Die Geschichte der Purim: Esther, Fest oder Los gelöst ..?

March 1, 2012

 http://en.wikipedia.org/wiki/File:Tomb_of_Ester_and_Mordechai_interior.jpg

Teil 1

Das Purim-Fest wird heute vielerorts als eine Art Karneval gefeiert. In früheren Zeiten, als es noch jüdische Landgemeinden gab, wurde mancherorts, so es sich zeitlich einrichten ließ, auch tatsächlich Fassnacht und Purim gemeinsam gefeiert. Logischerweise verkleideten sich damals aber auch Christen noch nicht als arabische Scheichs, Cowboys, Indianer, Außerirdische oder Bären. Jüdische Kinder tun das unter den „modernen“ Einflüssen der Karneval-Industrie durchaus. Die etwas älteren, geben sich aktuell mitunter der nicht weniger falschen Annahme hin, die Ester-Geschichte sei eine Art Blaupause für die aktuelle Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm – und wenn nicht dies, dann doch wenigstens ein Beleg für die Feindschaft zwischen Israel und den Persern. Man liest und hört auch derartiges inzwischen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Unter den Völkern der Antike verband Israel und das jüdische Volk kein anderes traditionell so sehr mit Freundschaft, wie eben das persische. Der Bösewicht „Haman“ in der Geschichte steht keineswegs stellvertretend für die Iraner oder Perser, allenfalls für ein zeitweiliges, womöglich finsteres Regime, wie es überall mal vorkommen kann.

Abgesehen davon bleiben dann allenfalls noch Hamantaschen oder Haman-Ohren, als dreieckige zusammengefaltetes, meist recht süßes Mohngebäck. Auch dies entspringt einer eher jüngeren Tradition, trotzdem manche natürlich weit ältere vermuten oder behaupten, die zumindest doch ins 17. oder 15. oder noch mehr ins 13. Jahrhundert zurückreichen soll. Das basiert aber entweder auf geneigtem Wunschdenken oder schlimmer auf sprachlichen Missverständnissen, wenn etwa Wendungen wie לאכל את המן die auf das Essen des „Man“ aus der Tora, das „man“ freilich dann eher als himmlisches „Manna“ kennt Bezug nehmen, falsch versteht. Wie auch immer, zumindest seit etwa um 1850 lässt sich aber auch die „הומענטאַש“ zweifelsfrei belegen. Dass es geschmacklich (מוֹן-טאש) mehr an Wiener Caféhaus erinnert als an den biblischen Schauplatz der Ester-Geschichte im südlichen Persien im heutigen Iran, stört die meisten auch nicht. Schließlich soll man sich ja auch so sehr betrinken – mit koscherem Wein freilich – dass man, bis Mordechai und Hamen verwechselt, was schon passieren kann, wenn man den Lärm berücksichtigt, der gemacht werden soll, wenn bei der Lesung der Rolle der Name des Bösewichts genannt wird. Über all diesem können einige Schichten Puderzucker mehr nun auch nicht mehr schaden.

Haman-Ohren: http://he.wikipedia.org/wiki/%D7%A7%D7%95%D7%91%D7%A5:Homemade_hamantaschen.jpg

Die Geschichte des Buches Ester (Esther) spielt sich ab am persischen Königshof vor rund 2500 Jahren, zu einer Zeit, als das Großreich Teile Griechenlands, die heutige Türkei, Ägypten und Äthiopien umfasste und im Osten bis nach Indien und Afghanistan reichte.

Der persische König Achaschverosch (Ahasveros, Ahasver, etc.) veranstaltet in der Hauptstadt seines Reiches Schuschan (Susa) ein halbjähriges Fest um die Pracht seines Reiches und seiner Königsfamilie zu zeigen, also eine Art EXPO, vermutlich mit Vertretern aus allen „127 Provinzen“. Im Anschluss daran spendiert er noch mal eine 7 Tage umfassende Abschlussfeier für die Prominenten, wie man heute sagen würde. Wahrscheinlich, um der ganzen Veranstaltung noch ein Sahnehäubchen aufzusetzen, soll Vaschti, die Königin für die vielleicht bereits betrunkenen Herrschaften tanzen. Sie weigert sich.  Im talmudischen Kommentaren wird gesagt, dass sie ihn schützen wollte, da sie fürchtete, dass man ihn wegen ihrer Schönheit umbringen könnte. Diese Deutung korrespondiert natürlich mit der Geschichte Abrahams und Saras im alten Ägypten. Wie auch immer, Vaschti tanzt nicht und das wird als Affront aufgefasst. Nach all dem Aufwand stünde der König nun als „Warmduscher“ da und würde zum Gespött. Der offenbar recht geschickte Ratgeber Menucham aber macht aus der Not im Handumdrehen eine Tugend und schlägt vor, die Königin abzusetzen und ihren Stelle neu auszuschreiben. Schönheiten aus allen Teilen des Reiches, die mit ihrer Teilnahme gewiss zur Aufwertung des geschmähten Herrscheransehens beitragen, geraten in die vielleicht erste überlieferte „Casting-Show“, an deren Ende Ester als neue Königen ausgewählt wird.  

Ester heißt eigentlich Hadassa und ist die Adoptivtochter des jüdischen Hofbeamten Mardechai (Mordechai), der einen Komplott gegen den Herrscher gemeldet hatte, aber sodann vergessen wurde. Jedoch gerät er sodann in das Visier von Haman, dem Kanzler der Königs, der es nicht hinnehmen will, dass Mardechai sich nicht, wie allgemein vorgeschrieben, vor ihm stattlich verneigt. Auch das ist natürlich ein Affront gegen die Hofetikette. Haman, der offenbar keinen klugen Ratgeber an seiner Seite hat, schießt mit seiner Reaktion deutlich über das Ziel hinaus und erreicht, Mardechais Weigerung als allgemeine Haltung der Juden zu definieren und sie deshalb im gesamten Reich zu einem per Los ermittelten Datum zu töten. Mordechai hingegen instrumentalisiert nun seine Adoptivtochter, die ja immerhin Gattin des Herrschers und damit Königin ist. In einer schlaflosen Nacht liest König Achaschverosch nun von den Verdiensten jenes Mardechais der ihn einst vor einem Komplott bewahrte. Er will diesen nunmehr dafür ehren und niemand anderes als Haman ist gezwungen dies vorzunehmen. Bei einem weiteren Festmahl bei der Königin wird Haman nun entlarvt und dabei erwischt, wie er Ester nachstellen will. Nun wird anstelle von Mardechai dann aber Haman gehängt. Das zuvor ausgeloste Datum kann jedoch nicht zurückgenommen werden, da auch das wahrscheinlich die Autorität des Königs untergraben könnte. Jedoch dürfen die Juden sich bewaffnen und an jenem Tag die Angreifer zurückschlagen. Die Errettung wird als Purim-Fest gefeiert. Bis heute. Irgendwie.

Ganz allgemein geht man heute davon aus, dass es sich bei der Geschichte lediglich um eine Art Legende handelt, zwar mit interessanten Einzelheiten und sprachlichen Eigenheiten, aber so doch ohne festen historischen Boden. Man vermutete Bezüge zu mythologischen Geschichten, populären Erzählungen, die Märchen-ähnlich variiert wurden, um einen vielleicht historischen wahren Kern herum, der verloren ging. Andererseits sind eine Reihe der Namen im Buch zweifelsfrei altpersisch und eine Reihe von Sitten und Gebräuchen stimmen mit anderweitig überlieferten Gepflogenheiten überein. Trotzdem blieben alle Versuche einer klaren Zuordnung bislang vergeblich.

Ein wesentlicher Gesichtsbuch des Ester-Buches ist schließlich auch der Umstand, dass sich die Überlieferer damit ein weniger schwer taten. In den berühmten Kumran-Funden beispielsweise finden sich mehr oder minder vollständige Exemplare oder Fragmente aus allen Büchern der jüdischen Bibel – abgesehen von der Ester-Rolle. Das kann natürlich ein bloßer Zufall sein. Christentum und Islam bedienten sich in ihren Schriften – Evangelium und Kuran – bereitwillig beim hebräischen Schrifttum, das sie als wahre Fundgrube zur Ausstattung und Fundamentierung ihrer eigenen Lehren in großen Umfang benutzten. Die große Ausnahme ist aber auch hier das Buch Ester. Lediglich an je einer Stelle gibt es klare Bezüge, etwa das Angebot des halben Königreichs an Ester oder später an die schöne Salome im Evangelium oder im Kuran die Erwähnung eines Haman in Ägypten, der dort freilich als Bösewicht in den Kindermord verwickelt ist, dem Moses entgeht. Aber Ester ist nicht Salome und “Johann der Täufer” wohl nicht “Haman der Böse”. Auch ist Schuschan nicht Augsburg, Purim nicht Pessach, Ester nicht Josef und Angela Mekel nicht Cinderella.


