Die Protokolle der Manager von Zion ..?

November 10, 2009

Die sog. „Protokolle der Weisen von Zion“, vor etwas mehr als hundert Jahren im zaristischen Russland entstanden sind zweifellos das bekannteste und einflussreichste Machwerk des schriftlichen Antisemitismus und Nährstoff zahlloser Verschwörungstheorien. Sie besagen, dass „die Juden“ sich verschwören, um die „Weltherrschaft“ an sich zu reißen und „enthüllen“ im einzelnen, welcher finsteren Tricks und Kniffe sie sich dabei bedienen, beispielsweise der Meinungsfreiheit und der Demokratie.

Die definierende Schlüsselszene entstammt dem wenig beachteten Roman Biarritz (1868) des ansonsten auch völlig  in Vergessenheit geratenen deutschen Schriftstellers und Verschwörungstheoretikers Hermann Goedsche (1815-1878). Sie schildert das Treffen der Verschwörer auf dem „Judenkirchhof von Prag“. Die eigentümliche Szene erlangte in vielen Varianten und Auflagen insbesondere im nationalsozialistischen Deutschland eine übergroße Popularität und ist vielleicht auch deshalb noch in manchen Köpfen präsent, wenn „es“ sich anbietet.

Eine solche Gelegenheit bot sichvielleicht auch jüngst  der 1971 gegründeten und zur Spiegel-Gruppe gehörenden monatlich erscheinenden Wirtschaftszeitschrift des „manager-magazin“, u.a. auch bekannt für den jährlich verliehenen Preis für den „Manager des Jahres“, welches zumindest nationales Renommee genießt.

Auf der aktuellen November-Ausgabe prangt als Titel-Geschichte „Das Oppenheim Komplott – die unglaublichen Machenschaften der Privatbankiers“. Das sind Aufmacher, die zur Heuschrecken-Schau geradezu einladen und sicher neugierig stimmen sollen.

Dem Artikel im Heft sind Spaltenfotos der „Hasardeure“ vorangestellt, wobei die dicke Zigarre als Requisite nicht fehlen darf. Der Begleittext dazu verspricht „Das Protokoll einer unglaublichen Verschwörung“. Man staunt nicht schlecht, wenn sodann davon die Rede ist, dass sich „… dutzende von Angehörigen auf dem kleinen Friedhof des familieneigenen Schlosses …“ versammeln: „Da bleibt es nicht aus, dass am offenen Grab die wichtigsten Gremienvertreter der Bank zusammentreffen.“ Bereitstehende „Muskelmänner“, die „ungebetene Gäste“ fernhalten, so erfährt man, gehören zu einer „Privatarmee“: „Am Grab umarmt man sich stumm und tauscht Wangenküsse aus.“

Und was hat es damit nun auf sich? Das Szenario, angereichert mit Namen und Altersangaben dient zur Einleitung für einen Bericht über die „Verquickung von Privat- und Bankinteressen“, auf die man offenbar glaubte nicht anders als durch die düstere Atmosphäre eines abgeschiedenen und abgeschirmten Friedhofs zur Sprache kommen zu können.

Der jüdische Ursprung des 1789 von Salomon Oppenheim gegründeten Bankhauses ist nun alles andere als ein Geheimnis. Dafür war die Rolle des Kölner Bankhauses bei der Industrialisierung des Ruhrgebietes, der Rheinschifffahrt, des Eisenbahnnetzes, usw. auch viel zu prominent. Der Bankgründer verstand es auch, seine Söhne „banktechnisch“ zu verheiraten. Simon Oppenheim (1803-1880) etwa – und das wäre unser lokaler Bezug zum Thema – heiratete am 19. Oktober 1830 in Günzburg Henriette Obermayer (1812-1885), die Tochter des aus Kriegshaber stammenden Augsburger Bankiers Isidor Obermayer (1783-1862). Ihr Bruder Carl von Obermayer (1811-1889) war u.a. Kommandeur der Augsburger Landwehr und für einige Jahre Konsul der USA im Königreich Bayern. Simons Bruder Abraham Oppenheim (1804-1878) hingegen verband sich (selbstredend?) mit Charlotte Beyfus (1811-1887) und damit mit der Familie der Rothschilds.

