Auf den frühen Spuren der Juden in Harburg (Schwaben, Donau-Ries)

September 28, 2011

In den mittelalterlichen Augsburger Steuerbüchern sind auch Juden aus dem rund 60 km nördlicher gelegenen „horpurch“, d.h. aus dem schwäbischen Harburg an der Wörnitz verzeichnet. Der Ortsname wird von einem angeblichen ahd. Wort „horo“ für „Sumpf“ abgeleitet, freilich steht die Burg vernünftiger Weise keineswegs im Sumpf, sondern den Ort steil überragend auf einem Berg.

Das hebräische Wort für Berg wäre übrigens  הר was „har“ oder „hor“ gesprochen wird. Der Begriff „Burg“ ist bereits im Talmud geläufig und hängt mit dem im Griechischen belegten πύργος zusammen, welches Turmhaus, Rasthaus, Wachposten, etc. bedeutet. Im Talmud ist über diesen Kontext hinaus das Wort בורג „burg“ (Plural: „burgin“) vorallem auch noch als womöglich ursprünglichere Bezeichnung für ein Depot oder Lager geläufig, das durch die Bewachung dann wohl auch zum Wachposten und -turm wurde, etc. Insbesondere auf Hügeln sollten hier, so empfiehlt das beliebte Weisheitsbuch, Getreide und sonstige Ernten vor etwaigen Fluten gesichert werden, wie sie auch in Harburg an der Wörnitz bestens bekannt sind.

Für das Jahr 1355 und 1356 findet sich „Alt Pendit“ in den Folgejahren bis 1365 seine Witwe, die dann bis zum Erreichen der Geschäftsfähigkeit des Sohnes als Steuerzahlerin verzeichnet war. Nach mittelalterlichem Augsburger Recht, waren Frauen freilich allgemein nicht geschäftsfähig, weshalb sie nur als Witwen gelegentlich auftauchen. In einer hebräischen „Response“ aus dem späten 17. Jahrhundert wird ein „Baruch Pendit miharpurk ben wert venerdlingen“ für die Zeit um das jüdische Jahr  5100 (ca. 1340) erwähnt, über den es heißt, er sei ein „sofer mefursam vebaal otiot“, also ein berühmter Schreiber und Meister der Buchstaben. Da die Ortsangabe der Lage Harburgs zwischen (Donau)Woert und Nördlingen auch heute noch zutrifft und zudem die zeitliche Zuteilung passt, könnte der Schreiber (und Drucker?) Baruch Pendit durchaus mit dem in Augsburg als aus Harburg stammend genannten Alt Pendit übereinstimmen. Aus der Zeit des frühen 14. Jahrhunderts ist in der schönen Kleinstadt freilich nichts erhalten. Denkbar wäre freilich, dass sich die Ortsangabe in jener Zeit auch direkt auf die Burg bezog, die seit ca. 1300 bereits im Besitz des Hauses Oettingen war (1347 durch Kaiser Karl IV. bestätigt).

Impression from old Judengasse (above) and former synagogue of Harburg /Schwaben (below)

Reinhard Jakob erwähnt in seinem 1988 erschienenen Buch über “Die jüdische Gemeinde von Harburg 1671 – 1871″, die offenbare Schwierigkeit Primärquellen für eine jüdische Geschichte in Harburg vor 1671 zu finden. Vereinzelte “Nachrichten” über Juden in Harburg im 15. Jahrhundert bleiben deshalb ohne erkennbaren Kontext wohl sporadisch. Im wesentlichen wird es sich in Bezug auf die große Mehrheit der christlichen Harburger aber kaum anders verhalten.

