Die alte Mikwe in Erfurt

May 24, 2012

Die Existenz einer Mikwe gilt in Erfurt etwa ab der Mitte des 13. Jahrhundert als gesichert. Da es nicht schwer zu erraten ist, dass man sie in der Nähe des jüdischen Viertels und notwendigerweise auch nahe an einem Fluss oder Bach bauen musste, fand man 2007 bauliche Überreste direkt hinter der berühmten Krämerbrücke. Bemerkenswert daran ist allerdings, dass es sich dabei weniger um einen Zufallsfund handelte, sondern um einen langjährigen Wunsch, der in Erfüllung ging. Irgendwie. Diese Reste der Ausgrabung sind heute überbaut mit einem Schutzbunker und werden präsentiert als Teil des Netzwerkes „Jüdisches Leben Erfurt“. Besonders hingewiesen wird auf die Möglichkeit, die Besichtigung der „Mikwe“ zusammen mit der „Alten Synagoge“ zu buchen.

Die Informationstafel vor dem Neubau erläutert, dass das „jüdische Ritualbad“ aus dem 13. Jahrhundert stammt und erstmals  1248 erwähnt wurde. Weiter heißt es: „Im Mittelalter war die Umgebung der Mikwe dicht bebaut, hier wohnten Juden und Christen Tür an Tür. Eine heute überbaute Gasse war der kürzeste Weg von der Mikwe zur Alten Synagoge, dem ersten Gotteshaus der jüdischen Gemeinde. Diese Gemeinde wurde 1349 in einem Pogrom ausgelöscht. Juden, die sich ab 1354 in Erfurt ansiedelten, nutzten die Mikwe weiter, während die Alte Synagoge bereits in ein Lagerhaus umgebaut worden war. Der Stadtrat verwies 1453  alle Juden aus Erfurt. Spätestens dann endete die jüdische Nutzung der Mikwe. Das Wasserbecken wurde verfüllt, die Mikwe als Keller genutzt.“

Dass frühere Quellen den Standort der mittelalterlichen Mikwe an anderer Stelle angeben, ficht die heutigen Spezialisten nicht an. Grabungen dort ergaben keinen brauchbaren Fund, sondern nur einen großen Keller aus dem 19. Jahrhundert, der alle möglichen Spuren von Vorgängerbauten getilgt haben soll. Die Möglichkeit aber, dass auch jüdische Tauchbäder wie die Mehrzahl an baulicher Infrastruktur mittelalterlicher Städte nach sechs oder sieben Jahrhunderten (aus allen denkbaren Gründen) womöglich einfach nicht mehr vorhanden sind, hat man offenbar ausgeschlossen. Durchaus kreativ, ging man nun davon aus, dass es in den alten Erfurter Freizinsregistern zu „irrtümlichen Grundstückzuordnung“ gekommen sei. Die Register gaben zwar Straßen an, „die einzelnen Häuser jedoch nicht immer eindeutig“, so die Rechtfertigung. Wie diese Behauptung nun aber für den jetzt bezeichneten Standort sprechen soll, bleibt ein Geheimnis (siehe: „Der unerwartete Mikwe-Fund am Breitstrom“, in: Stadt und Geschichte, Erfurt 2008, Sonderheft  9, S. 9 f.).

Der Fund wurde als Keller freigelegt, die Relikte des vermuteten früheren Bades mussten erst rekonstruiert, bzw. interpretiert werden. Das „Wasserbecken“ (ohne Zu- oder Ablauf) hat grob geschätzt etwa eine Fläche von einen auf eineinhalb Meter, was den Anschein erweckt, als sei das בור טבילה sozusagen umgekippt und auf der falschen Seite gelandet. Da wir davon ausgehen können, dass der früher als Lagerraum verwendete Keller gewiss trocken war, ergibt sich andererseits auch wieder, dass das heute, etwa einen halben Meter hoch stehende Wasser, wohl aus Gründen der Dramatisierung zugelassen wurde, wobei sodann Anhaltspunkte für חורים fehlen.

Über dem freigelegten Gelände erstreckte sich nach dem 15. Jahrhundert ein wohl christlicher Friedhof, wo die Ausgräber etwa 80 Leichen-Funde machten. Auf der Webseite der „Alten Synagoge Erfurt“ wird im Kontext mit der ausgestellten Mikwe sogar ein fachgerecht freigelegtes Skelett präsentiert. Die weiteren Überreste der katalogisierten Toten wurden den Angaben gemäß, auf dem städtischen Friedhof vergraben, da, wie es einigermaßen makaber heißt „ihre wissenschaftliche Auswertung kaum brauchbare Ergebnisse erwarten ließe“ (dto.).

http://www.alte-synagoge.erfurt.de

Passend zum Friedhof ist eine eher untypisches Detail des präsentierten Bades: ein in der Seitenwand verbauter Quaderstein mit einem umgedrehten Ecksteinkopf. Der lockige Kopf trägt eine Mütze und erinnert damit deutlich an antike römische Sarkophage. Man spricht hierbei von einem sog. „Akroterion“ (ἀκρωτήριον), also einen oft zugespitzten Eckstein welcher an der Kante des Sarkophags angebracht oder dort speziell herausgearbeitet wurde. Im Erfurter Keller ist offenbar ein taurischer Kopf zu sehen, bei römischen und griechischen Grabmalen schon recht typisch mit gelockten Haaren und phrygischen Mützen dargestellt.

Die Köpfe an den Ecken der oft recht wuchtigen Steinplatten wurden im antiken griechisch-römischen Bestattungskult als Grabwächter aufgefasst. Ihre apotropäische Symbolik sollte  „böse Geister“ davon abhalten, die Totenruhe der Verstorbenen zu stören oder sich gar der Leichname zu bemächtigen, was im Fall von Erfurt dann offensichtlich nur zeitlich begrenzt klappte.

Taurische Akroterion Maske an einem Sarkophag im Vatikan

Kopie des Kopfes an der Außenseite des Schutzbunkers

In Erfurt wurde die als Steinplastik allen Ernstes als „König David aus dem Alten Testament“ gedeutet, was abermals den Stellenwert Erfurts unterstreiche und in Bezug auf seine neu gefundene Mikwe deren „besondere Stellung unter den Mikwen Mitteleuropas heraushebt“, denn „erstmals wurde an einem jüdischen Ritualbau figürlicher Schmuck nachgewiesen“.

Keine naheliegender Gedanke, aber die Erklärung  ist ebenso einfach wie bestechend: „Die Krone mit Lilienaufsatz ermöglicht eine Interpretation der Plastik als König David. Kunsthistorisch lässt sie sich in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datieren.“

(http://www.erfurt.de/ef/de/erleben/kunst/aktuelles/2010/print_35565.shtml)

Fehlt nur noch eine Erklärung dafür, warum mittelalterliche Juden sich eine David-Figur in Stein gemeißelt haben sollten, obwohl das Judentum wie auch der Islam Skulpturen als Götzenbilder streng verbieten. Als sie sich über das Verbot erst mal hinweggesetzt hatten, überkam sie dann doch eine Art schlechtes Gewissen, weshalb sie den Kopf dann mit der Kinnspitze nach oben, also verkehrt herum eingesetzt hätten? Eine bizarre Vorstellung.

Akroterion an Steinsarkophag im Römischen Museum Augsburg

Ob es sich bei dem ausgestellten Fund wirklich um eine ehemalige Mikwe handelt ist angesichts des Eckkopfstein wenig plausibel, da es im Judentum ein striktes Verbot für die Herstellung und Verwendung einer Skulptur  (פסל) gibt. Da ansonsten an den Begebenheiten und baulicher Substanz mangelt, ist die Präsentation als solche einigermaßen fragwürdig. Selbst wenn tatsächlich Überreste einer mittelalterlichen Mikwe vorhanden, aber dann doch wieder mehrfach überbaut und verändert worden wären, hätte es keine praktischen Nutzen, da keine funktionalen Aspekte vorhanden sind.  Schon ein Bruchteil des dafür ausgegebenen Geldes hätte wohl ausgereicht um der heutigen jüdischen Gemeinde am Juri-Gagarin-Ring eine koschere Mikwe zu besorgen, damit Im Wortsinn “Jüdisches Leben in Erfurt” gedeihen könnte. Es wurde lediglich ein ehemaliger unterirdischer Lagerraum unter Wasser gesetzt und überbaut, wofür zudem auch noch in mehreren Dutzend Fällen die Totenruhe Erfurter Ahnen gestört, zerstört wurde. Angesichts des Sarkophags im Mikwen-Museum könnte man dann fast von Sarkasmus sprechen, wäre es nicht eher eine Farce.

Zweifellos am originellsten ist dabei der Wegweiser zur “Mikwe” im benachbarten Biergarten.

Since last fall Erfurt has another landmark of her Jewish history project, the mikveh discovered in 2007 next to the Krämerbrücke (bridge), which was overbuilt by an protective building similar to Regensburg Marktplatz

In 2007 the news from Erfurt was that the medieval mikveh was rediscovered next to the famous Krämerbrücke at river Gera. After lots of excavation, documentation and construction since last fall there is another piece of Erfurt’s Jewish tourist program. Today the remnants of the basement cellar which once was used as storage room is regarded as Jewish immersion bath first mentioned in Erfurt about the year 1248. Medieval deed mention the bath at another place, at Kreuzstr. 4, what actually does not bother the experts since medieval writers had not the same degree of accuracy as they are today. Diggings there also had no convenient result and just unveiled a 19th century basement.

On the site of the finding for half a millennium there a Christian cemetery and so some eighty skeletons needed to be examined and removed from their burial place. Since their remains were regarded of less important academic value the collected bones were buried at the municipal cemetery.

Although the site is promoted as medieval mikveh, it of course is none. Today however the “mikveh” is overbuilt by a kind of protective shelter, similar to the one, which is similar to the arrangements of Neupfarrplatz in Regensburg. You only can visit the basement when joining a guided group.

Sarcophagus at Vatican, Museo Grogoriano profano (drawing by G. Eichler), note the acroterion mask on the top of the depiction.  Source: http://av.zrc-sazu.si/pdf/50/AV_50_Kastelic.pdf

In the sidewall of the „mikvah“ there is a head shaped corner stone sculpture until late Roman times known as “acroterion” on the top of sarcophagi. Many head shaped cornerstones – as the Erfurt one – quite typical have Phrygian bonnets and curled hair. In ancient Roman and Greek belief system the acroterion was supposed to protect the tomb from violation of graves or even from stealing the corps. Obviously the period of warranty in 2007 already was expired.

The experts from the local monument protection authority however have interpreted the cornerstone as “King David from the Old Testament” and say it underlines the importance of Erfurts Jewish past. For the first time there is an evidence for figural decoration at a Jewish “ritual construction”, what of course would highlight the mikvah of Erfurt among the other mikvot in Central Europe.


Die “Alte Synagoge” von Erfurt

May 21, 2012

Als große Attraktion und Kernpunkt der Bewerbung Erfurts um eine Auszeichnung als „Weltkultur-Erbe“ der UNESCO präsentiert die Stadt seit einigen Jahren die sog. „Alte Synagoge“ als“ älteste erhaltene Synagoge Europas“, in welchem heute ein jüdisches Museum untergebracht ist. Dort sind die Exponate des sog. „Erfurter Judenschatz“ ausgestellt, die 1998 unweit in der Michalistr. 43 unterhalb einer Kellermauer gefunden wurde, sowie Faksimile mittelalterlicher hebräischer Bücher aus Erfurt, deren Originale sich in der Berliner Staatbibliothek befinden. Im Hof des Museums befinden sich unter Glas drei mittelalterliche Grabsteinfragmente. Mit inbegriffen sind zahlreiche touristische Angebote, etwa eine (sachlich und altersgerechte?) Führung für Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren mit dem vielsagenden Titel „Taharah – von kalten Füßen, nackten Frauen und Geistern“ (http://alte-synagoge.erfurt.de/jle/de/altesynagoge/service/).

