Am Ende doch nur eine Nummer ..?

August 16, 2011

Menschliches Leben, poetisch formuliert von der Wiege bis zur Bahre, ist einzigartig, zumindest erlebt es jeder so, während jeder (moderne) Mensch das Empfinden kennt, oftmals nur (noch) eine Nummer zu sein, sei es beim Passport, beim Finanzamt, bei den Krankenkassen, als Kraftfahrzeugführer, im Telefonbuch oder als Personal einer Firma und dergleichen mehr.  Was am Ende des Lebens von einem übrig bleibt, wenn auch der eigene Nachwuchs bereits verschieden ist, kann man auf Friedhöfen studieren. Je nach dem Einfallsreichtum oder dem Ausmaß der Trauer sind es Gedichte, Lobpreisungen der edlen Taten, manchmal auch Berufsangaben und Ämter, fast immer aber Namen, Geburts- oder Sterbedaten. Solange die Inschriften nicht überwuchert oder zerbröckelt oder gar der Stein selbst – etwa durch Vandalismus – zerstört ist, bleibt nach Jahren oder Jahrzehnten oft nichts, woran spätere Nachkommen sich orientieren könnten.

Ein Problem, das keineswegs neu ist, wie ein Artikel des Magazins „Israelit“ aus dem Jahr 1902 am Beispiel von Harburg belegt. Der damalige Vorstand der jüdischen Gemeinde von Harburg Gerson Stein hatte vorgeschlagen „auf dem hiesigen israelitischen Friedhof die Nummerierung und Registratur sämtlicher Grabdenkmäler vorzunehmen, um den Besuchern das Auffinden der Grabstädten zu erleichtern und namentlich etwaige defekte Grabdenkmäler zu erneuern.“

Der jüdische Friedhof von Harburg, der damals etwa 500 Grabstätten hatte, hatte inzwischen auch Plätze für Tote aus Mönchsdeggingen und Ederheim, deren Gemeinden dem Artikel gemäß aufgelöst waren. Mit der Aufgabe die Nummerierungen durchzuführen und zu katalogisieren wurde der Lehrer Hermann Rieck beauftragt.

Von Seite vieler Auswärtiger, deren Ahnen im hiesigen Friedhof schlummern, wurde der Kultusverwaltung Harburg, dieses lobenswerten und pietätvollen Unternehmen halber Anerkennung gezollt.“

Gerson Stein von der jüdischen Gemeinde Harburg war nicht der erste, der die Idee der zusätzlichen Grabnummer auf der sonst meist  nicht beschrifteten Rückseite der Grabsteine hatte, aber es war für dokumentarische Zwecke zweifellos eine gute und praktische. Voraussetzung für diesen Nutzen war und ist freilich, der Erhalt der entsprechend erstellten Register und Übersichten. Dies ist heute leider eher selten noch der Fall, da in den späten dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts Nazi-Behörden wie das sog. „Reichssippenamt“ (RSA) in Deutschland und von Deutschen besetzten Gebieten relativ systematisch Archive jüdischer Gemeinden plünderten, um die Unterlagen ihrer rassischen Forschung unterwarfen – u.a. um jüdische Vorfahren nichtjüdischer Deutscher aufzuspüren, relevant für die Vergabe des kleinen oder großen Ariernachweises. Viele der geraubten Geburts-, Heirats-, Sterbe- oder Friedhofsregister, die im thüringischen Schloss Rathsfeld bis in die letzten Kriegswochen hinein, als längst klar war, dass Nazi-Deutschland keinen Bestand haben würde, minutiös abfotografiert wurden, sind verschwunden oder existieren nur noch als Papierkopien der erhaltenen Fotoplatten. Beispielsweise am jüdischen Friedhof von Binswangen ist es, nach aktuellem Kenntnisstand sodann auch so, dass manche der sehr wenigen erhaltenen Grabsteine auf der Rückseite lediglich eben eine solche Grabnummerierung aufweisen. Die auf der Vorderseite befindlichen Metallplatten wurden offensichtlich geraubt, für schändlich Zwecke von lokalen Zeitgenossen, die sich ganz unbefangen an den Grabmalen ihrer bisherigen Nachbarn bereicherten.  In dieser Weise blieb von einigen Juden aus Binswangen nichts anderes übrig als eine verbliebene Nummerierung wie etwa „N 225“, die ohne das Register, für das es angelegt wurde weiter nichts mehr besagt.   

 

„X 225“

without stolen metal plate

Since the metal plate of the grave marker was stolen by Nazi neighbors also the memory has vanished

Probably in mid-nineteen century Jews began to number grave markers on their back with mostly consecutive figures in order to simplify the location of particular tombs for out of town visitors or descendants. The Jewish community of Swabian Harburg in 1902 decided to introduce such numbers also for the purpose in future to be able to restore or replace damaged grave markers. Since during the Nazi time not only many Jewish grave markers but registers as well were destroyed in some cases the backside numbers are the only reference left for us to commemorate. To be nothing more as a meaningless number in an unknown system however is what many contemporaries today fear.

Many thanks toRolf Hofmann for the 1902 “Israelit” article which draws attention to a problem almost everywhere.


Jüdischer Friedhof Augsburg Pfersee / Kriegshaber

July 22, 2011

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-KRI-BURIAL-REGISTER-SPATIAL.pdf

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20302/CEM-KRI-BURIAL-REGISTER-ALPHABETICAL.pdf

Auf den Seiten der oben zitierten Links der „Alemannia Judaica“ sind nun auch die Register des jüdischen Friedhofs von Kriegshaber / Pfersee veröffentlicht. Der Friedhof wurde nach allgemeiner Auffassung im Jahre 1626 eingerichtet, ist aber wahrscheinlich *etwas* älter (und umfangreicher). Die beiden Register geben den ermittelten Wissenstand zur Belegung in zweifacher Weise wieder, zum einem hinsichtlich der räumlichen Anordnung der ermittelbaren Gräber (wegen des erheblich Zerstörungsgrad nicht durchgehend der Grabsteine), zum anderen die alphabetische Ordnung der ermittelten Bestatteten. Letzteres ist freilich eher für Genealogen von Belang.

Die Listen können auf Grund des beeinträchtigten Forschungsstands nicht zuletzt auch wegen vieler eher ungünstigen aktuellen Bedingungen nur ein Ansatz sein, den Gegebenheiten auf die Spur zu kommen. Viele Fragen müssen derzeit offen bleiben, manche sind den äußeren Umständen geschuldet, andere unwiederbringlichen Zerstörungen zurückliegender Jahrzehnte. Nachfahren und versierte Forscher die einzelne oder weiterführende Erkenntnisse haben sind willkommen, ihre Einsichten und Erinnerungen beizusteuern, um das Wissen für die Allgemeinheit zu bereichern.

Da uns der historisch überaus bedeutsame Friedhof von Medinat Schwaben, der ehemaligen jüdischen heiligen Gemeinden von Pfersee, Kriegshaber, Steppach und Schlipsheim aus verschiedenen, auch familiären Gründen sehr naheliegt, sind wir seitens des JHVA auch eher ernüchtert als erfreut, nur diesen Wissensstand präsentieren zu können.  

בעזרת השם, המצב יהיה טוב יותר ביום המחר – בעזרתך, אולי

 ”Eine bekannte Rede sagt, man lernt für das Leben, man lernt nicht für den Lehrer, aber auch das ist falsch verstanden. Ob du die Namen fremder Länder auswendig lernst oder Algebra, es nutzt dir nichts, wenn du auf dem Feld stehen musst, um die Ernte einzubringen vor dem Hagel. Du kannst die erfundenen Namen von fernen Sternen wissen, aber es nutzt dir nichts, wenn deine Frau im Kindbett zu sterben droht. Du kannst gelernt haben, wie man an einen Grafen einen Bittbrief schreibt, aber damit wirst du keine Seuche von deinem Vieh abhalten. In den Schulen lernen Schüler für vieles Geld viele eitle Dinge, die praktisch wenig nutzen. Es ist, als ob man einen Esel mit vielem Ballast noch mehr belädt, so dass er die wesentlichen Dinge nicht mehr tragen oder selbst nicht mehr laufen kann. Vieles lädt man den Schülern auf den Buckel, was sie nur in wenigen bestimmten Berufen benötigen und sie an den Universitäten lernen könnten. Somit fehlt nun aber die Zeit zu lehren, was für alle gleich wichtig ist, die gemeinsamen Vorzüge und Eigenheiten, die allen Menschen gelten, ob sie nun ein Geometer oder eine Magd sein mögen, dies sind die Gebote der Tora und die Schriften der Weisen. Stattdessen tritt nun an die Stelle der Tora oft der Gehorsam gegenüber dem Lehrer. Der Schüler lernt nicht mehr die Gottesfurcht, sondern die Angst vor dem Lehrer, die an die Stelle der Angst der Kinder tritt, von den Eltern verlassen zu werden. Der Schüler lernt nun sich in die Gemeinschaft der Klasse zu fügen und den Anordnungen zu folgen. Die Gemeinschaft gibt ihm den Schutz und er lernt dass er sicherer ist, wenn er keine andere Meinungen hat, aber Ärger bekommt, wenn er widerspricht. Er lernt, dass Bewahren gut und Neues schlecht ist und so entsteht in ihm das schädliche Übermaß der קבוע. Diese Erfahrung überträgt er auf seine Familie, auf seine Freunde und er wird es gut finden und verteidigen selbst wenn es offensichtlich falsch ist. Es ist wie in der Generation der Wüstenwanderung. Sie wurden befreit aus der Knechtschaft Ägyptens und bald schon sehnen sie aus Angst vor der Veränderung die Speisetöpfe der Knechtschaft zurück. Die Unterdrückung und Qual ist ihnen lieber als die Ungewissheit, was wird morgen sein?

