Isidor Obermayer 1783 – 1862

April 5, 2012

Vor genau 150 Jahren, wohl am 4. April 1862 starb in Augsburg der Vorsitzende der noch inoffiziellen jüdischen Gemeinde, der Eisenbahnpionier, Händler, Investor und Bankier Isidor Obermayer.

Isidor (Jitzchak bar Jakow) wurde als Sohn von Jakob Obermayer (1755-1828) aus Kriegshaber und Ida Oppenheimer (1765-1845) aus Pfersee geboren und wohnte mit seinen Eltern ab 1804 in Augsburg im dort erworbenen Haus am Obstmarkt, Ecke Hafnerberg. Sein Vater war Geschäftspartner der angesehenen Kaula – Familie aus Hechingen und Stuttgart, die auch in Kriegshaber, dann in Augsburg (und München) präsent waren und gehörte zu jenen jüdischen Bankiers, die sich in jener Zeit für ihre Familien ein bleibendes Wohnrecht in Augsburg erkaufen konnten. Im Jahre 1821 erwarb Isidor, damals bereits erfolgreich als Wechselhändler tätig, das Anwesen Heilig-Grabgasse, Ecke Maximilianstraße, welches den heutigen Augsburger als Standesamt bestens bekannt ist. 1822 wurde er zur Augsburger Börse zugelassen. Isidor Obermayer gilt als einflussreicher Mitbegründer der modernen königlich bayerischen Staatsbank, sowie der 1834 initiierten und im Oktober 1835 eröffneten Bayerischen Hypotheken und Wechselbank, die 1998 mit der Bayerischen Vereinsbank zur „Bayerischen Hypo- und Vereinsbank“ fusionierte und heute noch die fünftgrößte deutsche Bank ist. Als Eisenbahnpionier war Isidor Obermayer maßgeblich verantwortlich für den Ausbau der ersten bayerischen Überlandstrecke zwischen Augsburg und München, wofür er seitens der ausführenden „München-Augsburger Eisenbahn-Gesellschaft“ damit beauftragt wurde aus dem englischen Pionierland höchstpersönlich Schienen und die ersten Lokomotiven zu besorgen. Diese wurden bis 1840 wie vorstellbar ist, recht mühsam und langwierig per Schiff und über Land nach Augsburg, bzw. zu den jeweiligen Streckenabschnitten verbracht. Das damalige erste Augsburger Bahnhofsgebäude beim Roten Tor wird heute als Straßenbahndepot benutzt, ist aber das älteste noch existierende ehemalige Bahnhofsgebäude der Welt. 1846 wurde im Westen der Altstadt das heutige Bahnhofsgebäude errichtet, das eines der ältesten im Betrieb befindlichen ist.

Trotz aller gesellschaftlichen und finanziellen Erfolge – wozu man auch die Verheiratung seiner Tochter Henriette mit dem Erben des mächtigen Kölner Bankhauses von Salomon Oppenheim rechnen kann – gelang es Isidor Obermayer nicht der jüdischen Gemeinde in Augsburg, die nach dem Tod seines Vaters Jakob im Jahre 1828 rapide anwuchs, substantiell zu unterstützen, obwohl es ihm weder an Räumlichkeiten noch an finanziellen Mitteln und auch nicht an Einfluss mangelte. Zeitgenössische Klagen konstatieren, dass die durchaus vermögende Judenschaft in Augsburg keine eigentliche solche sei, da obgleich sie Millionäre und weitere fast ebenso potente Mitglieder habe, noch nicht mal eine kleine Synagoge zustande brachte, wie man sie in jedem Bauerndorf finden könne. Jakob Obermayer wurde von Samson Binswanger, gegen dessen Ansiedlungsrecht in Augsburg er jahrelang und schließlich erfolglos kämpfte, überredet, nun, wo sie dann doch Nachbarn am Obstmarkt geworden waren, eine Betstube für die Juden in Augsburg einzurichten. Es blieb jedoch bei diesem als Übergangslösung gedachten Einrichtung, die nach dem Tod von Jakob Obermayer und Samson Binswanger aufgegeben wurde. Von 1830 an bis zum Tod von Isidor Obermayer fanden die Gottesdienste der Augsburger Juden im Hinterzimmer einer Garküche (heute würde man sagen „Schnellimbiss“) abgehalten (natürlich mit entsprechenden Gerüchen und Geräuschen). Es gab in Augsburg keinen Rabbiner, keine Lehrer für den Unterricht der Kinder und folglich auch keine eigentliche Schule. Der Unterricht wurde von Lehrern aus Pfersee und Kriegshaber erteilt, die eigens dafür nach Augsburg kommen mussten. Entsprechend verhielt es sich mit dem Tauchbad, mit Heiraten, Beerdigungen, usw. Binnen sechs Jahrzehnten hatten die federführenden Obermayer in Augsburg nicht mal Ansätze einer für jede funktionierende jüdische Gemeinde grundlegende Infrastruktur zuwege gebracht. Erst mit Isidors Sohn Carl von Obermayer (1811-1889) sollten einige dieser Missstände verschwinden, aber auch neue hinzukommen.

Ehemaliges Gartenhaus von Isidor Obermayer am Schwibbogenplatz in Augsburg, heute ein Jugendzentrum

 

Isidor Obermayer starb am Spätabend des 3. April 1862 in seinem Haus in der Maximilianstraße. Sein Tod ist fast untrennbar mit der damaligen Bühnengröße Tenor Theodor Wachtel verbunden.

Der „Schwäbische Kurier (Augsburger neueste Nachrichten)“ berichtete davon, zitierte dabei aber

Aus dem ‚Bayerischen Kurier‘: Der bekannte Tenorist Wachtel, welcher in Augsburg gastierte, war bei dem dortigen Consul Obermayer zu eienr Abendgesellschaft eingeladen. Alles war in der heitersten Stimmung und noch um halb 12 Uhr begeisterte er die Gesellschaft durch das Terzett aus Tell. Er sang eben die letzten Zeilen von dem schönen Liede Arnolds, womit dieser den Tod seines Vaters beklagte: ‚Er fiel, er starb der heiligen Sache, zu seiner Seite stand ihm nicht der Sohn‘ – als Diener in das Zimmer stürzten und Herrn Consul Obermayer zuriefen, er möge schnell in das Zimmer seines Vaters kommen. Der Sohn eilte hinab und fand den geliebten Vater, Herrn Bankier Obermayer vom Schlage gerührt, tot.“

Carl von Obermayer, mittlerweile Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Augsburg (das Konsularbüro befand sich im Haus) hatte den damals bekannten Tenor Theodor Wachtel (1823-1893), der wegen einiger Auftritte im Theater in der Stadt weilte und während dessen bei den Obermayers wohnte zu einer Geselligkeit eingeladen. Ob tatsächlich gerade jene Worte gesungen wurden, als die Dienerschaft den Konsul aufschreckte, ist nicht zu bestimmen. Der wahre Kern dürfte freilich in der Ausführung bestehen, dass der Vater starb, ohne dass der Sohn ihm beistand. Isidor Obermayer war bereits seit sechs Jahren Witwer und galt allgemein als kränkelnd. Der Winter 1861/ 1862 war ihm nicht gut bekommen. Nach Angaben des aus Pfersee stammenden Militärarztes David Ullman (1824-1910), dessen Praxis sich am Judenberg befand und der Obermayer behandelte sollte dieser in seinem angeschlagenen Zustand jegliche Anstrengung und Aufregung vermeiden. Bei der Abendgesellschaft an der neben Sängern und Schauspielern „über zwei Dutzend“ Leute aus der feineren Gesellschaft Augsburgs teilnahmen, soll es jedoch hoch hergegangen sein.

Theo Wachtel

Theodor Wachtel (1823-1893) wurde als Sohn eines Kutschers in Hamburg geboren und führte zunächst den Betrieb seines Vaters nach dessen Tod weiter, bis eines Tages, wohl bei einer Fahrt, seine Tenor-Stimme entdeckt wurde. Eine klassische Ausbildung als Sänger erhielt er nicht, doch schätzten Kritiker über Jahrzehnte hinweg seine wohl erhebliche Stimmgewalt, monierten mitunter aber seine wohl eher dürftigen schauspielerischen Qualitäten. Manche verspotteten ihn gar als „jaulenden Kutscher“. Aufgrund seines für den zumindest damaligen „Geschmack“ galt Wachtel jedoch auch als Frauenschwarm und hatte entsprechend viele Verehrerinnen. U.a. sang er bei der Premiere von Wagners „Thannhäuser“ den „Walther“. Zur Zeit seines Besuches im Palais der Obermayer in Augsburg (Carl hatte er in Wien kennen gelernt), sang er an der Wiener Hofoper, wo er bis 1865 blieb. Er trat sicher mehrmals an allen größeren und wichtigen Bühnen im deutschsprachigen Raum auf und war modern interpretiert eine Art „Popstar“ mit eigenen Autogramm-Karten, die man damals freilich noch „Visitenkartenportraits“ nannte. Mehrere Tourneen und Gastspiele führten ihn auch ins Ausland, etwa zu Beginn der 1860er Jahre mehrmals für mehrere Monate nach England, gelegentlich nach Paris oder in den 1870ern auch zweimal in die USA.

In der Woche nach Isidor Obermayers Tod trat Theo Wachtel dann, wie vorgesehen, im Augsburger Stadttheater auf. Das Theater befand sich damals noch am Lauterlech, brannte aber im März 1874 ab. Theaterliebhaber und Förderer, zu denen auch die Obermayers gehörten, unterstützten aber bereits vorher die Pläne zum Neubau eines repräsentativen Theaters, das nun gebaut und 1876 eingeweiht werden konnte. Wachtel bot verschiedene Kostproben, insbesondere aber den „Postillon von Lonjumeau“, eine komische Oper in ein drei Akten von Adolph Adam, die sich in bestimmten Kreisen großer Beliebtheit erfreuten, vergleichbar heutiger „Musicals“. Ein Logenplatz kostete damals stattliche zwei Gulden, im zweiten Rang immer noch ein Gulden und einen halben. Die billigeren Plätze wurden aber offenbar stärker von der jüngsten Preiserhöhung betroffen, als eben jene.