Nach allgemeiner Auffassung soll das im Laufe von Jahrhunderten in mehreren Bauphasen immer wieder veränderte Gebäude auf eine auf das Jahr 1094 datierte Synagoge zurückgehen, wovon ein sieben Meter langes und bis zu ca. zwei Meter hohes Mauerstück noch erhalten sein soll. Zu den historischen Begebenheiten nimmt Adolph Jaraczewsky (1829-1911), von 1862 bis 1879 Rabbiner in Erfurt, in seiner 1868 veröffentlichten „Geschichte der Juden in Erfurt“ ausführlicher Bezug. Am 21. März 1349 kam es im Erfurt zum sog. „Judensturm“. Da es andernorts schon zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war, rechneten die Erfurter Juden mit einem Angriff und sollen sich massiv bewaffnet haben: „“Diesen Überfall fürchteten sie in der Zeit, da sie im Gotteshause versammelt waren … und dachten an Gegenwehr. Denn man fand in der Synagoge treffliche Rüstungen an Armbrüsten, Spießen und Pfeilen, so dass man nicht wenig überrascht war, in dem Gotteshaus auch ein Zeughaus zu entdecken.“ (Jaraczewsky, S. 26). In einem an selber Stelle zitierten christlichen Bericht des Petersklosters heißt es: „In Erfurt fiel die Bürgerschaft wie ein ergrimmter Tiger über seinen Raub her.  Hundert fielen in ihre Dolche, oder wurden unter ihrem Streithammer zerschmettert. Die Entkommenen retteten sich in ihre Häuser, verriegelten Tür und Fenster, besetzten alle Eingänge und machten sich zur Gegenwehr bereit. Die Wut stieg mit dem Widerstand. Man warf Feuerbrände, und hoch loderte die Flamme über den Opfern der Unschuld. Mehr als 5000, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier, auf eine, die Menschheit empörende Weise den Tod.“

In Wilhelm Horns äußerst interessanten „Charakterisierung der Stadt Erfurt – ein medizinisch-statistischer Beitrag“ aus dem Jahr 1843 (S. 228) liest sich das dort freilich auf 1346 (!) datierte Geschehen kurz gefasst so: „Einige Junker trachteten nicht nur, die Juden zu erschlagen, sondern wollten auch bei einem solchen Tumult das Stadt-Regiment an sich ziehen. Sie vereinigten sich heimlich mit einigen übelgesinnten Ratsherren und irregeleiteten Gewerken. Als dies der Rat erfuhr, schickte er seine Diener den Juden zur Hilfe; allein der Auflauf war schon zu groß, als dass der Rat hätte gehört werden können. Gegentausend Juden wurden erschlagen, die übrigen aber, welche sich verloren glaubten, liefen in einige Häuser zusammen, zündeten sie an, und verbrannten sich mit Allem, was sie bei sich hatten. Es sollen damals 6000, nach Anderen sogar 9000 Juden in Erfurt gewesen sein, welche alle umkamen. Man fand in der Judenschule Rüstungen, Armbrüste, Spieße und Pfeile, deren Zweck man nicht einsah. Der Kurfürst Gerlach war über dieses Benehmen der Bürgerschaft höchlich erzürnt, die Stadt gab als Ursache der Verfolgung den Verdacht der Brunnenvergiftung an; da dieses jedoch keineswegs erwiesen war, und der wahre Grund vielmehr deutlich hervorleuchtete, so wurde die Stadt verurteilt, jährlich 100 Mark Silbers als Strafe zu geben; – eine Strafe die aber nicht lange gezahlt wurde.“

Jaraczewsky zweiter Nachfolger im Amt des Erfurter Rabbiners Theodor Kroner formulierte in seiner Festschrift zur Einweihung der neuen Erfurter Synagoge am 4. September 1884, sich weitgehend auf die Peterschronik stützend: „Mit Dolch und Streithammer tötete man dieselben, stürmte ihre Häuser und als sie sich in den selben zur Wehr setzten, zündete man die Häuser an. In Wirklichkeit wohl nur 100, der Sage nach 5000, nach Anderen 6000 oder gar 9000 Juden, wovon sich ein Teil selbst ins Feuer stürzte, fanden hier auf eine die Menschheit empörende Art ihr Grab.

Die genannten möglichst hohen Zahlen tausender getöteter Juden in Erfurt sind sicher eine maßlose Übertreibung seitens der christlichen Chronisten (oder Wunschdenken), da die gesamte Einwohnerschaft Erfurts zur Mitte des 14. Jahrhunderts kaum über 10.000 Einwohner hinausgekommen sein wird. Vielleicht werden deshalb allgemein wohl auch die gleichwohl genannte Zahl der “hundert” zitiert. Doch bereits bei der Rückkehr der Juden im Jahr 1350/51 sind 33 Hausbesitzer verzeichnet. Jaraczewsky schätzt die Anzahl der Hausbesitzer auf ein Drittel und deshalb die Anzahl der Juden auf etwas über 500, was sicher eher konservative Werte sein dürften. Die Erfurter Juden waren vor dem „Sturm“ wohl in benachbarte Städte geflüchtet, etwa nach Arnstadt 15 km südlich von Erfurt, oder ins 20 km westlich gelegene Gotha oder ins gleichweit entfernte östliche Weimar.

Wie anderer zurückgelassener Besitz wurde die Synagoge in Abwesenheit beschlagnahmt und gelangte so in „Privatbesitz“. Dazu passt nun offenbar der durch dendro-chronologische Verfahren ermittelte Befund, der erhaltene Holzbalkenreste auf das Jahr 1351 datiert, welche nun aus der Zeit des Umbaus stammen sollen. Daraus folgte dann jedoch, dass die neuen Besitzer sich rasch um einen Umbau bemühten. Sollten tatsächlich Brände gelegt worden sein, müssten in einer eng bebauten mittelalterlichen Altstadt erhebliche Schäden angerichtet worden sein. Kaum vorstellbar, dass ggf. beschädigte oder gar ausgebrannte Häuser hernach einfach so „in Privatbesitz“ übergegangen sein konnten. Den nach Erfurt zurückkehrenden Juden soll 1357 auf städtische Kosten der Bau einer neuen Synagoge bewilligt worden sein, welche später in der handschriftlichen Chronik von Samuel Fritz abgebildet wurde. Die Überreste dieser neuen mittelalterlichen Synagoge wurden nach dem großen Brand von 1736 abgetragen.

Ob es sich wirklich um eine ganz neue Synagoge handelte oder ob der durch Feuer oder anderweitig Zerstörungen beeinträchtigte alte Bau erneuert wurde, ist etwas unklar. Einer Variante der Geschichte gemäß, wurde tatsächlich keine neue Synagoge gebaut, sondern bisherige wieder von den zurückgekehrten Juden genutzt. Demnach kamen im Jahr 1357 Abraham von Fulda, Cassel von Arnstadt, Adelkind von Dornburg mit Rabbi Feudlin und anderen nach Erfurt zurück und „mieteten vom Rat die Judenschule welche dieser in den Sturmjahren an sich gebracht hatte und die jetzt wüst lag, um etliche Mark.“ (Jaraczewsky, S. 33). Demnach wurde die Synagoge beim sog. „Judensturm“ wohl stärker beschädigt und lag noch acht Jahre später „wüst“. Dies widerspricht natürlich einer zwischenzeitlichen „privaten“ Nutzung und hinterfragt ein wenig auch die Datierung von Holzstücken auf den Winter 1350/51. Berichten gemäß wurde die „neue“ Synagoge 1479 zur Kirche geweiht, rund zwanzig Jahre nachdem 1458 die mittelalterliche Geschichte der Juden in Erfurt mit der Ausweisung endet. Das ehemalige Synagogengebäude soll 1736 beim Stadtbrand völlig ausgebrannt sein.

Es ist nun fraglich, ob jener Bau, der als „Alte Synagoge“ rekonstruiert oder gar nur konstruiert wurde tatsächlich auf eine mittelalterliche Synagoge zurückgeht.

Die „Entdeckung“ der Synagoge vor etwa zwanzig Jahren wurde als „Wunder“ aufgefasst, da man angeblich nicht ahnen konnte, um was für einen Bau es sich handelte.  Die Unklarheit darüber ist jedoch eigenartig da schon im Jahre 1862 der Erfurter Lokalhistoriker Bernhard Hartung im selben Gebäude „die alte Synagoge der ehemals berühmten Erfurter Judengemeinde“ vermutete und dies nicht geheim hielt. Ausführlicher noch setzte sich der Erfurter Jaraczewsky in seinem 1868 publizierten Buch zur Geschichte der Juden in Erfurt damit auseinander, wobei er verständlicher Weise bereits geläufige Auffassungen aufgriff:

Ihre Hauptsynagoge (denn eine zweite lag auf ihrem Friedhof), welche noch jetzt in ihren Umfassungsmauern vorhanden ist, scheint mit ihrer Fronte nicht an der Straße gelegen zu haben und bildet gegenwärtig das Hintergebäude eines öffentlichen Lokals (eines sog. Kaffeehauses) Hausnummer 2545. Es ist ein mächtiges, beinahe viereckiges, drei Stock hohes Gebäude, in dessen oberen Geschoss, an der Ost- und Westseite, sich größere Fenster im ältesten Spitzbogenstil, und neben diesen Fenstern am westlichen Giebel noch zwei runde Fenster befinden. Leider haben die mannigfachen Bauten, welche im Laufe von Jahrhunderten im Innern des Gebäudes vorgenommen wurden, dasselbe so verändert, dass sich nicht mehr erkennen lässt, welche Einteilung es damals gehabt haben mag, als es gottesdienstlichen Zwecken diente.“

Auch die modernen Interpreten des Baus kommen nicht umhin, einzugestehen: „Der Grundriss (der Synagoge) in Erfurt weicht jedoch in ungewöhnlicher Weise von den übrigen (zeitgenössischen) Synagogen ab“ und „Der Grund für diese Abweichung … ist bisher unklar“ (Alte Synagoge und Mikwe zu Erfurt, S. 38/39). Trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren deutet kaum etwas auf eine frühere Synagoge hin.

Der Grundriss des heutigen Baus hat eine Fläche von ca. 18 auf 12 m. Die Orientierung der Längsseite ist einigermaßen südöstlich, ist dabei jedoch anders als erforderlich und zu erwarten nicht nach Jerusalem ausgerichtet, sondern nach Laibach, Brindisi in Süditalien, Ost-Libyen, schließlich Sudan und Kampala in Uganda. Auch wenn neuzeitliche Reformgemeinden es in der Regel bei einer vereinfachten Ost-Ausrichtung belassen, die der Talmud in Vermeidung einer vorstellbaren Sonnenanbetung untersagt, nahmen antike und mittelalterliche Juden die genaue Ausrichtung nach Jerusalem in aller Regel doch sehr genau. Dies gilt umso mehr, wenn Gelegenheit dazu bestand, einen Neubau vorzunehmen. Wie auch immer, wäre beim Erfurter Bau der Aron Kodesch an der schmalen etwa 12 m langen Südost-Mauer zu erwarten gewesen, jedoch deutet heute nichts auf eine entsprechende Nische hin. Die Hauptfassaden verlaufen entlang der ca. 18 m langen Seiten mit eigenartigen Fensteranordnungen auf mehreren Etagen, die zum einem erst  wieder freigelegt, ein möglichst hohes Alter anzeigen, andererseits aber kaum besagen können, dass die mittelalterliche Synagoge bereits entsprechend eingeteilt war und über vier (unterschiedlich belegte) Fenster-Etagen verfügt haben soll.

Die überlieferte Abbildung der alten Synagoge in Erfurt, die wahrscheinlich irrtümlich einem Neubau zugeschrieben wird, zeigt keine wesentlichen Übereinstimmungen mit dem heutigen Museumsbau. Auch das für das äußere Erscheinungsbild der freigelegten Südwest-Fassade charakteristische asymmetrische hölzerne Giebeldreieck der Synagoge ist keineswegs einmalig in Erfurt, sondern findet sich in Varianten im Bereich der Erfurter Altstadt, beispielsweise an der Barfüßer Kirche oder weit weniger hochragend an einem Haus in der Marstallstraße / Lange Brücke.

Die auf einer alten Karte zu sehende zugespitzte Form findet sich wieder auf der restaurierten Fassade der Synagoge:

Zusammengefasst deutet trotz aller Rekonstruktionsversuche in den letzten zwanzig Jahren nichts darauf hin, dass es sich bei der beworbenen „Alten Synagoge“ in Erfurt tatsächlich um den auf den Fundamenten einer mittelalterlichen Synagoge errichteten Nachfolgebau oder gar um die älteste erhaltene Synagoge, ob nun der Stadt, Deutschlands oder Europas handelt.

Dass es bis ins 15. Jahrhundert eine bedeutende mittelalterliche jüdische Gemeinde gab, steht außer Zweifel ebenso wie die Notwendigkeit diese im Kontext der Fakten zur Stadtgeschichte angemessen zu würdigen. Ohne Zweifel wäre es durchaus wünschenswert, könnte man möglichst viele originale Zeugnisse mittelalterlichen Judentums entdecken und bewahren.

Im Abstand von 660 Jahren ist es fragwürdig, ein ohne Zweifel mehrfach erheblich umgebautes Gebäude, das nur phasenweise originale Bausubstanz, dafür aber jede Menge Spuren seiner weiteren Geschichte enthält, „pars pro toto“ umzudeuten, als gelte es im Sinne von Aristoteles ein „Ergon“ zu finden, um auf „auf gut Glück“ an eine Ortsgeschichte zu erinnern, die nun aber am gezeigten Schauplatz in dieser Form sehr wahrscheinlich nie bestanden hat.

Auch wenn die Intention anhand der eigenen Stadtgeschichte mehr als nur Allgemeinplätze  des Judentums (das 1350 ein anderes ist als heute) zu vermitteln (wozu eine Edition „Erfurter“ hebräischer Schriften durchaus geeigneter wäre)„positiv“ zu werten ist, ist dies im Grunde doch bloße Science Fiction. Daran ändert weder die (mehrfach) ausgezeichnete Präsentation (etwa eine Auszeichnung für das einheitliche Design der Bücher und Prospekte zu den jüdischen Orten der Stadt oder ein „European Tourism Award“ der British Guild of Travel Writers, …), noch eine Bewerbung als „Weltkulturerbe“.

