Wir kennen unsere Pappenheimer

May 14, 2012

“Seine” Pappenheimer schon zu kennen, ist eine weit verbreitete Redensart, die abseits der Stadt landläufig ist und ohne sie auskommt, wie man bei der Tourist-Info vor Ort weiß. Immer wieder sind Besucher überrascht, dass es ein, ja dieses Pappenheim wirklich gibt.

Obwohl der allgemeine Gebrauch der verbreiteten Redensart einen klaren skeptischen Unterton hat, wird der Ausspruch literarisch auf ein Theaterstück von Friedrich Schiller (1759-1805) zurückgeführt, welches wiederum auf ein reales Geschehen Bezug nehmen soll, in welchem wie auch immer, gewohnt tapfere Pappenheimer Kämpfer vom Feldherren Wallerstein gelobt worden seien.  Wenn Wallerstein seine Pappenheim sie daran (am Mut) erkennt, ist es ein unbesehnes Kompliment das ohne Argwohn auskommt.

Coat of arms at the house in former Judengasse (today Deisinger Str.) newly established in 1791 by Hofrat Haas.

Eine der überlieferten Besonderheiten der Juden in Pappenheim ist der Umstand, dass ihre Gebetsordnung in fränkischer Umgebung italo-sefardischen (“venetianischen”) Nuches gefolgt sein soll. Eine andere darin, dass Juden, die sich an anderen Orten etwas zu schulden haben kommen lassen, in Pappenheim Asyl finden konnten und durch gräflichen Schutz vor weiterer Verfolgung sicher waren. Eine Begebenheit, die durchaus ebenso verantwortlich sein könnte, für die verbreitete Skepsis gegenüber “den Pappenheimern”, die man schon “kennt”, über die man einschlägig gar nichts mehr zu erzählen braucht…

Jewish David Star in Franconia also known as “Zoig” or “Bierzeiger” (Beer pointer) as name and token of famous Pappenheim Brewery (today Wurm – Bier, at least the dark one is very tasty)

I do know my Pappenheimers” is a widely known German saying, quoted also by many people who do not even guess that a town called Pappenheim actually does exist. The common explanation for the popularity of the quote is ascribed to a play by German playwriter Friedrich Schiller, whose General Wallerstein by his sentence “Thereon I recognize my Pappenheimers” payed a compliment to his troups. The common quote however is not understood as a compliment but rather warily and suspiciously in the meaning of “only too well known

One of the particularities of the Pappenheim Jews had been that there was a kind of “asylum law” for Jews from other towns, who when suspected in other regions might had come to Pappenheim and there were under the protection of the counts of Pappenheim. So it is conceivable that the sceptical statement “already to know one’s Pappenheimers” actually may refer to Pappenheim’s Jews and to many prejudices.

The “Golden Lamb” of Pappenheim


Ehemalige Synagoge Pappenheim

May 13, 2012

Die bis dato letzte Synagoge wurde 1811 erbaut und im November 1938 beschädigt, obwohl sie bereits im Jahr zuvor an die Stadtgemeinde verkauft worden sein soll. 1954 wurde das Gebäude in der Graf-Carl-Straße zum Feuerwehrhaus umgebaut, als welches es heute noch.

Alte Synagoge in Pappenheim, 1926 photographiert von Theo Harburger (CAHJP 160/19)

Aron Kodesch der Pappenheimer Synagoge im Jahr 1928 (Photo: Theo Harburger: CAHJP 160/20)

“Freiwillige Feuerwehr Pappenheim” im Gebäude der ehemaligen Synagoge der jüdischen Gemeinde

Erinnerungstafeln am Gebäude:

1988 wurde das Feuerwehrgerätehaus erweitert, wie das Schild an der Fassade der ehemaligen Synagoge stolz verkündet

Unweit der ehemaligen Synagoge befindet sich ein altes Haus, das ein wenig an die Fassade der “Alten Synagoge Erfurt” erinnert.

The so far last Synagogue in Franconian town of Pappenheim was built in 1811 and in 1938 damaged by “kids”, altough the building allegedly was sold to the municipality. in 1954 however the building was converted into fire station house.

tower remnant of Pappenheim city wall next to former synagogue Pappenheim

rear detail


Die jüdischen Friedhöfe von Pappenheim

May 11, 2012

Als Besonderheit Pappenheims befinden sich etwa 400 m nördlich der Altstadt gelegen an beiden Seiten der Bürgermeister-Rukwid-Straße zwei gegenüberliegende jüdische Friedhöfe, die gewöhnlich jedoch als alter und neuer Teil eines Friedhofs bezeichnet werden. Am steil einen Waldhügel aufsteigenden nördlichen Teil befindet sich, unter einem Baum nahe der Straße, eine auf 1950 datierte Erinnerungstafel auf welcher  auf Deutsch geschrieben steht: „Israelitischer Friedhof aus dem 11. Jahrhundert“. Da diese Datierung jedoch sehr singulär ist, war wahrscheinlich, wie auch sonst zu lesen ist, das 14. Jahrhundert gemeint.

Wie dem auch sei, fotografierte Theodor Harburger im Juli 1928 ein Grabsteinfragment (44 x 48 x 9 cm), das sich „im Eigentum“  des Grafen von und zu Pappenheim befand und einem ר נפתלי בר יחיאל (R. Naftali bar Jechiel) gewidmet wurde. Obwohl die hebräische Inschrift nur den Wochentag nennt, aber keine Jahreszahl erhalten geblieben ist, wurde der Grabstein „aus dem 15. Jahrhundert“ stammend aufgefasst.