Die Augsburger Legende des Tipsiles

August 30, 2011

 

“Alt – Augsburg” (Titel)

 

Über die epochale wie weitreichende Erfindung des Schießpulvers haben sich schon viele Gemüter ihren Kopf zerbrochen, Stadtschreiber, Gelehrte, Waffenkundler, Hobbyhistoriker und viele andere, zuletzt auch wieder Augsburger Stadträte mit deren weit zurückliegenden Amtsvorgängern die Legende des Tipsiles vor fast sieben Jahrhunderten ihren Anfang nahm. Im ersten Band seiner „Kunst-, Gewerb- und Handwerksgeschichte der Reichs-Stadt Augsburg“ von 1779 notiert Paul von Stetten (der Jüngere) über die Erfindung der Feuerwerkskunst: „Das merkwürdigste aber ist, was Clemens Jäger und andere Chronikschreiber (dazu) angeben, nämlich dass durch einen hiesigen Juden, mit Namen Tibsiles, im Jahre 1353, das Pulver erfunden worden seye: doch will ich diese Nachricht auf ihren Werth und Unwerth beruhen lassen, da es ganz unbekannt ist, wo sie dieselbe mögen hergenommen haben.“ Mit dieser Anmerkung und dem Verweis auf die Chronik des Clemens Jaeger beließ es Paul von Stetten. Vielleicht etwas zu Unrecht, gilt Clemens Jaeger (ca. 1500 – 1561) in zahlreichen anderen Fällen städtischer Geschichtsschreibung als äußerst verlässlicher Gewährsmann und Quelle. Berühmte Beispiele dafür sind etwa seine Weberchronik, aber auch seine Konsulats-, und jüngst auch beachtete Vogt- und Ehrenbücher. Jaeger war wie seine nach Augsburg zugewanderte Familie vom eigentlichen Beruf Schuster und wurde 1527 Meister seines Fachs und gehörte später als einer der „Zwölfer“ der Schuster dem Stadtrat an und wurde hernach als Ratsherr, gefördert von Johann Jakob Fugger (1516 – 1575), von der Stadt mit der Neuordnung des  „verwahrlosten“ (Augsburger Allgemeine vom 14. April 2011) Stadtarchivs betraut. Seine Arbeiten prägten die Augsburger Geschichtsschreibung bis ins 18. Jahrhundert, sind aber an manchen Stellen, mangels überlieferter Quellen, heute mitunter auch umstritten. Das ist nicht weiter verwunderlich, da Jaeger als Humanist wie andere Autoren seiner (wie genau genommen jeder) Zeitepoche selbstverständlich auch politische Absichten verfolgte. So hatten einige Chronisten beispielsweise die Absicht, die Gründung der Stadt in Zeit Trojas zurückzuverlegen; etwas was bei damaligen Humanisten allgemein angenommen und behauptet wurde – freilich auch im Kampf mit der katholischen Kirche, die wiederum auch ihre Probleme hatte mit Herkules- oder Merkur gewidmeten Brunnen. Da dies Jaegers Verdienste um die Augsburger Zunft- und Ehrenbücher keineswegs schmälert, bleibt wie so oft im Einzelfall nur übrig die jeweilige Plausibilität als Maßstab. In Bezug auf Tipsiles als Erfinder des Schießpulvers bedeutet dies auch nichts anderes als festzustellen, dass die Nachricht darüber seit mehr als viereinhalb Jahrhunderten in Augsburger Stadtchroniken enthalten ist, darunter auch in älteren anonymen anderen. Als Zeitpunkt des Geschehens nennt Clemens Jaeger das Jahr 1353, was wahrscheinlich auf einem Lesefehler beruht, und wohl 1323 meint, da andererseits auch gesagt wird, der Jude mit dem grünen Turban sei bei den Ausschreitungen gegen die Juden ums Leben gekommen. Damit gemeint kann offensichtlich nur der Angriff auf die jüdische Gemeinde im „Pestjahr“ 1348  gemeint sein. Freilich kann er andererseits wohl auch nicht fünf Jahre vor seiner Erfindung getötet worden sein.

Der aus Oettingen stammende Antiquar, Journalist und „Lokalhistoriker“ August Vetter (1862-1923), dem in Pfersee bekanntlich eine Straße gewidmet ist,  hatte in seinem Feuilleton „Unter dem Strich“, das jahrelang in der „Neuen Augsburger Zeitung“ erschien, eine große Anzahl bekannter und unbekannter Geschichten aus Augsburgs langer Geschichte (nach)erzählt, darunter befindet sich auch seine Fassung der Tipsiles-Geschichte, die er freilich (korrekt) in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts datiert:     

  

Will man aus der Augsburger Kriegsgeschichte etwas niederschreiben, so darf man eigentlich gar nimmer aufhören. Denn Krieg und abermals Krieg erfüllt, wie wir wissen, die lange, ruhmreiche Vergangenheit. Dass da wohl etwas geleistet wurde, ist begreiflich, und dass die allzeit wackeren und wehrhaften Augsburger sich wohl zu rüsten verstanden, ist bekannt. Das bestätigte jede Zeile in ihrem umfangreichen Geschichtsbüchern. Waffen- und Helmschmiede gabs die besten im weiten Deutschen Reiche; vor bald einem Jahrtausend wurde eine damals mächtige Stadtumwallung durch den großen Bischof St. Ulrich befohlen und angelegt. Aus welchem Grunde dies geschah, ist hinlänglich bekannt.

Es war auch so im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts. Da ging auf einmal das Gerede, dass droben um St. Ulrich rum einer in einem Dachstüblein hause, der mehr könne, denn Brot essen. Mein Gott, allhier zu Augsburg wohnten gar viele Fremde. Da konnte man nicht jedem so in die Suppenschüssel schauen. Die Leute waren an das Geschäften gewöhnt; wenn einer nur brav seine Abgaben entrichtete, so durfte er so im allgemeinen machen, was er wollte. Man war da nicht so ängstlich. Aber wie gesagt, von dem Fremden da droben gingen allerlei Gerüchte um. Von St. Ulrich runter liefen sie in das „Jörgemer-Gäßle“, und in der jungen Vorstadt um St. Jakob wusste man sich allabendlich auf den schmierigen Bierbänken schaurige Dinge zu erzählen. Nur ein Glück wars, dass es zur damaligen Zeit noch keine Kaffeeschwestern gab, sonst wäre das Unheil gar fertig gewesen.

Es reichte sowieso schon. Also, was man so hörte, war ganz eigener Art. Der geheimnisvolle Mann droben hinter St. Ulrich, der sei weit hergekommen, aus dem Morgenland; es müss‘ aber kein Christ sein, – ein Heide oder ein Jude oder ein Mohammedaner. Wie gesagt, sonst halt nichts „Richtiges“. Einen langen Bart trag‘ er, und um den Kopf hab er ein dickes grünes Tuch gewickelt, auch bei der größten Hitze. Und so sitze er vor einem feurigen Ofen Tag und Nacht. Nicht einmal schlafen tät er. Und wenn er sich hinlegt, schlaft er auf dicken Rollen und Büchern von Pergament. Darauf stünd allerhand gar verwunderliches Zeug, was nicht einmal die hochgelehrten Herren vom Reichsstift drüben zu lesen vermöchten.

Dass der Mann mit seinem grünen Kopftuch und seinem langen Bart nicht verschlafe auf seinen pergamentenen Büchern und Rollen, dafür sorge sein Geselle. Das sei ein noch merkwürdigerer Kauz. Den hab überhaupt noch niemand richtig gesehen. Nur drüben ein Nachbar und sein Weib, die zwei konnten den kuriosen Kerl hie und da durch die Dachluken oder sonst beobachten.

Mit dem müss es überhaupt nicht richtig sein, sprachen die zwei. Anstatt zu schlafen, spazier der nächtlicher weil auf dem Dachfirst umeinander, geradeso wie ein verliebter Kater. Sei der Kauz nun lang genug auf dem Dachfirst umeinander stolziert, dann krabble er auch noch an der eisernen Fahnenstangen hinauf, so wie ein Eichkätzle droben in des Bischofs Au. Da bleib er allemal lang hangen, stundenlang oft, und zieh eine Flöte heraus und blas ein Liedlein, eins ums andere. Die wären aber ganz eigen, dass sich der Herr Nachbar und die Frau Nachbarin oft gar die Ohren zuheben. So wild tät die Flöte, und der Wetterfahnen drehe sich dabei oft ringsherum im wilden Ringelreihen, gleich gar, dass es Funken gäb.