Die Oppenheimer Nachkommen traten bereits in den 1860er Jahren zum Christentum über und verbanden sich, als nunmehr geadelte Freiherren und Barone mit dem etablierten Adel. Anders als im Kaiserreich war die jüdische Abstammung in der zweiten, dritten, vom nationalsozialistischen Unwesen überschatteten Generation freilich dann recht problematisch. Das  Bankhaus Oppenheim wurde “arisiert” und hieß nun Robert Pferdmenges & Co. 1947 freilich erschien es sodann schon wieder opportun, zum alten Namen Oppenheim zurückzukehren, der nun wieder Türen öffnete, die zuvor verschlossen wurden.

Das Unternehmen, das nach der “Financial Times Deutschland” bis dahin als „größte unabhängige Privatbankgruppe Europas“ galt, wurde erst kürzlich, am 28. Oktober 2009 von der Deutschen Bank in Frankfurt am Main vollständig übernommen. Einige der bisherigen Anteilseigner tragen mit Oppenheim oder Ullmann sodann auch noch „jüdische“ Namen und da schließt sich der Kreis auch wieder oder aber eben auch nicht. Sie stammen als Ur³ + Ur² – Enkel von Personen ab, die um 150 Jahre zuvor Christen wurden. Demnach kann das im “manager-magazin” geschilderte Friedhofszenario als Protokoll einer Verschwörung logischerweise auch definitiv keinen antisemitischen Unterton besitzen.  

 –> Manager-Magazin 11/09,  S. 35 ff.

see the thing through yellow-colored glasses

The unwritten protocols of the managers of scion?

On the cover of the current issue of Germanys renowned financial newspaper „manager-magazin“ is the teaser “The Oppenheim Complot – unbelievable practices of private bankers”. While the introduction promises “the protocol of an incredible conspiracy”, the article depicts the gathering of dozens of relatives at a small family-owned cemetery, where the most important agents of the bank meet at an open grave. Muscle men keep off unwanted “guests” and the gathered hug silently and kiss on their cheeks.

The key scene of the anti-Semitic pamphlet “Protocols of Elders of Zion” giving meaning to the plot is a secret gathering of Jewish conspirators who concert measures to bring about a fabulous Jewish “world dominance” and their conventicle place is a cemetery. The basic idea stems from the novel “Biarritz” by the widely unknown German writer Goedsche (not to confuse with Germanys national poet Goethe!), who invented the topos: “the old Jewish cemetery of Prague”.

The Jewish background of the Sal. Oppenheim bank house of course is famous the world over and Simon Oppenheim, firstborn son of the founder Salomon married Henriette Obermayer, the daughter of Isidor Obermayer from Kriegshaber/Augsburg what of course attracted our local interest.

But since their offspring converted to Christianity some 150 years ago, Sal. Oppenheim for a quite long time is no Jewish bank, neither are the “gamblers” the manager magazine scolds. Indeed the Nazis were somewhat “conciliatory” when a Jewish origin dated back more than four generations. So even in this respect there of course is no evidence of any anti-Semitic undertone at all.    

 

http://www.manager-magazin.de/

 


Die Jüdische Gemeinde zu Steppach

October 19, 2009

Wir laden ein zu einem Vortrag zur jüdischen Gemeinde Steppach im Kontext des Friedhofs Kriegshaber – Pfersee und der Juden von Augsburg.

Veranstaltungshinweis St. Raphael Steppach

Veranstaltungshinweis St. Raphael Steppach

Wir freuen uns sehr über Ihren Besuch

Donnerstag, 29: Oktober 2009, 20.00 Uhr  

Veranstaltungsort: Pfarrsaal St. Raphael in Steppach

Internet: www.sanktraphael.de


אפילו קאַ תשובה איז אַ תשובה

October 5, 2009

It’s almost like dancing in an annual ring, but the Jewish Cemetery of Pfersee and Kriegshaber in Augsburg again approaches a state of neglect.

Minor progresses achieved in countless hours of volunteer labor were futile and in vain because adminstrative bodies as well as the authorized community willfully escaping and abdicating their mandatory responsibility, hoping no one else will take notice.

Notice the sequence by this example:

neglected state until July 2008

neglected state until July 2008

a faint glimmer of hope

a faint glimmer of hope

And that is how it looks like when it was neglected again for a couple of months.
once more a result of neglect - so what's new?

once more a result of neglect - so what's new?