Aus demselben Grund hat Jakobs Schwiegervater ihm das Leben schwer gemacht und ihm immer neue Aufgaben erfunden, denn er wollte keine Veränderung und seine Töchter nicht abgeben. Das erinnert an jene, die nicht mehr leben wollen, wenn ihre Frau oder ihr Mann stirbt. Wer an den Grabsteinen entlang geht, kann oft sehen, dass zwischen dem Tod von Mann und Frau nicht viel Zeit liegt. Ohne die Bindung hat ihr Leben keine Kraft mehr. Der Verlust ist unerträglich, das Leben geht an ihnen vorbei. Das lebende Wasser des Lebens, die Tora, wird fest und ihre Augen werden krank und blind. Das Wasser der Tora, ein Fluss, der Leben in alles Land bringt, steht still und wird ein Tümpel der zu stinken anfängt. Der Mensch taucht nicht mehr in die Mikwe ein, in das lebendige Wasser. Er reinigt sich nicht, sondern taucht ein in die Jauche und besudelt sich und seine Mitmenschen.

Die Angst vor der Veränderung im Leben ist die Angst vor dem Leben selbst. Sie beruht darauf, dass der Mensch sich selbst mehr liebt als HaSchem, er fürchtet seinen Verlust mehr als HaSchem, aber wir wissen aus der Thora, dass der Preis für Schutz und Gewohnheit die Freiheit der Auswahl ist.”

(Vorsitzendner R. Schimon ben Sanwil Ulmo, gest. 1720 Pfersee, aus “Über die Fixierung” / “Sechs Kapitel”)

burial registers of Pfersee / Kriegshaber Jewish Cemetery

The best is yet to come … be’esrat Hashem.


Der alte jüdische Friedhof von Fürth

May 30, 2011

Neben der Beschreibung der Infrastruktur der jüdischen Gemeinde in Fürth gibt der Nürnberger Pfarrer und Geschichtsschreiber Andreas Würfel in seiner „Historische(n) Nachricht von der Judengemeinde in dem Hofmarkt Fürth“  auch Beschreibungen zum jüdischen Friedhof in der Stadt – und für das Jahr 1754 noch eher ungewöhnlich, die Abschrift von immerhin 21 exemplarischen Grabsteininschriften. Der dritte Teil seines vierten Kapitels lautet sodann auch

Von dem Leich-Hof der Juden in Fürth und dem darauf befindlichen Spital

Der Ort wo die Fürther Juden ihr bes chajim haben, war anfänglich sehr klein, drum hat die gesamte Judenschaft bei ihrem merklichen Anwachs noch mehr Land dazu gekauft und das war der Schind-Anger. Solchen kaufte die Judenschaft Anno 1617, den 27. Juli von Elisabeth weiland Hans Lohemanns, gewesenen Waffenmeister in Fürth nachgelassenen Wittib (= Witwe) samt seiner Behausung aller Zugehung um 305 Gulden und 5 Taler Leykauf.“

Durch den Platz des Schind-Angers ist das bes hakkebboros (בית קברות) um ein gutes Teil erweitert worden. Doch weil sie den Platz nicht wie an andern Ort aufschütten, so ist er wieder zu eng geworden. Sie erkauften darum vor drei Jahren, dasjenige Stück Land welches an den Leichhof, gegen das Wasser, anstieß, von dem Singer, einem Bierbrauer in Fürth, um ein beträchtliches Stück Geld, und haben solches auch mit der Mauer eingefasst. In der Zeit da man an dieser Mauer noch baute hat eine verwegene Hand im Monat Oktober, boshaftiger Weise, Grabsteine zerschlagen und in das Wasser geworfen.“ Letzteres war sicher keine leichte Übung.

Darstellung eines Teils des alten jüdischen Friedhofs von Fürth aus dem Jahre 1705 durch den Nürnberger Kupferstecher und Kunsthändler Johann Alexander Boener (1647 – 1720), der vor allem für seine eindrucksvollen Nürnberger Stadtansichten zu Ruhm gelangte.

Source: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:J%C3%BCdischer_Friedhof_F%C3%BCrth_1705.jpg&filetimestamp=20090308082519

Über dem Eingangstor des „Leich-Hofs“ so berichtet Würfel weiter, standen die Worte בית היים, was er wieder in der taitschen Aussprache als „bes chaim“ transkribiert und mit „Haus der Lebendigen“ übersetzt. Neben dem Eingang stand ein Stein mit einem Zitat aus dem Buch Hiob 3.22: sie freuen sich und jubeln, weil sie Gräber finden – „השמחים אלי־גיל ישישו כי ימצאו־קבר“ – datiert war die Inschrift auf das Jahr (5)413, entspricht 1653. Würfel vermutet, dass in diesem Jahr vielleicht auch die Mauer erweitert wurde, was in den Zeiten des vorherigen 30jährigen Krieges wohl nicht geleistet werden konnte. Jedoch wurden (nun) auch Juden aus Zirndorf und Unterfarrenbach in Fürth bestattet.

Die Steine welche die Juden auf diesem Bes Chaim zu Häuptern der Verstorbenen, perpendiculair (senkrecht) aufrichten, geben dem weiten Platz ein prächtiges Aussehen. Manche Aufschriften sind nach jüdischer Art zu denken sinnreich, in den meisten aber ist eine Sammlung großer Prahlerei und unglaublichen Hochmuts enthalten.“

Nichts im Vergleich zu dem, was christliche Würdenträger zu Ehren an Prunkmalen und Kirchen gewidmet wurde, wollte man dem Pfarrer entgegenhalten.

Die Toten-Gesellschaft, der anzugehören eine Ehre sei, die man sich erkauft, so berichtet er weiter, führt auch ein „Memor“, ein Leichenbuch, „in welches sie alle Personen, sie seyen groß oder klein, die sie begraben, einschreiben lassen“.

Eine Besonderheit des Friedhofs (die freilich auch von Kriegshaber/Pfersee berichtet wurde) war das auf seinem Gelände befindliche Hospital. Den Kranken sei damit verdeutlicht worden, dass zwischen ihnen und dem Grab nur ein kleiner Schritt war. Im Spital wurden die Kranken und Kindbetterinnen von sog. „Hekdisch-Leuten“ gepflegt, die ihren Unterhalt von der Kahls-Stube erhielten. Das bedeutet nicht, dass diese „Leute“ besonders „hektisch“ waren. „Hekdesch“ (wörtlich etwa „geheiligt“) war der gebräuchliche Name für Armen- und Krankenhäuser. In Fürth waren die unteren Zimmer des (freilich nicht mehr existierenden) Hauses für Frauen, die oberen für männliche Kranke vorgesehen.

Dieser Beschreibung lässt Würfel nun die Wiedergabe von immerhin 21 „Grab-Schriften mit ihren Übersetzungen“  nebst einer deutschen Übersetzung folgen, eine für die damalige Zeit doch beachtliche Tat, zumal heute in der Gallut allenthalben Grabsteinabschriften von hebräischen Friedhöfen als eine Art heiliger Ware gehandelt werden.

 Nach der Inschrift des Aluf Mosche Sohn ben Rabbi David Schmuel findet sich als zweite Inschrift die des Grabmals des Kazin parnas und manhig Isserl bar Mosche s’l Ulmo der 80 Jahre alt wurde und am 19. Kislev 457 (= 3. Dezember 1696) verstarb und demnach 1616 geboren wurde, der enge verwandtschaftliche Beziehungen zu den Ulmo in Pfersee hatte. Ob sich der Grabstein noch unter den erhaltenen des Friedhofs befindet ließ sich in einer nur eineinhalb stündigen Begehung des gesamten Geländes nicht ermitteln. Nur etwa ein Drittel der Grabsteine gelten als erhalten und viele der Denkmäler, insbesondere die älteren hebräischen sind offensichtlich jahrzehntelang der Verwilderung ausgesetzt worden, nachdem sie zuvor von den Nazis umgestoßen oder zerschlagen wurden.

Eine weitere Inschrift ist dem Kazin Rabbi Schlomo Schneor bar Jehoschua Abrawam gewidmet, worin sich die allgemeingültige Formel für jüdische Grabsteine זכרון לדורות מכתב האבן  befindet: zum Gedenken der Generationen ist der Stein geschrieben. Rabbi Schlomo Schneor starb am 11. Tamus 5452 (= 15. Juni 1692).

In der Inschriften-Sammlung von Andreas Würfel aus dem Jahre 1754 finden sich u.a. noch R. Menachem Man ben Mosche (gest. 5415 / 1655), verehrt als „Ner Jisroel“, „Licht Israels“ der Vorsitzender des Bet Din und der Gemeinde in Fürth war. R. Schmuel Behrman Levi ben David Isaak (gest. 5469 / 1709). Auch er war Vorsitzender der Gemeinde, der Wert darauf legte, dass man kein großes Aufsehen um ihn machte und vielleicht gerade deshalb seiner Gemeinde als vorzüglicher Gelehrter galt. No. 12 in der Aufstellung ist der Aluf R. Jakow Meir bar Jehuda Mosche Ulmo, der am 14. Ijar des Jahres 5470 verstarb, was im christlichen Kalender dem 3. Mai 1710 entspricht. Zum Abschluss ein Beispiel aus der Sammlung, das Aufschluss darüber gibt, dass sich Würfel nicht nur auf prominente Gelehrte beschränkt, sondern offenbar eine Art Überblick über die Vielfalt der Inschriften geben möchte. Die Moledet Bela Tochter des Jakob starb am 22. Tischri 5455 (nach Suckot 1695) offenbar bei der Geburt ihres Kindes.

Die 21. Grabinschriften von Andreas Würfel sind wie sein gesamtes Werk online und gratis zugänglich:

http://www.judaica-frankfurt.de/content/titleinfo/603169

bzw. alternativ dazu über Google-Books.