In vielerlei Hinsicht interessant ist hierzu die Kritik der „Neuen Augsburger Zeitung“ vom 8. April 1862:

„Dienstag, 8. April. Zweites Gastspiel des Herrn Theodor Wachtel. Martha, Oper von Fiottow. Ein Unbekannter hat im Briefkasten eines hiesigen Lokalblatts demonstriert, dass die Besitzer der Logen ersten Ranges bei der gegenwärtigen Preiserhöhung eigentlich unverhältnismäßig billig weggekommen sind. Leider Gottes scheinen sie davon gar nicht mal profitieren zu wollen; denn für Herrn Wachtel gewiss eine seltene Erscheinung, gerade der erste Rang war nur schwach besetzt, wozu freilich einige in diesen Tagen neuerdings auftretende Todesfälle etwas beitragen mögen. Der Enthusiasmus für den trefflichen Sänger war aber deshalb nicht geringer, und weniger als dreimaliger Hervorruf nacheinander war gar nicht da. Herr Wachtel sang aber auch danach und besonders in den beiden Arien „Ach so fromm“ und „Mag der Himmel dir vergeben“, entwickelte der Gast seine ganze herrliche Stimmfülle glänzend. Das Ensemble der Oper war ungestört und die Träger der Hauptpartien, Fräulein Klettner, Fräulein Ultsch und Herr Feuerstake, sehr gut, obgleich es nur dem letzteren – der übrigens eine stete Neigung zum Karikieren hat – gelang nach dem Porterlied einen Applaus von dem Publikum zu erobern, das nur für die Töne eines Einzigen Ohren hatte, der eben Wachtel hieß.“

Der Kritik können wir die offenbar auch in Augsburg anzutreffende Bewunderung für Wachtel nachvollziehen. Die etwas makabere Begründung der leer gebliebenen Logen-Plätze mit Todesfällen bezieht sich zweifellos auf Isidor Obermayer. Dass die Abendgesellschaft des Konsuls Obermayer im Hause seines kranken Vaters, in der Etage über dessen Gemächern durch den mitternächtlichen Tod jäh abgebrochen wurde, war der feinen Gesellschaft in Augsburg nicht entgangen, befanden sich unter den Versammelten ja auch Bürgermeister Georg von Forndran und verschiedene andere Honoratioren. Zugegen war freilich auch das damals 24jährige in der Kritik als „gut“ gewürdigte Fräulein Rosalie Ultsch, die eine Liaison mit dem Konsul hatte und später seine Frau wurde. Isidor Obermayer hatte für die Beziehung seines Sohnes zur der aus Bad Kissingen und einfachen Verhältnissen stammenden Schauspielerin und Tänzerin, die er als mäßige Lola Montez – Kopie abtat keinerlei Sympathie. Immer wieder war es zwischen Carl und seinem Vater deswegen auch zu Streitereien gekommen.

Am 7. April veröffentlichte die Neue Augsburger Zeitung eine „Danksagung“ von Carl Obermayer und seinem Kölner Schwager Simon Oppenheim: „Wir fühlen uns gedrungen, für die vielen Beweise der Liebe und Anteilnahme, welche dem Andenken unsers teuren heimgegangenen Vaters und Schwiegervaters, besonders bei dem Begräbnis dargebracht wurden, unseren tiefgefühlten Dank auszusprechen und die Erinnerung daran, die nie erlöschen wird, soll uns aufrichten in unserm großen und gerechten Schmerz – Augsburg, 7. April 1862 – Carl Obermayer, Simon Oppenheim

In der Woche darauf meldete das selbe Blatt: „Herr Banquier Isidor Obermayer hat unter seinen frommen Vermächtnissen auch die „Anstalt für alte und kranke weibliche Dienstboten“ dahier mit einem Legate von 100 Gulden bedacht. Dem edlen Manne sei dafür der tiefsinnigste Dank gesagt – Augsburg, den 15. April 1862, das Comité der Versorgungsastalt alter und kranker weiblicher Dienstboten, Josef G. Dreer, Vorstand

Aus der öffentlichen Magistratssitzung wurde folgendes vermeldet: „Konsul Obermayer (Obermayr) zeigt an, dass sein verstorbener Vater Herr Isidor Obermayer ein Kapital von 500 Gulden legiert habe, aus dessen Zinsen jährlich eine israelitische und wenn eine solche nicht vorhanden ist, eine andere Familie unterstützt werden soll. Derselbe hat ferner dem Frauen-Verein für verehelichte Wöchnerinnen 200 Gulden und den Kinderbewahranstalten 200 Gulden vermacht, was dankbar akzeptiert wurde.“

Schließlich notierte die Neue Augsburger Zeitung auch das finanzielle Erbe, demnach hätte „der dieser Tage dahier Verstorbene Bankier Herr Isidor Obermayr ein Vermögen von mehreren Millionen hinterlassen“.

Grabplatte des Isidor Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber Pfersee. Das eigentliche Grabmonument im Obermayer Familienensemble wurde in der Nazizeit zerstört und nach dem Krieg in das Monument am Eingang des Friedhofs verbaut. Dank früherer Aufzeichnungen aus Pfersee ist jedoch der Begräbnisplatz bekannt.


Jewish Kriegshaber revisited

February 17, 2012

ביי זיין לעצט ביקור אין אַוגסבורג ד”ר ארתור אָבערמייר מבוסטון, ארצות הבריתר

האט באזוכט מיט אונדז די אַלט ייִדיש בית העלמין פון פּפערשע און קריגשהאַבער

און די הויז פון די אַלט קריגשהאַבער שול, וואָס איז איצט זייַענדיק יומרו למוזיאון

מיר האָבן געקענט צו רעדן מיט די אַרקאַטעקץ פון די בנין פראיעקטן

 


Ferdinand Wertheimer (1817-1883)

January 6, 2012

Ferdinand Wertheimer was a member of the Upper Austrian Landtag in Linz, he also was landlord in Ranshofen and honorary citizen of three places Ried, Ranshofen and Braunau in the Inn-Viertel (famous region south-east of the Inn river in Austria), since he connected the small towns as railroad pioneer to the modern world. The later mentioned place Braunau / Inn at the Austrian-German border actually was the birth place of Adolf Hitler, who in 1889 also was baptized in a church which then was in possession of the Jewish Wertheimer family. Ferdinand Wertheimer also initiated the railroad connection between Braunau and Munich, obviously used by the young Hitler.

Ferdinand (Joshua) Wertheimer was the grandson of Bernhard  Ulmann (Ber Ulmo) of Pfersee and an offspring of famous rabbi and court agent Samson Wertheimer and his son Wolf Shimon Wertheimer who as Ferdinand is buried at the Jewish cemetery of Pfersee/Kriegshaber. However he was raised by his stepmom Babette, the sister of Isidor Obermayer. Fedinand studied chemistry and was influenced by famous Prof. Liebig, he also was a succesful cattle breeder, beneficient to parentless children as well as a patron of arts, fire fighter, as town councilman and member of the local parliament he was a liberal politician as well as a traditional (Greeks put it “orthodox”) Jew … and many more. His grandson Egon Ranshofen-Wertheimer (a Roman Catholic) was part of the short-lived Bavarian Soviet Republic, but also worked for the Geneva based League of Nations and after the war for the United Nations in New York. As columnist he was a fierce opponent of the Nazi Regime in Germany, led by Hitler who has stolen his birth house in Ranshofen Braunau.

His memory however is almost entirely faded, so we put him as first part of a new series of articles on portraits of Augsburg Jews.

Der Pionier Ferdinand Wertheimer  (11 pages short biography in German)

Ferdinand Wertheimer ist am jüdischen Friedhof von Pfersee/Kriegshaber bestattet. Sein Grabmal, wie das seiner, oft fälschlich für seine leibliche Mutter gehaltenen Stiefmutter, wurde von den Nationalsozialisten gründlich zerstört, möglicherweise auf “höheren Befehl”. Ferdinand Joschua Wertheimer war nämlich nicht nur Gutsbesitzer in Ranshofen (seit dem “Anschluss” 1938 ein Teil von Braunau), sondern hatte als Eisenbahn-Pionier auch die Orte Ried und Braunau an die Moderne angeschlossen, wofür er nicht nur in Ried und Ranshofen, sondern auch in Braunau mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde.  Er besorgte auch die womöglich verhängnisvolle Bahnlinie Braunau-München, die der spätere Diktator bekanntlich benutzte.  Adolf Hitler wurde zusätzlich zu all diesem in der Kapelle katholisch getauft, die von Ferdinand Wertheimer mit dem ehemaligen, 1811 aufgehobenen Chorherrenstift erworben wurde. Es ist kaum vorstellbar, dass Hitler nichts über den Ehrenbürger seiner Geburtsstadt und Eigentümer seiner Taufkappelle gewusst haben sollte.

Ferdinand Wertheimer ist anders als sein katholischer Enkel Egon, nach dem in Braunau 2007 ein Preis benannt wurde, weitgehend vergessen, ganz zu Unrecht, weshalb wir ihn, der liberaler Politiker, Feuerwehrmann, orthodoxer Jude, Chemiker, Rinderzüchter, Journalist, Mäzen, Theaterintendant und manches andere war, zum ersten Teil einer neuen, in loser Folge erscheinenden Folge von Portraits  Augsburger, österreichisch- oder bayerisch-schwäbischer Juden der letzten tausend Jahre nehmen wollen.