 

? … אַזוי וואָס


די ייִדיש סעמעטערי פון אַוגסבורג וועט זיין אַ מיסט פּלאַץ

October 2, 2009
עס איז קיין גוטע נייַעס. די אַלט ייִדיש סעמעטערי איז גענוצט ווי מיסט דאַמפּ און נאָבדוי קאַרעס וועגן דאָס. אַלע וויכטיק מענטשן און אַטאָראַטיז קוק אַוועק – זיי זענען צופרידן אָן געשיכטע, זיי זענען צופרידן אָן צוקונפֿט…
אַ מיסט פּלאַץ

אַ מיסט פּלאַץ

וי די נייַ יאָר הייבט עס איז קיין האָפענונג פֿאַר די יזאָוון פון קריעגשאַבער יידנטום.
Müllplatz jüdischer Friedhof

Müllplatz jüdischer Friedhof

    אוגסבורג - בית הקברות היהודי הופך מזבלה

אוגסבורג - בית הקברות היהודי הופך מזבלה

די בילדער זענען פֿון נעכטן.
The Jewish Cemetery of Pfersee / Kriegshaber agains turns into a garbage dump while the ***  responsible authorities look away

Wird der jüdische Friedhof Kriegshaber nun christlich ..?

July 30, 2009

Auf der Webseite des Internetportals http://www.stadtumbau-kriegshaber.de/ (erstellt „im Auftrag des Stadtplanungsamtes der Stadt Augsburg) werden Pläne zum Umbau des Augsburger Stadtteils Kriegshaber vorgestellt und Wünsche der Bewohner behandelt.

Für den JHVA ist dies thematisch selbstverständlich von Interesse, befindet sich der akut bedrohte Jüdische Friedhof an der Hooverstraße doch in diesem Gebiet. Der Friedhof ist in der vorgestellten Sammlung allerdings noch nicht einmal erwähnt. Mehr noch, eine beigefügte Karte des Stadtplanungsamtes zur planbaren Freiflächennutzung zeigt die mit „Israelit. Friedhof“ beschriftete Fläche dort mit Kreuzen. Das wird wohl nur ein „Versehen“ sein oder ist der Friedhof gedanklich bereits christlich „umgebaut“? Vielleicht gar etwa als „Treffpunkt für ein Miteinander der Religionen und Kulturen“, wie unter der Rubrik Zukunftsvisionen vorgeschlagen? Diskutabel wäre allenfalls die Frage, ob der jüdische Friedhof offiziell als christlich deklariert besser geschützt werden könnte, als dies in den letzten Jahren der Fall ist.

Kriegshaber Jewish Cemetery marked with crosses in municipial plan

Kriegshaber Jewish Cemetery marked with crosses in municipial plan

http://www.stadtumbau-kriegshaber.de/kh-planbar-freiflaechennutzung.html

Auch die Meinungsrubrik “Was ist das Besondere an Kriegshaber?” verschweigt die Existenz des jüdischen Friedhofs, jedoch findet unter dem Schlusspunkt “Besondere Orte” die Notiz:

Synagoge und Judenhäuser – sollten saniert werden“.

Daran kann kein Zweifel bestehen, erinnert der Zustand der bröckelnden Bausubstanz doch sehr stark an den Standard verfallender südosteuropäischer Dörfer. Jedoch sollte dessen ungeachtet nicht vergessen werden, dass es sich bei den genannten Gebäuden um einstige “Judenhäuser” und eine ehemalige Synagoge handelt. Letztere wird, und jeder weiß warum, seit mehr als sechs Jahrzehnten nicht mehr solche genutzt.

Anders verhält es sich freilich beim Jüdischen Friedhof an der Hooverstraße. Er ist nach wie vor ein Friedhof, und auch wenn die Bausubstanz (Mauer, Wärterhaus) zunehmend zerfallt und die Grabsteine weiter zerbröckeln, so sind die Gräber dennoch erhalten.

 

Hakenkreuz an der Friedhofsmauer

Hakenkreuz an der Friedhofsmauer

A new municipal map of the Augsburg city planning department’s website (see URLs above) introducing and discussing ideas and proposals for the redevelopment of Augsburg’s northwestern city district of Kriegshaber marks the 380 years old Jewish cemetery (labeled as “Israelit. Cemetery”) with three crosses.

Certainly it only is a strange kind of mistake, but what exactly does it imply, not to mention the cemetery even once in numerous pages of text?

At best it says there is no plan for the future of the cemetery.


The Felber family at Kriegshaber Jewish Cemetery

July 27, 2009

The history of Kriegshaber – Pfersee Jewish Cemetery at the former Hummelstr. 80 (now Hooverstr. 15) in the 20th Century is closely related with the Swabian Felber family, who supervised the cemetery in three generations of Cemetery Keepers in the period 1927 to 2005.

the last keepers of the Jewish Cemetery so far

the last keepers of the Jewish Cemetery so far

The last known predecessor was Franz Reiter, who at least from 1916 until 1926 was keeper at the Jewish Cemetery.