Weit mehr, nämlich 240 Grabsteine dokumentiert das Buch mit zahlreichen, wohl auch älteren Fotos aus der Zeit der Vorkriegsgemeinde, von der früheren Gemeindevorsitzenden von Fürth, Frau Gisela Naomi Blume, die uns freundlicherweise nicht nur eine Reihe von Plätzen des ehemaligen jüdischen Fürth, sondern auch den alten und neuen jüdischen Friedhof vorstellte.

Gisela Naomi Blume: Der alte jüdische Friedhof in Fürth: 1607 − 2007 ; Geschichte – Riten – Dokumentation. Verlag Meyer, Scheinfeld 2007, ISBN 978-3-89014-280-7 (bei Amazon.de derzeit leider vergriffen, jedoch durften wir mal kurz in das Exemplar der Autorin reinschauen)

Frau Blume ist auch seit Jahren damit befasst eine Datenbank mit allen ermittelbaren Begräbnissen, die sich aus Archivmaterial (CAHJP, etc.) ergeben, zusammenzustellen. Ob die ominöse Zahl der 20.000 die oft genannt wird dabei zustande kommt, ist nach unserem Befinden fraglich, jedoch wird es absehbar keine umfangreichere Arbeit zur Dokumentation des jüdischen Friedhofs von Fürth geben. Unser Dank an Frau Blume mischt sich deshalb in die Hoffnung, dass Ihre weitere Arbeit den Erfolg haben wird, die gesammelten Daten bald der interessierten “Forschung” und insbesondere den zahlreichen Nachkommen in aller Welt frei zugänglich zu machen.

Für weiteres Interesse aber auch genealogische Rückfragen zum jüdischen Friedhof oder zur Geschichte der Juden in Fürth verweisen wir sehr gerne auf Frau Blume und ihre neu eingerichtete Webseite mit entsprechenden Kontaktdaten:

http://www.juedische-fuerther.de/

Already in 1754 Christian pastor and historian Andreas Wuerfel from Nuremberg gave a depiction of the old Jewish cemetery of Fuerth along with some 21 detailed transcripts of Hebrew grave markers and – regarding times and circumstances - quite good German translations. At least a number of those depicted stones probably are no longer in existence, so his account – by what motivation ever – is important for the history and documentation. Regarding our own Swabian research it is a quite happy coincidence, that among Andreas Wuefrfels 1754 collection od old Hebrew grave marker inscriptions there also are two relevant Ulmo family connections.

Auch in die umgekehrte Richtung gibt es freilich Bezüge, insofern Grabsteine auf dem Friedhof von Pfersee / Kriegshaber eine Herkunft aus Fürth anzeigen.

Im ältesten bekannten Beispiel betrifft dies :

קלמן בן חנוך מפירדא נפטר ט ניסן ת”צ

Kalman ben Henoch aus Fürth, gestorben am 9. Nissan 5470 (= 29. März 1710)

Desweiteren:

טרנלה בת פרנס הירש נייבורגר מקק פיורדא אשת ליפמן מאיר חזו ומורה מקק גריסהבר יג בטבת שנת תקי”ד

Trenle Tochter des Parnas Hirsch Neuburger aus Fürth Frau des Lipmann Meir Vorsänger und Lehrer der heiligen Gemeinde Kriegshaber, (gest.)  13. Tewet 5514 (= 7. Januar 1754)

Sodann:

ר משה בר יוסף מקק פיורדא נפטר רח ניסן תק”ט

R. Mosche bar Josef aus der heiligen Gemeinde Fürth, gestorben Neumond Nissan 5509 (= 9. März 1749)

Und …:

קעלא אשת משה כהן קאמפע מפיורדא נפ כג סיון תקפ”ה

Kela, Frau des Mosche Kohen Kampe, gest. 23. Sivan 5585 (= 9. Juni 1825)

Finally (vorerst):

יוטא בת בער יאפע מקק פיורדא אשת זיסקינד אפנהיימר מקק פפרשא נפטר ט תמוז תקצ”ו

Juta Tochter von Ber Jafe aus der heiligen Gemeinde Fürth Frau des Siskind Oppenheimer aus der heiligen Gemeinde Pfersee, gestorben 9. Tamus 5596 (= 24. Juni 1836).

Es wäre sicher interessant entsprechende und weitere Verwandtschaftsbeziehungen die es auch logischerweise zwischen den beiden Zentren in Fürth und Pfersee/Kriegshaber/Steppach gab, näher zu beleuchten.

 

A number of other photographs of the old Jewish cemetery you may find at wikipedia, the pages from several municipal services in Fuert, the Jewish Community of Fuerth, as well as flickr, etc.

Nicht hart genug. Ein Fan-T-Shirt der Spielvereinigung Greuther Fürth (Platz 4 in der abgelaufenen Saison), letztens zu sehen am Bauch eines Biertrinkers in der Fürther Fußgänger-Zone, nimmt Bezug auf das dreiblättrige Kleeblatt (was ornamental wiederum auf den Dreipass – nicht Bypass -  in der Heraldik und im christlichen Kontext die “Trinität” symbolisiert). Als Glückssymbol gilt jedoch das vierblättrige Kleebatt und so bleibt Fürth anders als der in die erste Bundesliga aufgestiegene FC Augsburg  auch künftig Zweitligist. Der Spruch auf dem Shirt jedenfalls lautet: “Und der Herr sprach zu den Steinen: Wollt Ihr Kleeblatt-Fans werden?“ Da antworteten die Steine: „Nein, Herr, dafür wir sind nicht hart genug. „

Was die Fürther Fußball-Fans sagen wollen, ist das sie als “Kleeblätter” härter wären als Stein. Ob das stimmt, lassen wir dahingestellt. Fest steht freilich, dass am alten jüdischen Friedhof in Fürth vielleicht mehr als anderswo in Süddeutschland zwar nicht unbedingt Kleeblätter, so aber doch völlig ausufernder Wildwuchs und kranke umstürzende Bäume den Bestand zahlreicher Grabsteine des Friedhofs akut gefährden, wie eine Reihe umgestützter wuchtiger Bäume belegen, die irgendwo im Dschungel herumpurzeln.


Die “Weisen von Pfersee”: Isaak Seckel Etthausen und Simon Wolf Wertheimer

May 24, 2011

In der “Jewish Encyclopedia” heißt es 1905: “The Scholars of Pfersee חכמי פערשא are well known”.

Diese Aussage hat heute gewiss längst keinerlei Gültigkeit mehr. Ganz zu Unrecht, da hier vor Ort einige sehr bedeutende und weit über die Grenzen des österreichischen, später bayerischen Schwaben hinaus bekannte Gelehrte lebten und wirkten, die wesentlich zur Entwicklung des Judentums und der Kultur in Europa beitrugen und als frühere Förderer des Zionismus die Geschichte beeinflussten.

R. Isaak „Seckel“ b Menachem Etthausen (1685-1763) bewegte sich in den bedeutendsten Kreisen des damaligen europäischen Judentums. Er war der Schwiegersohn des Mainzer Rabbiners Issachar Eskeles, auch bekannt als Berusch (=Baruch) Ischschachar ben Gabriel (1692-1753) und Chawa Rivka (1691-1755), der Tochter des berühmten aus Worms stammenden Wiener Rabbiner und kaiserlichen Hoffaktoren Schimschon (Samson) Wertheimer (1658-1724). Deren Sohn und Etthausens Schwager war Bernhard Eskeles (1753-1839), der als Waise aufwuchs. Sein Vater starb vor seiner Geburt, seine Mutter noch bevor er zwei Jahre alt wurde. Bernhard Eskeles wurde gleichfalls als Bankier berühmt und erwarb mehrere Adelstitel wie Edler, Ritter und schließlich Freiherr. Anders als eine Vielzahl seiner Verwandten hatte er jedoch wenig Interesse am Judentum und so verwundert es nicht, dass seine Kinder zum Christentum konvertierten.  In den Jahren 1709-10 finden wir Isaak Etthausen als Rabbiner in Schnaittach bei Nürnberg, dann in Aschaffenburg und im unterfränkischen Marktbreit (Geburtsstadt des Entdeckers der Alzheimer Krankheit), rund 25 km südöstlich von Würzburg, wo ihm 1722 Pinchas Katzenellenbogen ins Amt des Rabbiners nachfolgt. Etthausen hingegen geht nach Mainz und wird nun als Schwiegersohn auch Assistent des Rabbiners Eskeles. Von 1723 bis 1729 übernimmt er dessen Position als Oberrabbiner von Mainz. Im Jahr darauf übersiedelt Etthausen mit seiner Familie ist österreichisch-schwäbische Pfersee, wo er die Nachfolge von Jehuda Löb ben Issachar Oppenheim, dem in Worms geborenen Neffen des Prager Oberrabbiners David Oppenheim antritt. Isaak Etthausen blieb 33 Jahre lang bis zu seinem Tod im Jahre 1763 Rabbiner vor Ort und wurde am Friedhof von Pfersee und Kriegshaber begraben.

Die Inschrift seines Grabsteins würdigt ihn als hochverehrten Raw Gaon Jitzchak bekannt als Sekel Ethausen, Vorsitzender des Gerichts der heiligen Gemeinde Pfersee und von ganz Medinat Schwaben der wahrhaftig auf die Wunder Gottes vertraute. Der Ruf seines guten Namens eilte ihm in allen Toren voraus wie gutes Öl und als Richter war er in seiner Weisheit mutig, um verbindlich Recht zu sprechen. Als Autor veröffentlichte er Fragen-und-Antworten „Verborgenes Licht“ (or ne’elam) und „Licht in Zion“ (or lo bezion). Gestorben und begraben wurde er in gutem Namen am 7. Elul des Jahres 5523, was Dienstag dem 16. August 1763 entspricht.

Die erwähnten Schriften wurden 1762 und 1765 von seinem Sohn Jehuda Loeb Etthausen in Karlsruhe gedruckt. „Or Neelam“ ist eine Sammlung von 58 Antworten („Responsen“) im Stile der klassischen „Frage und Antwort“ – Literatur (schu‘t: sche‘elot u tschewot) und „Or LeZion“ ein gewandter Beitrag zum Talmud Abschnitt Brachot. Beide Werke sind zum Glück erhalten geblieben und rechtfertigen das hohe Ansehen Sekel Etthausens.