Enthüllung einer Informationstafel am Jüdischen Friedhof Kriegshaber

September 22, 2011

 

מידע הפאנל חדש קריגסהאבר בית העלמין היהודי

 

Am gestrigen Mittwoch nach 17 Uhr wurde am alten jüdischen Friedhof an der Hooverstr. 15 im Beisein zahlreicher Gäste, am Eingang eine Informationstafel enthüllt die das Jüdische „Museum gemeinsam mit dem Netzwerk Historische Synagogen-Orte in Schwaben erarbeitet hat“. Dazu sprachen Dr. Benigna Schönhagen vom Jüdischen Kultusmuseum Augsburg, Bürgermeister Peter Grab, Dr. Henry Brand von der IKG Schwaben-Augsburg und Prof. Rolf Kießling.

In vier kurzen Einzelportraits wurden sodann in zeitlicher Abfolge Personen vorgestellt, die mit dem Friedhof in Verbindung stehen und einen kurzen Überblick über die lange Geschichte seiner Belegung Aufschluss geben sollten: Schimon Wolf Wertheimer (Yehuda Shenef, JHVA), Carl von Obermayer (Franz Josef Merkl), Ludwig Einstein (Referentin des Jüdischen Museum Augsburg) und die frühere Wärter Familie Felber (Gernot Römer) die von 1927 bis 2005 den Friedhof betreut hatte. Im Anschluss konnten die etwa 50 Anwesenden den Friedhof besichtigen und sich eigene Eindrücke über den aktuellen Zustand verschaffen.

(c) pictures by jhva: Elena Asnis (people) and Yehuda Shenef (others)

Right in front of the old Jewish cemetery of Kriegshaber / Pfersee yestaerday afternoon was the unveiling of an information panel, elaborated and organized by the Jewish Cultural Museum of Augsburg and the “Netzwerk”. After several introductional speeches by head of the musem Dr. Benigna Schönhagen, mayor Peter Grab, Dr. Henry Brandt from the Jewish community in Augsburg and Prof. Kießling three short biographies on people buried at the cemetery and another one on the Felber family who was keeping the cemetery almost 80 years alowed some 50 visitors a brief glimpse into the history of the place, which however many attended personally after the speeches.


Not dark yet

September 22, 2011

Not dark yet by Bob Dylan, performed by Eric Clapton


Der alte jüdische Friedhof von Fürth

May 30, 2011

Neben der Beschreibung der Infrastruktur der jüdischen Gemeinde in Fürth gibt der Nürnberger Pfarrer und Geschichtsschreiber Andreas Würfel in seiner „Historische(n) Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“  auch Beschreibungen zum jüdischen Friedhof in der Stadt – und für das Jahr 1754 noch eher ungewöhnlich, die Abschrift von immerhin 21 exemplarischen Grabsteininschriften. Der dritte Teil seines vierten Kapitels lautet sodann auch

Von dem Leich-Hof der Juden in Fürth und dem darauf befindlichen Spital

Der Ort wo die Fürther Juden ihr bes chajim haben, war anfänglich sehr klein, drum hat die gesamte Judenschaft bei ihrem merklichen Anwachs noch mehr Land dazu gekauft und das war der Schind-Anger. Solchen kaufte die Judenschaft Anno 1617, den 27. Juli von Elisabeth weiland Hans Lohemanns, gewesenen Waffenmeister in Fürth nachgelassenen Wittib (= Witwe) samt seiner Behausung aller Zugehung um 305 Gulden und 5 Taler Leykauf.“

Durch den Platz des Schind-Angers ist das bes hakkebboros (בית קברות) um ein gutes Teil erweitert worden. Doch weil sie den Platz nicht wie an andern Ort aufschütten, so ist er wieder zu eng geworden. Sie erkauften darum vor drei Jahren, dasjenige Stück Land welches an den Leichhof, gegen das Wasser, anstieß, von dem Singer, einem Bierbrauer in Fürth, um ein beträchtliches Stück Geld, und haben solches auch mit der Mauer eingefasst. In der Zeit da man an dieser Mauer noch baute hat eine verwegene Hand im Monat Oktober, boshaftiger Weise, Grabsteine zerschlagen und in das Wasser geworfen.“ Letzteres war sicher keine leichte Übung.

Darstellung eines Teils des alten jüdischen Friedhofs von Fürth aus dem Jahre 1705 durch den Nürnberger Kupferstecher und Kunsthändler Johann Alexander Boener (1647 – 1720), der vor allem für seine eindrucksvollen Nürnberger Stadtansichten zu Ruhm gelangte.

Source: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:J%C3%BCdischer_Friedhof_F%C3%BCrth_1705.jpg&filetimestamp=20090308082519

Über dem Eingangstor des „Leich-Hofs“ so berichtet Würfel weiter, standen die Worte בית היים, was er wieder in der taitschen Aussprache als „bes chaim“ transkribiert und mit „Haus der Lebendigen“ übersetzt. Neben dem Eingang stand ein Stein mit einem Zitat aus dem Buch Hiob 3.22: sie freuen sich und jubeln, weil sie Gräber finden – „השמחים אלי־גיל ישישו כי ימצאו־קבר“ – datiert war die Inschrift auf das Jahr (5)413, entspricht 1653. Würfel vermutet, dass in diesem Jahr vielleicht auch die Mauer erweitert wurde, was in den Zeiten des vorherigen 30jährigen Krieges wohl nicht geleistet werden konnte. Jedoch wurden (nun) auch Juden aus Zirndorf und Unterfarrenbach in Fürth bestattet.

Die Steine welche die Juden auf diesem Bes Chaim zu Häuptern der Verstorbenen, perpendiculair (senkrecht) aufrichten, geben dem weiten Platz ein prächtiges Aussehen. Manche Aufschriften sind nach jüdischer Art zu denken sinnreich, in den meisten aber ist eine Sammlung großer Prahlerei und unglaublichen Hochmuts enthalten.“

Nichts im Vergleich zu dem, was christliche Würdenträger zu Ehren an Prunkmalen und Kirchen gewidmet wurde, wollte man dem Pfarrer entgegenhalten.

Die Toten-Gesellschaft, der anzugehören eine Ehre sei, die man sich erkauft, so berichtet er weiter, führt auch ein „Memor“, ein Leichenbuch, „in welches sie alle Personen, sie seyen groß oder klein, die sie begraben, einschreiben lassen“.

Eine Besonderheit des Friedhofs (die freilich auch von Kriegshaber/Pfersee berichtet wurde) war das auf seinem Gelände befindliche Hospital. Den Kranken sei damit verdeutlicht worden, dass zwischen ihnen und dem Grab nur ein kleiner Schritt war. Im Spital wurden die Kranken und Kindbetterinnen von sog. „Hekdisch-Leuten“ gepflegt, die ihren Unterhalt von der Kahls-Stube erhielten. Das bedeutet nicht, dass diese „Leute“ besonders „hektisch“ waren. „Hekdesch“ (wörtlich etwa „geheiligt“) war der gebräuchliche Name für Armen- und Krankenhäuser. In Fürth waren die unteren Zimmer des (freilich nicht mehr existierenden) Hauses für Frauen, die oberen für männliche Kranke vorgesehen.

Dieser Beschreibung lässt Würfel nun die Wiedergabe von immerhin 21 „Grab-Schriften mit ihren Übersetzungen“  nebst einer deutschen Übersetzung folgen, eine für die damalige Zeit doch beachtliche Tat, zumal heute in der Gallut allenthalben Grabsteinabschriften von hebräischen Friedhöfen als eine Art heiliger Ware gehandelt werden.

 Nach der Inschrift des Aluf Mosche Sohn ben Rabbi David Schmuel findet sich als zweite Inschrift die des Grabmals des Kazin parnas und manhig Isserl bar Mosche s’l Ulmo der 80 Jahre alt wurde und am 19. Kislev 457 (= 3. Dezember 1696) verstarb und demnach 1616 geboren wurde, der enge verwandtschaftliche Beziehungen zu den Ulmo in Pfersee hatte. Ob sich der Grabstein noch unter den erhaltenen des Friedhofs befindet ließ sich in einer nur eineinhalb stündigen Begehung des gesamten Geländes nicht ermitteln. Nur etwa ein Drittel der Grabsteine gelten als erhalten und viele der Denkmäler, insbesondere die älteren hebräischen sind offensichtlich jahrzehntelang der Verwilderung ausgesetzt worden, nachdem sie zuvor von den Nazis umgestoßen oder zerschlagen wurden.

Eine weitere Inschrift ist dem Kazin Rabbi Schlomo Schneor bar Jehoschua Abrawam gewidmet, worin sich die allgemeingültige Formel für jüdische Grabsteine זכרון לדורות מכתב האבן  befindet: zum Gedenken der Generationen ist der Stein geschrieben. Rabbi Schlomo Schneor starb am 11. Tamus 5452 (= 15. Juni 1692).

In der Inschriften-Sammlung von Andreas Würfel aus dem Jahre 1754 finden sich u.a. noch R. Menachem Man ben Mosche (gest. 5415 / 1655), verehrt als „Ner Jisroel“, „Licht Israels“ der Vorsitzender des Bet Din und der Gemeinde in Fürth war. R. Schmuel Behrman Levi ben David Isaak (gest. 5469 / 1709). Auch er war Vorsitzender der Gemeinde, der Wert darauf legte, dass man kein großes Aufsehen um ihn machte und vielleicht gerade deshalb seiner Gemeinde als vorzüglicher Gelehrter galt. No. 12 in der Aufstellung ist der Aluf R. Jakow Meir bar Jehuda Mosche Ulmo, der am 14. Ijar des Jahres 5470 verstarb, was im christlichen Kalender dem 3. Mai 1710 entspricht. Zum Abschluss ein Beispiel aus der Sammlung, das Aufschluss darüber gibt, dass sich Würfel nicht nur auf prominente Gelehrte beschränkt, sondern offenbar eine Art Überblick über die Vielfalt der Inschriften geben möchte. Die Moledet Bela Tochter des Jakob starb am 22. Tischri 5455 (nach Suckot 1695) offenbar bei der Geburt ihres Kindes.

Die 21. Grabinschriften von Andreas Würfel sind wie sein gesamtes Werk online und gratis zugänglich:

http://www.judaica-frankfurt.de/content/titleinfo/603169

bzw. alternativ dazu über Google-Books.