He was followed by

Hermann Felber Senior from 1927 – 1956

Hermann Felber Junior from 1956 to 1980

and finally by Peter Felber from 1980 until 2005.

Since he left the cemetery for private reasons before, his mother Maria Felber, wife of Hermann Jun. actually was the last caretaker at the Jewish Cemetery, where she spent more than half of a century.


„ Es gibt keinen schöneren Flecken“

July 23, 2009

Artikel der “Augsburger Allgemeinen”, 1999:

 

„ Es gibt keinen schöneren Flecken“

 

Maria Felber betreut seit 50 Jahren des jüdischen Friedhof in Kriegshaber

 

Sie lebt an einen ungewöhnlichen Ort, kann sich aber nicht vorstellen, jemals mehr umzuziehen. „Ich werde hier gebraucht“, sagt Maria Felber. Seit 50 Jahren betreut sie den jüdischen Friedhof in Kriegshaber, Das Wärterhäuschen, in dem ihre vier Kinder groß wurden, stammt aus dem Jahr 1802.

 

„Gräber sind tabu“, war eine der ersten Lektionen, die die Felberschen Kinder mit auf den Weg bekommen haben. „Und die haben gehorcht“, erzählt Maria Felber mit einem Lächeln. Die gebürtige Pferseerin heiratete 1949 den Sohn des damaligen Friedhofswärters und zog auf das 100 x 150 Meter große Areal in Kriegshaber. Vier Kinder wurden in den nächsten Jahren geboren. Seit 1989 hat Sohn Hermann die Aufgaben seines verstorbenen Vaters übernommen und ist heute der offizielle Friedhofswärter an der Hooverstraße. Mit seiner Mutter gemeinsam lebt er in dem kleinen Steinhäuschen aus dem Jahr 1802 mitten auf dem Gottesacker.

„Ich war immer mehr Hausfrau und Mutter“, erzählt die heute 76jährige und lässt den Blick über das weite Grün schweifen. Die Gräber und die Geschichten der jüdischen Bürger in Kriegshaber haben sie nur am Rande interessiert. Doch an die vielen ausländischen Besucher, die besonders nach dem Krieg an der Pforte des Friedhofs läuteten, kann sie sich noch gut erinnern.

Seit den 50er Jahren ist der Friedhof aufgelassen, es finden keine Beerdigungen mehr statt. Die letzten Begräbnisse hat Maria Felber als junge Frau noch miterlebt. Sehr gut erinnert sie sich auch an die Erzählungen ihrer Schwiegermutter. „Damals wurde im unteren Teil des Hauses noch Totenwache gehalten, auch wurden die Toten im Haus für das Begräbnis vorbereitet.

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber ist lang und beginnt um das Jahr 1627 im Dreißigjährigen Krieg. Damals wurden die Juden aus Burgau ausgewiesen und deren Friedhof dort wegen Seuchengefahr geschlossen, sie kamen nach Kriegshaber. Mit der Zeit entwickelte sich die Stätte zu einem zentralen Friedhof für die umliegenden „Judendörfer“, wie die Nachbarorte Pfersee und Steppach damals genannt wurden. Will ihnen Augsburg das Territorialrecht verweigerte, mussten sie ihren Wohnsitz außerhalb suchen. Von hier konnten sie ihren Geschäften nachgehen. Bis 1816 wurden auch die Münchner Juden in Kriegshaber in Kriegshaber beigesetzt.

Heute sind viele Grabsteine verwittert, die Inschriften sind nicht mehr lesbar. Maria Felber führt durch die Reihe mit neueren Insignien. Dort stehen Namen wie Obermayer und Einstein. Carl von Obermayer (1811 – 1889) war Mitbegründer der Bayerischen Hypotheken und Wechselbank und Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde. Einsteins gibt es viele auf dem Gottesacker. Sie stammen alle aus einer reichen Viehhändler-Dynastie, die von Kriegshaber aus Handel bis an der Ammersee führte.

Am Eingang zum Friedhof prunkt ein steinernes Monument. Wie es entstanden ist, daran kann sich Maria Felber nicht erinnern. Ein Blick ins Geschichtsbuch hilft weiter. Amerikanische Soldaten errichteten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Mahnmal aus umgestürzten und zerstörten Grabsteinen.