Dass es mit so einem Gesellen eine verwunderliche Art habe, das lag doch auf platter Hand, sprachen die Nachbarn, und die anderen sprachen es tapfer nach, dass es in der ganzen Stadt herum kam und auch drüber hinaus bis zu den Bauern im grünen Schmuttertal und noch weiter. Der seltsame Kauz auf der Wetterfahnenstange in der Nacht blase Wind und Wetter zusammen, so wie’s sein Herr drunten im Dachstüblein benötige.  Und noch so mancher andere!

Selbige Mär von so geheimnisvollen Dingen kam auch einem hochwohlweisen Rate zu Gehör. Und er vernahm es mit großer Verwunderung. Dieweilen aber zu derselben Zeit auch die reiche Stadt von einem neidischen Feind bös bedrängt wurde und zeitenweise schier keine Aussicht vorhanden war auf Hilf‘ aus schwerer Bedrängnis, so gabs etliche Köpfe unter denen vom Rat, die vermeinten man könne ja den gelehrten Fremden in seinem Dachstüblein einmal befragen, ob der nicht Hilfe in solcher Not wüsst‘. Hab man doch gehört, wie die Alten solche Mittel erfunden hätten, wie sie sich in solchen Fällen an Gelehrte wendeten und dergleichen mehr. Das sei gescheiter, als dass man sich an das Geschwätz der Leute lehne, oder dass man gar mit einer peinlichen Frage an den fremden Mann herantrete.

Nun, in Gottes Namen, in der Not tut man viel. Und es begab sich, dass eine Abordnung hinauf zu dem Manne mit dem grünen Kopftuch und dem weißen Vollbart. Da wars hoch hinauf, und die Herren mussten auf den hölzernen Stieglein manchmal absetzen und verschnaufen. Aber was tut man nicht dem Vaterland zuliebe! Sie klopften an und ein Riegel war zurückgezogen. Darauf standen sie drinnen in dem engen, verräucherten Stüblein, von wo man über die steilen Dachgiebel hinüberschaute bis hinauf zu des Herrn Bischofs Au und zum wilden Alpengebirge.

Der fremde Mann mit dem grünen Kopftuch war nicht unfreundlich, sprach zuerst einen Segensgruß ganz gut in deutscher, fast in Augsburgischer Sprach‘ und hörte das Begehren der Herren vom Rate an. „Ob er nicht was wüsst‘, womit man dem grimmigen, neidischen Feind beikommen könnt‘, besser denn mit Speer und Lanze und mit der Wurfschleuder und dem Kieselstein.“ Da erhob sich der Mann, stellte von Messing einen Mörser, womit die Frauen in der Küche Nüsse und Kirschsteine stampfen, auf einen Tisch, füllte den Mörser mit allerlei Pulver, tat darauf einen Stein und öffnete das Fenster davor. Darauf holte er einen glimmenden Span vom Herd, wo allerlei Flaschen und seltsame Gefäße standen, und entzündete damit das Pulver und den Mörser. Darauf tat es einen Blitz und einen Schlag, gleich als ob das Wildfeuer vom Wolkenhimmel herniederfahre. Und die Herren vom Rat erschraken und schlugen als fromme Christenmenschen ein Kreuz um das andere. Einer wollte sogar schon zur Stubentür hinaus, dieweil der fremde Mann dem gütigen Himmel Blitz und Donner entrissen. Wie sich aber der Rauch verzogen hatte, da wurden sie gewahr, wie drüben der Wetterfahnen aus Blech ein großes Loch bekommen hatte. Das tat die Gewalt des Steines, den das seltsame Pulver mit Blitz und Donner aus dem gelben Mörser geschleudert hatte.

„Es ist eine arge, diabolische Kunst, Meister, die Ihr uns da gezeigt“, sprachen die hochwohlfeilen Herren vom Rat. „Aber auch diabolisch grimmig ist des Feindes Hinterlist und Rachsucht! Darum werden wir beschließen, dass Ihr, o weißer Meister, diese Eure Kunst in den Dienst unserer hartbedrängten Stadt stellen möget. Kommet, sobald ihr es vermögt, ehender heut‘ denn morgen, auf unser Rathaus. Dort könnt Ihr in einem festen Gewölb Eure Experimenta zu gemeinem Nutz und Frommen fortsetzen.“

Des war der Mann mit dem grünen wohl zufrieden und versprach sich einzufinden, wenn das Gewölb gerichtet wär, und wann sein Stüblein ausgeräumt. Zuvor müsse er aber noch seinen Gesellen rufen, der droben auf des Daches First Auslug nach Wetter und Gestirnen hält. Wie er bald darauf eintrat, ein wilder Geselle mit wirrem Haare und glutfeurigen Augen, war alsbald das Stüblein geräumt und Flaschen und Mörser und die Ingredienzien heruntergetragen, auf einen Karren geladen und geschoben nach einer hochlöblichen Stadt Rathaus. Da machte in einem festen Gewölb der fremde Mann mit dem grünen Kopftuch seine Experimenta weiter. Das brachte, als ob der Donnergott selber Einzug gehalten hätte in ein hohes Rathaus. Und wenn der liebe Mond zu nachtschlafender Zeit die Dachgiebel beschien, dann stand der wilde Geselle hoch droben auf dem höchsten Giebel und pfiff ein böses Liedel, dass der Wetterfahnen wirbelte und Funken stoben, wie wenn die Kutsche des ehrsamen Rates über die Stein bei der Domherren Haus rumpelte.

Aber die Experimenta des fremden Mannes machten wohl gute Fortschritte. Auch ließ ein hoher Rat Rohre gießen, aus denen der Blitzstrahl und der und der Stein fuhren mit einer Gewalt als der wildeste Feuerstrahl vom Wetterhimmel. So wars gut.

Denn nun kam die Zeit, dass man die Probe auf das Exempel machte, Und die fiel besser aus, als man erwartet hatte. Dafür sollte auch ein hoher Lohn für den Mann, der mit seinem Wissen die Stadt vor großer Not befreite, nicht ausbleiben. Ein hoher Rat beschloss, dem weisen Fremdling ein eigenes Plätzlein, aber abseits von den Behausungen derer vom Rat, anzuweisen, schon wegen des wilden, verwegenen Gesellen und des Blitzens und Donnerns aus den Feuerschlünden. Darauf zog der Fremdling hinunter in die Gegend, wo der Stadt Scharfrichter wohnte, und wo, wie die Leute sagten zu damaliger Zeit, „Hund und Katz‘“ einander gute Nacht sagen. Das ist das heutige „Pulvergäßchen“.

Der fremde gelehrte Mann mit dem grünen Kopftuch und dem weißen Vollbart war ein Jude und hieß Tibsiles. Aus dem fernen Morgenland war er hergekommen, wo er vor den Horden des wilden Sultans fliehen musste.

Es brachen hier zu Augsburg andere Tage an. Ein wilder Aufstand erhob sich in der guten Stadt, als ein verführtes und übelberatenes Volk den Juden arge Missetaten in die Schuhe schob. An einem solchen Tag fiel auch der weise, edle Tibsiles als ein Märtyrer, verraten von seinem wüsten, wilden Gesellen. Der hab noch lange Jahre und Jahrzehnte danach als böser Geist auf den Dächern und Dachböden gespukt.“

 August Vetter:  Alt – Augsburg - eine Sammlung von Sagen und Geschichten aus Augsburgs Vergangenheit, 1. Band, Literarisches Institut Haas & Grabherr Augsburg, 1928, S. 162 ff.