Sein Grabstein jedoch wurde in der Nazi-Zeit weitgehend zerstört. Nur der Sockel ist noch vorhanden. Zum Ausgleich (?) wurde das Photo von Theo Harburger aus dem Jahr 1927 in verschiedenen Fachpublikationen ein zweites Mal für den jüdischen Friedhof von Binswangen wiedergegeben. Dort freilich befand sich der Stein natürlich nie.

Der Bruder von Etthausens Schwiegermutter war Simon Wolf Wertheimer (1681-1763), ältester Sohn des Wiener Hoffaktoren Samson und selbst kaiserlicher Oberhoffaktor, der zumindest in den Jahren 1744 bis 1748, worüber über 90 erhaltene Originalbriefe und Abschriften berichten in Augsburg lebte und von dort eine ausführliche Korrespondenz nach Hamburg, Wien, Fürth, Prag, etc. unterhielt. Manchmal lautet seine Anrede Monsieur Wolff Wertheimer Agent de Chambre de la Majesté Impériale et Grand Facteur de la Majesté le Roy de Pologne Augsburg, also kaiserlicher Kammeragent Großfaktor des Königs von Polen. Letzteres war in jener Zeit August III, der sich weit mehr für Opernbesuche und Kunstsammlungen als für Politik interessierte. Wolf Wertheimer übersiedelte um 1750 nach München, wo er sich zuvor auch immer wieder am Hof der bayerischen Herzöge aufhielt und starb dort. Für einiges Aufsehen sorgte der aufwendige Leichenzug von München zum jüdischen Friedhof bei Pfersee und Kriegshaber, dem sich zahlreiche Vertreter anderer Gemeinden anschlossen. Wie bereits sein Vater Schimschon (Samson) unterstützte auch Schimon (Simon) Wolf den Unterhalt und Aufbau jüdischer Gemeinden im Lande Israel (Safed, Jerusalem, Hebron). Einem Brief aus dem Jahre 1729 an einen seiner  Schwiegersöhne lässt sich etwa entnehmen, dass er etwa auch Beziehungen zum österreichischen Gesandten in Istanbul nutzte, um sich für die Juden in der damals osmanischen Provinz einzusetzen. So verwundert es auch nicht, dass sein Grabstein am Friedhof Pfersee/Kriegshaber  einen fast messianischen Ehrentitel „Nasi Jisrael“  trägt, was je nach Lesart als Prinz, Fürst oder König Israels umschrieben werden kann. Die Grabrede hielt Isaak Etthausens Nachfolger Benjamin Wolf Spiro Segal der einer prominenten böhmischen Rabbinerfamilie entstammte und selbst Richter in Prag war, ehe er Rabbiner in Oettingen und 1764 Rabbiner in Pfersee wurde und 1792 verstarb.

Wertheimers Grabmal aus rotem Kalkstein ist trotz der Zerstörung zahlreicher benachbarter Gedenksteine glücklicher Weise fast vollständig erhalten geblieben. Die Inschrift lautet:

פה נטמן הרר שמעון וואלף בן גאון נשיא ארץ ישראל מרהרר שמשון וערטהיים זצל מווינא נפטר במינכין מוצאו שק ונקבר ביום א כ טבת שנת ת”ו קוף כף היא לפק תהא נשמתו בצרורה בצרור החיים

 

Hier ist begraben der verehrte R. Schimon Wolf Sohn des Gaon und Fürsten des Landes Israel der hochverehrte R. Schimschon Wertheim aus Wien, gestorben in München am Ausgang des heiligen Schabbat und begraben am ersten Tag der Woche, am 20 Tewet des Jahres 5526. Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens.“

Das Datum ist etwas sonderbar notiert als שנת ת”ו also Jahr 406 (das wäre freilich 1645) gefolgt von den ausgeschrieben Buchstabennamen קוף כף für den Zahlenwert 120, was zusammen addiert also 526, bzw. 5526 ergibt. Das Datum der Beisetzung in Pfersee/Kriegshaber entspricht demnach dem Sonntag 13. Januar 1765, in München gestorben ist Schimon Wertheimer am Vorabend.  Der gewiss recht mühsame Transport des Leichnams von München wie auch die Beisetzung mussten also vor Anbruch der winterlichen Abenddämmerung abgeschlossen sein, die Mitte Januar bereits um etwa 17 Uhr beginnt.  

Einen eigenen jüdischen Friedhof hatte München in dieser Zeit noch nicht. Genau genommen noch nicht mal eine „richtige“ Gemeinde. Diese konstituierte sich dem Vernehmen nach erst im Januar 1815 in der Wohnung von Judit Wertheimer, der Witwe von Wolfs Sohn Abraham. Im Jahr darauf bekam die neue Gemeinde auch in München auch einen eigenen Friedhof, weshalb aufwendige Überführungen ins fast 70 km entfernte Kriegshaber nun nicht mehr erforderlich waren.

see: http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=247&letter=P&search=Pfersee

The Jewish cemetery of Pfersee and Kriegshaber is the burial place of numerous scholars and rabbis. Among them are prominent personalities like Isaac Sekel ben Menachem Etthausen (1685-1763), author of “Or Neelam” and “Or lo betzion” who had been Rabbi of Pfersee and Medinat Schwaben for 33 years and his ramified relative Shimon Wolf Wertheimer, court Jew of the emperor, the Bavarian dukes as well as of the King of Poland. Shimon or Simon Wolf Wertheimer who spent at least some years in Augsburg as we know from a number of 90 letters, is the son of the universally known Shimshon Wertheim better known as Samson Wertheimer who was a famous and pious scholar , Rabbi of Hungary and a very prominent imperial court Jew in Vienna himself. The fact that his firstborn and most influential son Simon spent a lot of time in Augsburg as well as in Pfersee and finally had been buried here however is hardly known.


Rabbiner von Augsburg: Jakob Heinrich Hirschfeld (1819-1902)

May 22, 2011

Als ersten neuzeitlichen Rabbiner in Augsburg nennt die Fachliteratur für die 1860er Jahre meist schlicht „Dr. Hirschfeld“.  Diese Interpretation übersieht freilich, dass spätestens seit 1803 zumindest auch die Kriegshaber Distriktrabbiner Pinchas Skutsch (gest. 1819) und dessen Schwiegersohn Aharon b Josef Guggenheimer (1820-1856) in Augsburg präsent waren. Die gemütliche Droschkenfahrt von Kriegshaber dauerte etwa eine halbe Stunde. Trotzdem verbindet sich mit Rabbiner Hirschfeld untrennbar die Nutzung der Synagoge in der Wintergasse wie auch die Einweihung des jüdischen Friedhofs zwischen Haunstetter Straße und Altem Postweg im Stadtteil Hochfeld, den der Gemeindevorsitzende Carl Obermayer kurz vor seinem Amtsrücktritt 1867 für rund 1500 Gulden erwarb.

Jakob Heinrich Hirschfeld wurde am 20. Januar 1819 im slowakisch/ungarischen Sasvar /Sassin geboren. Er starb am 6. Oktober 1902 in Wien. Hirschfeld erwarb neben einer rabbinischen und musikalischen Ausbildung auch den akademischen Grad eines Dr. phil. und war zudem öfter als Journalist und Musiklehrer tätig. Mitte der 1850er Jahre finden wir ihn als Rabbiner von Szenitz (Österreich-Ungarn, heute Slowakei), wo er Pauline Ausch heiratete. In Szenitz wurde am 4. Januar 1858 auch der älteste Sohn Viktor geboren, von dem noch die Rede sein wird. Bald darauf jedoch zog die Familie nach Fünfkirchen (Pécs), wo Jakob Hirschfeld eine weitere Anstellung erhielt und auch das Oberrabbinat des Bezirks Baranya (deutsch: Branau, jedoch nicht zu verwechseln mit Braunau) leitete.

Ende 1863 kamen die Hirschfelds nach Augsburg, wo erst wenige Jahre vorher erst der Weg der Wintergasse gepflastert wurde und man nun bei Regen oder Schnee nicht mehr im Morast versinken musste. Dort gab es zwar bereits eine seit Jahrzehnten stets anwachsende jüdische Gemeinde mit inzwischen weit mehr Mitgliedern als in den ehemals österreichischen westlichen Randorten der früheren Reichsstadt. Trotzdem kurz zuvor auch die formelle Gründung als durch den König anerkannte „Israelitische Kultusgemeinde“ erfolgte, waren die nun großstädtischen, eher auf die Wiener Oper als in den Talmud schauenden Augsburger Juden weiter auf Lehrer und Rabbiner aus Kriegshaber, Pfersee und Steppach angewiesen. Das sollte sich nun ändern und so befand die Gemeindeführung um den bayerischen US-Konsul Carl von Obermayer (1811-1889), dass Augsburg nicht nur ein eigenständiges Synagogen- und Gemeindezentrum, sondern für sein von auswärtigen Morim abhängiges Lehrhaus auch einen eigenen Rabbiner benötigte. Dieser sollte jedoch nicht wie der 1856 ins mährische Aussee abgewanderte Guggenheimer gegen Händler opponieren, die am Schabbes etwa an der Augsburger Dult verkaufen wollten, andererseits aber auch nicht zu „reformerisch“ sein.