In Augsburg ist in den städtischen Steuerlisten ab 1377   Gutlin von Pappenheim als Steuerzahler verzeichnet, den hebräische Quellen wenige Jahre später als „יהודה גוטלין ב’ר נפתלי פאפענהיים“ (Jehuda Gutlin bar rabbi Naftali Pappenheim) und als in Augsburg praktizierender Beschneider und Lehrer (מוהל ומורה באוגסבורג) verzeichnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es  mehrere Rabbiner namens Naftali in Pappenheim gab, ist nicht sonderlich groß, weshalb wir annehmen können, dass es sich bei dem nach Augsburg gezogenen und wahrscheinlich um 1390 verstorbenen Juda Gutlin von Pappenheim um den Sohn des am Grabstein in Pappenheim genannten Gelehrten handelte. Dessen Tod müssten wir dann wahrscheinlich im selben Zeitraum vermuten, denkbar vor 1377. Eine Gewissheit darüber gibt es natürlich nicht.

Theo Harburger Photograph from July, 16th, 1928 (CAHJP P 160/317)

Ein weiteres mittelalterliches Grabsteinfragment befindet sich in einem Nebenraum der evangelischen Kirche an der Graf-Carl-Straße, an deren anderen Ende sich anstelle des heutigen Feuerwehrhauses, die vor rund zweihundert Jahren gebaute letzte Synagoge Pappenheims befand. Der Grabstein (ca. 80 x 40 x 10 cm) liebt am Boden unter einem Tisch und besagt in seinem fragmentarischen Zustand wenig mehr, als dass ein namentlich unbekannter Junge im Monat Tischri (September/Oktober) starb. Weitere Angaben wie auch die Jahreszahl fehlen, jedoch ist die Machart des Steines recht typisch für die Zeit des 14. Jahrhundert.

medieval Hebrew tomb stone in a storage room of an old church in Pappenheim

  The Hebrew grave marker under the table and next to a rolled-up carpet

Ob, wie allgemein angenommen, die beiden Grabsteine-Fragmente vom existierenden Friedhof an der Bürgermeister-Rukwid-Straße stammen, ist wenig wahrscheinlich. Sollte es bereits im 14. Jahrhundert einen Friedhof in Pappenheim gegeben haben, wie und warum sollten die Steine dann in den Besitz der Kirche oder in den des Grafen gelangt sein? Die Wiederverwendung eines ehemaligen Grabplatzes ohne vorhandene Steine kann aus halachischen Gründen freilich gänzlich ausgeschlossen werden. Da eine kontinuierliche Nutzung seit dem 14. Jahrhundert wie auch eine Rückkehr auf ein früheres Gräberfeld ausgeschlossen werden kann, ist es plausibler anzunehmen, dass es sich bei den Steinfragmenten um Beutestücke von anderswo abgeräumten mittelalterlichen Friedhöfen handelt. Aus der näheren Umgebung kommen Nördlingen, Augsburg, Nürnberg, Ulm oder auch Regensburg in Betracht.

Sackgasse jüdischer Friedhof / blind end Jewish cemetery

In der Beschreibung des Friedhofs durch den Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern (Michael Trüger, aus der Serie “Jüdische Friedhöfe in Bayern” in “Jüdisches Leben in Bayern“, dem Mitteilungsblatt des Landesverbandes) heißt es: „Während des Naziterrors wurde der alte Friedhof maßlos geschändet und quer durch das Friedhofs-Areal eine Straße angelegt.“

Durch diesen Straßenneubau, wie auch sonst überall zitiert wird, sei der jüdische Friedhof in Pappenheim in seine heutigen beiden Teile getrennt worden. Diese Ansicht ist offenkundig falsch, da die Straße, die zwischen den beiden ummauerten Friedhöfen verläuft bereits auf der selben Streckenführung so bereits auf einer alten Pappenheimer Ortskarte aus dem Jahr 1822 eingetragen ist. Zwar ist nur der untere, neuere Teil dort auch als „Juden-Begräbniss“ eingetragen, doch entspricht die Einfassung des älteren, völlig unstrittigen oberen Friedhofs nahezu unverändert dem heute existierenden Gelände. Die beiden Friedhöfe waren, da der neue erst gerade zu Beginn der 1820er Jahre angelegt wurde, niemals miteinander verbunden und konnten demnach nicht getrennt werden. Weiter heißt es in der Darstellung des Landesverbands: „Der alte Teil des Beth Olam wurde im November 1938 nahezu vollständig zerstört. Die Grabsteine wurden von der Bevölkerung als Baumaterial benutzt. 1940 wurden auf dem Gelände drei kleine Baracken gebaut, die restliche Fläche wurde als Spielplatz profaniert. Nach dem Krieg hat man diese Baracken auf Veranlassung von Dr. Philipp Auerbach s. A. entfernt, einzelne noch vorhandene Grabsteinreste wieder auf den Friedhof gebracht.“

Auch diese Schilderung ist nicht zutreffend. Nicht der alte Teil des Friedhof wurde fast vollständig zerstört, sondern der untere, neue Friedhof, an dessen Eingang noch die originale alte Holztür mit dem markanten Davidstern am Türschloss erhalten geblieben ist. Logischerweise wäre es auch eigenartig gewesen, hätten die damaligen Pappenheimer tatsächlich versucht auf dem steil aufsteigenden, zudem recht steinigen Gelände Baracken errichten wollen.

Die erwähnten „Baracken“ sollen etwa 1950 wieder entfernt worden sein. Auf der bereits erwähnten Gedenkinschrift auf dem gegenüberliegenden Friedhof heißt es: „Die Grabmale hat man während des Dritten Reiches entfernt. Noch vorhandene Denkmale wurden bei Instandsetzung des neueren Friedhofs durch die Bayerische Staatsregierung im Jahre 1950 dort wiedererrichtet.“

Was die Inschrift wie auch die Beschreibung des Landesverbandes außer Acht lässt, ist die offensichtliche Tatsache, dass der neuere der beiden Friedhöfe, entweder in der Nazizeit oder in den Jahren darauf in seinem Umfang drastisch reduziert wurde. Im Vergleich mit der Darstellung Pappenheims im Jahre 1822 durch das Bayerische Vermessungsamt ergibt sich, dass lediglich etwa 1700 der ursprünglichen kartographisch erfassten Fläche von rund 4300 m² (knapp 40 %) erhalten blieb, wovon ein gewisser Teil zusätzlich bepflanzt wurde. Die restlichen 60 % sind heute mit Wohnhäusern bebaut. Siehe Vergleich Vermessungsplan 1822 und aktuelle Luftaufnahme mittels Google Earth (die blaue Umrandung markiert den heute überbauten Teil des neueren jüdischen Friedhofs von Pappenheim).