 

 

 


גאט פון אברהם

August 1, 2011

גאט פון אברהם פון יצחק און פון יעקב

בעהיט דיין ליעב פאלק ישראל פון אלעם בייזען אין דיינעם לויב

אז דער ליעבער שבת קודש געהט אוועק

אז די וואך זאל אונז קומען צו אמונה שלמה

צו אמונת חכמים, צו אהבת חברים, צו דבקות הבורא ברוך הוא

מאמין צו זיין בשלש עשרה עיקרים שלך

ובגאולה קרובה במהרה בימינו, לתחיית המתים,

ובנבואת משה רבנו עליו השלום. ריבונו של עולם

דו ביזט דאך הנותן ליעף כח

גיב דיינע ליעבע אידישע קינדערלעך

אויך כח דיך צו לויבען און נור דיך צו דיענע

אז די וואך זאל אונז קומען צו געזונד

און צו מזל און צו הצלחה און צו ברכה

און צו חסד און צו בני חיי ומזוני

לנו ולכל ישראל- ונאמר אמן

 

 

Das Gebet „Got fon Awrohom“ wird traditionell zugeschrieben dem chassidischen Rabbiner Levi Yitzchak (1740-1810) aus dem heute zentralukrainischen Berdytschiw im Oblast Schystimir, aus dem auch der polnisch-englische Schriftsteller Joseph Conrad stammte. Das Gebet das von manchen Gruppen vor, von anderen hingegen direkt nach der Havdalla zum Schabbes-Ausgang gesprochen wird, war jedoch bereits vor Levi Yitzchak im Umlauf. Es gilt wie auch immer als geläufigstes jiddisch-taisches Gebet.

 


Juden in Hoechstaedt / Donau

July 31, 2011

Hoechstadt on the Danube as some other neighboring towns already in 13th century have a number of Jewish inhabitants noted in contemporary registers. In 1396 Augsburg tax payer books mention “Bunnung of Hochstetten” as well as his unnamed son as tax payer. In 1424 and 1425 a unnamed  “Jewes of Hoechstaet” is listed. Since women according to medieval German laws in generally were not regarded as “legally competend” she obviously must had been a widow, maybe the one of the before mentioned Bunnung. So far nothing else is known from any of the Jews related to Hoechstaedten. During the same period also other towns register Jews from Hoechstaedt, one Yosef Hoechstaet is noted as student of Yosef bar Moshe the famous author of לקט יושר (see: http://www.hebrewbooks.org/15009), who obviously came from the town on the Danube. In 1703 and 1704 there were the Battles of Blenheim which in German are refered to Hoechsaedt. However the modern family name Höchstädter, which appears also on grave markers at Augsburg Jewish cemeteries most certainly derivers from a more recent, temporarily 18th century Jewish settlement in the small town near Dillingen and Binswangen (with some 6000 inhabitants today). It is said that there was an own small Jewish cemetery near the village, but since there are no grave markers left you may guess where exactly you may look for it. However today the only leftover is a street sign “Judenberg” which likely indicates the previous Jewish presence in this street.   

Wenige Einträge in Registern anderer Städte deuten auf mittelalterliche Juden in Höchstädt an der Donau, wo es trotzdem im 18. Jahrhundert auch eine neuere keleine Gemeinde mit eigenem Friedhof gegeben haben soll. Von diesem freilich ist nichts erhalten und so ist neben dem Familiennamen Höchstädter der sich wohl auf den kleinen Ort an der Donau beziehen wird, ein Straßenschild mit der Aufschrift “Judenberg“, der einzige namentlich Beleg, der bislang am Ort überdauert hat.


לכה דודי

July 15, 2011

מילים

רבי שלמה הלוי

לכה דודי לקראת כלה,
פני שבת נקבלה.
לכה דודי לקראת כלה,
פני שבת נקבלה.

לכה (לכה) דודי (דודי),
לכה דודי לקראת כלה,
פני שבת נקבלה.
לכה דודי לקראת כלה.
פני שבת נקבלה.

שמור וזכור בדיבור אחד,
השמיענו אל המיוחד,
אדוני אחד ושמו אחד,
לשם ולתפארת ולתהילה.

לכה דודי…

לקראת שבת לכו ונלכה,
כי היא מקור הברכה,
מראש מקדם נסוכה,
סוף מעשה במחשבה תחילה.

לכה דודי…

מקדש מלך עיר מלוכה,
קומי צאי מתוך ההפכה,
רב לך שבת בעמק הבכא,
והוא יחמול עלייך חמלה.

לכה דודי…

התנערי, מעפר קומי,
לבשי בגדי תפארתך עמי,
על יד בן ישי בית הלחמי,
קרבה אל נפשי גאלה.

לכה דודי…

התעוררי, התעוררי,
כי בא אורך, קומי אורי,
עורי, עורי, שיר דברי,
כבוד ה’ עלייך נגלה.

לכה דודי…

לא תבושי ולא תכלמי,
מה תשתוחחי ומה תהמי,
בך יחסו עניי עמי,
ונבנתה עיר על תילה.

לכה דודי…

והיו למשסה שאסיך,
ורחקו כל מבלעייך,
ישיש עלייך אלוהייך,
כמשוש חתן על כלה.

לכה דודי…

ימין ושמאל תפרוצי,
ואת ה’ תעריצי,
על יד איש בין פרצי,
ונשמחה ונגילה.

לכה דודי…

בואי בשלום עטרת בעלה,
גם בשמחה ובצהלה,
תוך אמוני עם סגולה,
בואי כלה, בואי כלה.

לכה דודי…

“Lecha dodi” (“go on my love”) is a traditional song composed by R. Shlomo Halevi Alkabetz (1500-1580) from Zfat,  (Safed), commonly for the dusk of Friday in order to welcome the holy shabbes which is refered as “bride”.

English translation: http://en.wikipedia.org/wiki/Lekhah_Dodi 


Der alte jüdische Friedhof von Fürth

May 30, 2011

Neben der Beschreibung der Infrastruktur der jüdischen Gemeinde in Fürth gibt der Nürnberger Pfarrer und Geschichtsschreiber Andreas Würfel in seiner „Historische(n) Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“  auch Beschreibungen zum jüdischen Friedhof in der Stadt – und für das Jahr 1754 noch eher ungewöhnlich, die Abschrift von immerhin 21 exemplarischen Grabsteininschriften. Der dritte Teil seines vierten Kapitels lautet sodann auch

Von dem Leich-Hof der Juden in Fürth und dem darauf befindlichen Spital

Der Ort wo die Fürther Juden ihr bes chajim haben, war anfänglich sehr klein, drum hat die gesamte Judenschaft bei ihrem merklichen Anwachs noch mehr Land dazu gekauft und das war der Schind-Anger. Solchen kaufte die Judenschaft Anno 1617, den 27. Juli von Elisabeth weiland Hans Lohemanns, gewesenen Waffenmeister in Fürth nachgelassenen Wittib (= Witwe) samt seiner Behausung aller Zugehung um 305 Gulden und 5 Taler Leykauf.“

Durch den Platz des Schind-Angers ist das bes hakkebboros (בית קברות) um ein gutes Teil erweitert worden. Doch weil sie den Platz nicht wie an andern Ort aufschütten, so ist er wieder zu eng geworden. Sie erkauften darum vor drei Jahren, dasjenige Stück Land welches an den Leichhof, gegen das Wasser, anstieß, von dem Singer, einem Bierbrauer in Fürth, um ein beträchtliches Stück Geld, und haben solches auch mit der Mauer eingefasst. In der Zeit da man an dieser Mauer noch baute hat eine verwegene Hand im Monat Oktober, boshaftiger Weise, Grabsteine zerschlagen und in das Wasser geworfen.“ Letzteres war sicher keine leichte Übung.

Darstellung eines Teils des alten jüdischen Friedhofs von Fürth aus dem Jahre 1705 durch den Nürnberger Kupferstecher und Kunsthändler Johann Alexander Boener (1647 – 1720), der vor allem für seine eindrucksvollen Nürnberger Stadtansichten zu Ruhm gelangte.

Source: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:J%C3%BCdischer_Friedhof_F%C3%BCrth_1705.jpg&filetimestamp=20090308082519

Über dem Eingangstor des „Leich-Hofs“ so berichtet Würfel weiter, standen die Worte בית היים, was er wieder in der taitschen Aussprache als „bes chaim“ transkribiert und mit „Haus der Lebendigen“ übersetzt. Neben dem Eingang stand ein Stein mit einem Zitat aus dem Buch Hiob 3.22: sie freuen sich und jubeln, weil sie Gräber finden – „השמחים אלי־גיל ישישו כי ימצאו־קבר“ – datiert war die Inschrift auf das Jahr (5)413, entspricht 1653. Würfel vermutet, dass in diesem Jahr vielleicht auch die Mauer erweitert wurde, was in den Zeiten des vorherigen 30jährigen Krieges wohl nicht geleistet werden konnte. Jedoch wurden (nun) auch Juden aus Zirndorf und Unterfarrenbach in Fürth bestattet.

Die Steine welche die Juden auf diesem Bes Chaim zu Häuptern der Verstorbenen, perpendiculair (senkrecht) aufrichten, geben dem weiten Platz ein prächtiges Aussehen. Manche Aufschriften sind nach jüdischer Art zu denken sinnreich, in den meisten aber ist eine Sammlung großer Prahlerei und unglaublichen Hochmuts enthalten.“

Nichts im Vergleich zu dem, was christliche Würdenträger zu Ehren an Prunkmalen und Kirchen gewidmet wurde, wollte man dem Pfarrer entgegenhalten.

