
Jewish Seal of Augsburg year 1298
In wohl keinem anderen Land der Welt – mit Ausnahme Israels – finden sich so viele Zeugnisse alter jüdischer Geschichte wie in Deutschland. Synagogen, Bäder, Friedhöfe, Viertel, Plätze, Strassen, Häuser, Inschriften und Namen zeugen von einem weit mehr als tausendjährigen, wechselvollen, oft dramatischen Leben „in deutschen Landen“. Wenngleich die frühesten erhaltenen Dokumente die Existenz einer jüdischen Gemeinde schon in der alten Römerstadt Köln bereits für das Jahr 321 gesichert voraussetzen, umspannt die historisch greifbare Epoche jüdischen Lebens in Deutschland im wesentlichen den Zeitraum von den ersten Kreuzzügen bis zu Güterzügen der Nazis. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn die Quellenlage der allgemeinen Geschichtsschreibung im ersten Jahrtausend in Deutschland ist zwar reicher an der Vielzahl von Legenden und Zuschreibungen, aber keineswegs besser dokumentiert.
Wenngleich sehr viele Monumente den Stürmen der Jahrhunderte getrotzt haben, wurde doch auch sehr vieles, sicher das meiste, zerstört, sehr oft mutwillig und gar nicht selten unnachgiebig und viele Spuren und Erinnerungen, die vorsätzlich getilgt werden wollten, sind deshalb auch im gewissen Rahmen „unterirdisch“, weil mit bloßen Auge nicht zu sehen – aber, in Dokumenten und Überlieferungen erfassbar, trotzdem spürbar und präsent.
In eben diesen allgemein gültigen Rahmen ereilen uns so auch im frühen 13. Jahrhundert die ersten erhaltenen Nachrichten über Juden in Augsburg. Diese um 1210 erste nachweisbare jüdische Gemeinde, über deren Anbeginn wir keine Nachricht haben, findet mit den Ausschreitungen vom November 1348 ihr jähes Ende, nur um aus den wenigen Überlebenden rund sieben Jahre später den Grundstock für eine zweite Gemeinde zu bilden, die nach dem Abzug der Juden 1440 für 363 Jahre die letzte Gemeinde der Stadt war.
Die jüdischen Gemeinden in Augsburg zeichneten sich durch einige Besonderheiten aus, die im zeitlichen Kontext auf einen durchaus bemerkenswerten Status in der Reichsstadt schließen lassen. Anders als vielerorts üblich, gab es in Augsburg etwa kein abgeschlossenes Ghetto, sondern verschiedene Judenviertel, die teilweise auch von Christen bewohnt waren, während zugleich einzelne Juden auch außerhalb im ganzen Stadtgebiet wohnten. Darüber hinaus waren christliche Bedienstete – in vielen anderen Städten undenkbar – in jüdischen Haushalten durchaus keine Ausnahme. Das ging soweit, dass städtische Urkunden ausdrücklich betonten, dass jene Bediensteten anders als andere Christen, das jüdische Bad benutzen durften. Für andere Christen stand dies unter Strafe und wurde mit einem ansehnlichen Bußgeld belegt. Bis zum Jahr 1348 machten die sonst üblichen Verfolgungen der Juden um Augsburg einen gewissen Bogen, was besonders augenfällig zur Zeit der sog. Rindtfleisch-Verfolgung 1298 ins Auge sticht, als in Süddeutschland 146 jüdische Gemeinden zerstört wurden, die Augsburger Gemeinde aber verschont blieb und stattdessen – aus Dankbarkeit? – einen Teil der nordwestlichen Stadtmauer auf eigene Kosten baute, besiegelt als “chetam/chotam kahal ogspurk”.
Im mittelalterlichen Augsburg gab es zwei, drei verschiedene Judensiedlungen, die teilweise auch parallel bestanden. Die ältere, obere Siedlung mit dem Zentrum Judengasse (heute Karlstraße) grenzte direkt an den Königshof südlich der Domstadt und lag inmitten eines Gewerbegebietes mit Schmieden, Gerbern und Händlern (woran noch heutige Straßennamen erinnern (Schmiedberg, Obstmarkt, der damals freilich Forchenmarkt hieß, Kesselmarkt, Hafnerberg, Weißfärbergasse). Hier standen die Synagoge, das Gemeindehaus und das Tanzhaus der Judengemeinde. Auch nach 1355 siedelten die Juden dort wieder.
Das zweite, untere Judenviertel bestand unterhalb des Rathauses in einem maßgeblich von Kleingewerbetreibenden geprägten Viertel am östlichen Hang der städtischen Hochterasse zwischen Rathaus und Judenberg. Ein drittes, vermutlich vormaliges Viertel bestand in der schon im 14. Jahrhundert abgerissenen Vorstadt Wagenhals beim Vogeltor im Südosten der Altstadt. Wie über die Vorstadt selbst sind nur noch wenige spärliche Nachrichten und Hinweise über die Juden dort erhalten geblieben. Sehr wahrscheinlich erklärt sich damit aber die Zuschreibung des nahe gelegenen Rabenbads als „Rabbinerbad“.