In Pappenheim there are two Jewish cemeteries on both sodes of one road. According to common believe after 1938 the Nazi devided the cemetery an built a road trough. Actually old maps by the Bavarian land surveying office from 1822  already recorded the very same road. However the newer cemetery, establised about 1820 either in Nazi time or afterwards was robbed some 60 % of its previous space. Today there are (obviously similar) tenement houses.


Impressions from Schopfloch

April 1, 2012

Former Jewish School of Schopfloch. Since the current owner has rejected to allow the assembly of the information board at his premisses the people of Schopfloch established the plate with the inscription” Judenschule” next to it.

ramdom pictures:

al pictures by Margit, March 20, 2012


Samuel Steinfeld (1863-1933) jüdischer Kantor in Augsburg

November 13, 2011

Samuel ben Meir Steinfeld wurde am 6. Juli 1863 im hessischen Josbach (bei Marburg) geboren, wo Angehörige eine Matzen-Bäckerei betrieben. Seine Ausbildung zum Lehrer und Kantor erhielt er in Köln, in Meckenheim, Gailingen und Sinsheim die ersten Anstellungen. In Sinsheim heiratete er Cecilie Kahn mit der er sechs Töchter und einen Sohn hatte. 1890 erhielt er eine Anstellung als Hilfskantor in Karlsruhe. 1895 bewarb er sich um die Stelle des ersten Kantors bei der Israelitischen Gemeinde in der Wintergasse in Augsburg. Zuvor wurden immer wieder die „Zustände“ in der Augsburger Gemeinde Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen. So meldete die Zeitschrift „Der Israelit“ beispielsweise im Februar 1893, dass zu einem Gottesdienst am Montagmorgen keiner der beiden angestellten Kantoren erschienen war und spekulierte ob deren Fernbleiben mit einem Opernball am Vorabend zu tun haben oder einen anderen Grund haben könnte, da ihre Abwesenheit unerklärt blieb. Schließlich seien aber zwei ältere Herren für die Abwesenden eingesprungen, wovon der eine die Gebete vortrug und der andere die Lesung aus der Thora vorgenommen habe. Ein solcher Vorfall hatte in jener Zeit für eine jüdische Zeitung offenbar durchaus noch Nachrichtenwert, wenngleich die Schlussbemerkung der Kurznachricht dies auch bereits relativiert: „Ein Indifferentismus in religiösen Sachen, wie er hier existiert, ist nirgends anzutreffen. Wolle man die Missstände, die in religiöser Beziehung dahier herrschen, alle aufzählen, so bedürfte man dazu bedeutend mehr Raum, als im ‘Israelit’ zu Verfügung steht.”

Die Aufgabe des Kantors umfasste die Organisation der Gottesdienste, den Synagogen-Chor, den Religionsunterricht für die jüdischen Kinder der Gemeinde, wie auch für Konvertiten, die zum Judentum übertraten, schließlich auch die Betreuung der Armenkasse und die Funktion als Beschneider (Mohel). Zweifellos hatte Augsburg also Bedarf für einen verlässlichen neuen Kantor und Samuel Steinfeld, der aus sechzig Bewerbern ausgewählt wurde, entsprach offenbar den Vorstellungen und Ansprüchen und blieb sodann bis zu seinem Abschied im Jahre 1929 ganze 34 Jahre im Amt. Der Überlieferung nach war Samuel Steinfeld auch der erste der in Augsburg in der Synagoge elektrisches Licht anschaltete. In der Halderstraße war auch sein Wohnsitz gemeldet und er war unter der Augsburger Direktwahl mit der zweistelligen Telefonnummer „15“ zu erreichen, was darauf schließen läßt, dass er auch hier zu den Ersten in der Stadt gehörte.

Zu seinem Abschied vermeldete die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung“ (14/1929):

Am 1. Juli trat außer dem Bezirksrabbiner Dr. Grünfeld ein weiterer sehr verdienter Beamter der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg in den Ruhestand, Herr Oberkantor Samuel Steinfeld. Schon an dem Ehrenabend für Herrn Dr. Grünfeld hatte der erste Vorstand Herr Justizrat Dr. Eugen Strauß, bei der Betonung des guten Verhältnisses zwischen Rabbinat und Beamtenschaft auch des aus dem Amte scheidenden Oberkantors Steinfeld gedacht. Eingehend und gebührend gewürdigt aber wurden dessen Verdienste, namentlich um den Gottesdienst, in einem ehrenvollen Handschreiben der Kultusverwaltung, das insbesondere hervorhebt, dass der der nach 34jähriger arbeitsreicher Augsburger Amtstätigkeit in den Ruhestand tretende Beamte durch wundervolle Gestaltung des Gottesdienstes Erhebliches für die religiöse Befriedigung der Gemeindeangehörigen geleistet hat. Zum Zeichen des Dankes wurde gleichzeitig von der Verwaltung eine Ehrengabe übermittelt. Auch der Stadtrat Augsburg sandte ein sehr ehrendes Anerkennungsschreiben und betonte das gewissenhafte und erfolgreiche Wirken als Religionslehrer in der städtischen höheren Mädchenschule. Der Direktor dieser Schule, Herr Oberstudiendirektor Dr. Hermann, erfreute den scheidenden Beamten durch eine intime Feier im Lehrerzimmer und dankte demselben für seine ersprießliche Dienstleistung. Die Übergabe eines Erinnerungsgeschenkes des Lehrerkollegiums und die Dankworte des Gefeierten beschlossen die Feier. Die Schülerinnen erfreuten ihren Lehrer in der letzten Unterrichtsstunde durch ein sinniges Geschenk. Herr Hauptlehrer Rosenfeld (München) machte sich in seiner Eigenschaft als erster Vorstand des Israelitischen Lehrervereins für Bayern zu dessen Dolmetsch, und in gleicher Herzlichkeit brachten die Ortskollegen ihre Wünsche zum Ausdruck.