Die Toten-Gesellschaft, der anzugehören eine Ehre sei, die man sich erkauft, so berichtet er weiter, führt auch ein „Memor“, ein Leichenbuch, „in welches sie alle Personen, sie seyen groß oder klein, die sie begraben, einschreiben lassen“.

Eine Besonderheit des Friedhofs (die freilich auch von Kriegshaber/Pfersee berichtet wurde) war das auf seinem Gelände befindliche Hospital. Den Kranken sei damit verdeutlicht worden, dass zwischen ihnen und dem Grab nur ein kleiner Schritt war. Im Spital wurden die Kranken und Kindbetterinnen von sog. „Hekdisch-Leuten“ gepflegt, die ihren Unterhalt von der Kahls-Stube erhielten. Das bedeutet nicht, dass diese „Leute“ besonders „hektisch“ waren. „Hekdesch“ (wörtlich etwa „geheiligt“) war der gebräuchliche Name für Armen- und Krankenhäuser. In Fürth waren die unteren Zimmer des (freilich nicht mehr existierenden) Hauses für Frauen, die oberen für männliche Kranke vorgesehen.

Dieser Beschreibung lässt Würfel nun die Wiedergabe von immerhin 21 „Grab-Schriften mit ihren Übersetzungen“  nebst einer deutschen Übersetzung folgen, eine für die damalige Zeit doch beachtliche Tat, zumal heute in der Gallut allenthalben Grabsteinabschriften von hebräischen Friedhöfen als eine Art heiliger Ware gehandelt werden.

 Nach der Inschrift des Aluf Mosche Sohn ben Rabbi David Schmuel findet sich als zweite Inschrift die des Grabmals des Kazin parnas und manhig Isserl bar Mosche s’l Ulmo der 80 Jahre alt wurde und am 19. Kislev 457 (= 3. Dezember 1696) verstarb und demnach 1616 geboren wurde, der enge verwandtschaftliche Beziehungen zu den Ulmo in Pfersee hatte. Ob sich der Grabstein noch unter den erhaltenen des Friedhofs befindet ließ sich in einer nur eineinhalb stündigen Begehung des gesamten Geländes nicht ermitteln. Nur etwa ein Drittel der Grabsteine gelten als erhalten und viele der Denkmäler, insbesondere die älteren hebräischen sind offensichtlich jahrzehntelang der Verwilderung ausgesetzt worden, nachdem sie zuvor von den Nazis umgestoßen oder zerschlagen wurden.

Eine weitere Inschrift ist dem Kazin Rabbi Schlomo Schneor bar Jehoschua Abrawam gewidmet, worin sich die allgemeingültige Formel für jüdische Grabsteine זכרון לדורות מכתב האבן  befindet: zum Gedenken der Generationen ist der Stein geschrieben. Rabbi Schlomo Schneor starb am 11. Tamus 5452 (= 15. Juni 1692).

In der Inschriften-Sammlung von Andreas Würfel aus dem Jahre 1754 finden sich u.a. noch R. Menachem Man ben Mosche (gest. 5415 / 1655), verehrt als „Ner Jisroel“, „Licht Israels“ der Vorsitzender des Bet Din und der Gemeinde in Fürth war. R. Schmuel Behrman Levi ben David Isaak (gest. 5469 / 1709). Auch er war Vorsitzender der Gemeinde, der Wert darauf legte, dass man kein großes Aufsehen um ihn machte und vielleicht gerade deshalb seiner Gemeinde als vorzüglicher Gelehrter galt. No. 12 in der Aufstellung ist der Aluf R. Jakow Meir bar Jehuda Mosche Ulmo, der am 14. Ijar des Jahres 5470 verstarb, was im christlichen Kalender dem 3. Mai 1710 entspricht. Zum Abschluss ein Beispiel aus der Sammlung, das Aufschluss darüber gibt, dass sich Würfel nicht nur auf prominente Gelehrte beschränkt, sondern offenbar eine Art Überblick über die Vielfalt der Inschriften geben möchte. Die Moledet Bela Tochter des Jakob starb am 22. Tischri 5455 (nach Suckot 1695) offenbar bei der Geburt ihres Kindes.

Die 21. Grabinschriften von Andreas Würfel sind wie sein gesamtes Werk online und gratis zugänglich:

http://www.judaica-frankfurt.de/content/titleinfo/603169

bzw. alternativ dazu über Google-Books.

Weit mehr, nämlich 240 Grabsteine dokumentiert das Buch mit zahlreichen, wohl auch älteren Fotos aus der Zeit der Vorkriegsgemeinde, von der früheren Gemeindevorsitzenden von Fürth, Frau Gisela Naomi Blume, die uns freundlicherweise nicht nur eine Reihe von Plätzen des ehemaligen jüdischen Fürth, sondern auch den alten und neuen jüdischen Friedhof vorstellte.

Gisela Naomi Blume: Der alte jüdische Friedhof in Fürth: 1607 − 2007 ; Geschichte – Riten – Dokumentation. Verlag Meyer, Scheinfeld 2007, ISBN 978-3-89014-280-7 (bei Amazon.de derzeit leider vergriffen, jedoch durften wir mal kurz in das Exemplar der Autorin reinschauen)

Frau Blume ist auch seit Jahren damit befasst eine Datenbank mit allen ermittelbaren Begräbnissen, die sich aus Archivmaterial (CAHJP, etc.) ergeben, zusammenzustellen. Ob die ominöse Zahl der 20.000 die oft genannt wird dabei zustande kommt, ist nach unserem Befinden fraglich, jedoch wird es absehbar keine umfangreichere Arbeit zur Dokumentation des jüdischen Friedhofs von Fürth geben. Unser Dank an Frau Blume mischt sich deshalb in die Hoffnung, dass Ihre weitere Arbeit den Erfolg haben wird, die gesammelten Daten bald der interessierten “Forschung” und insbesondere den zahlreichen Nachkommen in aller Welt frei zugänglich zu machen.

Für weiteres Interesse aber auch genealogische Rückfragen zum jüdischen Friedhof oder zur Geschichte der Juden in Fürth verweisen wir sehr gerne auf Frau Blume und ihre neu eingerichtete Webseite mit entsprechenden Kontaktdaten:

http://www.juedische-fuerther.de/

Already in 1754 Christian pastor and historian Andreas Wuerfel from Nuremberg gave a depiction of the old Jewish cemetery of Fuerth along with some 21 detailed transcripts of Hebrew grave markers and – regarding times and circumstances - quite good German translations. At least a number of those depicted stones probably are no longer in existence, so his account – by what motivation ever – is important for the history and documentation. Regarding our own Swabian research it is a quite happy coincidence, that among Andreas Wuefrfels 1754 collection od old Hebrew grave marker inscriptions there also are two relevant Ulmo family connections.

Auch in die umgekehrte Richtung gibt es freilich Bezüge, insofern Grabsteine auf dem Friedhof von Pfersee / Kriegshaber eine Herkunft aus Fürth anzeigen.

Im ältesten bekannten Beispiel betrifft dies :

קלמן בן חנוך מפירדא נפטר ט ניסן ת”צ

Kalman ben Henoch aus Fürth, gestorben am 9. Nissan 5470 (= 29. März 1710)

Desweiteren:

טרנלה בת פרנס הירש נייבורגר מקק פיורדא אשת ליפמן מאיר חזו ומורה מקק גריסהבר יג בטבת שנת תקי”ד

Trenle Tochter des Parnas Hirsch Neuburger aus Fürth Frau des Lipmann Meir Vorsänger und Lehrer der heiligen Gemeinde Kriegshaber, (gest.)  13. Tewet 5514 (= 7. Januar 1754)

Sodann:

ר משה בר יוסף מקק פיורדא נפטר רח ניסן תק”ט

R. Mosche bar Josef aus der heiligen Gemeinde Fürth, gestorben Neumond Nissan 5509 (= 9. März 1749)

Und …:

קעלא אשת משה כהן קאמפע מפיורדא נפ כג סיון תקפ”ה

Kela, Frau des Mosche Kohen Kampe, gest. 23. Sivan 5585 (= 9. Juni 1825)

Finally (vorerst):

יוטא בת בער יאפע מקק פיורדא אשת זיסקינד אפנהיימר מקק פפרשא נפטר ט תמוז תקצ”ו

Juta Tochter von Ber Jafe aus der heiligen Gemeinde Fürth Frau des Siskind Oppenheimer aus der heiligen Gemeinde Pfersee, gestorben 9. Tamus 5596 (= 24. Juni 1836).