Weit mehr, nämlich 240 Grabsteine dokumentiert das Buch mit zahlreichen, wohl auch älteren Fotos aus der Zeit der Vorkriegsgemeinde, von der früheren Gemeindevorsitzenden von Fürth, Frau Gisela Naomi Blume, die uns freundlicherweise nicht nur eine Reihe von Plätzen des ehemaligen jüdischen Fürth, sondern auch den alten und neuen jüdischen Friedhof vorstellte.

Gisela Naomi Blume: Der alte jüdische Friedhof in Fürth: 1607 − 2007 ; Geschichte – Riten – Dokumentation. Verlag Meyer, Scheinfeld 2007, ISBN 978-3-89014-280-7 (bei Amazon.de derzeit leider vergriffen, jedoch durften wir mal kurz in das Exemplar der Autorin reinschauen)

Frau Blume ist auch seit Jahren damit befasst eine Datenbank mit allen ermittelbaren Begräbnissen, die sich aus Archivmaterial (CAHJP, etc.) ergeben, zusammenzustellen. Ob die ominöse Zahl der 20.000 die oft genannt wird dabei zustande kommt, ist nach unserem Befinden fraglich, jedoch wird es absehbar keine umfangreichere Arbeit zur Dokumentation des jüdischen Friedhofs von Fürth geben. Unser Dank an Frau Blume mischt sich deshalb in die Hoffnung, dass Ihre weitere Arbeit den Erfolg haben wird, die gesammelten Daten bald der interessierten “Forschung” und insbesondere den zahlreichen Nachkommen in aller Welt frei zugänglich zu machen.

Für weiteres Interesse aber auch genealogische Rückfragen zum jüdischen Friedhof oder zur Geschichte der Juden in Fürth verweisen wir sehr gerne auf Frau Blume und ihre neu eingerichtete Webseite mit entsprechenden Kontaktdaten:

http://www.juedische-fuerther.de/

Already in 1754 Christian pastor and historian Andreas Wuerfel from Nuremberg gave a depiction of the old Jewish cemetery of Fuerth along with some 21 detailed transcripts of Hebrew grave markers and – regarding times and circumstances - quite good German translations. At least a number of those depicted stones probably are no longer in existence, so his account – by what motivation ever – is important for the history and documentation. Regarding our own Swabian research it is a quite happy coincidence, that among Andreas Wuefrfels 1754 collection od old Hebrew grave marker inscriptions there also are two relevant Ulmo family connections.

Auch in die umgekehrte Richtung gibt es freilich Bezüge, insofern Grabsteine auf dem Friedhof von Pfersee / Kriegshaber eine Herkunft aus Fürth anzeigen.

Im ältesten bekannten Beispiel betrifft dies :

קלמן בן חנוך מפירדא נפטר ט ניסן ת”צ

Kalman ben Henoch aus Fürth, gestorben am 9. Nissan 5470 (= 29. März 1710)

Desweiteren:

טרנלה בת פרנס הירש נייבורגר מקק פיורדא אשת ליפמן מאיר חזו ומורה מקק גריסהבר יג בטבת שנת תקי”ד

Trenle Tochter des Parnas Hirsch Neuburger aus Fürth Frau des Lipmann Meir Vorsänger und Lehrer der heiligen Gemeinde Kriegshaber, (gest.)  13. Tewet 5514 (= 7. Januar 1754)

Sodann:

ר משה בר יוסף מקק פיורדא נפטר רח ניסן תק”ט

R. Mosche bar Josef aus der heiligen Gemeinde Fürth, gestorben Neumond Nissan 5509 (= 9. März 1749)

Und …:

קעלא אשת משה כהן קאמפע מפיורדא נפ כג סיון תקפ”ה

Kela, Frau des Mosche Kohen Kampe, gest. 23. Sivan 5585 (= 9. Juni 1825)

Finally (vorerst):

יוטא בת בער יאפע מקק פיורדא אשת זיסקינד אפנהיימר מקק פפרשא נפטר ט תמוז תקצ”ו

Juta Tochter von Ber Jafe aus der heiligen Gemeinde Fürth Frau des Siskind Oppenheimer aus der heiligen Gemeinde Pfersee, gestorben 9. Tamus 5596 (= 24. Juni 1836).

Es wäre sicher interessant entsprechende und weitere Verwandtschaftsbeziehungen die es auch logischerweise zwischen den beiden Zentren in Fürth und Pfersee/Kriegshaber/Steppach gab, näher zu beleuchten.

 

A number of other photographs of the old Jewish cemetery you may find at wikipedia, the pages from several municipal services in Fuert, the Jewish Community of Fuerth, as well as flickr, etc.

Nicht hart genug. Ein Fan-T-Shirt der Spielvereinigung Greuther Fürth (Platz 4 in der abgelaufenen Saison), letztens zu sehen am Bauch eines Biertrinkers in der Fürther Fußgänger-Zone, nimmt Bezug auf das dreiblättrige Kleeblatt (was ornamental wiederum auf den Dreipass – nicht Bypass -  in der Heraldik und im christlichen Kontext die “Trinität” symbolisiert). Als Glückssymbol gilt jedoch das vierblättrige Kleebatt und so bleibt Fürth anders als der in die erste Bundesliga aufgestiegene FC Augsburg  auch künftig Zweitligist. Der Spruch auf dem Shirt jedenfalls lautet: “Und der Herr sprach zu den Steinen: Wollt Ihr Kleeblatt-Fans werden?“ Da antworteten die Steine: „Nein, Herr, dafür wir sind nicht hart genug. „

Was die Fürther Fußball-Fans sagen wollen, ist das sie als “Kleeblätter” härter wären als Stein. Ob das stimmt, lassen wir dahingestellt. Fest steht freilich, dass am alten jüdischen Friedhof in Fürth vielleicht mehr als anderswo in Süddeutschland zwar nicht unbedingt Kleeblätter, so aber doch völlig ausufernder Wildwuchs und kranke umstürzende Bäume den Bestand zahlreicher Grabsteine des Friedhofs akut gefährden, wie eine Reihe umgestützter wuchtiger Bäume belegen, die irgendwo im Dschungel herumpurzeln.


Die “Weisen von Pfersee”: Isaak Seckel Etthausen und Simon Wolf Wertheimer

May 24, 2011

In der “Jewish Encyclopedia” heißt es 1905: “The Scholars of Pfersee חכמי פערשא are well known”.

Diese Aussage hat heute gewiss längst keinerlei Gültigkeit mehr. Ganz zu Unrecht, da hier vor Ort einige sehr bedeutende und weit über die Grenzen des österreichischen, später bayerischen Schwaben hinaus bekannte Gelehrte lebten und wirkten, die wesentlich zur Entwicklung des Judentums und der Kultur in Europa beitrugen und als frühere Förderer des Zionismus die Geschichte beeinflussten.

R. Isaak „Seckel“ b Menachem Etthausen (1685-1763) bewegte sich in den bedeutendsten Kreisen des damaligen europäischen Judentums. Er war der Schwiegersohn des Mainzer Rabbiners Issachar Eskeles, auch bekannt als Berusch (=Baruch) Ischschachar ben Gabriel (1692-1753) und Chawa Rivka (1691-1755), der Tochter des berühmten aus Worms stammenden Wiener Rabbiner und kaiserlichen Hoffaktoren Schimschon (Samson) Wertheimer (1658-1724). Deren Sohn und Etthausens Schwager war Bernhard Eskeles (1753-1839), der als Waise aufwuchs. Sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter noch bevor er zwei Jahre alt wurde. Bernhard Eskeles wurde gleichfalls als Bankier berühmt und erwarb mehrere Adelstitel wie Edler, Ritter und schließlich Freiherr. Anders als eine Vielzahl seiner Verwandten hatte er jedoch wenig Interesse am Judentum und so verwundert es nicht, dass seine Kinder zum Christentum konvertierten.  In den Jahren 1709-10 finden wir Isaak Etthausen als Rabbiner in Schnaittach bei Nürnberg, dann in Aschaffenburg und im unterfränkischen Marktbreit (Geburtsstadt des Entdeckers der Alzheimer Krankheit), rund 25 km südöstlich von Würzburg, wo ihm 1722 Pinchas Katzenellenbogen ins Amt des Rabbiners nachfolgt. Etthausen hingegen geht nach Mainz und wird nun als Schwiegersohn auch Assistent des Rabbiners Eskeles. Von 1723 bis 1729 übernimmt er dessen Position als Oberrabbiner von Mainz. Im Jahr darauf übersiedelt Etthausen mit seiner Familie ist österreichisch-schwäbische Pfersee, wo er die Nachfolge von Jehuda Löb ben Issachar Oppenheim, dem in Worms geborenen Neffen des Prager Oberrabbiners David Oppenheim antritt. Isaak Etthausen blieb 33 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahre 1763 Rabbiner vor Ort und wurde am Friedhof von Pfersee und Kriegshaber begraben.

Die Inschrift seines Grabsteins würdigt ihn als hochverehrten Raw Gaon Jitzchak bekannt als Sekel Ethausen, Vorsitzender des Gerichts der heiligen Gemeinde Pfersee und von ganz Medinat Schwaben der wahrhaftig auf die Wunder Gottes vertraute. Der Ruf seines guten Namens eilte ihm in allen Toren voraus wie gutes Öl und als Richter war er in seiner Weisheit mutig, um verbindlich Recht zu sprechen. Als Autor veröffentlichte er Fragen-und-Antworten „Verborgenes Licht“ (or ne’elam) und „Licht in Zion“ (or lo bezion). Gestorben und begraben wurde er in gutem Namen am 7. Elul des Jahres 5523, was Dienstag dem 16. August 1763 entspricht.