Bei dem Abschiedsgottesdienst am 29. Juni wurde Oberkantor Steinfeld als Erster aufgerufen und mit einem von Oberkantor Heimann verfassten und überaus wirkungsvoll vorgetragenen „Mischeberach“ beehrt. Mehrere Kompositionen des scheidenden Oberkantors, darunter eine sehr melodische „Keduschah“ werden seinen Namen mit der musikalischen Ausschmückung des Gottesdienstes verbunden halten.“

Die Auflistung der Ehrenbekundungen liest sich in ihrem Formalismus heute etwas eigenartig. Samuel Steinfeld starb am 13. März 1933. Die Grabrede für Steinfeld am jüdischen Friedhof im Stadtteil Hochfeld hielt Rabbiner Walter Jacob. Vier Tage zuvor hatten die Nationalsozialisten auch in Augsburg mit der Absetzung des 1929 gewählten Stadtrats das Rathaus übernommen und gewaltige Hakenkreuzfahnen aufgehängt. Diese sollten, wie Gauleiter Wahl abends bei einem Fackelzug der Nazis durch die Augsburger Innenstadt bekundete zeigen, dass nun „eine Neue Zeit angebrochen“ sei. Die politischen Verhältnisse brachten es mit sich, dass weder seine Frau noch eines seines Kinder in Augsburg blieben. Seine 1892 in Karlsruhe geborene Tochter Bianca, die zum Zeitpunkt seines Todes bei der St. Moritzkirche in der Maximilianstraße ein angesehenes Kaffeegeschäft betrieb, wanderte nach Israel aus, während ihre ältere Schwester Rosa 1942 in das „Durchgangslager“ Izbica deportiert wurde, von wo Gefangene in die Lager Belzec und Sobibor verschickt wurden. Hier verliert sich ihre Spur. Ihre Geschwister und Mutter emigrierten in die USA.

Steinfelds älteste am 29. September 1887 in Sinsheim geborene Tochter Martha studierte (wie später ihre jüngere Schwester Selma) ab 1906 in München Zahnmedizin und lernte dabei den aus Nürnberg stammenden Ernst Viktor Spitzer kennen. 1911, also vor hundert Jahren kam es in der heute regulär benutzten damaligen Hochzeitssynagoge in Augsburg deshalb auch zu einer wohl noch immer einzigartigen jüdischen Zahnarzt-Heirat. Die Trauung nahm Dr. Richard Grünfeld vor, während der Gottesdienst von Marthas Vater Samuel geleitet wurde. Die beiden Zahnärzte zogen jedoch nach Nürnberg, wo beide eigenständige Zahnarztpraxen betrieben. Aus der Ehe hervor gingen zwei Kinder, Tochter Helen und Sohn Helmut (1921-2007). In der Nazizeit emigrierte das Zahnarztehepaar nach Chicago, Illinois, wo Martha gemäß einer Todesanzeige im deutsch-jüdischen „Aufbau“ bereits am 10. Oktober 1946 verstarb.

 

(source: „Aufbau“, Friday 18th October 1946): Obituary for Dr- Martha Spitzer Steinfeld by her husband Dr Ernst Spitzer, son in law and daughter Jack and Ellen Sandmann, and then unmarried son Helmut R. Spitzer

Ebenfalls nach Chicago waren auch der am 8. September 1895 geborene Julius (Isaak) Steinfeld und seine Mutter Cecilie gekommen. Julius war 1922 zunächst nach Mannheim, wo er Medizin studierte und sich bald als Psychologe und Nervenarzt bald Ruhm und Ansehen erwarb. 1936 emigrierte er mit seinen verwandten über Frankreich in die Vereinigten Staaten. In Des Plaines, einem nördlichen Vorort von Chicago im Staate Illinois gründete er das Forest Sanatorium, in welchem auch seine Mutter bis zu ihrem Tod im Jahre 1950 bei ihm wohnte. Julius Steinfeld widmete sich vor allem der Schizophrenie, einem Bereich in dem er als Autorität geschätzt wurde, verfasste aber bereits 1927 fachliche Beiträge zur damals noch recht jungen Sexualforschung, zu einer Zeit als sich Kinsey noch mit Wespen beschäftigte.