Es wäre sicher interessant entsprechende und weitere Verwandtschaftsbeziehungen die es auch logischerweise zwischen den beiden Zentren in Fürth und Pfersee/Kriegshaber/Steppach gab, näher zu beleuchten.

 

A number of other photographs of the old Jewish cemetery you may find at wikipedia, the pages from several municipal services in Fuert, the Jewish Community of Fuerth, as well as flickr, etc.

Nicht hart genug. Ein Fan-T-Shirt der Spielvereinigung Greuther Fürth (Platz 4 in der abgelaufenen Saison), letztens zu sehen am Bauch eines Biertrinkers in der Fürther Fußgänger-Zone, nimmt Bezug auf das dreiblättrige Kleeblatt (was ornamental wiederum auf den Dreipass – nicht Bypass -  in der Heraldik und im christlichen Kontext die “Trinität” symbolisiert). Als Glückssymbol gilt jedoch das vierblättrige Kleebatt und so bleibt Fürth anders als der in die erste Bundesliga aufgestiegene FC Augsburg  auch künftig Zweitligist. Der Spruch auf dem Shirt jedenfalls lautet: “Und der Herr sprach zu den Steinen: Wollt Ihr Kleeblatt-Fans werden?“ Da antworteten die Steine: „Nein, Herr, dafür wir sind nicht hart genug. „

Was die Fürther Fußball-Fans sagen wollen, ist das sie als “Kleeblätter” härter wären als Stein. Ob das stimmt, lassen wir dahingestellt. Fest steht freilich, dass am alten jüdischen Friedhof in Fürth vielleicht mehr als anderswo in Süddeutschland zwar nicht unbedingt Kleeblätter, so aber doch völlig ausufernder Wildwuchs und kranke umstürzende Bäume den Bestand zahlreicher Grabsteine des Friedhofs akut gefährden, wie eine Reihe umgestützter wuchtiger Bäume belegen, die irgendwo im Dschungel herumpurzeln.


Richter bietet Bibel-Kommentare anstelle von Arbeitsdienst

April 1, 2011

Was wie ein April-Scherz klingt ist seitens des US-Amerikanischen Richters John Clinton aus Houston Texas ganz ernst gemeint. Der im Januar gewählte Richter des Harris County Criminal Court No. 4 hatte neun verurteilten Tätern freigestellt anstelle eines kommunalen Arbeitsdienstes (community service) das Studium eines vom Richter bestimmten Bibel-Kommentars zu lesen und anschließend einen selbstverfassten Bericht darüber vorzulegen.

Bei der empfohlenen Lektüre handelt es sich um das Werk “The Heart of the Problem” (in etwa “das Kern des Problems”) des fundamentalistischen christlichen Predigers Dr. Henry Brandt, das gemäß einer Stellungnahme der texanischen Niederlassung des American Civil Liberties Union (Liberale Bürgerrechtsbewegung) darauf abzielt zum Christentum zu missionieren. Richter Clinton schlug die Lektüre von Henry Brandts Bibel-Kommentaren für verurteilte Täter vor deren Vergehen von häuslicher Gewalt bis Drogenbesitz reichten.

Ausführlicher Artikel:

http://www.thenewamerican.com/usnews/politics/6911-texas-judge-under-fire-for-offering-convicts-christian-alternatives

Zweifellos ist der Ansatz von Richter Clinton insbesondere für Mitteleuropäer noch seltsamer als er es bereits für Texanische Kritiker ist. Selbstverständlich verstößt ein solcher Vorstoß natürlich gegen die Verfassung, die “weltanschauliche” Neutralität voraussetzt. Kritisch wird es dann ja besonders, wenn etwa ein Muslim, Jude oder Atheist dazu verdonnert werden sollte, die missionarischen Bibel-Kommentare von Dr. Brandt zu lesen.

“The Heart of the Problem”

* * *

Informationen zum Prediger und Bibel – Kommenator Dr.  Henry Brandt (1916-2008) und der Henry Brandt Stiftung:

  http://biblicalcounselingoutreach.com/about-henry-brandt-foundation/index.shtml


Nürnberger Prozesse – damals und heute

February 21, 2011

Herman Joseph Obermayer wurde am 19. September 1924 in Philadelphia/ Pa. als erstes Kind von Leon Jacob Obermayer (1886 – 1984)und Julia Lina Sinsheimer (1900 – 1996) geboren. Die Eltern seiner Mutter stammten beide aus Creglingen. Die Vorfahren seines Vaters hingegen stammten aus dem bayrisch-schwäbischen, vormals österreichisch-schwäbischen Kriegshaber.

In seinem 2005 erschienenen Buch „Soldiering for Freedom – a GI‘s Account of World War II“, fasste der Journalist und Verleger seine Erinnerungen als Soldat zusammen, basierend auf hunderten Briefen, die er während seiner Ausbildung und später u.a. als Sanitäter in Frankreich und Deutschland an die Familie in Philadelphia schrieb. Als Zeitzeuge erlebte Obermayer, dass die befreiten Franzosen keineswegs nur dankbar und freundlich auf die US-Soldaten regierten und wohnte als Besucher den Nürnberger Prozessen bei als die Zahl der 6 Millionen jüdischen Opfer in Anwesenheit einiger der deutschen Hauptkriegsverbrecher in der Verhandlung thematisiert wurde und schon tags darauf die Weltpresse beschäftigte. Obermayer schrieb sein Buch zu einer Zeit, als US-Truppen im Irak erneut für „Freiheit“ kämpften und manche Kommentare auf beiden Seiten des Atlantiks an Spannungen zwischen Amerikanern und Franzosen erinnerte.

Als „Obe“ im Januar 1945 Amerika verließ schrieb er seiner Familie noch humorig er fühle sich ein wenig wie Gulliver auf dem Weg nach Liliput, dass sich dann bald als „Camp Lucky Strike“ in der Normandie konkretisierte. Kurz nachdem er aus Frankfurt nach Nürnberg kam, berichtete er am 15. Dezember 1945 der Familie von seinen Eindrücken vom Nürnberger Prozess, offensichtlich bewusst von der historischen Tragweite des Erlebten:

Eines Tages, in Jahren, wenn ein Tischgenosse mich beim Essen mit einem Hör-mich-auf-zu-langweilen-Ausdruck ansieht, werde ich das Kaninchen aus meinem Hut holen und erzählen wie ich Goering, Hess und Jodl beobachtete sich zu winden und Gesichter zu ziehen während der Nürnberger Prozesse. Gestern Nachmittag verbrachte ich drei Stunden damit die Prozesse zu sehen und mitzuhören. „

Obermayer schildert die Umstände, etwa dass auf der Besucher-Galerie ein Kontingent der Sitze für Russen, eine andere für Franzosen, Amerikaner, Briten, reserviert und ohne vorgezeigte Platzkarte nicht zugänglich ist, dass man keinen Mantel tragen oder mitnehmen darf, da man befürchtet, jemand würde eine Granate schmuggeln, die er in den Saal, werfen könnte. Die Übersetzer, so wurde geklagt, waren etwas zu frei in der Wiedergabe juristischer Begriffe und vereinfachten wohl die Verständigung der mehrsprachigen Richter und Ankläger mit ihren oft wohl eher wortkargen und einsilbigen Angeklagten nicht immer.

Goering mag zwar ein Drogensüchtiger („dope find”)  sein, aber er macht definitiv nicht den Eindruck ein Narr zu sein. Den ganzen Nachmittag über hatte er einen dicken Stapel Papiere vor sich, mit dem er zu arbeiten schien. Ich hatte auf jeden Fall den Eindruck als würde er den anderen Angeklagten Anweisungen und Ratschläge geben. Einmal wurde ein „Streng geheimes“ Dokument verlesen, das Admiral Keitel und General Jodl unterschrieben hatten. Als ihre Namen erwähnt wurden, zeigte keiner von beiden eine Reaktion die darauf schließen ließ, dass sie es gehört hatten.“

Interessant, weil auch zweifellos mehr als 65 Jahre später immer noch diskutabel ist durchaus auch „Obe“ Obermayers Fazit seines Besuches bei den „Nuremberg Trials“:

Die Prozesse waren zweifellos dramatisch und interessant, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass sie gerecht sind. Wenn man sagt, es kümmert einen nicht, was mit den Männern auf der Anklagebank passiert – ob sie leben oder sterben – und wenn das einzige Wichtige ist, dass sie für die Nachwelt angeklagt werden, macht es mir Angst. Persönlichkeitsrechte scheinen in Nürnberg so unbedeutend zu sein wie in der Armee. Wenn Anwälte und Gelehrte und Denker bereit sind Menschenleben für internationale Moral und internationales Recht oder für die Nachwelt zu opfern, wird es sehr gefährlich.“

(Herman J. Obermayer – Soldiering for Freedom, p. 246 et seq.)