Der Friedhof lag nun mitten im Wohngebiet der Amerikaner. „Mit denen gab es nie Probleme“, erinnerst sich die 76jährige. Nach dem Abzug sind die sind die Häuser der Hooverstraße umgebaut, jetzt wohnen besonders kinderreiche Familien hier. „Die Kleinen trauen sich aber nicht an den Friedhof heran“ sagt Maria Felber. Aber sie wird aus der Entfernung beobachtet.

Einmal hat sich ein Bub aber doch ein Herz gefasst und gefragt, ob sie denn nicht Angst hätte und ob es da nicht spuken würde. „Nein“, hat Maria Felber gesagt, „es gibt keinen ruhigeren und schöneren Flecken“


Ein Friedhofswärter erinnert sich

July 22, 2009

Artikel der “Augsburger Allgemeinen”, ca. 1980:

 

Ein Friedhofswärter erinnert sich

 

Von der jüdischen Gemeinde blieb niemand zurück

 

Synagoge in Kriegshaber war bis zur „Kristallnacht“ eine Gebetsstätte

 

Das jahrzehntealte Sorgenkind der Stadt „die Synagoge in Kriegshaber“ ist aufgrund des AZ-Berichtes wieder in Gedächtnis der Verantwortlichen gerufen worden. Erster Schritt war das Bemühen des Liegenschatsamtes den sakralen Raum vom Gerümpel freizubekommen. Amtsleiter Georg Ertle konnte eine gütliche Einigung erzielen. Bis Anfang des nächsten Jahres sollen die alten Möbel, Kisten und Geräte ausgeräumt sein.

Eine Lösung wird im Zusammenhang mit einer neuen Eingangsmöglichkeit angestrebt. Das Hochbauamt prüft derzeit, ob von der Wohnung im Erdgeschoß aus ein neues Treppenhaus in den Synagogensaal führen kann. Solche Überlegungen sind notwendig, nachdem der gesamte frühere Eingangsbereich mit dem Portal an den Nachbarn verkauft worden ist., der nun die Synagoge durch eine Brandmauer von seinen Räumen abtrennen muß.

Bei seinen Besuch bei Oberbürgermeister Hans Breuner nahm auch der Generalkonservator des Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Michael Petzelt die Gelegenheit wahr, die Synagoge bei einer Besichtigungsrundfahrt in Augenschein zu nehmen. Er stelle noch einmal die Denkmalwürdigkeit des Gebäudes heraus.

Über die Benutzung des Gebäudes konnte der Wärter des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber, Hermann Felber, noch einige Anmerkungen machen. Die Synagoge sei nicht, wie zunächst angekommen stillgelegt worden, nachdem der Neubau an der Halderstrasse entstanden sei. Vielmehr habe es in Augsburg zwei jüdische Gemeinden gegeben. Die Kriegshaber Juden -  etwa fünfzig Mitglieder stark – die bis zur Kristallnacht ihre Synagoge aufgesucht hatten, seien orthodox gewesen und hätten sich von der „liberaleren“ Stadtgemeinde unterschieden.

Von der gesamten jüdischen Gemeinde in Kriegshaber sei nur eine einzige Frau nach dem Krieg zurückgekehrt. Die jungen Leute seinen schon während der Hitlerzeit ausgewandert, die meisten später nach Israel, die älteren seinen in den Konzentrationslagern umgekommen. Das Verhältnis zu den Juden Kriegshabers schildert Hermann Felber als ausgesprochen gut. Selbst in der Nazizeit hätte die Bevölkerung zu den verfolgten Nachbarn gehalten, die stets ein hohes Ansehen genossen hätten.

Felber, dessen Vater schon seit 1927 den Judenfriedhof an der heutigen Hooverstraße bereute, hat einige der Toten, deren Gräber er heute pflegt noch persönlich gekannt. Auf dem Gottesacker der seit 1627 besteht wurde im Jahre 1802 ein Armenhaus errichtet, das heute als Wohnhaus des Friedhofswärters dient.

Hin und wieder melden sich Besucher aus Israel, Südafrika, Amerika und Österreich an, die nach den Gräbern ihrer Eltern oder Großeltern forschen. Einige von ihnen wollten auch die Synagoge in Kriegshaber sehen und waren bitter enttäuscht von dem Zustand, in dem sich diese Stätte des Gebetes heute befindet.