Leider spielte Julius Steinfeld noch eine traurige (Neben-)Rolle in einem spektakulären Mordfall, der im Herbst 1955 Chicago und darüber hinaus die gesamte amerikanische Nation erschütterte. Damals hatten sich drei Jungen im Alter von 11 bis 13 Jahren an einem Sonntagnachmittag mit Erlaubnis ihrer Eltern zu einem Kinobesuch verabredet, von dem sie jedoch niemals mehr zurückkamen. Ihre später aufgefundenen Leichen ließen wenig Zweifel daran, dass es sich um Sexualverbrechen handelte. Anton Schuessler, 42jähriger Vater zweier der Opfer erlitt bei der Identifikation der Leichen seiner Söhne einen Nervenzusammenbruch und verlor den Lebensmut. Als er in den Folgetagen immer öfter Andeutungen über seinen Selbstmord machte, veranlasste seine Frau Eleanor Schuessler am 9. November seine Einlieferung in eine Nervenklinik, eben in jenes Forest Sanatorium and Rest Home in Des Plaines. Dr. Steinfeld befasste sich ausführlich mit seinem neuen Patienten, da sich jedoch keine Besserung seines Zustands ergab, verordnete er eine, damals durchaus gängige Behandlung durch Elektroschocks. Dabei starb der Patient jedoch, 26 Tage nach seinen Söhnen. Da der Mord an den drei Jungen unaufgeklärt blieb und noch lange Zeit bleiben sollte, wurde der Vater sozusagen als viertes Mordopfer aufgefasst. Flugblätter die in Chicago verteilt wurden hoben hervor, dass es ein jüdischer Arzt war, der den trauernden Vater ermordet habe und fragten, warum dem wohl so sei. Entsprechend wurden die ermordeten (katholischen) Kinder einem klassischen jüdischen Ritualmord-Komplott zugeschrieben, gedeckt von dem leitenden polizeilichen Ermittler Lohman, der ebenfalls Jude war und seitens der Stadtregierung die offenbar für angemessen gehaltene Ausschreitungen gegen „die anderen Juden“ fürchtete. Ärztekollegen, offenbar beeindruckt von dem Aufruhr den, das nach seinen Opfern „Peterson-Schuessler-Case“ benannte Verbrechen hervorrief, griffen Dr. Steinfeld in seiner ärztlichen Kompetenz an und deuteten den Zusammenbruch des Vaters vor der Einlieferung in seine Klinik als Herzanfall und unterstellten, dass er wissentlich einem Herzkranken Elektroschocks verabreicht habe und so dessen Tod bewirkt habe. Zwar ergaben die Krankheitsakten des Verstorbenen keinerlei Hinweise auf ein bekanntes Herzleiden, doch in der Fülle und Konsequenz der massiven Anschuldigungen, die mitunter offen ausgeprägte antisemitische Züge annahm, schloss Dr. Steinfeld seine Klinik und verließ kurz darauf Chicago und seine neue Wahlheimat. Er übersiedelte nach Zürich in die Schweiz, wo er wenig später ernüchtert und entkräftet 1956 verstarb. Der Mörder der Kinder Kenneth Hanson wurde erst 1994 ermittelt, als dieser längst wegen anderer Delikte – er hatte 1973 seinen Halbbruder ermordet – in Haft saß. Zur Tatzeit im Jahre 1955 war er 22 Jahre alt. 1995 wurde er zu weiteren 300 Jahren Haft verurteilt, starb aber bereits im Jahr 2007.

Fachpublikationen von Dr. Julius Steinfeld (1895-1956):

Julius Isaac Steinfeld: “Ein Beitrag zur Analyse der Sexualfunktion,”
Zeitschrift für die Gesamte Neurologie und Psychiatrie 107 (1927).

Julius Isaac Steinfeld: Therapeutic studies on psychotics;
a psychological and psychosomatic approach in four papers. [1st ed.] Des Plaines
, 111. [1951] 262 p

Julius Isaac Steinfeld-: Therapeutic studies on psychotics : a psychological and psychosomatic approach in four paper[s] / by Julius I. Steinfeld. (Des Plaines, Ill. : Forest Press, c1951) (page images at HathiTrust), 262 p. http://catalog.hathitrust.org/Record/001564476

Julius Isaac Steinfeld: A new approach to schizophrenia. (New York, Merlin Press, 1956), 195 p. http://catalog.hathitrust.org/Record/001565037

Literatur zum Mordfall in Chicago 1955:

James A. JackThree Boys Missing: The Tragedy That Exposed the Pedophilia Underworld, Chicago 2006

http://www.prairieghosts.com/spmurders.html

Samuel ben Meir Steinfeld (1863-1933) from 1895 until 1929 was cantor (chazan, חזן) of Augsburgs Jewish community and more than others influenced the appearance of Augsburgs Jewry in this time. He died a couple of days after the Nazis in Augsburg took over the townhall and flew their swastika flags within the city. Steinfeld was buried at the Hochfeld Cemetery in Augsburg, where his grave markers still exist. He had six daughters and a son. Daughter Rosa, mentioned at his grave marker was murdered in German occupied Poland, his wife and other children managed to ecape the Nazi. His son Julius (Isaak) however had to face US-American antisemites ten years after Hitler.


TV: Levi Strauss und die Jeans

August 9, 2011

TV-Tipp: Freitag, 12. August 2011, 20:15 auf “3 SAT

Vom Pionier zum Millionär: Levi Strauss – Ein Leben für die Jeans
 
Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt, wo nicht irgendjemand eine Jeans trägt. Um die Erfindung der Bluejeans ranken sich unzählige Mythen und Legenden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch von PR-Strategen des Unternehmens Levi Strauss & Co. gezielt in die Welt gesetzt wurden. Dabei ist die Lebensgeschichte des Löb Strauss, der sich in Amerika Levi nannte, auch ohne diese Ammenmärchen eine der spannendsten Geschichten der deutschen Auswanderung nach Übersee.
 

Dank seines Durchsetzungswillens, seines Erfindungsreichtums, seiner Kreativität und seines Gespürs für den Markt meisterte Strauss den steilen Weg vom armen jüdischen Hausierer-Sohn aus Franken zum einflussreichsten und auch beliebtesten Kaufmann von San Francisco. Levi Strauss wurde im Jahr 1829 als jüngstes von sieben Geschwistern im oberfränkischen Buttenheim bei Bamberg geboren. Nach dem Tod seines Vaters siedelte seine Mutter mit den drei jüngsten Kindern nach Amerika über. Seine beiden ältesten Brüder lebten bereits in New York und verdienten dort ihren Lebensunterhalt im Textilhandel. 1853 zog Levi nach San Francisco, wo der Goldrausch ein besseres Einkommen versprach. Zusammen mit seinem Bruder Louis und seinem Schwager gründeten er dort einen Handel für Kurzwaren und Stoffe.

Da die Goldgräber bei ihrer harten Arbeit strapazierfähige Hosen benötigten, ließ er bei einem Schneider – zunächst noch aus Segeltuch – entsprechend robuste Hosen anfertigen, die sehr guten Absatz fanden. Später stieg er auf blau gefärbten Baumwollstoff – dem charakteristischen Denim – um. Ab 1872 wurden die Ecken der Hosentaschen mit Nieten verstärkt, was auf eine Idee von dem Schneider Jacob Davis zurückging. Gemeinsam mit ihm ließ er auch das Patent dafür eintragen. Fortan hatte Levis Unternehmen einen rasanten Aufstieg und in den folgenden Jahrzehnten wurde die Jeans weltweit zur meistgetragenen Hose. Im Jahr 1902 starb Levi Strauss. Da er selbst keine Kinder hatte, erbten seine vier Neffen das Unternehmen. Bis heute ist Levi Strauss & Co. in Familienbesitz.