Die erwähnten Schriften wurden 1762 und 1765 von seinem Sohn Jehuda Loeb Etthausen in Karlsruhe gedruckt. „Or Neelam“ ist eine Sammlung von 58 Antworten („Responsen“) im Stile der klassischen „Frage und Antwort“ – Literatur (schu‘t: sche‘elot u tschewot) und „Or LeZion“ ein gewandter Beitrag zum Talmud Abschnitt Brachot. Beide Werke sind zum Glück erhalten geblieben und rechtfertigen das hohe Ansehen Sekel Etthausens.

Sein Grabstein jedoch wurde in der Nazi-Zeit weitgehend zerstört. Nur der Sockel ist noch vorhanden. Zum Ausgleich (?) wurde das Photo von Theo Harburger aus dem Jahr 1927 in verschiedenen Fachpublikationen ein zweites Mal für den jüdischen Friedhof von Binswangen wiedergegeben. Dort freilich befand sich der Stein natürlich nie.

Der Bruder von Etthausens Schwiegermutter war Simon Wolf Wertheimer (1681-1763), ältester Sohn des Wiener Hoffaktoren Samson und selbst kaiserlicher Oberhoffaktor, der zumindest in den Jahren 1744 bis 1748, worüber über 90 erhaltene Originalbriefe und Abschriften berichten in Augsburg lebte und von dort eine ausführliche Korrespondenz nach Hamburg, Wien, Fürth, Prag, etc. unterhielt. Manchmal lautet seine Anrede Monsieur Wolff Wertheimer Agent de Chambre de la Majesté Impériale et Grand Facteur de la Majesté le Roy de Pologne Augsburg, also kaiserlicher Kammeragent Großfaktor des Königs von Polen. Letzteres war in jener Zeit August III, der sich weit mehr für Opernbesuche und Kunstsammlungen als für Politik interessierte. Wolf Wertheimer übersiedelte um 1750 nach München, wo er sich zuvor auch immer wieder am Hof der bayerischen Herzöge aufhielt und starb dort. Für einiges Aufsehen sorgte der aufwendige Leichenzug von München zum jüdischen Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber, dem sich zahlreiche Vertreter anderer Gemeinden anschlossen. Wie bereits sein Vater Schimschon (Samson) unterstützte auch Schimon (Simon) Wolf den Unterhalt und Aufbau jüdischer Gemeinden im Lande Israel (Safed, Jerusalem, Hebron). Einem Brief aus dem Jahre 1729 an einen seiner  Schwiegersöhne lässt sich etwa entnehmen, dass er etwa auch Beziehungen zum österreichischen Gesandten in Istanbul nutzte, um sich für die Juden in der damals osmanischen Provinz einzusetzen. So verwundert es auch nicht, dass sein Grabstein am Friedhof Pfersee/Kriegshaber  einen fast messianischen Ehrentitel „Nasi Jisrael“  trägt, was je nach Lesart als Prinz, Fürst oder König Israels umschrieben werden kann. Die Grabrede hielt Isaak Etthausens Nachfolger Benjamin Wolf Spiro Segal der einer prominenten böhmischen Rabbinerfamilie entstammte und selbst Richter in Prag war, ehe er Rabbiner in Oettingen und 1764 Rabbiner in Pfersee wurde und 1792 verstarb.

Wertheimers Grabmal aus rotem Kalkstein ist trotz der Zerstörung zahlreicher benachbarter Gedenksteine glücklicher Weise fast vollständig erhalten geblieben. Die Inschrift lautet:

פה נטמן הרר שמעון וואלף בן גאון נשיא ארץ ישראל מרהרר שמשון וערטהיים זצל מווינא נפטר במינכין מוצאו שק ונקבר ביום א כ טבת שנת ת”ו קוף כף היא לפק תהא נשמתו בצרורה בצרור החיים

 

Hier ist begraben der verehrte R. Schimon Wolf Sohn des Gaon und Fürsten des Landes Israel der hochverehrte R. Schimschon Wertheim aus Wien, gestorben in München am Ausgang des heiligen Schabbat und begraben am ersten Tag der Woche, am 20 Tewet des Jahres 5526. Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens.“

Das Datum ist etwas sonderbar notiert als שנת ת”ו also Jahr 406 (das wäre freilich 1645) gefolgt von den ausgeschrieben Buchstabennamen קוף כף für den Zahlenwert 120, was zusammen addiert also 526, bzw. 5526 ergibt. Das Datum der Beisetzung in Pfersee/Kriegshaber entspricht demnach dem Sonntag 13. Januar 1765, in München gestorben ist Schimon Wertheimer am Vorabend.  Der gewiss recht mühsame Transport des Leichnams von München wie auch die Beisetzung mussten also vor Anbruch der winterlichen Abenddämmerung abgeschlossen sein, die Mitte Januar bereits um etwa 17 Uhr beginnt.  

Einen eigenen jüdischen Friedhof hatte München in dieser Zeit noch nicht. Genau genommen noch nicht mal eine „richtige“ Gemeinde. Diese konstituierte sich dem Vernehmen nach erst im Januar 1815 in der Wohnung von Judit Wertheimer, der Witwe von Wolfs Sohn Abraham. Im Jahr darauf bekam die neue Gemeinde auch in München auch einen eigenen Friedhof, weshalb aufwendige Überführungen ins fast 70 km entfernte Kriegshaber nun nicht mehr erforderlich waren.

see: http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=247&letter=P&search=Pfersee

The Jewish cemetery of Pfersee and Kriegshaber is the burial place of numerous scholars and rabbis. Among them are prominent personalities like Isaac Sekel ben Menachem Etthausen (1685-1763), author of “Or Neelam” and “Or lo betzion” who had been Rabbi of Pfersee and Medinat Schwaben for 33 years and his ramified relative Shimon Wolf Wertheimer, court Jew of the emperor, the Bavarian dukes as well as of the King of Poland. Shimon or Simon Wolf Wertheimer who spent at least some years in Augsburg as we know from a number of 90 letters, is the son of the universally known Shimshon Wertheim better known as Samson Wertheimer who was a famous and pious scholar , Rabbi of Hungary and a very prominent imperial court Jew in Vienna himself. The fact that his firstborn and most influential son Simon spent a lot of time in Augsburg as well as in Pfersee and finally had been buried here however is hardly known.


Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – die mittelalterliche Ausweisung der Juden aus Augsburg

May 2, 2011

Eine der interessanten, eigenartigen, aber auch weitgehend unbeantworteten Fragen der jüdischen Geschichte Augsburgs ist die wohin die Juden der Reichstadt nach der Ausweisung im Jahre 1440 gezogen waren.

 Der frühere Rabbiner der neuzeitlichen Augsburger Gemeinde Richard Grünfeld schreibt in seinem oft zitierten „Gang durch die Geschichte der Juden in Augsburg“: „Die meisten der im Jahre 1438 aus ihrer Heimat vertriebenen Juden siedelten sich in der Umgebung Augsburgs an und bildeten in Steppach, Kriegshaber, Pfersee (seit 1569), Oberhausen (seit 1555), später auch in Göggingen und Lechhausen, selbständige Gemeinden.“

Hans K. Hirsch hingegen schreibt in seinem Artikel „Juden in Augsburg“ im Augsburger Stadtlexikon http://www.stadtlexikon-augsburg.de/index.php?id=154 : „Die Ausgewiesenen wanderten in andere Städte in Schwaben, Franken und am Mittelrhein ab und zogen nach Polen und Oberitalien, den Zielgebieten jüdischer Emigration im Laufe des späten 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts. Gegen eine Niederlassung in den nahe Augsburg gelegenen Orten Pfersee, Kriegshaber, Steppach und Fischach sprechen die eindeutigen Formulierungen des Vertreibungsbeschlusses.“Etwas später räumt er jedoch ein: „Zu dem vor allem vom Klerus geforderten vollkommenen Ausschluß kam es in der Folgezeit allerdings nicht. Vereinzelt hielten sich Händler und Hausierer in der Stadt auf, doch eine jüdische Gemeinde durfte und konnte sich bis zum 19. Jahrhundert nicht entwickeln.“

Dem Vernehmen nach scheint es klar, dass es in der Zeit zwischen 1440 und 1800 durchaus Juden in Augsburg gab. Dabei handelte es sich aber her um „zufällig“ oder zumindest kurzfristige Aufenthalte. Beispiele dafür sind etwa der jüdische Drucker Chaim Schwarz, der über Jahre hinweg hebräische Bücher in Augsburg druckte oder aber Händler, die nur tagsüber in die Stadt durften und einen städtischen Begleiter haben mussten. Ausnahmen davon bedurften dann schon eines Krieges in welchem Juden in Augsburg geduldet wurden. Das klingt alles in allem vernachlässigbar, weil nur unzusammenhängend und zu kurzfristig, um eine zumindest ansonsten durchgängige Abstinenz von Juden in Augsburg zu bestreiten.

Ganz so sporadisch waren die Aufenthalte von Juden in Augsburg freilich nicht, wie sich aus den Schilderungen des Paul von Stetten (1731 – 1808) ergibt. Stetten war von 1792 bis 1806, als die Reichstadt dem neuen Königreich Bayern einverleibt wurde, der letzte Stadtpfleger Augsburgs und angesehener Verfasser zahlreicher Werke zur Augsburger Familien- und Stadtgeschichte. Im Jahre 1803 nahm er mit seiner eigens zu diesem Zweck verfassten Schrift „Geschichte der Juden in der Reichstadt Augsburg“ zur damaligen Streitfrage Stellung, ob Juden in der Stadt ein festen Wohnsitz einnehmen durften.