Im „Israelit“ dem Zentralorgan des damaligen „orthodoxen“ Judentums vom 10. Februar 1864 bewarben die Neu-Augsburger deshalb auch Dienste und Nebenverdienste:

Eltern, die ihre Töchter an trefflichen Lehranstalten eine höhere Ausbildung angedeihen zu lassen und Augsburg wegen seines gesunden Klimas vorzuziehen geneigt sein dürften, erbietet sich eine Dame von höherem Stande und höherer Bildung Mädchen nach zurückgelegtem 7. Lebensjahre in ihrem Hause unter annehmbaren Bedingungen aufzunehmen. Nebst häuslichen Komfort und der Beaufsichtigung und Leitung der in Arbeiten der Institutions-Aufgaben von Seiten der Dame wird auf wahre Herzens- und Geistesbildung hingestrebt werden. Der Religionsunterricht wird so wie die öffentlichen Religionsschulen des Distrikts unter Überwachung des Distriktrabbiners Dr. Hirschfeld stehen; auch kann gegen besondere Vergütung Klavier- und Singunterricht erteilt werden.

Reflektionen belieben sich zu wenden an Seine Hochwürden Herrn Distrikts-Rabbiner Dr. Hirschfeld in Augsburg

Die damals gebrauchte Anrede „Seine Hochwürden“ für einen schwäbischen Rabbiner ist ebenso anachrostisch wie die weitverbreitete Ansicht, Rabbiner Hirschfeld, dessen Namen und Rahmendaten meist noch nicht mal gekannt werden, sei im Sommer 1871 im Zuge der Rabbiner-Synode von Augsburg wegen einer „zu orthodoxen“ Haltung seitens der inzwischen reformerisch orientierten Gemeinde entlassen worden.  Zwar entwickelte sich die Gemeinde von Augsburg bald genau in diese Richtung, doch zu jener Zeit war das Gegenteil der Fall und Jakob Hirschfeld musste in Augsburg gehen, weil er inzwischen zu den Reformern übergelaufen war und als Augsburger Rabbiner an der Synode gegen den Willen der Gemeinde teilnehmen wollte. So kam es zu einer Reihe peinlicher  Umstände und Vorfälle, die die jüdischen Publikationen aller Strömungen bereitwillig ausschlachteten. Augsburg als Gastgeber der Rabbiner-Konferenz, die seitens der Stadtgemeinde sogar auch den Goldenen Saal zur Verfügung gestellt bekam, hatte folglich selbst keinen Rabbiner. Hirschfeld nahm zwar an der Versammlung teil, jedoch nicht als Vertreter der heimischen jüdischen Gemeinde. Er war deshalb ein willkommener Grund für die große Mehrheit der Augsburger Juden, an den Veranstaltungen der Synode nicht teilzunehmen. Im Gegenzug speisten die aus ganz Deutschland angereisten Rabbiner im Nobelhotel „Drei Mohren“ und eben nicht koscher im Zentrum der Augsburger Gemeinde in der ganz nahe gelegenen Wintergasse. Auch das wurde seitens der Presse freilich entsprechend verspottet. Mit dem Ende der Synode, deren Verlauf, Inhalt und Wirkung wir noch an anderer Stelle reflektieren werden, hat Hirschfeld offenbar auch Augsburg den Rücken gekehrt.

Die Familie zog von Augsburg nach München und 1876 finden wir Jakob Heinrich Hirschfeld wieder in Wien, nun als religiöser Hilfslehrer. Die Vertreter der jüdischen Orthodoxie hatten ihn und andere Teilnehmer der Augsburger Rabbiner-Konferenz vom Juli 1871in landesweiten Zeitungsaufrufen öffentliche gebannt und wahrscheinlich deshalb fand er auch keine weitere Anstellung als Rabbiner, sondern arbeitete als Journalist und erteilte mit seiner Frau Paula Klavierunterricht. Am 26. Januar 1897 starb Pauline gemäß der Todesanzeige um neun Uhr vormittags „nach kurzem Leiden“. Als Unterzeichner finden sich ihr Ehemann J.H. Hirschfeld mit zwei Söhnen zwei Töchtern, einen Schwiegersohn, einer Schwiegertochter und einer Enkelin. Sie sind der Nachwelt freilich weit besser in Erinnerung geblieben.

Weit berühmter sind Jakobs und Paulas Kinder, die freilich selten mit dem „Augsburger Rabbiner“ in Verbindung gebracht werden. Dies gilt insbesondere für seinen am 4. Januar 1858 in Szenitz bei Pressburg geborener Sohn Viktor, der nach seinem Studium ab 1877 mit dem Pseudonym Viktor Leon auftrat. Als Texter schrieb er unter anderem die Libretti für mehr als 70 Opern, darunter Welterfolge wie „Wiener Blut“ von Johann Strauß Jun. (Uraufführung 1899) oder „Die lustige Witwe“ von Franz Lehar (Uraufführung 1905). Er war mit Ottilie Popper verheiratet. 1907 heiratete seine Tochter Elisabeth den Schauspieler und Opernsänger Hubert Marischka (1882-1959), der u.a. durch Filme mit Hans Moser bekannt wurde. Bei der Geburt des Sohnes Franz im Jahre 1918 starb die Mutter. Franz Marischka wurde in Österreich ein bekannter Filmregisseur.

“Wiener Blut”

Viktor wurde bei einer Reihe von Arbeiten von Leon Feld unterstützt. Unter diesem Pseudonym verbarg sich sein am 14. Februar 1869 in Augsburg Bruder Leopold, der hauptsächlich aber als Übersetzer tätig war, u.a. für Werke von Charles Dickens. Leon Feld starb 1924 in Lorenz.

Ihre Schwester Clara Eugenie Hirschfeld (1869 – 1940) wurde als Pädagogin und Sozialreformerin bekannt und lebte in Pötzleinsdorf, wo sie als Mentorin viele Nachwuchsautoren wie Leonhardt Adelt, Felix Braun, Victor Fleischer und versammelte, die bei ihr erstmals den Mut fanden vor Kollegen etwas vorzutragen, usw. Adele Hirschfeld heiratete den 1870 in Augsburg geborenen Pianisten und Komponisten August Schmidt.


Salomon Rosenbusch, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Augsburg 1867-1878

May 15, 2011

Grave marker inscription of Salomon Rosenbusch (1825-1895) and his wife Jeanette Rosenbusch, geb. Ochs (1827-1901). From 1867 until 1878 Salomon was head of the Jewish community of Augsburg. He not only replaced Carl von Obermayer as leader of the still growing Jewish community of the former Imperial city but also as property owner of his grand building in Maximilianstr. the Rosenbusch family possessed until 1936 when it was “aryanized” (the then term for: aggravated theft). Pfersee born Salomon Rosenbusch previously was secretary of the Jewish community and lieutenant of the Bavarian Landwehr (territorial force) and lived at Maximilianstr. at today’s “Merkurplatz”.   He earned his business with his partners from the Heymann banking family. Their common home and business address was next to the Obermayer Palais, today Maximilian Str. 73 (Litera A 30)  

  

Der in Pfersee geborene Salomon Rosenbusch folgte Carl von Obermayer, der nach Wien ging, im Amt des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde von Augsburg nach. Wie Obermayer war auch Rosenbusch Offizier der bayerischen Landwehr und übernahm dessen Palais, in welchem sich heute das Augsburger Standesamt befindet.


Impressions from Bamberg Jewish Cemetery

March 29, 2011

Grabmal des im Februar 1881 verstorbenen wohltätigen und bescheidenen Meir Fleischmann .

Im 1890 errichteten Tahara Haus am israelitischen Friedhof in Bamberg.

Grave marker of Chil Bekerkunz (1894 – 1949) from Polish Ozorków, somewhat north of Łódź. Until the German invasion in Poland, almost the half of the inhabitants of the small town were Jews. Ozorków also was the home town of Aharon Brand (1910 – 1977), the founder of the Israel Institute for Medical History in Jerusalem and long time chairman of the Israel Medical Association. We do not know what background Chil Bekerunz had, but many of the Jews in his home town were occupied in weaving and trading clothes.

The register of Yad Vashem in Jerusalem has four entries of Bekerunz from Ozorków (and somme others from Lodz):

One is unmarried weaver Chaim Bekerkunc, born in 1923 and son of Yekhiel and Tova. He perished in Birkenau. Feiga Bekerkuntz was born in 1926 and the daughter of Fruma. She died in 1942 in Chelmo camp. Efraim Bekerkuntz (1914 – 1942) was her brother, also son of Fruma B. He also was killed at Chelmo camp. Fruma Bekerkunz, nee Nusak from Grabow was born in 1903 as daughter of Efrim and Feiga Nusak and but also was murdered 1942. Obviously her children were named after her parents.

Grave marker of Willy and Paula Lessing.  

Willy Lessing (1881 – 1939) was the son of Simon and Clara Lessing and was since 1903 the owner of the Hofbraeuhaus Bamberg (dispossessed in 1936). In 1938 he was the head of the Jewish community of Bamberg and tried to save the Tora scrolls when the Nazi destroyed the synagogue at “Kristallnacht”. He was very seriously hurt and died two months after of his injuries. His wife Paula however obviously managed to escape to England.

The still existing Hofbräu in Bamberg at the corner of Karolinenstr. and Geyerswörthplatz)

Grave marker of Willy Lessings parents at Bamberg Jewish cemetery. Simon Lessing (1840 – 1903) founded in 1885 the “Exportbierbrauerei Frankenbräu” which was the first major brewery in Bamberg and in 1900 changed the name and became the “Hofbräu”. His wife Clara, nee Strauss (1858 – 1938) is a maternal relative of Berlin born German politician Gregor Gysi (b. 1948) paternal origin.

Grave marker of Privatier Isaac Roedelheimer (1816 – 1886), son of Asher Mendel (1768-1845) from Wuestensachsen / Rhoen.

Memorial stone of Caroline Ullmann, died 25th of April 1884.

Am jüdischen Friedhof in Bamberg befinden sich zahlreiche Gräber von lokalen Bierbrauern und Hopfenhändlern, darunter auch väterliche Verwandte des bekannten deutschen Politikers Gregor Gysi.