Gleichwohl in der Zeit zwischen Mittelalter und Neuzeit immer wieder einzelne, herausragende Juden in der Stadt lebten und in der Umgebung lebende Händler, usw. immer in der Stadt präsent blieben, verlagerte sich vieles in örtliche Randgemeinden wie Kriegshaber oder Pfersee. Letzteres wurde unter dem Einfluss der Ulmo gar Sitz des schwäbischen Judentums, beheimatete anstelle Augsburgs eine größere Anzahl berühmter chassidischer Gelehrter und Autoren (wie etwa R. Isak Etthausen oder R. Jehuda Löw Oppenheim) und Handelsfamilien und erlangte ob seiner als Pferseer Handschrift bezeichneten vollständigen Talmudausgabe aus dem Jahre 1390 Weltruhm. Die Verbindungen der Rabbiner und Gelehrten aus Pfersee und Kriegshaber waren sehr vielschichtig und so wundert es nicht, dass sie ihre Töchter und Söhne mit prominenten Rabbinern und deren Kindern in ganz Europa verheirateten. Ein berühmtes Beispiel dafür wäre etwa Rabbi Elieser, der als Sohn Rabbi Schimon Ulmo aus Ginzburg immerhin die Tochter des weltberühmten Krakauer Gelehrten Mosche Isserles, dem Verfasser der mapah zum schulchan aruch Josef Karos ehelichte. Beide wanderten bereits in dieser frühen Zeit nach Eretz Israel aus und zeigten sich – keineswegs als einzige als frühe chowewej zion, als Zionsliebhaber, wie man die religiös motivierten Vorzionisten nennt. Aus Israel hingegen kamen zahlreiche Gelehrte nach Pfersee, um die berühmte Talmudhandschrift zu studieren, unter ihnen 1754 auch Chida, der weit gereiste schaliach Rabbi Chaim Joseph David ben Isaac Zerachia Azulai (1724 – 1807).
In der Stadt an Lech und Wertach selbst hingegen dauerte es doch recht lange, bis eine dritte Gemeinde zustande kam. Erst im Jahr 1803 kurz bevor Augsburg im Zuge der Napoleonischen Kriege an Bayern gelangte, damit aufhörte eine „Freie Reichsstadt“ zu sein und ihre Festungseigenschaft verlor, wirkte letzteres sich auch in einem bestimmten Sinne für die Juden der Umgebung aus, die nun wieder eine Gemeinde in der Stadt bilden konnten. Diese bestand sodann bis in die Nazi-Zeit. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde wieder fester Bestandteil der Augsburger Bevölkerung. Als Lehrer, Ärzte und Rechtsanwälte leisteten die Juden auch ihren Beitrag zum sozialen, politischen und geistigen Leben der Stadt. Ihr erstes Gemeindezentrum hatten sie in einem Wohnhaus am Obstmarkt, gegenüber der mittelalterlichen Judensiedlung, ehe es gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verlegt wurde in die Wintergasse, wo ein umgebautes Wohnhaus die Synagoge bildete, bis schließlich die Gemeindemitglieder zu zahlreich wurden und nach langer Planung und Bauzeit 1917 die auch heute wieder benutzte Synagoge in der Halderstraße eingeweiht werden konnte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten zwangen zunehmende Diskriminierung und wirtschaftlicher Druck hier immer mehr Gemeindemitglieder zu Emigration oder Flucht. Mehr als 1000 Juden aus Augsburg und Umgebung kamen als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung ums Leben. Doch schon rasch nach 1945 gründete sich mehrheitlich aus Zuwanderern aus Osteuropa eine neue, soz. die vierte jüdische Gemeinde der Stadt, die seit den Neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts durch jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion erheblich verstärkt wurde und nach langen Jahrzehnten auch wieder über eigene Rabbiner verfügt.
Hier nun soll anhand der dokumentieren Stadtgeschichte – zu der Dank der Eingemeindungen auch inzwischen die Ereignisse aus einstigen selbstständigen Vororten gehören – und erhaltenen Spuren in Form von Einzelbetrachtungen ein Abriss der langen und wechselvollen jüdischen Geschichte der Stadt geboten werden – wissend, dass das Ganze immer mehr ergibt als die Summe seiner Teile – um einen kleinen Eindruck darüber zu vermitteln, wer diese Juden in Augsburgs Geschichte waren, wie sie gelebt haben und wie trotz aller Verfolgungen doch immer wieder den Mut schöpften, sich in der Stadt niederzulassen und zu ihrem Wohlstand und Fortschritt ihren Beitrag zu leisten.
Die wechselvolle, aber spannende Geschichte der Juden in Augsburg und Umgebung ist ein kleiner und nicht der kleinste Teil der Geschichte des jüdischen Volkes. Unsere Arbeit ist ihrem Gedächtnis und den Nachkommenden zum Vermächtnis gewidmet.
Hirsch – Lopez – Reiseführer durch das jüdische Deutschland, Kovar, München 1995, S.10
Dies geht aus der (in einer Abschrift aus dem 10. Jahrhundert im Vatikan erhaltenen) Urkunde vom 11. Dezember 321 n. a. Z. hervor, in welcher der römische Kaiser Konstantin seine Statthalter in Köln auffordert, die Juden an den öffentlichen Arbeiten des Gemeinwesens zu beteiligen. Im Jahr 2001 war die Urkunde Auftakt der Ausstellung „Entdeckungsreise durch zwei Jahrtausende deutsch-jüdischer Geschichte“ im Jüdischen Museum in Berlin. Der lateinische Text aus dem sog. „Codex Theodosianus“ lautet: „Idem a. decurionibus agrippiniensibus. cunctis ordinibus generali lege concedimus iudaeos vocari ad curiam. verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari. dat. iii id. dec. crispo ii et constantino ii cc. conss.” (C. Th. 16.8.3)
Der Übergang von lateinischer zu deutscher Beurkundung vollzog sich langwierig und schwankend zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert und diente vormals meist nur kirchlichen Zwecken.
Zumindest lässt sich das für die Zeit ab dem 13. Jahrhundert sagen, die Geschichte davor liegt fast völlig im Dunklen. Andeutungen lassen jedoch den Schluss zu, dass es früher zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen war.