Stetten befürwortet die (erneute) Aufnahme und führt seine Leser, deren „Vorurteile“ er aufheben will, zunächst die lange jüdische Geschichte in der Stadt vor Augen, ehe er im zweiten und dritten Teil seiner 77 Seiten umfassenden Abhandlung den eigentlichen Streitgegenstand und das Für und Wider behandelt. Seine „Vorrede“ schließt er französisch:

 « Les vérités se propagent lentement, mais il vient un tems, ou les préjugés sont forces de céder. «  (Wahrheiten verbreiten sich langsam, aber es kommt eine Zeit, in welcher Vorurteile gezwungen sind, zu kapitulieren)

Im Jahre 1438 erfolgte nach langen mühevollen Bestrebungen christlicher Prediger der Beschluss des Rates der Reichstadt Augsburg, die seit Jahrhunderten ansässigen Juden der Stadt zu verweisen. Verhältnismäßig gesittet wurden ihnen eine Frist von zwei Jahren eingeräumt, ihren Hausbesitz zu veräußern und sich nach neuen Wohnorten umzusehen. Da es wohl nicht möglich war, einen Ort zu finden, der die zuletzt etwa 250 Personen umfassende jüdische Gemeinde insgesamt aufzunehmen, wurden gewiss Familien und Freunde auseinandergerissen. Wer entsprechende verwandtschaftliche Beziehungen besaß siedelte in Ulm, Lauingen, Nördlingen, Donauwörth, während andere versuchten in benachbarten Orten unterzukommen. Viele Spuren verlieren sich, da eine Reihe von Dörfern nur einzelne Familien aufnahmen und darüber offenbar keine Urkunden angelegt wurden oder solche nicht erhalten blieben. Andererseits lassen etwa Überführungen von jüdischen Leichnamen aus einer Reihe von Orten aus dem Umkreis erkennen, dass zumindest sie und ihre Angehörigen dort gelebt haben musste. In den meisten Orten sind Juden erst dann „nachweisbar“, wenn sie die Erlaubnis zum Neubau einer Synagoge erhielten, ohne zu berücksichtigen, dass dem in der Regel jedoch die Nutzung des einen oder anderen Gebetsraumes in privaten Häusern vorausging. So erklärt sich, dass zwischen dem Zeitpunkt der festgesetzten Ausweisung im Jahre 1440 bis zu den ersten nachweisbaren Synagogen in Pfersee oder Kriegshaber mehr als hundert Jahre vergingen.

Ob andererseits nun die Weisung zur Ausweisung so unbeirrt umgesetzt wurde, wie landläufig vorausgesetzt, ist durchaus zu bezweifeln. Als Beleg dafür reicht, dass 1438 Juden in den Steuerlisten verzeichnet waren und in den Folgejahren nicht mehr. Trotzdem sprechen dagegen aber bereits sehr früh zwei Kindergrabsteine die im Innenhof des Peutinger Hauses am Augsburger Dom eingemauert sind. Ihrer hebräischen Inschriften gemäß stammen sie aus den Jahren 1445 und 1446, als es schon keine Juden mehr in Augsburg gegeben haben soll. Wer nun aber sollte in einer Stadt, in der er sich nicht aufhalten durfte nun aber seine Angehörigen bestatten, obwohl er offenkundig damit rechnen musste, die Gräber möglicherweise nicht mehr sehen zu dürfen und ohne eine Garantie zu haben, ob sie Bestand haben mochten. Etwa zehn Jahre später, um 1455 wurden (weit) späteren Angaben gemäß die Grabsteine des Friedhofs jedoch entwendet und für bauliche Zwecke innerhalb der Stadt missbraucht. Dazu passen Berichte von etwaigen Funden bei Bauarbeiten in späteren Jahrhunderten, zuletzt im Jahre 2000 beim sog. „Heilig Geist Spital“ (seit 1948 Sitz der berühmten „Augsburger Puppenkiste“) . Andererseits wurden aber auch noch im 19. Jahrhundert Grabsteine auf dem offenbar doch nicht vollständig abgeräumten Gelände des ehemaligen Friedhofs gefunden, auf dem sich heute das Augsburger „Bürgerbüro“ befindet.

Paul von Stetten gemäß sahen die Augsburger Stadtherren schon recht bald nach 1438/40, dass sie die Juden nicht dauerhaft aus der Stadt halten konnten (oder aus finanziellen Gründen wollten) und fanden eine Regelung , auf die sie in der Folgezeit immer wieder zurückgriffen. Diese Regel sah vor, handelnde Juden tagsüber in Begleitung eines (gebührenpflichtigen) Stadtdieners den Zutritt zu gewähren. Bereits aus dem Jahr 1452 stammt eine Anweisung des Augsburger Bischofs (Peter von Schaumberg, im Amt von 1424 bis 1469), dass Juden „einen runden Lappen von gelben Tuch auf der Brust tragen“ sollten. Eine entsprechende Weisung hatte der Rat der Stadt jedoch bereits 1434 für die damals noch ortsansässigen Juden verfügt.  

Warum die folgende Notiz erst aus dem Jahre 1544 stammt ist unklar, freilich ist unstrittig, dass der jüdische Drucker Chaim Schwarz im Jahrzehnt zuvor mit seiner Familie und Schwiegersöhnen in der Stadt lebte und eine Reihe von Buchwerken druckte. Berichten nach wohnte er in einem Haus beim Gögginger Tor, beim heutigen Königsplatz. Das westliche Haupttor galt in der Folgezeit ohnehin als das einzige, durch welche Juden Eintritt in die Stadt gewehrt wurde. Ob dies, wie heute noch angenommen wirklich eine zusätzlich Schikane war, ist freilich zu bezweifeln, wenn man berücksichtigt, dass die heute vom Königsplatz nach Westen, Richtung Hauptbahnhof, führende Straße bis ins 19. Jahrhundert den Beinamen „Pferseer Weg“ hatte, aus dem Grund weil es der kürzeste Weg nach Pfersee war. Dort befand sich zumindest ab dem 17. Jahrhundert das Zentrum der jüdischen Ansiedlung im Westen der Reichstadt.

Am 14. Juni 1544, so berichtet Stetten, wurde Juden der Eingang in die Stadt verwehrt , außer wenn sie einen Gerichtstermin wahrnehmen mussten. Aus der selben Zeit wissen wir, dass Rabbi Josef von Rosheim, selbst Nachkomme Augsburger Juden, in der Stadt weilte. Im Jahr darauf soll auch der Drucker Chaim Schwarz die Stadt verlassen haben. Bereits im Folgejahr 1546 freilich wurde die vorherige Beschränkung wieder modifiziert und der Zutritt erlaubt, wenn die „Handlung“ des Juden „von Nutzen für die Stadt und die Bürgerschaft“ sein sollte. Für diese Vermutung müssen wohl Gründe vorgelegen haben, da andernfalls die Aufweichung des Verbots keine Sinn ergeben würde.

Stetten führt aus, welche Gründe für dieses Wechselspiel vorlagen. Die Juden nämlich waren in die „nächsten Dörfer“ gezogen und wurden dort von ihren neuen Herren unterstützt. Diese nächsten Dörfer waren österreichisch und gehörten zur Marktgrafschaft Burgau. 1574 wurden die in Oberhausen an der Wertach ansässigen Juden vom Augsburger Bischof Johann Eglof von Knörigen des Ortes verwiesen. Der Bischof, der in Ingolstadt studiert hatte und vor allem als Gegner der christlichen Reformation und wegen seiner zunächst milden Position im innerkirchlichen Zinsstreit aber auch wegen eines leiblichen Sohnes in Erinnerung blieb, verstarb jedoch bereits im Folgejahr im jungen Alter von 38 Jahren einer „schleichenden Krankheit“. Die Oberhausener Juden zogen offenbar weiter ins nur ein Kilometer benachbarte Kriegshaber, wo 1565 erstmals ein Haus in jüdischem Besitz nachgewiesen wird. Zumindest ab dem Jahr 1626 ist auf der „Unebene“, einem Gebiet zwischen Pfersee und Kriegshaber der heute noch bestehende jüdische Friedhof (sozusagen im doppelten Wortsinn) belegt.

In den Jahren des Dreißigjährigen Krieges durften Juden wieder in Augsburg leben, doch wurde dies nicht kritiklos hingenommen. Im März 1636 bereits wurde ein erneuter Ausweisungsbeschluss erlassen, offenbar aber nicht umgesetzt, denn im Dezember 1642 wurde der Aufenthalt bestätigt. Drei Jahre später wurden die Juden in Augsburg am 24. Oktober 1645 mit der erneuten Ausweisung bedroht, wenn sie sich nicht bereit erklären sollten, der Kriegskasse der Stadt 5000 Gulden einen zinsfreien Kredit zu gewähren. Der Bitte kamen sie offenbar nach und so wurden sie erst nach dem Westfälischen Frieden im Jahre 1649 erneut der Stadt verwiesen. Ob diese Ausweisung tatsächlich stattfand ist unklar, im Jahre 1680 jedenfalls steht erneut die Ausweisung der Juden aus ihren „Gewölben“ (womit zumindest Ladengeschäfte gemeint sind) zur Debatte mit der Auflage, ihnen wie in früheren Zeiten den Zutritt zur Stadt wieder tagsüber nur gegen Gebühren und in Begleitung eines Stadtdieners zu gewähren.

Zwanzig Jahre später, im Jahr 1700 ging man jedoch wieder zu einem rigorosen Verbot über  und verwehrte den Juden jeglichen Aufenthalt in der Stadt. Genauer gesagt fasten die Augsburger Räte einen entsprechenden Beschluss. Dieser wurde freilich ebenfalls nicht umgesetzt, da die Augsburger Juden sich erfolgreich beim österreichischen Marktgrafen in Burgau beschwerten und dieser zu ihren Gunsten intervenierte. Als es 1704 nun tatsächlich zur erneuten Ausweisung der Juden aus Augsburg kam, „wohnten 62 Judenfamilien hier“, wie Stetten schreibt (S. 23). Bei einer vorsichtigen Schätzung von wenigstens sechs Personen pro Familie können wir davon ausgehen, dass in jener Zeit wohl etwa 300 bis 400 Juden in der Reichstadt lebten. Eine Anzahl die mit den mittelalterlichen Schätzungen der jüdischen Bevölkerung mithält. Bei einer Gesamtbevölkerung von rund 25.000 entsprach dies einem jüdischen Anteil von etwa 1.5 %. Bei einer über Jahre hinweg vorhandenen jüdischen Bevölkerung in dieser Größenordnung kann man sicher ausschließen, dass sie zufällig oder mal eben zustande kam. Denkbar wäre, dass eine früher bis ins 20. Jahrhundert bei St. Stephan verbürgte Straßenbezeichnung „Beim Judenbrunnen“  (siehe: http://www.kulturhauptstadt.augsburg.de/index.php?id=17259) damit in Beziehung stehen könnte.