Zum 200. Geburtstag von Carl von Obermayer

March 1, 2011

(Carl von Obermayer – painting by Chana Tausendfels, 2009)

Carl von Obermayer (1811 – 1889) entstammte einer alteingesessenen schwäbischen Familie, deren Wurzeln ins Augsburger Mittelalter zurückreichen und über lange Jahrhunderte im austro-schwäbsichen, dann bayerisch-schwäbischen Raum lebten und wirkten. Wie sein Vater und Großvater war er Vorsitzender der neuen jüdischen Gemeinde in Augsburg. Er war US Konsul in Bayern mit Amtssitz in Augsburg, ein Förderer von Theater, Kunst und Musik ebenso wie der Naturwissenschaft, stiftete eine Armenküche und einen Hilfsverein für die Resozialisierung von Strafgefangenen. Obermayer war Oberst und Kommandant der Augsburger Landwehr und Mitbegründer der freiwilligen Feuerwehr.

Am 1. März 1811, also heute vor genau zweihundert Jahren wurde Carl (דיד יעקב בן יצחק) Obermayer als Sohn von Isidor Obermayer (1783 – 1862) und der aus Karlsruhe stammenden Bankierstochter  Nanette Kusel (1794 – 1856). Am selben Tag wurde in seiner Heimatstadt Dresden auch der spätere Oberrabbiner Wolf David Landau geboren. Carl von Obermayer war eine schillernde Persönlichkeit, der an zahlreichen Höfen verkehrte und im 19. Jahrhundert zu einer der herausragenden Persönlichkeiten in Augsburg gehörte, heute aber in der Stadt weitgehend vergessen ist. Sein Großvater Jakob, ein Nachkomme der berühmten Pferseer Ulmo, der als Finanzier bereits im Frühjahr und Sommer 1799 in Augsburger wohnen durfte, konnte durch massive Geldzahlungen an die hochverschuldete und um seine Unabhängigkeit als Reichstadt bangende Augsburg, ab 1803 ein permanentes Bleiberecht aushandeln.  Zehn Jahre später, im Jahre 1813 wurde er Vorsitzender der ersten dauerhaften jüdischen Gemeinde nach dem Mittelalter, die sich in Räumen seines Wohnhauses am Obstmarkt versammelte. In diesem Haus wurde auch Carl geboren. Obwohl die Gemeinde damals bereits rund 100 Personen umfasste waren nur wenige jüdische Haushaltsvorstände in der Stadt verzeichnet: Jacob Obermayer, Isidor Obermayer, Arnold Seligmann, Goudchaux Weiler, Simon Weiler, Amson Heymann, Simon Wallersteiner, Simon Levi, Samson Binswanger, Wolf Regensburger und die Kinder von Jakob Obermayers Pferseer Verwandten und Partner Henle Efraim Ulman (Ulmo).

Im selben Jahr erwirbt Jakob für sich und seine Frau, für seinen Isidor und dessen Frau aus Karlsruhe wie auch für deren beiden Kinder Carl und Henriette das Bürgerrecht für die Barsumme von 550 Gulden, was eine sehr stattliche Summe darstellt. 1 Pfund frisches Schwarzbrot (467 g) beispielsweise kosteten in jener Zeit bei Augsburger Bäckern 3 Kreutzer, ein Kilogramm aufgerundet also 6 Kreutzer. Bis zum 31. Dezember 1875 galt in Bayern der Gulden zu 60 Kreutzer, der tags darauf zum Stichtag 1. Januar 1876 durch die Deutsche Mark zu Pfennigen ersetzt wurde. Für einen Gulden erhielt man also 10 Kilo frisches Brot und wie viel Jakob Obermayer damals für die Eintragung des Bürgerrechts zahlte, kann man ermessen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viel man heute beim Bäcker für  5.500 kg oder 11.000 Pfund frisches Brot zahlen müsste, … Im selben Jahr wurde Jakob Obermayer auch Vorstand der faktischen jüdischen Gemeinde von etwa 100 Juden die sich zu den Gebetszeiten in seinem Wohnhaus trafen, wo eigens Räume für die Gebete, Lesungen und Studien eingerichtet wurde. 1821 erwarb Carls Vater das prächtige alte Wohnhaus dass sich entlang der Heilig-Grab-Gasse gegenüber dem alten Städtischen Kaufhaus erstreckte zur Maximilianstraße beim Herkules-Brunnen dem Schaezler-Palais gegenüber lag. Isidor wohnte dort bis zu seinem Tod im Jahre 1862. Carl von Obermayer wuchs in diesem Haus auf und verbrachte hier seine Jugend. Zu seiner in Kriegshaber gefeierten Bar Mitzwa im Februar 1924 –Parascha Truma – entsandte König Maximilian I. ein Gruß, der von einem Sekretär persönlich überbracht wurde. Im November 1833 heiratete Carl Emma Goldstein aus Wien – einer verzweigten Verwandten von Theodor Herzls Ehefrau Julie. Carl und Emma hatten drei Kinder, aber keine glückliche Ehe. Das aufwendige Wiener Scheidungsverfahren ist voll von Vorwürfen des Ehebruchs und Vernachlässigung durch Carl, dem zahlreiche Affären nachgesagt wurden. Nach seiner Rückkehr aus Wien fasste Carl, der wenig Neigung für Finanzgeschäfte hatte, sich aber umso mehr der Kunst, Musik und Wohltätigkeit widmete, mit Hilfe seines Vaters, der bereits der Landwehr angehörte, Fuß im gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt. Ab 1846 war Carl Obermayer Konsul der Vereinigten Staaten von Amerika in Bayern mit Sitz in Augsburg. Persönlich ernannt dazu hatte ihn James Knox Polk (1795 – 1849), seit März 1845 elfter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Als Oberst der Landwehr alter Ordnung gilt Carl als ranghöchster jüdischer Offizier der bayerischen Militärgeschichte.  1853 übernahm er von seinem Vater das Amt des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Augsburg, das er bis 1867 innehatte. In seine Amtszeit fällt der Umzug in die Wintergasse wo Augsburgs erste Synagoge der Neuzeit in einem eigens erworbenen und für diese Zwecke umgebauten Wohnhaus eingerichtet wurde.  Sein Sohn Jakob Edwin, der wie zahlreiche andere Obermayer im Familien-Ensemble am Kriegshaber Friedhof begraben ist, verstarb 1856 früh im Alter von 21 Jahren als Student in München, im Jahr der ersten weltweiten Finanzkrise, unter dubiosen Umständen. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1862 kehrte er in das Haus als Erbe zurück – seine Schwester Henriette (1812 – 1885) hatte bereits 1830 Baron Simon Oppenheim, den Haupterben des Bankhauses damals jüdischen Bankhauses Sal. Oppenheim in Köln geheiratet. Eine Verbindung die auch Isidor Obermayer beim Bau der Eisenbahnlinie von München nach Augsburg sehr hilfreich war. 1869 wurde Carl Obermayer vom württembergischen König Karl I. mit dem Namenszusatz „von“ geadelt, was seitens Bayerns jedoch nicht anerkannt wurde. 1876 heiratete Carl von Obermayer die Sängerin Rosalie Ultsch (geb. 1838) mit der er eine Tochter hatte. Mit ihr zog er wieder nach Wien, wo er 1881 verstarb.

(Gräber des Obermayer’schen Familien Ensembles, im wieder verwilderten Zustand Ende Okt0ber 2010)

Begraben wurde Carl von Obermayer am jüdischen Friedhof Kriegshaber / Pfersee neben seiner ersten Frau Emma, die in 1865 Baden-Baden verstorben war. Links neben ihm wurde der österreichische Abgeordnete Ferdinand Wertheimer, der 1883 in Linz verstarb, bestattet. Das Grabmal Wertheimers ist „verschwunden“, das seiner Mutter Babette „Bela“ (geb. Obermayer) ist seit Jahren offen und ausgehöhlt – lediglich eine kleine Grabplatte und Reste einer hebräischen Widmungsinschrift konnten zwischen Erdreich und Müll 2007 geborgen werden. Vom Grab Isidor Obermayers war bis 2009 nur die kleine hebräisch-deutsche Erinnerungstafel übrig geblieben, die wahllos in einem Gebüsch lag. Vom Grabmal Jakob Obermayers, der Augsburg  einst mit stattlichen Summen vor der drohenden Pleite bewahren wollte, ist nur noch die Bodeneinfassung übrig, während die Grabplatte Carl von Obermayers seit nunmehr Jahrzehnten zerschlagen ist und in einzelnen Trümmern am Friedhof liegt, da alle Bemühungen Einzelner, es zu restaurieren gescheitert sind.

Zum 200. Geburtstag bemühte sich der JHVA bei verantwortlichen Stellen, um eine WIDMUNGSTAFEL am ehemaligen Wohnhaus der Obermayer, das mit Isidor und Carl von Obermayer sowie dem Nachfolger Salomon Rosenbusch das Heim drei aufeinanderfolgender Vorsitzender der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde im Augsburg des 19. Jahrhunderts war, doch erscheint die Angelegenheit wie schon in der Bewahrung der Grabstätten schwierig und vielleicht hoffnungslos.

Wie vor zweihundert Jahren sind auch heute wieder die Kassen leer, aber ein neuer rettender Obermayer ist nicht in Sicht.

Today marks the 200th birthday of Carl von Obermayer from Augsburg, who as his father Isidor and grandfather Jakob was head of the modern Jewish community in Augsburg’s 19th century. He also was a wellknown benefactor and Consul for the United States of America in Augsburg, personally appointed by President James Polk in 1846. However as  many grave markers of his family also his at the Jewish Cemetery of Kriegshaber is smashed as his memory is (almost) forgotten.


The old Jewish cemetery Nuremberg Gostenhof

February 20, 2011

בית הקברות יהודי – נירנברג

Impressions from the old Jewish cemetery in Nuremberg Gostenhof, between Barenschanzstr. and Reutersbrunnerstr., used for burials from 1864 to 1905.