Medieval Augsburg records in mid 14th century list Old Pendit from Harburg as tax payer followed by his wife. Hebrew sources know Baruch Pendit of Harburg between Donauwoerth and Noerdlingen as a “famous scribe” and “master of letters“. The later probably refers to early book printing (the Hebrew word אות for (single) letter also means sign and therefore prior to the usage of moveable types also denotes woodcuts). However the term also may have a quite another meaning refering to kabbalah, somewhat popular already in this period of time, when writing by far was no everybody’s experience and practise and scribes were as outstanding as in our times film maker prior to you tube and co. The German term for letter in the meaning of an alphabetic character is Buchstabe, what combines Buche (the beech tree, not the book) and Stab (a rod or wand), what is believed to refer to a “magical” use of runes.


Der jüdische Friedhof im schwäbischen Harburg

September 27, 2011

Der jüdische Friedhof im schwäbischen Harburg wird auf das Jahr 1671 datiert und wurde 1833 erweitert. Der Überlieferung gemäß wurden 1744 und 1800 Holzgrabmale von plündernden Soldaten verfeuert, jedoch scheinen keine Aufzeichnungen darüber zu existieren und sich hernach niemand um Ersatz bemüht zu haben. Wie an andere Stelle schon erwähnt, beschloss die jüdische Gemeinde jedoch 1902 Nummerierungen, um künftig beschädigte Grabsteine erneuern zu können, was heute, wo in den meisten Orten keine jüdische Gemeinden mehr existieren der Verfall sozusagen als gewolltes Ideal angestrebt wird, offenbar keine Option mehr ist.  Am Friedhof befindet sich ein Taharahaus und etwa 250 häufig bereits zerbröckelnde Grabsteine und eine Reihe von kleinen, offenbar unbemerkten Fragmenten, die aus der Erde herausschimmern. Ältere Grabsteine vor dem 19. Jahrhundert sind offenbar nicht mehr vorhanden.

Eine Reihe der Grabsteine wurden bereits 1996 von Rolf Hofmann und Meir Jacoby fotografiert und dokumentiert. Zudem gibt es beim „Harburg Project“ auch eine Dokumentation der noch restlichen Grabsteine, die freilich nicht immer mit ihrem ursprünglichen Stellplatz übereinstimmen müssen.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/CEM-HAR-GRAVELIST.pdf

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/CEM-HAR-MAP.pdf

see also: http://www.alemannia-judaica.de/harburgproject.htm

The Jewish Cemetery near beautiful small Bavarian Swabian town of Harburg and within the sight of the remarkable old castle, regarded as one of the best preserved in Bavaria, today only has some 250 of its old grave markers, which however crumble away.

The small house next to the northern wall of the cemetery is a rather new one and accomodates separated water closets for men and women, used when the annual “Bock-Fest” is hold end of June, which includes rock concerts, oldie nights, tug war contests,  show booths, Christian worship servives, helicopter flights, and of course lots of sausages and beer..

 

Many thanks to Mrs. Sigi Atzmon and Mr. Friedrich Thum from Harburg, who provided us access to the cemetery.

 

 


Am Ende doch nur eine Nummer ..?

August 16, 2011

Menschliches Leben, poetisch formuliert von der Wiege bis zur Bahre, ist einzigartig, zumindest erlebt es jeder so, während jeder (moderne) Mensch das Empfinden kennt, oftmals nur (noch) eine Nummer zu sein, sei es beim Passport, beim Finanzamt, bei den Krankenkassen, als Kraftfahrzeugführer, im Telefonbuch oder als Personal einer Firma und dergleichen mehr.  Was am Ende des Lebens von einem übrig bleibt, wenn auch der eigene Nachwuchs bereits verschieden ist, kann man auf Friedhöfen studieren. Je nach dem Einfallsreichtum oder dem Ausmaß der Trauer sind es Gedichte, Lobpreisungen der edlen Taten, manchmal auch Berufsangaben und Ämter, fast immer aber Namen, Geburts- oder Sterbedaten. Solange die Inschriften nicht überwuchert oder zerbröckelt oder gar der Stein selbst – etwa durch Vandalismus – zerstört ist, bleibt nach Jahren oder Jahrzehnten oft nichts, woran spätere Nachkommen sich orientieren könnten.