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Although the British Guild of Travel Writers in 2011 has awarded the Old Synagogue of Erfurt with its “European Tourism Award” it most likely rather refers to a successful tourism concept than to historical facts. The building is regarded and promoted as “oldest synagogue of Europe”, but of course was not used as synagogue during the last 663 years and is no synagogue today. Furthermore there hardly is anything what may indicate that it was an ancient synagogue at all. The orientation of an ancient synagogue in medieval times was toward Jerusalem. Only in more recent times, mistaken by a North African “Mizrakh”, a mere eastern orientation was regarded as sufficient, altough it made no sense in Central or Northern Europe. The building in Erfurt however only to some degree orientates towards south-eastern direction, but clearly not towards Jerusalem, but only towards Laibach, south Italian Brindisi or finally towards East Libya, Sudan and finally Kampala, capital of Uganda. Although the building unquestionable is pretty old it also was converted, rebuilt and reconstructed time and again, so that already in 1868 Mr. Adolph Jaraczewsky, rabbi of Erfurt from 1862 until 1879, said in his “History of the Jews in Erfurt”: “unfortunately the manifold constructions at the interior of the building in the course of centuries have varied so much so that it is not possible to see which sections it may had in the times it was used for (religious) services. Also the new promoters of the building as synagogue admit that the outline (of the building) in Erfurt differs exceptionally from all other known (contemporary) synagogue buildings and that the reason for this until now is still “unclear”. According to the law of parsimony one rather simple reason to answer the question maybe was that it never was a synagogue.

Local tradition examined more closely shows a number of contradictions. The popular version has it that in spring 1349 a mob attacked the Jews in Erfurt and killed all or at least most of them. With that the old synagogue ceased to be the center of Erfurt’s Jewry. When a couple of years later they returned to Erfurt the municipality financed a new synagogue for the Jews, while the old one passed into “private” ownership, whatever this could have meant in mid-fourteenth century. However, the newly built second synagogue was depicted in a handwritten chronicle and was used by the Jewish community of Erfurt until their expulsion from the city in 1458. Some twenty years later, the building was converted into a church. After the conflagration of 1736 the remnants of the church were pulled down, so that there is no leftover from the second synagogue.

Another version says that the Jews resisted the attackers so that they set the Jewish houses on fire. However in 1357 a number of Jewish leaders returned to Erfurt from neighboring towns like Arnstadt and rehired their former property within the city, thus also the old synagogue which laid waste for some years. The synagogue in this version was refurbished.

Since there is no reasonable indication for a synagogue in this building, it is entirely possible that the old synagogue of Erfurt damaged in 1349 and afterwards was used until 1458 and converted into a church in 1479 was a quite different building than the one which today is promoted as “oldest synagogue” of Europe. Since the building however wasn’t used as a synagogue for 660 years anyway it would not matter anyway, but if the intention is to provide some pieces of genuine history it of course is appropriate to go better without science fiction or wishful thinking.        

בארפורט יש בית הכנסת העתיק ביותר באירופה. זה מה שהם אומרים

אבל יש רק הוכחה קטנה והרבה וחשיבה חיובית

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A Erfurt, nella capitale est-tedesca della Turingia, si trova la più antica sinagoga europea. Questo è ciò che si dice. Anche se vi è solo una prova molto poco, hanno un sacco di pensiero positivo e concetti di marketing buoni. Forse sufficienti per guadagnare Patrimonio dell’umanità premio di UNESCO …


Die Erfurter Judensau

May 18, 2012

Zu den herausragenden authentischen Zeugnissen über die mittelalterliche jüdische Gemeinde im thüringischen Erfurt gehört die offenbar nur wenig beachtete „Judensau“ im Erfurter Dom.

Sogenannte „Judensäue“ sind eine hauptsächlich deutsche Eigenart (Beitrag zum Exemplar in Regensburg: http://jhva.wordpress.com/2011/09/06/die-judensau-in-regensburg ) . Sie stellen meist am sog. Judenhut zu erkennende Juden dar, die auf einem weiblich Schwein sitzen oder von unten an dessen Zitzen schlecken und dergleichen. Allgemein wird vermutet, dass die Darstellung von Juden mit Schweinen eine Art Schande für Juden sei, da das Schwein gemäß den Bestimmungen der Tora „besonders unrein“ sei. Zwar ist es zutreffend, dass Schweinefleisch nach den Geboten vom Sinai nicht für den Verzehr geeignet und im Judentum verboten sind, jedoch trifft dies in der genau selben Weise auch auf Delfine, Pferde, Adler, Löwen, Hunde, Elefanten, Insekten, Katzen oder Pandabären zu, die ebenfalls nicht gegessen werden dürfen. Es gibt nichts, was ein Schwein „unreiner“ machen könnte als ein Krokodil, einen Wellensittich oder Kamele. Es gibt hier keinen Superlativ und nicht koscher ist nicht koscher.

Die Fixierung auf das Schwein ist nichts was im Judentum besondere Relevanz hätte, sondern ist vielmehr der eigenartigen Ambivalenz des Schweins im Christentum zu sehen. Während Jesus im Evangelium noch Dämonen in Schweine zaubert und diese sodann in einen Abgrund stürzen lässt, ist auch dem frommsten Christen das Essen von Schweinen selbstverständlich erlaubt. Sehr ausgeprägt ist dies gerade in Deutschland, wo ungezählte kulinarische „Spezialitäten“ zubereitet werden, wie Bratwürste, Schinken, Schnitzel, Schweinshaxen, Saumagen, und vieles andere mehr, was in vielen Regionen geradezu identitätsstiftend zur „echten Tradition“ dazu gehören soll. Offenbar recht leckere „Schweinereien“ sind demgemäß gerade in Deutschland fast sprichwörtlich in aller Munde. Auch, weil andererseits das wohl ganz gerne genossene Schwein auch wieder ein Schimpfwort ist: du Schwein, du Sau, du Dreckschwein, du Ferkel, usw. wecken in christlich-deutschen Ohren Assoziationen, die es so kaum in anderen Sprachen gibt. Im Gegensatz dazu wäre es eher eigenartig ein hebräisches חזיר als Schimpfwort zu gebrauchen, zumal die Wortwurzel „zurückkehren“ (חזר) bedeutet, was wenigstens linguistisch das Schwein zu einem „Rückkehrer“ macht. Andererseits ist im Deutschen das Schwein Ausdruck in ungezählten Wortkombinationen, die sich auch in der stets wandelnden Jugendsprache halten, wie beispielsweise „saugeil“, „saubillig“, „schweineteuer“, „sauertopf“, oder „saublöd“ … die je nach Kontext mal eher positiv, mal eher gegenteilig verstanden werden. Einen solchen Stellenwert hat „das Schwein“ nur in der deutschen Sprache.

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Die „Judensau von Erfurt“ befindet sich am Chorgestühl im Marien-Dom (beatae mariae virginis). Anders als die meisten Judensäue ist die Erfurter keine Steinskulptur. Es handelt sich vielmehr um ein geschnitztes Flachrelief aus Eichenholz, das etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammen soll. Dargestellt ist ein Jude, der auf einer Sau reitet, wobei sein Fuß in einem Steigbügel steckt. Wie anderswo, sind auch hier die Proportionen der insgesamt äußerst aufwendigen und detailreichen Darstellungen völlig unrealistisch, da der Jude kaum größer ist als das Schwein, das in Natura kaum mehr als 80 cm Schulterhöhe erreicht. Das Schwein ist durch die Zitzen eindeutig als weibliches Tier, als Sau erkenntlich. Dem jüdischen „Schweinsteiger“ oder „-reiter“ gegenübergestellt ist nun ein Ritter, der mit einem Pferd auf den Juden zureitet und in einer Hand eine Lanze hält, wie man sie von Rittern kennt, während er in der anderen Hand ein Schild hält, auf welchem ein Fisch abgebildet ist. Im Schweinereiter trägt der Pferdereiter keine Kopfbedeckung, auch keinen für einen Ritter sodann typischen Helm. Beide Reiter sind von einem Weinstock umgeben, wobei der Jude sich mit einer Hand an einem gebogenen Strang festhält, an welchem einige Reben und Blätter hängen. Vielleicht wird dieser dem  Pferdereiter entgegen schnalzen, so der Jude loslässt.

Über den beiden Reitern befinden sich eingekreist zwei musizierende geflügelte Personen („Engel“). Der eine spielt eine Art Geige, der andere offenbar eine Art Harfe. Unterhalb der Reiter befinden sich zwei tierische Figuren: offensichtlich jagt der Hund unter dem Pferd den Hasen unterhalb des Schweines. Letzteres ist eine im mittelalterlichen Judentum durchaus geläufige Darstellung aus zahlreichen illustrierten Pessach-Erzählungen, wobei der verfolgte Hase die Juden darstellt. Insbesondere in der späteren Augsburger Druck-Variante ist das „“Jag den Has‘“-Motiv von besonderer Bedeutung.  Die Tatsache aber, dass Hasen genauso wenig koscher sind wie Schweine und gleichfalls nicht gegessen werden dürfen hat jüdische Maler nicht davon abgehalten Hasen als ein Symbol für das Judentum darzustellen, so wie bereits in der Antike Löwen immer wieder das jüdische Volk darstellen.

Es wird angenommen, dass die Darstellung in einem Zusammenhang stehen könnte mit dem „Pogrom“ an den Erfurter Juden im Jahre 1349, bei dem die jüdische Bevölkerung getötet und vertrieben worden sein soll. Die Darstellung ist von handwerklich herausragender Qualität und man möchte kaum glauben, dass sie bereits über sechseinhalb Jahrhunderte alt sein soll. Jedoch ist es ungleich schwieriger dieses eigenartige Detail im Rahmen einer Serie zahlreicher weiterer bildlicher Motive angemessen zu deuten. So kontrastiert die Disproportionalität der Figuren eigenwillig mit der sehr genauen Darstellung ihrer Details. Während also das Pferd und das Schwein, auf dem die beiden Reiter sitzen, in ganz grotesker Weise etwa gleich groß sind, hatte der Künstler andererseits dann doch Faltenwürfe der Gewänder, Gesichtszüge, Ausstülpungen von Weinblättern, usw. recht genau herausgearbeitet.

Schnitzerei am Chorgestühl im Erfurter Dom: die Darstellung der Judensau befindet sich zwischen den roten Markierungen unten

Die Szene stellt einen mit einer Lanze bewaffneten Reiter auf einem Pferd dar, der einen Mann mit Judenhut, der auf einem Schwein sitzt angreift. Der nach damaligen Maßstäben bestens ausgebildete Elitesoldat attackiert demnach einen unbewaffneten Zivilisten, was nun sicher keine Großtat ist. Eigenartig ist demnach die Geisteshaltung der Christen, die eine solche, recht feige Schandtat ganz offensichtlich heroisieren will. Andererseits mildert die Tatsache, dass der bewaffnete Angreifer auf einem Pferdchen sitzt, das gerade mal so groß ist wie ein weibliches Schwein, die Szenerie gewiss ins Lächerliche, woran auch die musizierenden Engel über ihnen nichts mehr ändern können. Man ahnt fast, dass sie leicht variiert ein Kinderlied anstimmen mochten: „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Galopp! Über Stock und über Schweine …“

Erfurt “Braugold” Maibock at Biergarten next to the Cathedral (Domplatz), worth a try other than the normal beer

Among the outstanding authentic testimonies about a medieval Jewish community in Erfurt, is the so called “Judensau” (Jews sow) depiction at the choir stalls of Erfurt Cathedral, which however apparently gets only very little attention in the capital of Thuringia which otherwise for a number of years in noticeable extents tries to rediscover its mediaeval Jewish past.


Impressionen Judengasse Rothenburg ob der Tauber

May 17, 2012

Die alte Rothenburger Judengasse hat in größerem Umfang ihre mittelalterliche Bausubstanz erhalten und zählt damit zu den wenigen Orten in Deutschland, die diesbezüglich mehr als Rekonstruktionen, Erinnerungstafeln oder bloße Namenschilder vorzuweisen haben. Hat man das Glück ein paar autofreie Passagen oder Momente zu erhaschen, kann man sich einigermaßen ein Bild über einen Teil des jüdischen Viertels in der Stadt machen.

The Judengasse (Jewish lane) in Rothenburg ob der Tauber, one of Europe’s most beautiful cities, has some twenty houses from the time, when Jews lived there until half a millennium earlier. So if you are lucky to see at least parts of it without cars, you might imagine how life then was like.

Hebrew German inscription, Hebräisch-deutsche Inschrift in Judengasse Rothenburg marks הרובע היהודי, das “Jüdische Wohnviertel”, (quartier juif, еврейский квартал, barrio judío) the Jewish quarter- ca. 1371 to 1520, altough Jews lived in Rothenburg much earlier as well as in other streets.


Die jüdischen Friedhöfe von Pappenheim

May 11, 2012

Als Besonderheit Pappenheims befinden sich etwa 400 m nördlich der Altstadt gelegen an beiden Seiten der Bürgermeister-Rukwid-Straße zwei gegenüberliegende jüdische Friedhöfe, die gewöhnlich jedoch als alter und neuer Teil eines Friedhofs bezeichnet werden. Am steil einen Waldhügel aufsteigenden nördlichen Teil befindet sich, unter einem Baum nahe der Straße, eine auf 1950 datierte Erinnerungstafel auf welcher  auf Deutsch geschrieben steht: „Israelitischer Friedhof aus dem 11. Jahrhundert“. Da diese Datierung jedoch sehr singulär ist, war wahrscheinlich, wie auch sonst zu lesen ist, das 14. Jahrhundert gemeint.

Wie dem auch sei, fotografierte Theodor Harburger im Juli 1928 ein Grabsteinfragment (44 x 48 x 9 cm), das sich „im Eigentum“  des Grafen von und zu Pappenheim befand und einem ר נפתלי בר יחיאל (R. Naftali bar Jechiel) gewidmet wurde. Obwohl die hebräische Inschrift nur den Wochentag nennt, aber keine Jahreszahl erhalten geblieben ist, wurde der Grabstein „aus dem 15. Jahrhundert“ stammend aufgefasst.