* * *

Die szenische Dokumentation “Levi Strauss – Ein Leben für die Jeans” von Christoph Weinert erzählt die Geschichte von Levi Strauss, der sich gemeinsam mit dem Schneider Jacob Davis 1873 in Kalifornien die genietete Arbeitshose patentieren ließ und damit ein Vermögen machte. Der Film nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zurück in die Vergangenheit. Er taucht ein in die aufregende und spannende Zeit von Lola Montez und Buffalo Bill und rekonstruiert den beschwerlichen Weg des jungen Löb Strauss aus Buttenheim über Bremerhaven und New York bis nach San Francisco.

Mit Spielszenen, Archivmaterial und Interviews mit Historikern und Nachfahren von Levi Strauss zeichnet der Film ein spannendes Bild vom Überlebenskampf der deutsch-jüdischen Einwanderer im 19. Jahrhundert und beleuchtet den rasanten Aufstieg des Kurzwarenhändlers Levi Strauss, der mit der Erfindung der Blue Jeans zum Millionär wurde und mit seiner Levi’s ein Kultobjekt des “American Way of Life” schuf.

source: http://www.3sat.de/page/?source=/ard/sendung/155968/index.html

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/da/Levi_Strauss.jpg

mehr: http://www.levistrauss.com/sites/default/files/librarydocument/2010/4/History_Levi_Strauss_Biography.pdf

Katja Doubek : Blue Jeans: Levi Strauss und die Geschichte einer Legende, 384 Seiten – Piper 2004

http://www.amazon.de/Blue-Jeans-Strauss-Geschichte-Legende/dp/3492241948/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1312952614&sr=8-3

 http://www.levistrauss.com/about

http://www.levi-strauss-museum.de/

http://www.levistrauss.com/about/foundations/levi-strauss-foundation

http://www.levistrauss.com/sustainability/people/hivaids

 

 

 
 
 

Gratulation Brose Baskets Bamberg ..!

June 19, 2011

Brose Baskets Bamberg verteidigte gestern abend mit einem spannenden Sieg im letzten Playoff-Spiel erfolgreich den Meistertitel gegen Alba Berlin

To signs of Bamberg, the  smoke beer and the basketball team


Der neue jüdische Friedhof von Fürth

June 6, 2011

*Jüdischer Friedhof Fürth, Erlanger Str. 99

Einer Meldung des „Fürther Tagblatts“ Nr. 111 vom Sonnabend 13. Juli 1839 gemäß gab am 4. des Monats ein Bauer seinem älteren Sohn „den Auftrag die Ochsen auf dem Felde zu hüten. Dieser überließ seinem jüngeren Bruder, einem 10jährigen Knaben, die Sorge für dieselben, welcher wahrscheinlich spielend den Strick, an dem die Ochsen gebunden waren, um den Hals schlang, und dadurch die Ursache seines frühen schrecklichen Todes wurde. Man fand den Leichnam des Unglücklichen einige Stunden später mit Blut und Staub bedeckt, eine weite Strecke von dem Hutplatze entfernt.“

Unter einem Hut- oder Huthplatz verstand man früher einen Weidepatz, was sich vom Hüten ableitet. Unweit davon entstand hernach der städtische Friedhof der Stadt Fürth, der sich aktuellen Zeitungsberichten in einer „Krise“ befindet. Die Zahl der Bestattungen geht zurück, und während zahlreiche unter Denkmalschutz stehende Gräber mangels Nachkommen keine Pflege mehr finden, hat sich die Zahl der Leichenverbrennungen in den letzten 30 Jahren von einem auf fast zwei Drittel erhöht. http://www.nordbayern.de/region/fuerth/krisenmanagement-am-further-friedhof-1.957610

Im Städtischen Friedhof von Fürth integriert ist heute der 1880, als die jüdische Gemiende der Stadt mit ca. 3300 Menschen ihren “Höchststand” erreicht hatte, angelegte neue Friedhof der jüdischen Gemeinde im heutigen Stadtteil Ronhof. Das stattliche Tahara-Haus des Fürther Architekten Adam Egerer (1859-1936)stammt aus dem Jahr 1902, doch dem Vernehmen nach wurde der Friedhof aber erst ab 1906 für Begräbnisse benutzt. Auf dem Gelände befinden sich Denkmale für jüdische Soldaten des ersten Weltkriegs und in der Tahara Tafeln zur Erinnerung an fast 900 Fürther Juden, die von den Nazis ermordet wurde. Die Nachkriegsgemeinde benutzt den Friedhof bis heute.

Denkmal für die gefallenen Fürther jüdischen Wehrmachtssoldaten der Kriegsjahre 1914 – 1918:  

איך נפלו גיבורים ויאבדו כלי מלחמה

 Grave marker of Prof. Eduard (Menachem Mendel ben Menachem Mendel) Schneerson (1941 – 2009) “Professor der Elektrotechnik, Theoretiker des Distanzschutzes elektrischer Netze” by far no common tombstone inscription.

Ehrenmedaillon am Grabmal des Kriegsteilnehmers von 1870 – 1871 Hermann Cohn (17. Feb. 1845 – 22. Sept 1928). Mit ihm bestattet wurde seine Frau Julie (1844-1934). Die Inschrift des Medaillons lautet: “Gott war mit uns, Ihm sei die Ehre. dem siegreichen Heere“. In der Mitte befindet sich die Kaiserkrone, unten am Fuß ein kleiner Magen David.

 

Grabmal des Siegfried (Israel ben Chaim) Offenbacher (1899-1970), der beim Brandanschlag auf das Müncher Seniorenheim vom 13. Ferbuar 1970 ums Leben kam. 

