Der Juedische Friedhof von Ichenhausen


Lage des Juedischen Friedhofs von Ichenhausen (Google Earth)

Der nach den ältesten erhalten Unterlagen erstmals 1567 erwähnte jüdische Friedhof von Ichenhausen befindet sich heute am Südende der Kleinstadt und ist über die Straße „Am Birketle“ und einen kurzen Feldweg entlang eines Minigolfplatzes zu erreichen. Nach 1730 wurde der Friedhof in östlicher und um 1810 in westlicher Richtung erweitert weshalb der älteste Teil des Friedhofs etwa in der Mitte liegt. Hier sind nur wenige Grabsteine oder Bruchstücke erhalten geblieben. Südlich des Friedhofs verläuft eine gerade Eisenbahnlinie, die bei den Ortsansässigen den Beinamen „Judenrutsch“ besaß. Da sich darüber jedoch die Grabreihen teilweise recht steil erheben, könnte der lustige Name auch auf den Friedhof passen. Tatsächlich finden sich überall Abrutschschäden (zahlreiche bestandsgefährdete Grabsteine sind einstweilen mit rot-weißen Absperrbänder markiert) oder von umstürzenden Bäumen beschädigte oder zerschlagene Steine, deren Fragmente mitunter ganz zusammenhanglos im Gelände herumliegen. Auch im runden Tahara-Haus, dass dem erheblich flacheren neuesten Teil nochmals nach Westen vorgelagert ist, lagen Bruchstücke einzelner Grabsteine herum in Nähe eines messingfarbenen und mit Glöckchen verzierten Christbaumständers. Die Gräber des Friedhofs sind anders als zu erwarten nicht südöstlich ausgerichtet, sondern etwa entlang einer gedanklichen Achse Monaco (Schriftseite) – Berlin. Es ist unklar, warum dem so ist, da auch ein hügeliges Gelände (falls nicht öfter aufgeschichtet), eine andere Ausrichtung zulässt. Unklar ist auch, woher die öfter kolportierte Zahl von 7-8000 Gräbern stammt, die auf dem Friedhof Platz gefunden haben sollen, ist der Friedhof doch in seinem gesamten Umfang in acht bis dreizehn Reihen belegt.

Nennenswerte Lücken weist lediglich der älteste, nach den erwähnten Erweiterungen nach beiden Seiten nunmehr mittlere Teil des Friedhofs. Hier liegen zahlreiche Überbleibsel herum, während andere Steine eingesunken sind und sich stellenweise der Anblick eines Steinbruch-artigen Ambientes auftut. Logischerweise wurde dieser Mittelteil aber erweitert, da er bereits belegt war. So die Gräber also nicht in mehreren Etagen übereinander aufgetürmt worden sein sollen – was eher zweifelhaft ist – hatten auf dem ausgewiesenen Gelände kaum mehr als 1250 Gräber Platz.

Juedischer Friedhof Ichenhausen

Das Tahara-Haus am östlichen Eingang des Friedhofs soll noch (bzw. erst) 1934 von einem ansonsten nicht in Erscheinung getretenen „Jüdischen Jugendverein Ichenhausen“ errichtet worden sein. Eine frühere Tahara könnte im ältesten Teil des Friedhofs bestanden haben. Aufzeichnungen darüber gibt es keine (mehr). Andererseits soll es aber seit 1735 zumindest eine Chewra Kadischa in Ichenhausen gegeben haben, die aber, um den Erfordernissen entsprechend organisiert tätig zu werden, ein entsprechendes Gebäude benötigt haben muss. Im Frühsommer 1929 wurde einem Bericht der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ gemäß die Nordostecke der Bretterwand, die damals den Friedhof umgab (heute erledigt ein Maschendrahtzaun diese Funktion) etwa auf vier Meter Länge eingerissen. Die Täter stießen im ältesten Teil etwa zehn alte Grabsteine um. Der heute vorhandene Bau gleicht dem äußeren Anschein nach einer Rundhütte mit einem spitzen Kegeldach mit einem zusätzlichen überdachten Eingangsbereich (östlich) und einer Nische auf der Rückseite (westlich) von welcher wiederum ein Weg zu einem zweiten Eingang zum Friedhof führt. Offensichtlich wurden hier die Leichen antransportiert. Demgegenüber wird aber allgemein das genaue Gegenteil davon vorausgesetzt: Der rückseitige Hintereingang soll demnach Kohen zur Verfügung gestanden haben, die nicht mit den Leichen in Berührung kommen durften. Es ist unklar, warum sie das getan haben könnten, wenn sie den Voreingang der Halle benutzt hätten. In der Überlieferung sind aber ohnehin einige Dinge durcheinander geraten und ungereimt. Im Exkursionsblatt des Hauses der Bayerischen Geschichte zum jüdischen Friedhof Ichenhausen (Herausgeber Manfred Tremel) heißt es etwa zu einem ominösen „Rabbinerhügel“: „Die Randlage soll auch den nachfolgenden Rabbiner, der oft aus der Familie des Verstorbenen stammte, die Möglichkeit geben, die Grabstätte zu besuchen, ohne den Friedhof betreten zu müssen, was ihm aufgrund der Reinheitsvorschriften nicht gestattet war.“

Abgesehen davon, dass hier offenbar Rabbiner pauschal mit Kohen gleichgesetzt werden, wofür es keine Anhaltspunkte gibt, und eine seltsam weit verbreitete Unkenntnis über die „Reinheitsgebote“ von Kohen auf Friedhöfen transportiert wird, ist es auch nicht vollziehbar eine „Grabstätte zu besuchen ohne den Friedhof zu betreten“, da der Friedhof eben da ist, wo auch die Grabstätten sind …  Einen Grund Rabbinergräber oder die von Kohen „abseits“ zu platzieren, gibt es nicht.

Im Haus selbst ist an der Westseite eine Tafel mit einer Inschrift angebracht, die man auch lesen kann, so man sich erst mal nach einer gewissen Zeit an Dämmerlicht gewohnt hat. Sie ist dem Andenken der sechs Millionen ermordeten des Volkes Israel gewidmet. Auch am Friedhof sind unter einheitlich gestalteten Grabsteinen mit markanten roten Dreiecken (im nationalsozialistischen System der Konzentrationslager war dies das Merkmal für „politische“ Häftlinge) und stilisierten Fackeln zusammen in Gruppen verschiedene unverwandte Gefangene bestattet. In der Mehrzahl handelt es sich um sehr junge Leute im Alter von 18 oder 19 Jahren, weshalb es fragwürdig ist, sie als „politische“ Gefangene zu betrachten.

Jewish Cemetery of Ichenhausen

Unser Dank gilt Frau Beh für die gelungene Führung am Ichenhausener Friedhof und Synagoge.

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2 Responses to Der Juedische Friedhof von Ichenhausen

  1. Nina-online says:

    Dank fur Gottes intiresny

  2. ssssnake says:

    Joah,
    sehr gepflegter Friedhof.

    Mein erster Besuch in einer “Synagoge”

    Beispielhaft, was Ichenhausen da aufgestellt hat.
    Freundlich, humorvoll, ehrlich.
    Ich fand die Leute sehr engagiert.

    Und, kein Bild von mir als “Graf Arsch”.

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