In Augsburg ist in den städtischen Steuerlisten ab 1377   Gutlin von Pappenheim als Steuerzahler verzeichnet, den hebräische Quellen wenige Jahre später als „יהודה גוטלין ב’ר נפתלי פאפענהיים“ (Jehuda Gutlin bar rabbi Naftali Pappenheim) und als in Augsburg praktizierender Beschneider und Lehrer (מוהל ומורה באוגסבורג) verzeichnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es  mehrere Rabbiner namens Naftali in Pappenheim gab, ist nicht sonderlich groß, weshalb wir annehmen können, dass es sich bei dem nach Augsburg gezogenen und wahrscheinlich um 1390 verstorbenen Juda Gutlin von Pappenheim um den Sohn des am Grabstein in Pappenheim genannten Gelehrten handelte. Dessen Tod müssten wir dann wahrscheinlich im selben Zeitraum vermuten, denkbar vor 1377. Eine Gewissheit darüber gibt es natürlich nicht.

Theo Harburger Photograph from July, 16th, 1928 (CAHJP P 160/317)

Ein weiteres mittelalterliches Grabsteinfragment befindet sich in einem Nebenraum der evangelischen Kirche an der Graf-Carl-Straße, an deren anderen Ende sich anstelle des heutigen Feuerwehrhauses, die vor rund zweihundert Jahren gebaute letzte Synagoge Pappenheims befand. Der Grabstein (ca. 80 x 40 x 10 cm) liebt am Boden unter einem Tisch und besagt in seinem fragmentarischen Zustand wenig mehr, als dass ein namentlich unbekannter Junge im Monat Tischri (September/Oktober) starb. Weitere Angaben wie auch die Jahreszahl fehlen, jedoch ist die Machart des Steines recht typisch für die Zeit des 14. Jahrhundert.

medieval Hebrew tomb stone in a storage room of an old church in Pappenheim

  The Hebrew grave marker under the table and next to a rolled-up carpet

Ob, wie allgemein angenommen, die beiden Grabsteine-Fragmente vom existierenden Friedhof an der Bürgermeister-Rukwid-Straße stammen, ist wenig wahrscheinlich. Sollte es bereits im 14. Jahrhundert einen Friedhof in Pappenheim gegeben haben, wie und warum sollten die Steine dann in den Besitz der Kirche oder in den des Grafen gelangt sein? Die Wiederverwendung eines ehemaligen Grabplatzes ohne vorhandene Steine kann aus halachischen Gründen freilich gänzlich ausgeschlossen werden. Da eine kontinuierliche Nutzung seit dem 14. Jahrhundert wie auch eine Rückkehr auf ein früheres Gräberfeld ausgeschlossen werden kann, ist es plausibler anzunehmen, dass es sich bei den Steinfragmenten um Beutestücke von anderswo abgeräumten mittelalterlichen Friedhöfen handelt. Aus der näheren Umgebung kommen Nördlingen, Augsburg, Nürnberg, Ulm oder auch Regensburg in Betracht.

Sackgasse jüdischer Friedhof / blind end Jewish cemetery

In der Beschreibung des Friedhofs durch den Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern (Michael Trüger, aus der Serie “Jüdische Friedhöfe in Bayern” in “Jüdisches Leben in Bayern“, dem Mitteilungsblatt des Landesverbandes) heißt es: „Während des Naziterrors wurde der alte Friedhof maßlos geschändet und quer durch das Friedhofs-Areal eine Straße angelegt.“

Durch diesen Straßenneubau, wie auch sonst überall zitiert wird, sei der jüdische Friedhof in Pappenheim in seine heutigen beiden Teile getrennt worden. Diese Ansicht ist offenkundig falsch, da die Straße, die zwischen den beiden ummauerten Friedhöfen verläuft bereits auf der selben Streckenführung so bereits auf einer alten Pappenheimer Ortskarte aus dem Jahr 1822 eingetragen ist. Zwar ist nur der untere, neuere Teil dort auch als „Juden-Begräbniss“ eingetragen, doch entspricht die Einfassung des älteren, völlig unstrittigen oberen Friedhofs nahezu unverändert dem heute existierenden Gelände. Die beiden Friedhöfe waren, da der neue erst gerade zu Beginn der 1820er Jahre angelegt wurde, niemals miteinander verbunden und konnten demnach nicht getrennt werden. Weiter heißt es in der Darstellung des Landesverbands: „Der alte Teil des Beth Olam wurde im November 1938 nahezu vollständig zerstört. Die Grabsteine wurden von der Bevölkerung als Baumaterial benutzt. 1940 wurden auf dem Gelände drei kleine Baracken gebaut, die restliche Fläche wurde als Spielplatz profaniert. Nach dem Krieg hat man diese Baracken auf Veranlassung von Dr. Philipp Auerbach s. A. entfernt, einzelne noch vorhandene Grabsteinreste wieder auf den Friedhof gebracht.“

Auch diese Schilderung ist nicht zutreffend. Nicht der alte Teil des Friedhof wurde fast vollständig zerstört, sondern der untere, neue Friedhof, an dessen Eingang noch die originale alte Holztür mit dem markanten Davidstern am Türschloss erhalten geblieben ist. Logischerweise wäre es auch eigenartig gewesen, hätten die damaligen Pappenheimer tatsächlich versucht auf dem steil aufsteigenden, zudem recht steinigen Gelände Baracken errichten wollen.

Die erwähnten „Baracken“ sollen etwa 1950 wieder entfernt worden sein. Auf der bereits erwähnten Gedenkinschrift auf dem gegenüberliegenden Friedhof heißt es: „Die Grabmale hat man während des Dritten Reiches entfernt. Noch vorhandene Denkmale wurden bei Instandsetzung des neueren Friedhofs durch die Bayerische Staatsregierung im Jahre 1950 dort wiedererrichtet.“

Was die Inschrift wie auch die Beschreibung des Landesverbandes außer Acht lässt, ist die offensichtliche Tatsache, dass der neuere der beiden Friedhöfe, entweder in der Nazizeit oder in den Jahren darauf in seinem Umfang drastisch reduziert wurde. Im Vergleich mit der Darstellung Pappenheims im Jahre 1822 durch das Bayerische Vermessungsamt ergibt sich, dass lediglich etwa 1700 der ursprünglichen kartographisch erfassten Fläche von rund 4300 m² (knapp 40 %) erhalten blieb, wovon ein gewisser Teil zusätzlich bepflanzt wurde. Die restlichen 60 % sind heute mit Wohnhäusern bebaut. Siehe Vergleich Vermessungsplan 1822 und aktuelle Luftaufnahme mittels Google Earth (die blaue Umrandung markiert den heute überbauten Teil des neueren jüdischen Friedhofs von Pappenheim).

In Pappenheim there are two Jewish cemeteries on both sodes of one road. According to common believe after 1938 the Nazi devided the cemetery an built a road trough. Actually old maps by the Bavarian land surveying office from 1822  already recorded the very same road. However the newer cemetery, establised about 1820 either in Nazi time or afterwards was robbed some 60 % of its previous space. Today there are (obviously similar) tenement houses.


Gedenken in Nördlingen

May 10, 2012

 

Tafel in der Nördlinger Judengasse mit Namen Nördlinger Juden die deportiert, in Haft oder in Konzentrationslagern ermordert wurden.

Blick in die Nördlinger Judengasse

A memorial plate next to the Jewish memorial at Judengasse in Nördlingen now commemorates some 50 Jews from Nördlingen who during the Nazi rule in Germany were deported and had perished in prisons or concentration camps (Piaski, Theresienstadt, Auschwitz, Riga, Cosel and Dachau). Mentioned are member from the families of Adler, Arensberg, Ascher, Bredig, Bühler, Eisenmann, Gradmann, Guldmann, Hamburger, Heinemann, Lehmann, Mahler, Mayer, Neumann, Regensteiner, Rosenberger, Schweisheimer, Seligmann, Siegbert, Stoll and Weisbacher. Also mentionend – for what reason ever – are two Christian Socialdemocrats, one of them died in an prison in Augsburg.


Mai 1972: Terror in Augsburg

May 3, 2012

Am Freitag, den 12. Mai 1972 detonierten um 12.15 Uhr auf zwei Büroschränken im damaligen Augsburger Polizeipräsidium an der Prinzregentenstraße „zwei Stahlrohr-Sprengkörper mit Batterie und Uhrwerk“ der „Roten Armee Fraktion“, wobei fünf Polizisten z.T. schwer verletzt wurden. Die Decke zum vierten Stockwerk wurde zerschlagen. Zur Tat bekannte sich ein „Kommando Tommy Weisbecker“.  Stunden später gab es einen weiteren Anschlag auf das Landeskriminalamt in München, in den Tagen davor und danach eine Serie weitere Terrorakte der RAF. Wenige Monate vor den Olympischen Spielen in München erlebte Deutschland einen „blutigen Mai“ mit 4 Toten und zahlreichen Verstümmelten.

Thomas Weisbecker (1949-1972) war der Sohn von Ludwig Weisbecker (1915-1979), der als Jude u.a. im Konzentrationslager Buchenwald interniert war, während Thomas Großvater Louis in Auschwitz und Mauthausen gefangen gehalten wurde. Ludwig Weisbecker wurde in der Nachkriegszeit Doktor und Professor der Medizin und war von 1969 bis 1970 darüber hinaus auch Rektor der Christian-Albrecht-Universität in Kiel. Thomas Weisbecker‘s Mutter war Christin und so wurde er entsprechend auch christlich erzogen. Die Familie zog zunächst von Freiburg nach Karlsruhe und zu Beginn der 1960er Jahre nach Kiel. 1967 ging er zurück nach Karlsruhe, schloss sich dort einer „sozialistischen Schülergruppe“ an. Im Jahr darauf bestand er sein Abitur und begann sein Studium in Frankfurt. Um der Einberufung zur Bundeswehr zu entgehen, übersiedelte er sodann jedoch nach West-Berlin. Dort gelangte er allmählich in linksextreme Kreise im Umfeld der entstehenden RAF, in welchem es Anschläge auf Einzelpersonen, Kaufhäuser, usw. gab. Im Februar 1970 griff Weisbecker mit einem Mitstreiter einen Journalisten tätlich an. Einige Monate später wurde er verhaftet. Da sich die Angeklagten etwas ähnlich gesehen haben sollen, entkamen sie aus dem Gericht, wonach er untertauchte und sich sodann der RAF anschloss. Abgesehen von der Prügelei mit dem Journalisten und seiner Flucht aus dem Gericht hatte er offenbar keine weiteren Straftaten begangen – ehe er als Bewohner einer konspirativen Wohnung in das Visier der Staatsschützer geriet, wo er zumindest seit Februar 1972 in der Georgenstraße 14, heute das Pfarrheim „Haus Augustinus“ neben der Kirche St. Georg eine sog. „konspirative Wohnung“ angemietet hatte. St. Georg war in früherer Zeit auch die Hauskirche der Augsburger Mozarts wie auch des späteren französischen Kaisers Napoleon III (1808-1873).

Die Wohnung  wurde bereits seit Wochen observiert, als Weisbecker sie am 2. März gemeinsam mit seiner Kollegin verließ und mit ihr zum Thalia Hotel / Restaurant (obwohl das Lokal noch als Cafe besteht, heute vor allem wegen des Thalia Kinos bekannt) am Obstmarkt / Karlstraße fuhr. Als die Observierten das Thalia wieder verließen, erfolgte der Zugriff der Beamten einer Sonderkommission des bayerischen Kriminalamtes, der offensichtlich misslang. Dabei wurde Thomas Weisbecker durch einen Schuss in die Herz-Gegend tödlich verwundet. Die Beamten fühlten sich dem Vernehmen nach bedroht und rechneten damit, dass Weisbecker auf sie schießen konnte. Unstrittig ist, dass er eine Waffe bei sich trug, umstritten ist hingegen, ob er sie zog oder ziehen wollte oder dazu keine Gelegenheit hatte. Während die Behörden von „Notwehr“ ausgingen, erklärte die RAF und Sympathisanten er sei „absichtlich“ erschossen worden. Eine Absicht ihn zu verhaften habe überhaupt nicht bestanden. Augenzeugen verneinen einen anfangs in der Presse gemeldeten Schusswechsel. Die von Weisbecker‘s Mutter initiierte „unabhängige Untersuchung“ der Todesumstände ihres Sohnes wurde seitens der Staatsanwaltschaft abgelehnt.

Thomas Weisbecker starb 23jährig als jüdischer Nachkomme am Scheitelpunkt des mittelalterlichen jüdischen Viertels welches sich über die Karlstraße (der früheren Judengasse) und dem Obstmarkt (dem früheren Forchenmarkt) erstreckte, etwa an der Stelle wo man durch das frühere Stadttor (dargestellt auf den ersten Stadtsiegeln) von der Bischofsstadt zum Judenviertel und damit zur Bürgerstadt gelangte.

Weisbeckers Komplizin Carmen Roll wurde verhaftet, wegen Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe verurteilt aber 1976 aus der Haft entlassen. Wohl um Weisbecker zu „rächen“ verübte jenes nach ihm benannte „Kommando“ den Sprengstoffanschlag auf das Polizeipräsidium in der Prinzregentenstraße. Gleich nebenan befand sich in der Zeit der Nationalsozialsten die Zentrale der „Gestapo“, der „Geheimen Staatspolizei“. Das Polizeipräsidium existiert nicht mehr im Gebäude, das vollständig der AOK überlassen wurde. In Berlin hingegen wurde 1973 das heute noch bestehende „Thomas Weisbecker Haus“ eingerichtet, wo ein „Wohnkollektiv für Jugendliche und junge Erwachsene“ besteht.

www.tommyhaus.org 

Den „Tathergang“ schildern auch Flugblätter, die aus dem Jahre 1972 stammen sollen und inzwischen zumindest in Berlin „Ausstellungstücke“ sind. Eines titelt „Mord an Weisbecker“ und stammt von einem selbst ernannten „Ermittlungsausschuss ‚Rote Hilfe‘“ (1972) dessen „Ermittler“ jedoch anonym bleiben wollten.