(The original docks from the famous Nuremberg Trials now are shown in the exhibiion of the new museum, while in the court room 600 rioting visitors of contemporary Neo-Nazi trials rip the benches from the floor. )

Es ist nicht einfach, darauf etwas zu entgegnen, da die meisten von uns heute inzwischen Bestandteile der Nachwelt sind, für die ggf. diese Prozesse veranstaltet wurden, wenn man die Kritik des zeitgenössischen Besuchers annimmt. Neben zahlreichen, meist neu zusammengestellten filmischen Dokumentationen, die entweder „den“ Prozess, einzelne berühmt – berüchtigte Angeklagte, aber auch Richter und Ankläger thematisieren sind auch filmische Adaptionen prägend wie etwa Stanley Kramer‘s  „Judgment at Nuremberg“ (deutsch: „Urteil von Nürnberg“ mit „Stars“ wie Spencer Tracey, Burt Lancaster, Richard Widmark, Marlene Dietrich, Judy Garland, Montgomery Clift, dem jungen William Shatner und was weiß ich mit wem noch alles) in Erinnerung geblieben. Trotzdem wird sich kaum jemand daran erinnern, dass der Film nicht „den“ Nürnberger Prozess thematisiert. Stattdessen versucht freilich auch der Film von 1961 – der einen der vielen weiteren Nachfolgeprozesse, nämlich gegen Nazi-Juristen im Jahre 1948 zum Gegenstand hat – durchaus im Empfinden von Herman Obermayers Unbehagen mehr ein Urteil über die Prozesse als über die Angeklagten zu vermitteln und „moralische“ Fragen zu beantworten.

Der Ort des Geschehens, Raum 600 im Schwurgericht des Nürnberger Justizpalasts an der Fürther und Bärenschanzstr. wurde in der Nachkriegszeit ganz gewöhnlich als Gerichtssaal weiterverwendet. Erst vor einem Vierteljahr, am 21. November 2010 wurde im Ostbau des Justizgebäudes das „Memorium Nürnberger Prozesse“ eröffnet, während der Saal selbst auch heute noch „ein Ort der Rechtsprechung“ bleibt und deshalb, wie wir bei unserem Besuch am Nachmittag des 17. Februar feststellen mussten, ggf.  unzugänglich bleibt, wenn gerade ein Prozess stattfindet, was auswärtige Besucher nicht wissen können und auch nicht auf der Webseite vermerkt wird http://www.memorium-nuernberg.de/ vermerkt wird. 

Während wir die Ausstellung sehen konnten, war der Prozess-Saal abgesperrt, mehr noch, wie das Gebäude selbst von einem erstaunlich großen Polizeiaufgebot umstellt, so als hätte man doch noch einen der damals entkommenen „Hauptkriegsverbrecher“ erwischt und vor Gericht gestellt. Wie sich erst später herausstellte, gab es aber einen ganz anderen, für die Geschichte des Hauses sicherlich auch denkwürdigen Prozess. Angeklagt war ein 24jähriger Rechtsradikaler, der beschuldigt wurde im letzten Jahr einem damals 17jährigen in der Nürnberger U-Bahn lebensgefährlich verletzt zu haben. Wie das „Frankenfernsehen“ vermeldete:

Am Donnerstag waren rechte und linke Zuhörer aufeinander losgegangen … Zum Auftakt des U-Bahn-Schläger-Prozesses war es zu Tumulten gekommen. Zwei Zuhörerbänke waren aus ihrer Verankerung gerissen, eine Tür beschädigt worden. Die dem linken Spektrum zugerechneten Zuhörer hatten dagegen protestiert, dass der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer Plätze für zu spät aus der Mittagspause kommende Vertreter der rechten Szene freihalten wollte.“

 

Zu den Tumulten muss es gleich nach unserem Besuch des Museum gekommen sein. Da wir den nur 350 m entfernten jüdischen Friedhof in der Bärenschanzstr. noch besuchen wollten und danach noch weitere Termine hatten, mussten wir uns mit der bloßen Ausstellung zufrieden geben und hinnehmen, dass von dort aus auch kein Blick in den Sitzungssaal möglich war.

Es ist natürlich generell fragwürdig, warum jetzt zumindest, wo man eine Gedenkstätte eingerichtet hat und diese national und international bewirbt – wie hätten wir auch sonst davon erfahren … – den Room 600 weiterhin für Prozesse verwendet. Für Besucher von außerhalb ist das, wie gesagt,  nicht planbar. Zum anderen muss man in diesem speziellen Fall frage, ob es angemessen ist, einen solchen Fall – schwere Köperverletzung mit einem mutmaßlich rechtsextremen Hintergrund – ausgerechnet in diesem Saal zu verhandeln, der den Angeklagten wie auch das Verfahren ggf. über alle Maßen überhöht. Dass bei Prozessen dieser Art einschlägige Anhänger linker und rechter Gruppen aufeinander treffen können, muss den Nürnberger Richtern nicht klar gewesen sein, sondern überraschender Weise erst im Nachhinein. Der Prozess soll deshalb nach offenbar völlig überraschenden Ausschreitungen in einem kleineren Saal verlagert werden: «Damit lässt sich die Lage besser unter Kontrolle bringen», fügte der Sprecher hinzu. «Es geht darum, dass man bei Tumulten Störer gesondert rausbringen kann». Dies sei wegen der dicht stehenden Bänke im Saal 600 schwierig.

http://www.frankenfernsehen.tv/default.aspx?ID=458&showNews=931499

Einem Bericht des „Frankenreports“ (Abendzeitung) vom Vortag 16. Februar, initiieren lokale Landtagsabgeordnete just jenen „Raum 600“ als Weltkulturerbe der UNESCO schützen zu lassen. Die Bewerbungsfrist für dieses Jahr endet am 1. März. Wenn man die Bedeutung der Nürnberger Prozesse für die internationale Rechtsprechung der Folgejahrzehnte berücksichtigt, ist ein solches Ansinnen keineswegs unbegründet. Anderseits sollte man in Nürnberg freilich, den Saal entsprechend in einer Weise präsentieren können, die sicher und für auswärtige oder gar ausländische Besucher berechenbar, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kasperl- und Krokodil-Fangruppen ausschließen – was derzeit offensichtlich nicht der Fall ist. Auch wer sich denkt, dass ein übergroßes Polizeiaufgebot im Schätzverhältnis von 20 Uniformierten auf einen Museumsbesucher auf letztere beruhigend wirken könnte, mag falsch liegen und vielleicht vergessen haben, weshalb die berühmten Angeklagten hier vor Gericht standen.   

http://www.memorium-nuremberg.de/exhibition/visitor-information.html 

Nuremberg Trials now and then

Herman J. Obermayer as Jewish – American GI with grandparents from Kriegshaber Augsburg actually witnessed the Nuremberg Trial session in December 1945 when the number of six million Jewish victims the first time was publicly confirmed as it his account in the book “Soldiering for Freedom” (2005). Since end of last November, 65 years after the beginning of the Trials there now is a museum, while courtroom 600 still is used for contempuary trials. When we visited the “Memorium” last Thursday there actually was a trial against a 24 year old Neo-Nazi who seriously hurt a then 17 year youngster in the Nuremberg subway. Supporting youth groups of German leftists and right wingers caused riot in the courtroom which normally is to be part of the exhibition but blocked for paying visitors when there is a trial and teared out benches …

Local politicians however try to promote “Room 600″ as World Ciltural Heritage Site, what of course will be rather worthless as long visitors from outward or abroad who can not know whether there are court hearings or riots and frays which involve the great grandchildren of the Nazi once put on trial at this very spot. 