Drei Generationen der schwäbischen Felber – Familie als Pfleger des jüdischen Friedhofs in Kriegshaber

July 21, 2009

 

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs Kriegshaber-Pfersee an der ehemaligen Hummelstr. 80 ist im 20. Jahrhundert aufs Engste mit der Familie Felber verbunden, die mit drei Friedhofswärtern zwischen 1927 und 2005 den Friedhof betreute.

Bis dato war es nicht zu ermitteln, warum der bisherige Pfleger, Franz Reiter, der zumindest in der Zeit von 1916 (das Jahr der Eingemeindung Kriegshabers nach Augsburg) bis 1926 das Amt innehatte, aufgab, unklar ist ebenso unter welchen genauen Umständen die Felber-Familie den Posten annahm. Bekannt ist , dass Hermann Felber Sen. (1894 – 1956) im Februar 1927 die „Dynastie“ begründete. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit besuchte Theo Harburger im Auftrag des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden In Bayern mehrfach den Friedhof. Seine wenigen Bilder, die sich leider mehr einzelnen Grabsteinen widmen, geben dennoch einen guten Eindruck vom gepflegten, beinahe baumlosen Zustand des Geländes zu dieser Zeit. Viel mehr Details ergeben sich aber aus den zahlreichen erhaltenen Aufnahmen aus den Familienalben der Felbers.

Keeper of the Jewish Cemetery from 1927 - 1956

Keeper of the Jewish Cemetery from 1927 - 1956

Die Felbers lebten auch während der Nazizeit am Friedhof, über welche in der Familie später nur wenig gesprochen wurde. Feststellbar ist aber, dass die frühere Inschrift am Wächterhaus, die Theo Harburger 1927 notiert hatte, sich von der heutigen unterscheidet. Es ist zu vermuten, dass das Original zerstört oder zumindest weitgehend beschädigt und in der Nachkriegszeit erneuert oder ersetzt wurde. Das hebräische Zitat aus dem Talmud wurde dabei durch eines aus dem Buch Daniel ersetzt. Die Zerstörung der Tafel kann möglicherweise im April 1942 zustande gekommen sein, als der 1921 geborene Sohn Hermann Felber Jun. (1921 – 1980) bereits zum Kriegseinsatz eingezogen war. Einem Bericht seiner Mutter Therese Felber (1896 -1985) der Ehefrau von Hermann Felber Sen., gegenüber einer städtischen Kommission in der Nachkriegszeit gemäß, drangen am 19. April 1942 deutsche Soldaten aus den in der Nachbarschaft entstandenen Kasernen in den Friedhof ein und zerschlugen zahlreiche Grabsteine und warfen eine Reihe anderer um. Vielleicht am selben Tag, vielleicht bei einer anderen Gelegenheit erstellte Hermann Felber Sen. eine Grabliste für den sog. neueren Teil des Friedhof im nordwestlichen Teil des Geländes, insofern diese entzifferbare Inschriften in lateinischen Buchstaben aufwiesen. Später hat sein Sohn, Hermann Felber Jun. diese Listen  vervollständigt. Das Dokument jedenfalls, das sich durch eine Reihe von Abschrift- oder Lesefehlern von den Registern der Jüdischen Gemeinde unterscheidet, landete unter der Signatur RSA J 1758 im Berliner Reichssippenamt, in dem alle gestohlenen Unterlagen aus den jüdischen Gemeinden in Deutschland und den okkupierten Gebieten nach rassenideologischen Gesichtspunkten systematisch ausgewertet werden sollten.

Hermann Felber Jun. geriet 1942 in Kriegsgefangenschaft, wo er in Kanada und Wales interniert wurde. Seine dort erworbenen Englisch-Kenntnisse sollten ihm später hilfreich sein im Kontakt mit den Nachkommen von Juden die auf „seinem“ Friedhof bestattet waren und aus Israel, den USA oder aus anderen Ländern anreisten. Im Sommer 1946 wurde von Mitgliedern der Augsburger Steinmetz- und Bildhauer-Innung aus den „überall“ herumliegenden Grabsteinen ein erstaunlich passgenaues und ohne Überreste auskommendes Mahnmal geschaffen. Das sogenannte Denkmal wird in einer Art urban legend immer wieder irrtümlicherweise US-Soldaten zugeschrieben, die es gefertigt haben sollen, um damit an die „Opfer des Holocausts“ zu gedenken.  Doch abgesehen davon, dass es kommagenaue Abrechnungsbelege für die Tätigkeit der hiesigen Steinmetze gibt, sind Soldaten selten begabte Steinmetze und es fehlt an einer Inschrift, die diese Deutung zuließe. Schließlich war der Begriff des „Holocausts“ im Sommer 1946 nun auch nicht geläufig. 