Hier wesentliche Auszüge daraus, die ausführlich zum Geschehen und den Schauplätzen Bezug nehmen und – wenngleich auch offenkundig sehr subjektiv gefärbt – doch eine Reihe von ansonsten inzwischen verlorenen Details wiedergeben:

1. Die Vorgeschichte:

Am Rosenmontag mieten sich dreizehn Kriminalbeamte, zusammengesetzt aus Mitgliedern der Sicherungsgruppe Bonn, des Verfassungsschutzes und des Landeskriminalamtes Bayern im „Augsburger Hof“ ein, die sich als Versicherungsvertreter ausgeben. In den folgenden Wochen beobachten sie eine Wohnung im Augsburger Zentrum von der Sakristei einer gegenüberliegenden Kirche. Die Bundespost leistet Amtshilfe und richtet dort einen gemeinsamen Telefonanschluss ein, über den die Beamten mit dem Polizeifunk verbunden sind.

Die Arbeit der Beamten bleibt kein Geheimnis; eine ganze Reihe von Journalisten und andere Bewohner der Stadt wissen von der Anwesenheit der Beamten, wissen sogar, welches Haus sie beobachten, und wissen und ahnen warum. Als ein Reporter der Augsburger Allgemeinen einen Abend lang den Polizeiautos folgt (Privatwagen mit Kennzeichen aus Nürnberg, München und Mainz), werden einige davon um gespritzt und die Kennzeichen verändert.

2. Der Mord:

Am Donnerstag, den 2. März, kommen die Genossen Thomas Weisbecker und Carmen Roll morgens in Augsburg an und bleiben dort kurze Zeit. Gegen 13.00 Uhr fahren sie in die Innenstadt und parken ihr Auto im Hohen Weg, einer belebten Hauptstraße, vor den Stadtwerken.

Hier beginnen die Lügen der Polizei: sie verfälschen systematisch die Zeitabfolge, um die lange Vorbereitung und genaue Planung der Mordsituation zu verheimlichen. So gaukelt sie der Öffentlichkeit vor (und die bürgerliche Presse fällt prompt darauf rein), Thomas und Carmen hätten sich nur kurze Zeit im Hotel und Restaurant Thalia am Obstmarkt aufgehalten, während sie tatsächlich etwa eine halbe Stunde in der Pizzeria des Gebäudes zu Mittag aßen.

Denn in dieser Zeit bauten die Bullen ein dichtes Netz MP-bewaffneter ziviler und uniformierter Polizisten zwischen dem Standort des Autos und der Pizzeria auf.

Die nun folgende Situation war keine „sich zufällig ergebende“ Gelegenheit, zwei verdächtige Personen zu überprüfen (wie vor allem die lokale Presse berichtete), sondern eine sorgfältig geplante Mordfalle.

Als Carmen und Thomas aus dem Restaurant traten, trennten sie sich. Carmen geht nach links den Obstmarkt hinauf, Thomas nach rechts auf den Hohen Weg zu. Die folgende Szene spielt sich nach Polizeiversion wie folgt ab: „Zwei Beamte gingen auf Thomas Weisbecker … zu und wollten ihn festnehmen. Trotz der Aufforderung der Beamten „Hände hoch und ziehen Sie keine Waffe“, griff Thomas Weisbecker zu seiner im Hosenbund steckenden Waffe. Einer der Beamten riss seine Pistole hoch und drückte ab. Thomas Weisbecker brach auf dem Gehsteig zusammen. Sekunden nach dem Schuss traf im Augsburger Polizeipräsidium ein Funkspruch des Landeskriminalamts ein: „Achtung! LKA! Sofort in die Frauentorstraße 37 kommen! Schicken Sie Rotkreuzwagen mit Richtung Dom. Ein Mann bei Schießerei verletzt. (Augsburger Allgemein Zeitung 3.3.72)

Was geschah wirklich?

Als Thomas in den Hohen Weg einbiegt und etwa 25 m auf sein Auto zugegangen ist, stellen sich ihm nach Zeugenaussagen ein uniformierter und ein ziviler Polizist mit Maschinenpistolen im Anschlag in den Weg. Es bleibt unklar ob sie ihn angesprochen …(haben)…

 

Hier endet das veröffentlichte Flugblatt leider, ein anderes, wohl ursprünglicheres, das gleichfalls von der „Roten Hilfe“ (No. 2, März 72) stammt, schildert den „Tathergang“ jedoch ebenfalls – nehmen wir an, in etwa übereinstimmend mit der verkürzten Nachbearbeitung:

 

Tommi Weisbecker treten auf dem Weg zum Auto zwei Zivilbeamte entgegen. Das nun folgende wird durch widersprüchliche und z.T. offensichtlich unwahre Presserklärungen und Polizeiberichte verschleiert.

Man will uns glauben machen:

1. Die Polizeibeamten hätten a) nach seinem Ausweis gefragt, b) hätten gerufen: Hände hoch, nicht schießen, c) hätten gerufen: Hände hoch stehen bleiben, Finger von der Waffe.

2. Tommi Weisbecker hätte daraufhin a) plötzlich eine Pistole in der Hand gehabt und versucht, sie auf den Polizisten zu richten, b) eine Pistole in der Tasche (Hosenbund), c) versucht eine Pistole aus der Tasche zu ziehen, d) plötzlich mit der Hand eine Bewegung zur Hüfte gemacht

3. Der Schütze hätte dann blitzschnell seine Pistole gezogen und geschossen.

Thomas wird getroffen und fällt nach hinten. Ein Amateurfotograf steht 5 m von Tommi entfernt, hört den Schuss, dreht sich um und knipst. Auf dem Foto sieht man einen uniformierten Polizisten, die Maschinenpistole im Anschlag auf den am Boden liegenden Tommi gerichtet. Der Fotograf berichtet dazu, dass links neben dem Uniformierten ein Zivilist ebenfalls mit einer (Waffe) im Anschlag stand und ihn wegen des Fotografierens bedrohte.

Zeugen berichten, dass die plötzlich zahlreich anwesenden Beamten ihre kugelsicheren Westen auszogen und sich weiße (?) Armbinden als Erkennungszeichen überstreiften. Zeugen berichten, dass das vor dem Audi quergestellte Polizeifahrzeug mit quietschenden Reifen davon fährt. Nach Zeugenaussagen wird unter Tommis Körper eine Pistole hervorgezogen.“

Das kleine, eher pixelige Schwarzweißfoto, dass erkennbar an der Ecke Hoher Weg mit Blick auf das Eckhaus Karolinenstraße und Schmiedberg aufgenommen wurde, lässt nicht wirklich darauf schließen, ob der von hinten gezeigte Polizist neben dem Niedergestreckten tatsächlich mit einer MP bewaffnet ist. Seine Körperhaltung schließt diese Möglichkeit nicht aus, aber die Waffe selbst wäre nicht zu sehen.

Im Anschluss werden seitens der anonymen Verfasser des Flugblatts, die sich sichtlich um eine Art „polizeitechnisches Vokabular“ bemühen („Tathergang“, „Waffe im Anschlag“, etc.)  einige (mitunter suggestive) Fragen gestellt, etwa wie lange ein mit Schutzweste ausgestatteter Beamter denn eigentlich brauche um einzuschätzen, dass für ihn eine Notwehrsituation vorläge. Warum die Polizei verschweige, dass Weisbecker nicht mit einer Pistole, sondern mit einer MP erschossen worden sei (hatten die Schreiber des Flugblatts die Obduktion vorgenommen?). Eine andere Frage war, wie nun eigentlich der Krankenwagen so schnell vor Ort sein konnte und es wird zugleich geargwöhnt, ob dieser möglicherweise schon „bereitgestellt“ worden sei.  Abgesehen davon, dass dies der andererseits behaupteten Tötungsabsicht widersprechen würde, ist die Lösung des „Problems“ wohl darin zu finden, dass zur damaligen Zeit eine Rettungsstation des Roten Kreuzes (sozusagen einer Art „Roter Hilfe“ im anderen Sinne) in der nahegelegenen Straße „Auf dem Kreuz“ bestand. Die räumliche Distanz betrug nur etwa 700 m, weshalb die reine Fahrzeit bei  50 – 60 km/h im Bereich von 1-2 Minuten läge. Wir können voraussetzen, dass mehr oder minder einsatzbereite Rettungskräfte auf Abruf bereit waren. Weniger einfach ist die Frage zu beantworten, was verborgen werden soll, wenn Fotografen, die das Tatgeschehen auf Bildern festhielten, die Filme abgenommen und sie bedroht werden. Zumindest eines der Fotos ist jedoch doch veröffentlicht worden. Der von den Zeitungen zunächst berichtete „Schusswechsel“ habe nicht stattgefunden, was später auch offiziell eingeräumt wurde. Strittig ist auch die Mitteilung, dass Weisbecker offenbar im Hotel eine größere Summe Geld entgegengenommen haben soll.

Das Flugblatt widerspricht im weiteren noch der öffentlichen Darstellung, dass Weisbecker eine halbe Stunde nach dem Schuss im Krankenhaus gestorben sei. Wahr hingegen sei, dass „Tommi“ bereits zehn Minuten nach dem Schuss auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei.

Die Anschlagserie der verschiedenen RAF-Kommandos stellte einen ersten Höhepunkt des RAF-Terrors dar. Doch schon wenige Wochen später wurden die prominentesten Mitglieder der Organisation verhaftet: Andreas Baader, Jan-Carl-Raspe und Holger Meins am ersten Juni 1972 in Frankfurt am Main, wenige Tage später Gudrun Enslin in Hamburg und Brigitte Mohnhaupt in Berlin. Am 15. Juni schließlich auch Ulrike Meinhof und Gerhard Müller in Hannover.

Welches Interesse hatte die „Rote Armee Fraktion“ nun daran, im sicher eher beschaulichen Augsburger Georgsviertel eine „konspirative Wohnung“ einzurichten? Zusammen mit München (und Kiel!) war Augsburg 1972 Austragungsort der XX. Olympischen Sommerspiele. Bekanntlich kooperierte die RAF eng mit palästinensischen Terrororganisationen, die in den Jahren zuvor Andreas Baader und andere Terroristen der RAF paramilitärisch ausbildeten. Im September 1972 drangen u.a. von Gaddafi finanzierte arabische Terroristen bekanntlich in die Räume israelischer Sportler und Trainer ein. Sie  überfielen die Schlafenden mit rohrer Gewalt und nahmen sie als Geißeln. Auf diese Weise sollten in Israel inhaftierte Terroristen freigepresst werden, jedoch sollten dabei auch die deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader (1943-1977) und Ulrike Meinhof (1934-1976) freikommen. Das folgende Massaker der Palästinenser an den gefesselten israelischen Athleten wurde seitens der RAF bejubelt.

Bereits zu Beginn des Jahres 1970, zwei Jahre vor der Gefangennahme und Ermordung israelischer Sportler bei den olympischen Sommerspielen in München, gerieten jüdische Einrichtungen und „Ziele“ in München und Deutschland ins Visier arabischer Terroristen. Am 10. Februar 1970 attackierten drei bewaffnete Palästinenser am Münchner Flughafen Riem einen Flughafen-Bus und den Wartebereich der israelischen Fluglinie EL AL. Beim Versuch die Boeing 707 in ihre Gewalt zu bringen und die israelischen Passagiere als Geiseln zu nehmen wird ein Israeli getötet, neun weitere Personen werden verletzt.

Nur drei Tage später am Abend des 13. Februar 1970 sterben bei einem Brand im Altenheim des jüdischen Gemeindezentrums in der Münchner Reichenbachstraße sieben ältere Heimbewohner, während in der im selben Gebäudekomplex befindlichen Synagoge das Abendgebet gesprochen wird. Die Polizei ging von Brandstiftung aus. Obwohl die Behörden eine Belohnung von 50.000 D-Mark aussetzten, wurden die Täter bis heute nicht ermittelt, jedoch stehen jüdische Einrichtungen (nicht nur) in München seitdem unter Polizeischutz.

Eine Woche später, am 21. Februar 1970 verüben arabische Terroristen erneut Terroranschläge auf jüdische „Ziele“. Mittels Zeitzündern kommt es an Bord zweier Maschinen zu Explosionen. Ein österreichisches Flugzeug unterwegs von Frankfurt am Main, das Post nach Tel Aviv bringen soll, kann glücklicherweise sicher nach Frankfurt zurückkehren, obwohl eine Bombe 20 Minuten nach dem Abheben ein großes Loch in den Rumpf sprengte. Anders ergeht es dem Swissair Flug 330, als zehn Minuten nach dem Start am internationalen Flughafen Kloten bei Zürich im Gepäckraum eine Zeitzünder-Bombe explodiert. Die Maschine stürtzt nach vergeblichen Landemanövern bei Würenlingen im schweizerischen Aargau ab. Alle 47 Insassen der Maschine kommen ums Leben. Noch am selben Abend bekannte sich die „marxistische“ PLO-Untergruppe PFLP von George Habash (1926-2008) zu beiden Anschlägen. In der Folge verschärfen europäische Flughäfen ihre zuvor kaum vorhandenen Sicherheitskontrollen.