Next to the white entrance house of the cemetery is the remnant of the former Tahara house. Note the round arch of the door which upper parts looking behind the attached tool shed. Probably it was an entrance to the cemetery.

Grave marker of Salomon Tuchmann from the middle Franconian village Uehlfeld, born 1808 who died in Nuremberg April 15, 1875. Salomon Tuchmann was the son of Mordechai Tuchmann (1774-1850) from Baiersdorf and his wife Mara and he was married to Jette Reichenberger (1807-1888).

Memorial of the Nuremberg Frankenburger family: Justizrat Leonhard Frankenburger 1866 – 1934, Hofrat und Sanitätsrat Dr. Alexander Frankenburger 1868 – 1938, Rosa Frankenburger 1869 – 1942 and the much earlier passed away youngest sister Anna Frankenburger 1872 – 1914.

Alexander Frankenburger war ein weithin angesehener Jungenfacharzt. Ganz aktuell ist das “Frankenburger-Haus” in der Bayreuther Str. Gegenstand von Kontroversen in Nürnberg, da wenige historisch bewusste Nürnberger sich für den Erhalt des Hauses einsetzen, das nun vom heutigen Eigentümer “Deutsche Rentenversicherung” abgebrochen werden soll.

שלמה בן יששכר הלוי

Grabstein von Schlomo ben Isch’schachar haLevi, gestorben in guten Namen am 14. Elul des Jahres 5635, was dem 14. September 1875 entspricht.  


Die Ulmo Affaire

February 8, 2011

Der heute fast vollständig vergessene  Ullmo – Spionage – Fall sorgte im Jahr 1908 in Frankreich und weit darüber hinaus für einigen Wirbel. Mehr als ein Jahrzehnt nach der sich lange hinziehenden mitunter turbulenten Dreyfuss-Affäre war mit Benjamin Ullmo ein weiteres Mal in Frankeich ein jüdischer Offizier angeklagt, für Deutschland spioniert zu haben. Dieses Mal bestand an der Schuld jedoch kein Zweifel – oder doch?

Ullmo wurde auf frischer Tat gefangen, degradiert und zur lebenslangen Verbannung auf der Île du Diable, der Teufelsinsel verurteilt. 1933 wurde er begnadigt, kehrte  kurzfristig nach Frankreich zurück, um hernach wieder freiwillig in Guyana niederzulassen, wo er am 21. September 1957 verstarb.

 „Charles“ Benjamin Ullmo wurde am 15. Februar 1882 als Sohn einer im Lederwarenhandel (maroquinerie) erfolgreichen jüdischen Kaufmanns- und Industriellen-Familie geboren. Jedoch widersprach Benjamin schon früh dem Wunsch seiner zwar vermögenden, aber gesundheitlich angegriffenen Eltern und lehnte die Aussicht ab, die Familiengeschäfte weiterzuführen. Stattdessen ging er bereits im Alter von 16 Jahren nach Brest und besuchte dort in der Westbretagne das Marineschulschiff „Borda“, das nach dem französischen Mathematiker und Segler Jean-Charles Borda (1733-1799) benannt wurde. Wahrscheinlich beeinflusste ihn die damals an Bord getestete revolutionäre Funktechnik. Drei Jahre nachdem Marconi erste Funkversuche über Distanzen von 1500 m gemacht hatte, stellte die französische Marine von Brest einen neuen „Weltrekord“ auf und überbrückte am 3. August 1898 mit dem ersten betrieblichen Radio an Bord der „Borda“ erstmals eine Seedistanz von 1800 m. Im Oktober desselben Jahres kam in Paris mit dem ersten Funktelefon eine Verbindung über vier Kilometer zwischen dem Pantheon und dem Eiffel-Turm zustande. Sicher spielte auch eine Rolle, dass zu Beginn des Jahres, am 13. Januar der berühmte gewordene, „J’accuse …!“ übertitelte Artikel und offene Brief des französischen Schriftstellers Emile Zola in der literarischen Zeitung „L“Aurore“ veröffentlicht wurde und für Furore sorgte. Zolas offener Brief an den Staatpräsidenten Felix Faure setzte sich, für den zu Unrecht, wegen angeblicher Spionage verurteilten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus ein, der wie die Familie der Ullmans aus dem Elsass stammte. Dies hatte zur Folge, dass der Prozess neu aufgerollt und Dreyfus zunächst freigesprochen, dann aber erneut verurteilt wurde. Völlig rehabilitiert wurde Dreyfus erst im Jahre 1906 als er wieder seinen militärischen Rang einnehmen durfte und zudem noch Mitglied der Ehrenlegion wurde. Zu dieser Zeit freilich dürfte Benjamin Ullmo seinen ursprünglichen Enthusiasmus längst verloren haben. 1902, im Alter von 20 Jahren jedenfalls galt er im am Mittelmeer gelegenen Toulon noch als brillanter Nachwuchsoffizier.

Schulschiff 1890 - 1913

Seereisen die ins französische Indochina (das wir heute als Laos, Kambodscha und Vietnam kennen) brachten ihn, wie viele seiner Zeitgenossen freilich mit dem Opium in Kontakt, das seinem Leben eine deutliche Wende geben sollte. Auch Jahrzehnte nach den beiden Opiumkriegen der 1830er und 1850er Jahre, als europäische Großmächte China militärisch zwangen, in seinen Häfen Opiumhandel zu dulden, waren die mit dem Opiumrauch verbundenen Suchtgefahren in Europa noch immer weitgehend unterschätzt. Benjamin Ullmo verfiel der Droge sehr rasch und rauchte späteren Angaben gemäß um die 20 Pfeifen pro Tag.

1903 starb sein Vater und hinterließ ihm die für die damalige Zeit recht stattliche Summe von umgerechnet 2000 englischen Pfund, die ihm ein gutes Auskommen garantierte. Freilich bedeutete der plötzliche Wohlstand für den drogenabhängigen Seemann, dass er nun in den Gefilden rauschender Feste strandete, für die ihn eine Villa in Toulon ein sicherer Hafen zu sein schien. Der nun für seine Freigiebigkeit geschätzte Ullmo konnte sich auch eine Liaison mit Mary Louise Welsch leisten, die wegen ihrer Schönheit allseits „la belle Lison“ genannt wurde und sich wohl nach Bedarf dem Meistbietenden zuwandte. Benjamin verfiel der „schönen Lison“, die gerne die exklusivste und teuerste Mode getragen haben soll und auch an der Einrichtung der gemeinsam bewohnten Villa nicht sparte, jedoch mindestens so sehr wie dem Opium. Als seine zunächst stattlichen Mittel schließlich knapp wurden und Nachschub nicht in Sicht war, häuften sich Unzufriedenheit, Streitereien und Drohungen der Schönen, ihn zu verlassen. Nachdem er das elterliche Erbe verjubelt hatte, bedurfte er um seine Liebschaft mit Lison, den Opiumkonsum wie auch den ausschweifenden Lebensstil aufrechtzuerhalten, neuer Einnahmequellen. Sein Gehalt als Offizier hätte unter normalen Umständen sicher für eine gewöhnliche Lebensführung ausgereicht, griff für seine Ansprüche freilich zu kurz. Sein Onkel Simon hatte schließlich auch keinen Gefallen an einem Neffen, der sich immer weiter verschuldete und etwas anderes als Seefahrt hatte Benjamin nicht gelernt. Oder doch?

Vielleicht kamen ihm die revolutionären Anfängen des Radio auf seinem damaligen Ausbildungsschiffs in den Sinn. Die Technik hatte sich inzwischen natürlich rasant weiterentwickelt und man längst dazu übergegangen, den seither üblich gewordenen Funkverkehr etwa in militärischen Angelegenheiten zu verschlüsseln. Vielleicht spielte auch das sich über Jahre hinschleppende Verfahren im Fall Dreyfus eine (Neben)Rolle, der mit der ganzen Affäre immer wieder aufkeimende Antisemitismus in der französischen Gesellschaft, wie vielleicht auch die Tatsache, dass seine Familie im Grunde genommen deutsch-stämmig war. Der väterliche Familienname Ullmo, von manchen auch französisch Oulmo oder wie in Süddeutschland üblicher Ulmo geschrieben, basierte auf der Herkunft der Familie aus Ulm. Bedeutende Zweige der Ulmo – Ginzburg – Familie hatten Zentren in Frankfurt oder Pfersee und Verbindungen zu fast allen wesentlichen Gelehrten und reichen Familien des damaligen europäischen Judentums. Benjamins Familie gehörte zu einem Zweig elsässischer Ableger, die sich in der Gegend von Straßburg ansiedelten und sich im Zuge des 19. Jahrhunderts in Frankreich verbreiteten. Da in manchen Dörfern des Elsass sowohl die Ulmo – wie auch die Dreyfus – Familie sehr dominierend waren, ist eine zumindest weiter verzweigte Verwandtschaft der beiden Protagonisten wahrscheinlich.