Ein Problem, das keineswegs neu ist, wie ein Artikel des Magazins „Israelit“ aus dem Jahr 1902 am Beispiel von Harburg belegt. Der damalige Vorstand der jüdischen Gemeinde von Harburg Gerson Stein hatte vorgeschlagen „auf dem hiesigen israelitischen Friedhof die Nummerierung und Registratur sämtlicher Grabdenkmäler vorzunehmen, um den Besuchern das Auffinden der Grabstädten zu erleichtern und namentlich etwaige defekte Grabdenkmäler zu erneuern.“

Der jüdische Friedhof von Harburg, der damals etwa 500 Grabstätten hatte, hatte inzwischen auch Plätze für Tote aus Mönchsdeggingen und Ederheim, deren Gemeinden dem Artikel gemäß aufgelöst waren. Mit der Aufgabe die Nummerierungen durchzuführen und zu katalogisieren wurde der Lehrer Hermann Rieck beauftragt.

Von Seite vieler Auswärtiger, deren Ahnen im hiesigen Friedhof schlummern, wurde der Kultusverwaltung Harburg, dieses lobenswerten und pietätvollen Unternehmen halber Anerkennung gezollt.“

Gerson Stein von der jüdischen Gemeinde Harburg war nicht der erste, der die Idee der zusätzlichen Grabnummer auf der sonst meist  nicht beschrifteten Rückseite der Grabsteine hatte, aber es war für dokumentarische Zwecke zweifellos eine gute und praktische. Voraussetzung für diesen Nutzen war und ist freilich, der Erhalt der entsprechend erstellten Register und Übersichten. Dies ist heute leider eher selten noch der Fall, da in den späten dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts Nazi-Behörden wie das sog. „Reichssippenamt“ (RSA) in Deutschland und von Deutschen besetzten Gebieten relativ systematisch Archive jüdischer Gemeinden plünderten, um die Unterlagen ihrer rassischen Forschung unterwarfen – u.a. um jüdische Vorfahren nichtjüdischer Deutscher aufzuspüren, relevant für die Vergabe des kleinen oder großen Ariernachweises. Viele der geraubten Geburts-, Heirats-, Sterbe- oder Friedhofsregister, die im thüringischen Schloss Rathsfeld bis in die letzten Kriegswochen hinein, als längst klar war, dass Nazi-Deutschland keinen Bestand haben würde, minutiös abfotografiert wurden, sind verschwunden oder existieren nur noch als Papierkopien der erhaltenen Fotoplatten. Beispielsweise am jüdischen Friedhof von Binswangen ist es, nach aktuellem Kenntnisstand sodann auch so, dass manche der sehr wenigen erhaltenen Grabsteine auf der Rückseite lediglich eben eine solche Grabnummerierung aufweisen. Die auf der Vorderseite befindlichen Metallplatten wurden offensichtlich geraubt, für schändlich Zwecke von lokalen Zeitgenossen, die sich ganz unbefangen an den Grabmalen ihrer bisherigen Nachbarn bereicherten.  In dieser Weise blieb von einigen Juden aus Binswangen nichts anderes übrig als eine verbliebene Nummerierung wie etwa „N 225“, die ohne das Register, für das es angelegt wurde weiter nichts mehr besagt.   

 

„X 225“

without stolen metal plate

Since the metal plate of the grave marker was stolen by Nazi neighbors also the memory has vanished

Probably in mid-nineteen century Jews began to number grave markers on their back with mostly consecutive figures in order to simplify the location of particular tombs for out of town visitors or descendants. The Jewish community of Swabian Harburg in 1902 decided to introduce such numbers also for the purpose in future to be able to restore or replace damaged grave markers. Since during the Nazi time not only many Jewish grave markers but registers as well were destroyed in some cases the backside numbers are the only reference left for us to commemorate. To be nothing more as a meaningless number in an unknown system however is what many contemporaries today fear.

Many thanks toRolf Hofmann for the 1902 “Israelit” article which draws attention to a problem almost everywhere.


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