Im Juni 1970 wurde die Synagoge im Gemeindezentrum der Münchner Reichenbachstraße überfallen, wo ein viertel Jahr zuvor sieben Menschen bei einem unaufgeklärten Brandanschlag starben. Dabei wurden mehrere Einrichtungsgegenstände beschädigt und eine Thorarolle geschändet. Der Vorsitzende Hans Lamm bezeichnet den Überfall als „erneuten Akt des Antisemitismus“.

Es ist möglich, dass der konspirative Wohnaufenthalt der RAF-Terroristen in Augsburg einen Bezug zu den Olympischen Spielen hatte. Im Sommer 1971, nach etwa einjähriger Bauzeit wurde der Augsburger Eiskanal beim Hochablass fertig gestellt und ein erster internationaler Wettbewerb veranstaltet. Im Jahr darauf fanden dort die olympischen Wettkämpfe statt, die fast ausschließlich von Athleten der DDR oder der UDSSR gewonnen wurden. Da in Augsburg keine israelischen Sportler starteten, kann aber auch die Nähe Augsburgs zu München eine Rolle gespielt haben.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Weisbecker, http://www.tommyhaus.org/thomas-weisbecker.php, http://www.kulturhof.org/, http://www.spiegel.de/, Augsburger Allgemeine

On 12th of May in 1972, at police headquarters Prinzregentenstr. (two houses away from where Ernst Cramer grew up and lived with his family until the Nazi took power) at high noon two pipe bombs exploded, injuring seriously five police men and causing heavily damage. A so called “Commando Thomas Weisbecker” admitted responsibility. The day before, as well as some hours later and days after many other bomb attacks booby-trapped by the Rote Armee Fraktion (Red Army Fraction = RAF, also known as “Baader-Meinhof Bande”/gang).

Thomas Weisbecker however only two months earlier was shot by a special branch of the police. According to the authorities Weisbecker it was an act of self-defense, while supporters of the RAF claimed that he was killed deliberately and that there was no intention to seize him.

Weisbecker who was only 23 years old when he was shot in Augsburg was the son of Jewish professor of medicine Ludwig Weisbecker, who survived Buchenwald concentration camp and from 1969 to 1870 was principal of the University in the northern German town of Kiel. Thomas Weisbecker in his youth politically turned left and left for Western Berlin in order to avoid to be drafted for the Bundeswehr. There he became acquainted with people who afterwards formed the RAF. In 1970 he and a comrade attacked and basted a journalist and where arrested some time later. At the court the two accused managed to escape because there overall appearance was quite similar. Weisbecker now disappeared and went underground, probably becoming part of the RAF. In February 1972 he was subject of the observation of an apartment in Georgenstr. within the historical old city of Augsburg, contiguous to St. George Church, which in previous times knew steady visitors such as the Mozart family or Charles-Louis Bonaparte who later became emperor Napoleon III of France.

According to reports the apartment already was kept under surveillance some four weeks when on March 2nd Weisbecker and his comrade Carmen Roll left Georgenstr. to drive with a stolen car  to Thalia Hotel and Restaurant (today a cinema and coffeehouse by the same name) at Obstmarkt, where they had Pizza. Afterwards they separated. When Weisbecker was moving back to “his” car two police men addressed him. Few moments later Weisbecker lay shot on the street. A photographer who perchance was at the spot and had heard the shot just turned around and snapped a picture, which shows Weisbecker lying on the street and a police men before him. The incident took place next to the medieval Jewish quarter of Augsburg.

Weisbecker obviously was armed and had a gun, but it is rather controversial if he actually drew it or attempted to do so or not. However the fire exchange initially reported by the police and the local press actually did not take place. Weisbecker was hit by a gun bullet in the cardiac region – tough RAF sympathizer claim he was shot by a machine gun. However, although the ambulance from the nearby Red Cross rescue service arrived quickly Weisbecker died on the way to the hospital or soon after arriving there.

Although it is less likely to assume the Weisbecker was killed deliberately as claimed by the RAF, it is unclear why the police and intelligence service men tried to grasp him in the middle of a buy road anyway. As it turned out there was a use of firearms. Since the scene is close to Augsburg Cathedral as well as to the City Hall of Augsburg there was a rather high risk particularly to injure passerby. On the other hand it was much easier to seize Weisbecker at the doorway of  his house in Georgenstr, which is rather traffic-calmed. In the course of one month after the Augsburg bombing almost all prominent members of the RAF were arrested in Frankfurt, Hamburg or Berlin.

An open question is why the RAF had a conspiracy dwelling in Augsburg anyway? One somewhat plausible reason was to assume a context with the XX. Olympic Games in Munich whereby Augsburg herself was Olympic city and host of the canoe racing competitions. As is known in September 1972 Palestinian terrorists raided the lodgings of Israeli athletes and coaches in the middle of the night. They took the sportsmen as hostages in order to obtain the release of several terrorists interned in Israel, but also to obtain the release of Andreas Baader and Ulrike Meinhof from the RAF, who were arrested only a couple of months before. After the Olympic massacre of Fürstenfeldbruck the RAF applauded the action by their Arab friends. Maybe it is conceivable to consider the Augsburg activity of Weisbecker and his comrades with an early state of the planning.


Die Augsburger Judenhaube

May 2, 2012

Wem heute der Begriff „Judenhaube“ begegnet, wird wohl sofort an eine Kippa oder Jarmulke denken, wie sie von jüdischen Männern getragen werden. Obwohl es sich weder um eine Vorschrift der Tora noch des Talmuds handelt, legen insbesondere auch liberale Juden auf das Aufsetzen einer Kippa bei entsprechenden Veranstaltungen großen Wert, womöglich weil es sich sowohl um ein einfach zu erledigende, wie zugleich auch als Markenzeichen wirkende Übung handelt. Entsprechend wird dann auch, wer als sog. „Nichtjude“ und Mann etwa eine Synagoge oder einen jüdischen Friedhof besucht, in der Regel dazu aufgefordert, eine Kopfbedeckung zu tragen, sei es eine Mütze, ein Hut oder eben eine solche Kippa, die ggf. dann auch aus Pappe sein darf.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ca/Kippot.jpg

Der Begriff der Judenhaube, der sich auch im zehnten Band des Deutschen Wörterbuchs der Gebrüder Grimm aus dem Jahre 1877 findet, bezeichnet jedoch nicht die Kopfbedeckung für Männer, sondern eine Trachtenhaube für Frauen, genauer gesagt:  „eine Frauenzimmerhaube der Augsburger Tracht“.

Im „Encyclopädischen Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe“ von August Daniel von Binzer aus dem Jahr 1828 ist die „Juden-Haube“ erklärt als “eine, reich mit Spitzen verzierte Haube, wie sie vorzüglich von Jüdinnen getragen wurde.“ Im neunten Band der 1795 in Berlin erschienenen „Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781“ von Friedrich Nicolai heißt es die Judenhaube sei von bunter Farbe und bedecke auch den Hinterkopf, habe sonst aber „die Form wie die schwäbischen Hauben in Augsburg“. Die mit ihr verwandte Bockelhaube, von manchen eher im Winter getragen, war demnach etwas kleiner als die Judenhaube und hatte einen kleineren Ausschnitt auf der Stirn als diese. Nichts desto trotz wurden beiden Hauben häufig verwechselt, was zumindest in früheren Zeiten wohl auch kein „Malheur“ war. In der Anmerkung heißt es dann, dass diese Art der Mode über Handelswege aus Spanien, Venedig und Genua in die schwäbischen Reichsstädte kamen. Demgegenüber merkte jedoch Paul von Stetten in seiner „Augsburger Kunstgeschichte“ an, dass diese Mode erst nach dem Dreißigjährigen Krieg aufgekommen sei. Im Deutschen Provinzialwörterbuch von Anton von Klein aus dem Jahr 1792 (Band 1, S. 55) wird auch die Bockelhaube als „eine Augsburgische Frauenzimmerhaube“ erklärt. Andererseits kann man auf älteren Augsburger Gemälden wie etwa den Monatsbildern aus dem frühen 16. Jahrhundert durchaus entsprechende Hauben sehen.

Gottlieb Siegmund Corvinus‘ „Nutzbares, galantes und curioses Frauenzimmer-Lexikon“ aus dem Jahr 1739 notiert: „Juden-Haube, heisset in Augsburg ein kleiner Überschlag über das Haupt und Nest, von vornher mit einem spitzigen Schnäpflein versehen; ist insgemein von Estoff oder Damast und mit Spitzen frisieret; so die Weibes-Bilder zur Sommerzeit im Hause tragen; das Nest daran wird insgemein mit einer Schleife oben und unten besetzt.“

Wie bereits im Mittelalter war die gute Kleidung einiger Juden christlichen Geistlichen ein Dorn im Auge. Im Augsburg der 1430er Jahre beklagen Kleriker sich darüber, dass die Juden, die direkt angrenzend an die alte Bischofsstadt ihr Viertel hatten, aufgrund ihrer Kleidung von der einfachen Bevölkerung so höflich und respektvoll gegrüßt werden als handele es sich bei ihnen um Priester oder andere Geistliche. Um dem Einhalt zu gebieten, verordneten die Räte der Stadt auf Druck des Bischofs  den Augsburger Juden am 23. September 1434 künftig, übergroße gelbe Ringe von einem Durchmesser von etwa 19 cm gut sichtbar auf ihrer Kleidung zu tragen. Auf diese Weise sollte künftig kein Zweifel mehr darüber bestehen, ob es ein ehrbarer christlicher Geistlicher oder eben ein Jude war, der gut gekleidet durch die Gassen der Stadt lief. Diese Art der negativen Diskriminierung (zu der der historische „Judenhut“ übrigens nicht gehörte, er signalisierte stattdessen bestimmende Vertreter der jüdischen Gemeinden) führte zur Ausgrenzung und raschen Aushöhlung der bis dahin rechtlichen Sonderstellung der Juden in der Reichsstadt, der sodann im Sommer 1438 bereits ein auf die Frist von zwei Jahren angesetzter Beschluss zur Ausweisung aus der Reichsstadt folgte.

Noch weit mehr als drei Jahrhunderte später konnte es aber vorkommen, dass Führer der Christen Anstoß an der guten Kleidung von Juden nehmen konnten. Eine Anordnung des Kurmainzer Bischofs aus dem Sommer 1773 die sich auf die Gegend um Mainz und Hofheim am Taunus (bei Darmstadt, Hessen) bezieht, beklagt eine „verderbliche Kleiderpracht“, die besonders unter den Mainzer Juden herrsche, die der Bischof offenbar aber auch als Ursache der Zerrüttung sah. Er unterstellte, dass teurere, aufwendige Kleidung an anderer Stelle Mangel bewirken müsse. Offenbar war er der Ansicht, dass die Bettelei eines armen Juden durch mehr Genügsamkeit im Auftreten eines anderen reichen Juden vermieden werden konnte. Dem Kurbischof kam es freilich nicht in den Sinn, seinen armen christlichen Untertanen mehr als Almosen zukommen zu lassen oder gar eigenen Prunk, etwa im Schloss Johannisburg, zu ihren Gunsten aufzugeben. Die Juden in seinem Herrschaftsgebiet sollten drei Monate Zeit haben, um die neuen Ordnungen umzusetzen und seine Beamten ihm hernach berichten, ob die Juden die Kleiderordnung befolgten.

Diese Ordnung nun sah vor, dass jüdische Männer, gleich ob verheiratet oder ledig oder Studenten, fortan keine mit Silber oder Gold bordierte Kleidung mehr tragen sollten, desweiteren keine kostbaren Westen, keine Knöpfe aus Silber oder Gold, keine mit Silber gesponnene, samtene oder seidene Kleider, keine seidene Fütterung oder Steinschnallen. Jüdischen Frauen hingegen sollte es verboten werden, künftig ihre Haare zu frisieren und aufzusetzen, ebenso wie das Tragen von aufgetürmten Hauben oder von Flügelhauben gleich ober mit oder ohne Spitzen. Ferner sollten sie keine neumodische Kleidung tragen, auch dann nicht, wenn diese billig sein sollte, keine Blumenknöpfe oder mehrfarbige Bänder und dergleichen. Dem hingegen sollten den Jüdinnen weiterhin erlaubt sein, einfache weißen Judenhauben zu tragen, um ihre Haare zu decken, jedoch sollten diese höchstens drei Reihen hoch sein, und die reichen Weiber vor den armen darin keinen Vorzug haben. Erlaubt waren auch sogenannte bayerische Judenhauben aus reichen Stoffen jedoch allenfalls mit höchstens zwei Finger breiten goldenen oder silbernen Spitzen oder Borden.  Andererseits sollte den kurmainzer Jüdinnen das Tragen jeglichen Schmucks und von Juwelen aller Art untersagt werden. Unter das Verbot fielen auch Imitate wertvoller Steine, Haarnadeln und dergleichen mehr. Lediglich Granate waren erlaubt, jedoch nur dann wenn deren Wert nicht 15 Gulden überstieg und natürlich nicht an Werktagen. Allen Anschein nach blieben die eigenartigen, willkürlich anmutenden Bestimmungen des Kirchenführers auf dem Papier stehen und wurden nicht umgesetzt.