Wie dem auch immer sei. Um an das nötige Geld zu kommen, kam Benjamin im Sommer 1907 nun auf die „Idee“, dass er als stellvertretender Kommandant eines Kriegsschiffes in die Kenntnis militärischer Geheimnisse kommen und/oder weitervermitteln könnte, etwa Angaben zum Zustand und zur Truppenstärke des Seehafens in Toulon oder aber den Code der Funksignale der französischen Marine, der es fremden Mächten ermöglichen könnte, den Funkverkehr abzuhören. Informationen die er nun den seit 1870 verhassten Deutschen, dem Erzfeind also zukommen lassen wollte. Die Gelegenheit dazu ergab sich, als sein Vorgesetzter, der Kommandant des mit Torpedos ausgestatteten Zerstörers „Carabine“ seinen Urlaub antrat und Ullman das Kommando des Schiffes übertrug. Ullman fotografierte eine Anzahl vertraulicher Dokumente ab und versuchte sie bei einem eigenen Urlaub in Belgien unter dem Decknamen „Uzbach“, der wohl einen deutsch-schweizerischen Hintergrund andeuten sollte über einen Unterhändler der sich Talbot nannte an einem deutschen Offizier zu verkaufen. Die Transaktion scheiterte, offenbar weil Ullmo zu viel Geld verlangte, bzw. die deutsche Seite ließ mitteilen, dass sie bereits über wesentliche Informationen verfüge, was vielleicht eine Täuschung war, um Ullmos Forderungen zu drücken. Da sein Grundproblem nicht gelöst war, bluffte er nun indem er versuchte die französische Regierung mittels Briefen an Gaston Thomson (1848-1932), den Marineminister der Regierung Clemenceau zu erpressen und forderte von dieser 150.000 Franken (damals 30.000 US Dollar), andernfalls würden wichtige Dokumente mit dem Funk-Code-Schlüssel der Marine an ausländische Regierungen verkauft werden. Er selbst handle nicht allein, sondern sei “gut organisiert” und so man Hand an ihn legte, würde “Rache” geübt werden, etwa mit der Ermordung der Tochter (!) des Ministers.

torpedo shipDer Marineminister war zuerst davon überzeugt, dass es sich um einen dummen Witz handele, doch um sicher zu gehen, ließ Thomson sich auf das vom Erpresser vorgeschlagene komplizierte Austauschverfahren von Nachrichten und Kleinanzeigen ein, an deren Ende eine vereinbarte Übergabe stand. Diese fand am 23. Oktober 1907 in den Gorges d’Ollioules, einer von steil aufsteigenden Felsformation geprägten Landschaft mit malerischen Bergdörfern bei Toulon, die von Zeichnern und (später) Filmemachern gleichermaßen geschätzt wurde. Ullmo wurde bei der Übergabe sozusagen in flagranti verhaftet. Die zeitgenössischen Zeitungsberichte lesen sich auch im Abstand von 100 Jahren als „filmreife“, klassische Spionage- oder Kriminalgeschichte. Mit der Übergabe wurde seitens der Behörden ein in Paris tätiger versierter Boxtrainer aus dem ardennischen Joinville beauftragt, während sich bewaffnete Polizisten im Hintergrund versteckt hielten. Der Boxer stieg aus seinem Wagen und lief auf den Treffpunkt zu, wo Ullmo bereits wartete, ihn aber mit einem auf ihn gerichteten Revolver „begrüßte“.  „Da ich unbewaffnet bin, lehne ich es ab zu verhandeln, bevor sie den Revolver nicht wieder einstecken.“

"Le Petit Journal", November 1907

Das schien Ullmo einzuleuchten und so nahm er die Waffe herunter, doch bereits im nächsten Moment hatte der Boxer ihn mit einem gezielten Kinnschlag ausgeknockt. Ullmo wurde nach Paris gebracht, wo er bereitwillig alles gestand, während sein Haus in Toulon durchsucht wurde und seine Verhaftung in seinem Heimathafen Erstaunen und Ungläubigkeit hervorrief. Die Affäre schlug über den Spionage-Aspekt und die Verwicklungen in der zeitgenössischen „Party-Gesellschaft“ hinaus hohe Wellen: Wer konnte oder wollte nun noch zugeben, an gemeinsamen Gelagen teilgenommen zu haben, ohne sich dem Verdacht auszusetzen ein Komplize des „Landesverräters“ zu sein, zumal der Erpresser angegeben hatte, nicht allein zu handeln? Vor Gericht gab er jedoch zu, keine Komplizen zu haben und richtete seine Verteidigung anders aus: er habe nur aus der Drogensucht heraus entsprechend gehandelt und sei deshalb nicht mehr bei Sinnen gewesen. Dies lenkte den Blickwinkel auf ein ganz anderes Problem, nämlich die nun offenkundig Tatsache, dass er keineswegs der einzige Soldat der französischen Marine war, der – vorsichtig formuliert – mit Opium in Berührung kam. Jedenfalls mangelte es nun nicht an Fachleuten, die im Prinzip immer schon davor gewarnt hatten, aber überhört wurden. Das kann wie immer stimmen oder nicht. Es ist auch nicht ganz klar, ob Ullmo tatsächlich so sehr vom Opium abhängig war, wie er zu seiner Verteidigung behauptete oder ob nicht doch sein aufwändiger Lebensstil und seine Liaison mit der schönen Lison den Ausschlag dafür gab, dass er bereit war, seinen persönlichen Kindheits- und Jugendtraum dafür zu verraten.

Wie auch immer führte der Fall in Frankreich zu einer Bewusstseinsveränderung und zur ersten Drogengesetzgebung gegen Opium in Europa. Auch Ullmo’s Rechtfertigung, nur Opfer der eingenommenen Substanz zu sein, ist bis heute eine gängige Blaupause für Apologeten jeglicher Delikte, vom Verkehrsunfall bis zum Mord und in Fällen durch Fakten unleugbarer Schuld wohl die beste Ausrede neben der Behauptung, wie etwa beim Militär üblich „nur auf Befehl gehandelt“ zu haben.

Ullmo wurde auf die Teufelsinsel vor der Küste Südamerikas im französischen Guyana verbannt, wo bereits Dreyfus interniert war. Dort entwickelte er eine Neigung zum Mystizismus und trat nach einigen Jahren – wohl unter dem Einfluss seiner Mithäftlinge – zum Katholizismus über und akklimatisiert sich auch ansonsten gut in der Umgebung, freundete sich mit vielen Leuten an und übernahm durch Vermittlung eines Priesters und väterlichen Freundes letztlich den Buchhalter-Job bei einer Import-Firma, den er bei seinem eigenen Vater nicht erlernen wollte. 1933 erreichte ihn die Nachricht seiner Begnadigung durch Albert Lebrune, von 1932 bis zum Einmarsch der Deutschen 1940 der letzte französische Staatspräsident und nach dem Zweiten Weltkrieg selbst Kronzeuge im Hochverrats-Prozess gegen Philippe Petain, der im August 1945 wegen seiner Kollaboration mit den Deutschen zum Tode verurteilt wurde. De Gaulle veranlasste freilich, dass die Strafe in lebenslange Verbannung umgewandelt wurde. Petain starb 1951 auf der Insel Yeu, 20 km vor Frankreichs Atlantikküste. Ullmo kehrte im Frühjahr 1934 nach Frankreich zurück, fand sich aber nach 25 Jahren im Exil in dem seither stark veränderten Land nicht mehr zurecht. Familie, Freunde, Kollegen, lebten nicht mehr, oder wo doch, wollten sie nichts von ihm wissen und von der Belle Lison fehlte inzwischen jede Spur. Verschiedenen mehr oder minder glaubwürdige Berichten aus dem Marinemilieu gemäß, soll sie sich noch in den 1920er Jahren in eher zweifelhaften Establishments in Marokko aufgehalten haben. Wobei der Landesname in gewisser Weise auf das Gewerbe von Benjamins Eltern anspielt…

(http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dreyfus_Ile_du_diable_96.jpg)

Nach mehr als hundert Jahren ist es schwer, ein faires Fazit zu ziehen, zumal die einstmals skandalösen und Aufsehen erregenden Verstrickungen längst überwuchert und vergessen wurden. Aus den Anfängen des Funkverkehrs hat sich längst ein weltweites Netz von Mobiltelefonen entwickelt, in welchem täglich Milliarden von Kurzmitteilungen, Fotos oder Videos versendet werden. Nachrichtensendungen in Paris oder Atlanta thematisieren aktuell sogar, was ihnen ägyptische Demonstranten zuzwitschern, „twittern“. Die Internetplattform Wikileaks veröffentlichte im letzten Jahr „hunderttausende“ mehr oder minder vertrauliche Dokumente die zahlreiche Regierungen um den Globus betrafen und in Schwierigkeiten brachten. Die zurückliegende (?) Wirtschafts- und Finanzkrise von 2009 hat uns erneut eingeschärft, welche Folgen es haben kann, wenn jemand dauerhaft über seine Verhältnisse lebt und dies mit immer spekulativeren Krediten finanzieren will.

Benjamin Ullmo hatte sich als Jugendlicher gegen die Karriere entschieden, die seine Eltern bereits für ihn abgesteckt hatten und entkam aufs Meer, um frei zu sein. Eingebunden in die militärische Disziplin erkannte er freilich, dass die Wege zur Freiheit auch dort weit begrenzter waren als der Horizont auf hoher See, zumal ihm offenbar auch weniger qualifizierte Kollegen in der Beförderung bevorzugt wurden, wie Bewertungszeugnisse schlussfolgern lassen. Es folgte der Rausch des Opiums, der ihm ebenfalls nicht den Halt bieten konnte, wie die Liebe zur allseits bewunderten Lison, die ihm beide nicht minder schwere Lasten auferlegten als die militärische Ordnung oder das elterliche Geschäft. Das ihm all dies trotzdem erstrebenswerter erschien, als die Leitung eines eigenen Geschäfts, zeigt wohl an, dass ihn Eigenständigkeit in einer von raschem Wandel geprägten Welt überforderte. So verwundert es dann vielleicht auch nicht, dass er sich auf der Strafkolonie plötzlich wieder so gut zurechtfindet. Dabei mag es eine mehrfache Ironie sein, dass er als getaufter Jude ausgerechnet auf der Teufelsinsel das richtige Maß aus Freiheit und Sicherheit fand. Jedenfalls hatte er 1934 sicher ein gutes Gespür, Frankreich nach kurzem Aufenthalt wieder zu verlassen. Nur wenige Jahre später kamen die Deutschen, für die er einst bereit gewesen wäre, seine Heimat zu verraten, erneut ins Land, unter anderem auch um aus „rassischen“ Gründen Jagd auf Juden zu machen, während das halbe Frankreich mit den Deutschen kolaborierte.

New York Times report on the arrest of Benjamin Ullmo in October 1907:

http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=F00E12FF3C5A17738DDDAE0A94D8415B878CF1D3


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