Dass der Mann mit seinem grünen Kopftuch und seinem langen Bart nicht verschlafe auf seinen pergamentenen Büchern und Rollen, dafür sorge sein Geselle. Das sei ein noch merkwürdigerer Kauz. Den hab überhaupt noch niemand richtig gesehen. Nur drüben ein Nachbar und sein Weib, die zwei konnten den kuriosen Kerl hie und da durch die Dachluken oder sonst beobachten.

Mit dem müss es überhaupt nicht richtig sein, sprachen die zwei. Anstatt zu schlafen, spazier der nächtlicher weil auf dem Dachfirst umeinander, geradeso wie ein verliebter Kater. Sei der Kauz nun lang genug auf dem Dachfirst umeinander stolziert, dann krabble er auch noch an der eisernen Fahnenstangen hinauf, so wie ein Eichkätzle droben in des Bischofs Au. Da bleib er allemal lang hangen, stundenlang oft, und zieh eine Flöte heraus und blas ein Liedlein, eins ums andere. Die wären aber ganz eigen, dass sich der Herr Nachbar und die Frau Nachbarin oft gar die Ohren zuheben. So wild tät die Flöte, und der Wetterfahnen drehe sich dabei oft ringsherum im wilden Ringelreihen, gleich gar, dass es Funken gäb.

Dass es mit so einem Gesellen eine verwunderliche Art habe, das lag doch auf platter Hand, sprachen die Nachbarn, und die anderen sprachen es tapfer nach, dass es in der ganzen Stadt herum kam und auch drüber hinaus bis zu den Bauern im grünen Schmuttertal und noch weiter. Der seltsame Kauz auf der Wetterfahnenstange in der Nacht blase Wind und Wetter zusammen, so wie’s sein Herr drunten im Dachstüblein benötige.  Und noch so mancher andere!

Selbige Mär von so geheimnisvollen Dingen kam auch einem hochwohlweisen Rate zu Gehör. Und er vernahm es mit großer Verwunderung. Dieweilen aber zu derselben Zeit auch die reiche Stadt von einem neidischen Feind bös bedrängt wurde und zeitenweise schier keine Aussicht vorhanden war auf Hilf‘ aus schwerer Bedrängnis, so gabs etliche Köpfe unter denen vom Rat, die vermeinten man könne ja den gelehrten Fremden in seinem Dachstüblein einmal befragen, ob der nicht Hilfe in solcher Not wüsst‘. Hab man doch gehört, wie die Alten solche Mittel erfunden hätten, wie sie sich in solchen Fällen an Gelehrte wendeten und dergleichen mehr. Das sei gescheiter, als dass man sich an das Geschwätz der Leute lehne, oder dass man gar mit einer peinlichen Frage an den fremden Mann herantrete.

Nun, in Gottes Namen, in der Not tut man viel. Und es begab sich, dass eine Abordnung hinauf zu dem Manne mit dem grünen Kopftuch und dem weißen Vollbart. Da wars hoch hinauf, und die Herren mussten auf den hölzernen Stieglein manchmal absetzen und verschnaufen. Aber was tut man nicht dem Vaterland zuliebe! Sie klopften an und ein Riegel war zurückgezogen. Darauf standen sie drinnen in dem engen, verräucherten Stüblein, von wo man über die steilen Dachgiebel hinüberschaute bis hinauf zu des Herrn Bischofs Au und zum wilden Alpengebirge.

Der fremde Mann mit dem grünen Kopftuch war nicht unfreundlich, sprach zuerst einen Segensgruß ganz gut in deutscher, fast in Augsburgischer Sprach‘ und hörte das Begehren der Herren vom Rate an. „Ob er nicht was wüsst‘, womit man dem grimmigen, neidischen Feind beikommen könnt‘, besser denn mit Speer und Lanze und mit der Wurfschleuder und dem Kieselstein.“ Da erhob sich der Mann, stellte von Messing einen Mörser, womit die Frauen in der Küche Nüsse und Kirschsteine stampfen, auf einen Tisch, füllte den Mörser mit allerlei Pulver, tat darauf einen Stein und öffnete das Fenster davor. Darauf holte er einen glimmenden Span vom Herd, wo allerlei Flaschen und seltsame Gefäße standen, und entzündete damit das Pulver und den Mörser. Darauf tat es einen Blitz und einen Schlag, gleich als ob das Wildfeuer vom Wolkenhimmel herniederfahre. Und die Herren vom Rat erschraken und schlugen als fromme Christenmenschen ein Kreuz um das andere. Einer wollte sogar schon zur Stubentür hinaus, dieweil der fremde Mann dem gütigen Himmel Blitz und Donner entrissen. Wie sich aber der Rauch verzogen hatte, da wurden sie gewahr, wie drüben der Wetterfahnen aus Blech ein großes Loch bekommen hatte. Das tat die Gewalt des Steines, den das seltsame Pulver mit Blitz und Donner aus dem gelben Mörser geschleudert hatte.