Nürnberg Prozess Museum - Model und versteckte Wirklichkeit

(Historical 1945 pictures by Herman J. Obermayer, all others by Margit Hummel (guard) and Yehuda Shenef, 2011)

http://books.google.de/books?id=_UfHJ1LfRRIC&printsec=frontcover&dq=obermayer+soldiering&source=bl&ots=v3ib7wiSNA&sig=aZ7CGtNv8Q43p5QnwtHFvNOzsCE&hl=de&ei=JqViTcSUI4LDswaQrLW1CA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=2&ved=0CCAQ6AEwAQ#v=onepage&q&f=false


Lammfromm und trotzdem tough

December 16, 2010

Columbia Sportswear mit Sitz in Portland, Oregon ist ein Bekleidungshersteller der sich wesentlich auf Wintermode (Ski, Snowboarding, …), sog. Outdoor – Sport (Fischen, Jagen, Wandern, Bergsteigen, usw.) und entsprechende Schuhe  spezialisiert. Das Sortiment wird weltweit in über 10.000 Einzelhandlungen in 70 Ländern verkauft und ist sowohl modisch als auch technisch innovativ, basierend auf neuen technischen Entwicklungen im Bereich von Isolierstoffen bis hin zu elektrisch beheizbare Schuhen. Die Firma beschäftigt rund 3000 Mitarbeiter und machte im Jahr 2009 einen Umsatz von über 1.2 Milliarden US-Dollar und ist seit 1998 als COLM an der New York Stock Exchange notiert. Seit 2008 tritt Columbia Sportswear bei der Tour de France als Sponsor des „Team Columbia“ als Nachfolger des früheren „Team Telekom“ (für welches der Däne Bjarne Ries 1996 und der Deutsche Jan Ulrich 1997 die Tour gewannen).

1938 wurde die Firma als „Columbia Hat Company“ in Portland gegründet von jüdisch-deutschen Auswanderern. Paul Lammfromm hatte dafür mit geliehenem Geld die kleine „Rosenfeld Hat Company“ aufgekauft und nach dem Columbia – Fluss umbenannt, der zwischen den Staatsgrenzen von Washington und Oregon verläuft.

Die Lammfromm – Familie stammte aus Augsburg. Paul Lammfromm war Teilhaber der „Fa. Lammfromm und Biedermann“ in der Hermannstraße gelegen, unweit des Königplatz und somit nahe der Synagoge. Die erfolgreiche Fabrik für Weiß- und Unterwäsche wurde 1937 unter dem üblichen Druck und weit unter Wert „arisiert“ und von den Fabrikanten Fritz und Karl Oelkrug übernommen, die nunmehr „Wäschefabrik Augsburg F & K Oelkrug“ hieß und für die Waffen-SS auch Unterziehjacken für den Winterkampfanzug schneiderte, abgesteppt, aus „typisch seidigen Glanzersatzmaterial“ Seit der Aufgabe der Fabrik im Jahre 1975 wird das Unternehmen, das sich nun auf die Fertigung von Maßhemden spezialisiert, am Elias-Holl-Platz beim Augsburger Rathaus als „Oelkrug – Maßhemden“ als inzwischen traditionsreiches Familienunternehmen weitergeführt.

Paul Lammfromm (1888-1956) war der Sohn von Bernhard Lammfromm (1848-1932) aus Buttenwiesen, dessen Großvater dort Rabbiner war, und der aus Ichenhausen stammenden Hanna Bissinger (1862-1940), die in Portland verstarb. Pauls älterer Bruder Dr. Friedrich (Fritz) Lammfromm (1887-1918) war als Bataillonsart des 9. Bayerischen Infanterie Regiments am 11. August 1918 beim Vorstoss französischer und amerikanischer Truppen beim Flugfeld zwischen Bertoncourt und Rethel in den Ardennen. Die vierte Etappe der Tour de France 2010 von Cambrai nach Reims führte am 7. Juli im Peloton auch die Fahrer und Trikots des Columbia Teams relativ dicht an der Region vorbei, in der der Bruder des Firmengründers ums Leben kam. Das Ehrenmal für die gefallenen jüdischen Wehrmachtssoldaten am jüdischen Friedhof Hochfeld in Augsburg, erinnert neben vielen anderen Augsburger Juden auch an ihn, ebenso wie an seinen  Cousin den Rechtspraktikanten Fritz Bissinger  (1890-1914), der bereits zu Beginn des Krieges als Einjährig-Gefreiter ums Leben kam.

(Spital im ardennischen Rethel, Postkarte um 1917)

Durch die „Arisierung“ verloren die Lammfromms fast ihr gesamtes Vermögen, konnten aber in dieser Weise ihr Leben retten. Paul konnte gemeinsam mit seiner Frau Marie und ihren drei Töchtern Hildegard, Gertrude und Eva in die USA entkommen. Pauls Tochter Getrud (geb. 1924) heiratete 1948 Neal Boyle, einen Katholiken, der nun auch für das Geschäft seines Schwiegervaters arbeitete, während Gertrud „lammfromm“ als Ehefrau und Mutter dreier Kinder zu Hause, aber auch jüdisch blieb. 1964 starb ihr Vater Paul Lammfromm an Herzversagen, 1970 der Ehemann Neal Boyle und Gertrud, nunmehr Gert Boyle übernahm mit ihrem Sohn Tim die Geschäftsleitung, als die Firma mit rund 40 Angestellten überschuldet war und kurz vor der Pleite stand. Der Rest ist Geschichte, am besten von Gert Boyle selbst erzählt. Die Firma wurde flott gemacht und nicht zuletzt durch Gert Boyle als Apfelkuchen backende „tough mother“ als schlagkräftige, witzige und „kultige“ Werbe-Ikone „Ma Boyle“ zum Weltmarktführer für Outdoor-Bekleidung. Zwar gab sie dem Vernehmen nach bereits 1988 offiziell die Firmenleitung an ihren Sohn Tim ab, aber die rüstige Dame ist noch immer mit von der Partie wenn es um Neuerungen und Strategien in der Firma geht.

(Tough Mother commercial)

Gert Boyle in her own words:

http://www.oregonlive.com/O/index.ssf/2008/09/gert_boyle_columbia_sportswear.html

Empfehlenswert ist auch die packende Lektüre der Autobiographie von Gert Boyle als “One Tough Mother – Success in Life, Business and Apple Pies”, Basic Books 2007, 208 S., bislang leider ohne deutsche Übersetzung.

Gert Boyle – not quite lamb-like in traditional terms, but born to nag …

Vor etwa einem Monat hingen sollte die inzwischen 86jährige Opfer eines Raubes und einer wohl geplanten Entführung, jedoch gelang es der gefesselten Gert heimlich einen Alarmknopf zu drücken. Die drei bulligen Täter, illegale Einwanderer aus Honduras um die 40, konnten verhaftet werden.

http://www.oregonlive.com/west-linn/index.ssf/2010/12/immigration_authorities_remove_holds_on_two_suspects_in_gert_boyle_case.html

Ein Buttenwiesener Verwandter, Israel Lammfromm (1863-1930), wurde erst in diesem Jahr lokal gewürdigt, knapp hundert Jahre nachdem er selbst seinen Geburtsort in der 1911 im Eigenverlag erschienenen „Chronik der Markt-Gemeinde Buttenwiesen“ viele ansonsten verloren gegangene Erinnerungen aus der Ortsgeschichte bewahrt hat.

(Beschädigter Grabstein des Mosche Zwi ben Israel, Hugo Lammfromm, 1902-1938 am jüdsichen Friedhof Buttenwiesen)

The Swabian Lammfromm (lit. lamb-like) family from Buttenwiesen and Augsburg, a story of Rabbis, local historians, innovations, Soldiers, tough Moms and outdoor apple pies … another fine peace of German-Jewish history from the Swabian part of Bavaria.


Sueskind of Trimberg’s path of fools

November 5, 2010

Sueskind of Trimberg (ca. 1230 – 1300)  was a Jewish minnesinger (or troubadour) and poet in Middle High German language. He left six poems and is depicted with a Jewish had in the famous Codex Manasse, talking to a Christian Bishop, implying that he himself was an official representative of his Jewish community, maybe that of Trimberg, today a part of the (spa town) Bad Kissingen, 25 km north of Schweinfurt, Frankonia.

Path of Fools

I am walking on the path of fools

And that according to old school

The authorities keep me apart

That is why I will leave their court

Henceforth I will grow a beard

With long curled hair and grey

I will continue moving forward

In my well-tried Jewish way

With a long coat deep under my hat

And with a cheerful and humble gait

It will be rare to raise my voice

Since they rebuffed me thrice

(Translation: Yehuda Shenef)

(ich var uf der toren vart, mit miner kuenste z‘ware, daz mir die herren niht welnt geben, daz ich ir hof will vliehen, unt will mir einen langen bart lan wahsen griser hare, ich will in alter juden leben mich hinnn vuer wert ziehen, min mantel der sol wesen lank, tief unter einem huote, demueteklich sol sin min gank, unt selten me gesingen hovelichen sank, sit mich die herren scheident von ir guote)


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