im Hintergrund ist ein Teil des Kugelfangs zu sehen
im Hintergrund ist ein Teil des Kugelfangs zu sehen

 

In der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1951 wurden am Friedhof (durchaus im Wortsinn) noch eine Reihe von Personen bestattet, in der Mehrzahl handelte es sich bei ihnen offenbar um sog. „Displaced Persons“, also um Flüchtlinge und ehemalige KZ-Häftlinge die in Osteuropa „in Obhut gebracht“ wurden. Aus erhaltenen Originalunterlagen ergibt sich, dass weitere eine Reihe von Beisetzungen stattfanden, ohne dass den Verstorbenen Grabsteine gesetzt wurden. Da alle Bestattungen auf Weisungen der Augsburger Gemeinde, die sich ebenfalls im wesentlichen aus DPs zusammensetzte, zustande kamen, kann nur gemutmaßt werden darüber, dass es der Gemeinde zumindest an Mitteln und den Verstorbenen an Nachkommen mangelte, um ein würdiges Begräbnis oder Gedenken zu gewährleisten. Aber auch die 1961 in Wiedergeltingen exhumierte, und offensichtlich in Kriegshaber beigesetzte, Sophie Sonntag blieb ohne ein Gedenkmal. So weit es sich sagen lässt, war dies das letzte jüdische Begräbnis und allem Anschein nach auch das einzige, das zur Zeit des zweiten Hermanns erfolgte.

1948 wurde Hermann Jun. aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und 1949 heiratete er seine aus Pfersee stammende Verlobte Maria Hörtrich, mit der er drei Töchter und einen Sohn hatte. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1956 übernahm er die Friedhofsaufsicht unter einem neuen, zeitgemäßen Vertrag, der ihn unter anderem verpflichtete für „peinliche Ordnung“ zu sorgen und bei allen Begräbnissen hilfreich zu sein, ihn aber auch berechtigte z.B. Hühner zu halten und ein Gartenbeet anzulegen. Wie bereits zuvor wurde von der Familie nur das obere Stockwerk des Hauses bewohnt. Die gesamte untere Etage diente nach wie vor als Tahara-Haus. In einem Raum war der Leichenwagen untergebracht, ein anderer diente der Leichenwäsche und zwei weitere Zimmer fungierten schließlich als Aufbahrungsraum für die Verstorbenen, bzw. als Gebets- und Andachtsraum.

Während der Amtszeit Hermann Felber Jun. wurde der Friedhof in Kriegshaber nicht mehr regulär benutzt und galt fortan als „aufgelassener“ Begräbnisplatz. Er wurde nur sporadisch von einigen Angehörigen und Mitgliedern der Augsburger jüdischen Gemeinde oder des Landesverbandes Israelitischer Kultusgemeinden besucht. Dessen ungeachtet waren Haus und Garten in der nun in nach dem ehemaligen, deutsch-stämmigen US-Präsidenten Herbert Hoover umbenannten Straße alles andere als ein toter Ort, so entwickelte die vielköpfige Felber-Familie einen lebendigen Kontrast, umgeben  den Wohnanlagen („housing area“) der Centerville-Siedlung.

Augsburger Allgemeine Artikel 1980

 (Artikel der Augsburger Allgemeinen zu Hermann Felber Jun. von 1980)

 

Nach dem unerwarteten Tod Hermann Felber Jun. im Jahre 1980 stellte sich wiederum die Frage nach einem neuen Friedhofspfleger. Der einzige Sohn Hermann und Marias war bereit die Pflege zu übernehmen, jedoch wohnte er außerhalb des Friedhofs und war schon verheiratet.  Im Obergeschoss des Hauses lebten aber bereits seine Großmutter und Mutter, die Witwen von Hermann Sen. und Hermann Jun. , während andererseits die gesamte untere Etage frei stand, obwohl sie seit nunmehr drei Jahrzehnten nicht mehr für Trauer- und Beerdigungszwecke benutzt wurde. Mit dem damaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Senator Julius Spokojny konnte sich Peter Felber jedoch darauf verständigen, die fast leer stehenden Räume für private Wohnzwecke umzugestalten, was Peter Felber als nun dritter Friedhofswärter aus der gleichen Familie in Eigenleistung unternahm. Das Platzproblem war somit gelöst. Da für die jetzt ausgelagerten Gartengeräte nun andere Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden mussten, erbaute Peter Felber nach Absprache mit der Gemeindeleitung zwei Hütten die dicht an das Haus grenzten, sich jedoch mit belegten Gräbern „überschnitten“. Eine dritte, wesentlich ältere, aber kleinere Hütte, die zunächst als eine Art Gartenlaube diente, wurde bereits von Peter Felbers  Großvater Hermann Jun. ca. 1950 errichtet. Wie sich aber erst im Jahre 2007 herausstellte, geschah dies auf einem Mosaik alter Grabsteine und Fragmente.