Siehe: http://jhva.wordpress.com/2010/02/14/rememberring-terror-in-munich/

ברוך אתה ה’ אלוהינו מלך העולם, אשר יצר אתכם בדין

 


Das jüdische Waisenhaus von Fuerth

June 2, 2011

 

In einem früheren Artikel habe ich die Zwecke des hiesigen israelitischen Waisenhauses besprochen, und (es) ist noch zu ergänzen, dass die Institution unter der umsichtigen Leitung des Herrn Dr. Königshöfer steht. Die Administration hat in Anbetracht, dass das jetzige, seit der Gründung benützte Local bezüglich seiner Lage und Räumlichkeiten viele Mängel aufzuweisen hat, und dass bei demselben die zu den notwendigsten Dingen einer solchen Anstalt gehörige reine, freie Luft in Verbindung mit einem geräumigen Hofe und Garten noch im Reiche der Wünsche liegt, einen Platz zum Baue eines neuen Waisenhauses nebst Haussynagoge gekauft, so dass daselbst ein seinen Zwecken entsprechendes geräumiges Haus aufgeführt werden soll.

Liegt es nun im Geist der Zeit, dass sie sich nicht nur durch einen regen Sinn für das Schöne und Erhabene, sondern auch für das Nützliche und Wohltätige auszeichnet, so ist die Sorge für (die) Verbesserung eines solchen Instituts, welches in seiner Sphäre zur Veredlung des Menschengeschlechts beiträgt, eine gewiss wohlberechtigte. Wahrlich, unsere Zeit, die mit so bedeutenden Mitteln des Verkehrs, der sozialen und geschäftlichen Verhältnisse, kurz mit solchem Wohlstande in jeder Hinsicht reichlich ausgestattet ist, durfte nicht zurückbleiben gegen die um ein Jahrhundert frühere Zeit der Gründung. Damals im Jahre 1763 nämlich, als der selige Herr Israel Lichtenstädter, der Stifter der Anstalt, derselben einen Anfangsbeitrag von 500 Gulden widmete, da war es schon viel, dass er durch den Wohltätigkeitssinn würdiger Gemeinde(mit)glieder die Stiftung mit einem Capitale von 4100 Gulden begründen konnte. So anscheinend gering diese Summe den anspruchsreichen Bedürfnissen der Anstalt gegenüber war, so hat sich letztere in Anerkennung ihrer Nützlichkeit durch die allgemeine Teilnahme und zahlreichen Beitritt zu einem beachtenswerten Stande emporgeschwungen. Dass nun deren verfügbare Mittel durch den oben besprochenen Bau sehr erschöpft werden, bedarf wohl keiner näheren Auseinandersetzung, da zudem die laufenden Bedürfnisse der 13 zu erziehenden Waisen beständig zu bestreiten sind.

Desto dringender bedarf daher dieses Institut des allseitigen Zusammenwirkens durch zahlreichen neuen Beitritt und freiwillige Geldbeträge, wenn dasselbe auch ferner zum Glücke vieler Menschen segensreich wirken und den vielseitigen Anforderung unserer Zeit würdig begegnen soll.

Der Artikel stammt aus „Der Israelit – ein Central-Organ für das orthodoxe Judentum“, 8. Jahrgang, Nr. 19, Mittwoch 8. Mai 5627 (1867)

metall in stone

Vielfach umworben wird nun, nachdem sich kein Waisenhaus mehr im Gebäude an der Hallemannstr. (früher Julienstr.) befindet, der Superlativ des „ersten jüdischen Waisenhauses in Deutschland“ (z.B. in der “Jüdischen Allgemeine” vom 29. Nov. 2007). Auch hier kann man fragen, was zu welcher Zeit mit „Deutschland“ gemeint ist? Woher stammt diese Idee, die 1763 etwas anderes bedeutet als 1868, dem Jahr, aus dem der heutige Bau stammt …?

Die Pflege jüdischer Waisen war bereits von der Antike an eine feste Aufgabe der Gemeinden (d.h. der politischen jüdischen Kommune oder Synagogen-Gemeinde), insofern sich keine nahstehenden Verwandten um die verwaisten Kinder kümmern konnten oder wollten. Da meist aber Verwandte oder Freunde die Pflegschaft übernahmen, gab es bei meist ohnehin kleineren Gemeinden von bis zu einigen Hundert Menschen keine größeren Waisenheime, da für einige wenige Kinder entsprechend wenige Zimmer genügten. Findelhäuser für ausgesetzte Kinder gab es bis in die Neuzeit hinein in jüdischen Gemeinden überhaupt nicht, während es für deutsche Christen bereits Ende des 13. Jahrhundert in Nürnberg ein Findelhaus gibt (abgesehen von früheren Berichten die bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen, aber allgemein  schon eher legendären Charakter haben). Im Jahre 1386 ist eines in Ulm bezeugt und in München ist eines für das Jahr 1485 nachweisbar. Warum der christliche Bedarf an (zentralen) Waisen- und Findelhäusern bereits so früh recht hoch war?

 

Die jüdische Vorsorge für Waisen ist keine neuzeitliche Idee, die Sozialreformern bedurfte. Kaum ein anderes Gebot der Thora wird in ihr öfter und mit mehr Nachdruck erwähnt, um dessen Umsetzung sich bereits in der Zeit des Tempels die Levi und Kohen kümmerten. Der Aufseher der Waisen im Auftrag der späteren jüdischen Gemeinde (קהל) wurde „Vater der Waisen“ (אבי יתומים) genannt und war in manchen Fällen ein Lehrer oder Bedienstete des Lehrers. Der Begriff findet sich bereits im Talmud (Mishna Gittin 5.4). Handelte es sich bei dem Waisen um das Kind besitzender Eltern, konnte die Gemeinde auch einen speziellen Aufseher einsetzen, den man אפיטרופא (abgeleitet von επιτροπος) nannte und im heutigen Sprachgebrauch Vormund nennen würde. Der Epitrofa kümmerte kümmerte sich um den erbbaren Besitz bis das Kind alt genug war. Diese bereits in der Antike geübte Praxis wurde in mittelalterlichen jüdischen Gemeinden aufrechterhalten, insbesondere auch weil elternlose Kinder (und ihr Besitz) aus der jüdischen Gemeinschaft geraubt und zwangsgetauft werden konnten, worüber es ja nun auch zahlreiche Klagen aus allen Gegenden und Jahrhunderten gibt.