„Es ist eine arge, diabolische Kunst, Meister, die Ihr uns da gezeigt“, sprachen die hochwohlfeilen Herren vom Rat. „Aber auch diabolisch grimmig ist des Feindes Hinterlist und Rachsucht! Darum werden wir beschließen, dass Ihr, o weißer Meister, diese Eure Kunst in den Dienst unserer hartbedrängten Stadt stellen möget. Kommet, sobald ihr es vermögt, ehender heut‘ denn morgen, auf unser Rathaus. Dort könnt Ihr in einem festen Gewölb Eure Experimenta zu gemeinem Nutz und Frommen fortsetzen.“

Des war der Mann mit dem grünen wohl zufrieden und versprach sich einzufinden, wenn das Gewölb gerichtet wär, und wann sein Stüblein ausgeräumt. Zuvor müsse er aber noch seinen Gesellen rufen, der droben auf des Daches First Auslug nach Wetter und Gestirnen hält. Wie er bald darauf eintrat, ein wilder Geselle mit wirrem Haare und glutfeurigen Augen, war alsbald das Stüblein geräumt und Flaschen und Mörser und die Ingredienzien heruntergetragen, auf einen Karren geladen und geschoben nach einer hochlöblichen Stadt Rathaus. Da machte in einem festen Gewölb der fremde Mann mit dem grünen Kopftuch seine Experimenta weiter. Das brachte, als ob der Donnergott selber Einzug gehalten hätte in ein hohes Rathaus. Und wenn der liebe Mond zu nachtschlafender Zeit die Dachgiebel beschien, dann stand der wilde Geselle hoch droben auf dem höchsten Giebel und pfiff ein böses Liedel, dass der Wetterfahnen wirbelte und Funken stoben, wie wenn die Kutsche des ehrsamen Rates über die Stein bei der Domherren Haus rumpelte.

Aber die Experimenta des fremden Mannes machten wohl gute Fortschritte. Auch ließ ein hoher Rat Rohre gießen, aus denen der Blitzstrahl und der und der Stein fuhren mit einer Gewalt als der wildeste Feuerstrahl vom Wetterhimmel. So wars gut.

Denn nun kam die Zeit, dass man die Probe auf das Exempel machte, Und die fiel besser aus, als man erwartet hatte. Dafür sollte auch ein hoher Lohn für den Mann, der mit seinem Wissen die Stadt vor großer Not befreite, nicht ausbleiben. Ein hoher Rat beschloss, dem weisen Fremdling ein eigenes Plätzlein, aber abseits von den Behausungen derer vom Rat, anzuweisen, schon wegen des wilden, verwegenen Gesellen und des Blitzens und Donnerns aus den Feuerschlünden. Darauf zog der Fremdling hinunter in die Gegend, wo der Stadt Scharfrichter wohnte, und wo, wie die Leute sagten zu damaliger Zeit, „Hund und Katz‘“ einander gute Nacht sagen. Das ist das heutige „Pulvergäßchen“.

Der fremde gelehrte Mann mit dem grünen Kopftuch und dem weißen Vollbart war ein Jude und hieß Tibsiles. Aus dem fernen Morgenland war er hergekommen, wo er vor den Horden des wilden Sultans fliehen musste.

Es brachen hier zu Augsburg andere Tage an. Ein wilder Aufstand erhob sich in der guten Stadt, als ein verführtes und übelberatenes Volk den Juden arge Missetaten in die Schuhe schob. An einem solchen Tag fiel auch der weise, edle Tibsiles als ein Märtyrer, verraten von seinem wüsten, wilden Gesellen. Der hab noch lange Jahre und Jahrzehnte danach als böser Geist auf den Dächern und Dachböden gespukt.“

 August Vetter:  Alt – Augsburg - eine Sammlung von Sagen und Geschichten aus Augsburgs Vergangenheit, 1. Band, Literarisches Institut Haas & Grabherr Augsburg, 1928, S. 162 ff.

 

 

 


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