Man könnte aber meinen, dass der Erzbischof andere Sorgen hätte haben können, als die Frage, wie viele Finger breit nun die die silberne Borde die Haube einer Jüdin in einer Kleinstadt wie Hofheim maximal sein sollte oder welchen Wert ein Granat auf ihrem Gewand haben mochte, ob die Fütterung einer Männerjacke nun aus Seide oder sonst einen Stoff war. Immerhin wurde wenige Wochen nach der Anordnung des Erzbischofs am 21. August 1773 der für Kurmainz bis dato maßgebliche Jesuitenorden verboten. Der Papst war nach langem Drängen der europäischen Großmächten dazu gezwungen worden, dem christlichen „Geheimorden“, dem alle möglichen Verschwörungen und Untaten angelastet wurden offiziell zu verbieten. Mag sein, dass antijüdische Bestimmungen die Allgemeinbevölkerung davon ablenken sollten.  Mit den schlichten weißen Hauben waren sicher Unterhauben gemeint, die man unterhalb der kostbaren eigentlichen Judenhauben trug, die hier aus Mainzer Sicht als „bayerisch“ galten.

Alle Quellen sind sich folglich darin einig, dass es sich bei der Judenhaube um eine Kopfbedeckung für Frauen handelt, die insbesondere in schwäbischen Reichsstädten getragen wurden und dabei ohne Zweifel als typisch für Augsburg galt und entsprechend als Synonym für die Augsburgerische Tracht aufgefasst wurde. Obwohl die Mode der Judenhaube allen Anschein nach auch von christlichen Frauen getragen wurde, handelt es sich dabei um eine Besonderheit, die, anders als die manchmal mi ihr gleichgesetzte Bockelhaube, heute fast vollständig in Vergessenheit geraten ist.

Darstellung der in Augsburg geborenen Agnes Bernauer (1410-35), der ersten Frau des bayerischen Herzog Albrecht III, die auf betreiben ihres Schwiegervaters in der Donau ertränkt worden sein soll. Das Bild ist nicht zeitgenössisch, sondern stammt erst aus dem 18. Jahrhundert, als die „Judenhaube“ längst auch lexikalisch erfasst war und populär genug, um dem unbekannten Maler zu ermöglichen mit ihr „die Bernauerin“, bzw. vielleicht auch ihre Augsburger Herkunft zu typisieren. Die Vorlage dafür war eine eher schmucklose Darstellung aus dem 16. Jahrhundert mit längeren Haaren und ohne Kopfbedeckung.

Ein Gemälde des früh verstorbenen jüdischen Malers Mauricy Mosche Gottlieb (מאוריצי גוטליב, 1856-1879) aus dem Jahre 1877 zeigt eine alte betenden Jüdin mit einer golden bestickten Judenhaube.

Isidor Kaufmann (1853-1921) – Jüdische Braut (Detail)

Angeblich auf Katharina von Aragon (1485-1536) soll der Name „Spanierarbeit“ zurückgehen, mit welcher im 19. Jahrhundert bevorzugt die besonders aufwendige Form der ornamentalen Gold- und Silberstickerei bezeichnet, wie sie in dieser Zeit vor allem von Juden in der Gegend um das heutige ukrainische, zwischen Brody und Lemberg gelegene Sasiv bekannt war. Katharina war die erste Ehefrau von Englands König Heinrich VIII., deren Kinderlosigkeit folgenschwerer Anstoß gab zur Gründung und Abspaltung der Anglikanischen Kirche vom Papsttum. Es ist gut möglich, dass mit ihr, bzw. ihrem Modegeschmack die spanische Goldstickerei ins vergleichsweise kalte und regnerische England kam.

Angesichts der Bedeutung des jüdischen Einflusses auf die Stickerei, die offenkundig auch zur Benennung der Augsburger Judenhaube führte, ist es aber plausibler anzunehmen, dass die Technik, wie auch Weiterverbreitung der Mode eher auf die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden Ende des 15. Jahrhunderts zurückgeht, die sich im Hebräischen bis heute als Sefardim, wörtlich „Spanier“ bezeichnen.

Neben den Hauben für Frauen und Männer wurden – und werden – vor allem Halsbänder (atara), Gebetsschale (talit), Toravorhänge (parochim) oder Mäntel oft sehr aufwendig bestickt. Die verarbeiteten Gold- oder Silberfäden setzten dabei eher wirtschaftliche als handwerkliche Grenzen. Probleme die es heute – wo maschinell gefertigte Imitate in der Regel ausreichen – nicht zu geben scheint.

* * *

Several entries in German dictionary. such as the famous as fundamental volumnious Grimm as well as numerous glossary or works on German cultural history, specialist books on garbs, etc. from 18th to 19th century mention a head covering called “Judenhaube”, which is explained as “hairdress typical for women in Augsburg” (sometimes also other Swabian towns are mentioned). However the term “Judenhaube” (Jews bonnet), which many today may misinterpret as Jewish kippah (so called: scul cap, or: yarmulka), in countless variantions worn by Jewish males, in all cases without doubt were regarded as hairdress for women, worn by Jewish and non-Jewish women as well.

In the same way the relation to Augsburg and Swabia is obvious, so that in the Grimm Disctionary on German Language the explanation for the term “Judenhaube” is quite simple ”a gentlewoman’s bonnet of Augsburg traditional costumes“. The bonnets usually were manufatured with elaborate and costly silver or gold thread embroidery or lace, also known as “spanier arbeit” (Spanish work), probably because Jews from the Iberian Peninsula brought the technique as well as the fashion to continental Europe. In succession of the Augsburg Judenhaube in many regions in Southern Germany a quite similar so called “Bockelhaube” (back bonnet), which is known from about 1750 is widely popular in rural costumes. In previous times however due to the similarity both bonnets often were mixed up, insofar the alternative term was not introduced to cut out the older one which referrers to Jews. After the 19th century the term Judenhaube no longer was used. Today it is almost forgotten.

Almost … :-)


Die Ansiedlung jüdischer Landwirte in Deutschland

April 24, 2012

Die obige Überschrift erschien vor ziemlich genau 85 Jahren in der Ausgabe No. 4 der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung (BIG) vom 15. April 1927 auf S. 97 und mag schon damals bei vielen Lesern eine gewisse Verwunderung hervorgerufen haben. Es handelte sich jedoch um eine Absicht, die auf Beratungen und Beschlüssen der Vorstände des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten (RJF, in Augsburg von Herrn Oberdorfer vertreten) beruhte, und beabsichtige Land für jüdische Bauern in Deutschland zu erwerben. Dabei handelte es sich keineswegs um zionistische Bestrebungen, die es seit Jahrzehnten bereits gab und den Nachwuchs für den Auf- und Ausbau landwirtschaftlich geprägter Siedlungen in Israel ausbildete, sondern um ein durchaus deutsch-national verstandenes Projekt. Das daraus nichts wurde und werden konnte, ist in den nach 1927 folgenden Jahren einleuchtend.

Die im Artikel konstatierte „Berufsschichtung“ sieht heute, faktisch ohne verwandtschaftliche Beziehungen und einige Generationen später, 67 Jahre nach der Niederlage des Naziregimes und nach etwa zwei Jahrzehnten jüdischer Zuwanderung aus Osteuropa eigenartiger Weise etwas ähnlich aus. Zwar gibt es nicht sehr viele der meist „russischen“ Juden, die Kaufleute wären, jedoch ist der akademische Anteil beträchtlich, während sich praktisch keine Bauern, Viehhändler oder Hirten finden. Insofern überhaupt Jobs vorhanden sind, entspricht dies heute allerdings auch der Allgemeinbevölkerung, die amtlichen Angaben zu etwa drei Vierteln im Dienstleistungssektor tätig sind. Im Laufe des Jahrhunderts ist der Anteil der v Bevölkerung die in der Landwirtschaft beschäftigt war von 40 auf nunmehr etwa 2 % gesunken.

64 Jahre nach der Gründung des Staates Israel, der durchaus moderne Landwirtschaft betreibt und viele seiner Produkte auch in aller Welt verkauft, ist die Frage, ob die Ansiedlung jüdischer Landwirte in Deutschland eine Perspektive hätte, sicher eigenartig.

Oder …?

Die deutschen Juden gehören zum überwiegenden Teile dem Kaufmannsstand und den sog. akademischen Berufen an. Landwirte und Handwerker sind viel seltener. Dem entspricht auch die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Stadt und Land. Diese einseitige Berufsschichtung ist gewiss erklärlich aus der Bedrückung der Juden im Mittelalter, derzufolge ihnen gerade der Bodenerwerb und der Zugang zum Handwerk versperrt war. Aber es muss von neuem festgestellt werden, dass diese einseitige Berufsschichtung keinesfalls – wie manche bei oberflächlicher Beobachtung meinen – günstig ist, sondern im Gegenteil sehr bedenklich. Nicht etwa, weil diese anormale Verteilung auf die Berufe besonders geistiger Tätigkeit als ein Erbteil aus dem Mittelalter anzusehen ist, sondern weil sie für die Zukunft der deutschen Juden in gesundheitlicher und politischer Beziehung gefährlich ist. Es sei hier nur an den großen Verbrauch von Nervenkraft, an die Kinderlosigkeit in vielen städtischen Ehen gedacht. Es sei angedeutet, dass im Interesse der Verwurzelung eingesessener Juden eine Verteilung der Berufe und damit der Arbeit am deutschen Volkswirtschaftskörper zu wünschen wäre, die einigermaßen der Verteilung der sesshaften Gesamtbevölkerung entspräche.

Dazu kommt, dass die allgemeine Notlage ganz besonders die kaufmännischen Angestellten oder die in wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen tätigen Menschen heimgesucht hat, ja, dass gerade die Juden, die zum größten Teil dem städtischen Mittelstand angehören, besonders leiden, seit diese für die deutsche Kultur so wichtige Mittelschicht mit Untergang bedroht ist.

Sollten nicht große Teile der Judenschaft dem Proletariat verfallen, so muss nach neuen Wegen zur Erhaltung ihres Lebensstandards gesucht werden. Ein solcher Weg ist die Rückkehr zur Landwirtschaft.

Man komme nicht mit dem Einwand aus der antisemitischen Giftküche, dass die Juden dafür nicht geeignet wären. Die Vergangenheit und Gegenwart beweisen in vielen Beispielen, dass dies nicht wahr ist. Wie sehr ist es gerade von diesem Standpunkt zu bedauern, dass die zahlreichen stattlichen Güter jüdischer Landwirte in Schwaben, Franken und in der Rheinpfalz welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden sind, an Zahl und Größe immer mehr zurückgegangen sind.

Es soll jetzt nicht darauf eingegangen werden, die Vorzüge des Landlebens zu schildern, die Gründe anzugeben, warum gerade heute wieder für die deutschen Juden ein geradezu historischer Moment gekommen ist – den man erfassen oder versäumen kann – der Bebauung eigener Scholle sich zuzuwenden.

Es soll nur darauf hingewiesen werden, dass diese Sachlage auf der diesjährigen Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischen Gemeinden in Fürth ein besonders betonter Gegenstand in der Ansprache des Präsidenten des Rates, Herrn Obergerichtsrat Dr. A. Neumeyer, und der folgenden Aussprache unter den verantwortlichen Führern der bayerischen Juden gewesen ist. Die Anregung, diese Siedlung jüdischer Landwirte von neuem und energischer wie schon mehrmals in den letzten Jahrzehnten zu organisieren, ging vom Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten aus.

Diese bedeutende Organisation, die schon Großes in der Verteidigung der jüdischen Ehre geleistet hat, hat die Absicht, die Ansiedlung in großen Stile durchzuführen. Sie leitet ihre Berechtigung dazu von der Tatsache her, dass ihre Mitglieder (über 40.000) ausnahmslos mit der Waffe in der Hand in vorderster Front für die Verteidigung des deutschen Bodens gekämpft haben.

Warum aber kann man nicht jeden einzelnen diesen Schritt zur Scholle überlassen? Weil den meisten und gerade den bereits in der Landwirtschaft ausgebildeten Juden die Mittel zum Erwerb eines Eigenbetriebs fehlen und weil der einzelne viel weniger sachliche und persönliche Schwierigkeiten überwinden kann als eine Gemeinschaft. Zur Ausführung dieser Idee will der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten eine jüdische Siedlungsgesellschaft gründen, zu der alle sachliche Vorbereitung bereits getroffen ist. Im Januar haben bereits in Augsburg, München, Nürnberg, Regensburg, Würzburg Versammlungen über diese Angelegenheit stattgefunden, die ihre besondere Note durch die glänzenden Ausführungen des Redners, Herrn Gutsbesitzer A. Sandelwoski, empfangen konnten.

Es verdient Anerkennung, dass der Landesverband Bayerischer Israelitischer Gemeinden die Bestrebungen des Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten in moralischer und tatkräftiger Weise zu fördern einstimmig beschlossen hat.

85 years ago the Bavarian Jewish Community journal reported from the intention of the board of Jewish communities in Bavaria and the Reichsbund of German-Jewish front-line soldiers (RjF) to encourage and promote Jewish agriculture based development in order to rectify an “undesirable development” among Jews in Germany, who mostly were occupied in trade or acedemic professions. Since the political conditions and circumstances soon had changed dramatically the intention of course had no chance to get implemented. During the last century German society also has changed regarding employment. In 1912 some forty percent in Germany were occupied in farming and agronomy, while today only less than 2 percent are employed in this field.

Will Jewish farmers be an option for the often proclaimed bright future in Germany?