Ein Beispiel aus weit jüngerer Zeit noch ist der Fall der sechs unmündigen Waisenkinder des Henle Ephraim Ullmann (Elchanan ben Efraim Ulmo) für die nach seinem Tod am 4. März 1807 und dem darauffolgenden seiner Frau Chana (geb. Wertheimer) das königliche Gericht die Vormundschaft an die verwandten Ber und Simon Ullmann übergab (siehe: Kurze Darstellung der Streitsache der Handlungsvorsteher in Augsburg gegen die Ullmännischen Kinder von da wegen Abänderung des erlassenen Oblatoriums; Augsburg 1817).

Hardly any other mitzvah in the Torah is mentioned more often than the expressivley stated obligation to take care for orphans. Accordingly already very ancient Jewish communities attached great importance to the welfare of orphans. In most cases naturally relatives took care, otherwise the Jewish community had welfare custodians or legal guardians. In medieval times and afterwards there also was the thread that Jewish orphans were forced to Christian baptism and their heritage of course was confiscated. So the welfare and care for orphans is anything but a new idea. In contrary the establishment of an orphanage rather indicates that personal obligation (the mitzvah) to take care for orphans increasingly was shifted to the community board.

 


Die Synagoge von Fürth

May 31, 2011

Zwar kennt die Fürther Überlieferung zu Zeiten viele Synagogen (ob eine Schul nun eher eine „Synagoge“ im heutigen Sinn oder ein Bet Midrasch ist, oder  was gar eine Jeschiwa vergleichsweise dazu ist, scheint vielen nicht ganz so klar) und „private Betstuben“ im Gebiet der Altstadt, aber das ist vielleicht wie die Erinnerung an früher reichhaltige Nahrungsvorräte in Zeiten des Hungers. Es macht nicht satt. Die heutige jüdische, „israelitische“ Gemeinde in Fürth jedenfalls nutzt an der Hallmannstr. die kleine ehemalige Waisenhaus-Synagoge, die einzige der Synagogen welche die Nazizeit überstanden hat. Das Waisenhaus wurde 1763 von Israel Lichtenstaedter gegründet der aus Prag nach Fürth kam und fähig war städtische Erkenntnisse in dörfliche Gefüge einzusetzen. Da die Gestapo das Waisenhaus für ihre Zwecke benutzen wollten, blieb der Gebäudekomplex erhalten. Der Betraum wurde Berichten gemäß als Kartoffel-Lager verwendet, was im Rahmen der Nazi-Verbrechen sicher zu den kleineren Verfehlungen gehören dürfte. In der Nachkriegszeit wurde die Synagoge notdürftig renoviert und erst 1967 vom Frankfurter Architekten Hermann Zvi Guttmann (1917-1977), der Deutschland –weit tätig war renoviert. Der damalige Vorsitzende der Gemeinde in Fürth Jean Mandel (Jehoschua Ascher b Jecheskel Mordechai HaLevi) 1911-1974, begraben am neuen Fürther Friedhof) sprach ganz zurecht von „einem Schmuckkästchen unter den deutschen Synagogen“. Guttmann baute auch eine Mikwe und renovierte die alte Laubhütte im zweiten Stock des Waisenhauses.

In der Nacht des Jom Kippur in diesem Jahr ( bzw. 18. September 2010) brannte es in der dieser Synagoge. Ausgelöst wurde der Brand offenbar ausgerechnet durch falsch platzierte Jiskor-Lichter, was keine verheißungsvolle Symbolik hat, doch kamen des nachts keine Menschen zu Schaden und der materielle hielt sich auch in Grenzen. Freilich denkt man sofort an das ונתנה תוקף aus der Keduscha des Mussaf (der Überlieferung gemäß auf Wunsch von Kalonimos ben Meschulam von Amnon aus Mainz verfasst), worin es auch heißt “…מי באש מי במים …” (wer durch Wasser, wer durch Feuer), gemeint ist „umkommen“, da es sich um die Tage des Gerichts handelt. Man kann auch umkommen durch das Schwert, durch Bestien, durch Hunger , Durst, Stürme, Erdrosseln oder Steinigung. Das entspricht den antiken Strafen, die ja nun bekanntlich nicht mehr praktiziert werden. Freilich sind die Gebote der Thora noch in Kraft und die himmlischen Urteile werden so sagen die Weisen in anderer Weise vollstreckt, wenn kein irdisches Urteil erfolgt.  Eine Delikt, dass früher mit einer Steinigung bestraft worden wäre kann demnach ein Unfall sein, an die Stelle wilder Tiere sind Autounfälle getreten. Das mag fatalistisch klingen, ist es aber nicht, da die Medien voll sind von Berichten über Brände, Verkehrsunfälle, Kriege, Überfälle, Naturkatastrophen und vordergründig mag eine Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr verhängnisvoller sein, als die Übertretung eines Gebotes der Thora. Die Botschaft von Jom Kippur besteht gerade darin, dass Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit das schlechte Urteil aufheben können.

The Jewish community of Fuerth today uses the only synagogue which somehow survived the destruction of the Nazi. It is the prayer-room of the former orphanage asylum (Waisenhaus) established in 1763 by Israel Lichtenstaedter from Prague. The “Gestapo” (Secret States police) used the prayer-room as potato storage house. In 1967 the synagogue was renovated by Jewish architect Hermann Zvi Guttmann who constructed and restored many synagogues  and mortuaries all over Germany) . Last Yom Kippur the synagogue was damaged by (friendly?) fire caused by improperly placed Yiskor candles.

Memorial plate for “eternal remembrance”: At 22nd of March 1942 (4th of Nissan) the last 33 Jewish orphans and their teacher Dr. Isaak Hallemann were send to Izbica concentration camp in Lublin district Poland, where the Nazi used old Jewish grave markers from the local cemetery to build prisons. 

The white parochet for Rosh ha-shana from 5714 (1953/54) commemorates the six million


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