Von 1704 bis 1718 galt sodann offenbar wieder die Regel, dass die Juden der schwäbisch-österreichischen Nachbarschaft nur tagsüber die Stadt betreten durften. Erneut sammelten sich christliche Prediger des Augsburger Doms und warfen den Juden vor  zu betrügen. Jesus zu lästern, Wucher zu treiben und Kinder zu verführen, während sich Schmiede beschwerten, jüdische Händler würden versuchen ihnen minderwertiges Silber zu verkaufen. Die Folge war am 22. November 1718 ein neuerliches Verbot die Stadt zu betreten. Doch aus dieses hatte keinen Bestand und wurde schon im Januar 1719 auf österreichischen Druck wieder aufgehoben.  Den nächsten Versuch den Juden den Zugang zur Stadt zu verbieten erfolgte im Jahr 1722 als Augsburger Stadtsoldaten auch versuchten den Bau eines Friedhofshauses am jüdischen Friedhof in der Unebene bei Pfersee / Kriegshaber zu verhindern. Zwar konnten sie den Rohbau und auch eine Reihe Grabsteine zerstören, doch rückte bald österreichisches  Militär aus Burgau an und drohte der Reichstadt mit militärischen Maßnahmen und empfindlichen Geldbußen. Die Augsburger zogen sich zurück und das heute noch bestehende Friedhofshaus wurde am Friedhof gebaut. Die Intention Juden den Aufenthalt in Augsburg zu verbieten wurde freilich erst 1732 wieder realisiert, jedoch abermals bald wieder rückgängig gemacht.

1738 fand sich sodann das Arrangement den ohnehin nicht verhinderbaren Zugang zur Stadt mittels Einlassgebühren, Zoll- und Brückengelder zu versilbern. In den Kriegsjahren von 1741 bis 1745 durften Juden freilich wieder fest in der Stadt wohnen, unter der Auflage, dass dies nicht in der Nachbarschaft von Kirchen wäre und die Augsburger Juden an Sonn- und christlichen Feiertagen die öffentliche Ordnung nicht störten. Stetten hält für das Jahr 1742 wieder die stattliche Anzahl von 36 jüdischen Familien fest. Dies entspricht wahrscheinlich einer Zahl von ungefähr 200 Menschen. Der Beschwerde der Priorin des christlichen Katharina-Klosters nach zu urteilen mieteten die jüdischen Familien offenbar Häuser in der Stadt. Die Kirchenfrau nämlich beschwerte sich darüber, dass der benachbarte jüdische Mieter in der Lage sei, von seinem Haus in die Kirche zu sehen, woraufhin der Mietvertrag annulliert wurde. Am 26. Oktober 1745 erfolgte ein neuerlicher Ausweisungsbeschluss, aber auch dieser scheint nicht oder nur unzureichend umgesetzt worden zu sein. Im Jahre 1751 verständigte sich der Rat der Stadt mit den Juden der schwäbischen Gemeinden Pfersee, Kriegshaber und Steppach zu einem „Accord“, der vorsah, dass die Juden dieser Orte gegen eine jährliche Pauschale von 1.100 Gulden freien Zutritt zur Stadt erhielten. Eine Übereinkunft von der Paul von Stetten im September 1803 sagt, dass es „bis heute“ gelte.

In den Jahren bis dahin folgt noch einiges weitere Hin-und-her, worüber Paul von Stetten sich dann auch bereits lustig macht. Im Oktober 1787 und im Juli 1791 erwirkten Augsburger Krämer weitere, freilich wieder nur kurzfristige Restriktionen gegen die Juden vor Ort, ehe in den Jahren der „französischen Kriege“ 1796 und 1800 Juden wieder in der Stadt wohnten. Zuletzt war der Streitgegenstand vor allem die Frage, ob die offenbar immer schon auch in den restriktiven Zeiten eingerichtete jüdische „Garküche“ zur dem religiösen Gesetz der Juden entsprechenden Verpflegung der tagsüber zugelassenen Juden bestehen bleiben dürfe. Für das Jahr 1657 beispielsweise ist in den Amtmannbüchern der Verstorbene Henle Ulman verzeichnet, für dessen Überführung zum Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber Wegegeld zu zahlen war. Henles Beiname lautete der bei Louis Lamm zitierten Liste gemäß „Khueherzen Sohn“. Der Begriff verweist freilich nicht auf das Herz einer Kuh, sondern meint einen Kücher oder Küchert, ein aus der Mode gekommenes Wort für Garkoch. Der status quo bei der Abfassung von Stetten‘s Schrift war, dass lediglich der Frau und der Magd des Garkochs zugestanden wurde über Nacht in der Stadt zu bleiben, er selbst jedoch abends in der Dunkelheit nach Hause gehen musste, anscheinend ins 3 Kilometer entfernte Kriegshaber. Stetten bemerkt dazu: „Da man den Juden den Aufenthalt während des Tags gestattet, oder gestatten muß, so ist gewiss Hauptsache mit Nebensache verwechselt, wenn man es von Bedeutung hält, daß sie des nachts nicht hier seyn dürfen.“ (S. 37)

Wie dem nun auch immer sei, ergibt es sich aus wechselvollen Abfolge von mal tolerierten, dann wieder beanstandeten, zeitweilig beschränkten, kurzfristig gänzlich untersagten, dann aber doch wieder zustande kommenden Aufenthalten von zeitweilig jahrelangen mitunter bis zu 30 oder gar über sechzig (und vielleicht ja auch mehr) jüdischen Familien in Augsburg eines ganz zweifelsfrei. Mit der Ausnahme weniger Jahre kann in der Zeit von 1440 bis 1800 von einem „judenfreien“ Augsburg keine Rede sein. Auch in dieser Zeit war die Anwesenheit von Juden in der Reichstadt keineswegs eine seltene Besonderheit, sondern der Regelfall am Rande der Alltäglichkeit. Das war es auch, was Paul von Stetten im September 1803 seinen Lesern mit seiner Schrift eindringlich verdeutlichen wollte, als es darum ging, das Ersuchen der Bankiers Westheimer, Ulman und Obermayer wie auch den entschiedenen Widerstand der Augsburger Kaufleute dazu zu beurteilen.

Stetten führt später eher pragmatisch dazu aus: „Hat man die gänzliche Abhaltung der Juden nicht schon seit mehr als 3 Jahrhunderten gewollt? Die Geschichte zeigt, wie vergebens alle Bemühungen waren. Man hat zehnmal ihre gänzliche Ausweisung statuiert, mit dem besten Willen aber sich niemals manutenieren können . Was in den vorigen Jahrhunderten gegen die Juden mit Effekt nicht hat zu Stand gebracht werden können, wird dies jetzt besser gelingen? Jetzt, wo die meisten Städte Deutschlands Juden in ihren Mauern beherbergen? Bey der jetzigen allgemein gewordenen Toleranz und herrschenden Aufklärung, die keinen Menschen der Religion wegen hintansetzen oder gar zu verfolgen erlaubt? Jetzt, wo selbst das Thema, wie das Schicksal der Juden zu verbessern sey, ganz neuerlich an den deutschen Reichstag gebracht worden ist? Wo in mehreren Ländern die Juden als förmliche Bürger aufgenommen werden?“ (S. 48) 

Widmungstafel an Stelle des früheren Wohnhauses von Paul von Stetten am Obstmarkt in Augsburg, Heute befindet sich dort das “Hotel Augusta” http://www.hotelaugusta.de/ - Von seinem Haus aus musste Stetten bald nur noch über die Straße zum zum Wohnhaus von Jakob Obermayer am Obstmarkt zu gelangen, an dessen Stelle sich heute eine Filiale der Sparda-Bank befindet. 

There is a widespread view that after the expulsion of the Jews from Augsburg in the years 1438/40 there has followed a long period of more than 360 years of sequestration before Jews again were allowed to live in Augsburg. At best, it is said, there possibly had been rather a few exceptions.

In 1803, when three Jewish banking families applied for permanent residence in Augsburg, Paul von Stetten, then City Keeper demonstrated in his “History of the Jews in the Imperial City of Augsburg” that nothing of the sort was true. There was not one expulsion, there were ten and none of them was of any success. Furthermore at times there lived over thirty or even more than sixty Jewish families in the city. It therefore would be somewhat unreasonable to want keep Jews in modern times out of Augsburg.


Zum 200. Geburtstag von Carl von Obermayer

March 1, 2011

(Carl von Obermayer – painting by Chana Tausendfels, 2009)

Carl von Obermayer (1811 – 1889) entstammte einer alteingesessenen schwäbischen Familie, deren Wurzeln ins Augsburger Mittelalter zurückreichen und über lange Jahrhunderte im austro-schwäbsichen, dann bayerisch-schwäbischen Raum lebten und wirkten. Wie sein Vater und Großvater war er Vorsitzender der neuen jüdischen Gemeinde in Augsburg. Er war US Konsul in Bayern mit Amtssitz in Augsburg, ein Förderer von Theater, Kunst und Musik ebenso wie der Naturwissenschaft, stiftete eine Armenküche und einen Hilfsverein für die Resozialisierung von Strafgefangenen. Obermayer war Oberst und Kommandant der Augsburger Landwehr und Mitbegründer der freiwilligen Feuerwehr.