Burgau revisited

April 19, 2012

Burgau und die nach ihm benannte Markgrafschaft im heutigen bayerischen Schwaben war von etwa von 1300 bis 1800 für ein halbes Jahrtausend österreichisches Gebiet. Wenngleich nicht immer ein zusammenhängendes Territorium und zeitweilig eher eine Art Fleckenteppich, war es doch ein politisch und kulturell zusammenhängendes und funktionierendes Teil der österreichischen Monarchie.

Der Name Burgau wird wohl treffend als Burg-Au gedeutet, denn um die Mitte des 12. Jahrhunderts werden in Augsburg erstmals „Herren von Burgau“ erwähnt. Im Jahre 1212 werden deren Nachkommen zu Markgrafen ernannt und in der Folge orientierten sich die Burgauer wohl bereits an den Habsburgern, die bald versuchten die schwäbischen Gebiete für ihr Reich zu sichern.

Als 1324 zur erfolglosen Belagerung durch Soldaten des Wittelsbacher Kaisers Ludwig Bayer. 1418 verhinderten Augsburg und Ulm einen Verkauf der Gebiete an Bayern, da man in den Reichsstädten um die eigene Unabhängigkeit fürchtete und deshalb – später auch unter dem Einfluss der Fugger – eher den Vorderösterreichern zugeneigt war.

Mit dem 30jährigen Krieg endete die Herrschaft in Burgau, dessen letzter Markgraf Karl 1618 verstarb. Als Sohn Erzherzog Ferdinands von Österreich und der nicht standesgemäßen Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527-1580) war Karl nicht voll erbberechtigt. Der Markgraf und seine Frau waren bei ihren Untertanen nur mäßig beliebt, da sie ihre beargwöhnte Verbindung mit religiösem Eifer kompensieren wollten. 1516 führte dies zu einem Bierverbot in Burgau und im Jahr darauf zur Ausweisung der Juden (unter den auch Brauer waren). 1518 starb er sodann und wurde hernach in Günzburg bestattet, wo er ziemlich verschwenderisch mit seiner Frau gelebt hatte. Die Markgrafschaft wurde sodann von den Habsburgern in Tirol regiert und von ihnen in Günzburg ein Landvogt eingesetzt. Um 1805 gingen die Gebiete der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau an Bayern. Heute hat Burgau etwa 9000 Einwohner, wovon 7000 am Ort selbst leben, der natürlich über die mittelalterliche Stadt hinausreicht. Seit einigen Jahren ist die Bevölkerungszahl rückläufig.

Altes Rathaus von Burgau

Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (1506-1585) verknüpft, der in Günzburg geboren wurde, in Burgau aufwuchs, dort Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses war und nach seinem Tod auch begraben wurde. Er war ein großer namhafter Gelehrter, kaiserlicher Hoffaktor, ein großer Mäzen und Autor gelehriger Bücher in taitscher Sprache. Sein Vorfahr Falk Lemlin (1390-1465) hatte 1438 Augsburg verlassen müssen und ging nach Ulm. Der Lehrer seiner Kindheit in Burgau war Rabbi Jona, der Sohn von Jakob ben Jehuda Weil, der letzte überregional bedeutsame Gelehrte  Augsburgs, der die Stadt 1438 als einer der ersten verließ und schließlich nach Erfurt ging. Auf seinen Schriften fussen die heutigen Verodnungen der Schechita.

 

Ausschnitt aus Simon Ulmo’s taitscher Erklärung hebräischer und aramäischer Redensarten aus Mischna und Talmud

 

Aus dem Jahr 1470 ist in einer Urkunde in Graz Salomon von Burgau mit weiteren Juden von Ulm wegen Geldleihen an einen christlichen Kleriker erwähnt, wobei es sich wohl um einen Verwandten Simons handelt. 1587 verfügt die Markgrafschaft, dass Juden den Christen rechtlich gleichgestellt seien. 1593 erhält Lemle von Burgau (ein Sohn von Simon) von Freiherr Ferdinand von Grafeneck das Schloss und Dorf Hasenweiler bei Ravensburg, da dieser eine Schuld über 3500 Gulden nicht bezahlen konnte. Es folgten jedoch über Jahre andauernde Rechtstreitigkeiten, ehe Dorf und Schloss für 16.000 Gulden an das Kloster Weingarten verkauft und Lemle ausbezahlt wurde.

Ende Dezember 1596 klagten christliche Bewohner in Burgau über die Burgauer Juden, da diese wegen ihrer Feiertage keine Rücksicht auf die christlichen Feiertage nehmen würden und zudem offenbar auch verlangten, dass ihre christlichen Bediensteten an diesen Tagen für sie arbeiteten. Dies wurde am Ort wohl als Verspottung der „wahren“ christlichen Religion durch die „verdammten“ Juden aufgefasst. Als Rabbiner in jener Zeit ist in den Raittungen (Rechnungen) von Burgau „Leo Jude, Lehrmeister“ notiert. Gemeint ist Jehuda Schmuel (1538-1604), Sohn des Simon Ulmo-Günzburg, der mit Frau und Sohn verschiedentlich genannt wird, 1599 etwa „Leo Jud, Lehrmaister und sein Sohn Itzig Jud der Jung Lehrmaister und Schulklopfer“. 1602 heißt es statt „Leo“ (sowohl Lew als auch Leo dienten häufiger als Umschreibungen des Namens Juda) nun „Leb, Itzig Jude, Lehrmaister und sein Mueter“. Itzig kennen wir aus hebräischen Quellen als Itzchak ben Jehuda Schmuel Ulmo (1570-1618) . Seine Frau wird in der Liste ab 1619 folgerichtig als „Itzig Jüdin, Lehrmaisters Witib“, also als Witwe des Lehrmeisters Isaak verzeichnet.

Im Jahr 1617 veranlassten Markgraf Karl und seine fromme Frau Philippine aus dem Haus der Augsburger Patrizier Welser, das im Jahr 1614 seinen „Falliment“ erklärte, d.h. pleite war , die „Ausschaffung“ der Juden aus Burgau. Ob es wirklich zum Weggang der Juden führte ist unklar. Möglicherweise verließen die Burgauer Juden, die gerade den frühen Tod ihres Rabbiners zu beklagen hatten, den Ort unterhalb der Burg tatsächlich kurzfristig, um vielleicht in Scheppach oder Günzburg Unterschlupf zu finden. Spätestens nach dem Tod des letzten Markgrafen kehrten sie jedoch wieder zurück, weshalb wir ab 1619 sodann auch die Witwe des Rabbiners als Steuerzahlerin finden. Von 1622 bis 1631 wirkte sodann David, der Sohn des Isaak als Rabbiner, dessen Bruder Abraham siedelte sich in Pfersee an. Eine Rechnung aus selber Zeit über verlangte Abgaben für Stadtwächter aber auch für Kriegskosten an die Burgauer Juden in Höhe von stattlichen 200 Gulden. 1611 belief sich die jährliche Höhe der jüdischen „Sitzgelder“ auf rund 185 Gulden. Die Wächter wurden offenbar auch zur Abwehr der Infektion benötigt, an der viele Einwohner erkrankt waren und starben. Die Pest wird häufig als Argument gebraucht, um die Ausweisung der Juden aus Burgau zu begründen, doch wurde diese bereits 1617 angeordnet und bleib offensichtlich folgenlos. Als 1631 aber bereits schwedische Truppen immer tiefer nach Deutschland vordringen klagen nun die Juden in Burgau in Augsburg gegen den Burgauer Stadtprediger Kaspar, da dieser einigen Aufruhr erhebt, vor der Synagoge und dem Lehrhaus randaliert und Verleumdungen verbreitet oder auswärtigen jüdischen Händlern nachgeht und gegen sie mitunter handgreiflich wird. Einen Juden aus Steppach, wo wie in Pfersee Söhne und Enkel der Ulmo vor Jahrzehnten ausgesiedelt waren, habe er so mit einem Stecken angegriffen, usw. Mit dem weiteren Vormarsch der Schweden hatten Burgau wie auch der Dorfprediger im Folgejahr jedoch ganz andere Sorgen. Auch die jüdische Geschichte in Burgau endet mit den weitgehenden Zerstörung des Ortes.

Doch aus dem Jahr 1653 ist in Burgau der Jude Josef notiert, der gegen Wilhelm Konrad Schenck von Stauffenberg klagt, da dieser offenbar seine Schulden nicht bezahlen konnte. Da er als Josef von Burgau bezeichnet wird, ist anzunehmen, dass er tatsächlich am Ort lebte. 1665 wird über die Wiederansiedlung von Juden in Burgau verhandelt. Die Rede ist „wie von alters her“ von acht oder neun Familien. Christliche Prediger vor Ort sind anderer Ansicht und sprechen davon, dass sie „solches Ungeziefer“ nicht wieder haben wollten. Offenbar wurde dem Begehren zumindest einiger Juden trotzdem nachgegeben, da sich im Dezember 1668 der aus Pfersee stammende Jude Hertzog  in Burgau meldet und darauf hinweist, dass vor dem großen Krieg (wohl 1631) sein Großvater die Judenschule „auf eigene Kosten und zur Ehre Gottes und ihm zu Nutze und Heil habe erbauen lassen“, weshalb er nun darum bat, dass man ihn nun doch bitte nicht abweisen möge deswegen. Es ist zu vermuten, dass es sich bei jenem Hertzog (oder Hitzig) um Isaak, den Sohn des letzten Rabbiners David Ulmo handelte. Ob es ihm gelang das Gebäude in der heutigen Stadtstraße, dass den Krieg wohl wenigstens teilweise überstanden haben muss, wieder erlangte ist nicht bekannt, muss aber bezweifelt werden, da es in der Folgezeit nur noch spärliche einzelnen Nachrichten über Juden in Burgau gibt. Dabei handelt es sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts lediglich um Bestimmungen für auswärtige jüdische Händler, die an jenen Tagen und Stunden am Markt sein dürfen.

Die vielleicht größte Anzahl von Burgau folgte dann aber wohl erst rund 275 Jahre nach dem Ersuchen von Isak Ulmo aus Steppach, als nämlich von 1944 bis 1945 für die Dauer etwa eines Jahres in Burgau ein Arbeitslager errichtet wurde, in welchem jüdische Zwangsarbeiter, die aus Osteuropa verschleppt wurden (während im Gegenzug schwäbische Juden nach Polen deportierte) für Messerschmidt im sog. „Kuno Werk“ im Scheppacher Forst Düsenjets montieren sollten. Insgesamt etwa 1100 Gefangene wurden dort unter schlechtesten Bedingungen zur Zwangsarbeit genötigt. Über die Anzahl der Toten gibt es keine Zahlen, jedoch wurde in einem Pressebericht anlässlich der Errichtung eines Gedenksteins vor einem Jahr, die Zahl von 18 namentlich bekannten Toten erwähnt. Diese sind in der Inschrift nicht aufgeführt, stattdessen ein deutsches Zitat aus dem Buch Hiob:

Wenn ich daran denke, erschrecke ich und mein Zittern ergreift meinen Leib

Und darunter: „Zum Gedenken an die Verfolgten der NS-Herrschaft. Ihr Leiden und Sterben sei uns Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit. Dieser Stein erinnert an diejenigen, die im Burgauer KZ-Außenlager gelitten haben.“

Dass es sich bei den Gefangenen um Juden handelte, war den Verfassern so wenig Notiz wert, wie auch sonst in Burgau eigentlich nichts mehr an die lange über zweihundertjährige jüdische Geschichte erinnert.

Am 23. April 1945 bombardierten US-Flieger siebzig startklare Messerschmitt Jets und das Werk entlang der heutigen Karlsbader Str. im Süden der Stadt. Im Norden hingegen befindet sich der jüdische Friedhof von Burgau, nördlich der Eichenstraße. Grabsteine sind keine mehr erhalten und der Platz selbst längst nicht mehr ummauert. Die Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

* * *

Burgau today is a small town with some 9000 inhabitants but it has a rich history with a number of quite interesting Jewish aspects. For the period of a half millennium Burgau was capital and eponymous for the Austrian forelands of Margravate Burgau which reached from Ulm to Augsburg.

Simon ben Elieser Ulmo Günzburg (1506-1585) one of the most important scholars of his times lived in Burgau where he was a rabbi and head of a prominent yeshiva. His Jewish-German collections of sayings of course were inspired by the language of the region. Until 1631 there was a Jewish community in Burgau, which also had an own cemetery. The year after the Thirty years War (1618-1648) afflicted the town and region. In the following decades and century there are only scarce notes on Jews in the town. About 1668 Isaac from Pfersee, offspring of the former Burgau builder of the new synagogue for a last time tried to return to the heritage, but obviously failed. Christian preachers had warned against “such vermins”.

275 years alter however, when Burgau had some 3000 inhabitants in the south of the town there was the Burgau satellite concentration camp “Kuno Werke” with some 1100 Jewish prisoners abducted in Hungary and Poland, who were forced to assemble Messerschmitt jet fighters. The number of victims is not known, but last April a monument with a quote from the Book of Job was erected in order to commemorate this part of the past. However nothing reminds of the history of the almost three centuries long Jewish community of Burgau. The old Jewish cemetery north of Burgau’s Eichenstr. has no markers left and no fence or wall. It just is an arable field, dugged up for generations.

The (hand)writing on the pavement cobble says that “Burgau is older than Munich“, whatever this information does amount to. Actually Burgau is first mentioned in an Augsburg deed in 1147, Munich in 1158 (“Augsburger Schied”)

כבש הזהב של בורגאו


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