 Maria Felber Artikel 1999 (2)

Maria Felber: "There is no better place" Maria Felber: “There is no better place”

 

 

 

Aus privaten Gründen zog Peter Felber, dessen Vertag ihn verpflichtete an Beerdigungen im weiterhin genutzten jüdischen Friedhof im Augsburger Stadtteil Hochfeld mitzuwirken, im Jahre 1992 wieder aus dem Haus an der Hooverstr. 15, weshalb bis zu ihrem Tod Maria Felber die Aufsicht des Friedhofs übernahm, selbstverständlich unter Mithilfe ihrer vier Kindern und acht Enkeln. Maria Felber war somit die bislang letzte und neben ihrer Schwiegermutter Therese wohl auch längste Bewohnerin des Friedhofshauses. Als Witwe des vorletzten und Mutter des letzten Pflegers verbrachte die aus Pfersee stammende, gelernte Weberin, annähernd ihr gesamtes Erwachsenenleben auf dem jüdischen Friedhof und war über Jahrzehnte hinweg Ansprechpartnerin für Besucher und Neugierige aus aller Welt.

(- Andrea, Yehuda)

Das jüdische Kriegshaber – der Zerfall eines Vermächtnisses

July 17, 2009

 

an eyesore

an eyesore

Jewish Kriegshaber – the Decline of a Legacy

 

 

fading past

fading past

No matter if it is the former Synagogue of Kriegshaber, the old Jewish houses in the neighborhood, the Cemetery at Hooverstr. or the keepers house in its midst – the once rich Legacy of Jewish Kriegshaber is declining. The tombstones are crumbling, the state of the buildings remind a bit of impressions known from run-down Southeast European suburbs or villages … but in marked contrast to the quite well-kept surrounding buildings. So obviuously it is no coincidence and there is method in it.

Southeastern European village standard

Southeastern European village standard

Der Verfall eines Vermächtnisses

Kriegshaber als ehemaliger Sitz des Rabbinats von Medinat Schwaben mit zahlreichen berühmten Gelehrten und einflussreichen Finanziers könnte stolz sein auf sein reiches jüdisches Erbe. Doch dieses zerfällt, ja es zerbröckelt und vergammelt. Das betrifft den jüdischen Friedhof in der Hooverstr. , dessen Haus baufällig, teilweise einsturzgefährdet, von Schwarzschimmel befallen ist und trotzdem noch als Lager für allerlei Schund missbraucht wird. Es betrifft den Friedhof selbst, dessen Grabsteine noch immer schutzlos gleichweise zerbröckeln, von Fußbällen, herabstürzenden Ästen oder gar Bäumen beschädigt werden, was in der wieder wachsenden Überwucherung auf „natürliche“ Weise kaschiert wird – falls nicht zu viel Müll dazwischen landet. Es betrifft die ehemalige Synagoge an der Ulmerstraße, deren äußerer Zustand bereits eine Schande ist und es betrifft schließlich auch den Zustand der der sog. Judenhäuser gegenüber der ehemaligen Synagoge.

Ob dies wirklich nur Zufall ist oder nicht doch eine Art Methode oder Systematik?

Der Verfall der ehemaligen Synagoge und des Friedhofes wurden seit Jahrzehnten immer und immer wieder beklagt in Zeitungsartikeln, in Briefen, von Einheimischen, von Besuchern, von Nachfahren, von engagierten Bürgern, von Experten.

Herausgekommen ist gar nichts außer der weitere Verfall – übrigens in einem immer schärferen Kontrast zur direkten Umgebung der betreffenden Objekte, wo es nirgends an Mitteln fehlt, um Häuser zu sanieren, Bäume zu schneiden, …

Neubau mit unverbauten Dschungelblick

Neubau mit unverbauten Dschungelblick