Am 1. März 1811, also heute vor genau zweihundert Jahren wurde Carl (דיד יעקב בן יצחק) Obermayer als Sohn von Isidor Obermayer (1783 – 1862) und der aus Karlsruhe stammenden Bankierstochter  Nanette Kusel (1794 – 1856). Am selben Tag wurde in seiner Heimatstadt Dresden auch der spätere Oberrabbiner Wolf David Landau geboren. Carl von Obermayer war eine schillernde Persönlichkeit, der an zahlreichen Höfen verkehrte und im 19. Jahrhundert zu einer der herausragenden Persönlichkeiten in Augsburg gehörte, heute aber in der Stadt weitgehend vergessen ist. Sein Großvater Jakob, ein Nachkomme der berühmten Pferseer Ulmo, der als Finanzier bereits im Frühjahr und Sommer 1799 in Augsburger wohnen durfte, konnte durch massive Geldzahlungen an die hochverschuldete und um seine Unabhängigkeit als Reichstadt bangende Augsburg, ab 1803 ein permanentes Bleiberecht aushandeln.  Zehn Jahre später, im Jahre 1813 wurde er Vorsitzender der ersten dauerhaften jüdischen Gemeinde nach dem Mittelalter, die sich in Räumen seines Wohnhauses am Obstmarkt versammelte. In diesem Haus wurde auch Carl geboren. Obwohl die Gemeinde damals bereits rund 100 Personen umfasste waren nur wenige jüdische Haushaltsvorstände in der Stadt verzeichnet: Jacob Obermayer, Isidor Obermayer, Arnold Seligmann, Goudchaux Weiler, Simon Weiler, Amson Heymann, Simon Wallersteiner, Simon Levi, Samson Binswanger, Wolf Regensburger und die Kinder von Jakob Obermayers Pferseer Verwandten und Partner Henle Efraim Ulman (Ulmo).

Im selben Jahr erwirbt Jakob für sich und seine Frau, für seinen Isidor und dessen Frau aus Karlsruhe wie auch für deren beiden Kinder Carl und Henriette das Bürgerrecht für die Barsumme von 550 Gulden, was eine sehr stattliche Summe darstellt. 1 Pfund frisches Schwarzbrot (467 g) beispielsweise kosteten in jener Zeit bei Augsburger Bäckern 3 Kreutzer, ein Kilogramm aufgerundet also 6 Kreutzer. Bis zum 31. Dezember 1875 galt in Bayern der Gulden zu 60 Kreutzer, der tags darauf zum Stichtag 1. Januar 1876 durch die Deutsche Mark zu Pfennigen ersetzt wurde. Für einen Gulden erhielt man also 10 Kilo frisches Brot und wie viel Jakob Obermayer damals für die Eintragung des Bürgerrechts zahlte, kann man ermessen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel man heute beim Bäcker für  5.500 kg oder 11.000 Pfund frisches Brot zahlen müsste, … Im selben Jahr wurde Jakob Obermayer auch Vorstand der faktischen jüdischen Gemeinde von etwa 100 Juden die sich zu den Gebetszeiten in seinem Wohnhaus trafen, wo eigens Räume für die Gebete, Lesungen und Studien eingerichtet wurde. 1821 erwarb Carls Vater das prächtige alte Wohnhaus dass sich entlang der Heilig-Grab-Gasse gegenüber dem alten Städtischen Kaufhaus erstreckte zur Maximilianstraße beim Herkules-Brunnen dem Schaezler-Palais gegenüber lag. Isidor wohnte dort bis zu seinem Tod im Jahre 1862. Carl von Obermayer wuchs in diesem Haus auf und verbrachte hier seine Jugend. Zu seiner in Kriegshaber gefeierten Bar Mitzwa im Februar 1924 –Parascha Truma – entsandte König Maximilian I. ein Gruß, der von einem Sekretär persönlich überbracht wurde. Im November 1833 heiratete Carl Emma Goldstein aus Wien – einer verzweigten Verwandten von Theodor Herzls Ehefrau Julie. Carl und Emma hatten drei Kinder, aber keine glückliche Ehe. Das aufwendige Wiener Scheidungsverfahren ist voll von Vorwürfen des Ehebruchs und Vernachlässigung durch Carl, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden. Nach seiner Rückkehr aus Wien fasste Carl, der wenig Neigung für Finanzgeschäfte hatte, sich aber umso mehr der Kunst, Musik und Wohltätigkeit widmete, mit Hilfe seines Vaters, der bereits der Landwehr angehörte, Fuß im gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt. Ab 1846 war Carl Obermayer Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Bayern mit Sitz in Augsburg. Persönlich ernannt dazu hatte ihn James Knox Polk (1795 – 1849), seit März 1845 elfter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Als Oberst der Landwehr alter Ordnung gilt Carl als ranghöchster jüdischer Offizier der bayerischen Militärgeschichte.  1853 übernahm er von seinem Vater das Amt des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Augsburg, das er bis 1867 innehatte. In seine Amtszeit fällt der Umzug in die Wintergasse wo Augsburgs erste Synagoge der Neuzeit in einem eigens erworbenen und für diese Zwecke umgebauten Wohnhaus eingerichtet wurde.  Sein Sohn Jakob Edwin, der wie zahlreiche andere Obermayer im Familien-Ensemble am Kriegshaber Friedhof begraben ist, verstarb 1856 früh im Alter von 21 Jahren als Student in München, im Jahr der ersten weltweiten Finanzkrise, unter dubiosen Umständen. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1862 kehrte er in das Haus als Erbe zurück – seine Schwester Henriette (1812 – 1885) hatte bereits 1830 Baron Simon Oppenheim, den Haupterben des Bankhauses damals jüdischen Bankhauses Sal. Oppenheim in Köln geheiratet. Eine Verbindung die auch Isidor Obermayer beim Bau der Eisenbahnlinie von München nach Augsburg sehr hilfreich war. 1869 wurde Carl Obermayer vom württembergischen König Karl I. mit dem Namenszusatz „von“ geadelt, was seitens Bayerns jedoch nicht anerkannt wurde. 1876 heiratete Carl von Obermayer die Sängerin Rosalie Ultsch (geb. 1838) mit der er eine Tochter hatte. Mit ihr zog er wieder nach Wien, wo er 1881 verstarb.

(Gräber des Obermayer’schen Familien Ensembles, im wieder verwilderten Zustand Ende Okt0ber 2010)

Begraben wurde Carl von Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee neben seiner ersten Frau Emma, die in 1865 Baden-Baden verstorben war. Links neben ihm wurde der österreichische Abgeordnete Ferdinand Wertheimer, der 1883 in Linz verstarb, bestattet. Das Grabmal Wertheimers ist „verschwunden“, das seiner Mutter Babette „Bela“ (geb. Obermayer) ist seit Jahren offen und ausgehöhlt – lediglich eine kleine Grabplatte und Reste einer hebräischen Widmungsinschrift konnten zwischen Erdreich und Müll 2007 geborgen werden. Vom Grab Isidor Obermayers war bis 2009 nur die kleine hebräisch-deutsche Erinnerungstafel übrig geblieben, die wahllos in einem Gebüsch lag. Vom Grabmal Jakob Obermayers, der Augsburg  einst mit stattlichen Summen vor der drohenden Pleite bewahren wollte, ist nur noch die Bodeneinfassung übrig, während die Grabplatte Carl von Obermayers seit nunmehr Jahrzehnten zerschlagen ist und in einzelnen Trümmern am Friedhof liegt, da alle Bemühungen Einzelner, es zu restaurieren gescheitert sind.

Zum 200. Geburtstag bemühte sich der JHVA bei verantwortlichen Stellen, um eine WIDMUNGSTAFEL am ehemaligen Wohnhaus der Obermayer, das mit Isidor und Carl von Obermayer sowie dem Nachfolger Salomon Rosenbusch das Heim drei aufeinanderfolgender Vorsitzender der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde im Augsburg des 19. Jahrhunderts war, doch erscheint die Angelegenheit wie schon in der Bewahrung der Grabstätten schwierig und vielleicht hoffnungslos.

Wie vor zweihundert Jahren sind auch heute wieder die Kassen leer, aber ein neuer rettender Obermayer ist nicht in Sicht.

Today marks the 200th birthday of Carl von Obermayer from Augsburg, who as his father Isidor and grandfather Jakob was head of the modern Jewish community in Augsburg’s 19th century. He also was a wellknown benefactor and Consul for the United States of America in Augsburg, personally appointed by President James Polk in 1846. However as  many grave markers of his family also his at the Jewish Cemetery of Kriegshaber is smashed as his memory is (almost) forgotten.


Friedhofspflege in Kriegshaber Pfersee mit Schafen

January 27, 2011

כבקרת רעה עדרו ביום־היותו בתוך־צאנו נפרשות כן אבקר את־צאני והצלתי אתהם מכל־המקומת אשר נפצו שם ביום ענן וערפל׃

יחזקאל 34.12

(by courtesy of the Felber / Haeuer family)

Die frühere Friedhofswärterin Theresia Felber mit Schaf, Hund und Hühnern am historischen jüdischen Friedhof Kriegshaber – Pfersee an der damaligen Hummelstr. vor 1950. Abgesehen von den Zerstörungen während der Nazi-Herrschaft befand sich der Friedhof wie man sehen kann, nicht zuletzt wohl auch wegen des fleißigen Schafes in einem guten Pflegezustand. Beachtenswert ist auch der sehr gute Zustand der Mauer. Heute ist das Gelände von Sträuchern, Bäumen und vorallem auch Efeu überwuchert und auf diese Weise wurde weit mehr Substanz an Grabsteinen zerstört als in der Nazi-Zeit.

Former cemetery keeper, Theresia Felber, wife of Hermann Felber Sen., who were at the cemetery in Kriegshaber Pfersee (both part of Augsburg since 1911/1916) since February 1927 until the 1980s,  along with Chicken and dog. The sobviously well-fed heep as is reported however assisted greatly at the garden work. It is known that at this time there still were Jewish sheep trader in the region.

The overall state of the cemetery was much better as it is today, since there is lots of ivy, shrubs everywhere and the cemetery walls crumbling as fast as the centuries-old historic grave markers of Jewish scholars, doctors, and rabbis …


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